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Eros- und Todestriebs möglich. Eros und Thanatos haben bei Freud einen selbstzerstörerischen Charakter, weil der Mensch, wenn er diesen Trieben hemmungslos folgen würde, im Kampf ums Dasein (Lebensnot) gegenüber der Natur unterliegt und untergeht. Kultureller Fortschritt ist bei Freud also nur über die repressive Sublemierung der Triebe möglich. Das rationalistische, auf einem Subjekt-Objekt-Charakter beruhende Leistungsprinzip, dessen Grundlage die Transszendenz der Welt durch das Ich ist, obsiegt als Realitätsprinzip gegenüber dem Lust- oder Erosprinzip. Letzeres wird verdrängt (und führt zum neurotischen Charakter des Freudschen Bürgers). Hier liegt der Ursprung einer unterdrückenden Kultur, die der Logik der Herrschaft folgt.
Marcuses Ziel ist die Etablierung einer herrschaftsfreien Ordnung, in der sich der Mensch mit der Natur versöhnt, eins wird. Da die Lebensnot in der Konsumgesellschaft entfällt 1 , kann Marcuse die fortgesetzte Unterdrückung des Lustprinzips durch das Leistungsprinzip nur als künstlich verlängerten Kampf ums Dasein aus Herrschaftsgründen betrachten. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Natur wird zum Selbstzweck und ist dem Kapitalismus geschuldet.
Marcuse hinterfragt neben diesen kapitalismuskritischen Aspekten auch die Freudschen Prämissen der Kulturentwicklung und zeigt, dass die menschlichen Triebe historisch und gesellschaftlich bedingt sind. Er wendet sich vom biologisch-ahistorischen Triebkonstrukt Freuds ab, indem er die historische Bedingtheit der Triebe auf zwei Ebenen zeigt: erstens auf der phylogenetischen-biologischen Ebene (Kampf Mensch-Natur); zweitens auf einer soziologischen (Kampf Mensch-Mensch). Wenn die Triebe historisch und gesellschaftlich bedingt sind, können sie sich vor dem Hintergrund der Zeit und ihrer Gesellschaften auch verändern.
Um sein Ziel zu erreichen, nämlich die Irrationalität der herrschenden Rationalität zu zeigen und gleichzeitig eine Alternative zu entwickeln, muss Marcuse den Menschen in einer neuen Kultur etablieren. Dafür greift er auf
1 Nach Ansicht Marcuses sind aus technischer Sicht in westlichen Gesellschaften alle Menschen in
Bezug auf ihre Grundbedürfnisse Wohnen, Nahrung und Kleidung versorgbar.
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das unterdrückte Lustprinzip im Menschen zurück. Die totale Triebentwicklung ist sein Ziel, die Befreiung der inneren Natur von der repressiven Um-wandlung des Todestriebs.
An die Stelle des westlichen Rationalismus, dem ständig transszendieren Ich, den damit verbundenen Ich-Spaltungen, Rollentrennungen und Entfremdungen will er mit der Hilfe des Ästhetizimus des deutschen Idealismus den Menschen zur materialen Geschichte zurückführen und so mit der Natur versöhnen. Der Weg dorthin führt über die Phantasie des Menschen und sein ästhetisches Empfinden. U.a. am Beispiel des Narziss, der sich im Anblick seiner selbst genug ist, etabliert er eine libidonöse Moral, die auf dem Lustprinzip als Realitätsprinzip gründet. Vernunft und Sinnlichkeit vereinen sich in einem erfüllten menschlichen Dasein, wenn der Mensch zum Ding wird, d.h. um seiner selbst willen existiert. Die zweckfreie Existenz, die durch die Aufhebung des Reichs der Notwendigkeit möglich wird, findet er im Reich der Ästhetik: dort wo die Schönheit um der Schönheit Willen besteht, die Form um der Form Willen und keine Verdinglichung mehr zur Ausbeutung führt. Das Ego wird selbst zum Ding und beherrscht nicht mehr andere Dinge. Der Konflikt zwischen Mensch und Natur ist aufgehoben und Eros und Thanatos erscheinen nicht mehr als Bedrohung der menschlichen Kultur, sondern als die Stützen einer neuen Kultur. Ein auf Grund des kapitalistischen Leistungsprinzips regide genitalisiertes Geschlechtsleben kann sich ganzheitlich polymorph-pervers innerhalb einer ästhetischen Sinnlichkeit entwickeln. Die Überwindung des Kapitalismus wird möglich durch eine herrschaftsfreie Sexualisierung des Alltags in Form des Lustprinzips als Basis der neuen Kultur. Einen Anfang stellt jenes Motto der 68er Studentenbewegung dar, auch wenn es in seiner Unmittelbarkeit der Umsetzung, weil systemimmanent gedacht und es die Machtkomponente des genitalisierten Sexes beibehält, zu kurz greift:
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„Wer alles weiß über Sexualität, der kann besser lieben, wer besser liebt, hat mehr Lust, wer mehr Lust hat, ist freier, wer freier ist, befreit die Gesellschaft“.
Marcuse avancierte mit den Studentenbewegungen Europas und Amerikas zum Starintellektuellen, nicht zuletzt, weil er der strengen Negation des Frankfurter Teils der Kritischen Theorie positiv-utopistische aber auch realistische Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels, der hauptsächlich auf der Politisierung gesellschaftlicher Randgruppen basieren sollte, gegen- überstellte.
Arbeit zitieren:
Dominik Sommer, 2004, Eros and Civilisation (Triebstruktur und Gesellschaft) - Die Freudrezeption Herbert Marcuses, München, GRIN Verlag GmbH
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