Inhaltsverzeichnis
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. IV
I. EINLEITUNG. 1
II. THEORETISCHER TEIL 3
1. Kindheit in der Antike. 3
1.1. Die Griechen 3
1.2. Die Römer 3
2. Kindheit im Mittelalter. 4
2.1. Das 13./14. Jahrhundert 4
2.1.1. Land / Bauernkinder 4
2.1.2. Stadt. 6
2.1.3. Adel. 8
2.2. Das 15. Jahrhundert. 11
2.3. Die Renaissance, 1450 - 1550 14
2.4. Das 17. Jahrhundert. 15
3. Kindheit in der Neuzeit 17
3.1. Erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. 17
3.1.1. Geburt und Kindersterblichkeit 17
3.1.2. Spiel und Arbeit. 18
a) Land - Bauernkinder. 19
b) Stadt - Stadtkinder. 20
3.2. Zweite Hälfte des 18. Jahrhundert 22
3.2.1. Wandel des Begriffs Familie’ 22
3.2.2. Erziehung 23
3.2.3. Kinderliteratur 24
3.3. Selbstmord von Kindern 25
4. Kindheit im Industriezeitalter 26
4.1. Das 19. Jahrhundert. 26
4.1.1. Kinderzimmer. 26
4.1.2. Veränderung der Kindersituation 27
Spiel - und Bewegungsverhalten in Wechselwirkung zum Wohnumfeld.
Ein historischer Vergleich zur Vorkriegszeit.
4.1.3. Kinderspiele in Köln. 27
a) Jungenspiele 27
b) Mädchenspiele 30
4.1.4. Spiel auf dem Land 31
4.1.5. Schule 33
4.1.6. Vereine 33
4.1.7. Die Philanthropen. 34
4.2. Das Kaiserreich (1860 - 1914) 35
4.2.1. Veränderungen im Alltag. 35
4.2.1. Kinderspiele 36
4.2.2. Verkehrsunfälle 37
5. Und heute? 38
III. DURCHFÜHRUNG DER EMPIRISCHEN STUDIE 41
6. Vorgehensweise 41
6.1. Die Zielsetzung 41
6.2. Der zeitliche Ablauf 42
6.3. Das Erhebungsverfahren 42
6.4. Die Probanden. 43
6.5. Die Probleme mit dem Fragebogen 44
6.6. Der Alternativfragebogen 45
IV. ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN STUDIE 46
7. Auswertung 46
7.1. Freizeitbeschäftigungen am Nachmittag. 46
7.1.1. Aufenthaltsort 46
7.1.2. Freizeitbeschäftigungen im Haus. 49
a) Stadtkinder 50
b) Landkinder 51
c) Vergleich Stadt / Land. 52
7.1.3. Freizeitbeschäftigungen im Freien. 53
a) Stadtkinder 53
b) Landkinder 54
c) Vergleich Stadt / Land. 55
7.1.4. Sportvereine und weitere Institutionen. 56
7.2. Spielräume. 56
7.2.1. Erreichbarkeit (Einschätzung durch Studenten) 56
a) Stadtkinder 56
b) Landkinder 58
II
Spiel - und Bewegungsverhalten in Wechselwirkung zum Wohnumfeld.
Ein historischer Vergleich zur Vorkriegszeit.
c) Vergleich Stadt / Land. 59
7.2.2. Nutzung der Spielräume. 60
a) Stadtkinder 60
b) Landkinder 61
c) Vergleich Stadt/Land. 62
7.2.3. Vergleich zwischen Erreichbarkeit und Nutzung der
Spielr äume mit Bezug zur Gefährlichkeit des Wohnumfeldes 64
a) Stadtkinder 64
b) Landkinder 66
c) Vergleich Stadt / Land. 67
7.3. Spielvergleich früher - heute 68
7.3.1. Spiele 68
7.3.2. Spielzeug 68
8. Fazit. 70
DARSTELLUNGSVERZEICHNIS 71
LITERATURVERZEICHNIS 73
ANHANGVERZEICHNIS 77
III
Abkürzungsverzeichnis
z.B. zum Beispiel vgl. vergleiche Jhd. Jahrhundert MA Mittelalter ebd. ebenda bzw. beziehungsweise o. Aufs. ohne Aufsicht m. Aufs. mit Aufsicht Darst. Darstellung
IV
I. Einleitung
„Einzelkindheit - Medienkindheit - Konsumkindheit“ sind Schlagwörter, die zur Kennzeichnung der heutigen Situation von Kindern häufig benutzt werden. Das Spiel miteinander, in der freien Natur also auf dem Rückzug? „Früher war alles besser“ wird einem häufig von den Großeltern vorgetragen. Doch war dem wirklich so?
Die Beantwortung dieser Frage verlangt zum einen eine interessante, gut recherchierte Reise in die Vergangenheit, zum anderen aber auch eine aktuelle Untersuchung über das tatsächliche Freizeitverhalten von Kindern. Beide Aspekte miteinander in Verbindung zu setzen ist eine spannende Aufgabe, die ich mir als Thema für meine Examensarbeit gesetzt habe. Des weiteren soll eine Antithese zum Vorurteil „Kinder spielen nicht mehr auf der Straße“ entwickelt werden.
In dieser Arbeit wird zunächst die Geschichte der Kindheit und vor allem die Entwicklung des Spiels aufgearbeitet. Dabei wird auf spezifische Unterschiede durch das Wohnumfeld eingegangen, soweit dies durch vorhandene Quellen möglich ist. Mein Hauptaugenmerk werde ich auf folgende interessante Fragenstellungen richten:
• Was wurde gespielt?
• Wurde überhaupt gespielt? • Wann (in welchem Alter) wurde gespielt?
• Welchen Einfluss hatte der geschichtliche Hintergrund beim Spiel?
Hier ende ich bewusst mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, da die Nachkriegszeit von meiner Kommilitonin 1 in ihrer Examensarbeit behandelt wird.
1 Zenker, Lena, „Das Wohnumfeld als Bestimmungsgröße des Spiel- und Bewegungsverhal-
tens von Kindern. Ein historischer Vergleich zur Nachkriegszeit."
1
Anschließend folgt die Auswertung meiner empirischen Untersuchung über das Freizeitverhalten von Kindern in Bezug zu ihrem Wohnumfeld. Es soll herausgefunden werden, ob und wie Kinder in der heutigen Zeit die Straße und die Natur als Spielraum nutzen.
Ich zitiere in Form eines erweiterten Kurzbelegs, der bei Rossig/Prätsch 2 nachgelesen werden kann. Eine Kopie der entsprechenden Seiten habe ich dem Anhang beigefügt.
2 Rossig, Prätsch, Leitfaden, 2001
2
II. Theoretischer Teil
1. Kindheit in der Antike
1.1. Die Griechen
Über das Verhalten von Kindern in der Antike ist nur wenig überliefert. Von den Spartanern weiß man, dass die Kinder als Eigentum des Staates galten. „Dieser hatte daher auch das alleinige Recht, sie zu erziehen.“ 3 Die Jungen blieben bis zum siebten Lebensjahr bei der Mutter, danach wurden sie vom Staat im Laufen, Springen, Ringen, Speer- und Diskuswerfen ausgebildet. Ziel der Ausbildung war die Vorbereitung auf den späteren Dienst im Heer und die dazu benötigte Abhärtung. Reden und Schwatzen waren verboten, so dass sich der Verdacht aufdrängt, dass sich in der geringen Freizeit auch nur wenig Möglichkeiten zum Spielen boten. Allerdings könnte man die Wettkämpfe ja auch als Spiele ansehen. Die Mädchen wurden ebenfalls in Leibesübungen ausgebildet. Da sie aber nicht dem Heer dienen mussten, hatten sie als erwachsene Frauen mehr Zeit für persönliche Dinge. 4
1.2. Die Römer
Auch bei den Römern gibt es kaum Überlieferungen von spielenden Kindern. Weyden 5 liefert einige Anhaltspunkte über Spiele des 19. Jahrhunderts, die ihre Wurzeln in der Römerzeit haben, so z.B. das sogenannte „Pekele“ oder Knöcheln, zur Römerzeit „ludere talis“ und später Würfeln genannt, oder das „lapillorum ludus“, das Spiel mit Murmeln, das auf vielen Plätzen und Straßen gespielt wurde. Außerdem gab es ein Ballspiel, welches „ludere pila“ genannt wurde und leidenschaftlich gespielt wurde. Als weiteres Spiel wurde das „Caput aut navem?“, in unserer Zeit bekannt unter dem Namen „Kopf oder Zahl?“, mit Münzen gespielt.
3 Reichhardt, Was ist Was, 1979, S. 30
4 Vgl. Reichhardt, Was ist Was, 1979, S.30
5 Weyden, Köln, 1999
3
2. Kindheit im Mittelalter
Spätestens seit dem 10. Jahrhundert wurden bereits Kleinkinder als Mitglieder der Gesellschaft angesehen. Man hat die Kinder liebevoll behandelt und das Spielen zugelassen. Allerdings endete die Kindheit bereits mit etwa sieben Jahren. Zu diesem Zeitpunkt begann die Ausbildung für den späteren Beruf. 6
2.1. Das 13./14. Jahrhundert
Aus dem Zeitraum des 13. und 14. Jahrhundert gibt es Überlieferungen, welchen Einfluss Wohnumfeld und Stand auf die Entwicklung eines Kindes haben können. Aus diesem Grund wird im folgenden eine Gliederung in Land, Stadt und Adel vorgenommen.
2.1.1. Land / Bauernkinder
Die auf dem Land lebenden Bauernkinder mussten bereits in jungen Jahren heiraten. Im 13. / 14. Jahrhundert kamen Jungen mit 14 und Mädchen mit 12 Jahren ins heiratsfähige Alter. Doch die Kinder, die dieses Alter erreichten, hatten bereits eine arbeitsreiche und schwere Kindheit hinter sich, die Kindersterblichkeitsrate lag bei 50%. 7
Bereits frühzeitig wurden die Kinder „zur Mitarbeit im häuslichen Betrieb angehalten, in dem jede helfende Hand benötigt wurde.“ 8 Trotzdem vertrieben sich die Kinder ihre freie Zeit mit Spielen, das bezeugen viele gut erhaltene, mittelalterliche Spielzeuge, wie z.B. Figuren aus Ton, Steckenpferde, Windrädchen, Reifen, Kreisel, Bälle und einfache Musikinstrumente. Die Spielsachen waren geschlechterspezifisch ausgerichtet, Mädchen spielten mit Puppen und Küchengeräten, während Jungen bewaffnete Ritterfiguren bevorzugten. 9
6 Vgl. Goetz, Leben i. MA, 1996, S. 63
7 Vgl. Goetz, Leben i. MA, 1996, S. 62
8 Brack, Brückner, Geschichte, 1994, S. 113
9 Vgl. Brack, Brückner, Geschichte, 1994, S. 113
4
Darstellung 1: Holzpuppe, 13./14. Jhd.
Darstellung 2: Ritterfigürchen aus Ton, 13./14. Jhd.
Quelle: Brack, Brückner, Geschichte, 1994, S.113
Shahar ist jedoch der Meinung, dass der Besitz von Spielzeug bei Bauernkindern nicht überliefert sei. Sie schreibt dazu: „Den Unfallberichten ist nur zu entnehmen, dass sie schwimmenden Federn nachjagten und die Gänse und Enten auf dem Bauernhof herumscheuchten.“ 10 Dennoch wird später von Jungen berichtet, die bereits Schlachten und Bogenschießen nachspielten, indem sie Stöcke zu Schwertern erklärten und aus Zweigen Pfeil und Bogen schnitzten. Viel Zeit zum Spielen blieb den Bauernkindern allerdings nicht, da sie auf dem elterlichen Hof als Arbeitskräfte benötigt wurden. Im Alter von sieben Jahre mussten sie leichte Botengänge und das Hüten von Tieren übernehmen. Wurden sie älter, kamen auch schwerere Arbeiten dazu, wie z.B. die Hilfe bei der Ernte. Für einen Schulbesuch blieb keine Zeit, sodass sich die Kinder untereinander nur beim gemeinsamen Spiel trafen. 11
10 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S.278
11 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 278
5
2.1.2. Stadt
In den Städten gab es drei unterschiedliche Stände: die Oberschicht, dargestellt durch den Adel, die Mittelschicht (Handwerker) und die Unterschicht (Tagelöhner).
Die Entwicklung der Städte förderte die Entstehung von Grund- und Singschulen. Hier wurden die Kinder, die in den Genuss einer Schulbildung kommen durften, unterrichtet.
Darstellung 3: Ansicht eines Schulzimmers
Quelle: Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 259
Jungen und Mädchen wurden gemeinsam im Lesen und Schreiben unterrichtet. Im Anschluss an die Grundschule konnte eine Handelsschule besucht werden, um einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. Hierzu hatten vor allem die adeligen Jungen Gelegenheit. 12
Die wohlhabenden Bürger der Stadt versuchten den Lebensstil des Adels nachzuahmen. „Einem Unterweisungsbuch zufolge musste die Städterin
6
reiten und tanzen können, häusliche Spiele spielen, Rätsel stellen und lösen und Geschichten erzählen.“ 13
Bei gemeinsamen Spielen dominierten häufig die Jungen, während sich die Mädchen meist auf die Zuschauerrolle beschränkten. Die Ausnahme bildeten dabei volkstümliche Spiele, an denen beide Geschlechter gleichberechtigt teilnahmen.
Die Freizeitgestaltung der Mädchen wurde durch gemeinsames Spazierengehen, Beteiligung an Gruppenspielen und Schlittschuhlaufen im Winter geprägt. Ihre Kindheit währte nicht so lange, wie die ihrer Brüder, da die Mädchen bereits sehr jung heirateten. „Das ideale Alter für Mädchen war im Spätmittelalter ... in Deutschland vierzehn.“ 14 . Die Jungen hingegen heirateten meist erst nach ihrer Lehrzeit, während der Ausbildung war eine Eheschließung nur in Ausnahmefällen gestattet.
Die Jungen spielten oft in der Nähe von Flüssen und Seen. Hier konnten sie ungehindert baden und fischen. Doch auch in den Straßen der Städte konnten sich die Kinder ungehindert bewegen. Allerdings waren in der Stadt die Spiele durch Streiche geprägt. „Sie schossen mit Pfeilen und warfen mit Steinen nach den Tauben und Raben ... spielten am Kirchportal Ball und richteten großen Schaden an den bunten Glasfenstern, Bildern und Statuen an.“ 15 Darüber hinaus waren Tierquälereien, Hänseleien und Verspottungen ein beliebter Zeitvertreib.
In der Handwerkerschicht waren Frauen und Männer eher gleichgestellt. Dies hatte auch Einfluss auf die Erziehung der Kinder, hier wurde kaum zwischen Mädchen und Jungen unterschieden. Wie ihre Brüder mussten die meisten Mädchen ein Handwerk erlernen. Dies geschah im Unterschied zu den Jungen meist im elterlichen Betrieb.
Über die Kinder der Unterschicht ist am wenigsten bekannt. Sie arbeiteten meist frühzeitig als Dienstboten in fremden Haushalten und erlernten kein
12 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 257
13 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 263
14 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 264
7
Gewerbe. Laut Shahar „waren 41,5 Prozent der männlichen und 34,2 Prozent der weiblichen Dienstboten Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis siebzehn Jahren.“ 16
2.1.3. Adel
Die adeligen Kinder erhielten eine standesgemäße Ausbildung. Die Jungen wurden in der Regel zu Knappen und anschließend zu Rittern ausgebildet, während die Mädchen auf ihr späteres Leben als Ehefrau vorbereitet wurden.
Die Jungen blieben bis zum Alter von sieben Jahren bei ihren Müttern, danach wurden sie von der Familie getrennt und erhielten ihre Ausbildung an einem anderen adeligen Hof. Meist war dies der Hof eines Freundes oder Onkels des Vaters, die in der Regel höheren Standes waren. Am Hof angekommen, wurden die Knaben zunächst Pagen und wurden im Reiten und in einigen Disziplinen des Rittertums unterrichtet. Shahar schreibt hierzu: „Die ernsthafte Ausbildung zum Waffendienst begann mit zwölf Jahren (obwohl Aegidius Romanus und andere der Meinung waren, dass Jungen erst ab vierzehn das Ringen, Reiten und andere ritterliche Fertigkeiten erlernen sollten).“ 17 Für die Ausbildung war in der Regel ein Lehrer oder Erzieher verantwortlich, der die Jungen im gründlichen Reitunterricht (die Jungen mussten lernen, bewaffnet zu reiten), Zielen auf eine Zielscheibe, Fechten, Ringen und Bogenschießen ausbildete. Mit fünfzehn Jahren war ihre Ausbildung für den Waffendienst abgeschlossen, sie galten nun als Erwachsene und wurden Knappen der Ritter. Zwischen siebzehn und neunzehn wurden sie zu Rittern, von nun an zogen sie auch mit in Schlachten. 18 Da Pferd und Ausrüstung sehr teuer in ihrer Anschaffung waren, wurde diese Berufswahl nur den adeligen Kindern zuteil. Bereits im 8. Jahrhundert erreichten Pferd und Ausrüstung „...den Wert von 45 Kühen oder 15 Stuten, im 11. Jahrhundert war das Pferd allein 5-10 Ochsen wert.“ 19
15 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 271f.
16 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 274
17 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 241
18 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S.241
19 Goetz, Leben i. MA, 1996, S.177
8
Darstellung 4: Eine Szene aus dem mittelalterlichen Alltag: Ritter und Page in
Kriegsrüstung
Die Pagen wuchsen als Gruppe im Pferdestall und in der Waffenkammer auf. Sie wurden in das Alltagsleben der Erwachsenen mit einbezogen, wodurch Lob und Sanktionen, Stolz und Scham ein große Rolle in der Kindererziehung spielten.
Gespielt wurde in der Gruppe gemeinsam mit anderen Pagen. Beliebt waren insbesondere „Ballspiele, mit oder ohne Schläger, einige ähnelten den heutigen Sportarten Tennis, Golf und Krocket; daneben wurden ein Rasen-Kugelspiel, Spiele mit einem Schlagholz, Federball, Diskuswerfen und ein Holzpflock-Spiel gespielt.“ 20 Außerdem wurden die künftigen Ritter in Schach und Tricktrack (eine Art Backgammon) unterrichtet.
Gänzlich anders verlief die Erziehung der Mädchen. Zwar wurden sie ebenfalls manchmal zur Erziehung in fremde Haushalte geschickt, dies war aber nicht so verbreitet, wie bei den Jungen. Einige wurden ins Kloster geschickt, wo sie bis zu ihrer Hochzeit lebten. Andere wiederum blieben zu Hause. Sie
20 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 242
9
wurden von Lehrern oder Pfarrern unterrichtet, wobei sie nicht auf einen Beruf oder ein Amt im Königreich oder Fürstentum, sondern auf ihre Rolle als Ehefrau vorbereitet wurden. So lernten sie „sich schicklich zu verhalten und sich ihn ihren Mußestunden die Zeit zu vertreiben.“ 21
Auch die Mädchen vertrieben sich ihre freie Zeit mit Spielen. Sie spielten mit Reifen und Puppen und ahmten die feinen Damen nach. Da laut Shahar in den Chroniken sehr selten von den Beziehungen kleiner Mädchen zu ihren Eltern berichtet wird, „gewinnt man den Eindruck, dass der Vater in Adelskreisen kaum Kontakt zu seinen Töchtern hatte und sich erst gegen Ende ... der Kindheit um sie kümmerte, dann nämlich, wenn es galt, einen vermögenden Ehemann für sie zu suchen.“ 22
Obwohl die Mädchen bereits sehr früh verheiratet wurden, meist zwischen 12 und 14 Jahren, verhielten sie sich auch darüber hinaus häufig noch sehr kindlich. So sind Quellen überliefert, nach denen verheiratete Mädchen noch mit Glasringen und Puppen spielten oder mit Spielgefährtinnen tanzten. 23
21 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 251
22 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 255
23 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 256
10
Darstellung 5: Kinderspiel in Adelskreisen
2.2. Das 15. Jahrhundert
Die Kindheit im 15. Jahrhundert verlief sehr freizügig. „Bis zum Alter von sieben oder acht Jahren soll das Kind sich seiner Natur gemäß verhalten dürfen, mit Gleichaltrigen spielen und nicht zum Lernen gezwungen werden.“ 24 Weiterhin wird geschrieben, dass Kinder spielen dürfen sollten, da es die Natur verlange. 25 So kommt es zu einer eher sanften und freiheitlichen Erziehung der Kinder, die in den Vorstellungen über die Entwicklung des Kindes und in der positiven wie negativen Einstellung zu Kindern begründet ist.
24 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 115
11
Im Alltag hatten die Kinder ein sehr freies Leben. Ihnen wurden wenige Einschränkungen auferlegt. Sie verbrachten viel Zeit mit gemeinsamen Spielen. „Historische Quellen berichten über Spielzeuge, verschiedene Kinderspiele, Gruppenspiele im Freien, Spiele mit allerlei Gegenständen in der Natur und mit Gebrauchsgegenständen im Haus.“ 26 Obwohl Jungen und Mädchen in allen Schichten der Gesellschaft bis zum siebten Lebensjahr gemeinsam aufwuchsen, waren die meisten Gruppenspiele für Jungen bestimmt.
Man erkannte, dass nicht alle Spiele für jedes Alter geeignet waren. So schreibt Shahar 27 z.B. von einem Kind, das ältere Kinder beim Versteck-Spiel nachahmt. Das Kind hält sich die Hände vor die Augen und denkt so, es könne nicht mehr gesehen werden.
Gespielt wurde überwiegend in der freien Natur. So wurden z.B. aus Erde, Wasser, dünnen Holzscheiten und Stoff Dämme, Boote, Mühlen, Öfen und vieles mehr gebaut. Aus Muscheln wurden Siebe, zwei Stöcke dienten als Egge, ein Stock wurde zum Steckenpferd und mit Holzklötzen wurden Zweikämpfe ausgeführt.
Darüber hinaus entdeckten die Erzieher der Kinderbruderschaften in Florenz die Bedeutung des Theaterspielens mit Kindern. Da sie erkannten, wie gerne die Kinder Theater spielten, ließen sie diese Theaterstücke mit pädagogischreligiösen Botschaften durchführen. Auch kleinere Kinder, die noch nicht Mitglieder der Bruderschaft waren, durften an diesen Aufführungen teilnehmen. 28
25 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 116
26 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S.121
27 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 122
28 Vgl. Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 123
12
Darstellung 6: Deutsches Tonspielzeug
Quelle: Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 122
An Spielzeug standen den Kindern im Mittealter vielerlei Geräte zur Verfügung: Rasseln, Stecken- und Schaukelpferde, Bauklötze, Knochen, Bälle, Reifen, Puppen, Kreisel, Wippen, kleine Windmühlen, kleine hölzerne Boote, Pfeifen, Vögel aus Ton, winzige Küchengeräte, Marionetten, Glasringe, Trommeln und Zimbeln. Gegenstände, die von Erwachsenen benutzt wurden, waren ebenfalls beliebtes Spielzeug der Kinder. „So wird von einem Kind berichtet, das mit dem Schmuck der Mutter spielen durfte, nachdem es sich die Hände gewaschen hatte.“ 29
Da das Spielen für die intellektuelle Entwicklung des Kindes und für sein Sozialverhalten von großer Bedeutung ist und die Kinder im Mittelalter sehr viele Freiheiten genossen, also auch vielerlei neue Erfahrungen sammeln konnten, wurde ihnen die Entwicklung von Eigeninitiative ermöglicht. 30
29 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 124
30 Shahar, Kindheit i. MA, 1991, S. 124
13
2.3. Die Renaissance, 1450 - 1550
In der Renaissance entstand unser heutiges Familienleben. Die Entstehung der sogenannten Kernfamilie findet hier ihren Ursprung und soll insbesondere die Aufgabe, moralische Arbeit zu leisten, übernehmen. Die neuen Anforderungen an das Wissen und die damit unmittelbar verbundene Notwendigkeit des Wissenserwerbes gaben Anlass, die Erziehung der Kinder neu zu überdenken.
Der Begriff ‚Kindheit’ beginnt sich zu entwickeln, allerdings erst im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert. 31 „Kindheit galt nun als ‚grundständige’ Zeit, die zur Formung des Menschen als notwendig angesehen wurde. Kinder wurden nicht mehr als für das Leben reif angesehen; sie bedurften nun einer Art ‚Sonderbehandlung’. Der soziale Ort hierfür wurde die private bürgerliche Kleinfamilie, wie auch die Schule.“ 32
Allerdings hegte niemand im Zeitraum vom 16. bis zum 18. Jahrhundertim Gegensatz noch zum 15. Jahrhundert - die Überzeugung, dass Kinder zu ihrer Entwicklung das Spiel, bzw. eine Ermunterung zum Spiel bedürften. Rutschky 33 schreibt hierzu: „Daß sehr kleine Kinder nichts anderes können als spielen, muß man akzeptieren; das Spiel älterer wird erlaubt oder toleriert. Das Ideal ist das frühreife Kind, das diszipliniert arbeitet und lernt.“ Einen Kontrast dazu bildet die erste zunftmäßig betriebene Spielzeugherstellung in Nürnberg, die im 16. Jahrhundert gestartet wurde. Dabei „handelt es sich in der Regel um Miniaturnachbildungen von Werkzeugen und Haushaltsgeräten.“ 34 Demnach diente dieses erste Spielzeug lediglich zur Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt. Charakteristisch für das Kinderspiel war jedoch nicht das künstlich hergestellte, sondern das natürliche, von den Kindern selbst hergestellte Spielzeug.
31 Vgl. Rolff, Zimmermann, Kindheit im Wandel, 1993, S. 10
32 Rolff, Zimmermann, Kindheit im Wandel, 1993, S. 10
33 Rutschky, Kinderchronik, 1983, S. 354
34 Rutschky, Kinderchronik, 1983, S. 356
14
2.4. Das 17. Jahrhundert
Im 17. Jahrhundert war es nicht leicht ein Kind zu sein, da man in jungen Jahren kaum beachtet wurde. Erst mit dem Eintritt in die Gesellschaft änderte sich dieser Zustand.
Die Abbildung von Weber-Kellermann 35 spiegelt das Nichtbeachten der Kinder durch die Erwachsenen wider. So vergnügen sich in der rechten Ekke zwei Knaben völlig unbeobachtet mit einer Kanne Wein.
35 Weber-Kellermann, Kinderstube, 1991, S.18
15
Darstellung 8: Kinderverhalten bei einem Tauffest
Quelle: Weber-Kellermann, Kinderstube, 1991, S. 18
Säuglinge wurden zu dieser Zeit von Kopf bis Fuß eng gewickelt, „...da man glaubte, dass der Kontakt mit der Luft von außen ihn umbringen könnte.“ 36 Doch wahrscheinlich gerade deshalb war die Kindersterblichkeitsrate sehr hoch. Die Chancen für das Erleben des 10. Lebensjahres standen 1 zu 10 für ein Kind. 37
Überlieferte Spiele sind aus dieser Zeit unter anderem das Topf- oder Hahnschlagen, wobei das damalige Topfschlagen mit dem heutigen, häufig auf Kindergeburtstagen anzutreffendem, Topfschlagen identisch ist. Beim Hahnschlagen wurde ein lebendiger Hahn unter den Topf oder in ein Loch gesteckt, den es zu treffen galt. 38
Im Frühling wurden die ersten Maikäfer von den Knaben eingefangen und präsentiert. Dies ging sogar soweit, dass ein reger Handel mit den Tierchen getrieben wurde. 39
36 Merchand, Kaiser, Könige und Zaren, 1993, S. 20
37 Vgl. Merchand, Kaiser, Könige und Zaren, 1993, S. 20
38 Handelmann, Kinderspiele, 1974
39 Vgl. Handelmann, Kinderspiele, 1974
16
3. Kindheit in der Neuzeit
Darstellung 9: Kinderspiele
Quelle: Dülmen, Kultur, 1990, S. 79
3.1. Erste Hälfte des 18. Jahrhunderts
3.1.1. Geburt und Kindersterblichkeit
In der Neuzeit bedeutete die Geburt eines Kindes die Erfüllung der Eheschließung. „Fruchtbar zu sein, d. h. Kinder zu haben, war geradezu notwendig, um auch alle Rechte als Mann wie als Frau ausschöpfen zu können, volles Ansehen zu genießen.“ 40 Obwohl die Kinderlosigkeit einer Ehe als Strafe Gottes galt standen die Kinder nicht im Mittelpunkt des Alltagsgeschehens. 41 Die noch immer hohe Kindersterblichkeit, die es nur jedem zweiten Kind erlaubte, das 15. Lebensjahr zu erreichen, verhinderte eine allzu intensive Zuwendung zum Kind. Münch schreibt hierzu „wir können allgemein davon ausgehen, daß es wohl eine bewußt liebevolle Zuwendung, aber auch ein liebloses Desinteresse an Kindern gab.“ 42 Und weiter heißt es:
40 Dülmen, Kultur, 1990, S. 80
41 Vgl. Münch, Lebensformen, 1992, S. 216
42 Münch, Lebensformen, 1992, S. 80
17
„Aus einsichtigen Gründen war das Verhältnis zu Kindern in denjenigen Schichten, die um das Überleben kämpfen mussten, oft distanziert.“ 43 Die folgende Tabelle soll über den Zeitraum eines Jahrhunderts verdeutlichen, dass sich die hohe Sterblichkeitsrate gleichermaßen durch alle Stände zog.
Darstellung 10: Säuglings- und Kindersterblichkeit bei verschiedenen Berufsgruppen
(14 Dörfer, Geburtsjahrgänge 1750 - 1799 und 1800 - 1849)
Quelle: Dülmen, Kultur, 1990, S. 88
Als Ursachen für die hohen Zahlen werden von Dülmen 44 Krankheiten, wie Seuchen, Epidemien und Infektionen, mangelhafte Hygiene und schlechte Ernährungssituationen sowie die fehlende Fürsorge der überforderten Mütter in den ersten Monaten, genannt.
3.1.2. Spiel und Arbeit
Auch in der Neuzeit mussten die Kinder schon früh im Haushalt mithelfen. Dies wurde den Kindern aber leicht gemacht, indem es ihnen auf spielerische Weise beigebracht wurde. Trotz der Arbeit im Haus blieb den Kindern viel Freiraum für eigene Spiele. Ihr Erfahrungs- und Lebensraum beinhaltete nicht nur das Haus, sondern erstreckte sich über die Straße und die Nachbarschaft.
43 Münch, Lebensformen, 1992, S. 246
44 Vgl. Dülmen, Kultur, 1990, S. 88
18
Obwohl laut Dülmen 45 bis zum 6. Lebensjahr kaum eine Trennung der Welten von Mädchen und Jungen sowohl in der Kleidung wie im Spiel stattfand, zeigen die folgenden beiden Abbildungen typisches mädchen- und jungenspezifisches Spielverhalten.
Darstellung 11: Mädchen im Spiel mit ihren Puppen, 18. Jhd.
Darstellung 12: Kinder im Spiel, 18. Jhd.
a) Land - Bauernkinder
Ulrich Bräker (geb.1735), schreibt über seine Kindheit als Bauernjunge folgendes: „Allr Tag dacht’ ich dreymal ans Essen, und damit aus. Wenn mich der Vater nur mit langanhaltender oder anstrengender Arbeit verschonte, oder ich eine Weile davonlaufen konnte, so war mir alles recht. Im Sommer sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen ab, und machte Sträusse wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln nach, kletterte auf die Bäume, und suchte Nester. Oder ich las ganze Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen...Im Winter wälzt’ ich mich im Schnee herum, und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenem Napf, bald auf dem blossen Hintern. Die Gähen hinunter.“ 46
45 Vgl. Dülmen, Kultur, 1990, S. 108
46 Ulrich Bräker in: Dülmen, Kultur, 1990, S. 110f.
19
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Tanja Nürnberger, 2002, Spiel- und Bewegungsverhalten in Wechselwirkung zum Wohnumfeld. Ein historischer Vergleich zur Vorkriegszeit., München, GRIN Verlag GmbH
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