Inhaltsverzeichnis:
1. EINLEITUNG. 1
2. UNTERNEHMENSPROFIL VOLKSWAGEN 1
3. ÜBERBLICK DER STRATEGIEPHASEN IM
INTERNATIONALISIERUNGSPROZESS. 2
3.1. PHASE 1 - DISTRIBUTIONSORIENTIERTER MULTINATIONALER KONZERN (1950 - 1970) 4
3.2. PHASE 2 - PRODUKTIONSORIENTIERTER MULTINATIONALER KONZERN (1970 - CA. 1992) 6
3.3. PHASE 3 - TRANSNATIONALER KONZERN (CA. 1992 - 2005) 7
4. SCHLUßBETRACHTUNG 10
5. LITERATURVERZEICHNIS. 11
6. INTERNET - ADRESSENVERZEICHNIS. 12
I
Tabellenverzeichnis:
Tabelle 1: Die drei Strategiephasen des Internationalisierungsprozesses des VW - Konzerns 4
II
Abkürzungsverzeichnis:
AG Aktiengesellschaft BMW Bayrische Motoren Werke DM Deutsche Mark EU Europäische Union GB Geschäftsbericht GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung SEAT Sociedad Española de Automóviles de Turismo VW Volkswagen
III
1. Einleitung
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Globalisierungsdiskussion werden die Internationalisierungsprozesse der großen deutschen Konzerne mit zunehmendem Interesse analysiert. Bei Betrachtung der Konzernhistorien wird deutlich, dass die Internationalisierungsentwicklung nicht erst in der letzten Dekade begann.
Im Rahmen des Seminars „Internationalisierungsprozesse von Unternehmen an Fallbeispielen“ stellt diese Arbeit die Internationalisierungsentwicklung des Unternehmens Volkswagen (VW) vor. Nach einer einleitenden Beschreibung des Unternehmensprofils folgt eine Überblicksdarstellung der internationalen Entwicklung des Konzerns. Beleuchtet man die geschichtliche Entwicklung des Unternehmens, können drei Phasen identifiziert werden, in denen jeweils eine unterschiedliche Internationalisierungsstrategie verfolgt wurde. Jede dieser drei identifizierten Strategiephasen wird im Einzelnen vorgestellt. Die Untersuchung erfolgt nach jeweils gleichen Kriterien, so dass Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgestellt werden können.
2. Unternehmensprofil Volkswagen
1938 wurde auf Initiative Adolf Hitlers die „Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH“ in Wolfsburg gegründet. Ziel war die Massenproduktion eines preisgünstigen Autos für jedermann unter dem nationalsozialistischen Motto „Motorisierung des deutschen Volkes“. Die Finanzierung erfolgte mit Hilfe sogenannter Sparmarken als eine Art Volksaktie. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Unternehmen zunächst staatlich geführt, bevor es 1959 privatisiert wurde und seither als Aktiengesellschaft besteht (vgl. www.wikipedia.org/wiki/). Das 1960 verabschiedete VW - Gesetz gewährleistet jedoch weiterhin die Einflußnahme der öffentlichen Hand auf den Automobilhersteller. Das Land Niedersachsen gilt heute als größter Einzelaktionär der VW - AG (18,64%). Diese politische Dimension innerhalb der Konzernorganisation hat wahrnehmbare Auswirkung auf die Gesamt- sowie Internationalisierungsstrategie. Mit Hilfe des Gesetzes können z.B. Übernahmenversuche oder eine Verlagerung des Firmensitzes verhindert werden. Die EU - Kommission forderte Deutschland im März 2004 aus wettbewerbsrechtlichen
Gründen zur Änderung des VW - Gesetzes auf 1 .
In den ersten Jahrzehnten nach der Unternehmensgründung konzentrierte sich VW ausschließlich mit einem Produkt, dem Volkswagen VW Käfer, als Massenprodukt auf das unterste Preissegment. Heute
1 Die 2004 angestrengte Klage gegen das VW - Gesetz vor dem Europäischen Gerichtshof ist anhängig.
1
ist der Konzern ein „full - sortiment - producer“. Zu diesem Zweck wurden neben den Marken SEAT und Skoda auch die Premium - Marken Audi, Lamborghini, Bentley und Bugatti integriert. Nach General Motors, Ford, Toyota und Daimler Chrysler ist die VW - AG mit 93 Milliarden US$ der fünftumsatzstärkste Automobilhersteller weltweit (vgl. www.manager-magazin.de/unternehmen/). Dabei werden ca. 80% des Umsatzes außerhalb Deutschlands erzielt (vgl. GB VW 2004). Der VW - Konzern hat einen hohen Internationalisierungsgrad. Dieser läßt sich anhand von drei Dimensionen bzw. Indikatoren erkennen: erstens die Anzahl der Auslandsvertretungen und die
psychische Distanz 2 zu diesen Ländern, zweitens die Art und der Umfang der im Ausland erbrachten Leistungen 3 und drittens die Integration zwischen Tochter- und Muttergesellschaft. (vgl. Kutschker/Bäurle 1997, 104 - 108)
In elf Ländern Europas und sieben Ländern in Amerika, Asien und Afrika unterhält der Konzern Produktionsstätten, sowie Vertriebsgesellschaften in 150 Staaten weltweit (vgl. www.volkswagenag.de/german/). Ein Indiz für die Erfüllung des zweiten Indikators ist die praktizierte Autonomität der in den Gesamtkonzern eingegliederten ausländischen Tochtergesellschaften bei Forschung und Entwicklung (Bsp.: SEAT, Skoda, VW - Werk Puebla/Mexiko). Die als dritte Dimension zu betrachtende Integration der Tochterunternehmen ist ebenfalls gegeben. Die Tochtergesellschaften sind in ein Konzernnetzwerk mit Verbundfertigung und gemeinsamer Konzernphilosophie eingebunden.
3. Überblick der Strategiephasen im Internationalisierungsprozess
Die Betrachtung der Geschichte des VW - Konzerns läßt im Wesentlichen drei Entwicklungsphasen erkennen, in denen jeweils eine unterschiedliche Internationalisierungsstrategie verfolgt wurde. Dies war zunächst die Entwicklung zu einem distributionsorientierten multinationalen Konzern (Phase 1), das bedeutet, die Auslandsaktivitäten konzentrierten sich auf die Export- bzw. Vertriebstätigkeit in eigener Regie. Die darauf folgende Umgestaltung zu einem produktionsorientierten multinationalen Konzern (Phase 2) zielte auf die Etablierung der Konzernpräsenz im Ausland durch Errichtung von eigenen Produktionsstätten. Seit Anfang der 90er Jahre bis heute findet ein Wandel zu einem transnational bzw. global operierenden Konzern (Phase 3) statt. (vgl. Pries 1999a, 9) Die Begriffe multinationaler bzw. transnationaler Konzern sollen im Sinne dieser Arbeit folgender-maßen definiert werden. 4 Multinationale Konzerne sind in mehreren Ländern aktiv, die Vorrang-
2 Unterpsychischer Distanz wird sowohl die räumliche Nähe bzw. Distanz als auch die Unterschiede in Kultur, Sprache, Handelspraktiken, politischen Systemen etc. zwischen Heimat- und Zielmarkt verstanden.
3 Höherwertige Leistungen sind bspw. Beschaffung, Forschung und Entwicklung.
4 anders Bartlett/Ghoshal (vgl. 2000, 255)
2
stellung und operative, sowie strategische Verantwortung besitzt jedoch das Stammland. Sie sind gekennzeichnet durch ein klar definiertes Zentrum - Peripherie - Verhältnis bei funktionaler Arbeitsteilung und Hierarchie - Kompetenz - Verteilung. Transnationale Unternehmen sind dagegen netzwerkartig organisiert. Es gibt im Unterschied zum Aufbau eines multinationalen Unternehmens kein eindeutiges Entscheidungs- und Kompetenzzentrum. Die Unternehmensaktivitäten wie Marketing und Vertrieb sind transnational auf die Konzernstandorte verteilt. (vgl. Pries 1999a, 10) Das Modell der „establishment chain“ definiert vier Etappen im Internationalisierungsprozeß einer Unternehmung: 1. keine regulären Exporttätigkeiten, 2. Export über einen unabhängigen Agenten, 3. Gründung von Tochtergesellschaften für den Verkauf und 4. Produktion im Ausland (vgl. Johanson /Wiedersheim - Paul 1975, 307). Die ersten drei Entwicklungsetappen entsprechen damit der ersten Phase des Internationalisierungsprozesses des VW - Konzerns zu einem distributionsorientierten multinationalen Konzern. Die Entwicklung des Konzerns zu einem produktionsorientierten multinationalen Konzern entspricht der vierten Etappe im Sinne der „establishment chain“. Im Weiteren werden die drei eingangs identifizierten Strategiephasen untersucht. Die Beurteilung und Analyse der praktizierten Strategien soll mit Hilfe folgender phasentypischer Kriterien erfolgen: die Markt- und Produktstrategie, das Produktionsmodell sowie die konzerninterne Arbeitsteilung und -koordination. In Tabelle 1 werden anhand dieser Attribute die Eckpunkte der Konzern- sowie besonders der Internationalisierungsstrategie des VW - Konzerns der jeweiligen Entwicklungsphase dargestellt.
3
Tabelle 1: Die drei Strategiephasen des Internationalisierungsprozesses des VW - Konzerns
Quelle: Pries 1999a, 17 mit eigenen Ergänzungen
Ausgehend von dieser Überblicksdarstellung werden in den folgenden Kapiteln die drei Entwicklungsphasen mit ihren unterschiedlichen Internationalisierungsstrategien im Detail analysiert.
3.1. Phase 1 - distributionsorientierter multinationaler Konzern (1950 - 1970)
Der Internationalisierungsprozeß des deutschen Automobilherstellers Volkswagen beginnt im Vergleich zu dem der anderen großen Fahrzeugproduzenten Deutschlands, BMW und Daimler - Benz, sehr früh. Bereits 1949 wird der erste Volkswagen - Export in die Niederlande mit Hilfe eines Agenten abgewickelt (vgl. www.volkswagen-ag.de/german/). In den Folgejahren werden zahlreiche ausländische Vertriebsgesellschaften (z.B. 1952 in Kanada) gegründet sowie weltweit Montagewerke (1953 in Brasilien, 1954 in Mexiko, 1956 in Südafrika) errichtet. Das VW - Stamm- und Massenprodukt ist zu dieser Zeit der VW Käfer.
Die strategische Ausrichtung von VW konzentrierte sich bis in die 70er Jahre vorrangig auf die weltumfassende Vertriebstätigkeit. VW ähnelt in dieser Phase einem distributionsorientierten multinationalen Unternehmen.
Die strategische Zielsetzung der Einrichtung von peripheren Vertriebs- und Montagestandorten war erstens die Nutzung von komparativen Kostenvorteilen bei Löhnen und Gehältern im Ausland. Bei einem Massenprodukt wie dem VW Käfer wirkt sich eine Verringerung der Faktorkosten direkt auf die Gestaltungsmöglichkeiten des Endpreises aus. Da die Preiselastizität der Nachfrage nach dem VW Käfer sehr hoch war, d.h. die Nachfrager reagieren sehr sensibel auf Preisreduzierungen bzw. -erhöhungen, nutzte VW die Möglichkeit der Montage in Ländern mit komparativen Kostenvorteilen. Ein zweites Ziel der Internationalisierung durch den Aufbau von ausländischen Vertriebs- und Mon-tagestandorten war die Sicherung des Zugangs zu hoch protektionistischen Märkten. Local - Content - Vorschriften, wie z.B. hohe Importsteuern für komplett im Ausland montierte Automobile, konnten durch die direkte Montagetätigkeit auf dem jeweiligen Auslandsmarkt umgangen werden. Neben den zwei schon benannten strategischen Zielsetzungen spielte vermutlich die Transportkostenminimierung ebenfalls eine Rolle bei der gewählten Internationalisierungsstrategie. Nach Vernon wer-
4
den komplexe, sperrige Produkte wie z.B. Automobile eher lokal gefertigt, da sie hohe Transportkosten pro Stück generieren (vgl. 1966, 200). Mit der Vorort - Montage in Auslandsmärkten, in denen der VW Käfer auch verkauft wurde, reduzierte VW somit die für den Automobiltransport anfallenden hohen Kosten. Markt- und Produktstrategie:
Der VW Käfer war als Volksauto für das untere und mittlere Marktsegment geschaffen und konnte
somit auch einen großen ausländischen Käuferkreis ansprechen 5 . Getrieben von dieser unerwarteten Nachfrage im Ausland wurde der Internationalisierungsprozess begonnen, so dass zu Beginn der Entwicklung nicht von einem strategischen Vorgehen auszugehen ist.
Die Konzentration der Produktstrategie auf das untere und mittlere Marktsegment scheint zudem die Marktauswahlstrategie (vgl. Kutschker/Bäurle 1997, 111) von VW beeinflusst zu haben. VW orientierte sich bei der Auswahl der Standorte ihrer Montage- und Vertriebsgesellschaften vorrangig an der Größe des Absatzmarktes (USA, Lateinamerika, Südafrika). Die psychische Distanz zu ihren
Auslandsstandorten scheint im Unterschied zur Aussage von Johanson und Wiedersheim - Paul 6 nicht entscheidend für die Marktauswahl von VW. (vgl. 1975, 308) Produktionsmodell:
Eine statische Zentrum - Peripherie - Aufteilung kennzeichnete die multinationale Unternehmens-organisation von VW in der ersten Phase. Die großen Unterschiede in Technik und
Arbeitsorganisation im Montagebereich 7 zwischen Stammland und Auslandsstandorten sind Anzeichen für ein starkes Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie. Die Hauptkompetenz und die strategische und operative Verantwortung lag beim Firmensitz in Deutschland. Die ausländischen Montagewerke dienten hauptsächlich einer weltweiten Vermarktungsstrategie. Konzerninterne Arbeitsteilung und -koordination:
VW verwirklichte seine Markteintrittsstrategie der ersten Phase im Sinne der „establishment chain“ (vgl. Kapitel 3). Im Allgemeinen gilt als Hindernis für eine Internationalisierung der relativ hohe In-vestitionsaufwand einer internationalen Aktivität und das fehlende Wissen über den Auslandsmarkt bzw. die sich daraus ergebende Unsicherheit. Der Vorteil der anfänglich reinen Exporttätigkeit über
5 Die Marktstrategie von VW unterscheidet sich von der vollständig am deutschen Absatzmarkt orientierten Strategie mit Bedienung des oberen Marktsegments (BMW und Daimler - Benz).
6 Aussage: Unternehmen werden zunächst aktiv in dem Markt mit der niedrigsten psychischen Distanz (zur Unsicherheitsvermeidung). Mit zunehmender Auslandserfahrung erschließen sich Märkte mit größerer psychischer Distanz.
7 Periphere Märkte wurden mit alten, mit in Deutschland abgeschriebenen Technologien produzierten Modellreihen bedient.
5
ausländische Agenten, so wie es die Internationalisierungsentwicklung VWs zeigt, ist die Minimierung des Risikos durch geringe Ressourcenbindung und das Nutzen des Wissens des Agenten. Mit wachsender Erfahrung sinkt das Risiko der Auslandsaktivitäten, so dass wie im Fall VW die Gründung von eigenen Vertriebs- sowie Montagegesellschaften attraktiv wird.
3.2. Phase 2 - produktionsorientierter multinationaler Konzern (1970 - ca. 1992)
Neben der Errichtung von ausländischen Produktionsstätten (Nigeria (1975), Argentinien (1980), Ägypten (1981), Volksrepublik China (1983)) wurde in der zweiten Phase der Internationalisierungsentwicklung des VW - Konzerns die räumliche Expansion durch Akquisitionen (1986 SEAT) und Kooperationen mit anderen Automobilherstellern (z.B. mit Ford zur Produktion des VW Sharan bzw. des Ford Galaxys (Portugal)) fortgesetzt. Nach der Absatzkrise 1967 in Deutschland wurde das technisch überholte Stammprodukt, der VW Käfer, vom Golf - Modell, das auf Grundlage der Plattform-
strategie 8 gefertigt wurde, abgelöst. Die Verbundfertigung wurde eingeführt und das technische Niveau vereinzelter peripherer Standorte an den deutschen Standard angeglichen. (vgl. Pries 1999a, 24) Die strategische Zielsetzung in der zweiten Phase der Internationalisierungsentwicklung von VW unterschied sich im Grundsatz nicht von der der ersten Phase. Nach wie vor sollte durch Errichtung von Produktionsstätten und Akquisitionen bzw. Kooperationen der Zugang zu geschützten Märkten gesichert und die relativ niedrigen Faktorkosten an den neuen Standorten genutzt werden. Es fand jedoch ein Strategiewechsel statt. Die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Internationalisierung konzentrierten sich nicht mehr nur auf die Fortentwicklung einer weltweiten Vertriebstätigkeit mit vonein-ander isolierten Montage- und Vertriebsgesellschaften. VW konzentrierte sich vielmehr auf eine im Gesamtkonzern integrierte Produktionsstrategie mit Verbundfertigung und strategischer Einbeziehung der peripheren Standorte. Markt- und Produktstrategie:
Die Entscheidung zum Aufbau von ausländischen Produktionsstätten mit hoher Fertigungstiefe scheint vor allem geprägt durch die in der ersten Phase gewonnene Erfahrung bei Auslandsoperationen. In der Mehrzahl der Fälle wurden neue Produktionswerke an Standorten errichtet, die zu-
vor bereits als Montagestätten genutzt wurden. Das Modell nach Johanson und Vahlne 9 stützt diese Annahme (vgl. 1977, 28 - 31). Danach stellt mangelnde Standorterfahrung ein besonders großes Ansiedlungshindernis in fremden Regionen dar.
8 Eine Plattform bezeichnet im Zusammenhang mit Automobilen eine technische Basis, auf der äußerlich verschiedene Modelle aufbauen. (vgl. de.wikipedia.org/wiki/)
9 „Model of Knowledge Development and Increasing Foreign Market Commitments“.
6
Die Markt- und Produktstrategie des VW - Konzerns richtete sich in der zweiten Phase der Internationalisierungsentwicklung auf den europäischen Markt. Mit der Akquisition des spanischen Automobilherstellers SEAT 1986 erweiterte VW seine Produktpalette um die erste nicht - deutsche, europäische Automobilmarke. Produktionsmodell:
Das konzerneinheitlich eingeführte Prinzip der Plattformproduktion löste die frühere fordistische Massenproduktion ab. Dieses Produktionsmodell ist auf die geänderte Internationalisierungsstrategie abgestimmt. Die Vorteile durch hohe Stückzahlen können skalenökonomisch noch besser genutzt werden.
Konzerninterne Arbeitsteilung und -koordination:
Parallel zu der vollzogenen expansiven Internationalisierung wurde eine Strategieanpassung bei der Ausgestaltung der internationalen Konzernorganisation vorgenommen. Die Hauptkompetenz und strategische Verantwortung besaß weiterhin die Konzernzentrale in Deutschland. Verbundfertigung, Lieferverpflichtungen sowie beginnende Weltarbeitsteilung zwischen den zentralen und peripheren Standorten waren jedoch Anzeichen für den Beginn eines netzwerkartigen Konzernverbundes. Die konzerninterne Rolle einiger Auslandsstandorte veränderte sich wesentlich, indem ihnen strate-
gische Verantwortung innerhalb der gesamten Konzernpolitik zugewiesen wurde 10 (vgl. Pries 1999a, 25). Ziel dieser qualitativen Veränderung scheint sowohl die Nutzung von Kapazitätsauslastungen für den weltweiten Konzern zu sein, als vor allem auch die Integration der peripheren Standorte in den Gesamtkonzern. Die beginnenden Integrationsbestrebungen bzw. die Lockerung der statischen Zentrum - Peripherie - Aufteilung deuten einen erneuten Strategiewandel von einem multinationalen (Phase 1 und 2) zu einem transnationalen VW - Konzern (Phase 3) an.
3.3. Phase 3 - transnationaler Konzern (ca. 1992 - 2005)
Mit Beginn der 90er Jahre war ein erneuter Wandel der Internationalisierungsstrategie zu beobachten. In dieser dritten Phase des Internationalisierungsprozesses dehnte VW seine Auslandsaktivitäten weiter aus. Nach der deutschen Wiedervereinigung und der damit verbundenen Öffnung der zentraleuropäischen Märkte expandierte der VW - Konzern durch den Kauf und den Umbau bestehender Produktionsstätten in den osteuropäischen Raum (1991 Übernahme des tschechischen Automobil-
10 Einbesonderes Beispiel für eine veränderte strategische Position eines ehemals peripheren VW - Standortes ist das mexikanische Werk in Puebla. Vom gewöhnlichen Montagewerk entwickelte es sich 1981 zum hochautomatisierten
Motorenwerk (Belieferung der USA und Europas) und später zum ersten ausländischen „Leitwerk“ der Konzerngeschichte
mit weltweiter Verantwortung für die Produktion und den Export des VW New Beetle (vgl. GB VW 1999).
7
herstellers Skoda, Gründung mehrerer Gesellschaften in Ostdeutschland, u.a. das Werk Mosel in Sachsen 1990, in der Slowakei 1991, in Polen 1993, in Ungarn 1993 etc.). Ende der 90er Jahre errichtete VW neben Produktionswerken im Wachstumsmarkt Asien (Philippinen 1996, China 2000, Thailand 2000) weitere Fertigungsstätten in Lateinamerika (Brasilien 1996, Argentinien 1996). Neben der neuen Marke Skoda wurden 1998 die Marken Bentley, Lamborghini und Bugatti durch Übernahme der britischen und italienischen Autohersteller in die Produktpalette des VW - Konzerns aufgenommen. Im Sinne der für die dritte Phase charakteristische Konzernmodernisierung wurde das Produktionsmodell des Plattformprinzips weiterentwickelt (Modularisierung) sowie im Beschaffungsbereich die Zulieferbeziehungen intensiviert. (vgl. GB VW 1990 - 2000)
Das zentrale Element der Internationalisierungsstrategie in der dritten Phase der Entwicklung von VW war der Wandel von einem multinationalen zu einem transnational operierenden Konzern. Die Präsenz des Konzerns auf allen Märkten mit erheblichem Wachstumspotential mit eigenen Fertigungskapazitäten sollte ausgebaut werden (vgl. Pries 1999a, 28). Der Aufbau eines einheitlichen Konzernnetzwerkes mit weltweiten Fertigungsverbundstrukturen sollte durch konsequente Integration der peripheren Standorte in den Konzern verwirklicht werden.
Die Akquisitionen der Luxusmarken Bentley, Lamborghini und Bugatti bedeuteten für VW eine Neuausrichtung der Produktpalette. Vom „Volksautohersteller“ entwickelte sich VW zu einem „full - sortiment - producer“. (vgl. GB VW 1998) Markt- und Produktstrategie:
Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Strategiephase der Internationalisierungsentwicklung zeigt die Marktstrategie in der dritten Phase ein klares Muster. Die ausländischen Aktivitätsschwer-punkte werden in vier Regionen eingeteilt 11 : Region Nordamerika (USA, Kanada, Mexiko), Region Südamerika/Afrika, Region Asien/Pazifik und Region Europa ohne Deutschland (vgl. GB VW 1993). Die Marktauswahlstrategie scheint zudem einem strukturierten Kriterienkatalog zu folgen. Die strategischen Zielsetzungen der ausländischen Niederlassungen sind nicht mehr nur die Marktzugangssich-erung 12 oder die Nutzung von Faktorkostenvorteilen im Ausland. An Wichtigkeit gewinnen Kriterien wie die frühzeitige und evtl. prospektive Präsenz in potentiellen Wachstumsregionen 13 , die Absicherung gegen Währungsschwankungen, die Risikodiversifizierung durch Standortvielfalt und
11 In den Phasen 1 und 2 wurde einheitlich vom „Überseegeschäft“ gesprochen. (vgl. GB VW 1990)
12 Aufgrund der Liberalisierung der Weltmärkte hat diese Zielsetzung an Bedeutung verloren.
13 Dies scheint evtl. ein Grund für das starke Engagement von VW auf dem chinesischen Markt (Gründung der „Shanghai - VW Automotive Comp., Ltd.“, 1991 Eröffnung eines Produktionswerkes in Changchun) schon vor dem
Asien - Boom zu sein.
8
arbeitsrechtliche, ökologische, steuerliche und allgemein wirtschaftliche Auflagen der Standorte 14 . (vgl. Pries 1999a, 31) Produktionsmodell:
Das angestrebte Ziel, ein transnationales VW - Netzwerk aufzubauen, erforderte nicht nur eine Änderung der Marktstrategie, sondern zudem die Reorganisation der Zulieferstrukturen. Es wurde eine global definierte Beschaffungsstrategie mit zentralisierten Verhandlungen und Kooperationen mit global operierenden Zulieferern angestrebt (vgl. GB VW 1991). Durch die Restrukturierung der Beschaffungsorganisation sowie der Intensivierung des Kontaktes zu internationalen Zulieferern sollten eventuelle Local- bzw. Regional - Content - Regelungen umgangen, Kostensenkungen durch Nutzung globaler Ressourcen erreicht sowie die Kontrolle über die Zulieferer gesteigert werden. Konzerninterne Arbeitsteilung und -koordination:
Kennzeichnend für die dritte Phase des Internationalisierungsprozesses ist weiterhin die transnationale Gestaltung der konzerninternen Arbeitsteilung. Die operative Verantwortung wurde dezentralisiert. D.h. ehemals periphere Standorte hatten die Möglichkeit, eigenverantwortlich im konzerninternen Wettbewerb um Produkte und Produktionsquoten aufzutreten und sich als innovativer Leitbetrieb (z.B. Werk Puebla/Mexiko) zu etablieren. Diese Individualität der sogenannten „local player“ wird jedoch beschränkt durch die innerhalb des Konzerns geforderten identischen Technologien und Prozess-
abläufe 15 sowie die nach wie vor bestehende alleinige Strategiekompetenz des deutschen Konzern-vorstandes. VW verfolgt somit eine Globalisierungsstrategie. Die operativen Verantwortlichkeiten werden zwar lokal aufgeteilt, aber die Prozesse sind standardisiert und die Zentralität des Stamm-landes bleibt erforderlich. (vgl. Kutschker/Bäurle 1997, 113)
Neben den bereits genannten Umstrukturierungsmaßnahmen in der dritten Strategiephase wurde 1991 ein Weltkonzernbetriebsrat gegründet, es wurden neue Arbeitsformen wie z.B. Gruppenarbeit in den peripheren Standorten eingeführt und allgemein gültige Konzernleitlinien definiert (vgl. GB VW 2003). VW scheint mit Hilfe dieser strukturellen Veränderungen eine „Strategie Internationaler Orientierung“ nach Kutschker und Bäurle mit dem Ziel der Tiefenstrukturbeein-
flussung 16 verfolgt zu haben. Die Autoren nehmen an, dass die Tiefenstruktur eines internationalen Unternehmens heterogen, also unterschiedlich ist. Weiterhin wird unterstellt, dass die Koordination
14 Die Standortnachteile in Deutschland (hohes Lohnniveau, starke arbeitsrechtliche Regulierung, Bürokratie etc.) mögen ein Grund für das wachsende Auslandsengagement des VW - Konzerns sein.
15 Diese Auflage gilt zudem als Voraussetzung für die Verbundfähigkeit der verschiedenen Werke.
16 Die Tiefenstruktur eines Unternehmens wird gebildet durch z.B. Werte, Überzeugungen, Einstellungen, informelle Beziehungen.
9
und Führung von Personen bzw. Gesellschaften leichter fiele, wenn die Tiefenstruktur des internationalen Unternehmens homogen wäre. (vgl. 1997, 116 - 117)
Die Restrukturierungsversuche VWs bezüglich der internen Arbeitskoordination könnten als Versuch der Homogenisierung der Tiefenstruktur des Gesamtkonzerns gedeutet werden mit dem Ziel, den Integrationsgrad zwischen den verschiedenen Standorten zu erhöhen und einen transnational operierenden netzwerkartigen Konzern zu schaffen.
4. Schlußbetrachtung
Die vorliegende Arbeit hat die Internationalisierungsstrategie des VW - Konzerns von seiner
Gründung bis heute untersucht. Anhand einheitlicher Vergleichskriterien 17 konnten drei wesentliche Entwicklungsphasen identifiziert werden, die sich hinsichtlich der Internationalisierungsstrategie deutlich unterscheiden. In der ersten Phase entwickelte sich das Unternehmen zu einem distributionsorientierten multinationalen Konzern. Veranlasst durch eine schwere Absatzkrise führte ein Strategiewandel in der zweiten Phase zum Umbau des Konzerns zu einem produktionsorientierten multinationalen Unternehmen. Das Ende des Kalten Krieges und die damit verbundenen weltwirtschaftlichen Veränderungen waren der Auslöser für einen erneuten Strategiewechsel. Seit Anfang der 90er Jahre befindet sich der Konzern in einem andauernden Wandel zu einem transnationalen Konzern. Die Strategie eines Unternehmens wird vom Management als wichtiges Betriebsgeheimnis behandelt. Aus diesem Grund existieren keine Aufzeichnung der Unternehmensführung, die die Strategie des VW - Konzerns erläutern. Die im Rahmen dieser Arbeit gemachten Annahmen bzgl. der verfolgten Internationalisierungsstrategien beruhen auf der Beobachtung der umgesetzten Managemententscheidungen. Nicht selten ist dieser Rückschluss jedoch unzutreffend, wenn die Management-handlungen stärker durch individuelle Einschätzungen und Eigeninteressen bestimmt sind als durch nachvollziehbare strategische Überlegungen. Besonders deutlich wird dies im Falle des langjährigen VW - Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piech, der vielfach für seine Prestige- und Luxusprojekte
kritisiert wurde 18 .
17 Markt- und Produktstrategie, Produktionsmodell und konzerninterne Arbeitskoordination.
18 Kritisiert werden insbesondere die von ihm verantworteten Entscheidungen über das milliardenteure Projekt Phaeton, die 1,5 Milliarden teure Bentley - Übernahme, den Bau der ebenso teuren AutoStadt in Wolfsburg und die Verschwendung von
mehreren hundert Millionen DM für die Entwicklung eines 18 - Zylinder - Motors, der nie produziert wurde. (vgl.
www.der - euro.de/wir/; TV - Dokumentation: „Ferdinands Traumfabrik“, Arte, 21.02.2001)
10
5. Literaturverzeichnis
Bartlett, C.A./Goshal, S.: Transnational Management: Text, Cases, and Readings in Cross - Border Management. 3. ed., Boston, Mass., 2000
Johanson, J./Vahlne, J.-E.: The Internationalization of the Firm - A Model of Knowledge Development and Increasing Foreign Market Commitment. In: Journal of International Business Studies, Vol. 8, 1977, S. 23 - 32
Johanson, J./Vahlne, J.-E.: The Mechanism of Internationalization. In: International Marketing Review, Vol. 7, 1990, S. 11 - 24
Johanson, J./Wiedersheim-Paul, F.: The Internationalization of the Firm - Four Swedish Cases. In: Journal of Management Studies, Vol. 12, 1975, S. 305 - 322
Kutschker, M./Bäurle, I.: Three + One: Multidimensional Strategy of Internationalization. In: Management International Review, Vol. 37, 1997, S.103 - 125
Pries, L.: Auf dem Weg zu global operierenden Konzernen? BMW, Daimler - Benz und Volkswagen: Die Drei Großen der deutschen Automobilindustrie. München 1999a.
Pries, L.: Restrukturierung und Globalisierung der deutschen Automobilhersteller - Sogeffekte für die Zulieferer. In: Industrielle Beziehungen, 6. Jg., Heft 2, 1999b
Vernon, R.: International Investment and International Trade in the Product Cycle. In: Quarterly Journal of Economics, Vol. 80, 1966, S. 191 - 207 Volkswagen AG: Geschäftsberichte der Jahre 1990 - 2004
11
6. Internet - Adressenverzeichnis
http://de.wikipedia.org/wiki/Volkswagen#Geschichte: „Volkswagen - Geschichte“; Abrufdatum: 23.05.05
http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,309452,00.html (2004):
„Champions League der Konzerne; Die Automobilhersteller; Deutschlands größte börsennotierte Automobilhersteller im internationalen Vergleich“, Erstelldatum: 23.07.2004, Abrufdatum: 23.05.05 http://www.volkswagen-ag.de/german/defaultNS.html: „Volkswagen - AG“, Abrufdatum: 23.05.05
http://de.wikipedia.org/wiki/Plattform_%28Automobil%29: „Plattform (Automobil)“, Abrufdatum: 23.05.05
http://www.der-euro.de/wir/un/vw47.html: „Sinkende Rendite bei VW, Vorstandschef Piech unter Druck“, Erstelldatum: 22.11.1999, Abrufdatum: 23.05.2005
TV - Dokumentationen:
„Ferdinands Traumfabrik“, Arte, 21.02.2001
12
Arbeit zitieren:
Nina Möller, 2005, Der Internationalisierungsprozess des VW-Konzerns, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Internationalisierungsstrategien in der Automobilzulieferindustrie unt...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 30 Seiten
Die Internationalisierungsstrategien der Bosch-Gruppe - eine Fallstudi...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Studienarbeit, 31 Seiten
Unternehmensentwicklung in der Automobilbranche
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 9 Seiten
Fusionen und Synergien in der internationalen Seeverkehrswirtschaft - ...
Seminararbeit, 44 Seiten
Telefonische Auftragsabwicklung (Unterweisung Industriekauffrau / -man...
AdA Kaufmännische Berufe / Verwaltung
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 13 Seiten
Strukturen international tätiger Unternehmen: Internationalisierungsst...
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 34 Seiten
Seemännische Gebrauchsknoten (Unterweisung Hafenschiffer / -in)
AdA Verkehrsberufe / Flugverkehr / Logistik
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 12 Seiten
Durchführung der Transportoptimierung mit verschiedenen Verfahren
BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik
Hausarbeit, 32 Seiten
Graphentheoretische Modelle zur Optimierung und Simulation
BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik
Seminararbeit, 26 Seiten
Das EPRG-Modell als Grundlage für strategische Konzepte im internation...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit, 23 Seiten
Markteintritts- und Marktbearbeitungsstrategien von Mc Donald's im...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Lesen durch Schreiben im Vergleich zum Fibelunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Marketingstrategien und Erfolgsaussichten von Nike, adidas und Ree...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 195 Seiten
Internationalisierungsstrategien von Luxusmarken
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 99 Seiten
Georg Cantor - Grundlagen einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre
Seminararbeit, 20 Seiten
Nina Möller hat den Text Der Internationalisierungsprozess des VW-Konzerns veröffentlicht
Nina Möller hat einen neuen Text hochgeladen
Steuer Seminar. Internationales Steuerrecht
123 praktische Fälle
Dieter Grümmer, Andreas Kierspel, Jörg Holthaus
Der Internationalisierungsprozess von Unternehmen
Ressourcenorientierter Theorie...
Markus Christian Simon
Transnationale Konzerne. Ein neuer Organisationstyp?
Ursula Mense-Petermann, Gabriele Wagner
In Transition: From the Harvard Business School Club of New York's Car...
Mary Lindley Burton, Richard A. Wedemeyer
0 Kommentare