Mit der Zunahme des bäuerlichen Siedlungsstromes wurden auch zahlreiche Dorfsiedlungen ohne Herrensitz gegründet, wobei in der Regel die Ansiedlung unter Leitung von Lokatoren stand. Diese organisierten im Auftrag der Grundherren wesentlich Teile dieser Vorgänge und besassen das Recht, eine bestimmte zahl von Siedlern auf planmässig abgesteckten Hufen anzusetzen. Sie warben auch Siedler an, planten die Landzuteilung, überwachten Bebauungen im Dorfinnern und leiteten grössere Rodungsmassnahmen. Zumal erhielten sie auch in vielen Dörfern das Amt des Erbschulzen und ausserdem Höfe, die mehr Land als die übrigen Bauernstellen ausgestattet waren und geringere Abgabenlasten zu tragen hatten.
Die rechtliche Stellung vieler Ansiedler war daher dadurch gekennzeichnet, dass die grundherrschaftliche Bindung relativ locker war, die Bauern über gute Besitzrechte am Land verfügten und die Feudallasten vergleichsweise gering waren. Angesichts der grossen Bodenreserven, der Knappheit an Menschen und der bei der Rodungsarbeit zu bewältigenden Schwierigkeiten war die rechtliche um soziale Besserstellen der Bauern das wirksamste Mittel, um die Erschliessung des bewaldeten Gebiete voranzutreiben.
Die Bauernhöfe der nordöstlichen Gebiete waren in der Regel zwei Hufen gross, umfassten also etwa 33 ha. Die verbreitetsten Typen ländlicher Siedlung waren sowohl die Anger- und Strassendörfer als auch die Waldhufendörfer.
Die adelige Oberschicht der osteuropäischen Länder, die die Erschliessung ihrer Landgebiete um den Fortschritt der Agrarwirtschaft im Auge hatte, bemühte sich besonders um den Zuzug von erfahrenen Neusiedler aus dem west- und mitteleuropäischen Raum. Die Könige von Böhmen, Polen und Ungarn veranlassten zudem ihre eigene bäuerliche Bevölkerung zur Erschliessung der Grenzgebirge ihrer Reiche. Nachdem die ungarischen Könige im 11. Jh. z.B. Siebenbürgen erobert hatten, liessen sie diese Landschaft systematisch mit ungarischen Einwanderern besiedeln; in späterer Zeit folgten dann deutsche Siedlergruppen.
Das neugewonnene Land wurde zu besseren Rechtsbedingungen und günstigeren Leiheformen vergeben, um genügend Bauern für die Besiedlung zu gewinnen - ein Phänomen, das wir bei fast allen Rodungsvorgängen im mittelalterlichen Europa beobachten können.
In den Alpen lag die Siedlungsgrenze bedeutend höher als im 19. Jh. und 20. JH, und in den Mittelgebirgen und in Trockengebieten waren viele Orte entstanden, die bald wieder aufgegeben werden mussten. Viele Böden in extremen Lagen erschöpften sich, und die Erträge auf manchen neugerodeten Feldern reichten nicht aus, um den Ackerbau langfristig abzusichern. An Flussläufen und in Niederungsgebieten gingen Siedlungen zugrunde, die auf zu niedrigem Terrain gegründet worden waren oder durch Überschwemmungen hinweggespült wurden; an steilen Berghängen zerstörten Bergstürze Äcker und Siedlungen, in trockenen Lagen vertrieb Wassermangel die Siedler, und auf manchen gerodeten Sandböden erschöpften sich schnell die natürlichen, oft durch Raubbau geschädigten Wachstumskräftte des Bodens.
„Der starke Landhunger, welcher im 12. und 13. Jh. die Siedlungen vortrieb, achtete vielfach nicht auf die Vorbedingungen dauernder Benützung des Bodens. Infolgedessen sind bäuerliche Siedlungen auch an solchen Örtlichkeiten angelegt worden, wo bäuerliche Wirtschaft auf die Dauer unmöglich war, oder nur mit unverhältnismässigen Kosten aufrecht erhalten werden konnte.
Das Bild des am weitesten verbreiteten Dorftyps, des sog. Haufendorfs mit Gewannflur und Allmende, stellt sich uns im ausgehenden Mittelalter so dar, dass sich bei ihm drei Bereiche unterscheiden lassen. Im Dorfkern, dem Wohnbereich, liegen die bäuerlichen Hofstätten mit ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden mehr oder weniger planlos in einem Netz von Gassen und Wegen beieinander. In unmittelbarer Nähe der umzäunten Hofstätten befindet sich das ebenfalls eingefriedete Gartenland, das Sondereigentum der Hofbesitzer ist und von ihnen Individuell bewirtschaftet wird (Ring 1). Rings um das Dorf erstreckt sich die Ackerflur, die in grosse Feldblöcke, Gewanne genannt, eingeteilt ist; diese sind wiederum in kleine Streifen untergliedert (Ring 2). Jeder Bauer besitzt in der Regel in jedem Gewann jenen oder mehrere solcher Streifen. Die Ackerparzellen liegen somit im Gemenge und können an den Stellen, wo keine Feldwege vorhanden sind, nur über die Felder der angrenzenden Bauern erreicht werden. Wird das Ackerland im System der Dreifelderwirtschaft genutzt, was bei den meisten Dörfern der Fall war, so ist die Ackerflur auf drei Grossfelder (Zelgen, Schläge) verteilt, bei denen ein jährlicher Wechsel von Winterfrucht, Sommerfrucht und Brache stattfindet.
5.2.Marschhufendorf: Ziel analog wie 4.1. indem Marschland trockengelegt wurde. An der Nordseeküste erste
Vortrag
A) Das Dorf
• Gründe zur Rodung
• Ablauf der Rodung
• Dorfarten (Übersicht)
• Grobgliederung - Dreikreisesystem
B) Haus und Hof
• Entwicklung des Bauernhauses
• Das frühmittelalterliche Haus
• Das Grubenhaus
• Dachkonstruktionen
• Verschiedene Haustypen
Arbeit zitieren:
Marco Lendi, 2001, Das Dorf im Hoch- und Spätmittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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