Studienseminar für das Lehramt
für die Sekundarstufe II
Wuppertal I
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen des Zweiten Staatsexamens
für das Lehramt an Gymnasien gemäß OVP §58
Überlegungen zur ,,Moderatorenrolle" des Lehrers aus konstruktivistischer
Sicht im Zusammenhang eines Unterrichtsversuches zum Thema Fernsehen
im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I
Vorgelegt von:
Jörg Redlich, StRef.
Inhalt
1 Einleitung
... 1
2 Konstruktivismus
... 4
2.1 Konstruktivismus als wissenschaftliches Paradigma... 5
2.2 Didaktischer Konstruktivismus... 8
2.2.3 Lernen...10
2.2.4 Lehren...11
2.3 Konstruktivismus in der Deutschdidaktik... 13
3 Medientheorie
... 15
3.1 Konstruktivistische Medientheorie...16
3.1.1 Wirklichkeiten... 17
3.1.2 Kommunikationen als Wirklichkeitsdefinitoren...1 8
3.1.3 Massenmedien als Wirklichkeitsdefinitoren... 19
3.2 Medienkompetenz... 20
3.3 Fernsehen als Thema im Unterricht... 22
4 Moderation
...24
4.1 Das Gespräch... 24
4.2 Der Moderator...26
4.2.1 Besonderheiten in der Sekundarstufe I...2 8
4.3 Ein Unterrichtsgespräch über medienvermittelte Realitäten...30
Literatur
... 34
Erklärung
...36
Mit Selbstverständlichkeit produzieren wir die erstaunlichste geistige
Akrobatik, blicken, zum Beispiel, minutenlang stumm auf ein weißes
Blatt Papier, das mit Krähenfüßen über und über beschmutzt ist, sprin-
gen dann plötzlich auf und überschütten einen gegenwärtigen Nach-
barn mit Zisch- und Grunzlauten, die etwa durch die folgende Reihe von
Krähenfüßen wiedergegeben werden könnten: ,,Hast du das schon in
der Zeitung gelesen!?" (Heinz von Foerster)
1
1 Einleitung
Anlass zur Themenwahl dieser Hausarbeit war die zunehmende Irritation über
das, was eigentlich im Unterricht hinsichtlich der Vermittlung und Verarbei-
tung von ,Wissen` prinzipiell passiert: Nämlich meistens Unvorhersehbares.
Das, was ich als Unterrichtender an Stoffen didaktisch reduziere und in mög-
lichst lebensnahe Themen transformiere, wird wenn überhaupt anders als
von mir gedacht zurückgespiegelt. Es scheint, als führten Informationen ein
mitunter kauziges Eigenleben, werden sie erst in das ,Feld` des Unterrichts
freigelassen. Insbesondere in offenen Unterrichtskonzepten wird diese Er-
scheinung deutlich sind diese produktions- oder prozessorientiert, ist dies
meist wünschenswert und geplant, demgemäß werden solche Unterrichts-
phasen häufig auch mit Attributen wie ,kreativ`, ,schöpferisch` und ,muss
auch mal sein das wirkt motivierend` versehen, was m.E. nichts anderes be-
deutet als die Ansicht, dass solche Prozesse nicht bewertbar seien und
,stofflich` hier eigentlich nichts vermittelt werde.
Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, inwieweit die Haltung des
Lehrers zu den im Unterricht stattfindenden Prozessen diese Ansicht verän-
dern kann, d.h. ob die Vorstellung, ,offene`, prozess- und produktionsorientier-
te Unterrichtsverfahren stellten einen nicht vereinbaren Gegensatz zur Ver-
mittlung von harten ,Fakten` dar, nicht auch abhängig von einer Grundhaltung
des Lehrers sein kann. In meiner bisherigen Praxis stieß ich u.a. deswegen auf
diese Frage, da sie mir auch von Schülern unausgesprochen angetragen wur-
de: Alle Unterrichtsarrangements, die die Schüleraktivität hinsichtlich eines
Prozesses oder Produktes ansprachen, führten zu reger, interessegeleiteter
Arbeit, deren Artifizialität, aber auch Qualität für mich meistens erstaunlich
war. Ging es darum, ,Offenheit` in traditionelleren Arbeitsformen wie zum Bei-
1
VON FOERSTER, H.: Lethologie Eine Theorie des Erlernens und Erwissens angesichts von
Unwißbarem, Unbestimmbarem und Unentscheidbarem. In: VOß, R.: Die Schule neu erfinden
Systemisch-konstruktivistische Annäherungen an Schule und Pädagogik. Neuwied 1999, S.
18.
1
spiel in Unterrichtsgesprächen anzudenken, stießen häufig verschiedene of-
fensichtlich nicht reflektierte Auffassungen über das, was dort zu geschehen
habe, aufeinander. Schülerorientierte Unterrichtskonzepte favorisierend, ver-
suchte ich ,intuitiv` auch Unterrichtsgespräche inhaltlich wie kommunikativ
auf die Schüler zu richten. Dennoch zirkelten sich viele Gespräche letzten En-
des immer wieder darauf ein, was ich denn als Lehrer, Vermittler und Kenner
des ,Wissens` den Schülern zu sagen hätte. Gesprächsituationen, die durch
Zurücknahme der Lehrerdominanz gekennzeichnet waren, wurden zwar viel-
fach als ,nett`, als Vorbereitung für die nächste Klassenarbeit aber als irrele-
vant verstanden.
Eine erste Möglichkeit, die vermeintliche Verschiedenheit der Arbeitsformen
aufzuschlüsseln, sehe ich in der Bezugnahme auf die Grundlegung von pro-
zess- und produktionsorientierten Verfahren. In diesem Zusammenhang sind
häufig konstruktivistische Überlegungen vorzufinden, was mich dazu veran-
lasst, in dieser Arbeit eine konstruktivistische Haltung auch auf den Bereich
der Gesprächsführung oder breiter gefasst auf den Bereich der Moderation zu
übertragen. Zwingend wird dieses Ansinnen für mich, wenn ich ein
,traditionell` durchgeführtes Unterrichtsvorhaben zum Thema Fernsehen in ei-
ner neunten Klasse, die ich im Rahmen des bedarfsdeckenden Unterrichts
selbstständig unterrichtete, reflektiere. Denn die aktuelle Medientheorie ist
nach der Manipulationsdebatte der sechziger und siebziger Jahre in allen Be-
reichen zunehmend konstruktivistisch beeinflusst. Daher wurde sozusagen
,doppelt` deutlich, dass es auch im Unterricht immer um Konstruktionen von
Wirklichkeit geht für mich als Unterrichtenden gilt es daher, diese Implikati-
onen auch didaktisch verwertbar zu machen.
Aus dieser Perspektive erscheint meine eingangs gestellte Frage in neuem
Licht: kann eine konstruktivistische Haltung zur Moderatorenrolle die Diskre-
panz zwischen Schülerorientierung und Wissensvermittlung erhellen, wenn
nicht sogar auflösen? Im Einzelnen geht es dabei darum, den Begriff
,Konstruktivismus` generell und didaktisch zu beleuchten, die konstruktivisti-
schen Implikationen der Medientheorie aufzuzeigen, um diese mit einem ent-
sprechenden Unterrichtsvorhaben in Zusammenhang zu denken und die Mo-
deratorenrolle in Beziehung zu beiden Bereichen zu setzen, wobei ich den Fo-
kus auf eine Gesprächsorientierung im Unterricht richte. Das Ergebnis dieser
Arbeit kann dabei nur eine erste Näherung an so etwas wie eine konstruktivis-
tische ,Haltung` sein hier im Besonderen im Hinblick auf eine so orientierte
2
Rollendefinition in gesprächsdominierten Unterrichtsphasen. Konstruktivis-
tische Auffassungen führen m.E. nicht zwingend zur Ausschließlichkeit ein-
zelner Methoden oder Inhalte, vielmehr sind sie in der Lage, Bekanntes und
bereits Praktiziertes ,mit einem Auge mehr` zu sehen.
In Bezug auf die Lehrerfunktionen sind diese Überlegungen im Zusammen-
hang mit dem ,Innovieren` des Rollenverständnisses des Lehrers und daraus
folgend auch des Unterrichts selbst zu sehen. Darüber hinaus wird an einigen
Stellen deutlich, dass konstruktivistische Ansichten auch eine wichtige Be-
deutung für den Bereich des ,Erziehens` haben, insbesondere dann, wenn
durch die Relativität von ,Wissen` die Bedeutung der Ausbildung von Mündig-
keit in den Vordergrund tritt. Da es sich bei den vorliegenden Ausführungen
um Konzeptualisierungen handelt, die in Teilen auf der Reflexion von Unter-
richt beruhen, wird ebenso die Funktion des ,Evaluierens` berührt. Der Dimen-
sion des ,Unterrichtens` kann in einer Arbeit dieser Art letztlich nicht ausgewi-
chen werden.
Als letztes sei hier noch darauf hingewiesen, dass ich sprachliche Genera
als rein grammatische verwende, bei den Formulierungen ,Schüler` und
,Lehrer` sind die jeweils weiblichen Formen also mitgedacht.
3
2 Konstruktivismus
Der Begriff ,Konstruktivismus` animiert aus meinen Alltagsbeobachtungen
heraus in der Regel entweder zu diffuser Ablehnung oder euphorischer Annah-
me. Dabei ist in den meisten Fällen überhaupt nicht klar, was diese Chiffre ge-
nau bedeutet bzw. bedeuten kann. Daher ist es an dieser Stelle angebracht,
meine Rezeption des Begriffes und so etwas wie ,meinen Fokus` auf die De-
batte darzustellen, der verdeutlicht, inwiefern die Implikationen des Begriffes
für meine persönliche praktisch-didaktische Genese bedeutsam sind. Wie im-
mer bei Bezugnahmen auf eine Gemengelage von theoretischen Schulen, die
im Dreiecksverhältnis zwischen Theorie, Praxis und praxisorientierter persön-
licher Rezeption stehen, und gleichzeitiger Ablehnung der Übernahme einer
einzigen bestimmten Richtung bin ich mir der Gefahr des Eklektizismus be-
wusst. Bei der Fülle der wissenschaftlichen Disziplinen, die konstruktivisti-
sche Perspektiven produzieren, scheint mir dies aber der einzig angebrachte
Weg, um die Chancen der vorhandenen Interdisziplinarität nutzbar machen zu
können. Mit anderen Worten gesagt, halte ich das Phänomen
,Konstruktivismus` nur für greifbar, wenn möglichst häufig der ,Blick über den
Tellerrand` gewagt wird.
,Konstruktivismus` ist demnach eine Art wissenschaftlicher, für den Prakti-
ker durchaus auch alltagshypothetischer Grundhaltung, die in den letzten
Jahren zunehmend häufiger rezipiert wird. Einer bestimmten wissenschaftli-
chen Disziplin lässt sich diese Haltung dabei nicht zuordnen. Vielmehr ver-
sammeln sich darunter eine ganze Reihe Arbeiten aus verschiedenen wissen-
schaftlichen Fachbereichen:
2
Neben Anstößen aus der Philosophie einschließ-
lich Erkenntnistheorie bezieht der Konstruktivismus in jüngerer Zeit Impulse
aus der Biologie, insbesondere der Evolutions- und Neurobiologie, anknüp-
fend daran aus der Psychologie, vor allem aus der Kognitionspsychologie im
Fahrwasser der Arbeiten Jean Piagets. Als epizentrisch für konstruktivisti-
sches Denken können durch ihre den Konstruktivismusbegriff prägende Kraft
die kommunikationstheoretischen Arbeiten von Heinz von Foerster und Paul
Watzlawick bezeichnet werden.
Neben diesen ausgewiesen als konstruktivistisch zu etikettierenden Arbei-
ten müssen auch solche bedacht werden, die üblicherweise dem so genann-
ten systemtheoretischen Ansatz verpflichtet sind. Die Vokabeln ,Systemthe-
2
Vgl. hierzu und im Folgenden MERTEN, K./SCHMIDT, S./WEISCHENBERG, S.: Die Wirklich-
keit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994, S. 4 ff.
4
orie` und ,Konstruktivismus` werden häufig zu Recht in einem Atemzug ge-
nannt
3
, da beide Perspektiven jeweils für den anderen Bereich (wenn man sie
denn trennen will) grundsätzliche Voraussetzungen schaffen: Die systemthe-
oretisch postulierte Abgeschlossenheit von Systemen beispielsweise bedingt
die Notwendigkeit der Konstruktion von Realität umgekehrt zwingt der Kon-
struktionsgedanke dazu, eine analoge Koppelung zwischen Individuum und
Umwelt auszuschließen, führt also wieder zur Abgeschlossenheit von (per-
sonalen) Systemen
4
. Ähnlich disziplinübergreifend können hier ausschnitts-
weise der kybernetisch-informationstheoretische Ansatz von Norbert Wiener
u.a., die biologisch-ökologische Systemtheorie von Ludwig von Bertalanffy
und James G. Miller, Selbstorganisationstheorien von Humberto Maturana
und Francisco Varela sowie die soziologische Systemtheorie von Niklas Luh-
mann genannt werden.
2.1 Konstruktivismus als wissenschaftliches Paradigma
Die grundlegende Idee des konstruktivistischen Paradigmas, das sich durch
eben beinahe alle Fachbereiche zieht, kann etwa folgendermaßen gefasst wer-
den: Während man traditionell annahm, dass sich die Wahrheit abbildhaft
oder als Korrespondenz im Wissen oder der Wahrnehmung, die vom Wissen
strukturiert wird, darstellen lasse, geht der Konstruktivismus davon aus, dass
es Wahrheit in diesem Sinne gar nicht geben kann, da jede Erkenntnis nur eine
Anpassung des Wissbaren an unsere Erkenntnismittel darstellt. Auf die Er-
kenntnisfähigkeit von Individuen bezogen hat hier insbesondere die Kogniti-
onspsychologie im Anschluss an Piaget dem Konstruktivismus Vorschub
geleistet, indem sie die Erkenntnismittel als kognitive Strukturen beschreibt,
die Umwelt nur durch einen Kreisprozess von Assimilation und Akkommoda-
tion
5
erfassbar machen. Systemtheoretisch bedeutet das in etwa, dass das
Individuum bzw. das personale System nur mit sich selbst in Kontakt tritt und
lediglich sensorisch gewonnene Umweltinformationen mit den bereitstehen-
3
Vgl. z.B. den Untertitel des Sammelbandes von VOß, R. (Hrsg.): Die Schule neu erfinden
Systemisch-konstruktivistische Annäherungen an Schule und Pädagogik. Neuwied 1999.
4
Analog zu traditionellen Bezeichnungen wie ,Subjekt` oder ,Individuum` sprechen Systemthe-
oretiker von ,personalen` oder ,psychischen` Systemen. Vgl. auch LUHMANN, N.: Soziale Sys-
teme Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main 1996, S.155.
5
,Assimilation` und ,Akkommodation` sind nach Piaget die beiden grundsätzlichen Funktionen
von Organismen jeglicher Art, die sowohl organisch-evolutionär als auch kognitiv den Prozess
der Adaption ausmachen. Dieser wird angeregt durch die so genannte ,Äquilibration`, die
nichts anderes beschreibt als das permanente Bestreben von Organismen, die beiden Teilpro-
zesse der Adaption im Gleichgewicht zu halten. Vgl. dazu GINSBURG, H. P. / OPPER, S.: Pia-
gets Theorie der geistigen Entwicklung. Stuttgart 1989.
5
den Mitteln, den kognitiven Strukturen im Sinne der Kognitionspsychologen,
zu einer eigenständigen Interpretation bzw. Konstruktion von Umwelt, Wahr-
heit usw. verarbeitet
6
. In dieser Ansicht sehen sich die Systemtheoretiker mitt-
lerweile auch durch die Neurophysiologie bestärkt: ,,Das gesamte Nervensys-
tem beobachtet ja nur die wechselnden Zustände des eigenen Organismus
und nichts, was außerhalb stattfindet."
7
Wahrheit ist somit eine Konstruktion. Sie passt das Erkannte an die Er-
kenntniskategorien an, oder anders gesagt: das Erkannte hat außerhalb un-
serer kognitiven Erkenntnismittel keinen Wert, kann außerhalb ihrer nicht ge-
dacht werden und somit keiner Realitätsprüfung standhalten. Dies ist, in Pa-
renthese gesprochen, keine so neue Erkenntnis, denn bereits Kant hat das für
uns nicht erkennbare ,Ding-an-sich` von den uns zugänglichen, durch unsere
sinnlichen und verstandesmäßigen Kategorien erst in Form gebrachten Er-
kenntnissen, abgegrenzt. Kant hat sich jedoch noch auf apriorische Formen
der Erkenntnis berufen, während die Konstruktivisten davon ausgehen, dass
es eine Geschichte der individuellen und kollektiven Konstruktion gibt, die
dann das in Zukunft Konstruierte einschränken, weil Gemachtes immer auf
schon Gemachtem beruht und das Folgende beeinflusst. Wir bauen also nach
und nach ein Bewusstsein auf, das in eine ungeordnete Welt Regelmäßigkei-
ten, Ordnungen, Ähnlichkeiten, Kausalitäten usw. hineinbringt, die Erfahrun-
gen gewissermaßen assimilieren. So gelingt es, bis an unsere Grenzen zu ge-
langen, aber kaum darüber hinaus:
Die Möglichkeiten, so eine Ordnung zu konstruieren, werden stets durch
die vorhergehenden Schritte der Konstruktion bestimmt. Das heißt,
dass die wirkliche Welt sich ausschließlich dort offenbart, wo unsere
Konstruktionen scheitern. Da wir aber das Scheitern immer nur in eben
jenen Begriffen beschreiben und erklären können, die wir zum Bau der
scheiternden Strukturen verwendet haben, kann es uns niemals ein Bild
der Welt vermitteln, die wir für das Scheitern verantwortlich machen
könnten.
8
Das konstruktivistische Paradigma erschöpft sich aber nicht nur im Übergriff
auf die bisher genannten Bereiche. Neben den Schnittstellen zur Biologie wird
6
Im systemtheoretischen Vokabular gesprochen wird an dieser Stelle die so genannte ,Selbst-
referentialität` von Systemen deutlich. Dieser Begriff beschreibt aber mehr als nur Erkenntnis-
prozesse. Er steht für jede Art zirkulärer Prozesse, die innerhalb von Systemen stattfinden. Der
Begriff benennt die konstruktivistische Vorstellung, dass Systeme immer nur auf die Konstitu-
enten ihrer selbst Bezug, also ,Referenz`, nehmen können.
7
LUHMANN, N.: Soziologische Aufklärung 5 Konstruktivistische Perspektiven. Opladen1990,
S. 46.
8
VON GLASERSFELD, E.: Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: WATZLAWICK,
P.: Die erfundene Wirklichkeit. München 1981, S. 37. Orthographie im Original.
6
es auch durch Befunde der ,harten` Naturwissenschaften gestärkt. Seit der
Heisenbergschen Unschärferelation hat die Physik die traditionelle Auffas-
sung, dass es letzte Bausteine geben müsse, auf denen alles Natürliche ba-
siere, und dass es experimentell möglich sei, deren Zustand und Lage mes-
sen zu können, fallen lassen müssen.
9
,,Seit Heisenberg gilt: Zwei physikali-
sche Größen wie Ort und Impuls eines Teilchens können konstitutiv nicht
gleichzeitig genau gemessen werden, da im atomaren Bereich durch die Mes-
sung eines Phänomens immer zugleich eine Veränderung des gemessenen
Phänomens bewirkt wird."
10
Daraus resultieren zwei Schlussfolgerungen, die auch für nicht naturwis-
senschaftliche Überlegungen äußerst relevant sind: Zum einen ist letztendlich
eine objektive Beobachtung von Natur nicht möglich. Daher scheint es aus-
sichtslos, eine archimedische
11
Position des Beobachtens einnehmen zu wol-
len. Zum anderen ist die Beobachtung eines Gegenstandes nur in seiner Un-
terscheidung zu anderem möglich und nicht in der Erfassung seiner Identität,
denn das würde entgegen der Heisenbergschen Unschärferelation bedeuten,
Ort und Impuls gleichzeitig messen zu können. Zur Relevanz der naturwissen-
schaftlichen Erkenntnisse auch für philosophische Fragestellungen äußert
sich der populäre Physiker Stephen W. Hawking in seinem Bestseller ,,Eine
kurze Geschichte der Zeit":
Die Unschärferelation hat weitreichende Folgen für unsere Sicht der
Welt. Selbst heute, fünfzig Jahre nach ihrer Formulierung, haben viele
Philosophen diese Konsequenzen noch nicht in ihrer vollen Bedeutung
erfaßt, und sie sind nach wie vor Gegenstand heftiger Kontroversen. Die
Unschärferelation bereitete dem [...] Traum von einem absolut determi-
nistischen Modell ein jähes Ende: Man kann künftige Ereignisse nicht
exakt voraussagen, wenn man noch nicht einmal in der Lage ist, den
gegenwärtigen Zustand des Universums genau zu messen! Nur für ein
übernatürliches Wesen, das den gegenwärtigen Zustand des Univer-
sums beobachten kann, ohne auf ihn einzuwirken, könnten Naturge-
setze erkennbar sein, die alle Ereignisse vollständig determinieren.
12
Bleibt noch hinzuzufügen, dass auch auf weniger die abendländische
Geistesgeschichte bewegenden Ebenen durch diese Überlegungen traditionel-
9
Vgl. BULYGIN, E.: Die Ideale der Vollständigkeit und der Widerspruchsfreiheit im wissen-
schaftlichen Denken. In: PFEIFFER, H. (Hrsg.): Denken und Umdenken Zu Werk und Wir-
kung von Werner Heisenberg. München 1977, S. 95.
10
GRIPP-HAGELSTANGE, H.: Niklas Luhmann eine erkenntnistheoretische Einführung.
München 1995, S. 22
11
Der Begriff des ,archimedischen Punktes` steht für die Vorstellung, eine außerhalb des Zu-
sammenhangs stehende und damit objektive Beobachterposition einnehmen zu können.
12
HAWKING, S. W.: Eine kurze Geschichte der Zeit Die Suche nach der Urkraft des Univer-
sums. Hamburg 1996, S. 77. Orthographie im Original.
7
le Haltungen, beispielsweise solche, die die Vermittlung von ,gültigem` Wissen
an Schüler betreffen, überdacht werden müssen.
2.2 Didaktischer Konstruktivismus
Konstruktivismus als Leitbegriff findet sich in der didaktischen Literatur häu-
figer implizit als explizit. Es gibt einige kürzere Arbeiten, die eine didaktisch-
konstruktivistische Perspektive eröffnen
13
, aber nur wenige Entwürfe eigen-
ständiger Didaktiken, die sich explizit dem konstruktivistischen Paradigma
verpflichten.
14
Diese offensichtliche Zurückhaltung resultiert m.E. aus einem
Diskurs, der jeweils an den Schnittstellen der einzelnen akademischen Diszip-
linen geführt wurde und wird: Wissenschaftstheoretische Positionsmanöver
haben den Begriff an einigen Stellen in Verruf geraten lassen. Insbesondere
die Diskussion um den so genannten ,radikalen Konstruktivismus`
15
hat für Irr-
itationen
16
gesorgt. Daneben wird auch der soziologischen Systemtheorie
17
so
etwas wie eine ,Subjektferne` vorgeworfen, was angesichts des erst seit 1968
gesellschaftlich und wissenschaftlich wieder erkämpften und an vielen Stellen
verklärten Subjektbegriffes beinahe automatisiert auf Ablehnung stößt.
Darüber hinaus finden sich aber auch in breit rezipierten und nicht unter
,Konstruktivismusverdacht` stehenden Klassikern moderner Didaktik kon-
struktivistische Züge. So lassen sich etwa in Wolfgang Klafkis bildungstheo-
retischer Didaktik durchaus Elemente finden, die auf die Idee der Konstruktion
hinweisen. Wissenschaftsorientierung beispielsweise wird von Klafki verstan-
den als: ,,[...] didaktisches Prinzip des Unterrichts [, das] nicht vorrangig mit
13
Vgl. z.B. VOß, S. 1ff.
14
So zum Beispiel HUSCHKE-RHEIN, R.: Systemische Erziehungswissenschaft. In: HIERDEIS,
H. (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik. Hohengehren 1996, S. 471-485.
15
Unter ,radikalem Konstruktivismus` wird die erkenntnistheoretische Überspitzung des Kon-
struktionsgedankens verstanden: Da eine objektive Außenwelt nicht beobachtbar ist, kann
auch ihre Existenz in Frage gestellt werden.
16
An dieser Stelle kann ich mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass ,Irritationen` rück-
übersetzt in systemtheoretisches Vokabular ,Pertubationen` sein können, die in der Regel als
Möglichkeit der Veränderung, Erneuerung und des selbstgenerierenden Fortschritts von Syste-
men aller Art verstanden werden. Beim Schreiben dieses Satzes verändert sich daher meine ur-
sprüngliche Absicht, nichts weiter als Unmut zu bekunden, in die womögliche Beobachtung
von neuen wissenschaftstheoretischen Konstruktionen.
17
So werden z.B. die Arbeiten Niklas Luhmanns in der pädagogischen Literatur meistens
wahrgenommen in Form eines Spagates zwischen dem Hinweis auf lebens- bzw. subjektferne
Kunstsprache und gleichzeitiger Übernahme des Zirkularitätsgedanken, der mit der traditionel-
len Subjektidee durchaus im Einklang steht. Die Schwierigkeiten einer systemtheoretischen
Subjektauffassungen sind durch Luhmanns Ablehnung des Subjektbegriffes an sich zu erklä-
ren, da nach Luhmann die Elemente sozialer Systeme eben keine Individuen, sondern die aus-
geführten Interaktionen und Kommunikationen sind. Vgl. z.B. REICH, K.: Systemisch-kon-
struktive Pädagogik Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktiven Pädago-
gik. Neuwied 1996, S. 59f.
8
der Vorbereitung von Schülern auf spätere wissenschaftliche Studien, son-
dern primär mit der Bedeutung der Wissenschaften für die Vermittlung eines
angemessenen Wirklichkeits- und Selbstverständnisses [...] gegründet
[wird]."
18
Damit wird auf die Bedeutung von Wissenschaft als eine mögliche
für Schüler relevante Erkenntnistheorie hingewiesen. Einige Zeilen weiter heißt
es, dass die Schüler (die Lehrer natürlich auch) in einer ,,[...] in zunehmendem
Maße von Wissenschaft bestimmten Welt [...]"
19
lebten. Hier wird auf die Ge-
schichte kollektiver Konstruktion von Wirklichkeit Bezug genommen, die sich
zum jetzigen Zeitpunkt zweifelsfrei als wissenschaftliches Konstrukt erweist
die Epistemologie unserer Gesellschaft fußt bis ins Alltägliche auf wissen-
schaftlichen Erkenntnissen und deren Methoden
20
. Klafkis Überlegungen zielen
natürlich primär auf die Begründung seiner bekannten Didaktik ab, also auf
die Betonung von Exemplarität und Lebensnähe von zu vermittelnden Inhal-
ten. Beides ist aber nur möglich mit einer Begründung, die nicht ohne einen
konstruktivistischen Impetus auskommt.
Ein Autor, der seine didaktischen Überlegungen explizit konstruktivistisch
unterfüttert, ist Hermann Krüssel
21
, den ich im Folgenden kurz anführe. Krüs-
sel beschreibt das Phänomen ,Unterricht` in Anlehnung an Luhmann als so-
ziales System, das synreferentiell
22
organisiert ist. Damit ist gemeint, dass im
Unterricht zwar einzelne abgeschlossene personale Systeme (die Schüler) a-
gieren, eine Perspektivenebene weiter, z.B. in Diskussionen bzw. in offenen
Unterrichtsgesprächen, aber ein System ,Schulklasse` selbstreferentiell pro-
zessiert. Dabei liegt ihre ,Referenz` außerhalb der beteiligten personalen Sys-
18
KLAFKI, W.: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Weinheim 1985, S. 112. Her-
vorhebung im Original.
19
ebd., S. 112.
20
Ein anerkannt glaubwürdiges Ergebnis beispielsweise auf die Frage, welche Sonnencreme
die ,bessere` sei, ist immer eine Empfehlung der Stiftung ,,Warentest", da sie frei von marktwirt-
schaftlichen Erwägungen agiert und Testreihen durchführt, die objektive, reliable und valide,
sprich: den Kriterien der empirischen Wissenschaften gemäße Ergebnisse liefern. Dass es
durchaus kritische Stimmen von Einzelwissenschaften gegenüber den faktischen Ergebnissen,
vermutlich auch was Sonnencremes betrifft, wie auch gegenüber den empirischen Methoden
generell gibt, kann unsere feste Überzeugung, auf diese Weise die brauchbarste Sonnencreme
auszuwählen, nicht erschüttern. Diese erst durch die empirischen Wissenschaften geschaffene
,Messbarkeit` von Wirklichkeit durchzieht weite Teile unseres alltäglichen Lebens und schafft so
permanent eine ,richtige` Sicht auf Wirklichkeit.
21
Vgl. dazu im Folgenden KRÜSSEL, H.: Die konstruktivistische Betrachtungsweise in der Di-
daktik. In: Lehren und Lernen als konstruktive Tätigkeit Beiträge zu einer konstruktivistischen
Theorie des Unterrichts. Herausgegeben vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung. Bö-
nen 1995, S. 116-142.
22
Die Systemtheorie fragt immer nach dem Bezugspunkt der Referenz von Interaktionen
bzw. Kommunikationen. Üblicherweise werden einzelne Systeme in ihrer Abgschlossenheit da-
her als ,selbstreferentiell` bezeichnet. Vgl. auch Anmerkung 6 dieser Arbeit.
9
teme, dennoch wird sie gewissermaßen von ihnen selbst produziert. Folgte
man hier der systemtheoretischen Beschreibung weiter, verschwänden die
Schüler als Individuen aus diesem Modell zugunsten der von ihnen hervorge-
brachten Kommunikationen das wäre ja die Voraussetzung für ein synrefe-
rentielles System. Krüssel weist hier aber darauf hin, dass es im Hinblick auf
die Praxis wenig sinnvoll ist, Individualität in Systembeziehungen aufzulösen.
Vielmehr kann Individualität als Kategorie in der Selbst- und Fremdbeschrei-
bung eines Beobachters als erlebte Tatsache in die didaktische Theoriebil-
dung mit einfließen.
Auf diese Weise kann herausgestellt werden, dass eine Person nicht unab-
hängig von anderen Elementen der Systeme, in die sie eingebunden ist bzw.
mit denen sie interagiert, gedacht werden kann. Alltägliche Phänomene wie
z.B. Etikettierungen oder Charakterisierungen von Schülern können so nicht
mehr losgelöst von den jeweils umgebenden Systemen, z.B. dem Lehrer oder
der Klasse verstanden werden. Übernimmt der Lehrer eine so gestaltete kon-
struktivistisch-systemische Perspektive, bedeutet das für ihn, dass er seine
Interaktionen nur entwerfen kann, indem er sie innerhalb eines oder mehrerer
sozialer Systeme denkt. ,,Ein Lehrer, der diese Sichtweise einnimmt, wird über
die Verhaltensmuster in seiner Klasse in der Form reflektieren, daß er bei-
spielsweise als problematisch empfundene Verhaltensweisen nur als Teil der
Muster und nicht mehr isoliert betrachtet."
23
Hier wird deutlich, dass ein sol-
chermaßen gedachter Unterricht nicht linear konstruiert werden kann, z.B.
stoßen hier Ketten von einzelnen Lehr-/Lernschritten schnell an ihre Grenzen,
auch wenn vorher Optionen mitgedacht werden. Die lineare Vorstellung der
Vermittlung von Wissen muss hier zugunsten einer Fokussierung auf Kom-
munikation, nicht nur zwischen Lehrer und Schüler, sondern auch in den
Konstellationen, die sich zwischen Schulleitung, Kollegium, Elternhaus usw.
ergeben, aufgegeben bzw. in dieses multidimensionale Konstrukt mit einge-
bunden werden. Diese ,Gesamtschau` auf Unterrichtsprozesse muss nun im
Folgenden mindestens in die beiden Perspektiven ,Lernen` und ,Lehren` diffe-
renziert werden.
2.2.3 Lernen
Insbesondere die so genannten kognitiven Lerntheorien von Gagné, Aebli,
Bandura und anderen
24
bieten Anknüpfpunkte für eine konstruktivistische Auf-
23
KRÜSSEL, S. 128. Orthographie im Original.
24
Vgl. LEFRANCOIS, G. R.: Psychologie des Lernens. Berlin 1994.
10
fassung von Lehr- und Lernprozessen. Lernen wird von ihnen jeweils als Kon-
struktionsprozess des Subjektes verstanden. Dabei wird es von Umweltein-
flüssen dazu angeregt, neue interne, kognitive Strukturen zu bilden, die es in
die Lage versetzen, sich in der jeweiligen Umwelt sinnvoll zu verhalten. Im Ein-
zelnen geschieht dies dadurch, dass Repräsentationen der Umwelt in Form
kognitiver Strukturen gebildet werden. Diese Strukturen assimilieren entweder
Umweltinformationen in der Form, dass die Informationen gewissermaßen in
die vorhandenen Strukturen eingepasst werden, oder sie akkommodieren, was
soviel bedeutet wie eine Anpassung der Strukturen an solche Informationen,
die durch die vorhandenen Strukturen nicht verarbeitbar sind. Bei letzterem
handelt es sich um den eigentlichen Lernprozess, da erst hier von einer Verän-
derung auf Seiten des Subjekts gesprochen werden kann.
Der ganze Prozess wird angeregt durch die von Piaget formulierte
,Äquilibration` das allen lebenden Organismen immanente Bestreben, ein
aus dem Gleichgewicht geratenes System wieder zu stabilisieren
25
. Das heißt,
Motor des Lernens sind die Diskrepanzen, die auftreten, wenn die kognitive
Auswertung neuer Erfahrungen den bisherigen Strukturen bzw. Erwartungen
widersprechen. Da es sich bei den so beschriebenen Lernprozessen aus-
schließlich um eine Selbstentwicklung des kognitiven Systems handelt, die le-
diglich durch ,Störungen` aus der Umwelt angeregt werden, stellt sich Unter-
richt nun als Rahmenbedingung von Lernen dar, in der versucht werden kann,
Möglichkeiten zu kanalisieren, zu betonen usw. ,Möglichkeiten` ist hierbei eine
angemessenere Formulierung als etwa ,Inhalte`, ,Stoffe`, ,Informationen` usw.,
weil es sich bei diesen Rahmenbedingungen nur um Angebote bzw. Orientie-
rungen für den jeweils angesprochenen Schüler handeln kann. Ob und wie
Schüler sich an solchen Angeboten orientieren, hängt letztlich von den Deter-
minierungen der kognitiven, persönlichen, sozialen usw. Strukturen der einzel-
nen Schüler, der Gruppe, der Schule usw. ab: ,,Der Schüler kann demgemäß
nicht im eigentlichen Sinne determiniert, sondern lediglich ,pertubiert`, d.h. an-
geregt werden."
26
2.2.4 Lehren
Zunächst liegt es nahe, anknüpfend an die vorausgegangenen Überlegungen
über Lernprozesse, den Kern von Lehraktivitäten als ,organisierte Pertubation-
en` zu verstehen. Die Planung von Unterricht stünde also unter der Frage, wie
25
Vgl. dazu GINSBURG/OPPER, S. 78f.
26
KRÜSSEL, S. 131.
11
Inhalte, Stoffe, Themen usw. so arrangiert werden, dass Schüler durch die
Form der Darbietung ,kognitiv irritiert` werden, das aber nur so weit, dass im
lerntheoretischen Sinn keine Überforderung
27
stattfindet. Selbstverständlich
führt der Konstruktionsgedanke auch zu dem seit langem auch außerhalb
konstruktivistischer Überlegungen bekannten Grundsatz, Unterricht mög-
lichst im Hinblick auf eine aktive Beteiligung, Selbsttätigkeit usw. zu organi-
sieren, da ja schließlich die Selbstentwicklung kognitiver Systeme ermöglicht
werden soll. Viel weit reichender wirkt sich die konstruktive Perspektive aber
aus, wenn der Blick auf die Unterrichtsstoffe gerichtet wird. Wenn Lernen eben
als Selbstentwicklung kognitiver Systeme verstanden wird, dann kann die
Rolle des Lehrers nicht darin bestehen, feststehendes Wissen, vorgegeben
z.B. durch die Ergebnisse einzelner Wissenschaften, Vorgaben in Lehrplänen
usw., an Schüler heranzutragen. Denkt man Unterricht konsequent konstrukti-
vistisch, so gibt es keinen ,vor`-liegenden, vermittelbaren Stoff. Vielmehr kön-
nen in den Unterricht eingebrachte Themen in ihrer Ausgangsstruktur, also je-
ner Struktur, die der Lehrer gewissermaßen vorausdenkt, nur als das Bereit-
stellen von Erfahrungsmöglichkeiten aufgefasst werden. Danach entsteht ein
für die aktuell zusammengekommene Schülergruppe artifizielles Wissen, des-
sen Bezugspunkt in der kollektiven Kommunikation liegt und dessen Struktur
durch die Ausgangsstruktur lediglich angeregt wird. Dieses Wissen selbst
kann wieder als synreferentielles System betrachtet werden und bildet für je-
den einzelnen Schüler als personales System wiederum die Umwelt, die ihn
jeweils auf vermutlich verschiedene Weise zu eigenen Konstruktionen von Re-
präsentationen des behandelten Unterrichtsthemas anregt.
Von einem traditionellen Standpunkt aus, mutet diese Vorstellung hinsicht-
lich der erreichbaren Lernergebnisse relativistisch und beliebig an. Will man
die Arbeiten der jüngeren Kognitionsbiologie und -psychologie nicht ignorie-
ren, erscheinen diese Befunde aber eher als sachliche Bestandsaufnahmen,
die einiges an unterrichtspraktischen Problemen erklären können: Trotz vorhe-
rigen schriftlichen Tests fällt die Klassenarbeit zum gleichen Thema völlig an-
ders aus; ,gute` Schüler scheitern an der ungewohnten Formulierung einer
27
Von ,Überforderung` wird im Rahmen der kognitiven Lerntheorien gesprochen, wenn Um-
weltinformationen von der aufnehmenden kognitiven Struktur nicht mehr verarbeitet werden
können. Wenn die Umweltinformationen aber erst gar nicht aufgenommen werden, kann auch
keine Struktur durch Akkommodationsprozesse verändert werden. Eine des Lesens und
Schreibens mächtige deutschsprachige Person beispielsweise greift beim Erlernen der schriftli-
chen Form der englischen Sprache auf schon vorhandene Strukturen zurück, nämlich die des
beiden Sprachen zugrunde liegenden Zeichensystems, und kann diese verändern, also ak-
kommodieren, während bei einem Analphabeten diese Strukturen nicht vorhanden sind und
daher zunächst auch keine Assimilation stattfinden kann.
12
Frage, während ,schlechtere` überraschenderweise dadurch produktiv ange-
sprochen werden usw. Denkt man Unterricht konstruktivistisch, muss daher
also auch neu bedacht werden, wozu Unterricht überhaupt führen soll, bzw.
wie Lernerfolge überprüft werden sollen. M.E kann dies nur dazu führen, an-
statt den üblicherweise analog reproduzierten Ergebnissen den Konstrukti-
onsprozess von Schülern zu bewerten, wobei nicht auf inhaltliche Kriterien
verzichtet werden muss. Eine Etablierung verschiedener Stufen von kollektiven
Wirklichkeits- und damit Wahrheitsdefinitionen trägt dem konstruktivistisch-
erkenntnistheoretischen Paradigma wie auch der traditionellen Ergebnisorien-
tierung durchaus Rechnung. Nebenbei bemerkt, erscheint durch diese Sicht
auch die laut Lehrplan geforderte Gleichzeitigkeit von Wissensvermittlung und
Erziehung zu demokratisch begründeter Verantwortung
28
nicht mehr als un-
mögliches Unterfangen, da für Schüler deutlich werden kann, dass Wissen e-
benso wie ,Gesetze` des sozialen Zusammenlebens immer auf kollektiver
Konsensfindung basieren.
2.3 Konstruktivismus in der Deutschdidaktik
Auch an der Didaktik des Faches Deutsch ist der Konstruktionsgedanke nicht
spurlos vorbeigegangen, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Insbesondere
unter der Überschrift der ,kognitiven Wende`
29
ist einiges in die didaktischen Ü-
berlegungen eingeflossen. Dabei werden die bereits genannten konstruktivis-
tisch orientierten Grundannahmen der kognitiven Lernpsychologie übernom-
men, die den Blick auf die Eigenaktivität der Schüler richten und ihnen eigene
Konstruktionen von Vorstellungen, Begriffen und Handlungsmodellen zuspre-
chen. Diese Betrachtungsweise hat im Folgenden dann Einfluss genommen
auf die Rechtschreib- und Sprachdidaktik, die nunmehr die Selbstkonstruktion
von Hypothesen und Regelbildung statt einer Vorgabe von Regeln in den Vor-
dergrund stellt. Die Didaktik des Literaturunterrichtes bedient sich zunehmend
der Begriffe ,Imagination`, ,Fremdverstehen` und ,ästhetischer Bildung`.
Imagination meint zunächst eine Haltung, die Literaturunterricht als Anre-
gung versteht, die formalisierte Ebene der Textinterpretation und -analyse hin
28
,,Bildung in diesem Sinne soll den Schülerinnen und Schülern helfen, die Wirklichkeit in ihren
vielfältigen Dimensionen zu erschließen und es ihnen ermöglichen, sie zunehmend verantwort-
lich mitzugestalten." Richtlinien und Lehrpläne für das Gymnasium Sekundarstufe I in
Nordrhein-Westfalen für das Fach Deutsch. Hrsg. vom Ministerium für Schule und Weiterbil-
dung des Landes Nordrhein-Westfalen. Frechen 1996, S. 11.
29
Vgl. dazu und im Folgenden SPINNER, K. H.: Die eigenen Lernwege unterstützen Die kog-
nitive Wende in der Deutschdidaktik. In: SPINNER, K. H.: Perspektiven Neue Wege im Litera-
turunterricht. Hannover 1999, S. 5-9.
13
zu weiteren, umfassenderen Ebenen der subjektiven Literaturrezeption zu öff-
nen. Unter dem Begriff des Fremdverstehens erscheint diese Absicht noch
differenzierter. Imagination ist hier Voraussetzung für die Fähigkeit, Perspekti-
venwechsel vollziehen zu können. Die literarische Fiktion erlaubt den Schülern,
ihre Gebundenheit an ihr ,,reales Ich probeweise zu verlassen."
30
Die Bezeich-
nung Ästhetische Bildung ist für die Deutschdidaktik nichts Neues, wird im
Zusammenhang mit kognitionspsychologischen Entwicklungen aber neu be-
dacht: die grundlegende Fähigkeit des Menschen, Kunst, Literatur und Wirk-
lichkeit überhaupt ästhetisch wahrnehmen zu können steht erklärend neben
den üblicherweise vermittelten ästhetisierenden Kriterien, da deren Existenz ja
letztlich nur durch kollektiv konstruierte ästhetische Traditionen konstituiert
ist. Wobei hier nicht ganz klar wird, ob nur rezeptionsästhetische Überlegun-
gen mit Hilfe der Kognitionspychologie im Hinblick auf die unterrichtliche Ver-
mittlung modifiziert werden oder der Blick weiter auf die Relativierung von lite-
rarischen Bewertungsmaßstäben verschoben wird. Unabhängig von der Be-
antwortung dieser Frage, kann ich für meine Konzeption der Moderatorenrolle
eher an vorhandene allgemeindidaktische Modelle der Moderation anknüpfen
und für Überlegungen hinsichtlich eines Unterrichtsvorhaben, das sich mit
Fernsehen beschäftigt, eine Verortung zwischen den Begriffen Medientheorie
und Medienkompetenz versuchen.
30
SPINNER, S. 8.
14
3 Medientheorie
Um das Thema Fernsehen im Deutschunterricht angesichts vorausgegange-
ner Ausführungen überhaupt didaktisch in eine konstruktivistische Perspekti-
ve überführen zu können, lohnt sich ein Blick in die Lehrpläne des Faches. Das
Problem, das sich bisher nur implizit gestellt hat, tritt an dieser Stelle nun
konzeptionell in den Mittelpunkt: Die beschriebenen Einflüsse der Kognitions-
wissenschaften führen zwar zu einer schülerzentrierteren didaktischen Positi-
on, dennoch wird offensichtlich mit der dramatischen Grundaussage des
Konstruktivismus gehadert, wenn es beispielsweise darum geht, ästhetische
Kriterien ,vermittelbar` zu machen diese kann es ja m.E. zunächst gar nicht
als ,zu Vermittelndes` geben, sie werden vielmehr im Rahmen des synreferen-
tiellen Systems ,Unterricht` erst erstellt und als mögliche Position mit traditi-
onellen, kollektiv manifestierten Kriterien in Bezug gesetzt.
Die erste Argumentation, um die Behandlung von Fernsehen angesichts ei-
ner theoretisch diffusen Diskussion über die Wertigkeit von Massenmedien in
die Lehrpläne für das Fach Deutsch aufnehmen zu können, scheint mir die
Einsortierung in den Bereich ,,Umgang mit Texten"
31
zu sein. Die Arbeit mit
Texten gehört zweifelsfrei zu den primären Aufgaben des Deutschunterrichts,
wobei mit der Maßgabe, die ,,Angebote der Medien sinnvoll zu nutzen"
32
, der
Unterricht hier als Maßstäbe zu vermittelnde Instanz erscheint. Auffällig ist
hier, dass der Zusatz ,,sinnvoll" bei den Ausführungen zu den beiden anderen
Textarten
33
nicht vorhanden ist. Da es keinen nachvollziehbaren Grund dafür
gibt, im Hinblick auf die Verantwortung des Unterrichts gegenüber den Schü-
lern Unterschiede zwischen diesen Textarten zu machen, zeigt sich hier m.E.
die Auffassung, dass ein hierarchisches Gegenstand-Schüler-Verhältnis
34
bei
den beiden anderen Textarten schon mitgedacht wird und daher nicht beson-
ders zu kennzeichnen ist. Die zweite, implizite Argumentation des Lehrplans
scheint also zu sein, mit der Behandlung eines Themas aus dem Bereich der
Massenmedien die Schüler auch zur ,kritischen` Mediennutzungskompetenz
31
Vgl. dazu allgemein Richtlinien und Lehrpläne für das Gymnasium Sekundarstufe I in
Nordrhein-Westfalen für das Fach Deutsch, S. 54f. und für die Jahrgangsstufen 9 und 10 im
Besonderen ebd., S. 87.
32
Ebd., S. 87. Hervorhebung von mir (J. R.).
33
Der Bereich ,,Umgang mit Texten" ist in die drei Bereiche ,,fiktionale und nichtfiktionale Texte
und Medien" untergliedert. Ebd., 87.
34
Kommunikationstheoretisch kann auch ein hierarchisches Lehrer-Schüler-Verhältnis ange-
nommen werden. Hier möchte ich aber die ,traditionelle` Dominanz des ,Stoffes` gegenüber
den Schülern betonen: Die ,Wahrheit` als feste Größe muss in den noch ,formbaren` Schüler
eingebracht werden.
15
zu befähigen. Im Folgenden muss es daher darum gehen, aus dem Gegen-
stand ,Fernsehen` bzw. ,Medientheorie` selbst eine konstruktivistische Orien-
tierung abzuleiten, die ein ebenso konstruktivistisch orientiertes Vorgehen im
Unterricht eröffnet.
3.1 Konstruktivistische Medientheorie
Eine der grundlegenden Fragen der Medientheorie beinhaltet bis heute den Zu-
sammenhang von in Medien dargestellten Sachverhalten und Realitätsbezug.
Manche Ansichten laufen darauf hinaus, dass Fernsehjournalismus zum
Spiegel einer fraglos akzeptierten Realität degeneriert. Darüber hinaus beklagt
man, dass die von den Medien vermittelte Realität nicht mit der ,faktischen
Realität` übereinstimme. Hier sehe ich den Kern der eben genannten wider-
sprüchlichen Diffusität, die in den Lehrplänen in Erscheinung tritt. Auf die Fra-
ge, was eigentlich Realität sei, werden verschiedene Standpunkte vertreten, die
sich im Groben zwischen zwei Positionen bewegen
35
. Der konstruktivistischen
Position in der Medientheorie steht eine ,naiv-realistische` Position gegen-
über. Aus konstruktivistischer Perspektive wird wieder die These vertreten,
dass es keine abbildbare Wirklichkeit gibt, und dass im Zuge dessen durch
Massenmedien vermittelte Inhalte weder wahr noch falsch sein können. Es e-
xistiert somit keine von den Medien oder Rezipienten unabhängige Realität,
sie wird erst durch die mediale Vermittlung konstituiert. Für die Konstruktivis-
ten ist die Frage, was ,wirklich` ist, eine metaphysische Frage, die allenfalls im
Vergleich von Normen und Wunschbildern der Realität eine Annäherung findet.
Dagegen geht die Position des naiven Realismus davon aus, dass ein Ver-
gleich zwischen der Realität und deren Darstellung durch die Medien möglich
ist. Es wird angenommen, dass die Tatsachen und Sachverhalte, die zusam-
men die Realität ausmachen, weitgehend unabhängig von irgendwelchen Be-
obachtern, z.B. Journalisten, existieren.
In jüngster Zeit scheint sich in dieser Frage eine dem Konstruktivismus zu-
geneigte Position zumindest in der wissenschaftlichen Diskussion durchzu-
setzen. Die Feststellung, dass in den Massenmedien Wirklichkeit nicht bloß
vermittelt, sondern überhaupt erst konstruiert wird, findet auf breiter Front An-
erkennung. In vielen Publikationen der neueren Zeit zum Thema Massenmedi-
en wird mit dem Begriff der ,,Konstruktion von Wirklichkeit"
36
gearbeitet. Zu-
35
Vgl. dazu und im Folgenden MERKERT, R.: Medien und Erziehung Einführung in päda-
gogische Fragen des Medienzeitalters. Darmstadt 1992.
36
Z.B. das 1999 ausgestrahlte Funkkolleg mit dem Titel ,,Medien und Kommunikation Kon-
struktionen von Wirklichkeit". Vgl. MERKERT, S. 64.
16
dem erfreuen sich konstruktivistische Theorien zunehmender Beliebtheit, da
die Diskussion auch hier durch Arbeiten aus den Bereichen der Biologie, Psy-
chologie, Kybernetik und Soziologie bereichert worden ist. Um die konstrukti-
vistische Auffassung über medial vermittelte Realität näher zu beleuchten,
lohnt es sich zunächst, einen Blick auf den Begriff der ,Wirklichkeit` zu richten.
3.1.1 Wirklichkeiten
Watzlawick spricht von Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung. Um sich in
der vorgegebenen Wirklichkeit zurechtzufinden, muss der Mensch diese zu-
nächst einmal als solche hinnehmen. Diese erste Wirklichkeit wird vom Men-
schen mit verschiedenen Bedeutungen belegt, wodurch er eine Wirklichkeit
zweiter Ordnung konstruiert. Erst in dieser Wirklichkeit wird der Apfel zum
Nahrungsmittel oder etwa Edelmetall zum Wertgegenstand. Auf diese Weise
wird auf der real existierenden Welt eine zweite von Menschen konstruierte
Wirklichkeit aufgebaut. Die zweite Wirklichkeit, die der Mensch der Welt als
Struktur auferlegt, ist einerseits immer ärmer als die erste Wirklichkeit, da sie
quantitativ und qualitativ nie ganz ausschöpfbar ist.
37
Auf diese Weise werden
fortwährend neue Seiten der ersten Wirklichkeit gefunden, erst wenn sie ge-
deutet werden können, werden sie für den Menschen real. Andererseits kann
die Wirklichkeit zweiter Ordnung z.B. durch schöpferische Phantasie auch rei-
cher sein als ihr ,Vorbild`, indem sie unterschiedlich definiert oder mehrfach
ausgedeutet wird.
38
Der Mensch macht nach Watzlawick also Wirklichkeitser-
fahrung nur durch eine zweite, und das heißt eine konstruierte Wirklichkeit.
Anknüpfend an Watzlawick unterteilen Berger und Luckmann Wirklichkeit
zweiter Ordnung weiter in eine objektive und eine subjektive Wirklichkeit. Als
objektive Wirklichkeit bezeichnen sie die Gesamtheit der Objektivationen
menschlichen Handelns. Damit ist die Wirklichkeit gemeint, die durch die je-
weilige Gesellschaftsform, Religion usw. aufrechterhalten wird. Aus der Kon-
frontation des Individuums mit dieser objektiven Wirklichkeit entsteht eine
subjektive Wirklichkeit. Dieser Prozess kann in pädagogischer Hinsicht auch
als Aufbau der Erfahrungswelt bezeichnet werden oder etwa mit Worten des
radikalen Konstruktivismus als Wirklichkeitskonstruktion im Individuum.
37
Z.B. gab es schon immer Radiowellen, aber sie mussten erst für die zweite Wirklichkeit
,entdeckt` werden.
38
So können z.B. nicht nur Edelmetalle, sondern je nach Kulturkreis etwa auch Steine als wert-
voller Besitz gedeutet werden.
17
3.1.2 Kommunikationen als Wirklichkeitsdefinitoren
Eine Voraussetzung für Objektivationen von Wirklichkeit und deren Übernah-
me durch einzelne Individuen ist deren Vermittlung in Form von Kommunikati-
on. Das wichtigste Mittel der Objektivation und gleichzeitig selbst eine Objek-
tivation ist die Sprache. Sofern Sprache selbst als Objektivation aufgefasst
wird, hält sie die Bedeutungen fest, die der Mensch der ersten Wirklichkeit ge-
geben hat und sie dadurch zur zweiten Wirklichkeit, also zur Menschenwelt
gemacht hat. Als Mittel zur Objektivation vermittelt sie zwischen den Wirklich-
keiten, indem sie mittels ihrer sprachlichen Zeichen permanent auf Wirklich-
keiten verweist. Sprache bildet also ab im Sinne eines Hinweisens in Form
von Symbolen. Eine bestimmte Sprache damit ist die statische Perspektive
auf eine Sprache gemeint, nicht der Prozesscharakter kann daher auch als
Ergebnis einer bestimmten Weltdeutung betrachtet werden.
39
Aufgrund der vorangegangenen Überlegungen stellt Watzlawick dann auch
die These auf, dass die so genannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommuni-
kation ist
40
. Die so gewonnene Wirklichkeit ist aber keineswegs stabil. Die Pro-
zesshaftigkeit von Kommunikation modifiziert ständig die verschiedenen
Wirklichkeitsbereiche. Für das Individuum bedeutet das, dass es dauerhaft
seine subjektive Wirklichkeit rekonstruieren und stabilisieren muss. Nach Ber-
ger und Luckmann ist das Alltagsleben der Menschen dann auch wie das
,,Rattern einer Konversationsmaschine"
41
, die ihm fortwährend seine subjekti-
ve Wirklichkeit garantiert, modifiziert und rekonstruiert. Das ist deshalb not-
wendig, weil die objektive Wirklichkeit, in der der einzelne lebt, aufgrund kultu-
reller und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse sich dauernd ändert. Darü-
ber hinaus ändert sich auch der Mensch selbst, lernt dazu und gewinnt neue
Einsichten.
39
Deshalb enthält jede Sprache ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis oder Weltbild. Oft ge-
nanntes Beispiel ist das der Eskimosprache, in der es unzählige verschiedene Bezeichnungen
für Schnee gibt. In der deutschen Sprache dagegen gibt es nur das Wort ,Schnee`, das allen-
falls durch Komposita wie ,Pulverschnee` usw. in seiner Bedeutung erweitert wird. Für eine Es-
kimogesellschaft bedeutet das eine andere Wirklichkeit im Hinblick auf die Existenz von Schnee.
Für diese Formen verschiedener Wirklichkeiten lassen sich unzählige Beispiele beim Vergleich
zwischen Sprachen finden.
40
Analog dazu ist die Auffassung Luhmanns zu denken, der ausschließlich Akte der Kommu-
nikation für die konstitutiven Elemente von sozialen Systemen hält.
41
BERGER, P. L./LUCKMANN, TH.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine
Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt 1969, S. 163. Zitiert nach: MERKERT, S. 76.
18
3.1.3 Massenmedien als Wirklichkeitsdefinitoren
Nun handelt es sich bei Kommunikation nicht nur um Sprache. Auch Mas-
senmedien haben kommunikativen Charakter, da sie durch ihre Vermittlungs-
funktion mit daran beteiligt sind, Objektivationen von Wirklichkeit zu übertra-
gen, und das über eine große Reichweite. Bei der Vermittlung von Wirklichkeit
unterliegt der Inhalt der Übertragungen aber bestimmten Einschränkungen:
Die meisten Massenmedien, vom Internet einmal abgesehen, übermitteln ihre
Informationen nur in einer Richtung: vom Sender bzw. Produzenten in Rich-
tung des Adressaten bzw. Rezipienten. Interaktivität besteht nur indirekt in
Form von Einschaltquoten u.Ä. Die übermittelten Informationen werden also
ausgewählt, produziert und dann erst gesendet. An der Eingangsstelle der
Massenmedien stehen also Personen, Firmen, ökonomische Interessen u.a.,
die die in das Medium eingehenden Informationen selektieren. Wenn Medien
Wirklichkeit übertragen sollen, dann können sie das nur durch den einge-
schränkten Blickwinkel von Redakteuren, Programmdirektoren usw. Das heißt,
dass in Massenmedien keine zweite Wirklichkeit aus der ersten konstruiert
wird, sondern dass von vornherein von der Ebene einer zweiten Wirklichkeit
aus operiert wird.
Auf diese Weise wird es nun möglich, dass Massenmedien als funktional
mitbeteiligt an gesellschaftlicher Konstruktion von Wirklichkeit nun nicht un-
erheblichen Einfluss auf diesen Konstruktionsprozess haben können. Bei-
spielsweise können bestimmte Thematisierungen gesellschaftlich relevanter
Informationen forciert werden, indem sie dauerhaft in den Medien thematisiert
werden. Im gleichen Zug werden Wirklichkeitsbezüge, die trotz allem in der
Welt vorhanden sind, durch Nichtthematisierung innerhalb des Mediendiskur-
ses von der Öffentlichkeit ausgegrenzt. Da subjektive Wirklichkeiten laut
Watzlawick ja permanent erneuert werden müssen, bedeutet das, dass Mas-
senmedien auch Einfluss nehmen können auf individuelle Wirklichkeitsent-
würfe. Die Medienwirkungsforschung bezeichnet diesen Effekt der gesell-
schaftlichen Thematisierbarkeit von bestimmten Informationen als ,,Agenda-
Setting-Funktion"
42
von Massenmedien. Massenmedien können daher dem
Rezipienten vielleicht nicht eingeben, was er denken soll, aber mit Sicherheit,
worüber er nachdenken soll.
Aber auch die technische Beschaffenheit von Massenmedien, von Medien
überhaupt, determiniert bzw. verzerrt die ursprüngliche Information. Aus einer
konstruktivistischen Perspektive ist das ein weiteres Argument für die Irrele-
42
MERKERT, S. 84.
19
vanz von Objektivität. Denn in einem weitgefassten Begriff kann alles, was In-
formationen irgendeiner Art vermittelt, als Medium betrachtet werden, und je-
des Medium determiniert die zu übermittelnde Information auf die Art und
Weise, wie es seine ,technische` Beschaffenheit zulässt. Aus dieser Sicht
zählen letztlich auch die Sinnesorgane des Menschen zu den Medien. Er kann
nur Dinge erfahren, die er mittels seiner Sinnesorgane begreifen bzw. aufneh-
men kann. So ist er z.B. optisch an den Frequenzbereich gebunden, den seine
Augen einzufangen vermögen, und an seinen Blickwinkel. Akustisch steht ihm
auch nur der Bereich der Schallwellen als Informationsquelle zur Verfügung,
den seine Ohren in der Lage sind zu registrieren Infra- und Ultraschall gehö-
ren daher nicht zu seiner Lebenswelt. Das bedeutet, dass niemand unmittel-
bar sieht oder hört, sondern mittels seiner für den jeweiligen Zweck geeigneten
Sensoren ,Daten` sammelt, aus denen erst im Gehirn etwas konstruiert wird,
was gemeinhin als Bild oder Ton aufgefasst werden kann.
Ebenso wie der Mensch mit Sinnesorganen ausgestattet ist, besitzen Mas-
senmedien eine bestimmte ,technische` Spezifikation, die das, was bisher
durch sprachliche Kommunikation als Wirklichkeit angenommen worden ist,
nur verändert übermitteln können. Das Fernsehen als das Massenmedium
schlechthin beispielsweise ist immer auf eine zeitgleiche Kombination von
Bild und Ton angewiesen. Das führt z.B. bei politischen Inhalten dazu, dass
sie mehr und mehr personalisiert werden, um sie bildlich fassbar zu machen.
Dieser Prozess verläuft natürlich zu Ungunsten der argumentativen Aussa-
gen, die ja idealerweise gedacht in diesem Bereich im Vordergrund stehen
sollten. Dies soll hier aber nicht bewertet werden, vielmehr geht es nur darum,
an einem Beispiel zu verdeutlichen, dass durch das Fernsehen als Medium
Informationen zwangsläufig anders dargestellt werden als etwa über Print-
medien, zumindest in funktionaler Hinsicht
43
. Überspitzt gesagt, erschaffen
Medien eine neue medienzentrierte Wirklichkeit. Extreme Beispiele dafür wären
die ,Electronic Church` in den USA und insbesondere auch Sportereignisse,
die ausschließlich durch Medien definiert werden, da sie ausschließlich für die
Übertragung durch Massenmedien produziert werden.
3.2 Medienkompetenz
Angesichts der Perspektiven der konstruktivistischen Medientheorie stellt sich
die Frage, welche Bildungsinhalte von einer Beschäftigung mit dem Thema
43
Real können sich die Inhalte aufgrund gesellschaftlicher und ökonomischer Wechselwirkun-
gen angleichen.
20
Fernsehen erwartet werden müssen. Mit Blick auf die oft genannte Zielvorstel-
lung, die Schüler als mündige Bürger von der Schule entlassen zu können,
muss zunächst ein Blick auf die Bedeutung des Begriffs der ,Medienkompe-
tenz` geworfen werden, denn das scheint mir der Ort zu sein, an dem primär
die zielbildenden Bedeutungen von Unterrichtsthemen, die den Bereich der
Massenmedien streifen, gebildet werden. Die in der Praxis überwiegend anzu-
treffenden Vorstellungen von Medienkompetenz bewegen sich knapp um-
schrieben zwischen den Positionen der Fixierung auf eine rein technologische
Nutzungskompetenz und einer Betonung der Kritikfähigkeit gegenüber medi-
envermittelten Inhalten. Nach meiner Auffassung liegt hier aber keine Ent-
scheidung für das eine oder das andere an, vielmehr müssen beide Bereiche
miteinander verschränkt werden, da eine ,echte` gelernte Kritikfähigkeit nur
vom Schüler selbst konstruiert werden kann.
Das bedeutet, der Schüler muss ein Mindestmaß an Nutzungskompetenz
entwickeln, um mit sich selbst in Kommunikation tretend Medien innewoh-
nende Handlungsoptionen kritisch reflektieren zu können. Umgekehrt bildet
konstruktivistisch gedacht die Kritikfähigkeit die Voraussetzung für die Aneig-
nung von Nutzungskompetenz: Eine ausschließliche Schulung der Nutzungs-
kompetenz ist für menschliches Lernen nicht angemessen, da sie eher ver-
gleichbar mit der Lochkartenprogrammierung einer Rechenmaschine ist als
mit dem Lernprozess, der konstruktivistisch-lerntheoretisch angenommen
werden muss.
44
In der medienpädagogischen Literatur findet sich demgemäß auch eine dif-
ferenziertere Darstellung dessen, was Medienkompetenz ausmachen sollte.
Dieter Baacke unterscheidet vier Bereiche von Medienkompetenz:
45
Medienkri-
tik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Dabei unterscheidet
er den Bereich der Medienkritik weiter in analytische, reflexive und zusätzlich
ethische Dimensionen, den Bereich der Medienkunde in eine informative und
eine instrumentell-qualifikatorische Dimension. Den Bereich der Mediennut-
44
Konstruktivisten sprechen hier auch von der Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-tri-
vialen Maschinen bzw. Systemen. Trivial ist dabei die mechanistische Auffassung von Syste-
men, deren Umwelt (z.B. Lochkarten) von außen zugeführt werden kann und deren Produkt
von ihnen selbst verschieden ist. Nicht-triviale Systeme hingegen verhalten sich selbstreferenti-
ell, d.h. sie stehen nur im Kontakt mit sich selbst, wobei sie die Elemente des eigenen Systems
fortwährend selbst produzieren. Dies entspricht in jeweils anderer Formulierung allen anderen
konstruktivistischen Auffassungen über lebende Organismen. Vgl. dazu auch VON FOERS-
TER, S. 20ff.
45
Vgl. BAACKE, D.: Medienkompetenz Herkunft, Reichweite und strategische Bedeutung ei-
nes Begriffs. In: KUBICEK, H. u.a. (Hrsg.): Lernort Multimedia. Jahrbuch Telekommunikation
und Gesellschaft 1998. Heidelberg 1998, S. 22-27.
21
zung differenziert er in rezeptive und interaktive Dimensionen, während der
Bereich der Mediengestaltung bereits selbst eine ausschließlich die Schü-
leraktivität ansprechende Dimension darstellt und daher von Baacke nicht
mehr weiter untergliedert wird. Der Vorteil dieser umfassenden Begriffsbildung
ist in seiner Multidimensionalität zu sehen: Die vier Bereiche bilden die wich-
tigsten Perspektiven ab, die sowohl gesellschaftlich als auch didaktisch an
den Gegenstand ,Medien` herangetragen werden, nämlich mindestens Nut-
zungskompetenz und Kritikfähigkeit. Darüber hinaus bedeuten die einzelnen
Dimensionen, die Baacke vorschlägt, einen Blickwechsel hin zum Schüler.
Steht in den vier Bereichen der Gegenstand und die zu vermittelnden Ziele im
Vordergrund, nennen die Dimensionen nicht nur weitere zu erwerbende Qualifi-
kationen, sondern auch die verschiedenen möglichen Begegnungsformen
zwischen Schülern und Gegenstand. Gleichzeitig ist hier auch der konstrukti-
vistische Impetus seiner Konzeption zu sehen: die auf die Schüler- bzw. Rezi-
pientenaktivität zielenden Dimensionen deuten eine Auffassung an, die die
Realität von Medien als amorphes, permanent auch von den Rezipienten mit
zu entwerfendes Konstrukt versteht.
3.3 Fernsehen als Thema im Unterricht
Die getroffene Themenwahl dieser Arbeit ist motiviert durch die Erfahrungen,
die ich in einer real durchgeführten Unterrichtsreihe zum Thema ,Fernsehen` in
einer neunten Klasse ihm Rahmen meines bedarfsdeckenden Unterrichts ge-
macht habe. Dabei handelte es sich um eine ,traditionell`
46
konzipierte Reihen-
planung. Im Nachhinein zeigt sich, dass inhaltlich und methodisch auch nicht
explizit konstruktivistische Konzeptionen sich dennoch mit Hilfe dieser Sicht
reflektieren lassen. Die ausführliche inhaltliche und methodische Konzeption
der Reihe soll an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, da die in dieser Arbeit
verfolgte konstruktivistische Perspektive zunächst nichts an den Inhalten ei-
ner solchen Reihe ändert. Allenfalls werden die einzelnen Themen in einer
Konzeption, die dem naiv-realistischen medientheoretischen Ansatz ver-
pflichtet ist, inhaltlich enger arrangiert sein zum Beispiel wird man sich ver-
mutlich genötigt sehen, zum Thema ,Medienkritik` eine bestimmte Wertung
nahe zu legen. Zum Thema ,Fernsehen` eine Reihe zu entwerfen, die im Hin-
blick auf die didaktische Diskussion zur Medienkompetenz auf der Höhe der
46
Was soviel meint, dass ich mich an das 45-Minuten-Raster gehalten, Gruppenarbeits- und
Plenumsphasen arrangiert habe. Konsequent konstruktivistisch gedacht, könnte man fordern,
jegliche Zeitbeschränkung und feste personale Strukturen (Klassengruppe) zugunsten einer
völlig individualisierten Konzeption von Unterricht generell aufzugeben.
22
Zeit ist, die also das Thema an mehreren Stellen für verschiedene Kompetenz-
bereiche öffnet, halte ich für selbstverständlich. Daher skizziere ich im Folgen-
den nur kurz die inhaltlichen Säulen der Unterrichtsreihe und damit eine mög-
liche Verarbeitung des Themas.
Die Reihe bzw., gemäß der Formulierung des letzten Lehrplanes, das Unter-
richtsvorhaben beinhaltete im Groben folgende Gegenstände bzw. Themen: E-
valuation der Fernsehnutzung der Schülergruppe, Programmsparten, Duales
System, wirtschaftlich-ökonomische Überlegungen, Unterschiede zwischen
primärer und medialer Realität, öffentliche Rezeption von Fernsehen und Medi-
enkritik
47
. Anschließend bot sich eine Fokussierung eines Teilthemas an in
unserem Falle geschah dies durch die Beschäftigung mit dem Thema
,Fernsehwerbung`. Im Einzelnen handelte es sich um die Unterthemen: Wir-
kung von Fernsehwerbung, mögliche Absichten von Fernsehwerbung, Formen
der Argumentation von Werbung, Analyse von einzelnen Spots, persuasive
Sprache und Produktion eigener Spots
48
. Reflektierend lässt sich über diese
Reihenkonzeption sagen, dass insbesondere die Themen, die sich mit der Be-
handlung primärer und medialer Realitäten befassten, der im vorherigen Ab-
schnitt dargelegten konstruktivistischen Auffassung von Medientheorie folg-
ten. Dies ist wesentlich auf meine persönliche Auffassung medientheoreti-
scher Zusammenhänge, aber auch auf entsprechende Impulse der Schüler
zurückzuführen. Anknüpfend daran entwickelte sich während des Unterrichts
eine Zirkularität zwischen Unterrichtsthema und Unterrichtsprozess: Die ers-
ten Schwierigkeiten
49
, die der beständige Perspektivenwechsel auch in Bezug
auf jeweils eigene Fernsehwahrnehmungen verursachte, veranlassten mich zu
einer erneuten Reflexion der unterrichtlichen Kommunikationsprozesse nun
unter einer explizit konstruktivistischen Perspektive.
47
Hierbei handelte es sich nicht um medientheoretisch-wissenschaftliche, sondern um journa-
listische Texte, die zu eigenen Reaktionen und Stellungnahmen anregen sollten und dies auch
taten.
48
Letzteres wurde mit Hilfe der schuleigenen Videoausstattung umgesetzt.
49
Ich unterlasse an dieser Stelle die Zuordnung der Schwierigkeiten zu den Schülern oder zum
Lehrer, da sich die Frage nicht stellt: Hätten die Schüler Schwierigkeiten, bedeutete das, der
Lehrer hätte ein Wissen über das, was den Schülern Schwierigkeiten bereitet, hätte der Lehrer
Schwierigkeiten, gäbe es einen ,richtigeren` Weg.
23
4 Moderation
Um Überlegungen zu einer konstruktivistisch orientierten Gestaltung der Mo-
deratorenrolle anzustellen, muss an dieser Stelle näher ausgeführt werden,
wie der Begriff der ,Moderation` inhaltlich gefüllt werden soll. Für mich ist in
erster Linie die alltagspraktische Bedeutung der Vokabel von Belang, nämlich
insbesondere Gesprächsprozesse zu steuern, ohne dabei wertend, sondern
überwiegend funktional, den eigenen Prozess der Teilnehmer motivierend zu
agieren. Ein Blick in die Literatur erweitert die Sicht auf das, was Moderation
sein kann. Seit Anfang der siebziger Jahre ist die so genannte
,Moderationsmethode`
50
bekannt, deren Thema zunächst nicht der einzelne
Gesprächsprozess ist, sondern eine methodische Konzeption des Unter-
richts, die darauf angelegt ist, Schüler mit in Entscheidungsprozesse einzu-
binden. Durch die direkte kommunikative, verantwortliche Anteilnahme am
Unterricht soll auf Dauer eine Zunahme an verantwortlicher und mündiger
Handlungskompetenz der Schüler erreicht werden. Moderation in diesem Sin-
ne bedeutet daher Gewährleistung bzw. Initiierung von Prozessen, in denen
Schüler Entscheidungen eigenständig treffen können und müssen. Da Ent-
scheidungen als Handlungen zu bezeichnen sind, liegt es aus konstruktivisti-
scher Perspektive nahe, auch dieses Verständnis von Moderation nicht aus-
zugrenzen, schließlich können Handlungen zweifelsfrei als Aktivität bezeich-
net werden. Die Aktivität des Schülers ist ja ein entscheidendes Element kon-
struktivistischer Lerntheorie. Darüber hinaus handelt es sich auch bei der Mo-
derationsmethode letzten Endes um das Arrangieren von Gesprächsprozes-
sen. Daher ist es im Weiteren sinnvoll, das Moderieren von Gesprächen in den
Vordergrund zu stellen.
4.1 Das Gespräch
,Traditioneller Unterricht`, wie ich ihn zwei Abschnitte vorher verstehe, besteht
überwiegend aus der Oszillation zwischen Vereinzelung des Unterrichts in
Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeitsphasen und der Zusammenkunft in Ple-
numsphasen.
51
Das Gespräch hat dabei für mich nicht nur in den Plenums-
phasen eine große Bedeutung, sondern auch in Bezug auf die Arbeit mit klei-
neren Sozialformen. Das heißt je nach Stundenarrangement, dass auch in
50
Vgl. ZIMMERMANN, W.-D.:Gespräche führen moderieren beraten. Hohengehren 1997,
S. 90ff.
51
Das ist unabhängig davon gedacht, dass die ,vereinzelnden` Phasen ebenso einer konstruk-
tivistisch orientierten Konzeption des Unterrichts folgen können.
24
Kleingruppen Gespräche zwischen Schülern und Lehrer möglich sind. Damit
meine ich nicht nur Beratungsgespräche, sondern eben auch Gesprächsfor-
men, die üblicherweise im Plenum verwandt werden wie zum Beispiel das
,fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch`
52
. Auf die Erörterung des Zusam-
menhanges zwischen Arbeits- und Gesprächsform möchte ich hier aber nicht
eingehen, vielmehr soll ja die prinzipielle Konzeption der Moderatorenrolle im
Vordergrund stehen, die eben nicht einzelnen Unterrichtsschritten zuzuordnen
ist. Eher leiten sich aus einer moderierenden Haltung im Sinne eines Gesamt-
konzeptes heraus erst einzelne Unterrichtsschritte ab Ähnliches nimmt ja
auch der Entwurf der Moderationsmethode an.
Das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch wird von mir deshalb ge-
nannt, da es einen ersten Grund für mich bietet, die Haltung gegenüber Ge-
sprächen für mich umzudefinieren. Vorbild für diese Methode bildet das antike
,mäeutische Gespräch`, mit dem die Figur des Sokrates als kommunikative
,Hebamme` bei der Selbsterkenntnis seines jeweiligen Gegenübers fungiert.
Von der ursprünglichen Herleitung aus verstanden, handelt es sich also
durchaus um ein innerhalb des Subjekts Erkenntnis konstruierendes Verfah-
ren. Das didaktische Verständnis geht aber immer von zu vermittelnden Inhal-
ten aus, sodass in fragend-entwickelnden Unterrichtsgesprächen dem Schü-
ler zumeist auf vermeintlich suggestive Weise Formulierungen und Inhalte in
den Mund gelegt werden, die mit seiner eigenen Erkenntniskonstruktion nichts
zu tun haben. So lange die zu vermittelnden Inhalte als statische Größen ge-
sehen werden, kann diese Gesprächsform auch gar nicht anders als paradox
verlaufen, da die Inhalte schließlich erst vom Schüler zu lernen sind, gleichzei-
tig aber von ihm erarbeitet werden sollen. Problematisch an den Formulierun-
gen von ,fragend-entwickelnden`, ,gelenkten` oder auch ,offenen` Unterrichts-
gesprächen halte ich die im Alltag gebräuchliche Verschränkung von Methode
und sachlicher Direktive
53
. Dabei werden beide Ebenen häufig willkürlich und
unreflektiert miteinander verknüpft. Überspitzt gesagt, könnte das beispiels-
weise auch dazu führen, die allmorgendliche Begrüßung der Klasse mittels ei-
nes gelenkten Unterrichtsgespräches durchzuführen.
Im Unterrichtsalltag verfällt man üblicherweise der Wiederholung einmal
,funktionierender` Handlungsmuster. Einen Ausweg daraus sehe ich in der
konzeptionellen Trennung zwischen Methode und sachlicher Direktive. Eine Ü-
52
Vgl. zum fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch PETERßEN, W.H.: Kleines Methoden-
lexikon. München 1999.
53
Mit ,sachlicher Direktive` meine ich, den jeweiligen funktionalen Sinn des Gespräches im ak-
tuellen Unterrichtsgespräch.
25
bersicht verschiedener Gesprächsformen, die losgelöst von methodischen
Korsetten gedacht werden, was meiner Idee der sachlichen Direktive entgegen-
kommt, wird von Gerhard Michel und Frank Stadtfeld angeboten. Sie nennen
im Ganzen acht unterscheidbare Gesprächstypen: Erwartungs-, Planungs-,
Sachklärungs-, Problemlösungs-, Interpretations-, Meta-, Beurteilungsge-
spräch und die offene Diskussion. Bereits den Titeln der einzelnen Typen ist
dabei ihre Funktion im Unterricht zu entnehmen. Methodisch werden von ih-
nen jeweils nur die weniger verfänglichen Formulierungen der Sozialformen
vorgeschlagen. Diese auf den Kommunikationsprozess im Unterricht abzie-
lende Auffassung von Gesprächen eröffnet nun die Möglichkeit, eine be-
stimmte Haltung der Moderation anzudenken, hier eine konstruktivistische,
ohne die eine oder andere Methode ,verteufeln` zu müssen.
4.2 Der Moderator
Angesichts der Ausführungen zur Schülergruppe als synreferentielles System,
muss der Lehrer als Moderator von Kommunikationsprozessen zunächst sei-
ne Beobachterfunktion in den Vordergrund stellen. Hinsichtlich der Konzeption
von Unterrichtsschritten und Bereitstellung bzw. Arrangieren von Unterrichts-
inhalten müssen so etwas wie Voraussetzungen, Lernstände, Ansichten usw.
beobachtet werden, die es im Weiteren zu pertubieren gilt. Im Hinblick auf ein-
zelne Gesprächsprozesse müssen die Elemente des synreferentiellen Sys-
tems annähernd bestimmt werden, damit für ein Fortschreiten des jeweiligen
Gespräches sinnvolle Impulse gegeben werden können. Streng konstruktivis-
tisch gesehen, ist das Beschriebene gar nicht möglich, da der Lehrer weder
synreferentielle Systeme noch deren Elemente ,objektiv` beobachten kann. Der
Lehrer kann sich hier also jeweils nur als Umwelt der personalen Systeme und
als eine Konstituente des kommunizierenden synreferentiellen Systems ver-
stehen. In diesen Kommunikationsprozess muss der Lehrer unter Maßgabe
eines bestimmten Unterrichtsthemas auch ,zu vermittelndes` Wissen als
Systemumwelt einbringen. Hier fungiert der Lehrer zunächst als ,Vermittler` im
eigentlichen Wortsinn: Er bringt eine mögliche Perspektive von Wirklichkeits-
wahrnehmung, die nicht seine eigene sein muss, in das Geschehen ein. Auf
die kognitive Verarbeitung des angebotenen Wissens durch den Schüler hat er
dabei keinen Einfluss. Vielmehr bildet der Lehrer und das eingebrachte Wissen
nun ein weiteres Element des kommunizierenden Systems. Auch dieses Wis-
sen wird sich im Verlauf der Kommunikation prozessierend ,verselbstständi-
26
gen`, ebenso wie die sich strukturell verändernden personalen Systeme, damit
also die Wahrnehmungsstruktur der Schüler. Angesichts der möglichen Opti-
onen, die die Kommunikation nehmen kann, gehört zur Vorbereitung eines
solchermaßen gedachten Unterrichts die Kenntnisnahme verschiedener
,Wissensarten`, z.B. unterschiedlicher wissenschaftlicher oder argumentativer
Arbeiten zum jeweiligen Unterrichtsthema.
Als Moderator fungiert der Lehrer nicht als Führer, Steuerer oder Beeinflus-
ser, sondern als Dialogisierer und regt zur Auseinandersetzung mit Unter-
schiedlichkeiten und Vieldeutigkeiten an. M.E. bedeutet das aber nicht, dass er
auf ,traditionelle` Funktionen verzichtet: Er agiert auch als ,Vorbild`, indem er
auch als Person deutlich Stellung bezieht, denn die Schüler sollen ja befähigt
werden, sich für eigene vertretbare Positionen zu entscheiden, daher muss
auch der Moderator als Teilnehmer des Prozesses diese Rolle einnehmen.
Konstruktivistisch gesehen betrifft diese Überlegung eben nicht nur das, was
üblicherweise als Ausbildung einer eigenen Meinungsfähigkeit verstanden
wird, sondern gerade auch den Bereich der ,Wissensaneignung`. Die Aneig-
nung von Wissen ist lerntheoretisch gesehen ja nichts anderes als die Ent-
scheidung des kognitiven Systems, einen Ausschnitt von Welt so oder anders
wahrzunehmen.
Darüber hinaus setzt bzw. zieht der Moderator aber auch Grenzen, wenn
Schüler selbst Tendenzen zur Einseitigkeit oder undifferenzierter Vieldeutigkeit
zeigen, denn dies würde ja die erkenntniskonstruierenden Entscheidungs-
möglichkeiten verhindern. Da der Lehrer aber auch an dieser Stelle nur als ein
Element des kommunizierenden Systems betrachtet werden kann, ist aber
auch eine nicht an ihn als Moderator gebundene ,Korrekturschleife` denkbar,
mittels der sich das System im fortschreitenden Erkenntnisprozess selbst
stabilisiert. Das heißt, dass auch Schüler situativ dieses Systemelement pro-
duzieren können. Insofern gehört es zur Moderatorenrolle, solche Situationen
auch als Möglichkeit anzunehmen. Diese Annahme ist für die wahrnehmbare
Haltung des Moderators von entscheidender Bedeutung: er handelt wahr-
nehmbar als ein den Schülern ,gleichwertiger` Partner, was für die Glaubwür-
digkeit seiner Rolle und die Motivation der Schüler zur aktiven Mitgestaltung
der Kommunikationsprozesse nicht unwesentlich, darüber hinaus gar nicht
anders denkbar ist, wenn man die üblichen Gesprächshierarchien zugunsten
der Annahme eines synreferentiellen Systems aufgeben will. Überhaupt lässt
sich sagen, dass die Moderatorenrolle in weiten Teilen durch Zurücknahme,
27
Öffnung und so etwas wie kommunikativer Gleichberechtigung gekennzeich-
net ist. Auch dieses gilt ebenso für den Bereich der Wissensvermittlung in
Anlehnung an die Ausführungen zur konstruktivistischen Erkenntnistheorie
54
kann dieser Bereich nicht anders als das ,Aushandeln` von Bedeutungen ver-
standen werden.
Eine weitere Ebene der Moderatorenhaltung betrifft das, was durch Unter-
richt bei Schülern überhaupt erreichbar ist. Die kognitive Veränderung der
Schüler ist ja wie gesagt nicht direkt beobachtbar. ,Lernfortschritte` können
daher aus bestimmten Abfrageanordnungen abgeleitet werden, sie können
aber auch anhand der beobachtbaren kommunikativen Leistung bei der kol-
lektiven Wissenskonstruktion des Systems ,Schulklasse` beurteilt werden.
Dennoch ist kognitionspsychologisch klar, dass für diese Beurteilung bereits
Beobachtungschemata auf Seiten des Beobachters, also des Lehrers, vor-
handen sein müssen. Alle anderen möglichen Indizien, die auf keine taugliche
Beobachtungsstruktur treffen, sind somit für den Lehrer zunächst nicht real.
Das kann für die Moderatorenrolle nur bedeuten, Bescheidenheit bezüglich der
vermeintlich zu erreichenden Fortschritte zu bewahren. Aus meiner Erfahrung
weiß ich diesbezüglich nur anzumerken, dass sich bei Schüler X eine produkti-
ve Verarbeitung von Information Y erst zufällig vier Wochen später zeigte bzw.
von mir wahrgenommen wurde. Diese Bescheidenheit halte ich für elementar
für die Moderatorenrolle, da sie ebenso wie die Betonung der Gleichwertigkeit
in ihren Ausprägungen deutlich wahrnehmbar ist und das akzentuieren kann,
was innerhalb dieser Konzeption gewünscht ist: die eigene Konstruktionstä-
tigkeit der Schüler und nicht deren Informationen reproduzierende Reaktion.
Das Gegenteil dieser Bescheidenheit führte in seinen Ausprägungen zu einem
permanenten Einfordern von Kriterien von Seiten des Lehrers, die bestimmte
Markierungen einer ,Erreichbarkeit` definierten, durch die man die Schüler an-
hielte, das Verhalten unmündiger behavioristischer Reiz-Reaktionsmaschinen
zu zeigen.
4.2.1 Besonderheiten in der Sekundarstufe I
Der bisherigen Beschreibung der Moderatorenrolle kann möglicherweise vor-
geworfen werden, sie sehe Kommunikationsprozesse, die auch zur Ansamm-
lung von Wissen führen sollen, als in einer so starken Ausprägung als ,offen`
an, dass gerade in der Sekundarstufe I der Beliebigkeit und Steuerungslosig-
keit in qualifikatorischer aber auch erzieherischer Hinsicht die Tür geöffnet
54
Vgl. Kapitel 2 ,,Konstruktivismus" dieser Arbeit.
28
werde. Um eine mögliche Altersangemessenheit einer so konzipierten Mode-
ratorenrolle zu überprüfen, ziehe ich im Folgenden entwicklungspsychologi-
sche Überlegungen hinzu. Dabei liegt es nahe, sich auf die entsprechenden
Ausführungen von Piaget zu berufen, da seine Sicht prinzipiell auch als kon-
struktivistisch bezeichnet werden kann.
55
Ab dem ungefähr achten Lebensjahr des Kindes spricht Piaget vom Errei-
chen der kognitiven Stufe der ,konkreten Operationen`, was bedeutet, dass auf
diesem Entwicklungsstand zwar logische Operationen durchgeführt werden
können, diese jedoch an den Bezug auf konkret vorhandene Gegebenheiten
gebunden sind. In den unteren Stufen des Gymnasiums muss daher die be-
schriebene Offenheit bezüglich der kollektiven Erkenntniskonstruktionen ver-
mutlich eingeschränkt werden. Jedoch meine ich hier lediglich eine Einschrän-
kung und nicht etwa Aufgabe des Gedankens. Ich habe auch in den Ein-
gangsklassen die Erfahrung gemacht, dass es durchaus möglich ist, ohne
ein Vorhandensein des absolut Wissbaren zu relativieren oder anzuzweifeln,
z.B. literaturwissenschaftliche Aspekte als ,Meinungen` anderer darzustellen.
Dies kann natürlich nur wenig elaboriert in Kommunikationsprozesse einge-
bracht werden, vielmehr müssen solche ,Außen`-Informationen ,kindgerecht`
aufbereitet werden z.B. durch die Präsentation in Form von Spielen, fiktiven
Forschungsaufträgen, Geschichten usw. Abgesehen von diesen Rahmenkon-
struktionen können m.E. aber auch in den unteren Klassen Gespräche in der
oben beschriebenen konstruktivistischen Haltung moderiert werden.
Zwischen dem elften und vierzehnten Lebensjahr wird entwicklungspsy-
chologisch die so genannte Stufe der formalen Operationen erreicht. Hier wird
nach Piaget der generellen Fähigkeit zum logischen Operieren die Befähigung
zur Bezugnahme auch auf nicht in Verbindung zur Realität Stehendes hinzu-
gefügt. In einer neunten Klasse ist also davon auszugehen, dass alle Schüler
zumindest die kognitive Voraussetzung dafür mitbringen, selbstständig Hy-
pothesen zu bilden, Interpretationen vorzuschlagen und eigene Schlüsse zu
ziehen. Problematisch ist hier eher, den Schülern jene Verantwortung für den
Kommunikationsprozess zuzumuten, die die dargelegte Moderatorenrolle im-
pliziert. Einerseits legt das Piagetsche entwicklungspsychologische Verständ-
nis diese Zumutung nahe, da die Fähigkeit zum abstrakten Operieren lediglich
entwickelt, jedoch noch nicht handlungsrelevant ausgebildet sein muss. Es
kann also eine originäre Aufgabe von Unterricht sein, diese Disposition auch
durch das Anregen von Assimilations- und Akkommodationsprozessen als
55
Vgl. dazu und im Folgenden GINSBURG/OPPER, S. 37.
29
Handlungsfähigkeit auszubilden. Andererseits gilt es, eine bereits langjährige
Schulsozialisation zu durchbrechen, die in der Regel zu einem durch Etikettie-
rungen wie z.B. Noten gesteuerten Reproduktionsverhalten führt. Verantwor-
tung wird von Schülern häufig nur als Handlungsoption für das ,wirkliche` Le-
ben gehalten. Vor allen Dingen hier gilt daher für die Moderatorenrolle, denjeni-
gen Elementen von Kommunikationsprozessen besondere Beachtung zu
schenken, die die schülereigenen Wirklichkeitskonstruktionen als konstitutive
Elemente des ,zu vermittelnden Stoffes` betonen. Beispielhaft für eine solche
Szenerie möchte ich abschließend eine mögliche Gesprächskonzeption kon-
kretisieren.
4.3 Ein Unterrichtsgespräch über medienvermittelte Realitäten
Thema des Gespräches soll ein Text sein, den ich in der durchgeführten Un-
terrichtsreihe für die neunte Klasse verwendete. Darin wird ein authentischer
Zuschauerbrief an den WDR wiedergegeben. Aufgrund der Kürze des Textes
sei er hier wiedergegeben:
An die Lindenstraße
Wir (mein Mann und ich) sind große Fans der Lindenstraße und lassen
keine Sendung aus. Als Zorro sich verabschiedete, waren wir sehr trau-
rig, jedoch erstaunt, als sein Wohnwagen plötzlich unter unserem
Fenster auf der Straße stand (siehe beiliegendes Foto). Als die Polizei
eine Abholfrist an den Wohnwagen klebte, war der Wagen weg. (Armer
Zorro, immer hat er Pech.) Wo ist Zorro jetzt?
56
Dem Brief lag laut Angabe des Herausgebers ein Foto bei, das einen bunten
Wohnwagen zeigte, wie ihn die Figur ,Zorro` in der Fernsehserie ,Lindenstraße`
besessen hatte. Des Weiteren ist für das Gespräch noch ein weiterer ,Text`
vorbereitet, der aber nicht schriftlich fixiert wird. Es handelt sich um Überle-
gungen von Christian Doelker
57
, der von drei Ebenen der Wirklichkeit ausgeht.
Die ,,primäre Wirklichkeit" entspricht der konkret vorhandenen Welt, während
die ,,mediale Welt" den durch Medien dargestellten und verzerrten Teilaus-
schnitt der primären Welt darstellt. Diese mediale Welt ist gekennzeichnet
durch das Nichtvorhandensein von Geschmacks-, Tast- und Geruchseindrü-
cken, durch Veränderungen, die durch die technische Aufzeichnung bedingt
sind wie etwa Eigenschaften des Filmmaterials, Licht, Vergrößerungen, Ver-
56
Entnommen aus LAMBERTZ, P.: Stundenblätter Fernsehen im Deutschunterricht Klasse 8-
10: Programme, Sendeanstalten, Zuschauer. Stuttgart 1998, Arbeitsblatt 4.
57
Vgl. dazu und im Folgenden ebd. S. 22ff. Die Unterscheidung der Realitäten erinnert an
Watzlawicks ,erste` und ,zweite Wirklichkeit` wie an Berger und Luckmanns ,subjektive` und
objektive Wirklichkeit`. Vgl. dazu den Abschnitt ,,Wirklichkeiten" dieser Arbeit.
30
kleinerungen usw. und durch deren absichtsvolle Realitätsveränderung. Die
jeweils subjektive Interpretation der medialen Welt wird von Doelker als
,,wahrgenommene mediale Realität" bezeichnet.
Als Gesprächsarrangement ist der Zuschauerbrief zunächst als themenge-
bender Text vorgesehen, der Text von Doelker wird nach Bedarf durch den Vor-
trag, Tafelbild, Folie o. Ä. des Lehrers eingebracht. Nach der Typisierung von
Gesprächen nach Michel und Lüschow ist dieses Gespräch im Kern als Prob-
lemlösungsgespräch mit Tendenzen zum Sachklärungs- und zum Interpreta-
tionsgespräch zu verstehen. Als Gesprächseröffnung ist die rein funktionale
Eröffnung, also die Gesprächserlaubnis von Seiten des Moderators, denkbar.
Der Zuschauerbrief bietet nämlich durch seinen abstrusen Inhalt die Möglich-
keit zu direkten emotionalen Stellungnahmen der Schüler, welche wiederum
zur weiteren Gesprächsstrukturierung genutzt werden können. Motivational
und kognitionspsychologisch gesehen handelt es sich dabei um ein pertubie-
rendes Moment. Am Verstand der Schreiber zu zweifeln beispielsweise, führt
ja zu der Frage, welche Umstände zum Schreiben dieses Briefes führten, sei
es nun eine schlechte Kindheit, geistige Retardierung, böswillige Manipulati-
onsabsichten der Autoren der Lindenstraße durch Einblendung von Botschaf-
ten im Millisekundenformat oder eben auch durch eine bewusste oder unbe-
wusste Vertauschung verschiedener Realitäten. Ebenso wie mit Stellungnah-
men und ersten Frageentwicklungen kann mit der Nennung von ähnlichen
Beispielen aus der jeweils eigenen Realitätsverarbeitung im Zusammenhang
mit Fernsehen gerechnet werden. Alle denk- und undenkbaren Äußerungen
sind als Elemente einer synreferentiell organisierten Kommunikation zu ver-
stehen.
Dem Moderator fällt also die Aufgabe zu, ein so oder auch anders skizzier-
bares Gespräch in seinem Verlauf zu beobachten, bei Bedarf Eckpunkte zu
markieren oder einfach eine funktionale ,Gesprächsleitung` sich meldende
Schüler ,drannehmen` zu übernehmen. Einzige inhaltliche Maßgabe eines
solchen üblicherweise so genannten ,offenen Unterrichtsgespräches` ist die
Einbeziehung des Textes und des Oberthemas ,Fernsehen` in den wirklich-
keitskonstruierenden kollektiven Kommunikationsprozess der Klassengruppe.
Die weiteren Themen und Fragen entstehen idealiter gedacht ,von selbst`, wo-
bei auch hier wahrscheinlich ist, dass tatsächlich schülereigene lebensweltli-
che Bezüge in den Unterricht hineingebracht werden. Verabschiedet werden
muss sich an dieser Stelle aber von der Vorstellung, dass die Schüler am
31
Ende dieser Stunde konkret etwa das theoretische Modell von Doelker ,gelernt`
haben. Ziel eines solchen Gespräches ist eher, jeden einzelnen Schüler anzu-
regen, innerhalb des Gespräches seine eigenen bisherigen Konstruktionen be-
treffend der möglichen Einflussnahme von Fernsehen auf die Realitätswahr-
nehmung einer Diskussion und Veränderung auszusetzen.
M.E. sind Gespräche dieser Art vorstellbar, die so etwas wie eine neue bzw.
zumindest dem Lehrer unbekannte ,Theorie` hervorbringen, die in ihrer Struktur
ähnlich gehaltvoll sind wie didaktisch reduzierte ,wissenschaftliche` Theorien.
Der Vorzug solcher Theorien vor jeder anderen liegt in der kaum vergleichbaren
Konstruktions- und Lernleistung der Schüler. Dementsprechend muss der
Moderator aber auch eingreifend und steuernd agieren, wenn das Gespräch
nur wenig differenziert, einseitig oder diffus vieldeutig zu werden droht. An die-
ser Stelle fungiert der Moderator dann als Bewahrer der sachlichen Direktive.
Daneben besteht an einer solchen Stelle die Möglichkeit weitere Texte in mei-
nem Beispiel den von Doelker einzubringen. Damit stellt der Moderator bzw.
der Text an dieser Stelle eine Konstituente des Gespräches dar, der eine weite-
re Position der Erkenntniskonstruktion bezüglich des Phänomens ,Brief an die
Lindenstraße` in das Gespräch hineinbringt. Die Verwendung dieses Textes ist
ebenso an anderer Stelle denkbar, um etwa einer unsicheren Schülerfraktion
,Schützenhilfe` zu geben oder aber um das kollektive Verständnis der Gruppe
in einem nächsten Schritt mit einer anderen Position zu konfrontieren.
Ebenso ist denkbar, dass das Gespräch gerade nicht ,von selbst` voran-
schreitet aus Gründen, die etwa aus der Beziehungsebene, aktuellen Umstän-
den, Launen usw. herrühren können. Für diesen Fall besteht die Möglichkeit,
den Text von Doelker direkt einzugeben, um somit den thematischen Rahmen
des Gespräches enger werden zu lassen und es gleichzeitig zu ,entpersönli-
chen`. Daneben ist denkbar, das Gespräch durch weitere pertubierende Impul-
se anzuregen, z.B. durch die Nennung von Thesen, die das Vorhandensein
mehrerer Realitätsebenen beschreiben: die Geschmacksrichtung von Erdbee-
ren definiert sich durch Kaugummisorten und nicht durch reale Erdbeeren, alle
Hunde der Rasse ,Collie` sind schlau und menschenfreundlich wie der Fern-
sehhund ,Lassie`, jeder weiß, wie Piraten aussehen, ohne jemals einen gese-
hen zu haben usw.
Welche der genannten oder auch nicht genannten Optionen das Gespräch
nehmen wird, lässt sich nicht kleinschrittig planen. Grundvoraussetzung ist
eine ,offene` Haltung, die auch nicht kalkulierte Wendungen akzeptieren kann,
32
die im Hinblick auf erreichbare Ziele bescheiden bleibt und verknüpft mit dem
Wissen darüber, dass das, was zunächst als formalisierbarer Mangel daher-
kommt, auch ein aktuell nicht beobachtbarer entscheidender Fortschritt für die
Kompetenz- und Identitätsbildung der Schüler sein kann.
33
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näherungen an Schule und Pädagogik. Neuwied 1999.
ZIMMERMANN, W.-D.: Gespräche führen moderieren beraten. Hohengehren
1997.
35
Erklärung
Ich versichere, dass ich die schriftliche Hausarbeit selbstständig verfasst und
keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Alle
Stellen der Arbeit, die dem Wortlaut oder dem Sinne nach anderen Werken ent-
nommen sind, habe ich in jedem Fall unter Angabe der Quelle deutlich als
Entlehnung kenntlich gemacht.
Jörg Redlich
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