1. Historisch-politischer Kontext
Nach dem zweiten Weltkrieg teilte sich die Welt ideologisch in zwei Lager: sowjetischer Sozialismus gegen amerikanischdemokratischen Kapitalismus.
Nach dem Nato-Beitritt der BRD 1955 schlossen Albanien, Bulgarien, Ungarn, die Sowjetunion, Polen, Rumänien, die Tschechoslowakei und die DDR im Gegenzug den Warschauer Pakt und vollzogen damit die politische und ideologische Spaltung Europas und der Welt auch institutionell und militärisch. Die Genfer Vier-Mächte-Konferenz 1955 beantwortete zwar weder die Berlin- oder Deutschlandfrage, noch die Frage nach einer möglichen militärischen Konfrontation zwischen Ost und West. Das Treffen zeigte aber dennoch die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz auf („Geist von Genf“).
Doch für die sich permanent bedroht fühlende SU gehörte zur friedlichen Koexistenz auch ein militärisches Gleichgewicht zu den USA dazu, um einen Angriff eines westlichen Landes von vorn herein abzuschrecken. Dazu erklärte die SU in der „Koexistenz-Doktrin“, im Falle eines Angriffes nicht vor Einsatz der eigenen Vernichtungswaffen zurückzuschrecken.
Militärische und technologische Gleichheit wiederum konnten die Weltmacht Nr.1 USA mit ihrem „Weltpolizei-Selbstverständnis“ nicht akzeptieren.
Zur gegenseitigen Abschreckung veranstalteten die beiden Weltmächte Amerika und Sowjetunion ein unvorstellbares Wett-Rüsten, mit dem man die gesamte Welt vielfach hätte vernichten können.
Durch den Sputnik-Schock 1957, als die Sowjets den ersten künstlichen Satelliten ins All schossen, wurde Amerikas bisheriger Nimbus der technologischen Überlegenheit widerlegt. Außerdem bedeutete dieses Ereignis, dass die SU durchaus in der Lage war, Interkontinentalraketen herzustellen, und dadurch die USA über die zwei Ozeane direkt bedrohte.
Weil sich die drei Mächte England, Frankreich und USA nicht für den Vorschlag der SU begeistern konnten, Berlin zu Lasten des Westens in eine wirtschaftlich und politisch freie Stadt umzu-wandeln („Berlin-Ultimatum“), war die Berlinkrise mit dem Bau der Mauer ab 1961 eskaliert.
Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Ost und West beschränkten sich auf gegenseitige Forderungen und Drohungen. Beide Weltmächte waren sich der Möglichkeit und Gefahr eines atomaren Weltkrieges bewusst, bei dem es keine Sieger mehr geben konnte. Es gab nur noch den Ausweg einer Entspannungspolitik, für die die Kubakrise letztendlich ein Auslöser war. Während der Kubakrise im Oktober 1962 erreichte der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion einen Höhepunkt.
2. Bedeutung Kubas
Weil Europa seine groben politischen Strukturen und Richtlinien für die nächsten Jahre festgelegt hatte, wurde der Kampf zwischen den USA und der SU in die Länder der dritten Welt verlegt. Die Amerikaner unterstützten die demokratischen, die Sowjets die sozialistischen Länder, z.B. Kuba.
Wegen seiner geographisch nahen Lage und seiner „Kommunistischen Revolution“ stellte Kuba für die Vereinigten Staaten eine Provokation dar. Gemeinsam mit in den USA lebenden Exilkubanern fielen die Amerikaner im April 1961 bei der soge-nannten „Schweinebuchtinvasion“ in Kuba ein. Mit dem Ziel, den amtierenden Präsidenten Fidel Castro zu stürzen, wollten sie ein Exempel gegen Kommunismus vor ihrer eigenen Haustür statuieren. Die ersten exemplarischen Siege über nationale Befreiungsbewegungen und sozialistische Entwicklungsmodelle in der Dritten Welt sollten dort errungen werden. Doch die amerikanische „Brigade 2506“ scheiterte kläglich und erwirkte für die USA einen hohen innen- und außenpolitischen Schaden. Präsident Kennedys Ziele, der Sturz Castros und der
Sieg über ein kommunistisch regiertes Land, rückten in weite Ferne.
Außerdem quälte Präsident Kennedy das Trauma, als „Schweinebucht-Präsident“ in die Geschichte einzugehen. 1 Für den Sozialismus war die misslungene Schweinebuchtinvasion ein Prestige-Gewinn in der dritten Welt, die Regierung Castros wurde zum Symbol für die Überlegenheit des Sozialismus. Der sowjetischen Regierung schien es eindeutig, dass die stolzen Amerikaner dieses Desaster nicht akzeptieren konnten, sondern statt dessen früher oder später in einer erneuten Invasion den Fall Kubas forcieren würden. Das wiederum hätte einen irreparablen Prestigeverlust der SU bedeutet.
Für das sowjetische Staatsoberhaupt Nikita Chruschtschow 2 stand eindeutig fest: Castro musste stabilisiert werden.
3. Stationierung sowjetischer Waffen auf Kuba
Mit dem offiziellen Vorwand, Kuba mit defensiven Waffen zu versorgen, startete die Sowjetunion unter strengster Geheimhaltung ab September 1962 den Bau eines Militärstützpunktes. Die Geheimhaltung erfolgte, um ungestört Raketen importieren zu können. Vollendete Tatsachen würde die USA lähmen. Chruschtschow glaubte vermutlich, die USA würden sich überrumpeln lassen und den „fait accompli“ akzeptieren. Er hielt Präsident Kennedy für zu jung, intellektuell, liberal und unerfahren.
Letztendlich sollte auf Kuba genügend atomare Feuerkraft stationiert werden, um die Hälfte der Vereinigten Staaten in Kürze zu zerstören.
Die sowjetische Regierung selbst teilte am 11.9.1962 in einer öffentlichen Erklärung noch mit, dass sie nicht die Absicht habe, „Waffen für einen Vergeltungsschlag in irgend ein anderes Land
1 Aus: Der Spiegel, S. 92
2 Aus: Als der Westen schlief, S. 6
-zum Beispiel nach Kuba- zu verlegen“ 3 . Die Regierung unter Präsident Kennedy glaubte offiziell den häufigen Beteuerungen Chruschtschows, dass die Waffen nur zur Verteidigung Kubas gegen eine erneute Invasion zu verwenden seien. Inoffiziell wurden längst sogenannte „Schubladenpläne“ für jeden theoretischen Fall erstellt.
Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen wurden zunächst trotz häufiger Warnungen von Exilkubanern, übermäßig hoher Präsenz russischer Techniker auf Kuba und unzähliger Schiffsladungen keine Aufklärungsflüge unternommen, um die Sozialisten nicht misstrauisch zu machen. Am 14. Oktober 1962 jedoch konnten zwei amerikanische Aufklärungsflieger vom Typ U2 unbeobachtet Photos erstellen, durch die eindeutig bewiesen wurde, dass die von der SU auf Kuba stationierten Waffen erkennbar offensiven Charakter hatten.
4. Abwendung eines dritten Weltkrieges
Das Kräfteverhältnis zwischen USA und SU war das erste mal nahezu gleich. Zwar waren die USA der SU zahlenmäßig mit Raketen und Waffen überlegen (Atomsprengköpfe 1:17, Langstreckenbomber 1:8, Interkontinentalraketen 1:5).
Doch durch die geographische Lage Kubas bekamen die SU einen Zeitvorsprung im Falle eines Krieges. Denn bisher wären die sowjetischen Raketen lange genug unterwegs gewesen, um den Gegenschlag der USA zu ermöglichen. Die auf Kuba stationierten Raketen brauchten dagegen nur einen Bruchteil der Zeit und hätten gezielt die wichtigsten Stationen der Amerikaner zerstören können.
Die USA hatte zwar auf europäischem Boden Raketenstützpunkte, die eine ähnliche Entfernung zur SU wie Kuba zu den
USA hatten, doch die waren in internationalem Recht z.B. der
3 Aus: Der Spiegel, S. 92
UNO in die NATO eingebunden. Kuba dagegen lag nicht in der
Zuständigkeit einer internationalen Kontrollinstanz.
Für die USA gab es im Grunde nur zwei Reaktionen: entweder die Akzeptanz des neuen Kräfte- und Mächteverhältnisses oder massiver Widerstand mit Risiko eines atomaren Weltkrieges. Bei beidem entstand plötzlich zum ersten Mal die Möglichkeit, dass der „Kalte Krieg“ zugunsten der Sowjetunion ausgehen könnte. Die übrigen Nato-Mitglieder wurden von den USA zunächst nicht über die drohende Gefahr unterrichtet, bekundeten später Verständnis für die zwingend gebotene Geheimhaltung.
Kennedy veranlasste die Bildung eines militärischen Blockade-Schirms um Kuba um weitere Waffenlieferungen zu stoppen, so dass mehrere Schiffe wieder zur SU zurückkehren mussten. Durch ein zu dem Zeitpunkt stattfindendes Übungsmanöver konnten unauffällig amerikanische Bodentruppen bereitgestellt werden. Die Amerikaner trafen Vorbereitungen, Sprengstoff mit einer Wucht von 30t TNT auf die SU zu werfen, und drohten mit voller Vergeltungsmaßnahme, falls Chruschtschow angreifen würde, der erst in diesem Moment erfuhr, dass sein Plan aufgeflogen war.
In einer achtzehnminütigen Rede am Abend des 22.Oktobers informierte Kennedy die Weltöffentlichkeit das erste Mal über die Existenz des bisher erst halbfertigen sowjetischen Raketenstützpunktes. Er sagte, dass die „Vereinigten Staaten die Ver-wandlung Kubas in eine vorgeschobene Basis nicht tolerieren würden“, und wählte damit die zweite, riskantere Alternative. Parallel zu den Drohungen verlangte Kennedy auf überraschend diplomatischer Art den Abbau der Raketenstation. Es war seine Absicht, Chruschtschow mit Hilfe der Diplomatie mit einer Situation zu überraschen, in der, falls es zu einem Krieg kommen sollte, kein normaler Mensch daran zweifeln würde, dass Chruschtschow der Schuldige sei. 4
4 Aus: Als der Westen schlief, S 87
In der Öffentlichkeit stand Chruschtschow also als „der Böse“ da, weil er zumindest auf den ersten Blick in der jetzigen Lage der einzige war, der noch einen Krieg verhindern konnte, indem er seinen aus westlicher Sicht eindeutigen Fehler, die Aufrüstung Kubas, wieder rückgängig machte.
Kennedy ließ keinen Zweifel daran, dass die USA einen Krieg bis zum Ende durchziehen würden. Er ließ Chruschtschow aber genügend Zeit, über einen Rückzug nachzudenken. Dass es für den sowjetischen Rückzug zu diesem Zeitpunkt keinen strategischen Plan gab gilt als Indiz dafür, dass Chruschtschow fest mit dem Gelingen seines Vorhabens gerechnet hat.
Die Korrespondenz zwischen den beiden Staatsoberhäuptern war schwierig und funktionierte hauptsächlich über Briefe und öffentliche Ansprachen. In einem dieser geheimen Brief an Kennedy gibt Chruschtschow das erste Mal den offensiven Charakter des kubanischen Stützpunktes zu und appelliert gleichzeitig, nicht weiter „an dem lockeren Knoten zu ziehen, weil er sich sonst bald nicht mehr lösen lassen würde“. Damit spielte er auf die mangelnde Kompromissbereitschaft der USA an, das öffentlich gemachte Angebot, als Tauschobjekt für den Verzicht der SU auf Kuba die NATO-Raketenstützpunkte in der Türkei aufzuwenden.
Diesen Vorschlag, mit dem sich die SU als Teilsieger aus dieser Krise hätte zurückziehen können, lehnten die USA ab. Sie erklärten sich aber bereit, die Blockade um Kuba aufzuheben und dort nicht einzufallen. Die SU zog sich im Gegenzug aus Kuba zurück und begann mit dem Abtransport der Raketen.
Die Kubakrise war beendet.
5. Beginn der internationalen Entspannungspolitik
Für die Entstehung der Kuba-Krise gibt es bis heute viele verschiedene Varianten. Die einen behaupten, die USA hätten ihr Eingreifen bewusst so lange herausgezögert. Denn obwohl sie
vermutlich schon sehr früh von Chruschtschows Plänen wusste, warteten die Amerikaner, um endlich eine entscheidende Schlacht schlagen zu können, bei der die SU von Beginn an als schuldig dargestellt würde. Außerdem sei die Situation für die
USA noch nie so günstig gewesen, den Ort und Zeitpunkt der
Kraftprobe zwischen den Weltmächten selbst zu bestimmen 5 . Andere behaupten, die USA wären zu vertrauensselig gewesen, den Unschuldsbeteuerungen der SU zu glauben und hätte einfach geschlafen, Doch diese Variante scheint wenig glaubwürdig, weil die Auseinandersetzung der beiden Weltmächte kein Kinderspiel war, sondern beide Seiten zumindest über solch große Aktionen des Gegners frühzeitig informiert wurden.
Als dritte Version wird die Stationierung sowjetischer Waffen als gerechtfertigte Reaktion auf die Nato- Raketenstützpunkte in Europa dargestellt, wobei die USA diese offensichtliche Parallele natürlich nie zugegeben hätten.
Die Nato-Mitglieder waren in Alarmbereitschaft versetzt und die amerikanische Luftwaffe schon einsatzbereit in der Luft, um nicht mehr angreifbar zu sein. Die gesamte amerikanische Militärmaschine war in Bereitschaft versetzt worden und arbeitete nahezu fehlerfrei. Deswegen wird die Kuba-Krise oft als Sieg der Vereinigten Staaten betrachtet, doch was waren dann dessen Früchte? 6 Fakt ist: Die USA hätten sicherlich schon früher intervenieren können, statt dessen provozierten sie fast einen atomaren Weltkrieg.
Trotzdem hatte die Kubakrise positive Folgen: Durch die beinahe Eskalation wurde der ganzen Welt die Größe der Gefahr zweier verfeindeter Weltmächte bewusst. Weder die SU noch die USA wollten tatsächlich einen alles zerstörenden Krieg, bei dem es nur zwei Verlierer hätte geben können.
5 Aus: Als der Westen schlief, S. 87
6 Aus: Als der Westen schlief, S. 115
Auch die Kubakrise brachte kein wirkliches Ergebnis: Castro regierte Kuba noch immer und die amerikanischen Raketen waren noch immer in der Türkei stationiert. Keine der Weltmächte hatte zu diesem hohen Preis tatsächlich irgend etwas erreicht. Doch auf militärischer Basis kam man nicht weiter, die Superlative war bereits erreicht. Man schlug einen neuen Weg ein, wie man tatsächlich friedlich nebeneinander existieren könnte. Die Kuba-Krise schärfte nachhaltig das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Politik der nuklearen Kooperation und der Kriegsverhütung zur Sicherung des Überlebens der Menschheit und führte direkt zu Wiederaufnahme und Forcierung der Gespräche über Rüstungskontrolle und Rüstungsbegrenzung. Bereits im Juni 1963 konnte der Abschluss einer ersten Rüstungskontrollvereinbarung gemeldet werden, 6 Wochen später die zweite. Dabei sollte die Gefahr eines „zufälligen Krieges“ z.B. durch Missverständnisse oder Fehlinformationen verringert werden, die Nukleartest sollten eingeschränkt werden und eine direkte Fernschreibeverbindung, der „Heiße Draht“, sollte die Kommunikation verbessern.
Insofern war eine Eskalation z.B. in Form der Kuba-Krise vielleicht doch nötig oder zumindest hilfreich.
LITERATUR:
• GREINER, Bernd (1988): „Kuba-Krise“, Nördlingen
• KENNEDY, Robert (1969): „Dreizehn Tage“, München, Scherz Verlag
• DANIEL, James; HUBBEL, John G. (1963): “Als der Westen schlief…”, Bern, Verbandsdruckerei AG
• Aus „Der Spiegel“: „USA- Kuba-Blockade“ vom 31.10.1962, Nummer 44, 16. Jahrgang, Hamburg
• BUNDESZENTRALE zur pol. Bildung: Informationen zur pol. Bildung: „USA“, 3. Quartal 2000 „Die Sowjetunion“, 3. Quartal 1992 „Internationale Beziehungen I“, 4. Quartal 1994
Arbeit zitieren:
Katja Schmidt, 2001, Die Kuba-Krise, München, GRIN Verlag GmbH
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Katrin
das war wohl nix.
langweilig
am Sunday, June 02, 2002-
Herman Gölsch
Nett gemeint.
Etwas eingschränkte Sichtweise. Die Aktualität lässt zu wünschen übrig.
Für mich maximal eine 3,4.
am Monday, March 10, 2003-