,, Ich bin jung, reich, gebildet, und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert und ich bin vermutlich ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, was aus dem vorher Gesagten eigentlich selbstverständlich hervorgeht." 3. Inhalt
Als Sohn einer reichen Familie wächst Fritz Zorn am rechten Zürichseeufer auf. Die Familie legt großen Wert auf bürgerliche Verhaltensregeln. So wird Zorn in diese Manieren bestens eingeführt. Doch Zorn beschreibt die vielen Lügen, Laster und seiner Ansicht nach falschen Auffassungen, die ihn die ganze Kindheit und Jugendzeit begleiteten, die er damals aber nicht erkannte. So wuchs Zorn als braver und wohlerzogener Junge auf. Im Alter von etwa achtzehn Jahren jedoch treten jedoch Depressionen zutage. Sie werden ihn die ganze Folgezeit hindurch begleiten. Zehn Jahre später erkrankt er an Krebs. Für Zorn ist sofort klar, dass diese Physische Krankheit nur ein Folgeprodukt seiner psychischen Krankheit, d.h. der Depressionen, ist. Der Krebs bewirkt eine radikale Wendung in Zorns Gedanken, Er arbeitet nun sein Leben neu auf und verurteilt darauf die konservative Erziehung, die er im Nachhinein weniger genossen als vielmehr aufgedrückt bekommen hatte. Er rechnet mit der Familie ab, die er als Repräsentantin der Gesellschaft sieht. ,,Ich bin bereit, meinen Eltern jeden, aber auch nur jeden mildernden Umstand zuzubilligen, aber auf die Frage, ob sie an meinem Unglück schuldig oder unschuldig sind, lautet mein Urteil: Schuldig." 4. Zentrale Probleme
Der Wandel durch den Krebs: Während der Kindheit war Zorn stets ein braver Schüler gewesen. Er verhielt sich stets so, wie die Eltern es auch für gut befänden. Diese Haltung entstand jedoch nicht aus Angst oder anderen Gründen, vielmehr kannte er einfach gar nichts anderes als die Meinung seiner Eltern. Diese Dogmen, die die Eltern aufgestellt hatten, schienen für den jungen Zorn als natürlich.
Als dann die Depressionen anfingen, lebte Zorn immer noch nach dem gleichen Muster. ,,Im Innersten wusste ich, dass ich ein Versager war, aber ich wollte es mir nicht eingestehen." Nach Außen musste also immer das Image des ordentlichen Studenten ohne Probleme vorherrschen, obwohl er wusste, dass er ein Problemfall war. Seine Depressionen milderten sich immer dann, wenn er einen offensichtlichen Grund für seine Gemütslage hatte, sei es das
Wetter oder Krankheit gewesen. Sobald er aber nicht mehr in die Ausreden fliehen konnte, traten die Depressionen angesichts derer Offensichtlichkeit besonders stark zu Tage. Erst als Ärzte einen Tumor an seinem Kehlkopf festgestellt hatten, befasste er sich auch mit den Ursachen seiner psychischen Krankheit. Er merkte, wie eigentlich sein bisheriges Leben verlaufen war. ,,Es stellte sich heraus, dass es mir nicht nur miserabel ging, sondern dass es mir schon immer miserabel gegangen war, und dass ich alle Voraussetzungen dafür erfüllte, dass es mir auch in Zukunft miserabel gehen würde." Nun folgt eine eigentliche Rache an den Einflüssen, die sein bisheriges Leben geprägt hatten
Die Schuldfrage: Die Schuld, dass er an Depressionen leidet und an ihnen anhand der psychosomatischen Auswirkung auch sterben wird, schiebt Zorn in die Schuhe der bürgerlichen Gesellschaft. Zwar räumt er ein, dass er ein ,,sensibles Kind" gewesen sei, doch sieht er bei sich keine Schuld am Versagen. Er verabscheut vielmehr die Erziehung und verurteilt seine Eltern als schuldig, wobei diese für die ganze Gesellschaft stehen.
Die Kritik an der Gesellschaft: Der Inbegriff für die bürgerliche Gesellschaft, in der Zorn aufwuchs, waren seine Eltern. Er meinte mit diesem Begriff jedoch nicht sein Vater und seine Mutter als individuelle Personen, sondern klagte er vielmehr die Eltern als Institution an, die Kinder nach der Ordnung alter, verfahrener Ordnungen aufzuziehen versuchten. Das Bürgertum versuchte sich nach Zorns Meinung eine in sich harmonische Welt aufzubauen, in der alles in sich kohärent war. Das ganze Leben sollte ohne Probleme ablaufen könne. Ebenso war man stets darauf bedacht, sich keine Blöße zu geben. Alles in allem erscheint die Welt nach dem Vorbild des Viktorianischen Lebensstils, in dem Sitten und Manieren einen ungeheuer großen Stellenwert einnahmen und das spontane, nicht perfekte Leben gestrichen werden sollte. Er selber sieht sich nicht demnach nicht als Einzelfall, sondern vielmehr als einer, bei dem alles nur ein bisschen zuviel war. ,,Ich denke mir (...), dass ich einen typischen Fall repräsentiere, und dass es noch vielen anderen Menschen genau so, oder zumindest sehr ähnlich, geht oder gegangen ist." Mit der Kritik an der Gesellschaft folgt auch seine sehr brutale Kritik an der Kirche, Er sieht sich selber als gegen Gott mit gleichen Waffen kämpfen. Gott straft ihn mit Krebs, aber Zorn sieht sich wie eine Zelle im Körper Gottes, die nun rebelliert, und die nun den ganzen Organismus ,,Gott" zum stürzen bringen will. Das einzige Ziel, das Zorn vor seinem Tode sieht, ist die Rebellion gegen alles Bürgerliche und Christliche. Er steht im Krieg mit diesen Traditionen und sieht diesen Kampf als Sieg gegenüber der Resignation an, die ihn während seinem Leben verfolgte und gegen die er nun kämpfen muss, damit er nicht einfach sang- und klanglos untergeht Zuletzt schreibt er: ,,Ich
erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges." 5. Persönliche Beurteilung
Selten hat mich ein Buch so zum Überlegen angeregt wie ,,Mars" Obwohl Zorn eine sehr nüchterne Schreibweise pflegte, die erscheint, als habe man einen gewissen Abstand zur Geschichte, wird es sehr schwierig, sich mit den zum Teil recht zynischen und provokativen Aussagen objektiv auseinander zusetzen. Schnell einmal gerät man in persönliche Reflexionen hinein und bemerkt beängstigende Analogien zur eigenen Erziehung, obwohl diese vielleicht ungerechtfertigt sind. Vom Inhalt her klang das Buch überzeugend, was man auch den hitzigen Auseinandersetzungen in Literaturdebatten in den Siebzigern entnehmen konnte.
,,In einer unheilbaren Gesellschaft ist sein Tod keine Ausnahme, sondern ein Normalfall. Wir werden weiter so sterben, solange wir weiter so leben. Das ist das wirklich Erschütternde an diesem Buch" - Adolf Muschg
Arbeit zitieren:
Jerome Ruefenacht, 2001, Zorn, Fritz - Mars, München, GRIN Verlag GmbH
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