II. Die Kritik an den Junghegelianern
Sinn und Zweck der Schrift „Die deutsche Ideologie“ war der Nachweis des an die Junghegelianer gerichteten Vorwurfs, ihnen sei es niemals eingefallen, die deutsche Philosophie mit der deutschen Wirklichkeit in Zusammenhang zu setzen, das heißt ihre Kritik auf ihre eigene Lebenswelt beziehungsweise ihre materielle Umgebung basieren zu lassen. Anschaulich wird diese Kritik durch folgendes aufgrund seiner starken Polemik für die deutsche Ideologie signifikante Zitat: „Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe, die sich für Wölfe halten, zu entlarven, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bürger nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände widerspiegeln“ (MEW 3, S. 13). Die den Anhängern der junghegelianischen Weltanschauung unterstellte Naivität geht einher mit dem Hauptirrtum der deutschen Philosophen. Nach Auffassung von Marx und Engels ist der gravierendste Trugschluss in der junghegelianischen Ideologie, dass diese stets von Bewusstseinsphänomenen und substantivierten Prädikaten, wie z.B. dem „Geist“ ausgehen. Wer von dieser Warte aus versuche die Wirklichkeit zu verstehen, das heißt seine Erklärungen und Theorien anhand Ideologien und Religion untermauert, macht sich - so Marx und Engels - unglaubwürdig. Menschen, wie Bauer und Stirner, betrieben keine nützliche, die realen Verhältnisse, widerspiegelnde Philosophie, sondern produzieren inhaltsleere Phrasen. Ein Beleg für die abstrakte, wirklichkeitsfremde Haltung der Junghegelianer bot nicht zuletzt das Leipziger Konzil. Anstatt aktuelle, tagespolitischen Fragen zu erörtern, verloren sich die Redner in eine abgehobene Diskussion über Begriffe, wie Selbstbewusstsein, Substanz und Eigenheit.
Auch Ludwig Feuerbach gerät in das Kreuzfeuer der Kritik. Der angeblich „wackere deutsche Philosoph“ könne die Vorstellung der Menschen von ihrer persönlichen Wirklichkeit, ebenfalls nur mit Hilfe entsprechender geistiger Produkte, wie Ideologie, Religion, Philosophie und Recht erkläre. Marx und Engels verwenden hierbei einen weitergefassten negativ besetzten Terminus von „Ideologie“: Ideologisch - und damit verwerflich - sei es oben beschriebene „geistige Produkte“ für selbständige, dynamische Faktoren zu halten, die die
gesellschaftliche Entwicklung bestimmen. Wer so argumentiere stellt die Zusammenhänge von Leben, gesellschaftlichen Leben und Bewusstein sprichwörtlich auf den Kopf. Gesellschaftliche Entwicklung, wie auch menschliches Bewusstsein ergeben sich nach der Geschichtsauffassung von Marx und Engels aus der individuellen materiellen Existenz der Menschen. Eine weitere essentielle die Junghegelianer betreffende Kritik von Marx und Engels, bezieht sich auf die Unfähigkeit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland meinungsprägenden Philosophen sich von den Gedanken Hegels zu lösen. Zentraler Punkt des Vorwurfs ist, dass keiner der Junghegelianer in der Lage sei, eine umfassende Kritik am Hegelschen System zu entwickeln. Zwar behaupte jeder „Prophet“, wie Marx und Engels die deutschen Philosophen ironischer Weise titulieren, über Hegel hinaus zu sein, doch ihre Ideenkonstrukte beschränkten sich darauf, Teilaspekte des Hegelschen Systems zusammenhangslos herauszustellen, um sie dann sowohl gegen das ganze System als auch gegen die Arbeiten anderer Junghegelianer zu stellen. Für Marx und Engels ist die Grundvoraussetzung einer revolutionären Kritik des Hegelschen Systems, eine auf die existierende Wirklichkeit bezogene Ideenwelt, deren Wurzeln (weitesgehend) nicht auf Hegel beruhen. Die beharrliche Weigerung der Junghegelianer sich mit den wirklichen Verhältnissen auseinander zusetzen, macht sie für Marx und Engels zu den „wahren Konservativen“ und das trotz ihrer hochtrabenden,
„welterschütternden“ Phrasen, wie in der deutschen Ideologie ironisch bemerkt wird. Treffend in diesem Kontext ist die Überzeugung von Marx, dass es eine Revolution, die sich nur auf geistiger Ebene vollzieht nicht gibt beziehungsweise an den real existierenden Lebensbedingungen nichts verändert. Es ist demnach die Herrschaft der Gedanken, die Marx und Engels durchbrechen wollen. Allerdings ist der Respekt der beiden vor dem Wirkungsvolumen der Junghegelianer von vornherein sehr gering, da sie den deutschen Philosophen eine große Zerstrittenheit und zudem Konzeptlosigkeit unterstellen. Hierzu ein abschließendes Zitat: „Lehren wir sie, diese Einbildungen mit Gedanken vertauschen, die dem Wesen des Menschen entsprechen, sagt der Eine, sich kritisch zu ihnen verhalten, sagt der Andere, sie sich aus dem Kopf schlagen, sagt der Dritte, und- die bestehende Wirklichkeit wird zusammenbrechen“ (MEW 3, S. 13).
III. Das Menschenbild
Der polemischen Kritik an den Junghegelianern lässt Marx die Darstellung der eigenen Auffassungen folgen. Diese Darstellung beginnt mit der Beschreibung seines Menschenbildes.
Zunächst wird festgestellt, dass das marxistische Menschenbild im Unterschied zu idealistischen Sichtweisen nicht auf einer „Idee“ oder einer Gottesvorstellung, sondern auf Vorraussetzungen beruht, welche rein empirisch konstatierbar sind. Ausgangspunkt sind also nicht abstrakte Begriffe, sondern der konkrete Mensch, der Mensch, wie er sich in seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tätigkeit zeigt. Betrachtet wird so erst einmal „die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur“. 1 Die Fragen, die der Entwicklung des marxistischen Menschenbildes zu Grunde liegen, sind also: Wie ist der Mensch körperlich beschaffen? Welches Verhältnis zur Natur ergibt sich daraus? Da auch das Wesen aller anderen Lebewesen durch ihre körperliche Beschaffenheit und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur Natur determiniert ist, ergibt sich die Frage: Was unterscheidet Mensch und Tier?
Tiere bedienen sich zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse (wichtigstes Bedürfnis ist Nahrung) einfach dessen, was sie in der Natur vorfinden, und konsumieren es so, wie sie es vorfinden. Der Mensch hingegen ist gezwungen, modifizierend auf die Natur einzuwirken, um seine (stets wachsenden) Bedürfnisse befriedigen zu können, d.h., ihm genügt nicht, was die Natur ihm in einer bestimmten Form bietet, sondern er muss das Vorgefundene erst noch seinen Bedürfnissen anpassen, er muss produzieren. Die menschliche Produktion stellt so gewissermaßen einen Ausgleich für die menschliche körperliche Unvollkommenheit dar, welche es dem Menschen unmöglich macht, in der Natur Vorgefundenes so zu konsumieren, wie diese es bereithält. 2 Mensch und Tier haben also gemeinsam, dass ihr Wesen durch ihre materiellen Lebensbedingungen bestimmt wird. Beim Menschen nun ist die Produktion, vor allem die Weise, in der produziert wird, wichtigster Bestandteil der materiellen Lebensbedingungen. Eine bestimmte Art zu produzieren bedingt eine
1 Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 21
2 Fetscher, Iring: Marx. Freiburg 1999, S. 63
bestimmte Art zu leben. Das Wesen des Menschen ist somit abhängig vom Wesen der Produktion, von der Produktionsweise: „Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“ 3 Das ist nicht so zu verstehen, dass die Natur an sich keinen Einfluss auf den Menschen hat, schließlich ist die Produktionsweise selbst durch die Natur bestimmt: „Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab.“ 4
Das behandelte Kapitel in der „Deutschen Ideologie“ trägt die Überschrift „Feuerbach - Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung“. Dieser Titel lässt vermuten, dass Marx und Engels ursprünglich vorhatten, Materialismus und Idealismus direkt kritisch gegenüberzustellen, und dabei besonders auf Feuerbach einzugehen. Eine inhaltliche Kritik an Feuerbach wird aber im ganzen Text kaum formuliert. Nichtsdestotrotz werden die Unterschiede zwischen dem Marx´schen Materialismus und dem Feuerbachs noch halb metaphysischem Materialismus implizit verdeutlicht. In den „Thesen über Feuerbach“ hat Marx an Feuerbach kritisiert, dass dieser nicht die Bedeutung der menschlichen Praxis berücksichtige. Feuerbach beschreibe die Wirklichkeit nur als anzuschauendes Objekt, ohne zu erkennen, dass auch die menschliche Praxis wichtiger Bestandteil der Wirklichkeit ist: „Feuerbach mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, will die Anschauung; aber er fasst die Sinnlichkeit nicht als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit.“ 5
In dem Text „Die Deutsche Ideologie“ verleiht Marx dann der menschlichen Praxis den ihr seiner Meinung nach gebührenden Stellenwert, indem er die Produktion, also konkrete praktische Tätigkeit der Menschen, als grundlegend bestimmenden Faktor für den Menschen, für sein Bewusstsein und den Verlauf der Menschheitsgeschichte, einführt.
3 Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 21
4 ebd.
5 Marx: Thesen über Feuerbach. In: Karl Marx, Die Frühschriften, Stuttgart 1971, S. 340
IV. Arbeitsteilung
Der Begriff der Produktion ist für Marx und Engels unabdingbar mit vollzogener Arbeitsteilung verknüpft. Ein produktionstechnischer Fortschritt geht einher mit der zunehmenden Teilung der Arbeit, wobei ihr Ursprung aus der Verschiedenartigkeit der natürlichen Eigenschaften und Umstände sowie den Bedürfnissen der Individuen entstand.
Die in der materialistischen Geschichtsauffassung skizzierte Vorstellung von Arbeitsteilung ordnet die Gesellschaft in Klassen und regelt die Eigentumsverhältnisse der Bürger. Zu beobachten sind die Trennungen von Stadt und Land und von Ackerbau und Industrie. Hinzu kommen die gegensätzlichen menschlichen Interessen, die durch arbeitstechnische Spezialisierungen innerhalb der Warenproduktion und stark zunehmender Differenzierung zwischen Handarbeit und geistiger Arbeit bewirkt werden. Darüber hinaus charakterisieren Marx und Engels in ihrer Schrift „Die deutsche Ideologie“ Arbeitsteilung als einen Indikator für die Entwicklungsstufe einer Nation. Ökonomische Beziehungen von Staaten und Nationen unter einander beruhen auf dem Grad der Entwicklung der Produktivkräfte und der dadurch bedingten Erweiterung der Arbeitsteilung. Ebenfalls thematisiert wird der Zusammenhang von Eigentumsverhältnissen und Arbeitsteilung. Marx und Engels vertreten den Standpunkt, dass der jeweilige Stand der Produktivkräfte nicht nur Einfluss auf die Teilung der Arbeit hat, sondern ebenso die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen hinsichtlich ihrer materiellen Existenz regeln, das heißt die Bedingungen ihres Lebens bestimmen. Der deterministischen Logik von Marx und Engels zur Folge heißt das konkret: Arbeitsteilung, forciert durch die Entwicklung der Produktivkräfte, führt zu einer ungleichen Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Das Ergebnis ist eine äußert kapitalstarke Minderheit, die die Mehrheit der Nichtbesitzenden ausbeutet und unterdrückt. Arbeitsteilung ist somit zum einen die Triebkraft der Produktion beziehungsweise der wirtschaftlichen Entwicklung einer Nation und zum anderen spalten differenzierte Arbeitsformen eine Gesellschaft. Arbeitsteilung verantwortet in letzter Konsequenz die soziale Wirklichkeit eines Menschen. Der von Marx und Engels entworfene historische Materialismus sieht die letztendliche Lösung in der Aufhebung der Arbeitsteilung.
V. Eigentum
Diese Standpunkt des Zusammenhangs von Eigentumsverhältnissen und Arbeitsteilung begründen Marx und Engels mit der Geschichte des Eigentums. Dabei unterscheiden sie drei verschiedene Erscheinungen, das
„Stammeigentum“, das „antike Gemeinde- und Staatseigentum“ und das „feudale oder ständische Eigentum“.
Die erste Stufe des Eigentums stellt das Stammeigentum dar. Dabei ist die Arbeitsteilung traditionell wie in einer größeren Familie beschaffen. Bei dieser unentwickeltsten Arbeitsteilung geht es vornehmlich um die Befriedigung der Primärbedürfnisse durch Jagd, Ackerbau, Fischfang, Viehzucht oder Sklaverei. Die gesellschaftliche Hierarchie beschränkt sich auf die meist patriarchalische Familie. Das Problem bei dieser Form der Arbeitsteilung ist der hohe Bedarf an natürlichen Ressourcen. Deswegen wäre dieses System heute nur noch in einzelnen kaum bevölkerten Landstrichen möglich, nicht aber in großen Städten.
Die Bevölkerung eignete sich im Laufe der Zeit höhere Fertigkeiten und höheres Wissen an. Dieses führte zu Bedürfnisveränderungen. Durch dieses Wissen und durch starken Bevölkerungszuwachs war zum einen stärkere Arbeitsteilung möglich, zum anderen aber auch nötig, weil inzwischen auch die natürlichen Platzressourcen für so viele Menschen knapper wurden. Das erforderte andere Eigentumsverhältnisse, nämlich das antike Gemeinde- und Staatseigentum. Die Menschen begannen, sich mit mehreren Stämmen zu einzelnen Städten zu vereinigen. Dort entsteht zum ersten mal Privateigentum, Gemeindeeigentum und gemeinschaftlich geschütztes Privateigentum. Denn die Staatbürger konnten nur in der Gemeinschaft z.B. ihre Macht über Sklaven sicherstellen. Langsam entstehen die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Handwerk und Ackerbau.
Als spezielles Beispiel für diese Stufe des Eigentums und der Arbeitsteilung nennen Marx und Engels das antike Rom. Rom war für seine Zeit relativ hoch entwickelt, es gab ein funktionierendes Rechtssystem z.B. zum Schutz des Eigentums und die Sklaverei war ein gemeinschaftlich geschütztes Privateigentum. Die Arbeitsteilung und die Trennung kommerzieller, geistiger Tätigkeit von industrieller, schaffender Tätigkeit war fortgeschritten. Da der
Reichtum Roms aber viel Neid auf sich zog, wurde es durch ständige Angriffe, Kriege, Plünderungen und Morde am stetigen Fortschritt der Arbeitsteilung gehindert. Zum einen war Rom Zentrum des Wohlstandes, zum anderen strebte es selbst nach immer mehr Ländereien und Reichtum. Da dieses System vornehmlich auf Sklaverei gestützt wurde und das meiste Privateigentum prozentual auf sehr wenige Bürger verteilt war, brachten es die meisten Menschen nicht über ein Lumpenproletariat 6 hinaus. Somit entsprach Rom seiner Größe und seinem Potential nicht mehr und konnte durch ein im Grunde unterentwickeltes Barbarenvolk zerstört werden.
Im Unterschied zur Antike geht die dritte Form des Eigentums nicht mehr von der Stadt, sondern vom Lande aus. Als Äquivalent zu den Zünften in den Städten bildete sich das feudale oder ständische Eigentum. Zwar gab es keine Sklaven wie im alten Rom, allerdings hatten die Leibeigenen die gleiche Funktion. Bewaffnete Gefolgschaften sicherten den Feudalherren die Macht über die Bauern als Produktionskräfte. Speziell in dieser Zeit entwickelte sich die Klassengesellschaft mit Bourgeoisie und Proletariat, die Zeit, in der Marx und Engels lebten. Das hier ländliche Eigentum verteilt sich auf eine kapitalstarke Minderheit, während das schaffende Volk am Rande des Existenzminimums ums Überleben kämpft.
Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. 7
Diese Wechsel von der Urgesellschaft zur Sklavenhaltergesellschaft, dann zum Feudalismus und zur modern-bürgerlichen Gesellschaft mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft lässt sich am Einfachsten an einer Graphik darstellen. Dabei geht man am Anfang von der Urgesellschaft mit Stammeigentum aus. Die Produktionsverhältnisse, nämlich die Form der Arbeitsteilung, bleibt zunächst konstant, wobei sich aber die Produktionskraft kontinuierlich verändert, so dass letztendlich die Verhältnisse die theoretischen Möglichkeiten einschränken. Sobald dieser Antagonismus eine bestimmte Größe erreicht, kommt es zu einer Revolte, die zu einem Umsturz des bisherigen Eigentums- und Arbeitsteilungsniveaus führen. Am Ende einer solchen Revolte steht dann eine neue Form, nach der Urgesellschaft z.B. die
6 Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 23
(Quelle: Kurzmann, Peter: Philosophie, dtv Atlas, 1991)
Sklavenhaltergesellschaft, die zumindest bei ihrer Entstehung dem tatsächlichen Potential entspricht. Mit der Zeit entwickelt sich wieder ein ähnlicher Antagonismus und nach einer Revolte folgt dann der Feudalismus und danach die modern-bürgerliche Gesellschaft.
VI. Das Bewusstsein
Am Ende des zu bearbeitenden Textauszuges wird der marxistische Bewusstseinsbegriff dargelegt. Das Bewusstsein, also das geistige Leben, ist - wie das materielle Leben - ein Produkt der gesellschaftlichen Tätigkeit der Menschen, wobei die Tätigkeit der Menschen bedingt ist durch den Entwicklungsstand der Produktivkräfte, den Grad der Arbeitsteilung und die Eigentumsverhältnisse. Nicht der Mensch als abstraktes Wesen schafft Geist und Bewusstsein, sondern der tätige, produzierende, lebende Mensch. „Das Bewusstsein kann nie etwas anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess.“ 8
7 Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 24
8 Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 26
Bei der Entstehung von Bewusstsein kommt der Sprache eine besondere Rolle zu. Bewusstsein beginnt erst dann wirklich zu existieren, wenn es in Sprache ausgedrückt für andere Menschen erfahrbar wird. Das hat zwei Konsequenzen. Erstens kann ein nur in Form von Sprache existierendes Bewusstsein kein „reines“, kein von der Materie losgelöstes Bewusstsein sein, da Sprache nicht ohne Materie denkbar ist, bedient sie sich doch der Materie als Medium, nämlich in Form von Schallwellen.
Zweitens ist ein so verstandenes Bewusstsein immer schon ein gesellschaftliches Verhältnis, da Sprache nur den Zweck haben kann, das Bedürfnis des Individuums nach gesellschaftlichem Verkehr mit anderen Menschen zu befriedigen.
Zunächst tritt das Bewusstsein in seiner einfachsten Form auf: „Das Bewusstsein ist natürlich zuerst bloß Bewusstsein über die nächste sinnliche Umgebung und Bewusstsein des bornierten Zusammenhanges mit andern Personen und Dingen außer dem sich bewusst werdenden Individuum; es ist zu gleicher Zeit Bewusstsein der Natur, die den Menschen anfangs als eine durchaus fremde, allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt, zu der sich die Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren lassen wie das Vieh; und also rein tierisches Bewusstsein der Natur (Naturreligion).“ 9 Wenn das menschliche Bewusstsein ein Resultat des menschlichen Lebensprozesses ist, so geht es bei der Betrachtung von Geschichte nicht darum, zu analysieren, was die Menschen einer bestimmten Epoche gesagt, gedacht, sich eingebildet und vorgestellt haben, kurz, wie das Bewusstsein einer bestimmten Epoche war, sondern darum, den Lebensprozess der Menschen zu analysieren und erst dann Geist und Bewusstsein, verstanden als Produkte („Reflexe und Echos“ 10 ) dieses Lebensprozesses, einer Betrachtung zu unterziehen.
Das bedeutet auch: Jeglicher Ideologie (Moral, Religion, Metaphysik) ist jede Form von Selbständigkeit abzusprechen. Sie macht keine eigenständige Entwicklung durch und hat keine eigenständige Geschichte. Die Entwicklung vollzieht sich im materiellen Sein der Menschen, Veränderungen von Bewusstsein und Ideologie können nur Folge der materiellen Veränderungen
9 ebd. S.31
10 ebd. S.26
sein: „Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.“ 11
Wenn von anderen das Gegenteil angenommen wird, ist dies zu erklären als Resultat der fortgeschrittenen Arbeitsteilung, also der Trennung von geistiger und materieller Arbeit. Wenn geistige und materielle Tätigkeit jeweils unterschiedlichen Personen zukommen, erscheint auch der Gegenstand der einen Tätigkeit von dem der anderen unabhängig, d.h. das Denken erscheint als durch das materielle Sein unbeeinflusst und erhält den Schein der Selbständigkeit. Daraus ergibt sich auch die Auffassung, der Geist sei die treibende Kraft in der Geschichte, und Geschichte sei in erster Linie eine Abfolge von theologischen, philosophischen und ethischen Ideen. 12 Predrag Vranicki vertritt die Auffassung, die in der „Deutschen Ideologie“ formulierten Gedanken zum Verhältnis von Denken und Sein seien „tiefer und adäquater artikuliert, als dies bei beiden [Marx und Engels] in ihren späteren Werken der Fall ist.“ Spätere Formulierungen hätten bei vielen Marxisten zu dem Missverständnis geführt, dass das Bewusstsein ein reines Abbild der Wirklichkeit sei, wodurch eine mechanische Konzeption des Verhältnisses von Basis und Überbau entstanden sei, die dieses Verhältnis zweigeteilt habe. Durch die in der „Deutschen Ideologie“ betonte Tatsache, dass die Wirklichkeit selbst immer nur ein gesellschaftliches Verhältnis ist, würde dieses Missverständnis ausgeräumt. 13
11 ebd., S.27
12 Cornu, Auguste: Karl Marx und Friedrich Engels. Berlin 1954-1968, Bd. 2, S. 221
13 Vranicki, Predrag: Geschichte des Marxismus, Band 1. Frankfurt a.M. 1983, S.126
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Katja Schmidt, 2001, Der historische Materialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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