EINLEITUNG 2
KAPITEL 1 KOHLBERGS MODELL VOM MORALISCHEN URTEIL 3 1.1 MORALISCHE DILEMMATA 3
1.2 DIE ENTWICKLUNG DES STUFENMODELLS 4
1.3 DIE EINZELNEN STUFEN DES MODELLS 5
1.3.1 DIE PRÄKONVENTIONELLE EBENE 5
1.3.2 DIE KONVENTIONELLE EBENE 5
1.3.3 DIE POSTKONVENTIONELLE EBENE 6
KAPITEL 2 ELSE URYS NESTHÄKCHEN 7 2.1 DIE AUTORIN 7 2.2 DIE NESTHÄKCHEN- SERIE 8
2.3 DAS BESONDERE AN DEN NESTHÄKCHENBÜCHERN 9
2.4 DIE VORLIEGENDEN ORIGINALAUSGABEN 10
2.4.1 NESTHÄKCHEN UND IHRE PUPPEN 10
2.4.2 NESTHÄKCHEN UND DER WELTKRIEG 11
KAPITEL 3 NESTHÄKCHENS MORALISCHE ENTWICKLUNG 12
3.1 NESTHÄKCHENS ENTWICKLUNGSSTAND IM VORSCHULALTER 13
3.2. NESTHÄKCHENS ENTWICKLUNGSSTAND IN DER VORPUBERTÄT 14 KAPITEL 4 SCHLUSSFOLGERUNG 15 LITERATURVERZEICHNIS 17
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Einleitung
Else Urys 10bändige Serie „Nesthäkchen“ über das Leben der Arzttochter Annemarie Braun aus Berlin wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Zeit vor und während des 1. Weltkriegs bis 1925 geschrieben und gehört bis heute zu den bekanntesten Vertretern deutscher Mädchenlektüre. Eine Auflage von bis heute sieben Millionen Exemplaren und die mittlerweile dritte Wiederholung der ZDF Verfilmung Nesthäkchen zeugen von der andauernden Popularität des Stoffes. Die seit 1945 immer wieder überarbeiteten Erstauflagen der Nesthäkchen- Reihe zeugen vom typischen Frauenbild und -Erziehung des Bildungsbürgertums um die Jahrhundertwende, wenngleich den Protagonistinnen niemals der Wille gebrochen werden muss, wie es etwa beim „Trotzkopf“ der Fall ist, um sie gesellschaftsfähig zu machen.
Inwiefern aber erlangt die Protagonistin, das Nesthäkchen, moralische Reife und wodurch? Wie fortschrittlich ist Else Urys Werk, wenn man es unter Lawrence Kohlbergs Modell des moralischen Urteilens betrachtet? Diese Frage soll Thema der vorliegenden Arbeit sein. Um Else Urys Werk dabei gerecht zu werden, dienen hier die ungekürzten Erstauflagen als Untersuchungsgrundlage. Da eine Betrachtung aller zehn Bände den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, stehen der erste Band „Nesthäkchen und ihre Puppen“ (wahrscheinlich vor dem 1. Weltkrieg entstanden) und der 4., nach 1945 verbotene Band „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ (wahrscheinlich 1916 entstanden) stellvertretend für die gesamte Serie.
Nach einer kurzen Einführung in Kohlbergs „Modell des moralischen Urteils“ und einem kurzen Überblick über das Schicksal der Autorin und die gesamte Nesthäkchenserie wird der Inhalt der Nesthäkchenbände auf eine moralische Entwicklung der Protagonisten hin untersucht werden.
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Kapitel 1
Kohlbergs Modell vom moralischen Urteil
1.1 Moralische Dilemmata
Ist eine moralische Entscheidung gefordert, so gerät der Mensch unter den Zwang, das Problem zu lösen. Man spricht von einem moralischen Dilemma. Er kann sich nur zugunsten einer Seite entscheiden, kann sich der Entscheidung nicht entziehen oder einen Kompromiss finden. Zudem muss die Lösung von ihm als gerecht und angemessen betrachtet werden. Moralische Konfliktsituationen zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie nicht von einer übergreifenden Instanz, sondern von jedem Individuum für sich gelöst werden müssen.
Zunächst muss identifiziert werden, worin das Dilemma besteht, welche die im Widerspruch stehenden Optionen sind und welche Vorrang vor der anderen erhalten soll. Für diesen Prozess werden geistige Leistungen herangezogen, Informationen müssen verknüpft werden, damit Zusammenhänge erstellt, Zentrales und Peripheres unterschieden werden kann. Dabei wird auf bereits Erfahrenes und früher schon einmal Durchdachtes aus anderen Entscheidungssituationen zurückgegriffen. Moralische Urteile drücken Lehren aus, die der Mensch im Laufe seines Lebens gemacht hat.
Beobachtet man Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihren moralischen Urteilen, so lässt sich daher ein Unterschied basierend auf Alter, Lebenserfahrung und vorher erlebten Konfliktsituationen feststellen. Da sich einzelne Elemente bestimmter Handlungssituationen immer wiederholen, kann der Mensch im Kindes- und Jugendalter durch Konfrontation mit verschiedensten Situationstypen Erfahrungen sammeln, übertragen, anpassen und gegebenenfalls korrigieren.
Er durchläuft einen Prozess von der fertig übernommenen in der Praxis erfahrenen Moralvorstellung der Erwachsenen bis hin zum Verständnis derselben und einer Entwicklung von individuellen Moralvorstellungen.
Dies bedeutet, dass der Mensch nur durch praktische Erfahrungen im sozialen Miteinander am Gegenstand lernen kann und nur durch Konfrontation mit Problemen eine notwendige übergreifende Denkstruktur entwickeln kann.
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1.2 Die Entwicklung des Stufenmodells
Mit Hilfe eines Fragenkatalogs, der diverse moralische Dilemmata enthält (Moral Judgement Interview) befragt Kohlberg zunächst 72 Jungen aus Chicago zwischen zehn und sechzehn Jahren. (In den nachfolgenden 30 Jahren erfolgen weitere Längsschnitt -Untersuchungen auch in anderen Ländern, um den strukturellen Kern noch sichtbarer machen zu können. Dabei werden diverse Stufen neu definiert oder erweiternd erläutert.)
In diesem Tiefeninterview werden die Befragten mit unterschiedlichen Problemen, bzw. Wertkonflikten konfrontiert, über die sie entscheiden sollen. Nachfragen fordern eine immer tiefer gehende Darlegung und Begründung des Urteils, damit in der Auswertung der moralische Standpunkt des jeweils Befragten nachvollzogen werden kann. Auch wenn das gefällte Urteil technisch mit bewertet wird, so kommt es in erster Linie auf die Begründung des Befragten an, wenn seine Entwicklungsstufe erfasst werden soll. Die wichtigsten Elemente der Argumentation werden herauskristallisiert und zu inter- individuellen Vergleichen herangezogen, um so ein allgemeines Grundmuster erstellen zu können, in welches man dann weitere Versuchspersonen einordnen kann.
Es sind also die Muster, nicht die individuellen Inhalte, welche sich in der Entwicklung verändern und welche im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.
Mit Hilfe des beschriebenen Tests und den immer genauer definierten Stellungnahmen der Befragten entwickelt Kohlberg sein Stufenmodell. Die erfassten Denkstrukturen folgen bestimmten Mustern, von welchen auf fünf verschiedene Entwicklungsstufen geschlossen werden kann, in welche wiederum neu Befragte anhand ihrer Begründungen eingeteilt werden können. Die fünf Stufen sind drei Ebenen untergeordnet. Jede Ebene besteht aus einer Vorstufe und einer vollendeten Stufe. Hierbei sollen aber keine Klassifizierungen, die Menschen qualitativ degradieren oder erheben entstehen. Eine Stufe ist vielmehr als ein momentaner Zustand zu verstehen, der hilft, die Welt zu verstehen. Durch Interaktion mit der Umwelt kann der Mensch sich zur nächsten Stufe weiterentwickeln.
Wie Piagets Altersangaben sind auch die Kohlbergs als ungefähre Richtlinie zu betrachten und nicht als Regel; sie sind also ein offenes Kontinuum. Das Stufenmodell des moralischen Urteils setzt sich wie in folgt zusammen:
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1.3 Die einzelnen Stufen des Modells
1.3.1 Die präkonventionelle Ebene
Diese Ebene zeichnet sich durch einen Egozentrismus in den moralischen Urteilen aus, der - über zwei Entwicklungsstufen hinweg - nach und nach überwunden wird. Stufe eins: „Wer die Macht hat, hat das Sagen.“
Kinder dieser Entwicklungsstufe haben den Egozentrismus überwunden und erkannt, dass es noch andere Sichtweisen neben der ihrigen gibt. Im Konfliktfall haben sie die Erfahrung gemacht, dass die Erwachsenen das Sagen haben und meistens Recht behalten. Diese Tatsache wird nicht mehr nur akzeptiert, sondern anerkannt. Die Autorität der Großen ist die Quelle aller Normen, an die man sich besser hält, damit Strafe vermieden wird.
Noch nicht begriffen wird hier die Tatsache, dass Moral eine Wechselbeziehung ist, bei der beide Seiten gerecht miteinander umgehen sollten, weil die Fähigkeit, Perspektiven miteinander zu verbinden noch nicht entwickelt ist. Stufe zwei: „Wie du mir, so ich dir.“
Fairness und Wechselseitigkeit als Grundlage der Moral werden nun erkannt. Da das Kind viel Wert auf Anerkennung der eigenen Rechte legt, und begriffen hat, dass jeder Mensch dieses Bedürfnis verspürt, herrscht eine zweckdienliche Moral, bei der die Frage des persönlichen Vorteils im Mittelpunkt steht. Man verhält sich gegenüber anderen nicht schlecht, weil man selbst nicht so behandelt werden mag. Nach dem Motto „Wenn ich fair zu dir bin, musst du auch fair zu mir sein!“ werden die individuellen Bedürfnisse anderer zwar gesehen, aber es bleibt jedem selbst überlassen, sich um die Durchsetzung derselben zu kümmern. Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, kommen alle irgendwie auf ihre Kosten.
Kinder, die sich auf Stufe zwei befinden, können noch nicht begreifen, dass auch Entscheidungen zugunsten von gemeinsamen Bedürfnissen getroffen werden können, weil sie nicht in übergreifenden Interessen denken.
1.3.2 Die konventionelle Ebene
Konventionelle Leitlinien, wie Gesetzte und Traditionen werden zum Maßstab der individuellen Entscheidung.
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Stufe drei: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg` auch keinem andern zu.“ Der Wechsel von der durch Egozentrismus geprägten präkonventionellen Ebene zur Sozialität erkennenden, konventionellen Ebene erfolgt dann, wenn das Kind beginnt, Wert auf soziale Annerkennung zu legen.
Die Erwartungen anderer an die eigene Person wird zum moralischen Maßstab. Gruppendenken steht im Mittelpunkt. Das Wohlergehen anderer wird berücksichtigt und steht in der Präferenz über eigenen Bedürfnissen, sofern diese sich nicht decken.
Dabei werden nur die Standpunkte der Bezugsgruppe erkannt. Kommt es zu einem Interessenkonflikt mehrerer Gruppen ist der auf Stufe drei denkende Mensch überfordert. Zudem ist er vom Urteil anderer so abhängig, dass er zu verletzlich ist. Stufe vier: „Was wäre, wenn das jeder täte?“
Nach der Gruppenboniertheit von Stufe drei kommt bei Stufe vier die gesellschaftliche Perspektive neu hinzu. Es wird erkannt, dass eine Gesellschaft sich aus mehreren Gruppen mit verschiedenen Interessen zusammensetzt und dass es wichtig ist, ihre Existenz zu sichern. Dies geschieht durch die soziale Ordnung, deren Aufrechterhaltung die moralische Pflicht jedes Individuums ist. Gesetz, Tradition, Sitte und Gewohnheit sind untrennbar von Moral und können nicht kritisiert werden. Individuelle Interessen laufen Gefahr, zugunsten gesellschaftlicher Bedürfnisse übergangen zu werden.
1.3.3 Die postkonventionelle Ebene
Die letzte und höchste Ebene in Kohlbergs Modell vereinigt auf logische Weise die egozentrischen Beweggründe der präkonventionellen und die Gesetzgläubigkeit der konventionellen Ebene miteinander. Beide Aspekte werden in das moralische Urteil mit einbezogen. Es erreichen nicht alle Menschen die postkonventionelle Ebene, denn dazu gehört das Verständnis Andersdenkender und das Einfühlungsvermögen in fremde Sichtweisen, sowie Toleranz und eine Vorstellung des gesamten Systems.
Stufe fünf: “Gerechtigkeit bedeutet, dass Menschen ihre fundamentalen Rechte wahrnehmen können.“ Die postkonventionale Ebene bringt nach den aus gesellschaftlichen Interessen hergeleiteten Prinzipien der konventionalen Ebene die Interessen von Sozialität und Individuum zusammen. Gesetze, Tradition
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und Sitte werden Kritik zugänglich.
Menschen, die auf Stufe fünf denken, haben erkannt, dass unterschiedliche Werte vor verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen Gültigkeit haben können. Da nicht immer eine Wahrheit und nicht immer das einzig Richtige existieren, kann nur mit Rückgriff auf Prinzipien ein Urteil gefällt werden. Dabei sind Prinzipien keine Regeln, sondern individuelle und universelle Leitfäden für moralische Entscheidungen. Sie geben dem Einzelnen formale Kriterien für moralische Entscheidungen. Stufe fünf folgt der Achtung vor dem Menschen und nimmt dabei im Zweifelsfall eine Übertretung der Konvention in Kauf.
Kapitel 2
Else Urys Nesthäkchen
2.1 Die Autorin
Über die Autorin ist heute wenig bekannt, was unter anderem daran liegt, dass nur noch ein lebender Verwandter, ihr Neffe Klaus, existiert. Dieser ist 1936 nach London emigriert und hat seitdem nur spärlich Nachricht von seiner Tante erhalten. Erst im Jahr 1977 fanden sich Dokumente, die ihre Deportation nach Auschwitz belegen.
Else Ury wurde am 1.11.1877 als 3. Kind wohlhabender jüdischer Eltern in Berlin geboren. Ihr Vater war Besitzer einer Tabakfabrik. Die Familie entspricht dem klassischen Bildungsbürgertum und lässt ihre Töchter das Mädchenlyzeum besuchen.
Ihre beiden Brüder werden Ärzte und die Schwester Lehrerin. Else heiratet aus ungeklärten Gründen nicht, was für ihre gesellschaftliche Position ungewöhnlich ist. Stattdessen beginnt sie im Alter von 23 Jahren zunächst unter Pseudonym zu schreiben, was typisch für weibliche Autoren um die Jahrhundertwende ist, denn eine schreibende oder arbeitende Tochter zeugt davon, dass der Vater als Familienvorstand diese nicht zu ernähren in der Lage ist. Mit wachsendem Erfolg und Einkommen jedoch werden die Urys wahrscheinlich Stolz auf das Werk der Tochter entwickelt und einer Veröffentlichung unter ihrem Namen zugestimmt haben.
Außer den zwischen 1913 und 1925 erschienenen heute noch bekannten Nesthäkchen- Bänden veröffentlicht Else Ury 39 Jungmädchengeschichten in Buchform bei verschiedenen Verlägen und in der
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Zeitschrift Kränzchen, von welchen heute, aufgrund ihres teilweise sehr patriotischen Inhalts, nur noch wenige existieren. Viele ihrer Werke erfreuten sich bereits zu ihren Lebzeiten großer Beliebtheit. „Goldblondchen“ (von 1908) wird 1913 von der Jugendschriftenwarte als Schullektüre für die dritte Klasse empfohlen.
Else Urys triviale und humorvolle Geschichten handeln von jungen Frauen aus gutem Hause, die studieren und heiraten und spielen im christlichen Milieu (z.B. „Studierte Mädels“ und „Wie einst im Mai“). Dabei bleiben eine glückliche Ehe mit Kindern stets das höchste Glück, das eine Frau im Leben erwarten kann.
Die Nesthäkchenserie bringt ihr soviel Vermögen ein, dass sie sich 1926 einen Sommerwohnsitz im Riesengebirge kaufen kann, die sie „Haus Nesthäkchen“ tauft.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erteilt man Else Ury 1935 Berufsverbot, indem man sie aus der Reichsschrifttumkammer ausschließt. In den folgenden Jahren flüchtet der Großteil ihrer Familie nach England oder Palästina, aber Else Ury bleibt aus ungeklärten Gründen in Deutschland. Dort wird 1941 das „Haus Nesthäkchen“ beschlagnahmt. 1943 entzieht man der Autorin das Vermögen und deportiert sie in das KZ Auschwitz, wo sich ihre Spur verliert. Dessen ungeachtet wurden ihre Geschichten, dessen häufig nationaler Ton durchaus den nationalsozialistischen Vorstellungen entsprach, auch im Dritten Reich weiterhin gerne gelesen. Im Gegensatz zu ihren Büchern ist das Schicksal der Autorin weitgehend unbekannt und findet kaum Erwähnung in entsprechenden Lexika oder Nachschlagewerken.
2.2 Die Nesthäkchen- Serie
Die 10bändige Reihe Nesthäkchen ist von Anfang an als Fortsetzungsgeschichte geplant, in deren Verlauf die jungen Leserinnen zusammen mit der Protagonistin älter werden können. Deren Hauptperson, das Nesthäkchen Annemarie, ist das jüngste Kind und die einzige Tochter der gutsituierten Berliner Arztfamilie Braun. Im ersten Band Nesthäkchen und ihre Puppen ist Annemarie eine 5 Jahre alte Puppenmutter. In rascher Folge erschienen die Fortsetzungen Nesthäkchens erstes Schuljahr, Nesthäkchen im Kinderheim, Nesthäkchen und der Weltkrieg (seit 1945 nicht mehr verlegt), Nesthäkchens Backfischzeit und Nesthäkchen fliegt aus dem Nest, in welchen Annemarie Braun bis zu ihrem Studiumsbeginn (Medizin) in Tübingen begleitet wird.
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Die darauffolgenden Bände sind inhaltlich eine Wiederholung der ersten Bände, denn nun steht Nesthäkchens Nesthäkchen Ursel, die der Mutter sehr ähnlich ist, im Mittelpunkt des Interesses: Nesthäkchens Küken, Nesthäkchens Jüngste, Nesthäkchens Enkel und Nesthäkchen im weißen Haar. Im letzten Band feiert die Protagonistin ihre goldene Hochzeit. Annemaries Freundinnen und ihre Brüder begleiten sie durch die vielen Alltagsgeschichten und durch alle Bände.
Die Geschichte spielt im christlichen Milieu. Man legt viel Wert auf Konventionen, Bildung und gutes Benehmen. Annemarie hingegen ist zwar ein hübsches und adrettes aufgewecktes Mädchen, doch gern setzt sie sich über Konventionen hinweg, ist unordentlich und für ein Mädchen ihrer Herkunft zu wild. Durch ihren Charme jedoch kann sie meist einer Bestrafung entgehen. Ihre Streiche und Eskapaden werden mit viel Humor erzählt, was sicher bis heute den Reiz der Bücher ausmacht.
2.3 Das Besondere an den Nesthäkchenbüchern
Neben der Differenz zwischen dem weitgehend unbekannten Schicksal der Autorin, die die bewegtesten Epochen der jüngeren deutschen Vergangenheit miterlebte (Kaiserzeit, Weimarer Republik, 1. Weltkrieg und 3. Reich) und der heilen Welt ihrer Geschichten sind es die Überarbeitungen und der anhaltende Erfolg ihrer Nesthäkchenbücher, die sie aus der Masse von Mädchenbüchern hervorhebt.
Nach 1945 und erneut in den 1970er Jahren überarbeitete man sämtliche Bände, um sie zeitgemäß dem Verständnis junger Leserinnen anzupassen. Dabei fielen Stellen mit Berliner Dialekt, die zahlreichen historischen Ereignisse (erster Zeppelin, Kriegsausbruch, patriotische Aussagen) und der komplette vierte Band den Kürzungen zum Opfer.
Da Else Ury alle Bände zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste, der letzte Band aber eigentlich in den 1980er Jahren spielen müsste, lässt sich in den letzten Bänden der Serie das Phänomen der „Entzeitlichung“ feststellen. Urys zu Beginn noch sehr detaillierten Zeitangaben und Beschreibungen zeitgenössischer Errungenschaften, wie das neue Thermometer im Haushalt oder der Zeppelin, weichen in den letzten Bänden vagen Angaben. Um diesem Problem aus dem Wege zu gehen, verlegt die Autorin die Handlung mehr auf die Innenräume und von Berlin weg hinaus aufs Land; später sogar bis nach Brasilien.
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2.4 Die vorliegenden Originalausgaben
2.4.1 Nesthäkchen und ihre Puppen
Im allerersten Buch der Serie lernt der Leser Annemarie Braun als Puppenmutter im Alter von 6 Jahren kennen. Die zahlreiche Puppenfamilie wird lebendig und fordert die volle „mütterliche“ Aufmerksamkeit des Mädchens.“ (vgl. Brentzel, S.121) Jede Puppe prägt eine andere positive oder negative Eigenschaft, wie Unordnung oder Bescheidenheit, die sich auch bei Annemarie findet. „Der Puppenjunge Kurt ist ein furchtbar wilder Strick, kein Tisch ist ihm zu hoch, um davon hinunterzuspringen.“ (Kapitel 1, S. 9)
Auf diese Weise fungieren die Puppen zum einen als Spiegel, der dem kleinen Mädchen die eigenen Ungezogenheiten vorführen kann und zum anderen dienen sie zur Einübung sozialer Verhaltensweisen der Erwachsenenwelt. (vgl. Brentzel, S. 121)
Neben den Puppen geht es im ersten Band um Nesthäkchens Unordnung, die zu guter Letzt sogar dem Kanarienvogel das Leben kostet. In den Sommerferien fährt sie mit dem jüngeren Bruder zum Onkel auf seinen Hof in Arnsdorf.
Da sie danach den Alltag zuhause ohne gleichaltrigen Spielgefährten langweilig findet, sucht sie einmal Kontakt zu einem keuchhustenkranken Mädchen im Tiergarten und ein anders Mal zu den Kindern im Hof sucht, entscheiden sich ihre Eltern für eine Unterbringung in einem der neuen Kindergärten, damit das Kind Freundschaften mit anderen bürgerlichen Kindern schließt bis es zur Schule kommt. Das Buch endet mit Annemaries 7. Geburtstag, an welchem sie einen Schulranzen geschenkt bekommt.
Anlass zur Kritik bietet in diesem Band die Darstellung des „Negerkindes“ Lolo, einer Puppe, die von Annemie in die Bleiche gegeben wird, damit sie weiß wird und die „ihre Unsauberkeit und Unordentlichkeit aus ihrer Heimat Afrika mitgebracht“ haben soll. (Kapitel 1,S.9) Diese Textstellen blieben bis zur heutigen Auflage ungekürzt.
Erzählt wird mit viel Witz und Lokalkolorit. Die einfachen Leute berlinern, während die „Herrschaften“ Hochdeutsch sprechen. Durch die Konfrontationen im Park und auf der Strasse erfährt der Leser viele Details aus dem Berlin der Jahrhundertwende.
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2.4.2 Nesthäkchen und der Weltkrieg
Nach einem Jahr im Kinderheim an der Nordsee, wo sie sich von einer Scharlacherkrankung erholt hat, kehrt das Nesthäkchen eilig nachhause zurück, denn der 1. Weltkrieg bricht aus. (Am Ende von Nesthäkchen im Kinderheim).
Daheim in Berlin befindet sich alles im Ausnahmezustand: Der Vater ist als Feldarzt in Frankreich an der Front, die Mutter ist bei Verwandten in England verschollen und die Großmutter hütet die Kinder zusammen mit der Köchin.
Die Schulen der Stadt ziehen mehrmals um, um ihre Räume als Lazarette zur Verfügung zu stellen. Auf dem Stundenplan finden sich nun zusätzliche Verpflichtungen, wie Stricken für die Soldaten, Verpflegung für vorbeiziehende Truppen zu stellen, Spenden- und Hilfsorganisationen für Flüchtlinge und Verwundete.
Nesthäkchen und ihre Brüder sind begeistert von diesem Durcheinander. Nur die Mutter wird schmerzlich von dem jetzt 11jährigen Mädchen vermisst.
Die einzelnen Kapitel erzählen vom Alltag im ersten Kriegsjahr. Nesthäkchen zeigt sich als eifrige Patriotin, die jeden deutschen Sieg begeistert bejubelt und eine „Fremdwortkasse“ einrichtet, in die jeder, der ein solches benutzt, Strafe zahlen muss.
Potentielle Feinde und Spione im Vaterland, wie die polnische Vera in ihrer Klasse, straft sie mit Nichtachtung und Unhöflichkeit. Einen ungeheuren Eifer entwickelt das sonst eher wilde Mädchen zur Freude ihrer Großmutter auf die Handarbeiten für die „Feldgrauen“.
Die Stimmung ist ausgelassen und heiter und häufig wünschen sich Annemarie und ihr Bruder Klaus, dass „dieser Krieg nie enden möge“. Die Mahnungen, die sie allerorts zu hören bekommen, dass jetzt jeder „ein Opfer zu bringen“ habe erscheint ihnen recht spaßig.
Bruder Hans hingegen, der als Pfadfinder von der Schule freigestellt ist, um am Bahnhof die ankommenden Flüchtlinge aus Ostpreußen zu versorgen, sieht den Schrecken des Krieges. Und auch die Köchin Hanne sorgt sich eher anstatt die Begeisterung der Kinder zu teilen. Aus Angst „vor den Russen“ und vor einer Hungersnot hortet sie alle Lebensmittel. Die Großmutter ist mit der Aufsicht der drei Kinder komplett überfordert und in Sorge um ihren Sohn und die Schwiegertochter. Ein Besuch im Lazarett, um die Verwundeten zu bescheren, der Tod ihres Freundes, dem Matrosen Willem und die Konfrontation mit einem verwaisten Ostpreußensäugling lässt zwischenzeitlich auch Annemarie die unschöne Seite des Weltkrieges erahnen.
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Der Band erstreckt sich über die ersten beiden Kriegsjahre und endet mit der Heimkehr der Mutter. Die Autorin selbst lässt im Text immer wieder mahnende Gegenstimmen zum uneingeschränkten Patriotismus der Kinder anklingen: „Die Welt geht jetzt durch den Krieg auch in Stücke, was ist diese Weltkugel denn besser!“ (Kapitel 3, S. 30) oder „Draußen tobte der Krieg in Ost und West weiter. Im Lande aber war man eifrig bemüht, die Wunden, die er schlug, zu heilen und das Elend, das er mit sich brachte zu lindern.“ (Kapitel 9, S. 82) und „Frieden auf Erden, so sangen sie. Wann würde endlich Frieden auf Erden sein?“ (Kapitel 11, S. 115).
Grundsätzlich jedoch handelt es sich hier um ein sehr deutsch - nationales Buch, welches aufgrund dieses Tenors nach 1945 auch nicht mehr verlegt worden ist. Da es zu Beginn des 1.Weltkrieges geschrieben wurde, ist anzunehmen, dass die patriotische Autorin die zeitgenössische Begeisterung für den Krieg und über die ersten schnellen Siege Deutschlands teilt und hier wiedergibt.
Kapitel 3
Nesthäkchens moralische Entwicklung
Doktor Brauns Nesthäkchen hat eher kleine Sorgen als große Probleme. In den beiden vorliegenden Bänden kann Annemarie im Alter von 6,7 und 11,12,13 Jahren beobachtet werden. In jedem Lebensalter entgeht sie den meisten Strafen für ihr Fehlverhalten, weil sie die Erwachsenen zum Lachen bringt. Häufiger wird ihr Benehmen durch Tadel ermahnt. Dies geschieht immer liebe- und verständnisvoll.
Moralische Dilemmata im Sinne Kohlbergs tauchen selten auf, denn Annemarie tut immer erst spontan wonach ihr gerade ist und reflektiert- wenn überhaupt- erst danach. Sobald jemand durch ihr Verhalten verletzt oder beunruhigt wird, schämt sie sich auch ohne Ermahnung. Daher ist es hier schwierig, anhand von Entscheidungssituationen einen Fortschritt zu determinieren. Die allgegenwärtige selbstverständliche Akzeptanz ihrer gesellschaftlichen Stellung mit den dazugehörigen erwachsenen Autoritäten Vater, Mutter und Kinderfräulein deutet generell auf einen Entwicklungsstand der Stufe 3 in Kohlbergs Modell hin, denn hier ist die Erwartung anderer der Maßstab für das eigene Verhalten, allerdings entspricht diese nicht immer den Argumentationsstrukturen des Kindes.
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3.1 Nesthäkchens Entwicklungsstand im Vorschulalter
Die 5jährige Annemarie handelt im ersten Band ihrem Alter gemäß nach egoistischen Beweggründen, wie Kohlberg sie auf der präkonventionellen Ebene festgestellt hat. So vernachlässigt Annemarie ihre alten Puppen zugunsten der zu Ostern geschenkten Gerda. Die Ermahnung ihrer Mutter „wenn ich mich nicht mehr um Hans und Klaus kümmern würde, weil ich ja dich habe“ (Kapitel 3, S.32) lässt das Mädchen zwar erröten, das Verhalten ändert sich jedoch erst auf die Androhung der neuen Puppe selber, das Nesthäkchen wieder zu verlassen- aus selbstsüchtigen Motiven heraus also. „..nur bleib du bei mir.“(Kapitel 3, S.34)
Auch die Entscheidung, sich auf die für sie verbotene Strasse zu begeben, erfolgt aus rein egoistischen Beweggründen. „Nicht an Muttis Verbot dachte das unartige Kind, nicht an ihre Angst und Sorge. Annemie dachte einzig und allein an den Leierkasten.“ (Kapitel 8, S. 75) Ein standesgemäßes Bewusstsein zeigt sich (noch) nicht. So erkennt das Kind kein Fehlverhalten im Tausch seiner schönen neuen Seidenschuhe gegen die Holzpantinen des Schiffer- Lenchens. „Die Kleine konnte sich gar nicht denken, dass jemand von ihren Holzpantinen weniger begeistert sein sollte als sie selbst.“ (Kapitel 12, S. 123) Da hier wie oft keine Strafe erfolgt, fühlt sich das Kind sogar belohnt: „Erstens die süßen Holzpantinen und dann noch Droschke fahren obendrein.“ (Kapitel 12, S. 123) Bis zum Ende des ersten Bandes ist weder ein Forschritt noch eine moralische Entscheidungssituation im Sinne Kohlbergs feststellbar. Das Nesthäkchen befindet sich eindeutig die gesamte erzählte Zeit über auf Stufe 2 der präkonventionellen Ebene.
Dies ist, wenn man überhaupt von altersspezifischen Entwicklungsständen sprechen möchte, ein durchaus realistisches Verhaltensmuster im Alter von 6 Jahren- besonders wenn man bedenkt, dass Annemarie noch keine Schulerfahrungen besitzt und sich ihr Leben innerhalb der Familie abspielt. Konfrontationen mit Gleichaltrigen oder anderen Autoritäten und Anschauungen als die des Elternhauses können so nur begrenzt stattfinden.
Ob sich mit dem Heranwachsen auch das moralische Urteilen entwickelt, kann erst eine Untersuchung des nächsten vorliegenden Bandes zeigen.
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3.2. Nesthäkchens Entwicklungsstand in der Vorpubertät
Zu Beginn des Buches ist Annemarie 11 alt. Das letzte Jahr hat sie fern der Familie auf einer Nordseeinsel unter Gleichaltrigen im Kinderheim verbracht, wo sie sicherlich mit neuen Werten und Normen konfrontiert worden ist. Kurz erfährt der Leser von ihrer Veränderung in Bezug auf Nesthäkchens Häuslichkeit und von ihren Eingewöhnungsschwierigkeiten in Berlin, denn „Annemarie war durch das Jahr an der Nordsee daran gewöhnt, sich frei in Garten, Strand und Heide umherzutummeln.“ (Kapitel 1, S. 9)
Weiterhin besucht sie mittlerweile die 4. Klasse des Lyzeums und besitzt einen recht großen Freundeskreis, was auch darauf schließen lässt, dass sie in der Vergangenheit neuen Autoritäten und Ansichten gerecht werden musste. Dies führt laut Kohlberg zu moralischen Dilemmata, was wiederum der Moralentwicklung zuträglich ist.
Im vorliegenden Band, in der sich die alltägliche Welt im Ausnahmezustand befindet und die altbekannten Autoritäten Vater und Mutter nicht daheim sind, ist es der deutsche Kaiser, dem Annemaries ganzer Gehorsam und Hingabe zufällt. Fast jede Handlung vollzieht sich vor dem Hintergrund, dem Kaiser und seinen Soldaten die Treue zu erweisen - und sei sie noch so profan. „Wer belegte Stullen zur Schule mitnimmt ist unpatriotisch.“ (Kapitel 14, S.133) Hinter diesen Vorbildern verschwinden die Vorbehalte der ängstlichen Großmutter zuhause. Ihr wird sogar widersprochen: „Wer sein Gold nicht bei der Reichsbank abliefert, versündigt sich am Vaterland!“ (Kapitel 14, S. 135)
All dies lässt einen Fortschritt auf die konventionelle Ebene Stufe 4 laut Kohlberg schließen. Auch die Aufrechterhaltung der neuen Werte und eifrige Pflichterfüllung zeugen davon. Einen großen Raum des Buches nimmt die Geschichte der Deutsch-Polin Vera ein, die zu Beginn der Geschichte in Annemaries Klasse kommt. (vgl. Brentzel, S.111) Zu Unrecht als Spionin verdächtigt wird Vera von Beginn an durch Aufruf der Wortführerin Annemarie Braun von allen Kameradinnen geächtet. Dass dem Nesthäkchen viel am Ansehen der Freundinnen liegt, wie es typisch für einen Menschen ist, der sich auf der konventionellen Ebene befindet, zeigt sich an ihrem Zögern, auf die „Polnische“ zuzugehen. „Sollte sie jetzt plötzlich gerade das Gegenteil davon tun, was sie den anderen geraten hatte? Nein, das hieße ja einzugestehen, dass sie damit unrecht gehabt hatte. Das ließ ihr Stolz nicht zu.“ (Kapitel 14, S. 133)
Hier zeichnet sich ein im Lauf der Handlung zunehmender moralischer Konflikt ab: soll sie das begangene Unrecht zugunsten ihrem Ansehen fortführen oder auf ihr „Gewissen“ hören und auf die
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Ausgestoßene zugehen? Es handelt sich um einen Konflikt zwischen den Werten der Stufe 4 und der der 5. Stufe.
Gegen Ende der Geschichte erfährt die Klasse, dass Veras Vater für Deutschland den Heldentod gestorben ist- der Verdacht der Spionage ist somit offiziell enthärtet. Das treibt Nesthäkchens Dilemma auf den Höhepunkt- eine Entscheidung ist gefordert. „Hatte sie Vera nicht gleiches Unrecht getan wie die Engländer ihrer Mutti? Pfui- und sie war ein deutsches Mädchen, war stolz darauf, eines zu sein.“ (Kapitel 16, S.151)
Das Gewissen, „die Stimme, die oft unbequem ist, aber immer den richtigen Weg weist“ (Kapitel 16, S.151) ist hier ein Begriff, der für die Werte der nächsthöheren Ebene steht. Erst die Aufforderung des Lehrers „..wir wollen der armen Vera von Herzen den schweren Verlust tragen helfen“ (Kapitel 16, S. 159) bringt Annemarie endlich dazu, ihren inneren Konflikt zu beenden und „ohne noch zu überlegen“(Kapitel 16, S. 159) Vera um Entschuldigung zu bitten.
Kapitel 4
Schlussfolgerung
Zwischen dem ersten Band und vierten Band lässt sich also durchaus eine Fortentwicklung des Nesthäkchens feststellen. Analog zu L. Kohlberg begünstigen die Ausweitung des Wirkungskreises und die Veränderungen um das Kind herum ein Auseinandersetzen mit verschiedenen Wertvorstellungen und Autoritäten, was wiederum moralische Entscheidungssituationen begünstigt und somit eine Entwicklung überhaupt erst ermöglichen.
Begrenzt auf den häuslichen Bereich ist ein Verhalten analog zur präkonventionellen Ebene durchaus realistisch, während die konventionelle Ebene als Grundlage für das vorpubertäre Schulmädchen ebenfalls glaubhaft ist.
Die Wirren des Krieges und der Aufenthalt im Kinderheim im Alter von 10 Jahren tragen ihren Teil zur Reifung des Kindes bei, so dass erste Tendenzen zur 5. Stufe, obgleich recht außergewöhnlich für eine 13jährige, in diesem Falle ebenfalls glaubhaft sind.
Obgleich die Konflikte wegen der recht trivialen Inhalte der Nesthäkchenbücher niemals wirklich bedrohlich erscheinen, ist es erstaunlich, dass das Werk dieser Prüfung standhält. Umso mehr, wenn
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man das Erscheinungsdatum bedenkt und in Relation zum viel später entstandenen Modell Kohlbergs setzt.
Trotz seiner Idealisierung ist die Person Annemarie Braun zumindest in ihrer Moralentwicklung also durchaus realistisch gezeichnet, was einer Identifizierung der Leserin mit ihr sicherlich positiv zugute kommt. Möglicherweise liegt hier ein Teil der Popularität der Bücher bis heute begründet.
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Literaturverzeichnis
Brentzel, Marianne 2001: Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943.
Frankfurt a.M.
Franz, Karen 1996: Handlungstheoretische Überlegungen zum „Sechs-Stufen-Modell“ von Lawrence
Kohlberg. Bd. 498 Europäische Hochschulschriften. Frankfurt a.M.
Oelkers, Jürgen 1995: Pädagogische Ratgeber. Erziehungswissen in populären Medien.
Frankfurt a.M.
Oser, Fritz, Althoff, Wolfgang 1994: Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und
Erziehung im Wertebereich. Stuttgart
Ury, Else ~1918/1919: Nesthäkchen und ihre Puppen. Eine Geschichte für kleine Mädchen. Berlin
Ury, Else ~1922: Nesthäkchen und der Weltkrieg. Eine Erzählung für Mädchen von 8-12 Jahren. Berlin
Wild, Reiner (Hrsg.)1990: Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart
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Arbeit zitieren:
Silke Diehring, 2003, Existiert eine moralische Entwicklung bei E. Urys Nesthäkchen im Sinne L. Kohlbergs?, München, GRIN Verlag GmbH
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