Humboldt-Universität zu Berlin
Seminar für Theaterwissenschaft und
Kulturelle Kommunikation
Gaukler, Henker, Scharlatane
- Formen performativen Verhaltens
in der frühen Neuzeit Magie -
Schnittpunkt kultureller Linien
WS 97/98
Clemens Grün
1. Einführung
2. Klassisches Erbe
2.1. Geschichte eines Diskurses: die Dämonologie
2.2. Magische Praktiken der Antike
3. Magie und Religion
3.1. Wunder der Bibel
3.2. Kriminalisierung der Magie
3.3. Der Manichäismus und die Lehre des Augustinus
4. Magie und Wissenschaft
4.1. Wissenschaft im Mittelalter
4.2. Einzug arabischer Gelehrsamkeit: Astrologie und Alchimie
4.3. Trennung von „Weißer“ und „Schwarzer Magie“
5. Schlussbemerkung: Zur alltäglichen Magie des 20. Jahrhunderts
6. Literatur
1. Einführung
Schon der Titel lässt ahnen, dass jede Auswahl aus einem solchen Komplex zwangsläufig rudimentär und subjektiv bleiben muss. Magie ist ein Phänomen, das sich durch sämtliche Bereiche des mittelalterlichen Lebens zieht und als solches in seiner Komplexität kaum zu erfassen ist. Als Schnittpunkt kultureller Linien von Religion und Wissenschaft, einfachem Volk und gelehrter, antiker und mittelalterlicher Welt, europäischer, arabischer, jüdischer, keltischer und germanischer Traditionen ist sie jedoch zentrale Kategorie für das Verständnis des mittelalterlichen Weltbildes sowie grundlegender sozialpolitischer und geistesgeschichtlicher Strömungen und Entwicklungen dieser Epoche.
So unerschöpflich das Material, so notwendig erscheint mir die Beschränkung auf einige wenige, nichtsdestoweniger zentrale Kategorien mittelalterlicher Magie: ihr Verhältnis zu Einflüssen klassischer Traditionen der griechisch-römischen Welt, zur Entwicklung des Christentums und der damit verbundenen Verfolgung von Nichtchristen unter dem Vorwurf der Häresie sowie dem Einzug arabischer Gelehrsamkeit ins geistige Leben und der daraus resultierenden Umgestaltung desselben hin zu einem grundlegenden Neuverständnis der Wissenschaft in der Renaissance. Bei meiner Darstellung bewege ich mich vorwiegend auf dem Feld des geistesgeschichtlichen Diskurses. Vernachlässigt habe ich u.a. die Praxis der Magie in der Volkstradition, Formen des Aberglaubens, die Protagonisten magischer Praktiken sowie kulturelle Einflüsse jüdischer, keltischer und germanischer Traditionen.
Als magisch definieren Menschen häufig Phänomene, die sie für unerklärlich halten. Dies dürfte im Mittelalter kaum anders gewesen sein als in unserer heutigen Zeit. Im Mittelalter spielte aber die wissenschaftliche Überprüfung von Aussagen, wie wir sie in der modernen Welt kennen, keine Rolle. Dies macht einerseits die zentrale Bedeutung der Magie im mittelalterlichen Leben erklärbar. Anderseits waren Dinge, die uns heute womöglich als abergläubisch, zumindest einer empirischen Überprüfung nicht standhaltend erscheinen, für den mittelalterlichen Menschen Teil eines durch Traditionen überliefertes, jahrhunderte- oder jahrtausende alten Konstruktes selbstverständlicher Erklärungen und nicht anzweifelbarer Theorien über die Welt. In der Wahrnehmung der Menschen waren alltägliche Erfahrung und Theorie, Realität und Fiktion Teil derselben Wirklichkeitsebene. Die Grenzen zwischen Magie und Wissenschaft auf der einen, Magie und Religion auf der anderen Seite waren fließend. Dies ist insbesondere für das Verständnis des mittelalterlichen Weltbildes von Bedeutung und wird deshalb in meiner Arbeit eine zentrale Rolle spielen.1
2. Klassisches Erbe
2.1. Geschichte eines Diskurses: die Dämonologie
2Betrachtet man die Geschichte der Magie, so steht sie in engem Zusammenhang mit derjenigen des Verhältnisses zwischen Menschen und Dämonen. Der Renaissance-Theologe Heinrich Cornelius Agrippa von Nettersheim (1486-1535) formuliert folgende dreiteilige Klassifikation von Dämonen: - übersinnliche, von jeder Körperlichkeit befreite Geister - himmlische Intelligenzen, die den Weltsphären zugeordnet werden - eine neunteilige Skala böser Dämonen, von solchen, die falsche Götter sind bis hin zu bösen Genien, deren Fürst Mammon heißt und die sinnliche Lust vertritt. Vorausgegangen war in der Diskursgeschichte der Dämonologie eine jahrtausendelange Evolution der Entgöttlichung. Noch Homer verwendet die Begriffe „daímon“ und „theós“ synonym für „Gott“ und „Gottheit“. Schon Empidokles von Agigent (5. Jh. v. Chr.) nimmt eine Trennung vor zwischen guten und bösen Dämonen.
[....]
1 s. Graphik: Weltbild des Ptolemäus
2 Daxelmüller: S. 54ff.
Quote paper:
Clemens Grün, 1998, Magie - Schnittpunkt kultureller Linien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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