Inhaltsverzeichnis
1 Zielsetzung 1
2 Zur Textgestalt 1
3 Muster erotischer Chiffren 2
3.1 Raummetonymik 3
3.2 Lexikon 4
3.3 Körperteilfiguren 4
3.4 Intertextualität. 5
4 Formen der Erotik 5
5 Erotik in „Die Majoratsherren“ 7
5.1 Figurenkonstellation. 7
5.2 Erotische Paarbildung. 8
5.3 Erotisches Paar Esther - Majoratsherr 11
5.3.1 Chiffrierte Erotik 11
5.3.2 Raumbindung 12
5.3.3 Überwindung der räumlichen Trennung 13
5.3.4 Gescheiterte Raumüberwindung 15
6 Erotisches Paar Hofdame - Vetter 16
6.1 Chiffrierte Erotik. 16
6.1.1 Räume der Figuren Leutnant und Hofdame 16
6.1.2 Raummerkmale Leutnant und Hofdame. 16
6.1.3 Semantisierung der Räume um Leutnant und Hofdame. 18
7 Fazit 19
8 Literaturverzeichnis 21
Erotik in „Die Majoratsherren“
1 Zielsetzung
Das Ziel dieser Arbeit ist es zu analysieren, ob in Achims v. Arnim „Die Majoratsherren“ Erotik anhand der Semantisierung von Räumen chiffriert dargestellt wird.
Dazu werde ich auf die beiden Haupt-Liebespaare, nämlich Majoratsherr -Esther und Leutnant - Hofdame, näher eingehen. Dabei lege ich das Augenmerk insbesondere auf die Räume, die die jeweiligen Figuren umgeben und untersuche, wie die Beschaffenheit dieser Räume als Hinweis auf die erotische Beziehung zwischen den Figuren gedeutet werden kann. Um eine durchgängige Argumentation des Wesens der Verschlüsselung erotischer Phantasien in den Texten der Goethezeit zu erreichen, werde ich in den einleitenden Kapiteln 3 und 4 darlegen, wie die Notwendigkeit der Chiffrierung entstanden ist und wie sie in den meisten Fällen erreicht wird. Nicht Gegenstand meiner Arbeit ist es, einen intertextuellen Bezug zu anderen erotisch beladenen Werken Arnims (z.B. „Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe“) bzw. zu anderen Werken, insbesondere denen, die sich ebenfalls mit dem Thema des Majorats auseinandersetzen (z.B. E.T.A. Hoffmann: Das Majorat), herzustellen.
2 Zur Textgestalt
Die Erzählung „Die Majoratsherren“ wurde erstmals im Herbst 1819 im Taschenbuch zum geselligen Vergnügen abgedruckt und veröffentlicht. Dieser Zeitraum ist dem Spätwerk Arnims zuzuordnen. Bei der Erstellung dieser Erzählung ließ sich Arnim von verschiedenen äußeren Einflüssen inspirieren. Im folgenden sind die wichtigsten Einflußfaktoren und ihre Wirkung auf die Erzählung tabellarisch dargestellt 1 :
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Erotik in „Die Majoratsherren“
3 Muster erotischer Chiffren
Die Zeit der Spätaufklärung, die ich mit der Goethezeit gleichsetze, war in Deutschland durch bedächtiges Mittelmaß geprägt. Im europäischen Vergleich hielt die Aufklärung deutlich später Einzug als beispielsweise in England oder Frankreich.
Diese zögerliche Haltung Veränderungen gegenüber machte sich auch in der Literatur der Goethezeit bemerkbar. Auf der einen Seite war sich die Gesellschaft, insbesondere die Autoren unter ihnen, der tatsächlich eingetretenen Veränderung längst bewußt. Auf der anderen Seite jedoch hielt man sich an das kollektive Normengefüge, das die explizite Aussprache von tabuisierten Themen untersagte. Ein solches Tabuthema war auch die Erotik.
Die Autoren sahen sich also zu einer Kompromißbildung gezwungen, die Themen, die ihnen am Herzen lagen, anzusprechen, ohne die geltenden Sitten zu verletzen. Eine Art, diesen notwendigen Kompromiß zu bilden und damit die kulturelle Leugnung der Sexualität zu umgehen, war die Verwendung von Chiffren.
Untersucht man die Literatur der Goethezeit genauer nach dem verschlüsselten erotischen Inhalt, so stellt man fest, daß das Thema Erotik keineswegs eine Randstellung, sondern im Gegenteil eine sehr zentrale Rolle in der Literatur der Goethezeit spielt. Die Kunst, erotische Themen gekonnt zu verschlüsseln, zieht sich dabei bis in die Zeit des Realismus und darüber hinaus fort.
Die verwendeten Chiffren jedoch bleiben annähernd immer dieselben. Ihre Ursprünge in der Goethezeit lassen sich an den folgenden Grundpfeiler-Werken erotischer Chiffrierung festmachen: Dramen:
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Erzählungen:
Die in diesen Werken verwendete Chiffrierung wird immer durch die Anwendung eines oder mehrerer der folgenden Muster erreicht:
Durch diese Grundmuster der Chiffrierung lassen sich verschiedene Stufen der Sublimierung des Themas Sexualität erreichen. Folgende Abbildung gibt einen Überblick über das mögliche Stufenschema der Sublimierung.
Im folgenden werden die erwähnten Grundmuster der Chiffrierung kurz erläutert.
3.1 Raummetonymik
Bei der Chiffrierung der Erotik durch Raummetonymik wird die Semantisierung von Raummerkmalen zur Körpernachbildung verwendet. Diese Raummerkmale lassen sich von Eigenschaften des menschlichen Körpers bis hin zu künstlich vom Menschen geschaffenen Raummerkmalen dehnen. Im einzelnen sind dies beispielsweise: Körperöffnungen, z.B. Schweißporen als kleinste Einheit Kleidung Behausung Landschaftliche Umgebung
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Ein besonders ergiebiges Beispiel für die Semantisierung von Raummerkmalen zur Verschlüsselung von erotischen Inhalten ist „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis. Im ersten Kapitel, erster Teil, werden hier in den Träumen zweier Figuren erotische Phantasien anhand von Landschaftsmerkmalen in der Traumlandschaft nachgezeichnet. Ein weiteres Beispiel für die Verwendung der Raummetonymik zur Chiffrierung ist die Erzählung Rat Krespel in der Sammlung „Die Serapionsbrüder“ von E.T.A. Hoffmann 2 . Hier ist insbesondere die eigenwillige Hausgestaltung des Rat Krespel zu erwähnen. Auf diese beiden Grundpfeiler der erotischen Chiffrierung greifen auch Texte des Realismus zurück. Zwei herausragende Werke hierbei sind „Der arme Spielmann“ von Franz Grillparzer und „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller.
Im Spielmann wird insbesondere die konsequente Fortführung der Raummetonymik vom Körper bis hin zu der Stadtmauer Wiens vorgeführt. Bei Romeo und Julia wird das sexuelle Verhalten der Kinder zweier Bauern durch die Behandlung dreier Äcker vorausbestimmt.
3.2 Lexikon
Ein weiterer Indikator für eine erotische Chiffre ist die im Umfeld verdächtiger Stellen verwendete Sprache. Augenscheinlich läßt sich das an dem Text „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ verdeutlichen. Hier wird zum Beispiel von den folgenden Dingen gesprochen, bei denen der Leser neben Ihrer offensichtlichen Bedeutung eine weitere Bedeutungsebene assoziiert. „[...] es ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst, und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen Zipfel da bestehen ließen.[...]“ 3 .
3.3 Körperteilfiguren
Eine besonders interessante Art der Chiffrierung erotischer Inhalte ist die Verwendung von sogenannten Körperteilfiguren. Dies sind Figuren, die menschenähnliches Verhalten an den Tag legen, nicht aber dem menschlichen Seinsbereich angehören. Folgende Abbildung verdeutlicht mögliche Seinsstufen und die
Positionierung von Körperteilfiguren.
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Körperteilfiguren zeichnen sich dadurch aus, daß sie entweder im geistigmystischen Bereich oder im elementar - dämonischen Bereich angesiedelt sind. Gemeinsam ist ihnen stets das Bemühen, in den menschlichen Bereich vorzudringen.
Weiterhin zeichnen sich Körperteilfiguren dadurch aus, daß sie räumlich nicht gebunden sind, das heißt ständig unerwartet auftauchen oder verschwinden können. Schließlich lassen sie sich nicht auf eine Dimension festlegen, d.h. sie sind mal winzig klein, mal riesig groß, also immer überraschend in ihrem Auftreten.
Im goethezeitlichen Erzählwerk läßt sich das Auftreten einer Körperteilfigur am besten in dem Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ von E.T.A. Hoffmann festmachen 4 . Ein weiteres Beispiel für eine Körperteilfigur ist der Krug in „Der zerbrochene Krug“ von Kleist. In den Texten des Realismus kommt zum Beispiel in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eine Körperteilfigur in Form des schwarzen Geigers vor.
3.4 Intertextualität
Die Chiffrierung durch Anspielung auf andere Texte, in denen die Erotik offen oder in durchschauten Chiffren zu Tage tritt, unterstützt meine These, daß sich eine Vielzahl der Werke auf die oben genannten Grundpfeiler in der Literatur stützen. So läßt sich zum Beispiel die Chiffrierung durch Raummetonymik oft unter Einbeziehung des „Heinrich von Ofterdingen“ aufdecken.
4 Formen der Erotik
Die Formen der Erotik, die in Texten chiffriert dargestellt werden, sind vielfältig. Im folgenden stelle ich eine Übersicht über denkbare Formen der Liebe dar. Diese Übersicht ist der Vorlesung von Hoffmann im Sommersemester 2000 an der Ludwig-Maximilans-Universität München (LMU) entnommen. Spontane Liebe
Diese Form der Liebe kommt durch den visuellen Kontakt zweier Figuren zustande. Ausschlaggebend hierfür ist insbesondere das plötzliche Bewußtwerden der Liebe in einem „Augen-blick“.
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Totale Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich insbesondere durch ihre Unteilbarkeit und Exklusivität aus. Die geliebte Figur bedeutet die Welt an sich bzw. den Schlüssel dazu. Die liebende Figur setzt alles was sie vermag in diese Liebe. Wird die Liebe nicht erwidert, bedeutet das für die liebende Figur den Tod. Exzessive Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich durch ein extremes, ekstatisches Maß aus. Dies kann zu einer Bewußtseinstrübung der liebenden Figur führen, die sie entweder in den Selbstverlust, angezeigt durch Sprachverlust, oder in den Selbstgewinn treibt. Asymmetrische Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich durch ein starkes Ungleichgewicht der beteiligten Partner aus. Meist ist diese Form der Liebe durch Aggressivität gekennzeichnet, die sich in einer Täter - Opfer Beziehung offenbart. Authentische Liebe
Diese Form der Liebe ist dadurch gekennzeichnet, daß sich beide Partner unverstellt verhalten können. Imaginäre Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich dadurch aus, daß das geliebte Objekt äußerlich fern, innerlich jedoch nah ist. Diese Liebe beruht meist auf Einbildung beziehungsweise der Projektion von Liebe auf einen unbelebten Gegenstand. Solitäre Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich dadurch aus, daß eigentlich nicht eine andere Figur geliebt wird, sondern daß sich die Figur selbst liebt (Narziß). Afertile Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich dadurch aus, daß als Ziel nicht die Gründung einer Familie im Vordergrund steht, sondern entweder kein Ziel verfolgt wird oder die Schaffung eines Werkes, das als Ersatz für die Familie dient. Ambivalente Liebe
Diese Form der Liebe zeichnet sich dadurch aus, daß sie sich nicht auf eine Form festlegen läßt. Diese Liebe kann sowohl spontan, als auch dauerhaft authentisch sein, direkt oder indirekt, und sowohl konstruktiv als auch destruktiv. In der Literatur wird diese Form durch einen andauernden Schaffungs- und Zerstörungsprozeß dargestellt. Für die Texte der Goethezeit sind insbesondere die Formen 6-9 interessant. Bei diesen Formen wird es den narzißtischen „Genies“ erlaubt, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und die Liebe zu einem Partner auf ein Werk zu projizieren und den Zeugungsprozeß somit zu abstrahieren.
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Erotik in „Die Majoratsherren“
5 Erotik in „Die Majoratsherren“
Das oben gesagte gibt Grund zu der Annahme, daß tatsächlich eine Vielzahl von Texten aus der Goethezeit und des Realismus mit erotischen Chiffren durchsetzt sind. Im folgenden soll nun untersucht werden, welche erotische Bedeutung durch den Einsatz von Raummetonymik in „Die Majoratsherren“ von Arnim chiffriert wird 5 .
5.1 Figurenkonstellation
Im folgenden stelle ich knapp die Handlung der „Majoratsherren“ dar, um die Figurenbeziehungen deutlich zu machen, die sich für eine Analyse erotischer Chiffren eignen.
Dreißig Jahre vor dem Erzählzeitpunkt trat eine entscheidende Wende in der Geschichte des beschriebenen Majoratshauses auf. „So stand in der großen Stadt ... das Majoratshaus der Herren von ..., obgleich seit dreißig Jahren unbewohnt, doch nach dem Inhalte der Stiftung mit Möbeln und Gerät so vollständig erhalten, zu niemands Gebrauch und zu jedermanns Anschauen [...]“ 6 . Die Wende bestand darin, daß der Majorats-Vetter, der Leutnant, um sein Erbe gebracht wird, als sein Onkel mit seiner neuen Frau anscheinend einen Sohn bekommt.
„ich [Leutnant] war dreißig Jahr alt, mein Oheim sechzig, und hatte in erster Ehe keine Kinder bekommen. Da fällt ihm ein, noch einmal ein junges Fräulein zu heiraten. Um so besser dachte ich, die Junge ist des Alten Tod. Aber um so schlechter ging's; sie brachte ihm kurz vor seinem Tode einen jungen Sohn, diesen Majoratsherren, - und ich hatte nichts!“ 7 . Später deckt sich allerdings auf, daß die Frau des Oheims, des alten Majoratsherren, nicht den jungen Majoratsherren, sondern Esther geboren hatte. Diese wurde jedoch zum Schutz des Majorats mit dem jungen Majoratsherren, dem unehelichen Sohn der Hofdame und ihres Geliebten, vertauscht.
„[...] bedarf es da mehr, als einer oft bestochenen Hebamme, wenn nun die Furcht erfüllt wird, und ich [Esther] statt eines Knaben geboren werde? Ich werde einem dienstbaren Juden überliefert [...]“ 8 .
Es ist also eigentlich nicht der Majoratsherr der berechtigte Majoratsnachfolger sondern der Leutnant.
Die Vertauschungsaktion wurde durch zweierlei Einflüsse dreißig Jahre vor dem Erzählzeitpunkt begünstigt. Erstens war das Betragen des Leutnants
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gegenüber seinem Oheim durch Feindseligkeiten geprägt. „[Esther an Majoratsherr] Ist Ihnen der Eigensinn eines alten Majoratsherrn, der von seinem Vetter, dem Leutnant, mehrmals gekränkt worden, einem Sohne die geliebten Reichtümer überlassen möchte, so geheimnisvoll?“ 9 .
Zweitens hat sich der Leutnant die Ungunst der Hofdame zugezogen, als er ihren Liebhaber, seinen Nebenbuhler, im ehrlichen Zweikampf
niedergestreckt hat. Dieser verborgene Haß gegenüber dem Leutnant hat die Hofdame in die Lage versetzt, ihr leibliches Kind dem Oheim anzuvertrauen. Damit hat sie erstens erreicht, der Schande einer unehelichen Geburt zu entgehen, und zweitens, sich an dem Leutnant zu rächen, indem sie ihn durch diesen Tausch seinem Majoratserbe entzog. „'[...]Unser Liebeshandel blieb zwar heimlich; aber bei den Folgen, die ich trug, mußte ich auf Verbannung vom Hofe gefaßt sein, wenn ich diese Folgen nicht verheimlichen könnte, nachdem dein Vater erstochen war, ehe er sein Versprechen, mich zu heiraten, erfüllen können. Das gelang mir.' [...] 'Und zugleich rächte ich deinen Vater an seinem Mörder, indem ich dir das Vermögen zuwandte, was jenem mit allem Rechte zugefallen wäre. [...]“ 10 .
5.2 Erotische Paarbildung
Daß es sich bei der Figurenkonstellation Leutnant - Hofdame um eine emotional enge, erotisch bedeutsame Paarbildung handelt, wird durch die folgende Textpassage belegt.
„Diese alte, hochauf friesierte, schneeweiß eingepuderte, feurig geschminkte, mit Schönpflästerchen beklebte Hofdame übte auch nach jenem unglücklichen Zweikampfe seit dreißig Jahren dieselbe zärtliche Gewalt über ihn aus, ohne daß sie ihm je ein entscheidendes Zeichen der Erwiderung gegeben hatte. Es besang sie fast täglich in allerlei erdichteten Verhältnissen, in kernhaften Reimen [...]“ 11 .
Die erotisch bedeutende Beziehung zwischen dem Majoratsherren und Esther ergibt sich aus dem Text anhand der folgenden Merkmale:
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These 1. läßt sich folgendermaßen begründen:
Problematisch für beide Figuren ist, daß sie jeweils durch den Handel ihrer Eltern ungewollt in den Lebensraum einer anderen Figur gedrängt wurden und somit mit einer Figur zusammenleben müssen, der sie ungewollt Schaden zugefügt haben.
Esther hat ihrer Stiefmutter Vasthi geschadet, indem sie die Aufmerksamkeit und Mittel des Vaters auf sich lenkte und somit diese von seiner Ehefrau und seinen leiblichen Kindern abzog. „das war eine Pracht, wenn sie hier ankam, und die Stiefmutter Vasthi mit den jüngeren Kindern ging ihnen in Schmutz entgegen.“ 12 .
Diese scheinbare Hingabe des Stiefvaters zu Esther war allerdings weniger durch Emotionen als durch kaufmännisches Geschick begründet. Esther verstand es offenbar durch besonders gefälligen Umgang mit den Kunden, diese in den Laden zu „locken“.
„Weil sie mit ihrem Wesen dem Vater gute Käufer anlockte“ 13 . Erschwerend für Esther kommt hinzu, daß sie nicht nur in eine andere Familie, sondern auch in eine andere Kultur gedrängt wurde. Daß diese Kulturgrenze für Esther und den Majoratsherren ein Hindernis darstellt, wird auch durch die Semantisierung der Räume um Christen und Juden nahegelegt.
„Von dem Erworbenen hatte er [Leutnant] sich ein elendes finsteres Haus im schlechtesten Teile der Stadt, neben der Judengasse [...] gekauft.“ 14 .
Die Lebensräume von Esther und dem Majoratsherr sind durch die Judengasse getrennt. Diese kulturelle Grenze bezeichnet der Text als „den schwindelnden Straßenabgrund“ 15 .
Ebenso wie Esther, lebt auch der Majoratsherr in einem Umfeld, das ihm gegenüber keine Emotionen hat. „[...] und er [Majoratsherr] konnte sich denken, daß er [Leutnant] ihm eben so gleichgültig, wie dem jungen Dragoner die Pistole reichen würde, wenn er das Geheimnis des Majorats erführe.“ 16 (zur Geschichte des Dragoners vergleiche MH, S. 241). These 2. läßt sich an folgenden Textstellen belegen: Die unglückliche Tat der Eltern des Majoratsherren (Hofdame - „Der Schöne“) und Esthers (Alter Majoratsherr - Junges Fräulein) hat diese beiden Figuren in eine verkehrte Welt katapultiert. Diese Situation schlägt
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sich in deren Leben in einer „Tag-Nacht-Umkehrung [nieder]“ 17 . Dies läßt sich durch die folgenden Textpassagen nachvollziehen. „Noch berichtete der Majoratsherr, daß er gewöhnlich bei Tage schlafe und erst, wenn die Sonne im Sinken, aus dem Bette aufzustehen, und seine stille Arbeit zu betreiben pflege [...]“ 18 . Daß sich auch Esther in der Nacht wohler fühlt als am Tage, belegt zum Beispiel die Textstelle, an der das erstmalige Zusammentreffen von Majoratsherr und Esther in deren Laden geschildert wird. „auch ihre Augen schienen dem Lichte zu schwach, und verengten sich unwillkürlich, wie Blumen gegen Abend die Blätter und ihren Sonnenkelch zusammen ziehen.“ 19 .
Ein weiterer Hinweis auf Esthers Nachtpräferenz findet sich in der Szene, als sie sich, aufgewühlt vom schrecklichen Schicksal ihres Verlobten, erst erholt, nachdem es Nacht wurde (zum Schicksal ihres Verlobten in England siehe MH, S. 237).
„Er [Majoratsherr] sah Esther, die bleich und erstarrt, wie eine Tote auf ihrem Sopha lag, während der Verlobte, ein jammervoller Mensch, ihr seine unglücklichen Begebenheiten erzählte. Es wurde Licht angezündet; sie schien sich zu erholen [...]“ 20 .
These 3. läßt sich folgendermaßen belegen.
Die gleichen äußeren Umstände dieser beiden Figuren führen dazu, daß sich ab dem ersten Augenblick eine emotionale Bindung zwischen Majoratsherr und Esther ergibt. Der Majoratsherr eröffnet seine Gefühle dem Leutnant: „'Mein lieber Herr Vetter!' rief der Majoratsherr, 'diese trüben Scheiben sind meine Wonne; denn sehen Sie, durch diese eine helle Stelle seh ich einem Mädchen ins Zimmer, das mich in jeder Miene und Bewegung an meine Mutter erinnert [...]“ 21 . Die Gefühle Esthers zu dem Majoratsherren werden diesem am zweiten Abend während eins fiktiven Gesellschaftspiels Esthers offenbar, das er von seinem Zimmer aus beobachtet und belauscht. „[...][Esther zu fiktiven Gestalten] eine neue Bekanntschaft, die sie erst jetzt gemacht, ein ausgezeichneter junger Mann [...]“ 22 . Noch deutlicher wird die Liebesbeziehung zwischen Esther und dem Majoratsherren während Esthers zweitem Gesellschaftspiel, in dem auch der Majoratsherr fiktiv auftritt.
„[Esther zu fiktivem Majoratsherr] Aber Sie lieben mich, sagen Sie. Ach, ich habe Ihre Augen beim ersten Blick verstanden, aber unsre Liebe ist nicht von dieser Welt;“ 23 .
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Für die Raumsemantik um das junge Liebespaar Majoratsherr - Esther sind insbesondere die folgenden Räume interessant:
Die Bedeutung dieser beiden Räume für die erotische Beziehung zwischen Majoratsherr und Esther wird im folgenden begründet.
5.3 Erotisches Paar Esther - Majoratsherr
5.3.1 Chiffrierte Erotik
Die zögerliche Haltung bzw. die Unfähigkeit, die der Majoratsherr an den Tag legt, den trennenden Raum zu überwinden und in Esthers Zimmer einzudringen drängt den Schluß auf, daß die Liebe zwischen den beiden nicht real ist. Diese Vermutung wird auch von Esther bestätigt, die zum Majoratsherr sagt:
„aber unsre Liebe ist nicht von dieser Welt;“ 24 . Ich stelle daher die These auf, daß es sich tatsächlich nicht um eine Liebe zwischen Majoratsherr und Esther, sondern nur um eine Projektion narzißtischer Liebe des Majoratsherren auf Esther handelt. Die Liebe des Majoratsherren ist also die 7. bzw. die 8. Form der Liebe, also die solitäre, bzw. afertile Liebe (vgl. Kap. 4 ).
Die Lebensgeschichte legt den Schluß nahe, daß sowohl Esther, als auch der Majoratsherr bedingt durch die Vertauschungsaktion selbst keine Kraft zur Fortpflanzung mehr aufbringen können. Majoratsherr und Esther sind sogenannte Epigonenkinder 25 . Statt der natürlichen Fortpflanzung nimmt der Majoratsherr an seinem Tagebuch eine Art Ersatzzeugung vor. Dies läßt sich anhand der folgenden Textstellen belegen. Erstens wird vom Erzähler berichtet, daß das wichtigste im Leben des Majoratsherren dessen Tagebuch ist. „[...] und die Hauptarbeit seines Lebens, sein Tagebuch fortzuführen.“ 26 .
Eine weitere Belegstelle findet sich während Esthers Gesellschaftspiel, zum Beispiel am zweiten Abend. Hier wird berichtet, daß der Majoratsherr die Gestalten, die Esther zu ihrer Gesellschaft begrüßt, ab dem Augenblick sieht, in dem Esther ihren Namen ausspricht. Der Majoratsherr vollzieht damit einen solitären Zeugungsprozeß.
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„Im Augenblicke des Wortes stand eine zierliche Kammerjungfer vor Esther, und half ihr die Locken ausziehen und ordnen. [...] Kaum antwortete sie englisch in seinem Namen, so stand da ein langer finsterer Engländer vor ihr [...]“ 27 .
Der Majoratsherr sieht Esther also nicht als Objekt seiner Liebe, mit der er eine Familie gründen will. Vielmehr benötigt er Esther nur, um interessanten Stoff für sein Tagebuch zu produzieren. Für den Majoratsherr steht also die künstliche Produktion, die Kreativität, im Vordergrund. Die natürliche Reproduktion, die Prokreativität bzw. Fortpflanzung tritt dabei völlig in den Hintergrund 28 .
Diese These läßt sich meiner Ansicht nach weiterhin dadurch begründen, daß sich der Majoratsherr bei seiner Beobachtung des Gesellschaftsspiels genau dann nicht mehr wohlfühlt, als Esther ihn selbst in fiktiver Gestalt auftreten läßt. Wäre er sich dann auch selbst erschienen, hätte er die Kontrolle über sein Liebesspiel mit Esther verloren. „[Esther kündigt die Ankunft des Majoratsherren an] - Bei diesen Worten durchgriff eine kalte Hand den Majoratsherren. Er fürchtete sich selbst eintreten zu sehen; es war ihm, als ob er wie ein Handschuh im Herabziehen von sich selbst umgekehrt würde.“ 29 .
Schließlich läßt sich meine These daran festmachen, daß der Majoratsherr das am zweiten Abend Erlebte in seinem Tagebuch aufzeichnen will, als Esther zu Bett gegangen ist.
„[...] dann ging sie zu Bette, und er setzte sich zu seinem Tagebuche, um alles Wunderbare, so treu er vermochte, aufzuzeichnen.“ 30 .
Zwischen Majoratsherr und Esther liegt also eine durch die Eltern vorbelastete erotische Beziehung vor. Diese Vorbelastung ist dabei so groß, daß die Kindergeneration keine eigenen sozialen Kontakte aufbauen kann. Dieser Schluß läßt sich auch an den raumsemantischen Merkmalen ablesen.
5.3.2 Raumbindung
Auffällig an den beiden Figuren Esther und Majoratsherr ist, daß sie in der Handlung relativ stark an ihre Räume gebunden sind. Dies ist auffällig, da aus dem Text hervorgeht, daß diese beiden Figuren früher einmal viel gereist waren und somit über eine reiche Bildung verfügen bzw. verfügten. So berichtet der Leutntant über Esther folgendes: „sie heißt Esther, hat unten in der Gasse ihren Laden, eine gebildete Jüdin, hat sonst mit ihrem Vater [...] alle Städte
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besucht, alle vornehmen Herren bei sich gesehen, spricht alle Sprachen;“ 31 .
Der Majoratsherr behauptet von sich selbst: „[...] während ich mich den Studien und der Beschauung hingab. Ich habe meine Zeit mit großer Anstrengung genutzt, ich habe gerungen, wie keiner, ich habe erreicht, was wenigen zu Teil geworden.“ 32 .
In den vier Tagen die die Erzählzeit umfaßt, sind beide Figuren kaum in der Lage, ihre Räume zu verlassen und sich in der Außenwelt zu bewähren. Der Majoratsherr unternimmt zwar Versuche, sein Zimmer zu verlassen, diese sind allerdings niemals eine bereichernde Erfahrung. „[...] der Majoratsherr wagte in dem Lärm, in dem Dufte nicht aufzublicken.“ 33 .
Esther hingegen unterläßt sogar diese Versuche, ihren Raum zu verlassen, und holt sich statt dessen eine fiktive Gesellschaft in ihr Zimmer. „[...] und die Leute erzählen, weil nun die feinen Herren nicht mehr, wie bei ihres Vaters Lebzeiten, zu ihr kommen, daß sie sich Abends prächtig anputze, und Tee mache, als ob sie Gesellschaft sehe, und dabei in allen Sprachen rede'“ 34 . Diese Raumsemantisierung legt nahe, daß beide Figuren zu derselben Isolation und Erstarrung verurteilt sind, wie die ältere Generation Hofdame und Leutnant. Die emotionale Bindung zwischen Esther und dem Majoratsherr bietet eine Chance zur Erlösung, falls es ihnen gelingt, die räumliche Trennung zu überwinden.
5.3.3 Überwindung der räumlichen Trennung
Diesen Sprung über die kulturelle und physische Grenze kann sowohl Esther als auch der Majoratsherr wagen. Da Esther jedoch psychisch und autoritär an ihr Zimmer gebunden ist, ist es für den Majoratsherr relativ leichter, diesen Sprung zu wagen.
Die Initiative des Majoratsherren scheitert jedoch an den folgenden Gründen:
Der Majoratsherr ist physisch nicht in der Lage die Judengasse zu überspringen;
Der Majoratsherr ist zu unentschlossen, Mittel und Wege zu finden, die Judengasse zu überqueren; Die Überquerung der Judengasse bedeutet für den
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Im folgenden belege ich diese Thesen mit Textstellen.
Die physische Unfähigkeit des Majoratsherren läßt sich anhand mehrerer Textstellen belegen, zumindest nahelegen. Der auktoriale Erzähler berichtet uns vom Majoratsherren: „Aber das Springen war nicht seine Sache;“ 36 . Weiterhin läßt die Beschreibung des Majoratsherren den Schluß zu, daß dieser nicht in einer tüchtigen körperlichen Verfassung ist. „[...] ein großer, bleicher, junger Mann [...]“ 37 . Außerdem wird während der Erzählung offenkundig, daß der Majoratsherr gerade erst kürzlich von einem starken Fieberleiden geplagt war, das er auch bei Ankunft beim Vetter noch nicht völlig auskuriert hat. „[...] hierher zu gehen, wo er seine Ruhe finden werde, nachdem ihm ein heftiges Fieber um seine Gesundheit gebracht hat.“ 38 . Die zweite These, der Majoratsherr sei zu unentschlossen, läßt sich an folgenden Textstellen belegen. Nach seiner Unterredung mit seiner leiblichen Mutter, der Hofdame, die ihm die Auflage macht, eine Entscheidung vierundzwanzig Stunden aufzuschieben, berichtet der Erzähler:
„Der Majoratsherr war froh, daß er in vierundzwanzig Stunden zu keinem Entschluß kommen brauchte [...]“ 39 . Am dritten Abend sagt Esther während ihrer allabendlichen fiktiven Gesellschaftsveranstaltung:
„der Majoratsherr wird sich immerdar zu lange in Unschlüssigkeit bedenken, ehe er etwas für mich tut [...]“ 40 . Die dritte These, die Überquerung der Judengasse bedeutet für den Majoratsherren den Tod, läßt sich anhand der Begebenheit am Ende des ersten Gesellschaftspiels belegen. Als Esther eingeschlafen ist, beobachtet er wie die Figur seiner Mutter eine Lichtgestalt von „der Stirn des Mädchens“ 41 aufhebt und über den Abgrund der Judengasse zu ihm hinüberträgt.
„[...] in welchem ihm dagegen die Gestalt seiner Mutter erschien, die von der Stirn des Mädchens eine kleine geflügelte Lichtgestalt aufhob, und in ihre Arme nahm, - [...] es dann aber über den schwindelnden Staßenabgrund, dicht an das Auge des Staunenden [Majoratsherr] trug, der Esthers verklärte Züge in der Lichtgestalt deutlich erblickte 42 .
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Daß die Mutter des Majoratsherren, eigentlich die Pflegemutter, für diesen mit der Gestalt des Todesengels in Verbindung gebracht werden kann, ergibt sich aus einer späteren Textpassage. „Wo bist Du schöner Todesengel, Abbild meiner Mutter!“ 43 . Gegen diese Thesen, daß der Majoratsherr den Raum der Judengasse nicht überqueren kann, spricht, daß er tagsüber durchaus das jüdische Viertel betreten kann. Dies zeigt sich zum Beispiel an dem Tag, an dem er den Laden Esthers betritt 44 .
Diese Fähigkeit erscheint jedoch irrelevant, da der Majoratsherr durch sein besonderes Schicksal, wie oben gezeigt, einer Tag-Nacht-Umkehrung unterliegt. Für ihn ist daher nur entscheidend, was er in der Nacht vollbringt.
Daß seine Bemühungen, die Judengasse in seinem Lebensraum, der Nacht, zu überwinden, grundsätzlich scheitern, zeigt sich in der Textpassage, als der Majoratsherr trotz seines Beschlusses, zu Esther zu eilen, es nicht vermag, das Haus des Vetters zu verlassen 45 . Anstatt die Haustüre zu finden verläuft er sich im Erdgeschoß und Dachboden des Vetters.
5.3.4 Gescheiterte Raumüberwindung
Nachdem der Majoratsherr beobachtet hat, wie Esthers Stiefmutter, Vasthi, Esther erwürgt hat, gelingt ihm letztendlich der Sprung. Dieser Sprung geschieht jedoch nicht im Bewußtsein des Majoratsherren und zweitens zu spät, um sich mit Esther zu vereinigen und sich und Esther damit zu retten. „[...] und mit einem Schrei [...] sprang er, seiner selbst unbewußt, auf das Fenster, und glücklich hinüber in das offene Fenster der Esther.“ 46 .
Zu diesem Zeitpunkt ist jedoch Esther bereits tot. Mit dem Eintreten dieses Zustandes entfällt auch die Bedeutung von Esthers Zimmer als ihre erotische Sphäre. Der Majoratsherr springt also vielmehr in den Raum des Todes 47 .
Durch diesen verspäteten Sprung gelingt es dem Majoratsherr also nicht mehr, seinem Schicksal eine positive Wendung zu geben, indem er sich mit Esther vereinigt hätte. Statt dessen überläßt er es Vasthi, das Schicksal Esthers auszuführen.
„[...] damit sie von der Stiefmutter nicht zu Tode gequält würde; aber das läßt sich die alte Vasthi doch nicht nehmen.“ 48 . Mit dem Tod Esthers steht auch das Schicksal des Majoratsherren fest. Da
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er ohnehin dem täglichen Leben nicht gewachsen ist 49 , kann er dieses ohne Esther auf keinen Fall bestehen. Für ihn bedeutet der Tod aber eine Erlösung. Ausgehend vom Betragen des Majoratsherren muß davon ausgegangen werden, daß diese Form der Erlösung für ihn angenehmer ist als eine Vereinigung mit Esther gewesen wäre. „[...] und auch ich [Majoratsherr] werde meinen Himmel, die Ruhe und Unbeweglichkeit des ewigen Blaus finden, das mich aufnimmt in seiner Unendlichkeit, sein jüngstes Kind, wie seine Erstgeborenen, all in gleicher Seligkeit!“ 50 .
6 Erotisches Paar Hofdame - Vetter
6.1 Chiffrierte Erotik
Die Beziehung zwischen Leutnant und Hofdame läßt den Schluß zu, daß es sich zwischen den beiden um die Form der asymmetrischen Liebe handelt (vgl. Kap. 4 ). Der Leutnant ist Opfer seiner blinden Liebe, die ihn die Verstellung der Hofdame nicht erkennen läßt. Kaum ist diese Liebe realisiert wird er das Opfer seiner Frau, die ihm psychisch wie physisch zusetzt. Diese durchgängige Täter - Opfer Beziehung kann an raumsemantischen Merkmalen der Erzählung abgelesen werden.
6.1.1 Räume der Figuren Leutnant und Hofdame
Die Freiheitsgrade, in denen sich die Figuren Leutnant und Hofdame bewegen können, sind deutlich größer als bei den räumlich stark gebundenen Figuren Majoratsherr und Esther.
Nimmt man das oben zur Raummetonymik Gesagte zur Hilfe, liegt es nahe, die zu untersuchenden Räume um die beiden Figuren Hofdame und Leutnant enger zu ziehen. Im einzelnen sind dies: Kleidung des Leutnants Haus des Leutnants Schminke der Hofdame Majoratshaus
6.1.2 Raummerkmale Leutnant und Hofdame
Über die Kleidung des Leutnants berichtet der Text das Folgende: „Es schien ihm nämlich völlig unbekannt, daß der Kleiderschnitt sich in den dreißig Jahre, die seitdem verflossen, gar sehr verändert hatte. Etwas stärker mochte das Tuch damals wohl
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noch gearbeitet werden, das zeigten jetzt die mächtigen
wohlgedrehten Fäden, nachdem die Wolle abgetragen war. Der rote Kragen war schon mehr verdorben, und gleichsam lackiert. Die Knöpfe aber hatten die Kupferröte seiner Nase angenommen.“ 51 .
Aus dieser Beschreibung geht hervor, daß sich der Leutnant die letzten dreißig Jahre in einer Verstarrung befunden hatte, die sich nach außen hin in der aufgetragenen Kleidung zeigt. Seine Identifikation mit seiner Kleidung geht dabei so weit, daß die Knöpfe bereits „die Kupferröte seiner Nase angenommen“ 52 haben.
Auch sein weiteres räumliches Verhalten deutet auf eine Verstarrung der Gewohnheiten hin. Seinen ritualisierten Spaziergang durch die Stadt, vorbei an den wichtigen Punkten seines Lebens, Majoratshaus und Hofdame, führt er mit solch gewissenhafter Sorgfalt durch, daß die Bewohner die Uhr nach ihm stellen.
„[...] wie dieser alte rotnasige Herr, der gleich dem eisernen Ritter an der Rathausuhr durch sein Heraustreten, noch ehe die Glocke angeschlagen, den Knaben zu Erinnerung der Schulstunde diente, den älteren Bürgern aber als wandernde Probeuhr, um ihre hölzernen Kuckucksuhren darnach zu stellen.“ 53 . Die Kleidung und die Gewohnheiten haben den Leutnant seit seinem vergeblichen Bemühen um die Hofdame begleitet. Ihre Erstarrung kann also darauf hindeuten, daß ebenso die Gefühle für die Hofdame seit dreißig Jahren unverändert stark sind. Diese Behauptung wird auch durch den Text belegt, wie weiter oben bereits gezeigt wurde (vgl. S. 9). Die Erstarrung des Leutnants schlägt sich aber auch in seinem militärischen Verhalten in Bezug auf Ordentlichkeit nieder. Selbst wenn die Uniform bereits ausgetragen ist, trägt er sie mit der gleichen korrekten Vollständigkeit wie zu seiner Armeezeit. Selbst das fast durchgerissene Portépée behält er korrekt an seinem Platz. „Das Bedenklichste des ganzen Anzugs war aber das Protépée, weil es nur mit einem Faden am Schwerte, wie das Schwert über dem Haupte des Tyrannen am Haare hing.“ 54 .
Der Vergleich des Portépées mit dem Damoklesschwert läßt aus Sicht der Raummetonymik den Schluß zu, daß das Leben des Leutnants seit jenem Zweikampf mit „Dem Schönen“, bei dem das Portépée beschädigt wurde, latent in Gefahr ist.
Ebenso schäbig aber korrekt wie seine Kleidung ist auch das Haus des Vetters, das wie oben erwähnt im schlechtesten Teil der Stadt gelegen ist.
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Erotik in „Die Majoratsherren“
Über das innere im Haus des Vetters berichtet der Text folgendes: „[...] die er dabei in einer Ordnung erhielt, und in einer Einsamkeit, daß niemand wußte, wie es eigentlich darin aussehe.“ 55 .
Ebenso wie der Leutnant sein Inneres gegenüber der Außenwelt verborgen hält, verbirgt die Hofdame ihren Haß auf den Leutnant hinter einem Schleier von Verstellung. Diese Verstellung kann als raummetonymischer Aspekt an ihrer auffälligen Schminke abgelesen werden. „Andern Leuten schien dies starre, in weiß und rot mit blauen Adern gemalte Antlitz [...] eher wie ein seltsames Wirtsschild.“ 56 . Der Vergleich mit einem Wirtsschild ist insofern interessant, indem er einen Bezug zu der Wappensammlung des Leutnants herstellt.
6.1.3 Semantisierung der Räume um Leutnant und Hofdame
Eine Wende im Leben des Leutnants stellt sich ein, als der Majoratsherr seine Absicht, zum Leutnant zu ziehen, mitteilt und dem Vetter hierfür einen Teil seines Vermögens übergibt 57 . Daß die Ankunft des Majoratsherren für den Leutnant von besonderer Bedeutung sein wird, kann als raummetonymischer Aspekt an der Veränderung seiner Kleidung gesehen werden. „Diese Außerordentlichkeit war aber diesmal der Leutnant, oder vielmehr sein vom Frühling verjüngtes Laub. Ein neuer moderner Hut mit einer Feder, statt der Wolle, ein glänzendes Degengehenk, eine neue Uniform mit geschmälerten Rockschößen, verkürzten Taschen an der Weste, und neue schwarze Sammethosen verkündeten eine neue Periode der Weltgeschichte.“ 58 .
Der Leutnant ergreift also bedenkenlos die Chance, sich sozial zu verbessern. Seinen auffälligsten Hinweis auf die weitreichenden Folgen des Zweikampfes, das lose Portépée, ersetzt er dabei leichtfertig durch ein neues, „glänzendes Degengehenk“.
Die „neue Periode der Weltgeschichte“ macht sich für den Leutnant an seinem geänderten Verhältnis zum Majoratshaus deutlich, in dem sich sein Schicksal endgültig vollzieht.
Durfte der Leutnant zu Beginn der Erzählung dieses Majoratshaus nicht betreten...
„So ging täglich vor dem Majoratsgebäude zu bestimmter Stunde ein Vetter des jetzigen Besitzers, ihm durch dreißig Jahre überlegen, aber an Vermögen ihm sehr untergeordnet, mit
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Erotik in „Die Majoratsherren“
ernsten Schritten vorbei, und schüttelte den Kopf [...]“ 59 . ... wird ihm zum Schluß der Erzählung dieses Haus zur Falle, in der ihn die Hofdame unerbittlich gefangen hält. „[...] und am andern Tage wurde das Haus mit einem hohen eisernen Gitter umgeben, so daß niemand mehr diesen Heimlichkeiten zusehen konnte.“ 60 .
Die Vorhersage des Erzählers zu Beginn der Erzählung scheint sich also für den Leutnant voll zu erfüllen.
„Überhaupt schien das Majorat wenig Segen zu bringen, denn die reichen Besitzer waren selten ihres Reichtums froh geworden, während die Nichtbesitzer mit Neid zu ihnen aufblickten.“ 61 . Kaum waren seine beiden sehnlichsten Wünsche erfüllt, erstens das Eigentum am Majoratshause zu erhalten, zweitens seine geliebte Hofdame zu heiraten, steuert sein Schicksal, die Hofdame, dem Abgrund entgegen. Alles was das Leben des Leutnants sonst noch für ihn besonders gemacht hat, opfert die Hofdame dem Willen ihrer Hunde. Sie läßt zu, daß diese die gepflegte Wappensammlung zerstören und verstellt die Uhren, die dem Leutnant immer den Beginn seines Spazierganges angezeigt hatten, nach dem Appetit der Hunde.
„Auch mit der Ordnung seiner Zeit hatte es ein Ende, denn die Frau verstellte und verdrehte ihm alle Uhren, wenn die Hunde zum Mittagessen früher ein Lusten bezeigten.“ 62 . Obwohl er nun formal Besitz vom Majoratshaus ergriffen hat, kann er sich innerhalb dieses Hauses nicht behaupten. Die Hofdame, die ihr Opfer nun kaltblütig für ihr erlittenes Unrecht büßen läßt, vertreibt ihn aus den Zimmern des Majoratshauses in den Dachboden. „Die Frau [...] trieb ihn [...] aus allen guten Zimmern des großen Hauses auf ein Bodenzimmer, um ihre neuen Kolonien von Hunderassen aller Art in den Prachtzimmern wohl unterzubringen.“ 63 .
Diese Entwürdigung seiner Person verletzt seine Ehre derart, daß ihm nun die äußere Welt aus Scham verschlossen bleibt. „Ungeachtet seiner Ehrenstellen wagte er sich unter solchen beschämenden Umständen nicht in die Welt [...]“ 64 .
7 Fazit
Das oben Gesagte läßt den Schluß zu, daß in Arnims Erzählung „Die Majoratsherren“ die Raummetonymik als Mittel eingesetzt wird, erotische
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Erotik in „Die Majoratsherren“
Beziehungen zu chiffrieren.
Besonders chiffriert ist dabei die solitäre Liebe des Majoratsherren. Das eigentliche Desinteresse an Esther kann an den Raummerkmalen schlüssig abgelesen werden, während oberflächlich eine starke emtionale Bindung zu Esther beschrieben wird.
Die Beziehung zwischen dem Leutnant und der Hofdame wird auch im oberflächlich gelesenen Text als die tatsächliche Täter-Opfer Beziehung dargestellt. Hier wird die Raummetonymik weniger zur Chiffrierung als zur subtilen Unterstreichung der Verhaltensweisen eingesetzt.
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8 Literaturverzeichnis
1 vgl. Achim von Arnim: Sämtliche Erzählungen, a. a. O., S. 1034 - 1040 2 E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke. Dritter Band. Die Serapionsbrüder. Berlin 1958, S. 39 - 67 3 vgl. Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Die Leute von Seldwyla. Stuttgart 1993 (RUB 6179), S.75 4 vgl. E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober. Stuttgart 1985 (RUB 306) 5 vgl. Achim von Arnim: Die Majoratsherren. In: Achim von Arnim: Erzählungen. Herausgegeben von Gisela Henckmann. Stuttgart 1991. (RUB 1505 [5]), S. 211 - 251, im folgenden mit MH abgekürzt. 6 s. MH, S. 212 7 s. MH, S. 216 8 s. MH, S. 232 9 s. MH, S. 232 10 s. MH, S. 235 11 s. MH, S. 214 12 s. MH, S. 217 13 s. MH, S. 217 14 s. MH, S. 214 15 s. MH, S. 223 16 s. MH, S. 242 17 s. Hallstein Patricia: Die Zeitstruktur in narrativen Texten am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns „Das Majorat“ und Achim von Arnims „Die Majoratsherren“, S. 149 18 s. MH, S. 221 19 s. MH, S. 227 20 s. MH, S. 237 21 s. MH, S. 217 22 s. MH, S. 231 23 s. MH, S. 233 24 s. MH, S. 233 25 vgl. Hoffmann, Volker: Künstliche Zeugung und Zeugung von Kunst im Erzählwerk Achim von Arnims, S. 165 26 s. MH, S. 222 27 s. MH, S. 231 28 vgl. Hoffmann, Volker: Künstliche Zeugung und Zeugung von Kunst im Erzählwerk Achim von Arnims, S. 160 29 s. MH, S. 231 30 s. MH, S. 233 31 s. MH, S. 217 32 s. MH, S. 218 33 s. MH, S. 226 34 s. MH, S. 228 35 vgl. Hallstein Patricia: Die Zeitstruktur in narrativen Texten am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns „Das Majorat“ und Achim von Arnims „Die Majoratsherren“, S. 153 36 s. MH, S. 222 37 s. MH, S. 216 38 s. MH, S. 215 39 s. MH, S. 236 40 s. MH, S. 238 41 s. MH, S. 222 42 s. MH, S. 222f 43 s. MH, S. 245 44 s. MH, S. 226f 45 s. MH, S. 239f 46 s. MH, S. 247
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47 s. MH, S. 247 48 s. MH, S. 217 49 s. MH, S. 218 50 s. MH, S. 247 51 s. MH, S. 213 52 s. MH, S. 213 53 s. MH, S. 213 54 s. MH, S. 213 55 s. MH, S. 214 56 s. MH, S. 215 57 s. MH, S. 215 58 s. MH, S. 215 59 s. MH, S. 212 60 s. MH, S. 250 61 s. MH, S. 212 62 s. MH, S. 249 63 s. MH, S. 249 64 s. MH, S. 249
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Christof Stotko, 2000, Erotische Raummetonymik in Achim v. Arnims Die Majoratsherren, München, GRIN Verlag GmbH
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