1. Einleitung 3
2. Das Feldforschungspraktikum im Überblick 5 2.1 Vorbereitung 5
2.1.1 Ursprüngliche Themenwahl
2.1.2 Prozeß der Themen- und Informantenfindung 2.1.3 Thematische und methodische Vorbereitung 8
2.2 Durchführung
2.2.1 Allgemeines zur Planung, Durchführung und Dokumentation 2.2.2 Der Verlauf des Feldforschungspraktikums - die Erarbeitung und Bearbeitung eines
2.2.3 Methoden
2.2.4 Reflexion der eigenen Rolle als Feldforscher
2.3 Nachbereitung, Auswertung und Darstellung 18
2.4 Zusammenfassung: Erkenntnisse durch das Feldforschungspraktikum 19
3. Ethnizität und politischer Aktivismus: Eine Fallstudie über drei jugendliche Aussiedler in Hamburg 21
3.1 Theoretische Vorüberlegungen zu Praxis, Kultur, Ethnizität und politischem Aktivismus 22
3.2 Hintergrundinformationen zu Aussiedlern 26
3.3 Die allgemeine Lebenssituation der drei Aussiedler 31
3.3.1 Rußland und die Immigration nach Deutschland
3.3.2 In Hamburg 3.3.3 Die persönlichen Netzwerke der drei Aussiedler - zur praktischen Bedeutung von
3.3.4 Zusammenfassung
3.4 Die Ethnizität der drei Aussiedler 52
3.4.1 „Alte (deutsche) Werte“ - zu Wertvorstellungen der drei Aussiedler 52
3.4.2 Ethnizitätsbezogene Kognitionen der drei Aussiedler - zur Selbstwahrnehmung als
3.4.3 Zusammenfassung
3.5 Der politische Aktivismus der drei Aussiedler
3.5.1 Die politischen Aktivitäten bei der Landsmannschaft 3.5.2 Die politischen Aktivitäten bei der Jungen Union
3.5.3 Politisches Interesse und politische Einstellungen bei den drei Aussiedlern 3.5.4 Die Motivationen der drei Aussiedler zu politischem Aktivismus 3.5.5 Zusammenfassung 79
3.6 Zusammenfassung: Ethnizität und politischer Aktivismus 81 4. Bibliographie 85
Abbildung 1: Genealogie von Paul A. [014E.7.]
Abbildung 2: Genealogie von Andreas W. [014E.4.]
Abbildung 3: Genealogie von Viktor L. [014E.1]
Abbildung 4: Gesamtnetzwerk bei der Klausurtagung der Jungen Union [026E.14.12]
Tabelle 1: Zentralitäts- und Zentralisiertheitswerte für mindestens zwei Interaktionen [026E.14.14]
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1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit stellt einen Bericht meines im Hauptfachstudium der Ethnologie an der Universität Hamburg verbindlich vorgesehenen Feldforschungspraktikums dar, welches ich über drei jugendliche Aussiedler in Hamburg durchgeführt habe. Während das Feldforschungspraktikum meist über vier bis sechs Wochen en bloc realisiert wird, habe ich es über einen viermonatigen Zeitraum von April bis Juli 2000 studienbegleitend absolviert.
Der Bericht gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Hauptkapitel wird das Feldforschungspraktikum in den Schritten seiner Realisierung dargestellt. Dabei wird neben dem Prozeß des Findens einer ‚Lokalität‘, von Informanten und schließlich eines endgültigen Themas besonders auf die angewendeten Methoden eingegangen. Im zweiten Hauptkapitel werden die im
Feldforschungspraktikum erarbeiteten Ergebnisse in Form einer Fallstudie über die drei jugendlichen Aussiedler dargestellt, welche sich mit den beiden Themenkomplexen ‚Ethnizität‘ und ‚politischer Aktivismus‘ und ihrem Verhältnis zueinander befaßt.
Die für einen Praktikumsbericht eher ungewöhnliche Ausführlichkeit des inhaltlichen Kapitels ist durch zwei methodologische Überlegungen bedingt. Zum einen hatte ich im Zuge der Methodenanwendung zunehmend den Eindruck, daß v.a. auch der Prozeß der Datenauswertung und - synthese zurEinübung der Methoden zentral dazugehörte; die Darstellung der erst einmal gewonnenen Auswertungsergebnisse erforderte dann vergleichsweise wenig Aufwand. Zum zweiten war eine andere methodologische Einschätzung von besonderer Bedeutung: Da ethnographische Arbeiten grundlegend auf in Feldforschung erhobenen Daten basieren, deren umfassende Publikation aufgrund ihres Umfangs meist nicht praktikabel erscheint, werden dem Leser 1 neben einem kurzen Überblick über den Verlauf der Feldforschung üblicherweise nur die Auswertungsergebnisse präsentiert, so daß eine systematische Überprüfung am Datenmaterial nicht möglich ist. Die verschiedenen postmodernen Formen experimenteller Ethnographie seit den 1980er Jahren, die u.a. als Reaktion auf diese Diskrepanz zwischen dem einheitlichen ethnographischen Text und den diesem zugrundeliegenden, ausgeblendeten Erfahrungen im ‚Feld‘ verstanden werden können, gehen zwar in die richtige Richtung, indem sie die ‚vielen Stimmen‘ der Untersuchten durch längere Zitate zu Wort kommen lassen, sind aber in zweierlei Hinsicht problematisch. Einerseits wird auch in derartigen Ethnographien nur eine (wenn auch größere) Auswahl der primären Daten wiedergegeben, andererseits besteht in der bloßen Wiedergabe ‚vieler Stimmen‘ - wie Kohl [1993:127-128] überzeugend argumentierttendenziell die Gefahr einer Überforderung des Lesers durch den postmodernen Ethnographen, indem dieser jenem „zumutet, was zu leisten er sich selbst nicht mehr getraut: anhand der ‚Vielzahl der Stimmen‘ die Erfahrungen der fremden Kultur in seinen eigenen Erfahrungshorizont zu übersetzen.“ Vielversprechender erscheint mir die Darstellung einer Interpretation des Datenmaterials durch den Ethnographen unter konsequentem Verweis auf die selbst erhobenen Primärdaten, wie dies z.B. in Lans Monographie Guns and Rain über Guerillakämpfer und Geistermedien in Simbabwe geschieht [1985]. Kurz: Für eine weitreichendere Überprüfbarkeit ethnographischer Interpretationen erscheint es mir generell sinnvoll, alle verwendeten Feldnotizen in einer CD-Rom elektronisch zu versammeln und die ethnographischen Aussagen so konsequent wie möglich durch diese zu belegen (diese CD-Rom ist der Veröffentlichung nicht beigefügt). Die im Feldforschungspraktikum erhobenen, verglichen mit längeren Feldforschungen relativ geringen Datenmengen erschienen mir für ein derartiges Experiment
1 In diesem Bericht verwende ich aus Gründen der Einfachheit und Übersichtlichkeit die männliche Form für beide Geschlechter.
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besonders geeignet, so daß ich entsprechend alle Daten im Gesamtdokument Logbuch und Feldnotizen in einer CD-Rom aufbereitete und in meiner inhaltlichen Darstellung auf sie rekurriere, auch wenn dieser Anhang nicht öffentlich zugänglich ist. Eine Erkenntnis aus dem Feldforschungspraktikum vorwegnehmend [siehe unter 2.4] kann ich rückwirkend feststellen, daß der Aufwand dieses Experiments der pragmatischen Zielsetzung des Feldforschungspraktikums gegenüber unangemessen war; über den inhaltlichen und methodologischen Zugewinn durch dieses Vorgehen mag der Leser selbst urteilen.
Mein Feldforschungspraktikum wäre in der realisierten Form nicht möglich gewesen ohne die methodologische, inhaltliche und praktische Unterstützung von Hartmut Lang, Waltraud Kokot, Maike Böttcher, Karsten Kumoll, Thorsten Wulff, Peter Iden, Gisela Zenker und Elvira Witmer sowie im besonderen meiner Informanten Paul, Andreas und Viktor und der übrigen Mitglieder bei der Jungen Union, denen ich an dieser Stelle sehr herzlich danken möchte.
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2. Das Feldforschungspraktikum im Überblick
Dieses Kapitel behandelt die Stadien der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung meines Feldforschungspraktikums in einem Überblick. Zunächst wird dargestellt, wie sich neben einer allgemeinen thematischen und methodischen Vorbereitung während der Planungsphase allmählich eine passende Lokalität, meine späteren Informanten sowie mein thematischer Ausgangspunkt abzeichneten. Im Anschluß wird die Durchführung des Praktikums im Hinblick auf mein allgemeines Vorgehen, die Konkretisierung und Bearbeitung des Untersuchungsthemas, die verwendeten Methoden sowie meine Rolle als ‚Feldforscher‘ thematisiert. Darauf folgt für die Phase der Nachbereitung eine Charakterisierung der Arbeitsschritte der Aufbereitung der Daten in den endgültigen Feldnotizen, deren Auswertung und die Darstellung der Ergebnisse in dem Praktikumsbericht. Schließlich werden im Zuge einer kritischen Reflexion meine Erkenntnisse aus dem Feldforschungspraktikum zusammengefaßt.
2.1 Vorbereitung
Ursprüngliche Themenwahl 2.1.1
Die Idee, mein Feldforschungspraktikum über Aussiedler in Deutschland durchzuführen, bestand bereits seit längerer Zeit. Zum einen hatte ich in Adendorf bei Lüneburg - dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin - seit Anfang der 1990er Jahre die Zuwanderung von vergleichsweise vielen Aussiedlern selbst erlebt und durch die kirchlich organisierte Aussiedlerarbeit meiner Mutter einige Einblicke in ihre Lebensumstände erhalten können. Daneben war mir aufgrund meiner Herkunft aus Südafrika und den Kontakten zu meinen dortigen deutschstämmigen Verwandten die Selbstwahrnehmung als ‚Deutsche im Ausland‘ und ein damit verbundenes ‚diasporisches Bewußtsein‘ - wie es von vielen Aussiedlern dargestellt wird - vertraut. Schließlich hatte ich mich während meines Studiums intensiver mit Ethnizität beschäftigt und betrachtete die diesbezügliche Situation von Aussiedlern vor dem Hintergrund der häufig beschriebenen Diskrepanz zwischen einer Selbstwahrnehmung als ‚heimkehrenden Deutschen‘ und einer oft fehlenden Akzeptanz als Deutsche unter der einheimischen Bevölkerung als besonders interessant. 2
Da meine Mutter zudem über zahlreiche gute Kontakte zu Aussiedlern verfügte, die einen Einstieg ins ‚Feld‘ erleichterten, entschloß ich mich Ende 1999 für ein Feldforschungspraktikum über Ethnizität unter Aussiedlern in Adendorf. Dieses Thema und die genannte Lokalität boten sich auch aus einem weiteren pragmatischen Gesichtspunkt an, denn sie ließen eine studienbegleitende Durchführung des Feldforschungspraktikums zu, die sich aus meiner Notwendigkeit, nach der kürzlich erfolgten Rückkehr von einem einjährigen Masterkurs in England wieder Geld zu verdienen, und meinem Interesse, parallel an Lehrveranstaltungen teilzunehmen, ergab.
2 Diese Diskrepanzerfahrung wurde mir von meiner Mutter und ihren befreundeten Aussiedlern berichtet und wird auch allgemein in der Sekundärliteratur hervorgehoben - siehe Baur et al. 1999:96-112, Dietz/Hilkes
1993:118, Dietz/Hilkes 1994:17, 25-26, 75-85 und Römhild 1998:255-322.
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2.1.2 Prozeß der Themen- und Informantenfindung
Vor diesem Hintergrund bemühte ich mich ab Anfang Februar 2000 um erste Kontakte zu Aussiedlern in Adendorf. Zunächst führte ich längere Gespräche mit meiner Mutter und einer befreundeten Aussiedlerin über die gegenwärtige Situation von dort lebenden Aussiedlern im allgemeinen und über ihre ethnizitätsbezogenen Erfahrungen im besonderen. Im Zuge dessen überlegten wir auch, wer möglicherweise zu einem regelmäßigen Kontakt mit mir bereit sein könnte. Da meine Mutter in ihrer langjährigen Aussiedlerarbeit mit zahlreichen Aussiedlern in Adendorf zu tun hatte und ihre Kontakte alle Altersgruppen einschlossen, konnten wir relativ problemlos eine Liste von Aussiedlern jüngeren, mittleren und höheren Alters zusammenstellen, die ggf. in Frage kamen. Nachdem sich von diesen auch einige auf Nachfrage zu einem Gespräch bereit erklärt hatten, führte ich Ende Februar insgesamt sechs Interviews durch. Bei diesen Gesprächen, die im Rahmen eines gemeinsamen Besuchs mit meiner Mutter bei den entsprechenden Personen zuhause stattfanden, handelte es sich um Interviews mit zwei jugendlichen Paaren, mit einer jungen Familie (Eltern und zwei jugendliche Töchter), mit je einem Ehepaar und einem Mann mittleren Alters sowie einer älteren Frau. Durch diese Interviews, bei denen es neben einer Aufnahme biographischer Daten und der jeweiligen Genealogien besonders um die gegenwärtige soziale und berufliche Lebenssituation u.a. im Hinblick auf Ethnizitätserfahrungen ging, konnte ich einen allerersten Eindruck über mein Untersuchungsthema für verschiedene Altersgruppen erhalten.
Diese ersten Kontakte brachten mir zwei Einsichten. Zum einen war mein Untersuchungsfokus - wie gehen Aussiedler mit der Diskrepanz zwischen ethnischer Selbst- und Fremdwahrnehmung um?anscheinend zu eng gefaßt, denn von einigen Gesprächspartnern wurde diese Divergenz als nicht sonderlich relevant betrachtet und manche hatten sie in der Form gar nicht erlebt. Es schien daher sinnvoller, weniger von einer ethnizitätsbezogenen Defizithypothese auszugehen, sondern allgemeiner nach den mit Ethnizität verbundenen Vorstellungen und Handlungszusammenhängen unter Aussiedlern zu fragen. Zum zweiten stellte sich ein wesentliches praktisches Problem. Hatte ich ohne größere Schwierigkeiten einzelne Interviews durchführen können und waren die Gesprächspartner sogar z.T. zu weiteren Interviews bereit, so bot die Situation des ‚Felds‘ keine brauchbaren Einstiegspunkte für eine teilnehmende Beobachtung. Denn während die kontaktierten Personen zwar teilweise verwandtschaftlich miteinander verbunden waren, gab es keinen über den privaten Kontext hinausgehenden gemeinsamen Bezugspunkt. Die kirchliche Integrationsarbeit war weitgehend abgeschlossen und darüber hinaus gab es keine aussiedlerspezifischen Treffen oder Vereine; zudem wohnten die Aussiedler auch nicht überwiegend in räumlicher Nähe zueinander. Ein Besuch bei dem Adendorfer Jugendzentrum informierte mich darüber, daß „die Rußlanddeutschen seit einem Jahr nicht mehr kommen“ (der dortige Sozialarbeiter) und mein Gespräch mit einer Sozialpädagogin der Aussiedlerberatung des Diakonischen Werkes Lüneburg Anfang März half mir diesbezüglich auch nicht weiter. Mein forschungspraktisches Problem bestand damit weniger in der räumlich nur schwach definierten Gruppierung der Aussiedler in Adendorf an sich - dieses Phänomen ist aus der Stadtforschung hinlänglich bekannt und methodisch angegangen worden [siehe z.B. Kokot 1991 und Wildner 1995] -, sondern in dem Fehlen eines institutionalisierten Ortes der Begegnung, von dem ein nicht nur auf Befragung basierendes Feldforschungspraktikum seinen Ausgang hätte nehmen können.
In dieser Situation war mein persönlicher Kontakt zu dem Hamburger Lehrer Peter Iden von großem Nutzen, der zu der Zeit am Gymnasium Hamm in sogenannten Übergangsklassen ausgesiedelte Jugendliche auf den Regelunterricht vorbereitete und im Zuge dessen die aussiedlerspezifische
6
Situation am Gymnasium Hamm im allgemeinen und einzelne Aussiedler im besonderen recht gut kannte. Angesichts meiner Erfahrungen in Adendorf erschien mir diese Schule als Institution sehr geeignet, um regelmäßige, über einzelne Interviews hinausgehende Kontakte zu Aussiedlern herzustellen. In unserem Gespräch Ende März schlug Peter Iden vor, ich solle mich mit der Klasse 10b beschäftigen, die nach seiner Einschätzung eine Aussiedler-„Clique“ beinhaltete und zudem sehr multiethnisch war. Darüber hinaus vermutete er, daß der Klassenlehrer Thorsten Wulff für ein solches Projekt zu gewinnen sei. Wir beschlossen daher, daß Peter Iden diesbezüglich am Gymnasium Hamm nachfragen sollte; Anfang April erhielt ich von ihm eine positive Rückmeldung und wir verabredeten für den 7. April ein Treffen mit dem Klassenlehrer Thorsten Wulff im Gymnasium Hamm. Im Vorfeld dieses Treffens beschäftigte mich v.a. die Frage nach meiner zukünftigen Rolle am Gymnasium. Denn um dieses als Einstieg in eine über den Schulkontext hinausgehende Untersuchung zu nutzen, erschien es mir sinnvoll, eine konkrete Funktion - z.B. im Deutschunterricht oder in einer AG - einzunehmen, die mich auch tatsächlich mit Aussiedlern in Kontakt brachte. In dem Gespräch mit Thorsten Wulff überraschte mich dieser dann mit dem Vorschlag, ich solle in seiner Klasse eine Unterrichtseinheit über Ethnologie oder gleich über Multiethnizität durchführen. Dies kam mir sehr gelegen, da ich dabei die Kontaktaufnahme mit einer ersten inhaltlichen Arbeit verbinden konnte. Nachdem dieser Entschluß gefaßt war, ging alles sehr schnell: Noch am selben Tag wurde ich der Klasse als neuer ‚Ethnologielehrer‘ vorgestellt, drei Tage später hatte der Schulleiter mein Konzept für eine Unterrichtseinheit über Multiethnizität zur Bewilligung vorliegen und weitere drei Tage später stand ich zum ersten Mal unterrichtend vor der Klasse.
Aus meiner Sicht hatte die Untersuchung über und mit den Schülern der Klasse 10b hinsichtlich ihrer ethnischen Selbst- und Fremdwahrnehmung im Rahmen der siebenwöchigen Unterrichtseinheit anfänglich die Funktion einer ‚Studie in einer Studie‘: Sie sollte mir erste Ergebnisse über Ethnizität bei Aussiedlern liefern (die als eine neben anderen Gruppen behandelt wurden) und der Kontaktaufnahme für meine ‚eigentliche‘ Studie dienen. Allerdings hatte ich bei meinem ersten Besuch des Gymnasiums bereits durch Peter Iden die drei jugendlichen Aussiedler Paul, Andreas und Viktor 3 kennengelernt, die Interesse an einer Mitarbeit signalisierten und von denen Andreas und Viktor in die besagte zehnte Klasse gingen. Bereits bei diesem ersten Gespräch verabredeten wir regelmäßige wöchentliche Treffen nach der Schule, in denen ich mit meiner ‚eigentlichen‘ Untersuchung beginnen wollte. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich dann, daß diese ‚eigentliche‘ Untersuchung sich relativ unabhängig von dem Unterrichtsprojekt entwickelte und dessen faktisch nicht bedurfte; damit wurde aus einer konzipierten Verschachtelung ein Nebeneinander zweier Untersuchungen. Diese Entwicklung ergab sich nicht nur aus der sehr schnellen ‚Vollbeschäftigung‘ im Schulkontext - eine Miniatureinführung in die Ethnologie sowie die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung einer Befragung von und mit 27 Zehntklässlern in insgesamt 16 Unterrichtsstunden bereitete doch einen gewissen Aufwand -, die die Einsicht in die Möglichkeiten einer unterrichtsunabhängigen Kontaktaufnahme gar nicht erst aufkommen ließ, sondern ergab sich auch in inhaltlicher Hinsicht aus der Forschungssituation selbst: Außer meinem inzwischen allgemeiner gefaßten Interesse an Ethnizität und einer Kenntnis von Sekundärliteratur zu Aussiedlern wußte ich naturgemäß nichts über die konkrete Lebenssituation meiner zukünftigen Informanten und damit auch wenig über die letztendliche Richtung, die mein Feldforschungspraktikum nehmen würde. Wenngleich sich somit rückblickend das Unterrichtsprojekt weder pragmatisch noch inhaltlich als notwendig für mein Feldforschungspraktikum erwies, so konnte ich doch für die hier dargestellte Fallstudie einige seiner Ergebnisse als Hintergrundinformationen über den Schulkontext nutzen [siehe
3 Die Namen aller Informanten sind ihren Wünschen entsprechend anonymisiert.
7
unter 3.3.2]; daneben hat mir die Arbeit mit den Schülern auch einfach Spaß gemacht. Da die Durchführung der Unterrichtseinheit und die Ergebnisse der Untersuchung in einem eigenen Bericht dargestellt sind [siehe Zenker 2000], konzentriere ich mich im weiteren nur auf das Feldforschungspraktikum über die drei jugendlichen Aussiedler Paul, Andreas und Viktor.
2.1.3 Thematische und methodische Vorbereitung
Im Hinblick auf den Themenkomplex ‚Ethnizität unter Aussiedlern‘ hatte ich mich zum einen während meines Studiums bereits seit längerem mit Fragen der Ethnizität beschäftigt - so in einer empirischen Arbeit über Ethnizität bei den Akha, einer in den Bergregionen des nördlichen Thailands lebenden Minderheitengruppe, und in einer theoretischen Auseinandersetzung über die Vereinbarkeit sozialwissenschaftlicher Ethnizitätstheorien mit dem soziobiologischen Ansatz von Pierre van den Berghe im Rahmen eines Oberseminars. Neben einer erneuten Beschäftigung mit Ethnizitätstheorien begann ich ab Anfang 2000 zum anderen mit meiner Einarbeitung in die Sekundärliteratur zu Aussiedlern. In dem von mir im Wintersemester 1999/2000 besuchten Diaspora-Seminar und der im Februar stattfindenden internationalen Diaspora-Tagung des Instituts für Ethnologie verbanden sich zudem beide Themenbereiche in einer ersten Konzeptualisierung von Aussiedlern als einer ‚deutschen Diaspora‘.
Die methodische Vorbereitung erfolgte zum einen ebenfalls durch die Teilnahme an Lehrveranstaltungen. Während die Vorlesungen ‚Feldforschung und Quellenkritik‘ und ‚Einführung in die Methoden der empirischen Sozialforschung‘ zunächst allgemeine Möglichkeiten und Schwierigkeiten sozialwissenschaftlicher Forschung behandelten, ging es in der ‚Übung zur genealogischen Methode‘ um erste praktische Erfahrungen in der Erhebung und Auswertung empirischer Daten. Neben Gesprächen mit Kommilitonen, die den ‚Initiationsritus Feldforschungspraktikum‘ bereits erfolgreich absolviert hatten, und dem Lesen von diesbezüglichen Berichten bestand meine Einarbeitung in die Methodologie zum anderen überwiegend im Studium von einführender Literatur. Allgemein erwiesen sich dabei u.a. die verschiedenen Publikationen von Bernard [besonders 1995] und Spradley [1979, 1980] als besonders hilfreich.
2.2 Durchführung
2.2.1 Allgemeines zur Planung, Durchführung und Dokumentation
Wie dargestellt begann mit meinem ersten Besuch des Gymnasiums Hamm und meiner ersten dortigen Begegnung mit den jugendlichen Aussiedlern Paul, Andreas und Viktor am 7. April 2000 die eigentliche Durchführung meines Feldforschungspraktikums. Da dieses studienbegleitend realisiert wurde, stellten meine Feldkontakte einzelne Ereignisse dar, die zu meinem üblichen Alltag hinzukamen. Um in etwa über einen ähnlichen Zeitraum der Datenerhebung zu verfügen, der mit einem vier- bis sechswöchigen Praktikum en bloc verbunden ist, plante ich zu diesem Zeitpunkt, die Durchführung meiner Datenaufnahme nach drei Monaten, also gegen Ende Juni, zu beschließen. Aber aufgrund der studienbegleitenden Durchführung gab eigentlich keinen äußerlich notwendigen Grund, dann auch wirklich aufzuhören. Das vermutlich für eine Feldforschung typische Gefühl, ‚noch nicht genug zu wissen‘, neben dem sich nun gerade entwickelnden guten Kontakt, dem Interesse am Thema
8
und dem kontinuierlichen Fluß an Aktivitäten, die für das Praktikum weiterhin relevant erschienen, machten es mir schwer, den künstlichen Schlußpunkt einzuhalten. Daher zog sich die Durchführung noch bis Ende Juli hin. Auch nach der Durchführungsphase war bei der Erstellung und Auswertung der Feldnotizen die Verlockung groß, bei Unklarheiten noch ‚mal eben‘ nachzufragen - zumal ich den entstandenen Kontakt soweit möglich privat aufrechterhalten habe und daher Paul, Andreas und Viktor auch später noch traf. Zweimal habe ich dieser Verlockung nachgegeben, mich aber ansonsten auf die erhobenen Informationen beschränkt. Mit derartigen Problemen wäre ich bei einem en bloc durchgeführten Praktikum nicht in dem Maße konfrontiert gewesen; die positive Kehrseite der Medaille bestand aber in der recht einfachen Möglichkeit, den Kontakt aufrechtzuerhalten.
Während der Durchführungsphase orientierte ich mich bei der Planung und Realisierung einzelner Schritte an den Vorschlägen von Bernard, der zwischen dem Logbuch, ‚Erstnotizen‘, Feldnotizen und dem Feldtagebuch unterscheidet [1995:180-192]. So führte ich ein Logbuch, wobei ich für jeden Tag des gesamten Zeitraums eine Doppelseite reservierte und auf die linke Seite die geplanten und auf der rechten Seite die realisierten Schritte eintrug. Dadurch konnte ich während der Durchführung überprüfen, welche Schritte erfolgreich realisiert werden konnten und welche ggf. zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden mußten. Neben dem Logbuch verwendete ich ein Notizbuch, in dem ich in Form von Erstnotizen entweder während der Feldkontakte oder unmittelbar danach Erfahrungen, Beobachtungen und Aussagen von Informanten sowie Organisatorisches, Überlegungen zu möglichen weiteren Schritten und erste Interpretationen dokumentierte. Nach den Feldkontakten konnte ich die Rückfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln dazu nutzen, diese Erstnotizen zu ergänzen und weiterführende Überlegungen zu notieren. Zur ersten Dokumentation von Gesprächen verwendete ich neben den parallel erfolgenden schriftlichen Notizen auch einen MiniDisc-Recorder, mit dem ich die meisten Interviews aufzeichnete. Dies ermöglichte ihre spätere Transkription, die gerade für die Analyse der Ethnizitätskonzeptionen entscheidend war. Meine Informanten waren mit der Aufzeichnung der Gespräche einverstanden, wobei Viktor unter der Bedingung zustimmte, daß ich die MiniDiscs nach ihrer endgültigen Auswertung lösche.
Diese Erstnotizen aus den Feldkontakten wurden dann zuhause ausführlich in Form von Feldnotizen niedergeschrieben, auf denen später die Auswertung basierte. Zum Verfassen dieser Feldnotizen gehörte neben einer ausführlichen Niederschrift der zuvor nur angedeuteten Erfahrungen auch die Transkription der aufgezeichneten Gespräche und die graphische Darstellung der genealogischen Daten und des Gesamtnetzwerkes. Bernards Vorschlag [1995:186-192] entsprechend erstellte ich nicht nur ethnographische sondern auch methodologische Feldnotizen, die kurz die Erfahrungen bei der Anwendung der jeweiligen Methode wiedergeben. Da ich - wie in der Einleitung beschrieben - das Ziel verfolgte, meine inhaltliche Auswertung durch konsequente Verweise auf meine offen gelegten Feldnotizen weitgehend überprüfbar zu machen, gliederte ich alle Feldnotizen nach einem einheitlichen Schema: Neben der Angabe des Datums, Wochentages, des Zeitraums, der Art des Ereignisses, der Anwesenden, des Ortes und der verwendeten Methode(n) zu Beginn jeder Feldnotiz unterteilte ich diese in numerierte und mit Überschriften versehene Abschnitte, deren interne Absätze ebenfalls durchnumeriert wurden. Die Überschriften der numerierten Abschnitte wurden dann den Feldnotizen als eine Art Inhaltsverzeichnis zur ersten Orientierung vorangestellt. Die Feldnotizen selbst wurden chronologisch durchnumeriert und mit einem ‚E‘ oder einem ‚M‘ zur Kennzeichnung des ethnographischen oder methodologischen Inhalts versehen. Dieses Numerierungssystem der Feldnotizen konnte dann für detaillierte Verweise in dieser Arbeit benutzt werden. So referiert z.B. der Verweis ‚036E.2.16‘ auf den 16. Absatz des 2. Abschnitts in der ethnographischen Feldnotiz 036.
9
Sämtliche Feldnotizen wurden dann in dem Gesamtdokument Logbuch und Feldnotizen zusammengefaßt. 4
Bei der Erstellung der Feldnotizen machte es sich als überaus negativ bemerkbar, daß ich das Praktikum studienbegleitend durchführte. Denn das Verfassen der Feldnotizen nahm sehr viel Zeit in Anspruch - v.a. das Transkribieren der Gespräche und das Erstellen von Diagrammen - und die hatte ich nur in den seltensten Fällen direkt nach den Feldkontakten. Oft ging es nachher direkt zur Arbeit, zur Uni oder zu Verabredungen. In den immerhin sieben ersten Wochen des Praktikums war ich außerdem mit den sehr aufwendigen Vor- und Nachbereitungen des Unterrichtsprojekts beschäftigt. Deshalb wurde ich dem Ideal der am selben Tag verfaßten Feldnotiz [siehe Bernard 1995:191] nur sehr selten gerecht, wodurch mir sicherlich einige Erinnerungen an Details verloren gegangen sind. Zunächst führte ich auch ein Feldtagebuch, in dem ich meine persönlichen Erfahrungen in den Feldkontakten niederschrieb. Allerdings kam mir dies von Anfang an recht künstlich vor, denn letztlich führte ich trotz der zeitaufwendigen Durchführung des Praktikums mein normales Alltagsleben fort. Aufgrund dieser Wahrnehmung und auch wegen der Zeitknappheit entschloß ich mich ziemlich bald, auf das Feldtagebuch zu verzichten, zumal ich auch bei Bedarf persönliche Eindrücke in meinem Notizbuch vermerkte.
2.2.2 Der Verlauf des Feldforschungspraktikums - die Erarbeitung und Bearbeitung eines konkreten Untersuchungsthemas
Meine anfängliche Kontaktaufnahme zu den jugendlichen Aussiedlern am Gymnasium Hamm war einerseits gekennzeichnet von meinem Interesse an ihrer Ethnizität und andererseits von meiner Erfahrung bei den ersten Interviews in Adendorf, bei denen sich meine Vorannahme eines ‚Ethnizitätsproblems‘ bei Aussiedlern anscheinend als weitgehend unzutreffend erwiesen hatte. Daher entschloß ich mich (auch in Rücksprache mit meiner Betreuerin Prof. Kokot), neben einem weiter gefaßten Fokus auf Ethnizität zunächst auch ganz allgemein die Lebenssituation meiner Informanten kennenzulernen, um festzustellen, welche Themen aus ihrer Sicht eigentlich relevant waren und in welcher Hinsicht Ethnizität - wenn überhaupt - für sie eine Bedeutung hatte. Besonders wichtig war es mir dabei, möglichst schnell über den Schulkontext hinaus irgendwie an ihrem Alltag teilzunehmen. Damit war meine erste Themenfestlegung auf ‚die allgemeine Lebenssituation von jugendlichen Aussiedlern‘ extrem vage und ich konnte Paul, Andreas und Viktor ihre anfängliche Skepsis als Reaktion auf die Darstellung meines Vorhabens 5 nicht verübeln, fühlte ich mich doch selbst damit ziemlich unwohl. Erst mit der Zeit zeichnete sich im Kontakt mit den Aussiedlern ein zunehmend konkreteres Untersuchungsthema ab. Dieser Prozeß läßt sich an dem Verlauf des Feldforschungspraktikums nachvollziehen.
Bereits am 7. April hatten Paul, Andreas, Viktor und ich beschlossen, uns jeden Donnerstag nach dem Unterricht am Gymnasium zu treffen. Dieser Ort und Tag paßte den drei Aussiedlern und war auch für mich vorteilhaft, weil ich dann zunächst ohnehin wegen des Unterrichtsprojekts an der Schule war. Diese eineinhalb- bis zweieinhalbstündigen Gruppengespräche, an denen trotz gegenteiliger Bemühungen und gelegentlicher Besuche anderer jugendlicher Aussiedler dauerhaft nur Paul, Andreas
4 Leider erst nach der Verschriftlichung und Auswertung meiner Feldnotizen wurde ich auf die brauchbare Arbeit Writing Ethnographic Fieldnotes von Emerson, Fretz und Shaw [1995] aufmerksam.
5 Siehe 001E.2.5-8 und 003E.1.9-10 .
10
und Viktor teilnahmen, fanden bis Ende Juni fast durchgängig statt. Darüber hinaus kam es zunehmend auch außerhalb der Schule zur gemeinsamen Teilnahme an Veranstaltungen (insgesamt sieben) und zum Schluß auch zu fünf Einzelgesprächen.
In ihrer Gesamtheit können diese Feldkontakte grob in drei Phasen unterteilt werden. In der ersten ausschließlich Gruppeninterviews in der Schule umfassenden Phase, die bis Ende April andauerte 6 , ging es mir im Sinne eines explorativen Vorgehens darum, überhaupt erst einen Eindruck über die Lebensumstände von Paul, Andreas und Viktor zu gewinnen. Diese wurden mit einem schriftlich verfaßten Lebenslauf und verschiedenen Gesprächen beleuchtet, in denen es um das Verhältnis von Aussiedlern zu anderen Migrantengruppen, Freizeitaktivitäten v.a. bei politischen Organisationen, ihre ethnische Selbstwahrnehmung, die Situation von Aussiedlern am Gymnasium Hamm und ihre Wertvorstellungen zu Familie und Generationen- und Geschlechterrollen ging. Es zeigte sich u.a., daß Paul, Andreas und Viktor untereinander und mit vielen anderen Aussiedlern im Gymnasium befreundet waren, aber in ihrer Freizeit eher wenig gemeinsam unternahmen. Einzig im Kontext politischer Veranstaltungen bei der Jugendorganisation der CDU - der Jungen Union - und bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland hatten sie außerhalb der Schule miteinander zu tun. Zugleich waren den drei Aussiedlern diese politischen Aktivitäten anscheinend relativ wichtig. Dieser politische Aktivismus und der Umstand, das dieses Engagement zumindest bei Paul dem Anschein nach auch ethnisch motiviert war, weckten mein besonderes Interesse.
In der mittleren Phase, die den Mai umfaßte 7 , setzten wir einerseits die explorativen Gespräche fort und behandelten im Zuge dessen die Verwandtschaft, Treffen im Familienkreis und die Immigrationsgeschichten der drei Aussiedler; zudem erhielt ich auf meine Bitte hin von Paul und Andreas eine kurze Beschreibung ihrer typischen Wochen- und Wochenendtage. Daneben konnte ich aber auch andererseits erstmalig an Aktivitäten der Aussiedler außerhalb der Schule teilnehmen. Bei diesen handelte es sich um zwei Veranstaltungen der Landsmannschaft, zu denen ich von Paul eingeladen wurde, sowie um einen monatlich stattfindenden Stammtisch der Jungen Union. Im Hinblick auf diese außerschulischen Veranstaltungen wurde zum einen deutlich, daß die thematische Fokussierung auf den politischen Aktivismus der drei Aussiedler und auf eine möglicherweise zugrundeliegende (auch) ethnische Motivation generell sinnvoll war und zudem teilnehmende Beobachtungen zuließ. Zum anderen zeigte sich aber auch, daß eher die Junge Union als die Landsmannschaft von Interesse war, da nur bei dieser alle drei Aussiedler kontinuierlich aktiv waren. Die letzte und längste Phase, die den Juni und Juli beinhaltete 8 , konzentrierte sich dann ganz auf das solchermaßen eingegrenzte Untersuchungsthema ‚Ethnizität und politischer Aktivismus‘ im allgemeinen und seine Konkretisierung in der Untersuchungsfrage nach dem Ausmaß und der Art des Einflusses der Ethnizitätsvorstellungen der drei Aussiedler auf ihre Motivationen zu politischem Aktivismus im besonderen. Dabei konnte ich zum ersten vier Aktivitäten bei der Jungen Union teilnehmend beobachten, nämlich deren alljährliche an einem Wochenende stattfindende Klausurtagung, einen Spieleabend, eine Veranstaltung der CDU (bei der die Junge Union mitwirkte) sowie einen weiteren Stammtisch. Zum zweiten konnte ich in einem letzten Gruppengespräch und in insgesamt fünf Einzelgesprächen von den drei Aussiedlern gezielte Informationen zu ihrem politischen Aktivismus, ihrem jeweiligen ethnischen Selbstverständnis und dem Verhältnis zwischen beidem erhalten. Schließlich endete mit der Erhebung der persönlichen Netzwerke von Paul, Andreas und Viktor die Phase der Datenerhebung.
6 Die Feldkontakte dieser ersten Phase sind in den Feldnotizen 001E.-011M. dokumentiert.
7 Die Feldkontakte dieser mittleren Phase sind in den Feldnotizen 012E.-023M. dokumentiert.
8 Die Feldkontakte dieser letzten Phase sind in den Feldnotizen 024E.-050E. dokumentiert.
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Vor dem Hintergrund dieser Beschreibung wird deutlich, wie sich im Verlauf meines Feldforschungspraktikums im Prozeß einer fortschreitenden Konkretisierung des
Untersuchungsthemas auf ‚Ethnizität und politischen Aktivismus‘ mein ursprüngliches Interesse an Ethnizität mit dem auf Seiten der drei Aussiedler aktuellen Thema des politischen Aktivismus‘ auf eine Weise verband, die eher zufällig und nicht von vornherein planbar war. Wenngleich mir dieser Vorgang rückwirkend als eine ‚normale‘ Forschungsentwicklung erscheint, so war ich mir dessen zu Beginn meines Feldforschungspraktikums nicht so sicher.
Methoden 2.2.3
Im folgenden werden die im Rahmen des Feldforschungspraktikums angewendeten Methoden dargestellt. Dabei kann zunächst allgemein festgestellt werden, daß die fortschreitende Konkretisierung des Untersuchungsthemas tendenziell mit einer zunehmenden Verwendung speziellerer Methoden einherging. Stand in der ersten Phase neben einer persönlichen Dokumentation ausschließlich eine explorative, weniger strukturierte Befragung im Vordergrund, so traten in der mittleren Phase die teilnehmende Beobachtung und die genealogische Methode hinzu. Im letzten Abschnitt der Datenerhebung wurde die Befragung neben einer fortgesetzten teilnehmenden Beobachtung stärker strukturiert und mündete vor dem Hintergrund des inzwischen erworbenen ethnographischen Wissens in der Anwendung der formalen Verfahren der Netzwerkanalyse.
2.2.3.1 Informelle Interviews
Bei informellen Interviews handelt es sich um gewöhnliche Gespräche, zu denen im Nachhinein Gedächtnisprotokolle aufgezeichnet werden; aufgrund ihrer relativen ‚Natürlichkeit‘ und geringen Vorstrukturiertheit eignen sie sich besonders für explorative Zwecke [siehe Bernard 1995:209]. Von den zahlreichen informellen Interviews während des Feldforschungspraktikums habe ich vier nachträglich in Form von Gedächtnisprotokollen dokumentiert. Diese nicht als Interviews geplante Gespräche fanden alle im Kontext der Anwendung anderer Methoden statt, sei es vor oder nach einem formellen Interview oder im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung. In ihnen war die Gesprächssituation häufig etwas ungezwungener und es kamen unerwartete Themen zur Sprache, wie z.B. Auseinandersetzungen zwischen Aussiedlern und Türken oder Teile der Familiengeschichte von Viktor. 9
2.2.3.2 Wenig und teilstrukturierte Interviews
Formelle Interviews unterscheiden sich grundlegend von nachträglich dokumentierten gewöhnlichen Gesprächen. Mit Bernards Worten [1995:209]: „You sit down with an informant and hold an interview. Period. Both of you know what you’re doing, and there is no shared feeling that you’re just engaged in pleasant chit-chat.“ Formelle Interviews werden konventionell intern differenziert nach
9 Siehe 007M., 027M., 033M. und 035M.
12
dem Grad der vom Interviewer ausgeübter Kontrolle bezüglich der Antworten bzw. Reaktionen der Informanten, wobei zwischen ‚wenig strukturierten‘, ‚teilstrukturierten‘ und ‚stark strukturierten‘ Interviews unterschieden werden kann [siehe Bernard 1995:209 und Atteslander 1995:160, daneben Crane/Angrosino 1974:51-62 und Spradley 1979] - im Feldforschungspraktikum wurden nur wenig und teilstrukturierte Interviews durchgeführt. Im wenig strukturierten Interview gibt der Befrager das Thema vor - z.B. in Form einer „grand tour question“ [Spradley 1979:87] -, läßt aber ansonsten die Befragten weitgehend selbst die Entwicklung des Gesprächs bestimmen; konkretere Fragen ergeben sich meist erst aus den Aussagen der Informanten. Gegenüber diesem explorativen Vorgehen und häufig auf dessen Grundlage erfolgen teilstrukturierte Interviews anhand vorbereiteter und vorformulierter Fragen in einem Gesprächsleitfaden, wobei auch hier spontan sich ergebende Themen aufgegriffen werden können [siehe Bernard 1995:208-236 und Atteslander 1995:157-204]. Während des Praktikums wurden insgesamt vier wenig strukturierte Interviews realisiert, die in der ersten und mittleren Phase erfolgten. Von diesen stand nur eines im Zusammenhang mit einer anderen Methodenanwendung, nämlich als qualitative Konkretisierung der genealogischen Befragung. Alle wenig strukturierten Interviews fanden als Gruppengespräche statt. Die Gefahr einer wechselseitigen Beeinflussung unter den Teilnehmern - die insbesondere durch die Dominanz von Paul gegeben warversuchte ich dadurch etwas abzuschwächen, daß ich meist nacheinander die Anwesenden zu ihrer jeweiligen Einschätzung befragte. Andererseits hatte diese Gruppensituation neben einem organisatorischen auch den großen inhaltlichen Vorteil, verschiedene Aspekte und Einstellungen zu einem Thema kennenzulernen, die in der Konfrontation der Anwesenden mit Aussagen anderer Informanten besonders deutlich wurden. Zudem zielten diese ersten Interviews auf eine relativ oberflächliche Exploration der Situation, die durch spätere Einzelinterviews fundierten werden sollte. In der Vorbereitung des ersten Interviews machte ich den Fehler, eine zu detaillierte Themenliste aufzustellen. Denn das Gespräch entwickelte sich tatsächlich in eine ganz andere Richtung, woraus ich die Konsequenz zog, mich in den kommenden Interviews auf weiter gefaßte Themen zu konzentrieren. Dabei mußte ich dann allerdings im zweiten Interview feststellen, daß allgemeine Fragen zugleich trotzdem nicht zu abstrakt gestellt werden sollten. Denn wie sich zeigte, war eine Frage nicht unmittelbar in die alltägliche Wahrnehmung der drei Aussiedler übersetzbar. 10 Die insgesamt sechs teilstrukturierten Interviews fielen alle in die letzte Phase des Feldforschungspraktikums. Bei diesen handelte es sich bis auf das erste um Einzelgespräche. Nachdem sich das Untersuchungsthema inzwischen auf die Bereiche ‚politischer Aktivismus‘ und ‚Ethnizität‘ fokussiert hatte, ging es mir nun auf der Grundlage meiner allgemeinen Kenntnisse um konkretere Informationen zu den diesbezüglichen Einstellungen der drei Aussiedler. Das erste teilstrukturierte und letzte Gruppengespräch bezog sich auf das Verhältnis der drei Aussiedler zur Jungen Union und auf ihre individuellen Motivationen zu politischem Aktivismus. Um eine übermäßige Beeinflussung durch Paul zu verhindern, der in den Gesprächen häufig dominiert hatte, befragte ich zunächst nacheinander die beiden anderen. In den übrigen teilstrukturierten Interviews war eine derartige Interferenz durch die Einzelgesprächssituation ausgeschlossen. Von diesen fünf Einzelgesprächen erfolgten jeweils zwei mit Viktor und Paul und eins mit Andreas. Das erste Einzelgespräch mit Viktor war eher das Ergebnis eines Zufalls, denn die beiden anderen konnten kurzfristig nicht teilnehmen. Im Anschluß an dieses Gespräch, in dem es erneut um den Bereich ‚Politik‘ ging, ich entschied ich mich, die Viktor gestellten Fragen in einem umfassenden Interviewleitfaden zu Ethnizität und politischem Aktivismus zu überarbeiten und abschließend mit jedem Aussiedler ein an diesem orientiertes Einzelinterview zu führen. Auf der Grundlage des zweiten
10 Siehe 009M., 011M., 015M. und 021M.
13
Einzelinterviews - diesmal mit Paul - überarbeitete ich noch einmal meinen Leitfaden und führte dann tatsächlich mit jedem Aussiedler ein letztes Interview durch, in dem die jeweils noch nicht besprochenen Fragen behandelt wurden. Für diese letzten Interviews hatte ich mir vorgenommen, die Aussiedler wenn möglich bei ihnen zuhause zu besuchen, um wenigstens einmal ihr privates Umfeld kennenzulernen. Daher fanden jeweils ein Einzelinterview mit Paul und Andreas in ihrer Wohnung statt; da Viktor dies nicht wollte, trafen wir uns für unser letztes Interview bei mir zuhause. 11 Insgesamt verliefen die Interviews mit Paul, Andreas und Viktor ziemlich problemlos und wir hattenso zumindest mein Eindruck - viel Spaß. Allerdings zeigte sich besonders in den Einzelgesprächen mit Viktor eine Schwierigkeit unserer Kommunikation, die sich möglicherweise aus Sprachproblemen ergaben. Denn während die Aussiedler insgesamt sehr gutes Deutsch sprachen (ich jedoch kein Wort Russisch), hatte Viktor noch gelegentlich gewisse Schwierigkeiten. Vor diesem Hintergrund war es für mich nicht ganz einfach einzuschätzen, warum Viktor aus meiner Sicht manchmal nicht direkt auf meine Fragen einging. Lag dies an Sprachproblemen, so daß wir uns nicht so gut verstanden, waren meine Fragen aus seiner Sicht falsch gestellt oder irrelevant oder war dies einfach seine Art des Kommunizierens? 12 In gewisser Hinsicht war es instruktiv, von ihm zu erfahren, daß es ihm schon öfter passiert war (auch auf russisch), daß er aufgrund seines speziellen Idiolekts mißverstanden wurde. 13 Dennoch hatte ich wegen dieses Problems bei der Auswertung - besonders bezogen auf Viktors Ethnizitätsvorstellungen - so meine Schwierigkeiten, die ich hoffentlich einigermaßen angemessen lösen konnte.
2.2.3.3 Teilnehmende Beobachtung
Die teilnehmend Beobachtung nimmt in der ethnologischen Methodologie eine Sonderstellung ein, insofern sie einerseits vielfach als ‚die‘ zentrale Methode im Kontext der Feldforschung angesehen wird und andererseits strittig ist, ob es sich bei ihr im engeren Sinne einer konkreten Technik eigentlich um eine Methode handelt. Ziel dieses Verfahren bzw. dieses „state of mind“ [Crane/Angrosino 1974:63-64] ist es, durch eine möglichst lange aktive Teilnahme am Verhalten einer Gruppe aufgrund von Beobachtung ein tieferes Verständnis ihrer Lebensweise(n) zu erlangen und dabei auch das praktische - oft unausgesprochene - Wissen zu erwerben, das für ein angemessenes Verhalten in diesem Kontext notwendig ist. Aufgrund ihrer geringen Strukturiertheit eignet sich diese ‚Methode‘ besonders für einen explorativen Zugang zu bisher unbekannten sozialen Zusammenhängen [siehe Dewalt/Dewalt/Wayland 1998, Fischer 1992, Crane/Angrosino 1974:63-73 und auch Spradley 1980].
Während des Feldforschungspraktikums boten sich mir ab der mittleren Phase insgesamt sieben Gelegenheiten für eine teilnehmende Beobachtung von Veranstaltungen, die alle im Kontext zunächst der Landsmannschaft (zwei) und dann der Jungen Union (fünf) erfolgten. Bei diesen Aktionen verfolgte ich im allgemeinen das Ziel, im Zuge einer „grand tour description“ [Spradley 1980:77-78] u.a. festzustellen, worum es eigentlich bei diesen Veranstaltungen ging, wie und wo sie stattfanden und welche Rollen sich ausmachen ließen. Im besonderen interessierte mich aber die Stellung der drei Aussiedler in diesen Aktivitäten und ihre Motivationen für eine Teilnahme. Hatte ich mich während der Vorbereitung des Feldforschungspraktikums gegen eine Durchführung in Adendorf entschlossen,
11 Siehe 025M., 033M., 035M., 037M., 041M. und 045M.
12 Siehe 033M.3.2 .
13 Siehe 032E.4.36-53 .
14
weil sich mir dort anscheinend kein Zugang für eine teilnehmende Beobachtung bot, so zeigte sich nun, wie wichtig diese in der Tat war. Denn sie erlaubte mir einen Einblick in die sprachlich kaum zu vermittelnde konkrete Praxis der politischen Aktivitäten, ohne den es mir schwer gefallen wäre, ein Gespür für die Stimmung und die vorhandenen Motivationen von Paul, Andreas und Viktor für ihren politischen Aktivismus zu entwickeln. Besonders kam mir dabei entgegen, daß ich für den vergleichsweise langen Zeitraum eines ganzen Wochenendes die jährliche Klausurtagung der Jungen Union teilnehmend beobachten konnte.
Angesichts der eingangs beschriebenen Ambiguität der teilnehmenden Beobachtung als einer zentralen ethnographischen Methode ohne konkreter Methodik war ich mir bei ihr verglichen mit allen anderen Verfahren am wenigsten darüber im klaren, wie man sie denn nun ‚richtig‘ anwendet. Nachdem ich allerdings meine anfängliche Unsicherheit beiseite geschoben und mich entschlossen hatte, einfach mitzumachen, meine Augen und Ohren hinsichtlich meines Interesses offen zu halten und nachträglich möglichst viel in Gedächtnisprotokollen aufzuschreiben, legte sich auch dies. 14
2.2.3.4 Genealogische Methode
Die genealogische Methode, die in der Aufnahme, Darstellung und Auswertung von Verwandtschaftsbeziehungen und den in separaten Personenbögen verzeichneten Merkmalen der genannten Familienangehörigen eines Informanten besteht, eignet sich als exploratives Instrument für einen Zugang zu verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen [siehe Fischer 1996, besonders 1-59]. Während der mittleren Phase des Feldforschungspraktikums erhob ich bei zwei aufeinanderfolgenden Treffen genealogische Daten der drei Aussiedler, um neben allgemeinen Hintergrundinformationen besonders auch konkrete Daten über ihre Treffen mit Verwandten und damit über die praktische Relevanz der Familie in ihrem Alltag zu erhalten. Denn in vorherigen Gesprächen hatten alle drei den hohen Wert der Familie betont und nun wollte ich feststellen, inwiefern sich diese Wertschätzung auch in ihrem Verhalten widerspiegelte.
Die Genealogien von Paul, Andreas und Viktor - die unter 3.3.2 dieser Arbeit wiedergegeben werden - wurden nach ihrer problemlosen Erhebung als Pgraph dargestellt. In diesem von der üblichen Visualisierung genealogischer Beziehungen abweichenden Standard werden Elternpaare als Punkte und deren Kinder als davon ausgehende Linien (gestrichelt = weiblich) verzeichnet, die wiederum in Punkten enden, die eine Paarbeziehung des jeweiligen Kindes darstellen. Mehrfachbeziehungen derselben Person werden jeweils in eigenen Punkten visualisiert, so daß die Anzahl der von einem Paar ausgehenden Linien nicht notwendig mit der Anzahl seiner Kinder gleichzusetzen ist. Obwohl weniger verbreitet bietet dieser Standard neben seiner durch Computer erzeugbaren und damit erleichterten Darstellung den Vorteil der besseren Übersichtlichkeit bei größeren Genealogien [siehe Lang 2000a und Schweizer 1996:218-233]. 15
2.2.3.5 Netzwerkanalysen
Netzwerkanalysen zielen auf eine möglichst präzise Bestimmung und Erklärung von ‚Mustern sozialer Ordnung‘, wobei zwischen persönlichen Netzwerken und Gesamtnetzwerken unterschieden wird. Während persönliche Netzwerke die soziale Einbettung einzelner Akteure im Hinblick auf
14 Siehe 013M., 017M., 023M., 027M., 029M. und 031M.
15 Siehe 015M.
15
verschiedene Beziehungsdimensionen darstellen, beziehen sich Gesamtnetzwerke auf die Struktur der Beziehungen einer bestimmten Dimension innerhalb eines festgelegten Personenplurals [siehe Schnegg/Lang 2000, besonders S. 4-5 und Schweizer 1996: 169-170].
Der Analyse persönlicher Netzwerke liegt die Idee zugrunde, daß es verschiedene, interkulturell relevante und den eigentlichen Bezugspunkt der Untersuchung bildende Dimensionen sozialer Beziehungen gibt, die durch kulturspezifisch operationalisierte Indikatorfragen bezüglich konkreter Alltagshandlungen erhoben werden können [siehe Schnegg/Lang 2000:16-18]. Bei der Befragung einer ‚Ego‘ genannten Person nennt diese zunächst für die einzelnen Indikatorfragen alle als ‚Alteri‘ bezeichneten Interaktionspartner, mit denen das Ego die entsprechende Beziehung unterhält. In einem zweiten Schritt werden dann die Eigenschaften der Alteri und des Egos erhoben, die für eine bestimmte Untersuchungsfrage von Interesse sind. Die durch dieses Verfahren gewonnen Daten, die das persönliche Netzwerk eines Egos repräsentieren, können im Anschluß mit Computerprogrammen wie z.B. SPSS statistisch ausgewertet werden [siehe Schnegg/Lang 2000 und Schweizer 1996:241-252]. In der Gesamtnetzwerkanalyse werden für alle Akteure eines Personenplurals ihre in diesem enthaltenen Interaktionspartner bezüglich einer bestimmten Beziehung erhoben und in einer Akteur/Akteur-Matrix oder Liste verzeichnet. Zudem werden die im Kontext der Untersuchung relevanten Attribute der Befragten aufgenommen. Diese Beziehungen können dann zum einen mit Computerprogrammen wie Pajek als Linien zwischen Akteure repräsentierenden Punkten in einem Graphen visualisiert werden, der einen ersten Überblick über die Beziehungsstruktur vermittelt und zur Veranschaulichung der Auswertungsergebnisse verwendet werden kann. Zum anderen können diese Daten mit Programmen wie Ucinet auf der Grundlage von spezifischen auf der mathematischen Graphentheorie basierenden Verfahren ausgewertet werden. Hierfür sind eine Vielzahl von Konzepten für die Untersuchung einzelner Aspekte entwickelt worden, die sich sowohl auf die Gesamtstruktur als auch auf die Stellung einzelner Akteure innerhalb dieser beziehen. Die dadurch gewonnenen Einblicke in die Beziehungsstruktur können anschließend mit dem Ziel einer Erklärung mit den erhobenen Attributen verbunden werden [siehe Schnegg/Lang 2000, Schweizer 1996 und Wasserman/Faust 1994].
Im Rahmen des Feldforschungspraktikums habe ich zum einen die persönlichen Netzwerke der drei Aussiedler erhoben und ausgewertet als auch eine Gesamtnetzwerkanalyse durchgeführt, die sich auf den Teilnehmerkreis bei der Klausurtagung der Jungen Union bezog. Da mein Vorgehen bei diesen Netzwerkanalysen im Rahmen der Darstellung ihrer Ergebnisse unter 3.3.3 und 3.5.2.3 thematisiert wird, gehe ich hier nicht näher darauf ein. 16
2.2.3.6 Persönliche Dokumentation und Auswertung schriftlicher Quellen
Neben der Auswertung von selbst erhobenen Daten stellt eine Beschäftigung mit auf Nachfrage von den Informanten produzierten Aufsätzen und Texten einerseits und mit unabhängig vom Feldforschungsprozeß verfaßten Primärquellen andererseits einen weiteren Zugang zu der Lebenssituation der Untersuchten dar [siehe Crane/Angrosino 1974:85-95 und Fischer 1998]. Im Verlauf des Feldforschungspraktikums bat ich die drei Aussiedler, mir einen kurzen Lebenslauf sowie einen typischen Tagesablauf in der Woche und an Wochenenden zu schreiben. Angesichts der relativ seltenen Treffen schien mir dies ein sinnvoller Weg zu zusätzlichen Informationen zu sein.
16 Siehe für die Analyse der persönlichen Netzwerke 039M., 043M., 047M. und 049M. und des Gesamtnetzwerkes 026E.14. und 027M.
16
Während ich die Lebensläufe nur als erste Hintergrundinformation verwenden wollte, plante ich eigentlich eine weitergehende Diskussion der typischen Tagesabläufe. Dadurch, daß die drei Aussiedler aber zum vereinbarten Treffen ihre Texte noch nicht fertig hatten, wir uns daher zunächst anderen Themen zuwandten und ich ihre Beschreibungen bei anderen Gelegenheiten eher nebenbei zugesteckt bekam, verlor ich dieses Ziel während der Datenerhebung aus den Augen, so daß es leider nicht mehr zu einer gesonderten Besprechung kam. Im Hinblick auf unabhängig verfaßte Primärquellen konnte ich das zweimonatlich erscheinende Informationsblatt Mittendrin der lokalen Jungen Union nutzen. Hier waren für mich besonders die auf der letzten Seite aufgelisteten, geplanten Veranstaltungen von Interesse, da ich an ihnen meine Informationen über die Art und Häufigkeit der Aktivitäten bei der Jungen Union abgleichen konnte [siehe unter 3.5.2.2]. 17
2.2.4 Reflexion der eigenen Rolle als Feldforscher
Das in diesem Bericht beschriebene Feldforschungspraktikum war mein erster umfassender und systematischer, wenn auch begrenzter Kontakt mit dem ‚Feld‘. Zum ersten Mal durchlief ich als Ethnograph bzw. Ethnologe alle Phasen einer Feldforschung von Vorbereitung über Datenerhebung und -auswertung bis zur synthetisierenden Darstellung der Ergebnisse.
Mit dieser Rolle waren im allgemeinen einige Schwierigkeiten empirischer Forschung verbunden, die ich bereits erwähnt habe: So hatte ich anfängliche Probleme, eine passende Lokalität und Informanten zu finden, die ich auch im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung untersuchen konnte. Daneben gestaltete sich aus meiner damaligen Sicht die Themenfindung alles andere als einfach und gradlinig, nachdem sich meine erste Arbeitshypothese als zu eng gefaßt erwiesen hatte. Auch die Anwendung der Methoden, besonders der teilnehmenden Beobachtung, war aufgrund fehlender Erfahrungen z.T. etwas ungelenk. Schließlich erschwerte die gelegentlich mehrdeutige Kommunikation mit Viktormöglicherweise wegen Sprachschwierigkeiten - mein Verständnis der Situation. Dabei war aufgrund der studienbegleitenden Durchführung des Praktikums die Feldsituation von meinem sonstigen Alltag nicht besonders stark abgegrenzt, was einerseits mögliche Fremdheitserfahrungen reduzierte, andererseits aber auch weniger Raum für eine Konzentration auf die Datenerhebung zuließ, als ich mir dies gewünscht hätte.
Neben dieser allgemeinen Perspektive ergab sich im besonderen auch ein gewisses Spannungsfeld aus meiner eigenen Rollenzuschreibung als ‘Ethnograph‘/‚Ethnologe‘ und den Rollenzuweisungen meiner Informanten. Da war zum einen die unproblematische und weitgehend dominante Wahrnehmung meiner Person als eine Untersuchung durchführender ‚Ethnologe‘, als der ich von den drei Aussiedlern gegenüber anderen - u.a. auch auf der von Andreas betreuten Homepage des Gymnasiums Hammcharakterisiert wurde. Daneben war ich aber gerade zu Beginn des Praktikums für Andreas und Viktor faktisch auch ein ‚Lehrer‘, der in Zusammenarbeit mit anderen Lehrern am Gymnasium in einem Schulprojekt unterrichtete und im Zuge der beiden auf diese Unterrichtseinheit bezogenen Klassenarbeiten potentiell einen Einfluß auf die Benotung hatte [siehe Zenker 2000:11]. Glücklicherweise war mein Unterricht inhaltlich mit dem Regelunterricht nicht vergleichbar und meine Person aufgrund zahlreicher didaktischer Mängel nur schwer mit der Rolle eines Lehrers in Einklang zu bringen. Zudem waren die Schüler durch frühere studentische Projekte an irregulären
17 Siehe für die persönliche Dokumentation 005M. und 019M. und für die Auswertung schriftlicher Quellen 050E.
17
Unterricht gewöhnt. Schließlich bemühte ich mich während des Unterrichtsprojekts um einen möglichst symmetrischen Kontakt zu den Schülern, indem ich mich in den Pausen häufig in der Raucherecke aufhielt und mich mit ihnen unterhielt. Daher vermute ich, daß meine Rolle als ‚Lehrer‘ aus Sicht von Andreas und Viktor eher vernachlässigbar war.
Demgegenüber war eine andere Rollenzuschreibung im Kontext der Jungen Union bedeutsamer. Meine Teilnahme bei deren Aktivitäten hatte sich, wie dargestellt, aus meinem bekundeten Interesse an der politischen Arbeit von Paul, Andreas und Viktor ergeben. Wenngleich dies den Aussiedlern und auch den meisten anderen Mitgliedern bei der Jungen Union klar war, so hatte ich dennoch aus Sicht diverser Mitglieder (inkl. Paul) auch die Rolle eines ‚potentiellen Neumitglieds‘ inne. Dies hatte seine Ursache weniger darin, daß ich mich als Interessent ‚getarnt‘ hätte, um Zugang zu ihren Aktivitäten zu bekommen - im Gegenteil stellte ich meine Untersuchung in allen Gesprächen mit Mitgliedern heraus -, sondern ergab sich einfach aus meinem tatsächlichen Interesse an ihrer Arbeit, welches mich bereits als potentielles Mitglied qualifizierte. Diese Rollenzuschreibung wurde in Versuchen, mich auf der Klausurtagung oder dem Spieleabend zu einem Beitritt zu bewegen, mehr als deutlich. Der folgende Ausschnitt aus der Methodennotiz zum Spieleabend illustriert die Situation:
„Nachdem ich mich auf der Klausurtagung bezüglich eines Beitritts zur Jungen Union bedeckt gehalten
hatte, kam dieses Thema heute noch einmal sehr deutlich zur Sprache und zeigte damit, daß meine
Wahrnehmung der Rollenzuschreibung als potentielles Neumitglied durch die anderen zutreffend war.
Ich versuchte mit einiger Mühe, meine eigene Definition der Rolle als ‚interessierter Gast ohne
Ambitionen auf eine Mitgliedschaft‘ aufrechtzuerhalten, was mir nicht wirklich gelang. Das Thema
kam dann damit zu einem Ende, daß ich ankündigte, mir eine Mitgliedschaft noch einmal zu überlegen.
Ich fühlte mich in der Situation nicht besonders wohl: Einerseits hatte ich den Eindruck, das Vertrauen
der Junge-Union-Mitglieder zu mißbrauchen, wenn ich nicht ihren Erwartungen entsprach. Andererseits
- und diese Perspektive dominierte - hatte ich keinen Hehl daraus gemacht, daß ich vor allem deshalb
an den Aktionen teilnahm, weil ich eine Untersuchung über Paul, Andreas und Viktor machte und mich
deshalb für die Arbeit der Jungen Union interessierte, nicht weil ich Mitglied werden wollte.“
[029M.3.]
Trotz dieser gewissen Divergenz in der Rollenzuschreibung bei der Jungen Union hatte ich im Kontakt mit meinen Informanten als ‚Ethnologe‘ insgesamt keine Probleme. Im Gegenteil entwickelte sich ein über die Datenaufnahme hinaus bestehendes freundschaftliches Verhältnis zu Paul, Andreas und Viktor und auch zu einigen Mitgliedern der Jungen Union, so daß meine Arbeit sehr erleichtert wurde und viel Spaß machte.
2.3 Nachbereitung, Auswertung und Darstellung
Als Ende Juli die Phase der Datenerhebung ihren Abschluß fand, begann erst die eigentliche Arbeit. Aufgrund der studienbegleitenden Durchführung des Praktikums war der Großteil der Erstnotizen noch nicht in den endgültigen Feldnotizen dokumentiert. Dies betraf insbesondere die Transkription der aufgezeichneten Interviews, die mich im folgenden mehrere Wochen beschäftigte; aber auch viele andere Erstnotizen mußten umfassend verschriftlicht werden. Während sich diese Phase der Nachbereitung überwiegend auf eine Dokumentation der verschiedenen Feldkontakte in den endgültigen Notizen beschränkte, ging es bei den Daten zu den Genealogien und der Netzwerkanalysen bereits um eine erste Auswertung. Denn ich wollte alle Feldnotizen in einer Form organisieren, die mir in einem nächsten Schritt eine Gesamtauswertung erlaubte, und eine reine Auflistung der genealogischen und netzwerkbezogenen Rohdaten war hierfür offenkundig nicht hilfreich. Die Aufbereitung dieser Daten gestaltete sich dann als aufwendig. Dies war nicht nur durch
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die notwendige Einarbeitung in eine den Methoden angemessene inhaltliche Auswertung bedingt, sondern folgte auch aus Schwierigkeiten bei der Verwendung der entsprechenden Software. Dabei war es mir von großem Nutzen, daß ich im Wintersemester 2000/01 als Tutor in einem Methodenseminar über Netzwerkanalysen bei Prof. Lang arbeiten und im Zuge dessen sehr viel über die praktische Anwendung dieser Methoden lernen konnte. Zudem erfuhr ich auch bei anderen methodologischen Problemen in verschiedenen Gesprächen mit ihm eine konkrete Unterstützung. Nachdem ich schließlich sechs Monate parallel zu Studium, Geld verdienen und Tutorium das Feldforschungspraktikum nachbereitet hatte, waren die Feldnotizen in ihrer endgültigen Form Ende Januar 2001 fertig.
Nun begann die Phase der eigentlichen Auswertung. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, hierfür die für die Analyse qualitativer Daten entwickelte Software Atlas.ti zu verwenden, aber da dies aufwendige Umformatierungen meiner erstellten Feldnotizen erfordert hätte und das gesamte Projekt ohnehin schon sehr lange andauerte, entschloß ich mich dagegen. Auf der Grundlage meines im Feldforschungspraktikum entwickelten Themas formulierte ich die genaue Untersuchungsfrage der Fallstudie [siehe unter 3.] und entwarf in Orientierung auf diese eine erste Gliederung des Feldforschungsberichts, die deutlich mehr Unterpunkte umfaßte als die jetzige. Diese Struktur verwendete ich dann als eine Taxonomie von Codes, anhand derer ich die Feldnotizen auswertete. Dabei ging ich so vor, daß ich jede Notiz durchlas und unter den entsprechenden Gliederungspunkten zusammenfassende, mit Überschriften und einer Referenz zur jeweiligen Feldnotiz versehene Absätze erstellte. In diesem Vorgang veränderte sich z.T. auch das Rahmengerüst der Codes bzw. Gliederungspunkte.
Nachdem ich auf diese Weise bis Mitte März alle Feldnotizen ausgewertet hatte, konnte ich mich in der letzten Phase dem Verfassen des eigentlichen Berichts und damit der Darstellung zuwenden. Im Zuge dessen begann ich mit dem inhaltlichen dritten Kapitel dieser Arbeit - der Fallstudie - und faßte nach einer Skizzierung der theoretischen Grundlagen die zuvor erstellten Absätze in eigenständigen thematischen Kapiteln zusammen. Auch bei diesem Vorgang änderte sich noch einmal die Gliederung, indem inhaltliche Umstellungen und Kürzungen vorgenommen wurden. Parallel zur endgültigen Verschriftlichung der Auswertungsergebnisse sah ich noch einmal die Sekundärliteratur zu Aussiedlern durch und stellte die Verweise her, die sich in dieser Arbeit finden. Nach Beendigung des inhaltlichen Kapitels wendete ich mich dann letztendlich dem zweiten Kapitel dieser Arbeit und damit der Beschreibung des Feldforschungspraktikums selbst zu.
Wie deutlich geworden ist, bestand die Nachbereitung, Auswertung und Darstellung des Feldforschungspraktikums bzw. seiner Ergebnisse nahezu ausschließlich in einer aufwendigen Einzelarbeit, da ich auch keine Lehrveranstaltung zur Betreuung von Feldforschungspraktika besuchte. Allerdings kam es gelegentlich zu einem diesbezüglichen Austausch mit Prof. Lang, Mitstudenten und Freunden, was mir in dieser Zeit eine große Hilfe war.
2.4 Zusammenfassung: Erkenntnisse durch das Feldforschungspraktikum
In diesem Kapitel wurde mein Feldforschungspraktikum in den Phasen der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung dargestellt. Während sich das Unterkapitel zur Vorbereitung neben einer allgemeinen thematischen und methodischen Einarbeitung besonders mit dem Vorgang der Festlegung auf eine geeignete Lokalität, Informanten und ein erstes Untersuchungsthema befaßte,
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behandelte der Abschnitt über die Durchführung den Prozeß der Er- und Bearbeitung eines konkreteren Themas im Verlauf des Praktikums sowie die angewendeten Methoden und meine Rolle im ‚Feld‘. Mit einer Darstellung der Nachbereitung und Auswertung endete dieser Überblick über mein Feldforschungspraktikum.
Das Feldforschungspraktikum fiel in eine besondere Phase meines Studiums. Im Herbst 1999 war ich von einem einjährigen Masterkurs in Social Anthropology/Ethnologie aus England zurückgekehrt und war in meinem deutschen Germanistik- und Ethnologiestudium bis auf die Pflicht dieses Praktikums ‚scheinfrei‘. Daher war ich innerlich schon auf meine Magisterarbeit in Germanistik orientiert und wollte ‚nur noch eben‘ mein Praktikum absolvieren. Diese Einschätzung erwies sich offenkundig als unrealistisch, denn die genannten Schritte meiner empirischen Untersuchung ließen sich nicht nebenbei realisieren. Ein Grund hierfür war auch mein in der Einleitung beschriebenes Ziel, an diesem relativ begrenzten Datenmaterial quasi als Experiment in der inhaltlichen Darstellung einen konsequenten Verweis auf sämtliche offengelegte Feldnotizen zu erproben. Dies erforderte zum einen die umfassende Aufbereitung aller Erstnotizen und zum anderen eine gründliche Auswertung. Vor diesem Hintergrund war mein Feldforschungspraktikum durchgängig von dem Widerspruch gekennzeichnet, einerseits möglichst schnell fertig werden und andererseits eine systematische Arbeit machen zu wollen. In diesem Zusammenhang war mein genanntes Experiment sicherlich aus pragmatischer Sicht unangemessen. Andererseits hatte ich mich bereits früh entschlossen, die erhobenen Daten auch im Rahmen einer linguistischen Analyse für meine Magisterarbeit zu nutzen, so daß deren fundierte Aufbereitung bereits eine diesbezügliche Vorbereitung darstellte. Darüber hinaus war aber auch eine andere Überlegung entscheidend. Stand das Feldforschungspraktikum von Seiten des Instituts für Ethnologie unter der Zielsetzung einer Einübung in ethnographische Methoden, so hatte ich bereits während der Durchführung zunehmend den Eindruck, daß für dieses Ziel besonders auch die Auswertung der Daten und die synthetisierende Darstellung der solchermaßen gewonnenen Ergebnisse zentral war. Dafür erschien aber eine exemplarische Teilanalyse einzelner Daten als nicht ausreichend. Mit anderen Worten: Fiel mir bereits die Erhebung nicht gerade leicht, so stellte mich die Frage, wie man denn nun von diesen Datenmengen zu einem sinnvollen Textganzen gelange, vor weitaus größere Schwierigkeiten; wie mir Gespräche mit Kommilitonen und die Erfahrungen im Netzwerkanalyseseminar zeigten, war ich mit dieser Wahrnehmung nicht allein. Wenn ich also vor meiner Magisterarbeit noch zu einer zeitlich aufwendigen methodologischen Einübung verpflichtet war, dann wollte ich diese wenigstens auch in allen Schritten durchführen. Insgesamt kann ich als Fazit aus meinem Feldforschungspraktikum festhalten, daß ich zum einen sehr viel über die verschiedenen Phasen einer empirischen Sozialforschung und v.a. über die Anwendung von Methoden gelernt habe, so daß sich meine Unsicherheit gegenüber dem ‚Feld‘ deutlich reduziert hat. Zum anderen habe ich einen sehr interessanten Einblick in die Lebensumstände von jugendlichen Aussiedlern im allgemeinen und in ihre Ethnizitätsvorstellungen und ihren politischen Aktivismus im besonderen erhalten. Trotz der großen Anstrengungen und der beschriebenen widersprüchlichen Gesamtsituation haben mir das Feldforschungspraktikum insgesamt und besonders die Kontakte zu Paul, Andreas und Viktor auch viel Spaß gemacht.
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3. Ethnizität und politischer Aktivismus: Eine Fallstudie über drei
jugendliche Aussiedler in Hamburg
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der im Kontext des Feldforschungspraktikums von April bis Juli 2000 in Hamburg durchgeführten Fallstudie über die drei jugendlichen Aussiedler Paul, Andreas und Viktor präsentiert. Diese Fallstudie zielt auf das Verhältnis der beiden für die jungen Aussiedler relevanten Themenkomplexe ‚Ethnizität‘ und ‚politischer Aktivismus‘ ab, dessen Klärung in der folgenden Untersuchungsfrage konkretisiert wird: ‚Welchen Einfluß hatten die jeweils selbst zugeschriebenen Ethnizitäten der drei Aussiedler und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen auf deren individuelle Motivationen zu politischem Aktivismus?‘
Vor dem Hintergrund dieser Untersuchungsperspektive erfolgt die inhaltliche Darstellung - nach einer kurzen Kennzeichnung der theoretischen Grundlagen dieser Untersuchung und allgemeiner Hintergrundinformationen zu Aussiedlern - in vier Schritten. Zunächst wird die generelle Lebenssituation der drei Aussiedler vor und nach der Immigration gekennzeichnet. Dabei werden für die gegenwärtigen 18 Lebensumstände insbesondere der Schulkontext, die Freizeitgestaltung und Treffen mit Verwandten behandelt. Danach wird die recht hohe praktische Bedeutung von Ethnizität und politischem Aktivismus für das Alltagsverhalten von Paul, Andreas und Viktor im Rahmen einer Analyse ihrer persönlichen Netzwerke nachgewiesen. Im Anschluß an diesen kontextualisierenden Einleitungsteil konzentriert sich die Arbeit in den beiden folgenden Unterkapiteln jeweils auf Ethnizität einerseits und politischen Aktivismus andererseits. Dabei beschränkt sich die Charakterisierung von Ethnizität auf die Kognitionen der drei Aussiedler, wenngleich in der Behandlung ihrer Wertvorstellungen im allgemeinen und ihrer Ethnizitätskonzeptionen im besonderen auch praktische Erfahrungen in ihrer kognitiven Verarbeitung berührt werden. Demgegenüber werden im Unterkapitel zu politischem Aktivismus sowohl die Aktivitäten selbst als auch die mit ihnen von den Aussiedlern verbundenen Kognitionen, insbesondere die sie bedingenden individuellen Motivationen, dargestellt. Hinsichtlich der Aktivitäten werden die beiden Organisationen der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland und der Jungen Union betrachtet, wobei die erste weniger intensiv behandelt wird, da dort nur Paul politisch aktiv war. Schließlich wird im letzten Unterkapitel der Stand der Ergebnisse zusammengefaßt und auf deren Grundlage die genannte Untersuchungsfrage beantwortet; abschließend erfolgt eine kurze Einordnung der Resultate dieser Fallstudie in ein repräsentatives Gesamtbild von jugendlichen Aussiedlern in Deutschland.
Im Zuge der inhaltlichen Darstellung wird allgemein der Versuch unternommen, möglichst dicht an den Primärdaten zu bleiben. Dies hat zur Folge, daß zahlreiche wörtliche, nur z.T. grammatikalisch angepaßte Zitate von Paul, Andreas und Viktor in den Text aufgenommen werden. Diese sind durch doppelte Anführungszeichen gekennzeichnet, während die besondere Markierung von Ausdrücken von meiner Seite in einfachen Anführungszeichen erfolgt. Aufgrund der für jeden größeren Absatz vorgenommenen Fußnotenverweise auf entsprechende Feldnotizen, die in dem separaten Dokument Logbuch und Feldnotizen zusammengefaßt sind, habe ich bei Zitaten in den Absätzen auf einen individuellen Nachweis verzichtet; derartige Referenzen finden sich nur bei längeren wörtlichen Wiedergaben.
18 Naturgemäß beziehen sich alle Darstellungen über die drei Aussiedler auf den Erhebungszeitraum von April bis Juli 2000, auf den im weiteren auch Ausdrücke wie „derzeitig“ oder „gegenwärtig“ referieren.
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3.1 Theoretische Vorüberlegungen zu Praxis, Kultur, Ethnizität und
politischem Aktivismus
Die Fallstudie über jugendliche Aussiedler geht von einem praxistheoretischen Ansatz aus, der im folgenden kurz skizziert wird. Nach einer knappen Diskussion des Kulturbegriffs wird abschließend auf die Konzepte der Ethnizität und des politischen Aktivismus‘ eingegangen.
Die dieser Arbeit zugrundeliegende theoretische Position versteht sich als eine Kombination aus Grundgedanken praxistheoretischer und kognitionsethnologischer Ansätze, wie sie einerseits von Giddens [1976, 1979, 1984] und Bourdieu [1977, 1990] und andererseits von Strauss [1992] sowie Strauss und Quinn [1994, 1997] vertreten werden. Von den genannten Praxistheoretikern wird zum einen die Vorstellung einer Ontologie der sozialen Wirklichkeit übernommen, die diese als durch die Realisierung von Praxis konstituiert auffaßt; dadurch rückt Praxis (als Kognitionen wie ‚äußerliche‘ Handlungen in der ‚Welt‘) in ihrer Umsetzung durch konkrete Individuen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Zum anderen wird die Idee aufgegriffen, nach der sich die häufig als ‚Struktur‘ bezeichnete beständige Wiederholung von Handlungsabläufen u.a. dadurch erklären läßt, daß einzelne Handlungen bei den jeweiligen Akteuren kognitive „Erinnerungsspuren“ hinterlassen, die sich bei häufigen Wiederholungen dieser Handlungen zu kognitiven Dispositionen verfestigen, die die erneute Reproduktion dieser Handlungen nahelegen, ohne sie notwendig zu determinieren. Im Hinblick auf diese „Dualität“ von Struktur und Handlung wird zwischen sprachlichem, diskursiven und nichtsprachlichem, praktischen Wissen unterschieden.
Diese praxistheoretischen Überlegungen werden von den genannten Kognitionsethnologinnen im Rahmen einer konnektionistischen Konzeption kognitiver Schemata aufgegriffen. Die von ihnen verwendete konnektionistische Theorie geht dabei davon aus, daß das Wissen von Akteuren nicht als sprachliche Propositionen gespeichert und seriell verarbeitet wird, sondern als unterschiedlich starke Verbindungen zwischen zahlreichen kleinen mentalen Verarbeitungseinheiten in einem weitreichenden neuronalen Netz vorliegt [siehe in diesem Sinne auch Bloch 1998]. Kognitive Schemata wiederum werden aufgefaßt als unscharfe Regionen dieses Netzes aus intern verbundenen neuronähnlichen Einheiten, die sich als Erinnerungsspuren früherer Erfahrungen im Gedächtnis des Einzelnen verfestigt haben, ein prototypisches Verständnis einer ‚Wirklichkeitsdomäne‘ bereitstellen und zu einem Verhaltensmuster prädisponieren, ohne dieses zu determinieren. Dabei können Schemata sowohl „zentripetal“ zu ihrer eigenen Reproduktion beitragen, indem sie zu denselben Handlungen und einer selektiven Wahrnehmung prädisponieren, als sich auch „zentrifugal“ wandeln, indem sie Divergenzerfahrungen zwischen prototypischer Kognition und Wirklichkeit sowie Reflexivität auf Seiten der Akteure zulassen. Über diese präzisere kognitionswissenschaftliche Reformulierung der dargestellten praxistheoretischen Annahmen hinaus vertreten Strauss und Quinn aber auch die Ansicht, daß zum einen kognitive Schemata nicht nur Wahrnehmungen und Gedanken im engeren Sinne umfassen, sondern auch Emotionen und Motivationen einschließen; zum anderen bestreiten sie die z.B. von Bourdieu propagierte klare kognitive Trennung zwischen einem sprachlich verfaßten, diskursiv-bewußten und einem nicht-sprachlich organisierten, praktischen Wissen und betonen stattdessen einen in beide Richtungen überschreitbaren, fließenden Übergang. Zusammenfassend läßt sich bezogen auf den im weiteren zugrundeliegenden praxistheoretischen Ansatz feststellen, daß Kognitionen und Handlungen als weitgehend durch frühere Handlungen und frühere Kognitionen konditioniert aufgefaßt werden, indem sich diese vorherige Praxis als praktisches Wissen in prädisponierenden Schemata kognitiv niederschlägt. Dabei handelt es sich aber nicht um ein
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deterministisches Verhältnis zwischen Praktiken in zeitlicher Abfolge, da - so wird hier argumentiert - das nicht-sprachliche, konnektionistisch organisierte Wissen einer sprachlich verfaßten Reflexivität zugänglich ist, die notwendig ein Moment freier (auch Willens-)Entscheidung impliziert. Damit besteht ein bikonditionales Verhältnis zwischen zunehmender Reflexivität und abnehmender Determiniertheit von Praxis, wobei allerdings die Möglichkeiten der Reflexivität im Kontext einer begrenzten Rationalität eingeschränkt und somit die praxismotivierenden Einflüsse nicht-reflektierter Schemata nicht zu unterschätzen sind. In diesem Sinne kann z.B. ein nur geringfügig reflektiertes kognitives Schema eine hohe praktische, aber nur geringe reflexiv-kognitive Bedeutung haben. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist eine Kombination dieses Ansatzes mit Theorien des rationalen Handelns unter Auffassung der nicht-reflektierten Schemata als Praxismöglichkeiten einschränkender Randbedingungen sicherlich bedenkenswert, kann hier aber nicht weiter verfolgt werden.
Im Rahmen ihres Ansatzes schlagen Strauss und Quinn [1994, 1997] auch eine Konzeption von Kultur vor. Unter „Kultur“ bzw. „cultural understandings“ verstehen sie dabei Schemata, die innerhalb irgendeiner Gruppe über längere Zeit mehr oder minder stark geteilt werden. Damit handelt es sich um einen rein deskriptiv-phänomenologischen Kulturbegriff: Kultur ist das, was an kognitiven Übereinstimmungen längerfristig innerhalb eines Personenplurals vorliegt. Zugleich verorten sie Kultur aber nicht nur in den Köpfen von Gruppenmitgliedern, sondern auch in der „Welt“, also auch in den relativ homogenen Handlungen von Akteuren. Dies erscheint mir wenig hilfreich, da - wie sie selbst argumentieren - ähnliche Handlungen nicht notwendig mit ähnlichen Kognitionen verbunden sind und umgekehrt. Daher halte ich eine heuristische Trennung zwischen Kognitionen und Handlungen und folglich eine Beschränkung des Kulturbegriffs auf den kognitiven Bereich für sinnvoller. Aber auch in dieser Begrenzung ergibt sich ein ernsthaftes Problem. Denn wann sind eigentlich die Kognitionen verschiedener Akteure ähnlich? Je abstrakter und allgemeiner diese beschrieben werden, um so ähnlicher werden sie einander und je konkreter und spezieller ihre Repräsentation, desto mehr Unterschiede treten zum Vorschein. Selbst wenn dieses Problem gelöst werden könnte, bleibt zweifelhaft, was eigentlich mit einem Kulturbegriff gewonnen ist. Für den Prozeß des Verstehens und Erklärens einer bestimmten Praxis macht es keinen Sinn, sich nur auf relativ homogene vorgängige Kognitionen zu beschränken, da a priori nicht davon ausgegangen werden kann, daß diese Praxis nur durch diese homogenen Kognitionen motiviert wurde. Da stattdessen alle mit der Praxis verbundenen Kognitionen aus heuristischer Sicht relevant sind und diese potentiell heterogen sind, ist es eher die graduelle Heterogenität aller Kognitionen als die Teilmenge graduell homogener Kognitionen (‚Kultur‘), die es - z.B. mit dem Verfahren der Konsensusanalyse [siehe Romney/Weller/Batchelder 1986] - zu erfassen und in Beziehung zur entsprechenden Praxis zu setzen gilt. Für den Prozeß einer idealtypischen Beschreibung konkreter Kognitionen und zur Kennzeichnung eines Gegenstandsbereichs der Untersuchung mag der Kulturbegriff aus pragmatischer Sicht hilfreich sein; generell scheint er mir aber mehr zu schaden als zu nützen, da er mehrdeutig bleibt, wo differenzierte und präzise Darstellung gefragt ist, er Erklärung suggeriert, wo in der Abstraktheit nichts erklärt werden kann und er einer Reifizierung Vorschub leistet, wo kein ‚komplexes Ganzes‘ zu finden ist.
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‚Ethnizität‘ läßt sich als Synonym von ‚ethnischer Identität‘ verstehen. 19 Sie bezeichnet damit jene Art der potentiell zahlreichen ich- und kollektiv-bezogenen Identitäten eines Individuums, die auf seine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe verweist. Sokolovskii und Tishov [1996] unterscheiden im Rahmen einer üblichen Klassifikation zwischen primordialistischen, konstruktivistischen und instrumentalistischen Ethnizitätstheorien. Primordialisten zeichnen sich dadurch aus, daß sie eine reale, tiefe und ursprünglich gegebene (englisch primordial) Verbundenheit von Individuen einer ethnischen Gruppe postulieren. Demgegenüber gehen Konstruktivisten davon aus, daß Ethnizität nicht in irgendeiner Form als ‚gegeben‘ existiert, sondern in bestimmten sozialen Kontexten erst geschaffen und reproduziert - durch Akteure „konstruiert“ - wird. Schließlich fassen Instrumentalisten Ethnizität tendenziell als ein Instrument auf, das von einzelnen oder mehreren Individuen in Verfolgung pragmatischer Interessen zum eigenen Nutzen ge- bzw. mißbraucht wird. Faktisch befassen sich Instrumentalisten mit dem Gebrauch von Ethnizität und weniger mit deren Wesen und lassen sich im Hinblick auf letzteres den Konstruktivisten zuordnen. Diese Arbeit folgt dem konstruktivistischen Ansatz im allgemeinen und Barths Position im besonderen, die er in seiner einflußreichen Einleitung zu Ethnic Groups and Boundaries skizziert hat [1969]. Dort charakterisiert er Ethnizität als einen fortlaufenden, kontinuitätsstiftenden Identitätszuschreibungsprozeß in spezifischen sozialen Kontexten, bei dem es weniger um den jeweiligen ‚Inhalt‘ der Zuschreibung als um die Grenzziehung zu und Abgrenzung von als andersartig wahrgenommenen Kollektiven von Individuen gehe. Die Betonung der durch Selbst- und Fremdzuschreibungen erfolgenden Konstitution von Identität durch die Differenz zu einem ‚anderen‘ - die bereits definitorisch in dem Konzept der Identität enthalten ist - steht auch in jüngeren, durch Theorien des Postmodernismus und der Cultural Studies beeinflußten Diskussionen um ‚kulturelle Identität‘, ‚kulturelle Hybridität‘ u.ä. hoch im Kurs, wenn auch unter denkbar anderen theoretischen Vorzeichen [siehe exemplarisch Werbner 1998 und Hall 1999]. Wenn es sich bei Ethnizität um eine fortlaufende Identitätszuschreibungspraxis handelt, in der es mehr um die Kontinuität von Zuordnung und Abgrenzung durch Rückgriff auf z.T. wechselnde Inhalte als um die Kontinuität dieser Inhalte selbst geht, sind dann letztere beliebig? Was aber unterscheidet dann eine ethnische Identität von anderen Formen kollektiv-bezogener Identitäten? Bevor auf die charakteristischen Merkmale von Ethnizität eingegangen wird, ist es zunächst bedeutsam, angesichts der eingangs dargestellten praxistheoretischen Überlegungen darauf hinzuweisen, daß die Identität eines Individuums nur kognitiv als Schema existiert (sich natürlich aber auf sehr extreme Weise praktisch bemerkbar machen kann). In diesem Schema sind verschiedene Komponenten miteinander verknüpft, die u.a. beinhalten, was es heißt, eine bestimmte Identität zu haben und auf wen dies zutrifft. Diese kognitiven Komponenten beziehen sich inhaltlich auf kognitive, physische und praktische Merkmale, von denen das Individuum annimmt, daß sie von jenen, denen es dieselbe Identität zuschreibt, geteilt werden. Damit enthält es u.a. Annahmen über geteilte Kognitionen in einem Personenplural, also über dessen angebliche ‚Kultur‘. Für die Wirkungsweise des Identitätsschemas ist es dabei allerdings potentiell irrelevant, ob die in ihm enthaltenen angenommenen (auch ‚kulturellen‘) Merkmale den tatsächlichen, empirisch-erhebbaren entsprechen. Von den zahlreichen Versuchen, diese von einem jeweiligen Individuum als von vielen anderen geteilt angenommenen ethnizitätskennzeichnenden Merkmale zu bestimmen, halte ich Smiths [1986: Kap. 2] Vorschlag der folgenden sechs Hauptmerkmale für brauchbar: (1) die Idee und Verwendung eines
19 Für die Üblichkeit der synonymen Verwendung von ‚Ethnizität‘ und ‚ethnischer Identität‘ in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung siehe Müller [1988] und Sokolovskii/Tishov [1996] sowie die explizite
Thematisierung dieses Aspekts bei Heinz [1993], der selbst die Position einer systematischen Trennung von
‚Ethnizität‘ und ‚ethnischer Identität‘ zur Unterscheidung des etischen und emischen Aspekts des Phänomens
vertritt.
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eigenen Gruppennamens, der das Wesen der Gruppe ausdrückt; (2) eine gemeinsame Abstammung; (3) Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit; (4) Elemente einer gemeinsamen Kultur und konforme und beständige Verhaltensweisen (z.B. Religion, Bräuche oder Sprache); (5) eine Verbundenheit zu einem gemeinsamen Heimatland und (6) ein Gefühl der Solidarität unter den Mitgliedern dieser Gruppe. Dabei müssen nicht alle diese Merkmale und nicht nur diese Bestandteil des Ethnizitätsschemas sein, um dieses als solches zu qualifizieren. Vielmehr läßt es sich als prototypisch funktionierend auffassen: je mehr dieser Merkmale in einem Schema enthalten sind, desto mehr stellt es ein ‚typisches Beispiel‘ für ein Ethnizitätsschema dar.
Wenn die soziale Wirklichkeit als durch interdependente Praxis individueller Akteure konstituiert aufgefaßt wird, dann erscheint es sinnvoll, die idealtypische Abgrenzung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche wie z.B. Politik anhand der mit dieser Praxis von den entsprechenden Individuen verbundenen Kognitionen im allgemeinen und ihren Motivationen im besonderen vorzunehmen, wobei es sich hierbei nicht notwendig um reflexive Kognitionen handeln muß. In Orientierung an Swartz, Turner und Tuden [1966] ließe sich in diesem Sinne Politik idealtypisch als durch solche Handlungen realisiert auffassen, die von ihren Akteuren (auch) mit Kognitionen und Motivationen verbunden werden, die sich auf die Definition und Implementierung öffentlicher Güter und dem damit verbundenen differentiellen Erwerb und Gebrauch von Macht im Weberschen Sinne beziehen. Davon sind politische Effekte analytisch zu unterscheiden, die Handlungskonsequenzen im Hinblick auf öffentliche Güter und Ziele und damit einhergehende differentielle Machtverteilungen unabhängig von den Intentionen der Akteure umfassen. Vor diesem Hintergrund kann ‚politischer Aktivismus‘ als die aktive Teilnahme an Politik bzw. an politischen Handlungen im beschriebenen Sinne konzeptualisiert werden.
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3.2 Hintergrundinformationen zu Aussiedlern
Der Begriff ‚Aussiedler‘ bezieht sich auf der Grundlage der bundesdeutschen Gesetzgebung auf eine politisch-rechtliche Kategorie und bezeichnet als solche einen Kreis von Personen, die seit langem als deutsche Minderheit auf den Gebieten der heutigen osteuropäischen Staaten und der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben, auf der Basis des Grundgesetzartikels 116, Absatz 1, als deutsche Volkszugehörige und deutsche Staatsangehörige aufgefaßt werden und aufgrund dessen das Anrecht auf eine Aufnahme in Deutschland erworben haben. Für die Anerkennung als Aussiedler bilden die deutsche Volkszugehörigkeit und das im Herkunftsland erfahrene Kriegsfolgenschicksal in Form von durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöster Deportation, Vertreibung, Verfolgung und Diskriminierung die Rechtsgrundlagen. Diese Aufnahmebedingungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) formuliert, als Millionen Deutsche aus osteuropäischen Ländern vertrieben wurden bzw. fliehen mußten. Dieses Gesetz bildet auch heute noch die Grundlage für die Aufnahme von Aussiedlern, wenngleich es mehrfach modifiziert wurde - so zuletzt in seiner Neufassung im Zusammenhang mit dem Kriegsfolgenbereinigungsgesetz (KfbG) 1992/93. Dort wurde u.a. festgelegt, daß mit Ausnahme der Deutschstämmigen aus der vormaligen UdSSR nunmehr alle Ausreisewilligen aus den Staaten Osteuropas individuell glaubhaft machen müssen, daß sie aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit benachteiligt wurden. Daneben wurde dort die rechtliche Kategorie des ‚Aussiedlers‘ unter dem Begriff des ‚Spätaussiedlers‘ in §4 neugefaßt und der Status ihrer Abkömmlinge und Ehegatten in §7 und §8 geregelt. Da jedoch von den Betroffenen in der Umgangssprache die allgemeine Bezeichnung „Aussiedler“ unabhängig von dem genauen rechtlichen Status einer Person verwendet wird, behalte ich diesen älteren Terminus im weiteren ebenfalls bei und verstehe demgegenüber den Begriff ‚rußlanddeutsch‘ als Ethnizitätsbezeichnung. 20
Doch um wen handelt es sich bei diesen rechtlich als Aussiedler kategorisierten und aus Sicht der bundesdeutschen Bevölkerung oftmals „unbekannten Deutschen“ [Baur et al. 1999]? Eine an der Ethnogenese der ‚Deutschen aus Rußland‘ interessierte Geschichtsschreibung beginnt üblicherweise mit der im 18. Jahrhundert einsetzenden großen Einwanderung von deutschsprachigen Siedlern nach Rußland. Zwar waren bereits in früheren Jahrhunderten Einwanderer aus dem deutschsprachigen Raum nach Rußland gekommen, allerdings handelte es sich bei dieser eher kleinen Gruppe primär um eine kosmopolitisch-aristokratische Elite, die mit den späteren Einwanderern wenig gemein hatte und nur geringfügig zu den Vorfahren der heutigen Aussiedler zu zählen ist. Vielmehr begann erst mit der in den beiden Manifesten der Zarin Katharina II. 1762/63 formulierten Einladung an „alle Ausländer“, sich in Rußland niederzulassen, eine in mehreren Wellen über ein Jahrhundert hinweg erfolgende breite Einwanderung von Siedlern vornehmlich aus Hessen und Südwestdeutschland, die mit dem Versprechen zahlreicher Privilegien - wie z.B. finanzielle Unterstützung, befristete Befreiung von Abgaben sowie Militär- und Zivildiensten, Religionsfreiheit, Selbstverwaltung in zusammenhängenden „Colonien“ sowie „ewiger Besitz“ des besiedelten Landes - zur landwirtschaftlichen Erschließung in den Steppengebieten der unteren Wolga angesiedelt wurden. Für diese Siedler, die überwiegend bäuerlicher Herkunft waren, stellte ihre privilegierte Einwanderung einen Ausweg aus wirtschaftlicher Not, politischer Unsicherheit und z.T. religiöser Verfolgung in ihrer früheren Heimat dar. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Einladung an ausländische Siedler
20 Siehe Dietz/Roll 1998:17-22, Dietz/Hilkes 1994:13-18, Informationen zur politischen Bildung: Aussiedler, 267(2):38-39 sowie das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz und die Bekanntmachung der Neufassung des Bundesvertriebengesetzes.
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in einem neuen Manifest unter Zar Alexander I. in einer restriktiveren Form neugefaßt und 1819 die staatliche Einwanderungsförderung ganz aufgegeben, so daß seither die Immigration aufgrund eigener Initiative neuer Einwanderer vonstatten ging. In Folge der Einwanderung entstanden zunächst in der Gegend um Saratow an der Wolga, später u.a. auch in Bessarabien, der Ukraine, auf der Krim und im Kaukasus, zahlreiche räumlich begrenzte Kolonien, in denen die Selbstverwaltung auf deutscher Sprache erfolgte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden aufgrund der schnellen Zunahme der eingewanderten Bevölkerung auch Tochterkolonien in Kasachstan und Mittelasien gegründet. Generell spielte für die Ansiedlung in einem bestimmten Dorf weniger die frühere Herkunftsregion als vielmehr die konfessionelle Zugehörigkeit der protestantischen, puritanischen, verschiedentlich ‚freikirchlichen‘ oder auch katholischen Einwanderer eine entscheidende Rolle. So bildeten sich konfessionell einheitliche, insgesamt wenig Außenkontakte weder zur indigenen noch zur ebenfalls eingewanderten Bevölkerung unterhaltende Dörfer mit Sprechern unterschiedlicher deutscher Dialekte, die sich über die Zeit in verschiedenen Mischformen weiterentwickelten. 21 Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es vor dem Hintergrund allgemeiner wirtschaftlicher Probleme, die im besonderen in der ineffektiven Struktur des landwirtschaftlichen Systems im russischen Reich begründet waren, zu Spannungen innerhalb der Bevölkerung, die sich auch gegen die privilegierten, wirtschaftlich relativ erfolgreichen Einwanderer richteten. Diese Spannungen führten zum einen 1864 und 1871 zu modernisierungsorientierten Reformen unter Zar Alexander II., mit denen u.a. im Zuge eines neuen landwirtschaftlichen Verwaltungssystems die zuvor zugesicherten Vorrechte der Einwanderer weitgehend rückgängig gemacht wurden, indem die Selbstverwaltung der Kolonien aufgehoben, die Einwanderer zukünftig als ‚russische Bürger‘ behandelt und eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Zum anderen wurden die Spannungen im Rahmen eines allgemeinen Nationalisierungsprozesses der russischen Bevölkerungsmehrheit von einer panslawistischen Bewegung aufgegriffen, die in einem ethnischen Sinne explizit auch gegen Deutsche argumentierte. Hatten sich die inzwischen ca. 1,8 Millionen Siedler in ihrer Identität bis dahin überwiegend nach religiösen, regionalen sowie standesbezogenen und weniger nach ethnisch-nationalen Kriterien definiert - von der ideengeschichtlich im 19. Jahrhundert situierten Bildung eines deutschen Nationalbewußtseins in ihren Herkunftsregionen waren sie ohnehin abgeschnitten -, so legte die mit der Abschaffung ihrer Privilegien und dem Panslawismus einhergehende Russifizierung seit Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für ein sich auch in Reaktion zunehmend entwickelndes ethnischnationales Selbstverständnis als „Deutsche“. 22
Trotz dieses allmählich in den Vordergrund tretenden Selbstverständnisses und ihrer nun auch offensiveren Interessenvertretung unterhielten die Siedler kaum Beziehungen zum deutschen Reich, wollten nicht als „Deutschländer“ - ihre Bezeichnung für Reichsdeutsche - verstanden werden und betrachteten sich als loyale Untertanen Rußlands. Dennoch nahmen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs antideutsche Aktionen weiter zu. 1915 wurde der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache verboten und zudem die deutschen Siedler, die innerhalb einer 150 Kilometer breiten Zone an der Westgrenze des russischen Reiches lebten, in den Osten deportiert (ca. 150.000). Weitere Maßnahmen gegen Deutsche waren geplant, konnten aber angesichts der russischen Revolution 1917 nicht mehr umgesetzt werden. Unter der nun herrschenden Sowjetregierung erhielten stattdessen verschiedene deutsche Autonomiebestrebungen in Folge der von Lenin propagierten Politik einer Gleichberechtigung der Nationen einen gewissen Auftrieb. 1924 wurde die Autonome Sozialistische
21 Siehe Dietz/Hilkes 1993:13-15, 87, Römhild 1998:37-67, Baur et al. 1999:7-26, Dietz/Hilkes 1994:18 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:44-45.
22 Siehe Dietz/Hilkes 1993:15-17, Römhild 1998:67-76, 133-162, Baur et al. 1999:26-27, Dietz/Hilkes 1994:18 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:163-164.
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Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet; es folgten weitere deutsche Rayons (Landkreise) und zahlreiche deutsche Dorfsowjets in ethnisch gemischten Rayons. In der Zeit der Autonomie erlebte insbesondere die Wolgarepublik einen Aufschwung in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Neben der Selbstverwaltung in deutscher Sprache wurde - auch durch Förderung der Sowjetregierung - ein weitreichendes deutsches Bildungssystem ausgebaut und kulturelle Produktionen nahmen deutlich zu. Daneben wurde von staatlicher Seite eine Mechanisierung der Landwirtschaft vorangetrieben. Diese gewisse Blütezeit wurde allerdings auch durch ökonomische Krisen und die Anfänge des sich entwickelnden Stalinismus überschattet. 1928/29 führte Stalin eine breit angelegte Zwangskollektivierung durch, bei der Kulaken (Großbauern) - unter ihnen sehr viele Deutscheenteignet und in den hohen Norden der Sowjetunion, nach Sibirien oder nach Kasachstan deportiert wurden. Zudem begannen seine gigantischen „Säuberungsaktionen“ gegenüber allen vermeintlich politischen Gegnern, denen auch zahllose Deutsche zum Opfer fielen. Aufgrund des wachsenden Mißtrauens der sowjetischen Regierung gegenüber ihren „Sowjetdeutschen“ in Folge der Machtergreifung Hitlers wurden schon 1934 geheime Listen über „Personen deutscher Nationalität“ geführt; ermöglicht wurde dies durch die 1932 von Stalin eingeführte „Passportisierung“, nach der nunmehr die jeweilige Nationalität jedes Sowjetbürgers in seinem Ausweis verzeichnet wurde. Ab Mitte der 1930er Jahre kam es dann auch zu ersten systematischen Verfolgungen der Deutschen. 23 Der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 markierte einen tiefen Einschnitt in den Lebensbedingungen der Deutschen, der bis heute ihre Biographien prägt. Aus Furcht vor einer Kollaboration mit der einmarschierenden Wehrmacht wurde im Sommer 1941 die mit einem Kollektivverdacht der Spionage und Sabotage begründete Deportation aller im westlichen Teil der UdSSR lebenden Deutschen nach Sibirien, Mittelasien und Kasachstan angeordnet und die deutschen Autonomiegebiete wie z.B. die Wolgarepublik aufgelöst. In den folgenden Jahren, besonders nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad und ihrem Rückzug, wurden weitere Umsiedlungen vorgenommen - z.B. aus dem Raum des heutigen St. Petersburg - sowie die vielen mit der deutschen Armee geflohenen „Sowjetdeutschen“ nach Übernahme der westlichen Gebiete durch die rote Armee „repatriiert“. Nach Schätzungen wurden so während des Zweiten Weltkrieges etwa 800.000 Deutsche in östliche Regionen der Sowjetunion deportiert, davon allein ca. 350.000 aus der ehemaligen Wolgarepublik. In der Deportation waren die erwachsenen Deutschen in der Trudarmee - der Arbeitsarmee (russisch trudarmija) - zu körperlicher Schwerstarbeit z.B. beim Holzfällen, in Kohlegruben oder auf dem Bau verpflichtet und lebten mit ihren Familien in sogenannten Sondersiedlungen unter russischer Kommandantur, d.h. sie mußten sich regelmäßig bei örtlichen Regierungsstellen melden und durften ihren Aufenthaltsort nicht ohne Sondergenehmigung verlassen. Der Gebrauch der deutschen Sprache war verboten und für die Kinder bestanden nur geringe Möglichkeiten eines Schulbesuchs. 1948 wurde in einem Dekret diese Verbannung „auf ewige Zeiten“ festgelegt. 24
Diese Lebensumstände änderten sich erst Mitte der 1950er Jahre nach dem Tod Stalins, als die Sowjetdeutschen auf Drängen des damaligen deutschen Bundeskanzlers Adenauer für den Preis des Verzichts auf Entschädigung und Rückführung in ihre alten Wohngebiete von der Kommandantur befreit und wieder anerkannte Sowjetbürger deutscher Nationalität wurden. Unmittelbar danach setzte eine Binnenmigration ein, in deren Verlauf viele Deutsche aus den rauhen klimatischen Gebieten Sibiriens mit dem Ziel der Familienzusammenführung und besserer Berufschancen nach Westsibirien,
23 Siehe Dietz/Hilkes 1993:17-23, Römhild 1998:76-95, 106-117, Baur et al. 1999:28-35, Dietz/Hilkes 1994:18-19 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:167-170.
24 Siehe Dietz/Hilkes 1993:23-28, 35-36, 47-48, Römhild 1998:95-96, 118-124, 169-181, Baur et al. 1999:35-44, Dietz/Hilkes 1994:19 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:177-179.
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Kasachstan und Kirgisien zogen; damit lebte Ende der 1950er Jahre im Gegensatz zur Vorkriegszeit der Großteil der deutschen Bevölkerung in Kasachstan und östlich des Ural. Als Sowjetbürger normalisierten sich in dieser Zeit für die Deutschen insgesamt allmählich die Lebensbedingungen - es wurde sogar wieder ein muttersprachlicher Deutschunterricht institutionalisiert, wenn auch faktisch in sehr begrenztem Umfang. Als Sowjetdeutsche blieben sie allerdings in der Bevölkerung eine häufig als „Faschisten“ diskreditierte und ausgegrenzte Randgruppe, die sich nach innen besonders aufgrund des kollektiven Traumas der Deportation als „Deutsche“ verstand, während sie nach außen eine Akzeptanz unter Ausblendung ihrer ethnischen Zugehörigkeit - z.B. durch die Vermeidung der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit - anstrebte. 1964 wurde die Situation der Deutschen durch eine Teilrehabilitation in Form eines Dekrets verbessert, in der die Kollektivanschuldigung der Kollaboration mit dem faschistischen Deutschland von 1941 zurückgenommen wurde; eine Rückkehr in die alten Siedlungsgebiete wurde aber erneut untersagt. Die kommenden Jahre und Jahrzehnte brachten eine weitere Normalisierung - insbesondere für die Kinder der Nachkriegsgeneration -, allerdings blieb den Deutschen der Zugang zu höherer Bildung und besser qualifizierten Berufen über lange Zeit weitgehend verwehrt. Als zunehmend auch in multiethnischen Städten lebende Mitglieder einer Volksgruppe ohne Territorium nahmen sie in der Nationalitätenhierarchie der Sowjetunion eine niedrige Stellung ein, mit der erschwerte Rahmenbedingungen für die Vermittlung deutscher Sprache und überlieferter Kultur durch Schulen, Vereine, Pressewesen, Theater etc. einhergingen. Zudem waren sie als überwiegend religiöse Menschen von der allgemeinen Verfolgung von Religionen in der atheistischen UdSSR betroffen. Diese Lebensbedingungen, die eine apolitische Zurückgezogenheit im allgemeinen und gerade bei den jüngeren Deutschen eine weitreichende Assimilation an die russisch geprägte Staatskultur im besonderen zur Folge hatten, änderten sich erst in den 1980er Jahren im Zuge der Perestoijka- und Glasnost-Politik Gorbatschows und im Kontext des folgenden Zusammenbruchs der Sowjetunion. 25
Hatten in Folge der Teilrehabilitation von 1964 die von diversen Interessenvertretungen erhobenen Forderungen zur Wiederherstellung der Wolgarepublik verstärkt zugenommen, so entwickelte sich u.a. als Reaktion auf die stete Ablehnung dieses Ansinnens in den kommenden Jahren zunehmend auch die Forderung nach einer sowjetischen Ausreisegenehmigung nach Deutschland - dieses Spannungsverhältnis zwischen Autonomie- und Ausreisebestrebungen kennzeichnete die Haltung der Deutschen bis zum Ende der Sowjetära. Während die Autonomiebemühungen allerdings erst Ende der 1980er Jahre im Kontext einer allgemeinen nationalen Renaissance in der UdSSR an öffentlicher Bedeutung gewannen und schließlich scheiterten, bestand bereits seit den 1950er Jahren eine Ausreisebewegung von Deutschen aus der Sowjetunion. Diese war von Wellen gekennzeichnet, die durch das Bewilligungsverhalten der Sowjetunion bedingt waren. Aufgrund der Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion Mitte der 1950er Jahre kam es zunächst in einem begrenzten Umfang zu einer Ausreise. Während in den 1960er Jahren die Zahl der Ausreisenden wieder zurückging, stieg die Anzahl der Genehmigungen im Zuge der Entspannungspolitik während der 1970er Jahre deutlich an; erst Anfang der 1980er Jahre war diese wieder rückläufig. 1987 trat dann im Zuge der auf Öffnung setzenden Perestroijka-Politik ein Gesetz in Kraft, das die Ausreise grundsätzlich erleichterte und einen sprunghaften Anstieg der Ausreisezahlen zur Folge hatte. Im Gegensatz zu den eingangs geschilderten Einreisebedingungen von bundesdeutscher Seite bildete aber wie zuvor auch in diesem sowjetischen Gesetz die Familienzusammenführung mit Verwandten ersten
25 Siehe Dietz/Hilkes 1993:28-96, Römhild 1998:96-106, 124-126, 181-224 Baur et al. 1999:45-57, Dietz/Hilkes 1994:19 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:179.
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Grades die einzige Rechtsgrundlage für eine Ausreise. Erst ab 1993 bestand in den Staaten der ehemaligen UdSSR für jeden Bürger prinzipiell das Recht auf freie Ein- und Ausreise. 26 Ab 1989 setzte ein regelrechter Auswanderungsstrom aus der Sowjetunion nach Deutschland ein: Waren es in diesem Jahr erstmalig knapp 100.000 Aussiedler, so stieg die Zahl 1990 und 1991 jeweils auf fast 150.000, kam 1992 nahe der Marke von 200.000 und hielt sich zwischen 1993 und 1995 knapp oberhalb dieses Niveaus. Waren bis 1993 auch zahlreiche Aussiedler aus anderen osteuropäischen Staaten gekommen, so bildeten seither die Aussiedler aus den vormals sowjetischen Gebieten mit mehr als 90% den absolut größten Anteil (Grund hierfür ist das eingangs erwähnte, seither geltende Kriegsfolgenbereinigungsgesetz, das nur Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion von dem individuellen Nachweis der persönlichen Benachteiligung ausnimmt). Von diesen Aussiedlern kamen die allermeisten aus Kasachstan und Rußland, wobei bis zu einer allmählichen Nivellierung dieses Trends gegen Ende der 1990er Jahre fast doppelt so viele aus dem ersten dieser beiden Staaten einreisten. Der seit 1996 zu verzeichnende Rückgang der Aussiedlerzahlen auf ein seit 1998 relativ konstantes Niveau von etwa 100.000 jährlichen Zuwanderern ist u.a. durch den im Mai 1996 eingeführten verbindlichen Deutschsprachtest in den Herkunftsländern zu erklären, dessen Bestehen Voraussetzung für ein Anrecht auf Einwanderung ist. 27
Für die emigrierenden Aussiedler stellte und stellt neben dem Ziel der Familienzusammenführung und einer sozioökonomischen und politischen Verbesserung ihrer Lebenssituation v.a. der Wunsch, als „Deutsche unter Deutschen“ zu leben, eine zentrale Motivation für ihre Auswanderung dar. Nicht wenige gehen vor dem Hintergrund ihrer ethnischen Selbst- und vormaligen Fremdwahrnehmung in der UdSSR als „Deutsche“ sowie angesichts ihrer rechtlichen Anerkennung als deutsche Staatsangehörige von einer „Rückkehr“ aus der Diaspora in ihre „Heimat“ aus. Dabei ist hinsichtlich des Selbstverständnisses als „Deutsche“ für die Erlebnis- und Nachkriegsgeneration v.a. das Schicksal der Deportation und der anschließenden Diskriminierung als „Faschisten“ grundlegend, während die jüngere Generation ihr ethnisches Bewußtsein stärker auch mit zunehmenden Nationalitätenkonflikten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion verbindet. Dieses unter Aussiedlern relativ ausgeprägte Denken in ethnischen Kategorien wird - wie Römhild [1998:126-132, 251-322] überzeugend herausarbeit - durch die ethnisierende bundesdeutsche Aufnahmepraxis weiter verstärkt, indem der Nachweis eines bekennenden Deutschseins in allen früheren Lebensbereichen zu einem entscheidenden Kriterium für die Aufenthaltsgenehmigung erhoben wird. Dadurch entsteht für die Aussiedler in Deutschland eine Lebenssituation, die zum einen im allgemeinen geprägt ist von den typischen Integrationsschwierigkeiten von Zuwanderern mit einer von der bundesdeutschen abweichenden Sozialisation, die zum anderen aber im besonderen charakterisiert ist von einem Selbstverständnis und einer dem Staat mühsam abgerungenen Anerkennung als „Deutsche“ einerseits und der durch kulturelle Fremdheit bedingten häufigen Alltagserfahrung einer fehlenden Akzeptanz als „Deutsche“ von einheimischen „Deutschen“ andererseits. 28
26 Siehe Dietz/Hilkes 1993:97-115, Römhild 1998:126-132, Baur et al. 1999:57-58 und Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. 1989:179.
27 Siehe Baur et al. 1999:58-60, Dietz/Roll 1998:18-20 und Informationen zur politischen Bildung: Aussiedler, 267(2):38.
28 Siehe Dietz/Hilkes 1993:109, 115-120, Dietz/Hilkes 1994, Römhild 1998:126-132, 251-322, Baur et al. 1999:96-112 und Dietz/Roll 1998. Für eine ausführliche, auf zahlreichen Lebensgeschichten basierende
Darstellung der Erfahrungsgeschichte der ausgesiedelten Deutschen aus Rußland siehe Brake 1998.
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3.3 Die allgemeine Lebenssituation der drei Aussiedler
Auf der Basis der bereitgestellten Hintergrundinformationen zu Aussiedlern wird im folgenden Unterkapitel die allgemeine Lebenssituation der drei Aussiedler zur Kontextualisierung der im weiteren relevanten Themen der Ethnizität und des politischen Aktivismus‘ dargestellt. Dabei wird zunächst knapp die Situation vor der Immigration charakterisiert, bevor auf den gegenwärtigen Alltag von Paul, Andreas und Viktor in Hamburg eingegangen wird. Im Zuge dessen werden ihr Schulkontext, ihre Freizeitgestaltung und ihre Treffen im Familienkreis behandelt. Abschließend wird im Rahmen einer Analyse ihrer persönlichen Netzwerke im besonderen der praktischen Bedeutung von Ethnizität und politischem Aktivismus für ihr Alltagsverhalten nachgegangen.
3.3.1 Rußland und die Immigration nach Deutschland
Paul, Andreas und Viktor wuchsen in russischen Großstädten auf, wo sie mit ihren Familien bis zu ihrer Emigration lebten. In dieser Hinsicht wichen sie von einem Großteil der ebenfalls in den 1990er Jahren eingewanderten Aussiedler ab, die aus ländlichen Regionen v.a. Kasachstans nach Deutschland kamen.
Paul wurde 1979 in St. Petersburg als Jüngerer der zwei Söhne von Eduard A. und Natalie A. geboren. Seine Eltern entstammten beide Bauern- bzw. Arbeiterfamilien und waren aufgrund ihres Studiums - der Vater war Wirtschaftswissenschaftler und die Mutter Diplomphysikerin - die „ersten ‚Intellektuellen‘ an ihren Stammbäumen“. Die russischstämmige Familie der Mutter Natalie lebte anscheinend bereits seit längerem kontinuierlich in St. Petersburg, denn sowohl die matrilateralen Großeltern als auch Natalie, ihre beiden Schwestern und ihr Bruder wurden in St. Petersburg geboren. Die deutschstämmige Familie von Pauls Vater Eduard war ursprünglich als „Kolonisten“, d.h. als Bauern, „um St. Petersburg“ ansässig. Allerdings wurden Eduards
„Eltern und Geschwister [...] 1942 als ‚Feinde des Volkes‘ verbannt, weil sie angeblich - allein
aufgrund ihrer Nationalität - mit dem Nazideutschland kooperiert hätten. Meine nächsten Verwandten
haben Sibirien überlebt, mein Urgroßvater und ein paar andere Verwandte sind jedoch der Verbannung
oder dem KZ zum Opfer gefallen. Für meine Großmutter war dies nicht ihre erste Deportation: 1938
wurde sie nach Kasachstan in die Baumwollfelder geschickt, da sie (zusammen mit anderen paar
Millionen Sowjetbürgern) am Attentat an Kirow beteiligt gewesen sei. Der eigentliche Grund war aber
schon damals ihr Deutschtum und vor allem die feste Bindung an Religion.“ [004E.4.2]
Daher verbrachte Pauls Vater seine ersten 12 Lebensjahre „in sibirischem Tundra“ in einem Trudarmistenlager, bevor dessen Familie nach dem Ende des Stalinismus zwischen 1956 und 1958 nach St. Petersburg zurückkehrte. Auch nach dem Stalinismus wurden laut Paul Deutschstämmige wie Bürger zweiter Klasse behandelt; dies änderte sich allerdings mit der Perestroijka und der allgemeinen Begeisterung für den Westen, so daß Paul die Verfolgung persönlich nicht miterlebte. In St. Petersburg besuchte Paul neben zwei allgemeinbildenden Schulen auch die Privatschule Nationales Deutsches Gymnasium St. Peterschule. Bei dieser handelte es sich nicht um eine durch das Auswärtige Amt organisierte Deutsche Schule im Ausland, aber es gab finanzielle Unterstützung aus Deutschland. Die Lehrer waren anscheinend überwiegend Russen, auch wenn dort einige Gastlehrer aus Deutschland und anderen Ländern, z.B. den USA, unterrichteten. Die Atmosphäre war ziemlich familiär - jeder kannte jeden und man war „mit dem Schulleiter fast auf du“ - und es wurden viele
31
interessante Projekte durchgeführt und Neuerungen ausprobiert. Anscheinend war diese Privatschule eine Neugründung der früheren Petrischule, zu deren Absolventen Mussorgskij und Molotow gezählt hatten. Insgesamt waren an der Schule etwa 30 bis 40% der Schüler Rußlanddeutsche oder deren Nachfahren; der Rest waren laut Paul Russen, die einfach eine gute Ausbildung haben wollten. Über diese Privatschule und über die von Pauls Vater mitgegründete „Leningrader Deutsche Gesellschaft (LDG)“ bestanden Kontakte und Freundschaften zu anderen Deutschen in St. Petersburg und auch nach Deutschland. Im Rahmen dieser zweiten Kontakte war Paul vor seiner Immigration sowohl als Austauschschüler als auch als Privatbesucher viermal in Deutschland. Paul war bereits sehr früh politisch interessiert. In dieser von der Perestroijka und einer allgemeinen Westorientierung geprägten Zeit beherrschte Politik anscheinend generell die öffentliche Diskussion, besonders auch in seiner Privatschule. Zeitweilig war Paul auch religiös aktiv und stellte für diese Zeit sein politisches Interesse zurück. Daneben las Paul gerne in seiner Freizeit - eine Angewohnheit, die laut Paul „in Rußland den Schülern regelrecht angelernt wird“. 29
Von der patrilateralen, deutschstämmigen Verwandtschaft Pauls, die z.Z. der Studie bis auf den Onkel Leo und dessen Kernfamilie vollständig in Hamburg lebte, war die Kernfamilie von Paul die erste, die im Oktober 1995 nach Deutschland einreiste. Im Oktober 1998 folgte die patrilaterale Großmutter Margarete; mit ihr kamen auf jeden Fall ihr Enkel Alexander (FBS) sowie vermutlich dessen Vater Nikolaj (FB), Nikolajs zweiter Sohn Konstantin (FBS) aus erster Ehe und Nikolajs zweite Frau Vera (FBW). 1999 gelangte dann schließlich Alla, die Ehefrau von Pauls patrilateralem Parallelcousin Alexander durch Familienzusammenführung nach Hamburg [siehe Pauls Genealogie in Abbildung 1 unter 3.3.2]. 30
Pauls Eltern besorgten sich 1991 während eines Deutschlandbesuches das Antragsformular zur Anerkennung als Aussiedler und zur Einreiseerlaubnis. Dieses schickten sie ausgefüllt von St. Petersburg zu ihrem in Berlin lebenden Bevollmächtigen, einem alten Studienbekannten von Pauls Mutter, der es dann weiterleitete. Nach knapp vier Jahren erhielten sie zur Jahreswende 1994/1995 einen positiven Bescheid.
Nun mußte die Einreise vorbereitet werden. Allerdings stellte die Immigration von Pauls Kernfamilie insofern einen Sonderfall, als daß seine Eltern zwar einen endgültigen Umzug nach Deutschland anstrebten, zugleich aber auch ihre Wohnung in St. Petersburg nicht aufgeben wollten. Denn Pauls Vater hatte dort eine angesehene Stellung als Professor an einem Wirtschaftsinstitut und es war abzusehen, daß er in seinem Alter mit seinen Qualifikationen in Deutschland keine Anstellung finden würde. Deshalb wollte er seine dortige, zeitlich recht flexible Tätigkeit nicht aufgeben. Außerdem wollte Pauls Familie „auch nicht die Beziehung zu Rußland abbrechen“. Der Vater behielt also seine Stellung und die Wohnung wurde offiziell auf jemand anderes überschrieben, blieb aber faktisch das Eigentum von Pauls Eltern. Vor diesem Hintergrund wurde keine offizielle Ausreise geplant, sondern nur Gastvisa organisiert.
Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, fuhren Paul, seine Eltern und sein Bruder im Oktober 1995 mit dem Zug von St. Petersburg zum Bundesübergangslager nach Hamm in Westfalen. Dort waren sie etwa zwei Wochen, in denen die Formalitäten geregelt wurden. Allerdings hatten sie laut Paul keinen Test. Da sie die ersten Aussiedler aus ihrer Verwandtschaft waren, gab es noch keinen naheliegenden späteren Wohnsitz. So konnten sie zwischen Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin wählen und entschieden sich für Hamburg, u.a. weil Hamburg die Partnerstadt von St. Petersburg ist und auch am Wasser liegt. Von Hamm fuhren sie dann zu dem in einem alten Hotel
29 Siehe 004E.4.1-6, 014E.7.-8. und 020E.11.29-72 .
30 Siehe 014E.8.
32
untergebrachten regionalen Übergangslager in Schöneberg bei Kiel. Dort warteten sie etwa eine Woche, bis ihnen eine Notwohnung in Hamburg-Osdorf zugewiesen wurde, die sie sich mit einer Familie von Kontingentflüchtlingen teilten.
Nachdem sie im November 1995 ihre Notwohnung in Hamburg bezogen hatten, standen die ganzen Behördengänge an, bei denen Paul mitgehen mußte, da er in der Familie am besten deutsch konnte: Sprachtest in „Barmbek“ 31 , Arbeitsamt, Schulbehörde usw. An dem Sprachtest nahmen Pauls Vater und er selbst teil. Zunächst war sein Vater an der Reihe. Bei ihm dauerte es etwas länger, weil er auch „ein bißchen langsamer“ verstand und redete. Bei Paul ging der Sprachtest dann schneller und er wurde auch gar nicht richtig auf ‚deutsche Kultur‘ getestet, weil sofort deutlich wurde, daß er gut deutsch konnte. Aufgrund dieses Tests wurden beide als Spätaussiedler nach §4 anerkannt. Danach begann für Pauls Eltern und seinen Bruder Andreas der sechsmonatige Sprachkurs; Paul ging zur Schulbehörde, wo er als Gymnasialschüler eingestuft und dem Gymnasium Hamm zugewiesen wurde. Dort mußte er aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse keine Übergangsklasse besuchen, sondern kam gleich in eine Regelklasse. Parallel zum Sprachkurs und der Schule bemühte sich Pauls Familie in Eigeninitiative um eine Sozialwohnung, da man dann nach Einschätzung von Paul vielleicht eine bessere bekam und das auch schneller ging. Nach einem halben Jahr - also im Frühjahr 1996 - fanden sie eine eigene Sozialwohnung in Billstedt, wo sie auch derzeitig noch wohnten. Gegenwärtig arbeitete seine Mutter in der Behindertenbetreuung, während sein Vater hin und wieder nach St. Petersburg zu seinem alten Institut pendelte und Pauls Bruder eine Ausbildung machte. 32
Andreas wurde 1981 als der Ältere der beiden Söhne von Alexander W. und Galina W. (wie diese) in Nishni Tagil - einer 400.000 Einwohner umfassenden Großstadt im Ural nördlich von Jekaterinburg -geboren. Die russischstämmige Familie seiner Mutter war anscheinend schon länger dort ansässig, denn deren Eltern wurden ebenfalls dort geboren. Demgegenüber waren die deutschstämmigen Eltern des Vaters zugezogen; dessen Vater kam ursprünglich aus Krasnodon und die Mutter aus Saratow. In der Familie hatten nur die patrilateralen Großeltern „so einigermaßen“ Deutschkenntnisse; daher sprach Andreas in Rußland nur ein „ganz bißchen“ mit der Großmutter deutsch, konnte diese Sprache aber vor seiner Einreise eigentlich nicht.
In Rußland gab es zu der Zeit nur die eine staatliche Schulform der Mittelschule bzw. der allgemeinbildenden Schule. An dieser absolvierte Andreas zehn Schulklassen an zwei verschiedenen Schulen, wobei er im letzten Schuljahr noch einmal pro Woche parallel an einer Vorbereitungsgruppe der lokalen Universität teilnahm, wo zusätzlich Mathematik, Physik und Informatik unterrichtet wurden. Bereits seit der fünften Klasse beschäftigte er sich in seiner Freizeit gerne mit Computern. Außerdem fuhr er sehr viel und gerne Motorrad und Fahrrad. 33
Aus Andreas‘ patrilateraler, deutschstämmiger Verwandtschaft, die gegenwärtig vollständig in Hamburg wohnte, war anscheinend die Familie der patrilateralen Tante Irina (FZ) vor Andreas‘ Einreise nach Deutschland immigriert, da sie als „Bevollmächtigte“ den Antragsablauf für Andreas‘ Kernfamilie und Großeltern unterstützte. Sie war mit ihren beiden Kindern Maria (FZD) und Alexander (FZS) bei einem Besuch hier in Deutschland geblieben; ihr Ehemann Alexander (FZH)
31 In Hamburg ist das „Vertriebenen- und Aussiedleramt“ in der Ausländerbehörde für Aussiedler zuständig. Dieses war früher in Hamburg-Barmbek und wird deshalb unter Aussiedlern einfach „Barmbek“ genannt. Mit
Pauls Worten: „Wenn man ‚Barmbek‘ sagt, dann meint man diese Raben, die da sitzen und heiß drauf sind, uns
zurückzuschicken“ [020E.8.4]. Dort wurde dann auch der letzte Sprachtest durchgeführt, der endgültig darüber
entschied, ob man in Deutschland bleiben durfte oder wieder zurückgeschickt wurde.
32 Siehe 020E.6.-7./9./11.1-33 und 014E.8.
33 Siehe 004E.3.1-6, 014E.4.-5. und 020E.2.77-80 .
33
kam dann im Rahmen der Familienzusammenführung nach Hamburg [siehe Andreas‘ Genealogie in Abbildung 2 unter 3.3.2]. 34
Soweit sich Andreas erinnerte, stellte seine Tante Irina ungefähr gegen Ende 1994 den Ausreiseantrag für Andreas Kernfamilie sowie für die patrilateralen Großeltern Waldemar und Katharina. In der folgenden Zeit wurden die Unterlagen von der Behörde dann über Bekannte persönlich nach Nishni Tagil gebracht. Doch während die Bearbeitung des Antrags lief, war Andreas‘ Familie nicht besonders auf die Ausreise orientiert: „Wir haben sogar nicht mal überlegt, daß wir nach Deutschland fahren. Ja, vielleicht irgendwann mal, aber. Die Papiere sind da irgendwo - nicht, daß wir gewartet haben, nee“ [020E.2.17]. Nach der anscheinend eher kurzen Bearbeitungsfrist von ungefähr zwei Jahren erhielten sie dann um die Jahreswende 1996 / 1997 die Zulassung. Da seinem Vater gerade seine Arbeit gekündigt worden war, entschieden sie sich relativ schnell, nach Deutschland zu gehen, damit die Frist von einem halben Jahr zwischen Kündigung und Einreise nicht überschritten wurde, die zum Erhalt der staatlichen Arbeitslosenunterstützung berechtigt.
Nun mußten sie in der deutschen Botschaft in Moskau für ihre russischen Pässe Einreisevisa sowie die von Deutschland gestellten Flugtickets erhalten und ihren Besitz in Nizhni Tagil verkaufen. Ihre Wohnung verkauften sie an die Familie von Andreas‘ matrilateralem Onkel Sergej und ihre Datscha schenkten sie den matrilateralen Großeltern Alexander und Antonina. So konnten sie relativ leicht ihren immobilen Besitz veräußern, erhielten aber auch weniger Geld.
Nachdem alles erledigt war, fuhren sie im Juni 1997 mit dem Zug nach Moskau, von wo sie mit einer Lufthansa-Linienmaschine nach Düsseldorf flogen. Von dort ging es mit einem Bus zum Bundesübergangslager in Hamm, Westfalen. In der ehemaligen Kaserne waren sie dann zwei Werktage und ein Wochenende lang als Familie in einem großen Zehnbettzimmer untergebracht. Während sie am Wochenende mit dem Wochenendticket nach Bremen fuhren, bestand die Haupttätigkeit im Übergangslager selbst in „sitzen und warten“ auf ihren Gesprächstermin. In diesem Gespräch, bei dem sich Andreas nicht sicher war, ob es sich dabei um eine Art Test als Aufnahmebedingung handelte, ging es auf deutsch um „deutsche Kultur“: „Ob wir deutsch sind, welche Religion wir haben, ob wir deutsch gesprochen haben usw. Ich wurde auch mal was gefragt, aber was, weiß ich nicht mehr“ [020E.2.76]. Daneben ging es auch darum, daß sie wegen ihrer Verwandten nach Hamburg wollten. Das Gespräch lief anscheinend ganz gut, denn Andreas‘ Großeltern konnten „so einigermaßen“ deutsch.
In Hamm wurde ihnen dann ein Zimmer in dem aus schwimmenden Wohnkontainern bestehenden Übergangsheim Bibby Altona in Hamburg zugewiesen und sie erhielten ihre Bahnkarten. Nach ihrer Ankunft in Hamburg waren sie dort für etwa zwei oder drei Tage untergebracht, wobei Andreas, sein Bruder und die Großeltern nach der ersten Nacht in der Wohnung ihrer gerade verreisten Verwandten schliefen. Danach, also gegen Anfang Juli 1997, wurden sie in einer Notwohnung in einem anderen Wohnheim im Reinbeker Reeder in Bergedorf untergebracht, wo sie ungefähr acht Monate wohnten. Nun standen die eigentlichen Behördengänge an, vor allem der Sprachtest in „Barmbek“ und die Anmeldung bei der Schulbehörde.
Während Andreas sich nicht sicher war, daß es sich bei dem Gespräch im Bundesübergangslager um einen Test handelte, war der Sprachtest in Hamburg, an dem seine Großeltern, sein Vater und er teilnahmen, aus seiner Sicht ein richtiger Test. Während dieses Gesprächs war Andreas alleine. Zunächst ging es darum, ob er überhaupt deutsch verstehen und sprechen konnte und ob, wann und wie oft Andreas früher deutsch gesprochen hatte. Dann ging es auch ein bißchen um ‚deutsche Kultur‘, welche deutschen Lieder er gesungen hatte usw. Insgesamt sagte Andreas „fast überhaupt
34 Siehe 014E.5.
34
nichts“, denn er „konnte kein deutsch“. Am Ende des Tests wurden Andreas‘ Vater und seine Großeltern als Spätaussiedler nach §4 anerkannt; er, sein Bruder und seine Mutter erhielten den Angehörigenstatus nach §7.
Daneben führte das Gespräch bei der Schulbehörde dazu, daß Andreas aufgrund seiner Einstufung als Gymnasialschüler dem Gymnasium Hamm und sein Bruder Max der Gesamtschule Mümmelmannsberg zugewiesen wurden, die sie mit dem beginnenden Schuljahr ab August 1997 besuchten. Im Frühling 1998 zog Andreas‘ Familie dann in eine Sozialwohnung in Hamburg-Horn, wo sie auch derzeitig wohnte. Während Andreas‘ Vater in Rußland als Elektroingenieur in einem Hüttenkombinat gearbeitet hatte, betreute er gegenwärtig als Elektrotechniker Roboter in einer Fabrik. Seine Mutter hatte als gelernte Bauingenieurin zwischenzeitig als Bauzeichnerin gearbeitet, war aber seit kurzem arbeitslos; sein jüngerer Bruder suchte gerade einen Ausbildungsplatz. 35
Viktor wurde 1982 als einziger Sohn und Mittleres von drei Kindern von Sergej O. und Elisabeth L. (wie seine Geschwister auch) in Moskau geboren. Dorthin waren seine Eltern von Osakarowka in Kasachstan gegangen, wo zu der Zeit, in der Viktor in Rußland lebte, die gesamte übrige Verwandtschaft wohnte. Allerdings stammten die Familien beider Eltern nicht ursprünglich von dort, auch wenn Viktors Vater dort geboren wurde und seine Mutter dort aufwuchs. In der Familie des Vaters, die Viktor im Hinblick auf ihre Ethnizität als „international (aber nicht russisch)“ charakterisierte, kam zwar dessen Vater aus dem in Grenznähe zu Kasachstan gelegenen russischen Orenburg, aber die Mutter stammte aus der Ukraine. Dorther kamen auch ursprünglich die matrilateralen, deutschstämmigen Großeltern. Diese hatten im Zuge des Zweiten Weltkrieges unter der Deportation nach Jakutien/Sibirien zu leiden, wo Viktors Mutter geboren wurde. Nach dem Stalinismus kamen sie dann nach Osakarowka in Kasachstan. Dort waren sie einer fortgesetzten Diskriminierung als Deutsche ausgesetzt. Diese leidvolle Familiengeschichte, in der der Zusammenhalt in der Familie von zentraler Bedeutung war, bildete den Hintergrund für Viktors hohe Wertschätzung der Verwandtschaft und für sein starkes Bemühen, die ‚Dinge so zu verstehen, wie sie wirklich sind, um Einfluß nehmen zu können‘.
In Moskau absolvierte Viktor neun Schuljahre, wobei er nach der vierten Klasse die Schule wechselte. In seiner Freizeit spielte er gerne Basketball, machte Spaziergänge, programmierte am Computer und las Bücher. Da seine Verwandtschaft in Osakarowka lebte, war er oft auf Besuch in Kasachstan und auch einmal vor seiner Immigration in Deutschland. 36
Gegenwärtig befand sich die gesamte lebende Verwandtschaft Viktors - bis auf den Vater nur matrilaterale, deutschstämmige Verwandte - in Hamburg. Von dieser siedelten 1991 zunächst seine Tante Natalie (MZ) und ihr Ehemann Andrej (MZH) aus; deren drei Kinder wurden erst später in Hamburg geboren. 1994 folgten die Großeltern Eduard (MF) und Maria (MM) zusammen mit der Familie des Onkels Waldemar (MB), also mit dessen Frau Galina (MBW) und deren beiden Kindern Irina (MBD) und Paul (MBS). Als letztes kam dann 1996 Viktors Kernfamilie nach Hamburg [siehe Viktors Genealogie in Abbildung 3 unter 3.3.2]. 37
Seit der Immigration - zu der mir weitere Informationen fehlen, da Viktor meinte, er könne sich nicht mehr erinnern - wohnte Viktors Kernfamilie bereits längere Zeit im Stadtteil St. Pauli, wobei seine ältere Schwester anscheinend nicht mehr zuhause lebte. Derzeitig war Viktors Mutter als „Ökonomist-
35 Siehe014E.5., 020E.2.-3./6.3-10, 80-81/8. und 004E.3.2-3 .
36 Siehe 004E.2.1-6, 014E.1.-2. und 032E.1.2-4 .
37 Siehe 014E.2.
35
Manager“ tätig; bezüglich seines Vaters, der in Rußland als Buchhalter gearbeitet hatte, machte Viktor keine weiteren Angaben. 38
3.3.2 In Hamburg
Zur Zeit der Datenerhebung waren Paul, Andreas und Viktor 21, 19 und 18 Jahre alt. Alle drei waren Schüler des Gymnasium Hamm, wobei Andreas und Viktor in die 10. Klasse gingen - in der ich das oben erwähnte Unterrichtsprojekt über Multiethnizität durchführte -, während sich Paul in seinem letzten Schuljahr befand, im Untersuchungszeitraum erfolgreich sein Abitur absolvierte und mit seinem Zivildienst in einer Jugendherberge in Hamburg begann. 39 Das Gymnasium Hamm, welches im von Wohnungen, kleineren Geschäften und Praxen sowie einigen Behörden charakterisierten Stadtteil Hamm liegt, war derzeitig Hamburgs einzige Europaschule, an der im Schulprogramm eine bewußte Europaorientierung angelegt war, die sich u.a. in einem jährlich stattfindenden Europatag mit Kleingruppenprojekten zu einem europäischen Thema äußerte. Daneben wurden in den vorherigen Jahren zahlreiche andere Projekte zu Umweltschutz, Mehrsprachigkeit und Gesundheitsförderung durchgeführt, so daß mein erwähntes ethnologisches Unterrichtsprojekt zu Multiethnizität an sich nichts Ungewöhnliches darstellte. 40 Wie sich in Gesprächen mit den drei Aussiedlern und mit Lehrern, durch meine Beobachtungen in der Schule sowie besonders in dem Unterrichtsprojekt in Andreas‘ und Viktors Klasse zeigte, war das Gymnasium im Hinblick auf seine Schüler sehr multiethnisch. So waren beispielsweise in der derzeitig von Andreas und Viktor besuchten 10. Klasse nach Selbsteinschätzung der Schüler insgesamt 14 verschiedene ethnische bzw. multiethnische Gruppen vertreten [siehe Zenker 2000: 12-23].
Nach ihrem Umzug nach Hamburg waren Andreas und Viktor am Gymnasium Hamm zunächst in Übergangsklassen (ÜKs) gekommen, in denen russischsprachige Migranten mit schwachen Deutschkenntnissen auf den Regelunterricht vorbereitet wurden (Paul konnte aufgrund seines guten Deutsches direkt an einer Regelklasse teilnehmen). Zur Zeit meiner Studie beschäftigten sich die drei Aussiedler gerade im Rahmen einer eigenen Untersuchung mit Mängeln in diesen Übergangsklassen. Dabei sahen sie das Hauptproblem neben einer ungenügenden Vorbereitung der Lehrer auf die speziellen Erfordernisse dieses Unterrichts darin, daß die Schüler durch die Umstände unzureichend „gezwungen“ waren, miteinander deutsch zu sprechen, da man auf russisch zurückgreifen konnte. Daher, so argumentierten sie, wäre es vielleicht besser, verschiedensprachige Migrantengruppen in den ÜKs zu unterrichten. Allerdings könnte es dadurch auch zu Konflikten zwischen diesen Gruppen kommen. 41
Die Vorstellung, eine multiethnische Klassensituation produziere wahrscheinlich „Konflikte“ (Paul und Andreas) oder doch zumindest „Mobbing“ (Viktor) in Form von Scherzen z.B. über den Akzent im Deutschen und Beschimpfungen bezüglich anderer Gruppen in der eigenen Sprache, war unter den drei Aussiedlern relativ dominant. Demgegenüber zeigte das Unterrichtsprojekt, daß Ethnizität
38 Siehe 020E.4., 014E.2., 004E.2. und 038E.1. Einige Angaben basieren auf einer Inspektion der Primärdaten zu Viktors persönlichem Netzwerk, das in 038E. analysiert wird.
39 Siehe 038E.1., 042E.1., 046E.1., 001E.2.3 und 004E.4.7 .
40 Siehe die Kennzeichnung der Schule im Zeitungsartikel unter http://www.hamburg-live.de/bin/ha/set_frame/set_frame.cgi?seiten_url=/contents/ha/news/lokales/html/031198/1903HAMM1.HTM
sowie die Homepage des Gymnasiums Hamm unter http://www.hh.shuttle.de/hh/gyha.
41 Siehe 004E.3.5, 001E.2.6 und 010E.2. (besonders 1-55).
36
jedenfalls in der multiethnischen 10. Klasse im allgemeinen Verhalten keine sonderlich große Relevanz für die wechselseitige Wahrnehmung, die Interaktionen und Beziehungen der Schüler hatte [siehe Zenker 2000: 31-40]. Allerdings kann ich nicht ausschließen, daß dies in anderen Klassen am Gymnasium anders war. Zumindest unbewußtes oder bewußtes „Mobbing“ in Form einer an Aussiedler gerichteten und von ihnen als unzutreffend und negativ beurteilten Fremdzuschreibung als „Russen“ wurde von Paul, Andreas und Viktor für den Schulkontext berichtet - und spielte, wie unter 3.4 beschrieben, für ihre ethnizitätsbezogene Selbstzuschreibung eine Rolle. 42 Auf jeden Fall war es anscheinend nicht ungewöhnlich, daß verschiedene ethnische Gruppen eher unter sich blieben, wie laut Paul in seiner Klassenstufe. Dies traf wenigstens auf die Aussiedler am Gymnasium Hamm zu, die sich laut Andreas untereinander fast alle kannten - weil sie „dieselbe Mentalität“ hatten, miteinander nur russisch sprachen und dadurch auch leicht Kontakt bekamen - und sich in den Pausen trafen. Allerdings kamen Paul, Andreas und Viktor nach der Schule mit den anderen Aussiedlern nur „ziemlich selten“ (Paul) zusammen. Laut Andreas trafen sie sich „eigentlich nicht mit Rußlanddeutschen als Rußlanddeutsche in der Freizeit“. Der einzige regelmäßige Kontakt zwischen Paul, Andreas und Viktor außerhalb der Schule fand im Kontext politischer Veranstaltungen der Jungen Union (JU) bzw. der CDU statt. 43
Damit ist der Übergang zum Freizeitverhalten der drei Aussiedler hergestellt, das im folgenden knapp skizziert wird. Paul verbrachte seine Freizeit außer mit anstehenden Arbeiten wie Hausaufgaben u.ä. alleine mit Lesen und auch mit Fernsehen. Daneben traf er sich gerne mit Freunden und Bekannten, um sich in einer Kneipe oder zuhause zu unterhalten oder - v.a. an Wochenenden - auf eine Party zu gehen. Außerdem kam es mehrmals im Monat zu Kontakten und Treffen mit seinen Verwandten. Eine besondere Stellung nahmen zudem seine recht zeitintensiven politischen Aktivitäten ein. Zum einen war er in der Hamburger Landesgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland im Bund der Vertriebenen aktiv, deren gesamter Landesvorstand - dem Paul als Mitglied angehörte - zur Zeit der Studie gerade aus dem Bundesverband ausgetreten war und einen eigenständigen Hamburger Verein Deutsche aus Rußland e.V. gegründet hatte. Zum anderen war er - wie auch Andreas und Viktor -Mitglied bei der Jungen Union und der CDU und nahm dort häufig an verschiedenartigen Veranstaltungen teil. 44
In seiner Freizeit beschäftigte sich Andreas gerne mit Computern, u.a. in der Betreuung diverser Homepages. Er verdiente sich auch etwas Geld durch Hilfe bei EDV-Problemen, auch wenn dies nicht sehr oft passierte. Daneben fuhr er sehr viel und gerne Fahrrad, normalerweise täglich eine Strecke von ca. 25 Kilometern. Außerdem ging er „natürlich gerne mit [...] Freunden ein Bierchen trinken und über das Leben quatschen“, wenn er nicht noch Hausaufgaben zu erledigen hatte oder fernsah, und war gelegentlich freitags oder samstags auf einer Party. Am Wochenende begleitete er manchmal seine Eltern zum Einkaufen oder fuhr mit zu den Eltern seines Vaters, die fast wöchentlich besucht wurden. Über diese Besuche hinaus kam es etwa einmal im Monat zu Treffen mit allen in Hamburg lebenden Verwandten. Daneben gab es viele verschiedene Aktivitäten am Wochenende: „irgendwelche Seminare, Ausflüge mit Freunden oder Familie, größere Fahrradtouren mit Freunden oder alleine, oder schon wieder arbeiten ...“ Schließlich nahm er noch als Mitglied der Jungen Union und CDU bei vielen ihrer Veranstaltungen teil. 45
42 Siehe 010E.2.54-156, 223-224, 230, 245-251, 040E.4.71-81 und Zenker 2000: 23.
43 Siehe 010E.2.115-125 und 008E.2.9-32/6.3-5/7.1-2 . Für eine ausführlichere Darstellung der Situation von Aussiedlern am Gymnasium Hamm siehe Iden 1997.
44 Siehe 004E.4.5-6, 018E.3.-4., 006E.6., 034E.10. und 012E.1.
45 Siehe 004E.3.6, 018E.1.-2. und 028E.3.4 .
37
Viktor ging in seiner Freizeit gerne in eine Sportschule, um dort Kampfsport und Fitneß zu treibenbesonders am Wochenende, an dem er dort normalerweise mehrere Stunden trainierte. Ansonsten war er viel zuhause, programmierte gerne am Computer, las viel Fachliteratur über Psychologie, Technik und BWL (um seine „Leistung zu steigern“), machte Hausaufgaben u.ä. Da er sich sehr um einen gesunden Lebensstil bemühte, trank er keinen Alkohol, versuchte, während der Woche um 22.00 Uhr zu schlafen, sah wenig fern und ging auch nicht besonders gerne auf Parties. Mindestens zweimal pro Monat - häufig öfter - fanden Treffen mit seinen Verwandten statt. Daneben kam er als Mitglied bei der Jungen Union und CDU häufig zu deren Veranstaltungen. 46
In dieser allgemeinen Darstellung der Freizeitaktivitäten wurden bereits die gegenwärtigen Treffen der drei Aussiedler mit ihren Verwandten erwähnt. Diese werden im folgenden detaillierter beschrieben, wobei nur als solche intendierte Treffen von Interesse sind, die also den täglichen Kontakt in der Kernfamilie überschritten und sich damit besonders auf die erweiterte Verwandtschaft bezogen. Dabei werden zum erleichterten Verständnis der Familienstrukturen die Genealogien der Aussiedler in den Abbildungen 1 bis 3 als Pgraph dargestellt [siehe unter 2.2.3.4]. 47 Von den in Pauls Genealogie verzeichneten 41 Personen wohnten gegenwärtig 10 in Hamburg. Vor der Aussiedlung scheint Paul insgesamt keinen übermäßig intensiven Kontakt zu den (überwiegend matrilateralen) Verwandten gehabt zu haben, die derzeitig noch in St. Petersburg lebten. Ausnahmen bildeten seine inzwischen verstorbene matrilaterale Großmutter Praskowja (21) und seine patrilaterale Cousine Olga (19), zu denen er in seiner Kindheit ein intensives Verhältnis hatte, sowie sein matrilateraler Onkel Genadij (27), den er auch nach seiner Immigration bei Besuchen in St. Petersburg gerne traf.
In Hamburg bestanden gegenwärtig drei Arten von intendierten Kontakten zwischen Paul und seinen ebenfalls in Hamburg lebenden patrilateralen Verwandten, nämlich Besuche, Telefonate sowie Familientreffen. Mindestens einmal pro Monat, häufig öfter, traf sich Paul zum einen mit seinem Onkel Nikolaj (3) und zum anderen mit dessen Sohn Alexander (7), um ihnen bei „Papiersachen“ wie Formularen, Anträgen usw. zu helfen, die ihnen aufgrund von Sprachproblemen schwerfielen. Mehrmals wöchentlich wurde Paul zudem von Nikolaj oder Alexander wegen derartigen Fragen angerufen.
Daneben fanden ein bis zwei Mal pro Monat - manchmal auch öfter - Familientreffen statt, die einen konkreten Anlaß (z.B. einen Geburtstag) haben konnten, aber nicht mußten. Zu diesen Treffen kamen meist bis auf Nikolajs Sohn Konstantin (8) alle in Hamburg lebenden Verwandten zusammen, also neben Pauls Kernfamilie seine Großmutter Margarete (2), sein Onkel Nikolaj (3) und dessen Frau Vera (9) sowie Nikolajs Sohn Alexander (7) und dessen Frau Alla (17). Paul sah Konstantin (8) kaum, da dieser sehr abgeschlossen lebte und selbst zu seiner nächsten Familie nur wenig Kontakt hielt, was Paul negativ bewertete. Bei diesen Treffen, die häufig bei Pauls Großmutter stattfanden, wurde über einen längeren Zeitraum („3 bis 4 Stunden“) sehr viel gegessen und auch viel Alkohol getrunken. Dabei unterhielt man sich - u.a. über die Politik in Rußland - und Paul half bei Problemen mit „Papiersachen“, wobei er diese Rolle des ‚Hilfestellers‘ nicht besonders positiv bewertete, da dadurch aus seiner Sicht den Jugendlichen allgemein Aufgaben zukamen, die ihnen innerhalb der Familie eigentlich nicht zustanden, wodurch die normale Familienstruktur „gekippt“ werde. Auf diesen Treffen nutzte Paul auch gelegentlich die Möglichkeit, bei seiner Oma im russischen Fernsehen
46 Siehe 004E.2.6, 018E.5., 030E.6.2 und 014E.3.8 .
47 Siehe 015M. hinsichtlich der Erhebung und Verarbeitung der hier verwendeten genealogischen Daten.
38
russische Nachrichten zu sehen. Insgesamt ging Paul ganz gerne zu den Familientreffen, fühlte sich aber auch ein wenig wegen der erwarteten Hilfestellungen zu einem Kommen verpflichtet. 48
Abbildung 1: Genealogie von Paul A. [014E.7.]
Andreas hatte seit seiner Aussiedlung seine matrilateralen Verwandten (11-16) nicht mehr getroffen, da diese weiterhin in Nishni Tagil lebten. Davor hatte er seine matrilateralen Großeltern Alexander und Antonina (11, 12) ziemlich oft gesehen. Zu dieser Zeit war es auch ein bis drei Mal pro Monat zu Treffen mit seinem matrilateralen Onkel Sergej (13) und dessen Familie (14, 15) gekommen, wobei Andreas mit dessen Sohn Paul (15) auch öfter den ganzen Sommer über zusammen war; sein anderer matrilateraler Cousin Semjon (16) war damals noch nicht geboren.
In Hamburg gab es - neben den Alltagskontakten mit seiner patrilateralen Cousine Maria (7) und deren Bruder Alexander (8) in der Schule - gegenwärtig Besuche und Familientreffen, bei denen Andreas seine allesamt in Hamburg lebenden patrilateralen Verwandten sah. Andreas‘ Kernfamilie, vor allem
48 Siehe 014E.9. und 010E.4.41-71 .
39
Abbildung 2: Genealogie von Andreas W. [014E.4.]
aber sein Vater Alexander (3), besuchte die Großeltern Waldemar (1) und Katharina (2) fast jede Woche, insbesondere an Samstagen. Meist traf man sich zwischen 16.00 und 18.00 Uhr. Dann gab es Essen, das vorher zubereitet worden war - überwiegend russische Gerichte wie Pelemeni (gekochte Teigtaschen), Belaschi (wie Pelemeni, aber mit saurem Teig und gebraten), Bratkartoffeln oder Pfannkuchen (süß oder auch manchmal mit Hack). Dazu wurde Wein, Wodka, Cola und Fanta getrunken. Nach dem Essen gab es dann Tee oder Kaffee. Während des Besuchs unterhielten sich alle zusammen, manchmal je nach Thema und Interesse aber auch die Männer und Frauen getrennt. Die Gespräche drehten sich um alles Mögliche, auch um Alltagsprobleme und Politik (hauptsächlich die Rußlands). Sein Vater und sein Großvater redeten auch gerne über Geschichte im Allgemeinen und rußlanddeutsche Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg im besonderen. Andreas fand dies Thema schon interessant, aber manchmal auch nervig. Während des Besuchs wurde nur selten nebenbei Musik gehört. Wenn etwas zuviel Wodka geflossen war, sangen seine Großeltern und sein Vater schon auch mal russische und seine Großmutter Katharina deutsche Volkslieder. Meist verabschiedete man sich zwischen 22.00 und 23.00 Uhr. Während dieser Treffen wurde nur russisch gesprochen.
Ab und zu war bei diesen Besuchen auch die Familie der patrilateralen Tante Irina (4, 6, 7, 8) dabei. Derartige Besuche im großen Familienkreis liefen im wesentlichen ähnlich wie die zuvor beschriebenen ab, nur daß es weniger bis keinen Alkohol gab - vermutlich, weil Irina (4) und ihre Tochter Maria (7) Zeugen Jehovas waren. Entsprechend kam es auch nicht zum Gesang. Auch hier wurde überwiegend russisch gesprochen, obwohl Andreas mit seiner Cousine Maria (7) und seinem Cousin Alexander (8) auch deutsch redete, weil sie nicht so gut russisch konnten. Familienfeste im eigentlichen Sinne unterschieden sich von den Besuchen im großen Familienkreis nur dadurch, daß es einen konkreten Anlaß zum Feiern gab. Dieser bestand bei den Geburtstagen aller hier lebenden Verwandten, deutschen und russischen Nationalfeiertagen, Weihnachten, Neujahr und Ostern. Auf diesen Familienfesten gab es allerdings immer Alkohol und es wurde auch fast immer
40
gesungen. Insgesamt mochte Andreas die Besuche und Feste im Familienkreis ganz gerne, fühlte sich aber auch etwas verpflichtet zu kommen und fand, daß sie ein bißchen zu häufig stattfanden. 49
Abbildung 3: Genealogie von Viktor L. [014E.1]
Gegenwärtig lebten alle Verwandten von Viktor nach Aussiedlung in Hamburg. Da Viktors Kernfamilie vor der Immigration in Moskau wohnte, während alle übrigen Verwandten in Osakarowka in Kasachstan lebten, besuchte er diese nur einmal pro Jahr mit seiner Kernfamilie in den Sommerferien.
Derzeitig bestanden in Hamburg drei Arten von intendierten Treffen zwischen Viktor und seinen Verwandten. Zum einen traf sich Viktor gelegentlich mit seinem Cousin Paul (13), wobei sie dann meistens über Computer und Sport sprachen. Zum zweiten besuchten sich von Zeit zu Zeit einzelne Familien. Bei diesen Besuchen gab es anscheinend häufiger konkrete Anlässe wie z.B. Probleme, über die sich vor allem die Erwachsenen unterhielten; Viktor war dann offenbar nicht unbedingt dabei. Zum dritten kamen alle Verwandten mindestens zweimal pro Monat bei Familientreffen zusammen. Diese Treffen hatten manchmal einen konkreten Anlaß wie z.B. Geburtstage oder Feiertage und fanden immer am Wochenende statt. Dann kamen die Verwandten nachmittags zusammen und gingen zwischen 19.00 und 20.00 Uhr wieder auseinander. Während dieser Treffen gab es immer Essen, das häufig von Viktors Tante Natalie (11) gekocht wurde und an Gerichten „das Beste aus verschiedenen Kulturen“ umfaßte - z.B. Pelemeni (gekochte Teigtaschen), georgische Gerichte wie Hatschipuri (Teig und Käse) und Fleischgerichte (z.B. kleine Fleischstücke mit einer Kräuter-Nuß-Soße). Zu Trinken gab es Wasser, Wein und auch ein bißchen Wodka, wobei „niemand betrunken“ wurde. Letzteres war Viktor wichtig, denn er lehnte Alkohol ab und trank davon selbst überhaupt nicht. Nach dem Essen gab es dann Tee und Kaffee. Während der Treffen unterhielten sich die Verwandten, wobei Viktor meistens mit seinem Cousin Paul (13) und eher selten mit den Erwachsen redete. Dabei wurde
49 Siehe 014E.6. und 010E.4.41-71 .
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meistens russisch und nur selten auch deutsch gesprochen. Viktor erlebte diese Familientreffen insgesamt als etwas vollkommen Normales - so normal „wie nach Hause gehen“ - und überhaupt nicht als Zwang. Die Beziehungen zu seinen Verwandten schätzte er allgemein als „gut“ ein. 50
3.3.3 Die persönlichen Netzwerke der drei Aussiedler - zur praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus
Im vorherigen Abschnitt 3.3.2 war die allgemeine gegenwärtige Lebenssituation der drei Aussiedler in Hamburg im Hinblick auf ihre Schule, ihre Freizeitaktivitäten und ihre Treffen mit Verwandten charakterisiert worden. Hierbei war bereits generell auf die Themen ‚Ethnizität‘, ‚politischer Aktivismus‘ und ‚Verwandtschaft‘ hingewiesen worden. Im folgenden soll das jeweilige soziale Umfeld der drei Aussiedler - also deren verschiedenartige Interaktionen und Beziehungen mit anderen Personen - quantitativ ausgewertet und interpretiert werden. Im Zuge dessen soll es jeweils neben einer kurzen allgemeinen Kennzeichnung der sozialen Einbettung besonders um die Bestimmung der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus im Alltagsverhalten der drei Aussiedler gehen. Dieses Vorgehen zielt auf eine Kontextualisierung der beiden im weiteren Verlauf dieser Studie wichtigen Themen der Ethnizität und des politischen Aktivismus; die praktische Relevanz der Verwandtschaft wird dabei ebenfalls genauer untersucht, da diese vor dem Hintergrund der skizzierten Familientreffen einen wichtigen Teil der allgemeinen Lebenssituation der drei Aussiedler ausmachte und über Wertvorstellungen in ihren Ethnizitätskonzeptionen verankert war.
Diese Untersuchung entspricht einer fokussierten Analyse der persönlichen Netzwerke von Paul, Andreas und Viktor [siehe unter 2.2.3.5]. Der von mir in dieser Analyse verwendete 16 Fragen umfassende Indikatorfragenkatalog 51 stellte eine meinem Befragungskontext angepaßte Version des von Schnegg und Lang [2000:17] vorgestellten Erhebungsinstruments dar. Da für diese Anpassung ein ausreichendes ethnographisches Wissen notwendig war, führte ich die Netzwerkerhebung erst am Ende des Feldforschungspraktikums durch. Die 16 Fragen wurden - in überwiegender, aber nicht vollständiger Übereinstimmung mit Schnegg und Lang [ebd.] - als Indikatoren für die sechs sozialen Dimensionen instrumentelle Hilfe, intensive emotionale Unterstützung, Ratgeberfunktion in wichtigen Lebensentscheidungen, ökonomische Unterstützung, Freizeitgestaltung allgemein und sonstige wichtige Personen aufgefaßt, auf die sich meine spätere Auswertung konzentrierte. 52 Hinsichtlich der Eigenschaften des jeweiligen Egos und seiner Alteri erhob ich Name, Geschlecht, Alter, Wohnort/Stadtteil, Art der Beziehung/Beziehungsrolle und Ethnizität. 53 Bei allen gewonnenen Daten handelte es sich also um Einschätzungen des jeweiligen Egos - dies war insbesondere für die Alteri-Ethnizitäten entscheidend, da diese somit Fremdzuschreibungen durch Ego repräsentierten. Dies war gewünscht, da es mir bei der Auswertung nur um dessen Sicht der Dinge ging. Alle Attribute wurden offen abgefragt und ggf. nachträglich klassiert; dabei wurde darauf geachtet, konzeptionelle Unterschiede hinsichtlich verschiedener Variablenausprägungen zwischen den drei Aussiedlern
50 Siehe 014E.3.
51 Siehe die identische Wiedergabe des Fragebogens unter 039M.2., 043M.2., 047M.2. und 049M.2.
52 Für meine Zuordnung der Indikatorfragen zu den Dimensionen siehe 049M.4.4 .
53 Siehe die identische Wiedergabe der Attribute unter 039M.2.12, 043M.2.12, 047M.2.12 und 049M.2.12 .
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weitestgehend beizubehalten, um diese für die spätere individuelle Auswertung eines jeden persönlichen Netzwerkes zur Verfügung zu haben. 54
Der dargestellten Zielsetzung der Netzwerkanalyse entsprechend beziehen sich die nachfolgend präsentierten Ergebnisse der mit SPSS vorgenommenen statistischen Auswertung zum einen auf allgemeine Merkmale des sozialen Umfelds eines jeden Aussiedlers und zum anderen im besonderen auf die praktische Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus. Im Hinblick auf die allgemeinen Merkmale werden die Beziehungen auf Homophilie und Multiplexität überprüft. Unter Homophilie wird eine überzufällige Ähnlichkeit von Merkmalen der Personen verstanden, die durch eine bestimmte Beziehungsart verbunden sind [siehe Schnegg/Lang 2000:29]. Besteht eine derartige Relation zwischen Merkmalen, so liegt der Schluß nahe, daß diese merkmalsspezifische Homophilie nach dem Grundsatz ‚Gleich und gleich gesellt sich gern‘ auch ein handlungsleitendes Kriterium für die Realisierung der Beziehung darstellt. Da sich meine Analyse auf die Netzwerke einzelner Egos bezieht und damit die Merkmalsausprägungen für Ego immer Konstanten darstellen, sind Homophilie-Untersuchungen bereits in univariaten Beschreibungen der Alteri-Attribute enthalten. Der Grad der Multiplexität einer Beziehung bezeichnet die Anzahl der unterschiedlichen sozialen Dimensionen, in denen diese Beziehung existiert; uniplexe Beziehungen bestehen nur in einem Kontext, während multiplexe Beziehungen in mehreren Kontexten relevant sind. Im Prinzip läßt sich jedes Alteri-Attribut auf Multiplexität überprüfen. Dabei wird der Durchschnitt aus den Multiplexitäten einzelner Beziehungen derselben Merkmalsausprägung gebildet und mit denen anderer Merkmalsausprägungen derselben Variablen verglichen. So läßt sich z.B. die durchschnittliche Multiplexität verschiedener Beziehungsrollen miteinander vergleichen [siehe Schnegg/Lang 2000:27-30]. Da in meiner Netzwerkanalyse sechs soziale Dimensionen angenommen werden, reicht die zugrundeliegende Skala der Multiplexität von 1 (uniplex) bis 6 (größtmöglich multiplex). 55
Die Bestimmung der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus erfolgt auf zwei Ebenen. Zunächst werden diese drei Bereiche im Rahmen der Beschreibung der allgemeinen Netzwerkmerkmale generell mitbehandelt. In einem zweiten Schritt wird dann ihre jeweilige praktische Relevanz differenziert nach den sozialen Dimensionen und z.T. nach den verschiedenen Beziehungsrollen herausgearbeitet. Dieses Vorgehen basiert auf einer bivariaten Beschreibung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus einerseits und sozialen Dimensionen und ggf. Beziehungsrollen andererseits. Üblicherweise wird in einer Untersuchung der statistischen Beziehung zwischen zwei (oder mehr) Variablen als Maßstab auf Korrelationskoeffizienten wie z.B. Pearsons r zurückgegriffen. Wie Lang [2000b] zeigt, ist dieses pauschale Vorgehen allerdings problematisch, da derartige Koeffizienten normalerweise nur das Ausmaß eines speziellen Bedingungsverhältnisses zwischen Variablen repräsentieren, nämlich das des Bikonditionals. Einfache Konditionale werden dagegen durch diese Maßzahlen eher ver- als entdeckt. Somit können diese Koeffizienten nur nach Inspektion der tatsächlichen Verteilungen angemessen
54 Für mein Vorgehen bei der z.T. mehrfachen Klassierung der Ausprägungen verschiedener Variablen siehe 049M.4.1-3 . Bei der Festlegung der Altersklasse der drei Aussiedler wurde ein relativ weiter Bereich von 16 bis
25 Jahren gewählt, weil die drei Aussiedler in der Schule in für ihr Alter relativ niedrige Klassen gingen und
außerhalb der Schule eher etwas ältere Freunde hatten. - Mein allgemeines Vorgehen bei der Datenerhebung ist
unter 039M.3, 043M.3 und 047M.3 dokumentiert.
55 Da sich die Multiplexität einer Beziehung auf die sozialen Dimensionen bezieht, mußten diese in der Auswertung aus den Nennungen der Beziehung bei den Indikatorfragen rekonstruiert werden. Dabei bestand ein
Problem darin, daß nicht jeder Dimension gleich viele Indikatorfragen zugeordnet waren. Für mein
diesbezügliches Vorgehen siehe 049M.4.4 .
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interpretiert werden. Diese Kritik ist insbesondere vor dem Hintergrund der Zielsetzung meiner bivariaten Analyse relevant. Denn die Bestimmung der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus für verschiedene Dimensionen und Beziehungsrollen basiert auf einem reinen Konditionalverhältnis der Struktur: wenn bestimmte Dimension bzw. bestimmte Rolle realisiert, dann mit Verwandten, Personen derselben Ethnizität bzw. politischen Mitaktivisten. Dies hat zur Folge, daß nur der prozentuale Anteil der Verwandten, Personen derselben Ethnizität bzw. politischen Mitaktivisten an den realisierten Beziehungen einer Dimension bzw. an einer realisierten Beziehungsrolle von Interesse ist; daher werden im weiteren nur diese Werte zur Interpretation herangezogen und die Korrelationskoeffizienten weitgehend ignoriert. 56 Bevor die Daten der persönlichen Netzwerke von Paul, Andreas und Viktor im angegebenen Sinne dargestellt und interpretiert werden, sei abschließend noch darauf hingewiesen, daß in der gesamten Auswertung nur für die Variable ‚Verwandtschaft‘ sowie bei der Multiplexitätsanalyse und der Betrachtung der Beziehungsrollen die Gesamtheit aller Alteri als Berechnungsgrundlage verwendet wird. In allen anderen Fällen umfaßt diese nur die Nicht-Verwandten. Dieses Vorgehen basiert auf der Idee, daß verschiedene Merkmale nur bei Nicht-Verwandten als handlungsleitend und damit praktisch relevant aufgefaßt werden können, weil nur diese Alteri als durch Ego ‚frei gewählte‘ Interaktionspartner gelten können.
Das persönliche Netzwerk von Paul umfaßte insgesamt 50 Personen. Davon waren hinsichtlich ihrer Beziehungsrolle 18% Verwandte (6% Kernfamilie und 12% erweiterte Familie) und 82% Nicht-Verwandte (38% „Bekannte“, 10% „gute Bekannte“, 8% „Mitstreiter“ 57 , 20% „Freunde“ und 6% Sonstige). Damit hatte die Verwandtschaft allgemein eine einigermaßen hohe Bedeutung, da knapp jeder Fünfte in Pauls sozialem Umfeld ein Verwandter war. 58
Im Hinblick auf Homophilie läßt sich feststellen, daß allgemein eine jeweils extrem starke geschlechts- und altersbezogene Homophilie vorlag, denn 73% seiner nicht-verwandten Interaktionspartner waren wie er männlich (insgesamt 70%) und 71% wie er zwischen 16 und 25 Jahren alt (insgesamt 58%). Auch seine Ethnizität spielte vor dem Hintergrund des relativ geringen Anteils von Rußlanddeutschen in der Hamburger Bevölkerung allgemein eine recht starke Rolle, da Paul immerhin 22% seiner nicht-verwandten Alteri dieselbe Ethnizität „rußlanddeutsch“ wie sich selbst zuschrieb (insgesamt 28%); die übrigen 78% ergaben sich aus 39% „deutsch“, 10% „russisch“, je 5% „Kontingentflüchtling“ und „amerikanisch (US)“, und je gut 2% „polendeutsch“, „ostdeutsch“, „polnisch“, „deutsch-iranisch“, „afghanisch“, „serbisch“, „türkisch“ und „spanisch“. Darüber hinaus waren unter seinen Nicht-Verwandten 34% - also gut jeder Dritte - Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU (insgesamt 28%), was die allgemein ziemlich hohe Bedeutung dieser Organisationen für Pauls persönliches Netzwerk belegt. 59
Insgesamt waren die multiplexitätsbezogenen Unterschiede für verschiedene Merkmale in Pauls sozialem Umfeld relativ schwach ausgeprägt; deren Durchschnittswerte variierten meist zwischen 1
56 Der prozentuale Anteil einer Dimension bzw. Beziehungsrolle an der Verwandtschaft, derselben Ethnizität bzw. dem politischen Aktivismus - also die Umkehrung des Konditionals in das Bedingungsverhältnis: wenn
Verwandter, Person derselben Ethnizität bzw. politischer Mitaktivist, dann eine bestimmte Dimension bzw.
bestimmte Rolle - kann für die Beantwortung der Frage nach der praktischen Bedeutung einer Dimension bzw.
einer Beziehungsrolle für Verwandtschaft, Ethnizität und politischen Aktivismus verwendet werden. Diese Frage
ist hier allerdings nicht von Bedeutung.
57 „Mitstreiter“ waren aus Pauls Sicht Alteri, bezüglich derer die Beziehungen ausschließlich aus einer Zusammenarbeit im Rahmen von politischen Aktivitäten im Kontext der JU/CDU oder der Landsmannschaft
bestanden.
58 Siehe 046E.2.
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und 2 und verwiesen damit generell auf relativ uniplexe Beziehungen. Ausnahmen bildeten nur die etwas höheren Multiplexitätswerte für die Ethnizität „afghanisch“ (3) und für die Kernfamilie (3). Eine Inspektion der Primärdaten zeigte, daß sich der erste Wert auf einen einzelnen Bekannten Pauls bezog und in der Kernfamilie zu den Eltern sehr multiplexe Beziehungen bestanden (jeweils 4). Aus Pauls Sicht waren Viktor und Andreas „Freunde“. Angesichts der insgesamt eher uniplexen Beziehungen war die Beziehung zu Andreas mit einem Wert von 3 für die Dimensionen instrumentelle Hilfe, intensive emotionale Unterstützung und Freizeitgestaltung allgemein ziemlich multiplex und die einzige neben jener zu dem besagtem afghanischen Bekannten, die diesen relativ hohen Wert erreichte. Die Beziehung zu Viktor hatte eine Multiplexität mit dem Wert 1 für die Dimension Freizeitgestaltung allgemein. 60
Über diese allgemeine Beschreibung von Pauls Netzwerk hinaus läßt sich im folgenden die praktische Bedeutung der Verwandtschaft, der Ethnizität und des politischen Aktivismus‘ nach den sozialen Dimensionen und ggf. den verschiedenen Beziehungsrollen differenziert betrachten. Während die Verwandtschaft - wie bereits erwähnt - durch ihren Anteil von 18% an den gesamten Interaktionspartnern in Pauls sozialem Umfeld allgemein eine einigermaßen hohe Bedeutung hatte, kam diese besonders bei den Dimensionen Rat in wichtigen Lebenssituationen und ökonomische Unterstützung zum Tragen. Dort war die Bedeutung jeweils extrem hoch, da in beiden Dimensionen alle realisierten Beziehungen nur mit Verwandten bestanden - faktisch nur mit solchen aus der Kernfamilie. 61 Hinsichtlich der beiden Dimensionen intensive emotionale Unterstützung und Freizeitgestaltung allgemein hatte die Verwandtschaft eine recht hohe Bedeutung, denn immerhin 25% der realisierten Beziehungen emotionaler Unterstützung und 22,6% der Freizeitbeziehungen richteten sich auf Verwandte. Demgegenüber war die Bedeutung für instrumentelle Hilfe mit 5,9% und für sonstige wichtige Personen mit 16,7% der realisierten Beziehungen durch Verwandte eher gering. 62
Bezüglich der Ethnizität läßt sich zunächst im Hinblick auf die Beziehungsrollen feststellen, daß Paul 66,7% der Mitglieder seiner Kernfamilie, 50% seiner erweiterten Verwandten, 21,1% seiner „Bekannten“, 20% seiner „guten Bekannten“, 25% seiner „Mitstreiter“, 30% seiner „Freunde“ und keinen Sonstigen dieselbe Ethnizität „rußlanddeutsch“ zuschrieb wie sich selbst. 63 Aufgrund der recht ähnlichen Anteile derselben Ethnizität bei den nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrollen hatte Ethnizität außerhalb der Verwandtschaft anscheinend keinen nennenswerten Einfluß auf die Beziehungsrolle der Interaktionspartner. Darüber hinaus kann im Hinblick auf die bereits erwähnte, allgemein recht hohe Bedeutung von Ethnizität - die durch den relativ hohen Anteil von immerhin 22% an den nicht-verwandten Interaktionspartnern zum Ausdruck kommt - bezüglich der einzelnen Beziehungsdimensionen außerhalb der Verwandtschaft festgestellt werden, daß Ethnizität für die Dimensionen instrumentelle Hilfe und intensive emotionale Unterstützung eine ziemlich hohe Relevanz besaß. Denn von den realisierten Beziehungen bestanden 37,5% bei der instrumentellen Hilfe und 33,3% bei der emotionalen Unterstützung mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität. Für die Freizeitgestaltung allgemein und sonstige wichtige Personen war die Bedeutung von Ethnizität mit 16,7% bzw. 10% der realisierten Beziehungen mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität eher gering.
59 Siehe 046E.2.-5.
60 Siehe 046E.6. Detailangaben basieren auf einer Inspektion der Primärdaten.
61 In beiden Dimensionen bestand jeweils einigermaßen weitgehende Bikonditionalität: r=,808** für gdw verwandt in Kernfamilie l Rat und r=,645** für gdw verwandt in Kernfamilie l ökonomische Unterstützung
[siehe 046E.7.1-2].
62 Siehe 046E.7.2 .
45
Schließlich existierten keine Beziehungen der Dimensionen Rat in wichtigen Lebensentscheidungen und ökonomische Unterstützung mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität, so daß Ethnizität für diese irrelevant war. 64
Hinsichtlich des politischen Aktivismus‘ kann zunächst in Bezug auf die Beziehungsrollen beobachtet werden, daß in Pauls Netzwerk keine Verwandten, 26,3% seiner „Bekannten“, 40% seiner „guten Bekannten“, 50% seiner „Mitstreiter“, 50% seiner „Freunde“ und keine Sonstigen Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU waren. 65 Diese Tendenz eines wachsenden Anteils der politischen Mitaktivisten bei zunehmend intensiveren und wichtigeren nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrollen verweist bereits auf die allgemein ziemlich hohe Bedeutung des politischen Aktivismus für Pauls Alltagsinteraktionen mit Nicht-Verwandten. Diese kommt auch in dem bereits genannten hohen Anteil von 34% der Junge-Union- bzw. CDU-Mitglieder unter den Nicht-Verwandten zum Ausdruck, die sich im Hinblick auf verschiedene Beziehungsdimensionen folgendermaßen spezifizieren läßt: Für die Dimensionen intensive emotionale Unterstützung und Freizeitgestaltung allgemein hatte politischer Aktivismus eine sehr hohe Bedeutung, da 66,7% der in der ersten und 54,2% der in der zweiten Dimension realisierten Beziehungen mit nicht-verwandten Mitaktivisten erfolgten. 66 Daneben war mit 18,8% der realisierten Beziehungen instrumenteller Hilfe die Relevanz von politischem Aktivismus für diese Dimension nur einigermaßen hoch, während sie für sonstige wichtige Personen mit 10% der in dieser Dimension realisierten Beziehungen mit nicht-verwandten Mitaktivisten eher gering war. Wie auch bei der Ethnizität hatte politischer Aktivismus schließlich für die Dimensionen Rat in wichtigen Lebensentscheidungen und ökonomische Unterstützung aufgrund fehlender Beziehungen mit nicht-verwandten Mitaktivisten keinerlei Bedeutung. 67
Das persönlichen Netzwerk von Andreas beinhaltete insgesamt 23 Personen, von denen in Bezug auf ihre Beziehungsrolle 22% Verwandte (9% Kernfamilie und 13% erweitere Familie) und 78% Nicht-Verwandte (22% „Bekannte“, 4% gute „Bekannte“, 13% „sehr gute Bekannte“, 30% „Freunde“ und 9% Sonstige) waren. Da somit knapp jeder Vierte ein Verwandter war, hatte die Verwandtschaft allgemein eine recht hohe Bedeutung. 68
Wie auch bei Paul bestand in Andreas‘ sozialem Umfeld allgemein eine extrem starke geschlechts-und altersbezogene Homophilie: 78% der nicht-verwandten Alteri waren wie Andreas männlich (insgesamt 70%) und 72% in derselben Altersklasse von 16 bis 25 Jahren (insgesamt 61%). Angesichts des relativ hohen Anteils von 33% der Nicht-Verwandten, die Andreas wie sich selbst als „Rußlanddeutsche“ betrachtete (insgesamt 43%) - die übrigen 67% ergaben sich aus je 6% „russisch“, „Kontingentflüchtling“, „afghanisch“ und „bosnisch bzw. kroatisch“, 33% „deutsch“ und 11% „polnisch“ -, war auch bei Andreas die Ethnizität allgemein von ziemlich großer Bedeutung. Schließlich hatte auch der politische Aktivismus bei ihm eine recht starke praktische Relevanz, denn unter Ausschluß der Verwandtschaft war mit 28% gut jeder Vierte Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU (insgesamt 22%). 69
63 Siehe 046E.7.6/8 .
64 Siehe 046E.7.4 .
65 Siehe 046E.7.6/8 .
66 In der Dimension Freizeitgestaltung allgemein bestand unter Ausschluß der Verwandtschaft eine mäßig ausgeprägte Bikonditionalität: r=,502** für gdw Mitglied bei JU/CDU l Freizeitgestaltung [siehe 046E.7.3-4].
67 Siehe 046E.7.4 .
68 Siehe 042E.2.
69 Siehe 042E.2.-5.
46
Generell überwogen auch bei Andreas relativ uniplexe Beziehungen, denn die Durchschnittswerte verschiedener, sich intern hinsichtlich ihrer Multiplexität nur geringfügig unterscheidender Variablen bewegten sich überwiegend zwischen 1 und 2. Von dieser allgemeinen Tendenz wichen allerdings die Werte der 21-25jährigen (2,25) und 41-45jährigen (3), der im selben Stadtteil wie Andreas Wohnenden (3), der Mitglieder der Jungen Union bzw. der CDU (2,6) sowie der Kernfamilienmitglieder (3) und seiner „Freunde“ (2,71) ab. Diese höheren Werte konnten nach einer Inspektion der Primärdaten auf etwas multiplexere Beziehungen zu Andreas‘ Eltern, zu seinen „sehr guten Bekannten“ und „Freunden“ - die auch die Junge-Union/CDU-Mitglieder beinhalteten - und zu den 21-25jährigen zurückgeführt werden. Laut Andreas waren Viktor und Paul beide „Freunde“; relativ zur allgemeinen Uniplexität in seinem persönlichen Netzwerk waren Andreas‘ Beziehungen zu Viktor mit dem Wert 3 für die Dimensionen instrumentelle Hilfe, intensive emotionale Unterstützung und Freizeitgestaltung allgemein und zu Paul mit dem Wert 4 für dieselben Dimensionen sowie für Rat in wichtigen Lebensentscheidungen sehr multiplex. 70
Im Rahmen einer nach unterschiedlichen sozialen Dimensionen und ggf. nach verschiedenen Beziehungsrollen differenzierten Untersuchung der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus zeigt sich bezüglich der Verwandtschaft - auf deren durch einen Anteil von immerhin 22% an allen Interaktionspartnern zum Ausdruck kommende allgemein recht hohe Relevanz bereits hingewiesen wurde -, daß diese für die Dimensionen Freizeitgestaltung allgemein, ökonomische Unterstützung und Rat in wichtigen Lebensentscheidungen ziemlich wichtig war. Denn jeweils 33,3% der realisierten Beziehungen dieser Dimensionen bestanden mit Verwandten. Demgegenüber hatte die Verwandtschaft mit 8,3% der realisierten Beziehungen instrumenteller Hilfe durch Verwandte für diese Dimension nur eine geringe Bedeutung. Schließlich war die Verwandtschaft aufgrund fehlender Beziehungen mit Verwandten in den Dimensionen intensive emotionale Unterstützung und sonstige wichtige Personen für diese irrelevant. 71 Für die Ethnizität läßt sich zum einen hinsichtlich der Beziehungsrollen beobachten, daß aus Andreas‘ Sicht 50% der Mitglieder seiner Kernfamilie, 100% seiner erweiterten Verwandten 72 , 40% seiner „Bekannten“, jeweils 0% seiner „guten Bekannten“ und „sehr guten Bekannten“, 57,1% seiner „Freunde“ und keine Sonstigen wie er die Ethnizität „rußlanddeutsch“ hatten. 73 Damit ist für die nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrollen kein klarer Trend für die Bedeutung der Ethnizität zu erkennen, da jeweils die Rollen mit der niedrigsten und höchsten Intensität und Wichtigkeit außerhalb der Verwandtschaft einen hohen Anteil von Akteuren mit derselben Ethnizität aufwiesen. Zum anderen kam die bereits erwähnte allgemein ziemlich hohe Bedeutung der Ethnizität mit einem Anteil von 33% derselben Ethnizität unter den Nicht-Verwandten besonders in den Dimensionen intensive emotionale Unterstützung, Rat in wichtigen Lebensentscheidungen und ökonomische Unterstützung zum Tragen. Denn dort hatte die Ethnizität mit jeweils 50% der realisierten Beziehungen mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität eine sehr hohe praktische Relevanz. Auch für die Dimensionen instrumentelle Hilfe und Freizeitgestaltung allgemein war ihre Bedeutung ziemlich groß, da 45,5% der realisierten Beziehungen in der ersten und 30% in der zweiten Dimension mit Nicht-Verwandten
70 Siehe 042E.6. Detailangaben basieren auf einer Inspektion der Primärdaten.
71 Siehe 042E.7.2 .
72 Der mäßig hohe und signifikante Korrelationskoeffizient r=,442* für die Variablen erweiterte Familie und dieselbe Ethnizität, der einen Bikonditional suggeriert, ist ein gutes Beispiel für die oben erwähnte
Mißrepräsentation der tatsächlichen Konditionalbedingungen - hier eines perfekten Konditionals (erweiterter Verwandter o dieselbe Ethnizität) [siehe 042E.7.5-6].
73 Siehe 042E.7.6/8 .
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derselben Ethnizität bestanden. Für die Dimension sonstige wichtige Personen war sie allerdings aufgrund fehlender Beziehungen mit nicht-verwandten Alteri derselben Ethnizität bedeutungslos. 74 Bezüglich des politischen Aktivismus‘ kann für die Beziehungsrollen festgestellt werden, daß in Andreas‘ sozialem Umfeld keine Verwandten, „Bekannten“ oder „guten Bekannten“ Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU waren; dagegen waren alle seine „sehr guten Bekannten“ Mitaktivisten 75 , die zudem einen Anteil von 28,6% seiner „Freunde“ ausmachten. 76 Mit dieser ausschließlichen Zuschreibung der wichtigsten nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrollen an Junge-Union-/CDU-Mitglieder wird die allgemein recht hohe Bedeutung des politischen Aktivismus‘ unterstrichen, die bereits durch den relativ hohen Anteil von 28% der Mitaktivisten unter den nicht-verwandten Interaktionspartnern deutlich geworden war. Diese allgemeine Relevanz differenzierte sich nach verschiedenen sozialen Dimensionen dahingehend, daß der politische Aktivismus eine sehr hohe Bedeutung für Freizeitgestaltung allgemein 77 und ökonomische Unterstützung hatte, da jeweils 50% der Beziehungen dieser Dimensionen mit nicht-verwandten Mitaktivisten realisiert wurden. Daneben war der politische Aktivismus mit 36,4% der mit nicht-verwandten Mitaktivisten existenten Beziehungen instrumenteller Hilfe und mit 33,3% jener der intensiven emotionalen Unterstützung für diese Dimensionen ziemlich wichtig. Schließlich hatte der politische Aktivismus in Andreas‘ persönlichem Netzwerk bezüglich der Dimension Rat in wichtigen Lebensentscheidungen eine recht hohe Bedeutung, weil 25% derartiger, realisierter Beziehungen mit nicht-verwandten Mitaktivisten bestanden, während er aufgrund fehlender Beziehungen der Dimension sonstige wichtige Personen für diese irrelevant war. 78
Viktors persönliches Netzwerk schloß insgesamt 29 Personen ein. Von diesen waren ihrer Beziehungsrolle nach 52% Verwandte (14% Kernfamilie und 38% erweitere Familie) und 48% Nicht-Verwandte (41% „Bekannte“ und 7% „gute Bekannte“). Damit wird zum einen deutlich, daß die Verwandtschaft mit einem Anteil von mehr als der Hälfte aller Alteri allgemein eine sehr hohe Bedeutung hatte. 79 Zum anderen verweist das Fehlen von „Freunden“ unter den Nicht-Verwandten auf Viktors sehr restriktives Konzept von Freundschaft: „Freunde“ waren für ihn nach eigenen Aussagen nur solche Menschen, die einem wirklich helfen, die man schon sehr lange kennt („zehn Jahre“) und die einen in Extremsituationen unterstützt haben, in denen das eigene Schicksal von ihrem Verhalten abhing. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum Viktor bemerkte, er habe „auf keinen Fall“ richtige Freunde in Hamburg. 80
In Viktors Netzwerk herrschte (ähnlich wie bei Paul und Andreas) allgemein eine vollständige geschlechtsbezogene und eine extrem starke altersbezogene Homophilie vor, da alle Nicht-Verwandten wie Viktor männlich (insgesamt 66%) und 71% dieser Alteri wie er zwischen 16 und 25 Jahren alt waren (insgesamt 41%). Auch seine Ethnizität hatte außerhalb der Verwandtschaft eine recht hohe Relevanz, weil Viktor immerhin 29% der nicht-verwandten Interaktionspartner wie sich
74 Siehe 042E.7.4 .
75 Auch hier suggeriert der unter Ausschluß der Verwandtschaft ziemlich hohe und signifikante Korrelationskoeffizient r=,721** für die Variablen sehr guter Bekannter und Mitglied bei JU/CDU fälschlich einen Bikonditional, während tatsächlich ein perfekter Konditional (sehr guter Bekannter o Mitglied bei
JU/CDU) vorliegt [siehe 042E.7.7-8].
76 Siehe 042E.7.6/8 .
77 Dies ist erneut ein Beispiel für die Mißrepräsentation eines perfekten Konditionals (Mitglied bei JU/CDU o Freizeitgestaltung) als unter Ausschluß der Verwandtschaft mäßig ausgeprägter Bikonditional r=,555* für die
Variablen Mitglied bei JU/CDU und Freizeitgestaltung allgemein [siehe 042E.7.3-4].
78 Siehe 042E.7.4 .
79 Siehe 038E.2.
80 Siehe 032E.2.30-31, 86-151 .
48
selbst als „deutsch (aus Rußland)“ bezeichnete (insgesamt 48%); die übrigen 71% bestanden aus 43% „deutsch“, 7% „deutsch (aus Afrika)“ und 21% „amerikanisch (US)“. Des weiteren war knapp jeder Zweite - 43% - von den Nicht-Verwandten Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU (insgesamt 21%), so daß auch der politische Aktivismus für Viktors Alltagsverhalten sehr wichtig war. 81 Wie zuvor bei Paul und Andreas zeichnete sich auch Viktors Netzwerk überwiegend durch relativ uniplexe Beziehungen aus, da sich die multiplexitätsbezogenen Durchschnittswerte verschiedener intern kaum variierender Merkmale gewöhnlich zwischen 1 und 2 bewegten. Ausnahmen bildeten nur die recht hohen Multiplexitätswerte für 41-45jährige (3,67), für die im selben Stadtteil wie Viktor Wohnenden (4), für die Ethnizität „international (aber nicht russisch) [multiethnisch]“ (5) sowie für die Mitglieder seiner Kernfamilie (3,25). Diese hohen Durchschnittswerte kamen - wie eine Inspektion der Primärdaten ergab - dadurch zustande, daß sowohl Viktors Vater als auch seine Mutter jeweils den extrem hohen Multiplexitätswert 5 hatten und dadurch die genannten ansonsten von relativ uniplexen Beziehungen bestimmten Variablen durchschnittlich in einen deutlich multiplexeren Bereich verzerrten. In Viktors sozialem Umfeld waren Paul und Andreas die einzigen, die angesichts seiner restriktiven Freundschaftskonzeption die intensivste und wichtigste nicht-verwandtschaftliche Beziehungsrolle des „guten Bekannten“ einnahmen. Beide hatten relativ gesehen einen mäßig hohen Multiplexitätswert von 2 für die Dimensionen Freizeitgestaltung allgemein und instrumentelle Hilfe. 82
In der nach verschiedenen Dimensionen und ggf. unterschiedlichen Beziehungsrollen unterscheidenden Bestimmung der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus erwies sich die bereits durch ihren hohen Anteil von 52% an den gesamten Interaktionspartnern als allgemein sehr relevant gekennzeichnete Verwandtschaft als extrem wichtig für die Dimensionen intensive emotionale Unterstützung, Rat in wichtigen Lebensentscheidungen und ökonomische Unterstützung. Denn alle Beziehungen dieser drei Dimensionen wurden jeweils nur mit Verwandten realisiert; ‚Ratgeber‘-Beziehungen und solche der ökonomischen Unterstützung bestanden dabei mit beiden Elternteilen und nur mit diesen. 83 Darüber hinaus hatte die Verwandtschaft mit 54,2% der mit Verwandten bestehenden Beziehungen der Freizeitgestaltung allgemein und mit 42,9% der realisierten Beziehungen instrumenteller Hilfe mit Verwandten für die erste Dimension eine sehr hohe und für die zweite eine ziemlich hohe Bedeutung. Schließlich spielte sie aufgrund fehlender Beziehungen mit Verwandten in der Dimension sonstige wichtige Personen für diese keinerlei Rolle. 84 Im Hinblick auf die Ethnizität zeigt sich bezüglich der Beziehungsrollen, daß Viktor 75% der Mitglieder seiner Kernfamilie, 63,3% seiner erweiterten Verwandten, 16,7% seiner „Bekannten“ 85 und 100% seiner „guten Bekannten“ 86 dieselbe Ethnizität „deutsch (aus Rußland)“ zuschrieb wie sich
81 Siehe 038E.2.-5.
82 Siehe 038E.6. Detailangaben basieren auf einer Inspektion der Primärdaten.
83 Für alle drei Dimensionen ergibt die statistische Auswertung mäßige bis einigermaßen hohe signifikante Korrelationen bezogen auf Verwandte bzw. Kernfamilienmitglieder, die alle drei erneut perfekte Konditionalbeziehungen mißrepräsentieren: Die perfekten Konditionale emotionale Unterstützung o verwandt, Rat o verwandt in Kernfamilie und ökonomische Unterstützung o verwandt in Kernfamilie werden durch ihre
entsprechenden Koeffizienten r=,386*, r=,680** und r=,680** eher ver- als entdeckt [siehe 038E.7.1-2].
Allerdings zeigt eine Inspektion der Primärdaten, daß sich die beiden letzteren Konditionale auf die perfekten Bikonditionale gdw Rat l Eltern und gdw ökonomische Unterstützung l Eltern zurückführen lassen.
84 Siehe 038E.7.2 .
85 Erneut wird ein perfekter Konditional (kein Bekannter o dieselbe Ethniztät) durch den unter Ausschluß der Verwandtschaft recht hohen und signifikanten Korrelationskoeffizienten r=-,645* für die Variablen Bekannter
und dieselbe Ethnizität mißrepräsentiert.
86 Dasselbe gilt für den perfekten Konditional guter Bekannter o dieselbe Ethnizität und den (unter Ausschluß der Verwandtschaft) entsprechenden Koeffizienten r=,645* für die Variablen guter Bekannter und dieselbe Ethnizität.
49
selbst. 87 Mit der ausschließlichen Zuschreibung der wichtigsten nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrolle des „guten Bekannten“ an Interaktionspartner derselben Ethnizität kommt die allgemein recht hohe Bedeutung der Ethnizität für Viktors soziales Umfeld zum Ausdruck, die bereits an dem Anteil von immerhin 29% derselben Ethnizität unter den nicht-verwandten Alteri zu beobachten war. Dabei war die Ethnizität besonders für die instrumentelle Hilfe extrem wichtig, da mit allen Nicht-Verwandten derselben Ethnizität und nur mit diesen alle realisierten Beziehungen dieser Dimension bestanden - es herrschte also ein perfekter Bikonditional vor (r=1,0**). 88 Daneben hatte die Ethnizität mit 18,2% der mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität realisierten Beziehungen der Freizeitgestaltung allgemein noch eine einigermaßen hohe praktische Relevanz für diese Dimension. Für die übrigen Dimensionen intensive emotionale Unterstützung, Rat in wichtigen Lebensentscheidungen, ökonomische Unterstützung und sonstige wichtige Personen existierten keine Beziehungen mit Nicht-Verwandten derselben Ethnizität, so daß Ethnizität hier irrelevant war. 89 Hinsichtlich des politischen Aktivismus‘ läßt sich in Bezug auf die Beziehungsrollen feststellen, daß in Viktors Netzwerk keine Verwandten, 33,3% seiner „Bekannten“ und 100% seiner „guten Bekannten“ Mitglied bei der Jungen Union bzw. der CDU waren. 90 Die ausschließliche Verwendung der wichtigsten nicht-verwandtschaftlichen Beziehungsrolle des „guten Bekannten“ für Mitaktivisten verweist dabei auf die allgemein sehr hohe Bedeutung des politischen Aktivismus, die sich bereits an dem hohen Anteil von 43% der Mitaktivisten an den nicht-verwandten Alteri gezeigt hatte. Eine Differenzierung nach den verschiedenen Dimensionen führt zu der Beobachtung, daß der politische Aktivismus nur in der Freizeitgestaltung allgemein und der instrumentellen Hilfe zum Tragen kam, wo er mit 54,5% bzw. 50% der mit nicht-verwandten Mitaktivisten realisierten Beziehungen eine sehr starke Relevanz besaß. In den übrigen Dimensionen intensive emotionale Unterstützung, Rat in wichtigen Lebensentscheidungen, ökonomische Unterstützung und sonstige wichtige Personen kam es zu keinen Beziehungen mit nicht-verwandten Mitaktivisten; somit war der politische Aktivismus hier unbedeutend. 91
3.3.4 Zusammenfassung
In diesem Unterkapitel wurden einige zentrale Elemente der allgemeinen Lebenssituation der drei Aussiedler charakterisiert. Dabei lag der Schwerpunkt neben einer knappen Skizze der Situation vor der Immigration auf den Hauptmerkmalen des derzeitigen Alltagsverhaltens von Paul, Andreas und Viktor in Hamburg. Während sich für den Kontext des von den drei Aussiedlern besuchten Gymnasiums Hamm zeigte, daß Aussiedler dort im allgemeinen viel miteinander zu tun hatten, so setzten sich die Interaktionen von Paul, Andreas und Viktor mit „Rußlanddeutschen als Rußlanddeutsche“ (Andreas) in der Freizeit nicht unmittelbar fort. Als einziges gemeinsames Element ihrer ansonsten eher heterogenen Freizeitgestaltung erwies sich ihr politischer Aktivismus bei der Jungen Union bzw. der CDU, der sie auch über die Schule hinaus verband. Im Anschluß an die Kennzeichnung der Verwandtschaft als ein wesentliches Element der allgemeinen Lebenssituation - die im Rahmen einer Beschreibung der jeweiligen, vergleichsweise häufigen Treffen der drei Aussiedler mit ihren Familienangehörigen erfolgte - wurde in einer Analyse der persönlichen
87 Siehe 038E.7.6/8 .
88 Siehe 038E.7.3-4 .
89 Siehe 038E.7.4 .
90 Siehe 038E.7.6/8 .
91 Siehe 038E.7.4 .
50
Netzwerke insbesondere der praktischen Bedeutung von Verwandtschaft, Ethnizität und politischem Aktivismus für das konkrete Alltagsverhalten von Paul, Andreas und Viktor nachgegangen. Die dort an den einzelnen Netzwerken erarbeiteten Ergebnisse können für die drei Aussiedler allgemein folgendermaßen zusammengefaßt werden: Insgesamt hatte Verwandtschaft, Ethnizität und politischer Aktivismus für Paul, Andreas und Viktor eine recht hohe bis ziemlich hohe Bedeutung. Während allerdings die Verwandtschaft besonders im Kontext von Ratgeberbeziehungen bei wichtigen Lebensentscheidungen und in der ökonomischen Unterstützung relevant war, kam die Ethnizität v.a. bei Beziehungen instrumenteller Hilfe und intensiver emotionaler Unterstützung zum Tragen. Demgegenüber hatte der politische Aktivismus hauptsächlich in Freizeitbeziehungen eine hohe Bedeutung.
Mit der Charakterisierung der Lebenssituation von Paul, Andreas und Viktor im allgemeinen und der Kennzeichnung der für diese recht ausgeprägten praktischen Relevanz von Ethnizität und politischem Aktivismus im besonderen wurde der Kontext für die Untersuchung ihrer Ethnizitätsvorstellungen und ihres politischen Aktivismus‘ bereitet, auf die sich die Studie im weiteren konzentriert.
51
3.4 Die Ethnizität der drei Aussiedler
Im folgenden Unterkapitel werden die jeweiligen Vorstellungen der drei Aussiedler bezüglich ihrer selbst zugeschriebenen ethnischen Identität dargestellt. Im Zuge dessen werden auch ihre kognitiven Reaktionen auf ethnizitätsbezogene Fremdzuschreibungen durch andere behandelt. Da in der Selbstwahrnehmung des ‚Wesens‘ ihrer Ethnizität Wertvorstellungen bei Paul, Andreas und Viktor eine relativ wichtige Rolle spielten und besonders (aber nicht nur) in diesem Kontext zur Sprache kamen, werden diese zunächst in einigen Grundzügen charakterisiert, bevor auf die eigentlichen Ethnizitätskonzeptionen eingegangen wird.
3.4.1 „Alte (deutsche) Werte“ - zu Wertvorstellungen der drei Aussiedler
Insgesamt kam in verschiedenen Gruppen- und Einzelgesprächen bei den drei Aussiedlern eine wertkonservative Grundhaltung zum Ausdruck, die sich auf „alte Werte“ der Aussiedler bezog. Der Begriff der „alten Werte“ wurde hierbei von Viktor im ersten Gruppeninterview verwendet und in weiteren Gesprächen sowohl von ihm als auch von Paul und Andreas immer wieder benutzt. 92 Diese Haltung umfaßte zunächst eine Wertschätzung des unter Aussiedlern üblichen großen Zusammenhalts in Gruppen und in der Familie und richtete sich wiederholt gegen die aus ihrer Sicht im von der Globalisierung geprägten Europa bestehende Tendenz zur Individualisierung. Denn diese führe dazu, daß Menschen mit ihren zunehmend weniger materiellen sondern eher psychologischen Problemen alleine seien. 93 Im Kontext der Familie kamen im besonderen Wertvorstellungen der drei Aussiedler hinsichtlich eines anzustrebenden Verhältnisses zwischen Eltern und ihren Kindern einerseits und zwischen den Geschlechtern andererseits zur Sprache, die im folgenden beschrieben werden.
Laut Paul war der Umgang zwischen Eltern und Kindern in Rußland generell „ein bißchen traditioneller“; dort wurden die Kinder z.B. gelegentlich von ihren Eltern geschlagen, was auch bei den meisten Aussiedlern „normal“ sei. Seine Familie war demgegenüber ein Sonderfall, denn er wurde nie geschlagen, sondern mit anderen Mitteln bestraft. Dies bewertete er aufgrund seiner Ablehnung körperlicher Bestrafung positiv. Insgesamt sei er mehr „der westlichen Sicht“, es müsse auf jeden Fall ein beidseitiges Vertrauen und gegenseitiger Respekt zwischen Eltern und Kindern vorhanden sein, auch wenn eine gewisse Hierarchie notwendig sei. Grundsätzlich sollten die Eltern aufgrund ihrer größeren Erfahrung eine Autorität für die Kinder darstellen und bei Familienangelegenheiten das letzte Wort haben, auch wenn diese hierbei mitdiskutieren dürften. Diese Hierarchie solle trotz der teilweisen Umkehrung der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Eltern und Kindern aufgrund der veränderten Lebenssituation in Deutschland beibehalten werden. In der Kindererziehung sollten beide Elternteile gleichberechtigt, oder die Männer doch zumindest annähernd gleichberechtigt mitwirken. 94 Im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis vertrat Paul die Ansicht, daß Männer und Frauen grundsätzlich gleichberechtigt seien, aber auch Unterschiede bestünden, die z.T. gesellschaftlich bedingt seien. Er hatte aber Zweifel an der praktischen Umsetzbarkeit dieser Gleichberechtigung, da neben der enormen Aufgabe einer gesellschaftliche Umerziehung das Problem bestehe, daß bei zwei Menschen im Zweifel einer immer das Sagen haben müsse. Deshalb sollten einerseits möglichst viele
92 Siehe 008E.3.39 .
93 Siehe 006E.6., 008E.3.12-13, 47-67 und 010E.9.1-42 .
94 Siehe 010E.5.30-34/6.164-196/8.20-28 .
52
Aufgaben getrennt werden; andererseits solle aber der Mann das Oberhaupt der Familie sein. Diesebenso wie seine Einschätzung, daß „es Berufe gibt, die den Männern vorbehalten werden sollten und auch den Frauen“ - war nach Selbsteinschätzung keine logisch begründete Einstellung, sondern „was auch traditionell vielleicht bei mir ist“ bzw. „auf dieser Unbewußtseinsebene. Das ändert sich auch nicht.“:
„Ich sage ja, das ist irrational irgendwie. Und ich glaube auch, daß das für viele Aussiedler zutrifft. Das
ist auch Kultur, vielleicht irgendwie. Weil ich so aufgewachsen bin, auch mit diesen Vorstellungen.
Mein Vater war immer das Oberhaupt in der Familie. Das heißt nicht, daß meine Mutter nie, nicht die
Wege fand, ihn zu beeinflussen und zu lenken in die Richtung, in die er gehen sollte ihrer Meinung
nach. Aber das hat gut zusammengehalten, funktioniert irgendwie.“ [010E.6.210]
In Pauls geschlechterbezogenen Wertvorstellungen verbanden sich also rationale Einstellungen zur prinzipiellen Gleichberechtigung der Geschlechter mit einem älteren, im praktischen Wissen verankerten asymmetrischen Rollenverständnis. Dieses Nebeneinander wurde von Paul bewußt reflektiert, wobei er sein ‚traditionelles‘ Rollenverständnis z.T. aus pragmatischen Erwägungen bewußt höher bewertete als das Ideal der Gleichberechtigung. 95
Andreas war der Meinung, die Eltern sollten prinzipiell schon ziemlich streng mit ihren Kindern sein und manchmal auch eine Ohrfeige geben, aber nicht so extrem wie in Rußland bestrafen. Im Gegensatz zu Paul fand Andreas nicht, daß die Eltern grundsätzlich mehr Erfahrungen hätten und daher den Kindern vorschreiben sollten, was diese zu tun hätten. Auch bei Familienangelegenheiten sollten die Kinder genauso mitreden und -entscheiden dürfen wie die Eltern. Die Kindererziehung solle von der Mutter übernommen werden, wobei der Vater aber „auch dabei sein“ müsse, wenn auch nicht unbedingt gleichberechtigt. 96
Hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses war Andreas‘ Einstellung gegenwärtig ziemlich ambivalent. Früher hatte er zwar „wahrscheinlich nicht so darüber nachgedacht“, aber er war schon der Meinung, daß Männer und Frauen auf jeden Fall verschieden seien und daß Männer aufgrund ihrer höheren Intelligenz und Körperstärke einen größeren Einfluß haben sollten. Er fand auch, daß Männer und Frauen verschiedene Berufe ausüben sollten und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, daß Frauen z.B. als Automechanikerin arbeiten könnten. In einem kürzlich stattgefundenen Gespräch mit einer Klassenkameradin überzeugte ihn diese allerdings nach Selbsteinschätzung schon davon, daß Männer und Frauen sich nicht so sehr im Hinblick auf Intelligenz und Körperkraft unterscheiden und daß sie prinzipiell gleichberechtigt sein sollten. Andreas war jedoch bezogen auf die Frage, ob er es gut findet, wenn Frauen etwas anderes als Haushalt und Kindererziehung machen, hin- und hergerissen. Einerseits wurde deutlich, daß er sich zwar eher als früher vorstellen konnte, daß Frauen überhaupt etwas anderes machen können und das dies auch einen Wert darstellen könnte, andererseits fand er aber weiterhin (wenn auch in abgeschwächter Form), daß Frauen eher Haushalt und Kindererziehung machen sollten. Dies wurde v.a. deutlich, als es um die Wunschvorstellung bezüglich seiner zukünftigen Partnerin ging. Damit koexistierten in Andreas‘ Wertvorstellungen im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis wie auch schon bei Paul ein älteres, im praktischen Wissen angelegtes asymmetrisches Rollenverständnis und eine jüngere, eher rational begründete Einstellung über die grundsätzliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Diese beiden Positionen wurden jedoch weniger
95 Siehe 010E.6.142-164, 197-237/7.
96 Siehe 010E.5.1-23/6.164-196/ 8.20-32 .
53
als bei Paul bewußt reflektiert, standen daher eher unverbunden nebeneinander und erzeugten dadurch die besagte Ambivalenz. 97
Bezüglich des Umgangs zwischen Eltern und Kindern vertrat Viktor die Ansicht, bei kleinen Kindern müßten die Eltern schon streng sein - „es darf keine Anarchie sein“ -, da diese sich nur entwickeln könnten, wenn sie von den Eltern lernten. Auch wenn die Eltern die Autorität haben und von ihren Kindern respektiert werden sollten, könne das Verhältnis ab einem gewissen Alter einfach auf Vertrauen basieren, weil die Kinder dann aus Erfahrung wüßten, daß die Eltern aufgrund ihrer höheren Lebenserfahrung oft recht haben. Er selbst orientiere sich jedenfalls dann an den Erfahrungen seiner Eltern, wenn er erkenne, daß sie etwas gut können oder aus ihren Fehlern gelernt haben. „Züchtigung“ brauche man bei der Erziehung nicht unbedingt, „aber wenn es sein muß, dann muß es sein“. 98 Mit Blick auf das Geschlechterverhältnis war Viktor der Meinung, daß es tendenziell gewisse biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe. Frauen seien z.B. eher gelenkiger und beweglicher, während Männer eher kurzfristig mehr Kraft hätten. Auch geistig gäbe es wissenschaftlich belegte Unterschiede, wie bei Männern und Frauen das Denken im Gehirn abläuft. Deshalb war er der Ansicht, daß Männer und Frauen tendenziell verschiedene geistige Aufgaben mehr oder weniger gut könnten. Aber diese Unterschiede seien nicht mehr oder weniger wert - „anders bedeutet nicht gleich schlecht“ -, sondern gleichberechtigt. Außerdem sei dies nicht bei allen Männern und Frauen der Fall, sondern es handle sich nur um Tendenzen. Daneben habe die Gesellschaft auch einen großen Einfluß darauf, wie sich Fähigkeiten entwickeln: „Männer sind besser in Sport, weil es mehr Möglichkeiten zur Auswahl gibt. In der Gesellschaft werden Männer im Sport mehr gefördert“. Aber auch wenn es volle Gleichberechtigung geben müsse, sollte man einige Unterschiede auch wahrnehmen. So sollte man Aufgaben teilen und es sollte immer der die Aufgaben erledigen, der sie am besten kann. Die Trennung von verschiedenen Arbeiten reduziere auch Konflikte, weil man sich dann nicht wechselseitig hereinrede. Dies betonte Viktor vor allem für die Aufgaben in der Familie, nämlich „Haushalt und Geld erwirtschaften“. Diese Aufgaben müßten beide abgedeckt sein und sie sollten getrennt werden, damit es nicht zu Konflikten komme. Dabei solle immer der die Aufgabe lösen, der sie besser könne: „In der Familie soll es nicht auf Geschlecht orientiert sein“. Deshalb sei Viktor auch bereit, den Haushalt und die Kindererziehung zu machen, nur müsse er das dann auch besser können. Er müsse sich dann auch mit Psychologie und Erziehung beschäftigen, damit er die Aufgabe gut machen kann. „Denn das [Haushalt und Kinder] ist auch eine Arbeit und zwar die wichtigste Arbeit“. Allerdings spräche die Tatsache, daß Frauen schwanger werden und dies die Leistung bei der Arbeit beeinflusse, dafür, daß Frauen vielleicht eher den Haushalt machen sollten als Männer. Für seine zukünftige Familie glaubte Viktor, daß er eher das Geld verdienen werde, weil er sich jetzt schon auf diese Aufgabe vorbereite und sie dann wahrscheinlich besser könne als Haushaltsaufgaben. Aber wenn es besser für die Familie sein werde, würde er auch den Haushalt und die Erziehung übernehmen. 99 Viktors geschlechterbezogene Wertvorstellungen orientierten sich also konsequent an dem Nutzen für die Familie, die besonders für ihn einen extrem hohen Wert darstellte, wie das folgende Zitat unterstreicht:
„Meine Eltern haben alles für mich gemacht und das werde ich auch für meine Kinder machen. [...] Sie
haben mich aufgezogen, dann hatte ich immer genug zu Essen, sie haben mir bestimmte Werte
beigebracht. Gelernt auch, wie man die Leute betrachten soll, wie das Leben in Wirklichkeit ist und wie
97 Siehe 010E.6.1-64 .
98 Siehe 010E.5.26-28/6.164-196 .
99 Siehe 010E.6.65-141, 188-196 .
54
es sein soll. Und wie ich sein muß und wer meine Vorfahren waren. Meine Vorfahren sind meine
Vorbilder.“ [010E.4.38, 40]
Die „alten Werte“ der drei Aussiedler, die aus ihrer Sicht in Deutschland gegenwärtig nicht mehr als bedeutend geachtet wurden, umfaßten neben den beschriebenen Grundeinstellungen bezüglich der Familie und ihrer internen anzustrebenden Rollenverteilungen auch noch „sogenannte sekundäre Werte“ (Paul). Besonders Viktor betonte diese häufig; allerdings nahmen auch Paul und Andreas auf sie Bezug. Zu ihnen zählten laut Viktor „auf jeden Fall Ordentlichkeit“, „Pünktlichkeit“, „Fleiß“, „Lernen“, „Arbeiten“ und „Leistung“ sowie „Disziplin“ (Paul). 100
Wie gezeigt war die wertkonservative Haltung der drei Aussiedler eng mit dem Konzept der „alten Werte“ verknüpft. Bereits im ersten Gruppengespräch wurden diese mit (Rußland-)Deutschsein verbunden - in Viktors Worten: „Die Rußlanddeutschen haben sich parallel entwickelt und deren Werte sind ziemlich alt. Und ich bin für diese alten Werte.“ 101 Diese Verbindung wurde von den drei Aussiedlern in ihren Ethnizitätsvorstellungen mit dem Begriff der „alten deutschen Werten“ aufgegriffen.
3.4.2 Ethnizitätsbezogene Kognitionen der drei Aussiedler - zur Selbstwahrnehmung als „(Rußland-)Deutscher“
In verschiedenen Gruppen- wie Einzelgesprächen kam die ethnizitätsbezogene Selbstwahrnehmung der drei Aussiedler zur Sprache. Dabei wurde deutlich, daß bei Paul, Andreas und Viktor z.T. unterschiedliche Vorstellungen darüber bestanden, welche ethnische Identität sie jeweils hatten und welche Merkmale diese im einzelnen auszeichneten. Gemeinsam war ihnen die mehr oder weniger häufige Erfahrung einer von ihrer Selbstwahrnehmung abweichenden ethnizitätsbezogenen Fremdzuschreibung: nicht selten wurden sie von anderen als „Russen“ angesehen und als solche bezeichnet. Demgegenüber betrachteten sich Paul und Andreas als „Rußlanddeutsche“ und sahen auch Viktor als solchen an, wohingegen Viktor sich und die beiden anderen als „Deutsche“ verstand. Viktor beschrieb zwar gelegentlich seine Ethnizität als „deutsch (aus Rußland)“, meinte damit aber explizit keinerlei Qualifizierung im Sinne von „rußlanddeutsch“, sondern kennzeichnete hierdurch lediglich den Geburtsort bzw. das Herkunftsland. 102
Paul reflektierte generell in einem hohen Maße seine eigene Ethnizität, was sich daran zeigte, daß er bei verschiedenen Gelegenheiten ohne nennenswerte Variation seine gegenwärtige, sehr systematische und detaillierte Konzeption von Rußlanddeutschsein vertrat, die zudem bestimmte eine bewußte Reflexion voraussetzende strategische Überlegungen beinhaltete.
Bereits „ziemlich früh“ hatte ihm sein Vater in Rußland erzählt, daß sie Deutsche seien. Im Zuge der allgemeinen Begeisterung während der Perestroijka für alles, „was ausländisch war“, entwickelte Paul nach eigenen Angaben eine etwas übertriebene, arrogante Einstellung nach dem Motto „‘Ich bin Deutscher, Deutschland und Europa sind gut und Rußland sind mittelalterlich‘“, obwohl er damals
100 Siehe 008E.3.41-42, 032E.2.42-61 .
101 Siehe 008E.3.39 .
102 Siehe 036E.1., 040E.2. und 044E.1. Die Ethnizitätszuschreibungen an die jeweiligen beiden anderen Aussiedler fanden sich in den Primärdaten der drei persönlichen Netzwerke.
55
nicht viel von Deutschland wußte. Als Deutscher hatte er in St. Petersburg keine Probleme, denn es gab dort ohnehin viele Minderheiten und an seiner Privatschule wurden Deutsche „sowieso bevorzugt“. Rückwirkend fiel es Paul schwer einzuschätzen, als was genau er sich damals fühlte; vermutlich kommt nach Selbsteinschätzung „Deutscher in Rußland“ seiner damaligen Wahrnehmung am nächsten. Denn „da war es wirklich in Ordnung, Deutscher zu sein“ und er verglich sich nicht mit den „Deutschen in Deutschland“ oder setzte sich intensiver mit seinem Deutschsein auseinander. Dies änderte sich, als er nach Deutschland kam und die für ihn negative Erfahrung machen mußte, häufig nicht als „Deutscher“ sondern als „Russe“ angesehen zu werden: „Ja, hier habe ich mich damit auseinandergesetzt, ganz klar [...], weil man auch ständig Vorwürfe da kriegt ‚Du bist Russe oder du bist kein Russe‘ oder was auch immer.“ 103
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen entwickelte Paul seine derzeitige Position, die sich folgendermaßen zusammenfassen läßt: Auf einer allgemeinen Ebene kennzeichnete seiner Meinung nach einen ‚Rußlanddeutschen im weiteren Sinne‘, daß er im wesentlichen deutsche Vorfahren hat, die nach Rußland ausgewandert sind, daß er persönlich oder durch seine Verwandten vom Schicksal der Verschleppung und Diskriminierung in der ehemaligen Sowjetunion betroffen war und daß er Elemente der alten deutschen Kultur bewahrt und durch den geringen Kontakt mit Deutschland und die Diskriminierung entstandene „Lücken dann mit russischer Kultur aufgefüllt“ hat, so daß die deutsche und russische Kultur zu etwas Eigenem „irgendwie zusammengeschmolzen“ sind. Im Hinblick auf diese verschmolzene Kultur nannte Paul als Elemente einer bewahrten alten deutschen Kultur „Sauberkeit und Ordentlichkeit“, eine wertkonservative Grundhaltung, den Ablauf bestimmter Feiern (wie Weihnachten), gewisse Gerichte, ein apolitisches, eher passives Verhaltendas „auch was mit dem Schicksal der Auswanderung vor 200 Jahren“ zu tun hat, „als sie vor der Politik und den Kriegen eigentlich flohen.“ - und v.a. unter älteren Rußlanddeutschen die deutsche Sprache mit altem Dialekt sowie ihre Religiosität. Laut Paul wurde von der russischen Kultur generell eine gewisse russische Mentalität übernommen, die sich z.B. im hohen Alkoholkonsum äußere. Unter jüngeren Rußlanddeutschen zeige sich der russische Einfluß auch im weitverbreiteten Atheismus und bei Jugendlichen in ihrer Vorliebe für die ziemlich „gefühlsorientierten“ „russischen Schlager, die dann vielleicht auch auf deutsch gesungen werden. Oder spezielle deutsche Lieder auch, die zu gleicher Melodie gesungen werden.“ Mit Vorbehalt nannte Paul als Element einer in diesem Kontext teilweise entstandenen eigenen rußlanddeutschen Kultur die „sogenannte ‚Rußlanddeutsche Literatur‘“ (z.B. von Hollmann und Warkentin), die überwiegend von Bauern ohne weitreichende Vorbildung verfaßt wurde und sich v.a. an einer traditionellen Poetik der russischen Literatur orientierte. 104 Die Gruppe der auf der allgemeinen Ebene durch die genannten Merkmale bestimmten ‚Rußlanddeutschen im weiteren Sinne‘ unterteilte Paul dann weiter nach der Frage, als was sich die Beteiligten fühlen bzw. zu welcher Identität sie sich bekennen: „Also überhaupt, in einem allgemeinen Sinne sind wir alle dann Rußlanddeutsche, so wird man halt geboren. Das kann man auch nicht ändern. Das ist dann die Frage der Bekennung im engeren Sinne.“ Paul unterschied zwischen denen, die sich „als Russen fühlen, als Rußlanddeutsche und als hiesige Deutsche“. Die beiden Extreme bildeten laut Paul jene, die entweder sagen „‘wir sind nur Russen‘ oder ‚wir sind nur Deutsche‘. Und sich halt versuchen anzupassen, entweder an die russische Diaspora oder dem deutschen Leben jetzt hier.“
Die ‚Rußlanddeutschen im engeren Sinne‘, zu denen sich Paul zählte, zeichnete seiner Meinung nach zum einen aus, daß sie sich selbst als solche im Sinne einer eigenen deutschen Untergruppe
103 Siehe 034E.4., 006E.5.2 und 010E.2.135-156, 223-4 .
104 Siehe 044E.1.-2.
56
wahrnehmen und sich dazu bekennen: „Es gibt halt, wie gesagt, Bayern, Schwaben usw. Und was sind wir? Wir sind halt Rußlanddeutsche! Aber ohne eigenes Land.“ Zum zweiten versuchten sie, das, was sie an russischer und deutscher Kultur haben, nicht aufzugeben, sondern zwischen beidem zu vermitteln:
„ich will das, was ich von der russischen Kultur habe, nicht aufgeben. Ich versuche auch, den Kontakt
zu Rußland aufrechtzuerhalten, zur russischen Kultur - neue Bucherscheinungen usw. Dabei aber auch
in Deutschland aktiv sein und mich auch als vollwertiges Mitglied der deutschen Gemeinschaft zu
fühlen. Auch hier von der Politik, von der Kultur usw. alles mitzukriegen. Halt diese zwei Kulturen in
sich zu haben“ [044E.3.8].
Zum dritten bemühten sie sich schließlich, ihre spezielle eigene rußlanddeutsche Kultur zu bewahren bzw. eigentlich erst nachträglich zu entwickeln. Hier brachte Paul ein sehr interessantes Argument, das sehr deutlich an The Invention of Tradition von Hobsbawm und Ranger [1983] erinnert. Denn diese eigene rußlanddeutsche Kultur - die sich auf die bereits erwähnte ‚rußlanddeutsche Literatur‘ von Hollmann und Warkentin sowie auf bekannte ‚rußlanddeutsche‘ Naturwissenschaftler, Politiker, Missionare usw. bezieht - sei laut Paul in zweierlei Hinsicht etwas fragwürdig. Erstens sei unklar,
„ob die Leute damals - also diese bekannten Persönlichkeiten - sich wirklich als Deutsche in Rußland
gefühlt haben oder als Russen oder was auch immer. Ganz wissenschaftlich ist das alles nicht, denn da
muß man unterscheiden. Diese großen Politiker und Wissenschaftler waren meistens keine Kolonisten,
überhaupt keine Kolonisten normalerweise. Das waren irgendwelche Österreicher oder Preußen, die
dann eingeladen wurden und die kamen dann dahin. Zum Teil auch Adelige und mit uns hatten sie
wirklich wenig zu tun, wollten sie auch nicht zu tun haben und wir mit denen auch nicht in der Zeit.
Aber jetzt plötzlich versuchen wir das alles so etwas aufzubauen als ‚rußlanddeutsche Kultur‘“
[044E.4.2]
Zweitens sei fraglich, ob diese Errungenschaften wirkliche Kulturleistungen darstellen, ob z.B.
„diese Schriftsteller wirklich etwas Großartiges geleistet haben. Wenn es nur zwei Rußlanddeutsche
jemals gab, die Bücher geschrieben haben, sind sie für uns groß, aber im literaturwissenschaftlichen
Kontext sind sie gar nichts vielleicht“ [044E.4.4].
Das große Problem sei, daß die rußlanddeutschen Vorfahren als einfache Bauern bzw. Kolonisten nur Kultur bewahrt und „wirklich keine eigene Leistung auf einem Gebiet hervorgebracht“ haben, während es für den Fortbestand der Rußlanddeutschen als eigener Volksgruppe wichtig sei, eine von großen Persönlichkeiten oder Bewegungen geschaffene identitätsstiftende Kultur zu haben„irgendwas, was einen unterscheidet auf der kulturellen Ebene“:
„Für mich ist es kein Problem, ich weiß, daß es diese Kultur nicht gab oder nicht so stark gab. Aber ich
fühle mich immer noch als Rußlanddeutscher. Aber für die anderen ist es wichtiger. Für die einfachen
Leute vielleicht, die das brauchen - und auch für die Elite. - Das, was ich jetzt gesagt habe, war
praktisch eine Rechtfertigung für diese Geschichtsumschreibung. Es wird ja nicht gemacht, um es groß
zu machen, ich weiß nicht, wie im Dritten Reich ‚wir haben das und das geleistet, wir sind die
Obermacker‘ ... sondern wirklich - das ist eine Überlebensfrage. Und ich begreife wirklich
‚rußlanddeutsch‘ als Volksgruppe und damit sie nicht ausstirbt, brauchen wir eine Kultur.“
[044E.4.26/28]
Diese identitätsstiftende eigene Kultur sei dabei aber nicht nur für die einfachen Leute wichtig, sondern besonders auch für die Eliten:
„Also wenn die rußlanddeutschen Eliten, also die Hochschulabsolventen usw., wenn sie sich nicht als
Rußlanddeutsche fühlen und sagen ‚wir sind Deutsche‘, dann ist auch die Zukunft der Volksgruppe
auch gefährdet, natürlich. Weil also die kleineren Leute, die putzen gehen oder sonst was machen, die
können nicht so viel erreichen und sie können auch nicht Leute um sich scharen. Und damit die Elite
wirklich stolz sein kann auf eigene Kultur, dann muß sie diese Kultur auch haben.“ [044E.4.24]
57
Vor diesem Hintergrund kritisierte Paul diese aus seiner Sicht bestehende Geschichtsumschreibung nicht, da sie - wie er hoffte - zur Stärkung des Zusammenhalt beitrage. Innerhalb der Gruppe der Rußlanddeutschen im engeren Sinne glaubte nach Pauls Einschätzung das „apolitische Wahlvieh“ der „einfachen Leute“ („etwa 90%“) wirklich daran, daß es diese eigenständige rußlanddeutsche Kultur tatsächlich gegeben habe und daß es diese zu bewahren gelte. Für die übrigen „etwa 10%“ der Elite bzw. „Aktivisten“ vermutete Paul, daß „viele“ wie er dachten, daß diese eigenständige rußlanddeutsche Kultur nicht wirklich so stark existiert hatte. Diese Leute sprachen aber nicht darüber, sondern konstruierten eher eine derartige Kultur nachträglich mit, um der Gruppe ein stärkeres Bewußtsein zu geben. Dabei hatten nach Pauls Ansicht die „meisten“ als „Karrieristen“ v.a. ihre persönliche Profilierung im Sinn und „nutzen das wirklich geschickt aus“. Einige instrumentalisierten eine derartig konstruierte Kultur aber auch „nicht so viel für sich selbst“ sondern mehr im Hinblick auf ihr Engagement für die Aussiedler insgesamt. Generell fiel Paul eine genaue Einschätzung der Einstellungen und Motive bei den Rußlanddeutschen im engeren Sinne bezüglich der eigenen rußlanddeutschen Kultur relativ schwer, weil „man über so was nicht spricht“. 105
Angesichts seiner skizzierten Ethnzitätskonzeption verfolgte Paul im Hinblick auf eine ideale Integration in Deutschland das Ziel, sich zwar an die hiesige Gesellschaft anzupassen, ohne allerdings dabei die in über 200 Jahren in Rußland gewachsene Gruppe der „Rußlanddeutschen“ mit ihrer russischen und speziellen „altdeutschen“ Kultur aufzugeben. Mit dieser Haltung verband sich sein starkes Interesse an und sein Einsatz für die „Belange“ seiner „Landsleute“, auf die hinsichtlich seines politischen Aktivismus‘ noch eingegangen wird. 106 Vor dem Hintergrund dieser ethnizitätsbezogenen Kognitionen bleibt abschließend festzustellen, daß Ethnizität für Paul nicht nur eine hohe praktische Relevanz besaß, sondern daneben auch eine große reflexiv-kognitive Bedeutung hatte.
Andreas reflektierte bis zu einem gewissen Maße zwar ebenfalls seine Ethnizität, aber insgesamt nahm sie in seinen bewußten Kognitionen im Vergleich zu Paul eine weniger zentrale Stellung ein. Dies wurde dadurch deutlich, daß seine ethnizitätsbezogenen Vorstellungen weniger elaboriert waren und seltener von ihm aus umfassend thematisiert wurden.
Auch wenn es rückwirkend schwer zu sagen war, glaubte Andreas, daß er sich in Rußland als „Deutscher“ gefühlt hatte. Denn in seinem Paß stand als Nationalität „deutsch“ und er kannte keine anderen Deutschen außer den dortigen, so daß er sich nicht als ein ‚besonderer‘ Deutscher erlebte. In Rußland wurde v.a. sein Vater, aber auch Andreas selbst von Russen „als Deutscher gehänselt [...]‚Faschist‘ und so“. Daher war es für ihn nach der Immigration eine negative Erfahrung zu erleben, daß er in Deutschland sehr häufig als „Russe“ betrachtet wurde. Insgesamt meinte Andreas, daß er gegenwärtig überwiegend und „fast gleich eigentlich“ als „Russe“ oder als „Rußlanddeutscher“ angesehen werde. 107 In sehr seltenen Fällen werde er auch als „Deutscher“ bezeichnet, wobei dies von Ausländern ausgehe; es sei „zumindest noch nie vorgekommen“, daß er von einem einheimischen Deutschen als „Deutscher“ betrachtet wurde. Angesichts der Diskriminierung in Rußland störte es Andreas, in Deutschland mit der Fremdzuschreibung „Russe“ eben jener Gruppe zugeordnet zu
105 Siehe 044E.3.-5.
106 Siehe 008E.3.1-13 und 004E.4.6 .
107 Diese Einschätzung von Andreas wurde auch im Unterrichtsprojekt bestätigt, denn eine Inspektion der Daten aus dieser Erhebung zeigte, daß er von 14 Mitschülern als „deutsch-russisch“ und von den übrigen zehn
Klassenkameraden als „russisch“ angesehen wurde.
58
werden, die ihn zuvor „gehänselt“ hatte: „Weil ich halt immer in Rußland Deutscher war und immer das aushalten sollte, deutsch zu sein. Natürlich will ich jetzt nicht auch noch als ‚Russe‘ bezeichnet werden.“ 108
Vor dem Hintergrund der Erfahrung, häufig nicht als „Deutscher“ akzeptiert zu werden, betrachtete sich Andreas in Deutschland zunehmend als „Rußlanddeutscher“. Dabei fühlte er sich eher als Deutscher denn als Russe und verstand (wie Paul) Rußlanddeutschsein als eine ‚Sonderform‘ von Deutschsein. Aus seiner Sicht zeichnete einen Rußlanddeutschen aus, daß er mindestens z.T. deutschstämmig ist, aus Rußland bzw. der ehemaligen Sowjetunion kommt, sich sowohl zu Deutschland als auch zu Rußland zugehörig fühlt, sowohl die russische als auch die deutsche Sprache kann und auch „diese Kultur“ im Sinne dieser „‚alten deutschen Werte‘ wie Viktor sagte: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit“ hat. Wie in Andreas‘ Aussagen über Ausländer deutlich wurde, maß er hierbei der Abstammung eine entscheidende Bedeutung für die Ethnizität bei. Denn ein in Deutschland lebender Ausländer könnte und sollte aus seiner Sicht zwar die deutsche Kultur übernehmen und dadurch „praktisch“ „so was wie ein Deutscher“ werden, aber er könne kein „richtiger Deutscher“ werden, weil er „die Abstammung nicht hat“. Dies träfe auch auf ihn selbst zu„Genau wie ich, bin auch im Prinzip kein richtiger Deutscher“ -, weil nur sein Vater nicht aber seine Mutter deutschstämmig war. 109
Im Hinblick auf eine ideale Integration in Deutschland wollte Andreas „zumindest zum Teil“ die „russische Kultur - das, was wir mitgebracht haben“ erhalten. Damit meinte er besonders die Fähigkeit, russisch zu sprechen, sowie „dieses Gruppenbewußtsein“ im Gegensatz zur in Europa üblichen „Individualität“ und schließlich „Familienwerte“. 110 Da die dargestellten ethnizitätsbezogenen Kognitionen von Andreas weniger umfangreich waren als bei Paul und auchwie eingangs erwähnt - in den Gesprächen allgemein weniger zum Ausdruck kamen, liegt insgesamt der Schluß nahe, daß Ethnizität für Andreas zwar für sein Verhalten, aber weniger für seine bewußten Kognitionen eine hohe Bedeutung hatte.
In verschiedenen Gesprächen wurde deutlich, daß Viktor allgemein seine Ethnizität in einem hohen Maße reflektierte. Da er im gegenwärtigen Alltag stärker noch als Paul und Andreas mit einer von seiner Selbstwahrnehmung als „Deutscher“ abweichenden Fremdzuschreibung als „Russe“ konfrontiert war, wurde Ethnizität auch immer wieder zum Gegenstand bewußter Kognitionen, was u.a. ihre für ihn hohe reflexiv-kognitive Bedeutung erklärt. Während allerdings Pauls und Andreas‘ Vorstellungen bezüglich ihrer Ethnizität relativ leicht zu begreifen waren, bereitete mir die Rekonstruktion von Viktors Ethnizitätskonzeption zunächst ziemliche Schwierigkeiten, denn seine diesbezüglichen Äußerungen erschienen z.T. unschlüssig und widersprüchlich, indem sie relativ unvermittelt sowohl eine auf einer bestimmten Werteausrichtung als auch eine auf Abstammung basierende Ethnizitätskonzeption zur Sprache brachten. Diese Unklarheit wurde noch durch gewisse Sprachprobleme - Viktors generell gutes Deutsch war eben nicht perfekt und ich sprach kein Wort russisch - verstärkt. 111 Vor diesem Hintergrund stellt die folgende Kennzeichnung der Ethnizitätsvorstellungen von Viktor, die sich um eine plausible Rekonstruktion seiner Kognitionen bemüht, als deren Ausdruck seine Äußerungen aufgefaßt werden können, eine weitgehendere Interpretation dar, als dies bei Paul und Andreas notwendig war.
108 Siehe 040E.2./4.
109 Siehe 040E.3.-4./11.12-24 .
110 Siehe 008E.3.6-13 .
59
Als Viktor noch in Rußland lebte, fühlte er sich bereits als „Deutscher“, was für ihn persönlich wichtig war. Da sich schon früh abzeichnete, daß er mit seiner Familie nach Deutschland kommen würde, nahm er Rußland eher als eine „Zwischenstation“ wahr, plante dort nicht Studium oder Karriere und war auf Deutschland orientiert. Fast alle „Deutschen“, mit denen Viktor in Rußland zu tun hatte, waren seine Verwandten deutscher Abstammung. Innerhalb seiner Familie, die - wie bereits erwähntfür Viktor eine sehr große praktische wie kognitive Relevanz hatte, waren bestimmte „alte Werte“ wie „Ordnung“ bzw. „Ordentlichkeit“, „Pünktlichkeit“, „Fleiß“, „Lernen“, „Arbeiten“, auch „Leistung“ und der „Zusammenhalt“ in der Verwandtschaft im Denken wie im Handeln von sehr großer Bedeutung. Viele dieser Werte, wenn auch nicht alle, wurden explizit im Sinne von „alten deutschen Werten“ mit Deutschsein gleichgesetzt:
„Viktor: Jedenfalls von Kindheit an wurde mir gesagt, wenn ich mich schlecht verhalte, wenn ich -
jedenfalls so erinnere ich mich - wenn ich nicht so ordentlich bin, hat man mich an meine
Volkszugehörigkeit erinnert. Daß die Ordentlichkeit dazu gehört.
OZ: Wie haben sie das gesagt, deine Eltern?
Viktor: ‚Du bist ein Deutscher‘
OZ: ‚Du bist ein Deutscher‘ - Und weiter, was haben sie noch gesagt?
Viktor: Also, das hängt zusammen mit der Ordnung
OZ: Ja. Sie haben gesagt ‚Du bist ein Deutscher, Deutsche sind ordentlich, deswegen sei ordentlich,
weil du bist ja ein Deutscher‘? So haben sie das gesagt, so etwas in der Art?
Viktor: Ja. - Es war nicht die Sprache, sondern Ordnung. - Aber das waren meine Verwandten.“
[036E.3.72-78]
Innerhalb dieser besonderen Umstände bildete Viktor - so vermute ich - eine doppelte Konzeption von Deutschsein aus, die sowohl auf deutscher Abstammung als auch auf der genannten Wertehaltung basierte. Diese parallele Konzeption war in Rußland unproblematisch, da sie in Viktors damaligen Erfahrungen kongruent war: Der ‚prototypische Deutsche‘ war für Viktor identisch mit seinen Verwandten und diese verfügten gleichermaßen über deutsche Abstammung wie über die beschriebene Wertehaltung. Während in Rußland das Deutschsein innerhalb der Familie anscheinend relativ wichtig war, spielte es in Beziehungen zu anderen Leuten für Viktor keine große Rolle, daß er Deutscher war; er wurde als solcher akzeptiert und nicht deswegen diskriminiert. 112 Die Relevanz der Ethnizität in den Beziehungen zu Nicht-Verwandten nahm allerdings deutlich zu, als Viktor nach Deutschland kam. Hier mußte er zum einen die „schlechte Erfahrung“ machen, daß er von einheimischen Deutschen nicht als „Deutscher“ akzeptiert wurde. Stattdessen wurde er wegen seines „slawischen Akzents“ und seines Geburtsorts in der ehemaligen UdSSR in „99%“ der Fälle pauschal als „Russe“ bezeichnet.
„Die akzeptieren mich als einen Deutschen nicht, deswegen bin ich ein Russe. Nicht, weil ich die
russische Sprache beherrsche. Die wissen wahrscheinlich auch nicht, wie gut bzw. wie schlecht und ob
ich die russische Sprache beherrsche. Ob ich wirklich russisch spreche oder irgendwelche slawische
Sprachen.“ [032E.7.20]
Dabei störte Viktor (im Gegensatz zu Andreas) weniger, „Russe“ genannt -, sondern vielmehr, nicht als „Deutscher“ akzeptiert zu werden:
„Ich habe nichts gegen Russen. Ich habe auch russische Freunde, ich kenne viele Russen. Mit denen
verglichen zu werden ist auch nicht schlimm - ist auch gut. Ich finde das Volk ziemlich gut. Ist kein
Problem für mich, das ist kein Problem, Russe zu sein, sondern, nicht Deutscher zu sein.“ - „Ein Russe
zu sein, ist keine Beleidigung. Sondern die Hintergründe, sozusagen, daß jemand mich nicht als einen
Deutschen akzeptiert. Besonders schlimm finde ich das, wenn das ein Ausländer zu mir sagt.“
[036E.3.6 und 032E.7.46]
111 Zu meiner Reflexion der Sprachprobleme in Interviews mit Viktor siehe v.a. 033M.3.
112 Siehe 032E.2.28-85/7.1-6, 68-70 und 008E.4.19 .
60
Diese häufige Fremdkennzeichnung Viktors als „Russe“ wurde auch im Unterrichtsprojekt deutlich, wo er von zehn Mitschülern als „russisch“ und von 15 anderen als „deutsch-russisch“ betrachtet wurde, während er sich selbst als „deutsch (immer mehr)“ beschrieb. 113 Im Klassengespräch wurde an seinem Beispiel die vollständige Abweichung von Selbst- und Fremdzuschreibung thematisiert. Dabei beharrten einige Klassenkameraden darauf, daß Viktor kein Deutscher sei [siehe Zenker 2000:23]. 114 Über diese negativ bewertete fehlende Akzeptanz als „Deutscher“ hinaus mußte Viktor zum anderen erkennen, daß die einheimischen Deutschen nach Abstammung nicht dieselben Wertvorstellungen wie seine Verwandten - seine ‚prototypischen Deutschen‘ - vertraten. Denn seine „alten deutschen Werte“ wurden unter den Einheimischen nicht mehr als wichtig geachtet: „Jetzt sind die schon Vorurteile“. Damit klaffte seine gleichermaßen auf Abstammung und bestimmten Wertvorstellungen basierende Ethnizitätskonzeption plötzlich auseinander und seine Verwandten konnten nicht mehr problemlos als Maßstab für Deutschsein verwendet werden: „Zuerst war es ziemlich einfach: ich habe die Leute mit meinen Verwandten verglichen. [...] Aber jetzt ist es für mich ziemlich schwer zu entscheiden, wer was ist.“ 115
Die durch diese beiden verwirrenden Erfahrungen erzeugte in seinen Äußerungen zum Ausdruck kommende Ambivalenz hinsichtlich der Frage, ob eine bestimmte Wertehaltung und/oder Abstammung jemanden zum Deutschen mache, führte Viktor „seit letztem Jahr“ zu einer intensiveren Beschäftigung damit, was es heißt, deutsch zu sein. Dabei versuchte er nach eigenen Angaben eine Antwort zu finden, die von seinen individuellen Umständen abstrahierte und auch die Situation von Ausländern in Deutschland einbezog. Im Zuge dessen entwickelte Viktor im besonderen seine wertebasierte Ethnizitätskonzeption weiter, auch wenn er den Konflikt zwischen Wertehaltung und Abstammung nicht endgültig lösen konnte. Die im Hinblick auf seine dominante wertebasierte Ethnizitätskonzeption genannten Merkmale eines Deutschen können wie folgt zusammengefaßt werden: In dieser Perspektive zeichnete einen Deutschen aus, daß er Deutschland gut findet, sich Deutschland zugehörig fühlt sowie sich selbst als Deutscher fühlt und bezeichnet, daß er „patriotisch“ ist, also „als Bürger“ Land und Leute respektiert, seine „Zugehörigkeit wahrnimmt“ und etwas für diese tut und daß er bestimmte „alte Werte“ wie z.B. „Ordnung“ achtet - und Abstammung „ist nicht so wichtig“. Diese Position illustrierte Viktor an dem Beispiel eines imaginären „Türken von Abstammung“, der diese Bedingungen erfüllt und damit ein Deutscher ist. Diese an der Wertvorstellung eines ‚guten Bürgers‘ orientierte Ethnizitätskonzeption führte Viktor in ihrer logischen Konsequenz zu dem Schluß, daß „Deutsche von Abstammung und von der Staatsbürgerschaft“, die die Bedingungen des ‚guten Bürgers‘ nicht erfüllen, auch keine wirklichen Deutschen sind: „Solche schlechten Menschen haben keine Nationalität, die sind einfach schlechte Menschen.“ 116
Auch wenn im Kontext dieser dominanten wertebasierten Ethnizitätsvorstellung Abstammung von Viktor als „nicht so wichtig“ angesehen wurde, so bestand seine abstammungsbasierte Ethnizitätskonzeption untergeordnet fort und erschien gelegentlich in seiner Kennzeichnung von ethnischer Identität. So erklärte er, er sei u.a. Deutscher, weil er die deutsche „Staatsbürgerschaft, Blut und Verwandtschaft“ habe. Oder er argumentierte, er habe keine russische Kultur, weil er keine russischen Verwandten habe. 117 Hinter dieser Betonung der Abstammung lag anscheinend ein
113 Diese Angaben basieren auf einer Inspektion der Daten aus dieser Erhebung.
114 Siehe 032E.7.7-68, 036E.3. und 010E.2.
115 Siehe 008E.3.41/4.19 und 036E.2.44, 80 .
116 Siehe 032E.7.68-131, 036E.2./4. und 008E.3.38-45 .
117 Siehe 032E.7.68 und 008E.3.33 .
61
angenommener Determinismus von Abstammung über Erziehung hin zu einer bestimmten Werteorientierung, die in verschiedenen Gesprächsabschnitten zum Ausdruck kam:
„OZ: [...] Und was ist mit Blut und Abstammung? - Weil du eben meintest, Blut ist auch wichtig?
Viktor: Das ist die Verwandtschaft. Ich wurde von meiner Verwandtschaft erzogen. Ich habe bestimmte
Werte, die man auch braucht in Deutschland. [...]“ [032E.7.85-86]
„... die Leute hängen von der Kultur ab, und die Kultur hängt von der Abstammung bzw. Nationalität
und Staatsbürgerschaft ...“ [010E.2.208]
„Viktor: Mit Abstammung kriegt man allgemein Werte. Meistens, oder?
OZ: Durch die Abstammung oder durch die Erziehung?
Viktor: Durch die Erziehung
OZ: Werte sind ja nicht genetisch, man hat ja keine deutschen Ordnungsgene in sich.
Viktor: Ja, natürlich. Man ist einfach dabei, man sieht diese Kultur. [...]
OZ: Also ist nicht Abstammung wichtig, sondern Erziehung.
Viktor: Erziehung“ [036E.4.12-18]
Diese deterministische Verknüpfung von Abstammung hin zu Wertvorstellungen scheint mir eine sehr frühe zu sein, die Viktor vermutlich in Rußland entwickelt hat. Denn während sie sich dort innerhalb seines Familienkontextes mit seinen Erfahrungen deckte und damit plausibel war, entsprach sie gerade nicht mehr seinen Erfahrungen in Deutschland. Ausgehend von dieser Annahme steht zu vermuten, daß die Ambivalenz in Viktors Vorstellungen von Deutschsein u.a. daraus resultierte, daß er zwar seine wertebasierte Ethnizitätskonzeption weiterentwickelte, aber die kognitive Verknüpfung von Abstammung und Werten nicht aufgrund seiner neuen Erfahrungen modifizierte.
Angesichts seiner dominanten wertebasierten Ethnizitätsvorstellung ging es Viktor hinsichtlich einer idealen Integration besonders um den Erhalt der „alten Werte“ im Denken wie im Handeln. Da er nach Selbsteinschätzung mit der russischen Kultur „fast nichts zu tun“ gehabt hatte, wollte und konnte er diese im Gegensatz zu Paul und Andreas auch nicht bewahren. Daneben strebte er im konkreten Alltag eine Verbesserung seiner deutschen Sprache an, um die vielen Informationen in Deutschland umfassender verstehen und nutzen zu können und sich dadurch sein „Leben [zu] erleichtern, damit es nicht so schwer wäre mit 2 Sprachen“. 118 Abschließend bleibt festzustellen, daß Viktors ethnizitätsbezogene Vorstellungen von einer an „alten Werten“ und dem Ideal des ‚guten Bürgers‘ orientierten wertebasierten Ethnizitätskonzeption dominiert wurden, wenngleich auch unterschwellig eine abstammungsbasierte Konzeption fortbestand. Die kognitive Beschäftigung mit der daraus resultierenden Ambivalenz trug u.a. dazu bei, daß Ethnizität für Viktor neben der praktischen auch eine hohe reflexiv-kognitive Bedeutung hatte.
3.4.3 Zusammenfassung
In diesem Unterkapitel wurden die individuellen Kognitionen von Paul, Andreas und Viktor hinsichtlich ihrer eigenen ethnischen Identität in ihren wesentlichen Grundzügen herausgearbeitet. Dabei wurde zunächst die wertkonservative Grundhaltung der drei Aussiedler etwas detaillierter beschrieben, die mittelbar durch das Konzept der „alten Werte“ für ihre jeweiligen Ethnizitätskonzeptionen relevant war.
Im Hinblick auf diese lassen sich die Ergebnisse folgendermaßen zusammenfassen: Paul betrachtete sich als „Rußlanddeutschen“; diese kennzeichneten nach seiner Auffassung, daß sie sich zu ihrer
118 Siehe 008E.3.32-51 .
62
Herkunft als Nachfahren deutscher Einwanderer nach Rußland mit einer leidvollen Geschichte der Verschleppung und Diskriminierung bekannten, sich als eigene Untergruppe der Deutschen wahrnahmen und sich um den Erhalt bzw. die nachträgliche Konstruktion ihrer speziellen rußlanddeutschen Kultur mit russischen und „altdeutschen“ Elementen - im besonderen „alte Werte“bemühten. Andreas sah sich ebenfalls als „Rußlanddeutschen“, wobei sich diese aus seiner Sicht dadurch auszeichneten, daß sie zumindest teilweise von deutschstämmigen Einwanderern nach Rußland abstammten, sich sowohl zu Rußland als auch zu Deutschland zugehörig fühlten und beide Sprachen beherrschten sowie über eine Kultur mit „alten deutschen Werten“ verfügten. Viktors Selbstverständnis als „Deutscher“ schien von einer Ambivalenz zwischen einer auf Werten und einer auf Abstammung basierenden Konzeption geprägt, die vermutlich in seinem besonderen Familienkontext in Rußland entstanden war und mit seinen gegenwärtigen Erfahrungen im Konflikt stand. Allerdings dominierte die an „alten Werten“ und dem Ideal des ‚guten Bürgers‘ orientierte wertebasierte Vorstellung bezüglich seiner ethnischen Identität.
Sein Ideal des ‚guten Bürgers‘, der sich „patriotisch“ für sein Land und seine Leute einsetzt, sowie Pauls Interesse und Engagement für die „Belange“ seiner „Landsleute“, die sich mit seinem Ethnizitätsverständnis verbanden, verwiesen dabei bereits auf den Bereich des politischen Aktivismus‘, der im nächsten Unterkapitel behandelt wird.
63
3.5 Der politische Aktivismus der drei Aussiedler
In diesem Unterkapitel wird der politische Aktivismus der drei Aussiedler bezogen auf die Landsmannschaft und die Junge Union charakterisiert. Da sich die gemeinsamen Aktivitäten von Paul, Andreas und Viktor auf den Kontext der Jungen Union beschränkten, wird zunächst nur kurz auf die Landsmannschaft eingegangen, um im Anschluß die Junge Union im Hinblick auf ihren Aufbau und ihre Veranstaltungen sowie die Mitgliedschaft der drei Aussiedler etwas ausführlicher zu beschreiben. Darauf folgt eine allgemeine Darstellung des politischen Interesses und der politischen Einstellungen von Paul, Andreas und Viktor, um abschließend ihre Motivationen für eine aktive politische Arbeit zu behandeln.
3.5.1 Die politischen Aktivitäten bei der Landsmannschaft
Von den drei Aussiedlern war nur Paul Mitglied bei der Hamburger Landesgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland im Bund der Vertriebenen. In letzerem sind verschiedene Landsmannschaften zusammengeschlossen, die jeweils nach ihrer Auffassung die Interessen von einzelnen regionalen Gruppen deutschstämmiger Immigranten vertreten, die durch Vertreibung in Folge des Zweiten Weltkrieges aus Ost- und Südosteuropa sowie Rußland nach Deutschland gelangt sind. Die Landsmannschaften sind auf Bundes- und Landesebene organisiert. Im Haus der Heimat in Hamburg, das dem Bund der Vertriebenen gehört, sind diverse Landesgruppen untergebracht, so auch die Landesgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. Deren Bundeszentrale befindet sich in Stuttgart. In der Landsmannschaft wird man über die Familie Mitglied; zur Hamburger Landesgruppe gehörten gegenwärtig ca. 500 Familien. Die Mitgliedsbeiträge der verschiedenen Landesgruppen wurden anscheinend an die Bundeszentrale weitergeleitet, bei der die einzelnen Landesverbände bei Bedarf finanzielle Unterstützung beantragen konnten. 119 Zur Zeit der Datenerhebung war der gesamte Landesvorstand gerade aus dem Bundesverband der Landsmannschaft ausgetreten und hatte einen eigenen, unabhängigen Hamburger Verein Deutsche aus Rußland e.V. gegründet. Dabei hatte Paul, der als Mitglied des Landesvorstands für die Jugendarbeit zuständig war, bei der Ausarbeitung der neuen Satzung aktiv mitgewirkt. Hintergrund dieses Schrittes war die von den Vorstandsmitgliedern geteilte Wahrnehmung, sie würden nicht ausreichend von der Bundeszentrale unterstützt. So erklärte der alte Vorstandsvorsitzende der Hamburger Landesgruppe und neue Vorsitzende des Hamburger Vereins bei einer Informationsveranstaltung hinsichtlich dieses Vorgangs im Haus der Heimat, in den vier Jahren seiner aktiven Mitarbeit in der Landsmannschaft sei der Landesvorstand immer wieder vom Bundesverband im Stich gelassen worden und habe keine finanzielle oder andere Unterstützung bei seinen Bemühungen um eine Verbesserung der Lage von Aussiedlern in Hamburg erhalten. Zudem berichtete mir Paul, daß die Bundeszentrale ihren eigentlich recht großen politischen Einfluß nicht ausnutze, sondern stattdessen für die Aussiedler schlechte Kompromisse mit der Bundesregierung als Gegenleistung für persönliche „Geschenke“ schließe. Insofern würde die Landsmannschaft ihrer eigentlichen Aufgabe - nämlich einer „Lobby-Arbeit“ für Aussiedler z.B. in Form von Bemühungen um eine Verbesserung beim Aufnahmeverfahren, Sprachtest und den Renten - nicht ausreichend nachgehen. Angesichts dieser Kritik an der fehlenden Umsetzung der eigentlichen Ziele der Landsmannschaft betonte der Vorsitzende, daß die Zielsetzung
119 Siehe 006E.6. und 012E.1.
64
des neuen Hamburger Vereins sich nicht von jener der Landsmannschaft unterscheide; vielmehr gehe es ihnen um eine viel stärkere Verwirklichung derselben. Auf dem bei der erwähnten Veranstaltung des Hamburger Vereins ausliegenden „INFO-Blatt Nr.1, April 2000“ wurden diese Ziele wie folgt gekennzeichnet: „Unterstützung für Aussiedler bei der Integration, Förderung der Familienzusammenführung, Erläuterung der deutschen Gesetzgebung, Informationstreffen mit Kulturprogramm und Gruppenarbeit nach Interessen“. Diese Ziele sollten - wie auch schon zuvor in der Landsmannschaft - in wöchentlichen Sprechstunden im Haus der Heimat und in einzelnen Veranstaltungen verfolgt werden. 120
In der Praxis schienen die Veranstaltungen der Landsmannschaft bzw. des neuen Hamburger Vereins typischerweise an Wochenenden stattzufinden. Der Teilnehmerkreis umfaßte nahezu ausschließlich Aussiedler mittleren und höheren Alters, dabei gleichermaßen Männer und Frauen und beinhaltete viele Ehepaare; sehr selten waren auch Jugendliche dabei. Dies lag wohl überwiegend daran, daß sich das inhaltliche wie gesellige Programm weniger an Jugendliche richtete. Daher war es im Prinzip Pauls Aufgabe als Vorstandsmitglied, die vernachlässigte Jugendarbeit durch Angebote wie Diskos und relevante Info-Treffen zu verbessern.
Generell bestanden die „Informationstreffen mit Kulturprogramm“ anscheinend meist aus einem inhaltlichen und einen Unterhaltungsteil. Bei den überwiegend auf deutsch, aber auch gelegentlich auf russisch vermittelten Inhalten handelte es sich der dargestellten Zielsetzung entsprechend um aktuelle Themen mit Relevanz für Aussiedler. Zu diesen zählte z.B. die aktuelle Aufnahmepolitik, das derzeitige Prüfungsverfahren, die gegenwärtige Rentensituation, allgemeine Integrationsbemühungen oder auch die Informationen über den neugegründeten Verein. Der Unterhaltungsteil umfaßte üblicherweise vorgetragene oder gemeinsam gesungene überwiegend russische Volkslieder und andere Musikbeiträge, bilinguale Sprachsketche und Witze, vorgetragene Gedichte und gelegentlich auch Tänze. Häufig gab es bei solchen Veranstaltungen auch Kaffee und Kuchen sowie russische Speisen und Getränke. Bei der von mir besuchten Informationsveranstaltung zur Gründung des Hamburger Vereins, an der neben Paul auch Andreas und ein weiterer Aussiedler-Schulfreund an dem Unterhaltungsprogramm mitwirkten, hatte ich den Eindruck, daß die älteren Besucher den Unterhaltungsteil genossen. Demgegenüber wurde aus Kommentaren von Paul und Andreas deutlich, daß sie persönlich mit dieser Art der Unterhaltung nicht besonders viel anfangen konnten und eher aus Pflichtgefühl mitwirkten. 121
Nachdem Paul schon seit längerem von der Existenz der Landsmannschaft gewußt hatte, war er ihr im Frühjahr 1999 beigetreten. Da er dort der einzige Jugendliche war, schlugen ihn einige „ältere Damen“ gleich im Juli bei den Vorstandswahlen spontan als neues Mitglied vor, „damit da was gemacht wird“, und er wurde als für die Jugendarbeit zuständiges Vorstandsmitglied gewählt. Nachdem er allerdings mehrfach versucht hatte, dort „eine Jugendorganisation aufzubauen“ und das „nicht so hingehauen“ hatte, war er gegenwärtig nicht sonderlich motiviert. Demgegenüber war Andreas kein Mitglied bei der Landsmannschaft und hatte bisher auch nur auf Anregung Pauls an drei Veranstaltungen teilgenommen. Insgesamt fand er die typischen Treffen, nämlich Konzerte und Tanz mit überwiegend älteren Leuten, nicht „so interessant“. Wenn dort mehr Veranstaltungen für Jugendliche angeboten würden - „so was wie Grillfeste, Diskos vielleicht, Ausflüge, Informationsseminare auch für Aussiedler“ oder „ein Stammtisch für Jugendliche“ -, dann hätte er jedoch schon Lust, dort stärker
120 Siehe 006E.6., 012E.1.2/3. und 034E.11 .
121 Siehe 006E.6., 012E., 016E.
65
mitzumachen. Auch Viktor war kein Mitglied bei der Landsmannschaft, obwohl er seit dem Sommer 1999 durch Paul einige Male an Treffen teilgenommen hatte und auch einmal im Frühjahr 2000 mit der Landsmannschaft nach Würzburg zu einer Veranstaltung gefahren war, bei der es um die Förderung von rußlanddeutschen Jugendlichen ging. Denn eine Mitgliedschaft hätte nach seiner Einschätzung ein sehr großes Maß an eigener Mitarbeit erfordert, zu der er sich gegenwärtig nicht in der Lage sah, da er sich gerade auf andere Sachen konzentrierte. 122
Die politischen Aktivitäten bei der Jungen Union 3.5.2
3.5.2.1 Der Aufbau der Jungen Union
Während nur Paul bei der Landsmannschaft mitarbeitete, waren alle drei Aussiedler aktive Mitglieder bei der Jungen Union und der CDU. Die Junge Union ist die Jugendorganisation der CDU und für Mitglieder bis zu einem Alter von 35 Jahren offen. Gewöhnlich gehören ihre Mitglieder beiden Organisationen an; auf kommunaler Ebene scheint auch eine Personalunion für Ämter in der Jungen Union und der lokalen CDU nicht unüblich.
Der Bundesverband der Jungen Union gliedert sich in Landesverbände, die die Mitglieder innerhalb eines Bundeslandes umfassen. Der Landesverband besteht aus mehreren Kreisverbänden, die den einzelnen politischen Regionen entsprechen - in Hamburg den politischen Bezirken wie z.B. ‚Hamburg Mitte‘. Schließlich gliedert sich ein Kreisverband in eine Anzahl von Bezirksverbänden, der untersten Ebene der Organisation. In Hamburg ist die Begriffswahl ein wenig verwirrend, weil die politischen Bezirke den Kreisverbänden der Jungen Union entsprechen und ein Bezirksverband der Jungen Union nur einen Teil des politischen Bezirks ausmacht.
Für die Mitgliedschaft in einem Bezirksverband ist es nicht notwendig, daß man in einem zugehörigen Stadtteil wohnt. So waren alle drei Aussiedler Mitglieder im Bezirksverband ‚Billstedt-Horn‘, obwohl z.B. Viktor in St. Pauli lebte. In diesem Bezirksverband waren gegenwärtig neun Personen aktiv; neben Paul, Andreas und Viktor waren dies Kai, Markus, KP 123 und Ingo sowie Felix und Matthias. Da der Bezirksvorsitzende Felix momentan nicht so viel Zeit hatte, wurden viele Aufgaben von dem stellvertretenden Bezirksvorsitzenden Markus erledigt.
Die politischen Aktivitäten der drei Aussiedler erfolgten derzeitig nahezu ausschließlich auf der Bezirks- und der darüberliegenden Kreisverbandsebene. Neben ihrem Bezirksverband ‚Billstedt-Horn‘ gehörten dem Kreisverband ‚Hamburg-Mitte‘ noch die Bezirksverbände ‚Hamm‘ und ‚Zentrum‘ an. Auf der Ebene des Kreisverbands waren gegenwärtig v.a. Mitglieder der Bezirke ‚Billsted-Horn‘ und ‚Hamm‘ aktiv - der Kreisvorsitzende Ingo gehörte ebenfalls dem Bezirk ‚Billstedt-Horn‘ an. Ingo war zugleich der Ortsvorsitzende der CDU ‚Billstedt-Horn‘, einer der elf Bezirksverwaltungsabgeordneten der CDU und gehörte dem Kreisvorstand der CDU ‚Hamburg-Mitte‘ an, was die Verflechtung zwischen Junger Union und CDU unterstreicht. Im Kreisverband ‚Hamburg-Mitte‘ gaben Tim, Kai und KT das zweimonatlich erscheinende Informationsblatt Mittendrin heraus, in dem über vergangene und zukünftige Veranstaltungen berichtet wurde und in dem Mitglieder zu aktuellen Themen Artikel veröffentlichen konnten. Daneben umfaßte der Kreisverband außer den Bezirksverbänden noch eine von Kai geleitete und für die Planung von Aktionen zuständige Arbeitsgruppe Veranstaltungen sowie die Schüler-Union.
122 Siehe 034E.10./17., 040E.13.-17. und 036E.8.-10.
123 Da im übergeordneten Kreisverband insgesamt drei Personen denselben Vornamen hatten, wurden sie von den Mitgliedern als Spitzname mit ihren Initialen angeredet und bezeichnet.
66
Die Schüler-Union ist als Schülerorganisation der Jungen Union im Prinzip in denselben Zwischeninstanzen aufgebaut wie die Junge Union selbst, allerdings existieren auf der untersten Ebene anstelle der Bezirksverbände sogenannte Basisgruppen pro Schule, die mindestens zwei Mitglieder umfassen müssen. Diese Basisgruppen finden sich dann auf der nächsten Ebene im Kreisverband zusammen. Gegenwärtig war Paul der Kreisvorsitzende der Schüler-Union ‚Hamburg-Mitte‘, während Andreas als Beisitzer und Viktor als Basisgruppensprecher des Gymnasiums Hamm ebenfalls dem Kreisvorstand angehörten. Obwohl alle drei Aussiedler Ämter in der Schüler-Union inne hatten, schien diese für ihren politischen Aktivismus nicht besonders zentral zu sein, denn sie wurde in den Gesprächen kaum erwähnt. Dies lag vermutlich daran, daß die Schüler-Union insgesamt nur sehr wenige Mitglieder hatte - so z.B. am Gymnasium Hamm nur die drei Aussiedler. Wichtiger waren für diese die Aktionen der Jungen Union und der lokalen CDU, in der Paul ebenfalls Ämter bekleidete. So war er Beisitzer im Ortsvorstand der CDU ‚Billstedt-Horn‘ und Kreisdelegierter der CDU ‚Hamburg-Mitte‘.
Insgesamt hatten Paul, Andreas und Viktor im Rahmen ihrer politischen Aktivitäten also überwiegend mit aktiven Junge-Union-Mitgliedern der Bezirksverbände ‚Billstedt-Horn‘ und ‚Hamm‘ im Rahmen des Kreisverbands ‚Hamburg-Mitte‘ zu tun. Dabei erstreckten sich gemeinsame Aktionen auch auf Veranstaltungen der lokalen CDU, in die dieser Personenkreis auf verschiedenartige Weise eingebunden war. 124
3.5.2.2 „Party and Politics“ - zu den Aktivitäten der Jungen Union
Die Aktivitäten bei der Jungen Union lassen sich idealtypisch im Hinblick auf politische Arbeit und Geselligkeit beschreiben, wobei die erste aus inhaltlichen und organisatorischen Treffen sowie Werbeaktionen für die CDU bestand. Im Sinne einer inhaltlichen politischen Arbeit führte die Junge Union regelmäßig auf Bezirks- und Kreisverbandsebene Informationsveranstaltungen zu aktuellen politischen Themen durch, bei denen immer ein Referent eingeladen wurde. Ziel dieser Veranstaltungen war es einen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Teilnehmer über ein spezielles Sachthema informieren konnten. Bei diesen handelte es sich beispielsweise um „Verkehrspolitik“, „Gewalt an Schulen“, „die Vertriebenen- und Aussiedlerpolitik der CDU“ oder „das Jugendparlament in Horn“. Im Prinzip waren diese Veranstaltungen öffentlich, allerdings war die Zahl der externen Gäste sehr stark von dem Ausmaß der zuvor durchgeführten Werbung und der Aktualität des Themas abhängig. Entsprechend bestand der Teilnehmerkreis normalerweise überwiegend aus Mitgliedern der Jungen Union. Nach Angaben von Paul und Andreas schwankte die Zahl der Teilnehmer generell zwischen fünf und 20 Personen, wobei im Durchschnitt etwa fünf bis zehn Leute kamen; wenn überhaupt erschienen üblicherweise nicht mehr als drei externe Gäste. Diese Veranstaltungen fanden normalerweise in einer Kneipe in einem separaten Raum statt und begannen um 19.00 bzw. 20.00 Uhr. Zunächst stellte der eingeladene Referent in einem kurzen Vortrag seine Sicht des jeweiligen Themas dar. Im anschließenden Gespräch konnten dann von den Teilnehmern Fragen gestellt bzw. diskutiert werden. Nach dem gewöhnlich etwa zweistündigen inhaltlichen Teil blieben gelegentlich noch einige Teilnehmer etwas länger und unterhielten sich bei einem weiteren Bier. 125
Die organisatorische politische Arbeit beinhaltete zunächst Treffen der AG Veranstaltungen, in denen zukünftige Aktionen, darunter neue Informationsveranstaltungen, geplant wurden. Diese fanden häufig
124 Siehe 024E.5., 026E.5.5, 008E.2. und die Ausgaben 2, 3 und 4 von Mittendrin, 7. Jahrgang.
125 Siehe 026E.12.3, 024E.1.6/3.6 und 008E.2.75-86 .
67
unmittelbar vor den monatlichen Kreisverbandsstammtischen statt. Des weiteren fielen die Redaktionssitzungen des Informationsblattes Mittendrin in diesen Bereich der von der Jungen Union durchgeführten Aktivitäten. Bei diesen wurden mögliche Beiträge erarbeitet, eingereichte Artikel diskutiert u.ä. Schließlich erfolgte die organisatorische Arbeit auch bei den verschiedenen Vorstandssitzungen und -wahlen, Delegiertentagen und sonstigen Sitzungen. 126 Zu den Werbeaktionen für die CDU gehörten zum einen die vorbereitende Mitarbeit und unterstützende Teilnahme bei deren eher inhaltlich orientierten Veranstaltungen. Dabei wurden im Vorfeld Werbeplakate aufgestellt und während der Aktionen kleinere Aufgaben wie z.B. die Betreuung von Informationstischen übernommen. Derartige Veranstaltungen beinhalteten u.a. auch „Vor-Ort-Diskussionen“, bei denen Vertreter der CDU zu einem bestimmten Thema mit Betroffenen vor Ort sprachen und mit Werbematerialien über die entsprechende Position der CDU informierten. Bei einer solchen „Vor-Ort-Diskussion“, die von der CDU ‚Billstedt-Horn‘ gemeinsam mit Ole von Beust über „die Zukunft der Riedsiedlung“ durchgeführt wurde, bestand dann beispielsweise die Aufgabe von Paul, Viktor und mir als anwesenden Vertretern der Jungen Union darin, diese Veranstaltung fotografisch zu dokumentieren. Neben diesen stärker inhaltlichen Aktionen fiel zum anderen die Unterstützung des konkreten CDU-Wahlkampfes in diesen Bereich der Aktivitäten der Jungen Union. Hier standen ähnliche wie die zuvor beschriebenen Aufgaben für die Mitglieder an. So klebten diese z.B. im Vorfeld der Europawahlen 1999 Plakate, traten mit Informationsständen an die Öffentlichkeit und führten „Jungwählerparties“ als Werbeveranstaltungen durch. 127 Neben der politischen Arbeit nahmen gesellige Aktionen ebenfalls einen wichtigen Teil der Veranstaltungen bei der Jungen Union ein. Sowohl auf Bezirks- als auch auf Kreisverbandsebene gab es monatlich einen Stammtisch, zu dem normalerweise alle aktiven Mitglieder kamen. Bei diesen meist in einer Stammkneipe stattfindenden Treffen unterhielten sich die Anwesenden über alles Mögliche, tranken und aßen gelegentlich auch etwas, machten Witze und hatten einfach Spaß. Genuin politische Themen kamen dabei anscheinend eher zufällig zur Sprache; bis auf ein paar organisatorische Punkte schien es hier vornehmlich um Geselligkeit zu gehen. Daneben gab es ebenfalls monatlich einen Spieleabend, bei dem zur Zeit das Spiel Capone hoch im Kurs stand. Da an diesem Brettspiel über konkurrierende Mafia-Familien nur sechs Personen teilnehmen konnten, war eine vorherige Anmeldung notwendig. Auch bei diesen privat durchgeführten Treffen mit Bier und Chips stand die Geselligkeit im Vordergrund und Politik war Nebensache. Darüber hinaus wurden gelegentlich Ausflüge, Grillfeste, Weihnachtsfeiern u.ä. durchgeführt und eine mehrtägige Pragreise war gerade für den kommenden Herbst in Planung. Schließlich fand jährlich für ein Wochenende eine Klausurtagung des Kreisverbands ‚Hamburg-Mitte‘ in einem Landheim nahe Cuxhaven statt. Hier stand zwar auch eine organisatorische politische Arbeit im Sinne einer Kritik der durchgeführten Veranstaltungen und einer Planung des Programms für das kommende Jahr an, aber dieser Teil nahm nur ein bis zwei Stunden des gesamten Wochenendes ein. In der übrigen Zeit wurde gespielt, spazierengegangen, sich gemütlich unterhalten und Witze gemacht, reichlich Alkohol getrunken und auch mal gesungen. Damit dominierte auch hier das gemütliche Beisammensein - es ging, wie mir KT erklärte, v.a. um Spaß und weniger um Inhalte. Dabei bestand auch ein Ziel darin, daß sich die älteren Mitglieder einerseits und Neumitglieder und Gäste andererseits gegenseitig besser kennenlernen konnten. 128
126 Siehe 030E.5. und 050E.2.
127 Siehe 008E.2.75-86, 030E. und 024E.3.6 .
128 Siehe 022E., 030E.5., 028E.1.-2., 050E., 024E.3.6/5.3, 026E.15./16., 008E.2.75-86 und Mittendrin 7(3):4.
68
Diese allgemein beschriebenen idealtypischen Veranstaltungsformen der Jungen Union können im Hinblick auf ihre relative Häufigkeit genauer betrachtet werden. Für den Zeitraum von April bis Juli 2000, in dem die Datenerhebung erfolgte, waren auf Bezirks- und Kreisverbandsebene insgesamt 21 Aktionen geplant. Von diesen beschäftigten sich fünf inhaltlich mit den Themen „Transrapid“, „Kampfhunde“, „Jüdisches Leben in Hamburg“, „SPD und die Folgen für den Hamburger Haushalt“ und „Innere Sicherheit in der Großstadt“. Bei vier stärker organisatorischen Treffen handelte es sich um den „Landestag der Jungen Union in Hamburg“, die „Landesdelegiertenversammlung“ sowie um zwei Planungstreffen der AG Veranstaltungen. Einmal war als Werbeaktion für die CDU anläßlich des fünfunddreißigjährigen Bestehens des Hammer Wochenmarkts zusammen mit Ole von Beust und Antje Blumenthal die Betreuung eines Infostandes angesetzt. Neben diesen zehn Aktionen der politischen Arbeit waren insgesamt elf gesellige Veranstaltungen geplant, nämlich fünf Bezirks- und Kreisstammtische, drei Capone-Spieleabende, je ein Wander- und Paddelausflug und die alljährliche Klausurtagung. Damit hielten sich also in der Jungen Union für diesen Zeitraum hinsichtlich der geplanten Veranstaltungen die Geselligkeit und die politische Arbeit ungefähr die Waage, was Pauls Aussage unterstrich, bei der Jungen Union gehe es gleichermaßen um „‘Party and Politics‘“. 129 Insgesamt zeigte sich besonders vor dem Hintergrund der geselligen Aktionen, daß die aktiven Mitglieder der Jungen Union nicht nur durch ihre politische Zielsetzung zusammengehalten wurden, sondern zudem einen Bekannten- und Freundeskreis bildeten. Dieser bestand aus etwa zehn bis 15 Schülern, Studenten und Arbeitnehmern, die überwiegend zwischen 20 und 30 Jahren alt waren. Dabei handelte es sich nur um Männer; dementsprechend war die Atmosphäre bei den Veranstaltungen der Jungen Union generell von einer typisch männlichen Geselligkeit mit Witzen und Sprüchen (z.B. bezogen auf Alkohol) geprägt, wie sie in reinen Männerkreisen häufig vorkommt. 130
3.5.2.3 Die Mitgliedschaft der drei Aussiedler bei der Jungen Union
Von den drei Aussiedlern war Paul als erster der Jungen Union beigetreten. Nachdem er sich Ende 1998 entschlossen hatte, Mitglied bei einer politischen Jugendorganisation zu werden, hatte er Parteien zur Information angeschrieben - allerdings nicht die „ideologisch Unzuverlässigen“ wie die SPD, die Grünen oder die PDS, sondern nur die FDP und die CDU. Obwohl er sich zunächst überlegte, zur FDP zu gehen, weil er einige ihrer Ideen gut fand, entschied er sich schließlich dagegen, weil sich für ihn anhand ihres Informationsmaterial zeigte, daß die FDP kein Verständnis für Aussiedler habe und sogar „aussiedlerfeindlich“ sei. Denn diese beabsichtigte, die Aussiedler-Quote abzuschaffen und sie mit Ausländern gleichzustellen. Von der CDU erhielt Paul u.a. die Zeitschrift Mittendrin des Kreisverbandes ‚Hamburg-Mitte‘ der Jungen Union und besuchte daraufhin dessen Stammtisch. Dort lernte er KT kennen, der früher auch zum Gymnasium Hamm gegangen war. Ihr gemeinsames Lästern über Lehrer war für ihn der Einstieg in die Junge Union, der er im April 1999 beitrat. Im Juli 1999 folgte die Mitgliedschaft bei der CDU, die sich für ihn aus seiner Mitarbeit bei der Jungen Union ergab. 131
Während sich Andreas und Viktor als Klassenkameraden schon länger kannten, lernten sie Paul erst bei den Bundesjugendspielen im Sommer 1999 kennen. Auf dem gemeinsamen Heimweg vertrat Paul die Ansicht, daß die vielen in Deutschland lebenden Aussiedler sich stärker innerhalb von
129 Siehe 050E. und 034E.6.8 .
130 Siehe 022E.3.-7. und 026E.14.1-2/15.
131 Siehe 024E.3.2 und 034E.10.3-6 .
69
Organisationen für ihre Interessen engagieren und zugleich mehr mit Einheimischen zu tun haben sollten. Andreas und Viktor stimmten ihm zu, allerdings hatte Andreas damals keine Zeit; Viktor hingegen wollte solche Organisationen kennenlernen. Er ging dann zunächst mit Paul zur Landsmannschaft, wollte dort aber nicht mitmachen, weil ihm die Leute zu alt und zu wenig politisch aktiv waren. Danach kam er mit zur Jungen Union und entschied sich, dort zu bleiben, weil die Leute jünger und politisch aktiver waren und weil sie mit der „großen, mächtigen Partei CDU“ im Hintergrund über eine einflußreichere Organisation verfügten. Viktor trat dann der Jungen Union auf der Klausurtagung im August 1999 bei. 132
Ende November 1999 organisierte Paul eine Informationsveranstaltung der Jungen Union über „die Vertriebenen- und Aussiedlerpolitik der CDU“, zu der er Andreas einlud. Dabei verfolgte Paul nach eigenen Angaben drei Ziele: Zum einen wollte er möglichst viele jugendliche Aussiedler für die Junge Union gewinnen, zum zweiten die einheimischen Junge-Union-Mitglieder über die Probleme der Aussiedler informieren und zum dritten praktische Organisationserfahrungen sammeln. Nach dieser Veranstaltung unterhielt sich Andreas noch mit den Mitgliedern der Jungen Union, die sehr nett waren und auch gleich eine Beitrittserklärung für ihn dabei hatten; Andreas wollte sich das aber erst noch einmal in Ruhe überlegen. Er ging dann zum nächsten Stammtisch und trat danach Anfang Dezember 1999 in die Junge Union ein. 133
Zur Zeit der Datenerhebung kamen die drei Aussiedler recht häufig - „mehrmals monatlich“ und sogar „manchmal mehrmals pro Woche“ - zu Aktionen der Jungen Union. Dabei hatten sie überwiegend eine Teilnehmerrolle inne; neben der beschriebenen Veranstaltung von Paul waren von ihnen bisher keine Aktionen bei der Jungen Union vorbereitet worden. Allerdings meinte beispielsweise Viktor, daß er in Zukunft „gerne etwas organisieren“ würde, wenn er mehr Erfahrung habe. 134
Im Kreis der aktiven Mitglieder der Jungen Union waren Paul, Andreas und Viktor die einzigen Aussiedler. Paul und Andreas vermuteten, daß sie von den anderen mit Einschränkung als „Deutsche“, nämlich als „Rußlanddeutsche“ angesehen und höchstens im Scherz als „Russen“ bezeichnet wurden, waren sich diesbezüglich aber nicht sicher, da darüber normalerweise nicht gesprochen wurde. Pauls Einschätzung basierte dabei u.a. darauf, daß seine Formulierung „wir“, wenn er über Deutsche sprach, von den anderen angenommen wurde und daß die anderen auch in seiner Gegenwart Ausländerwitze machten, was vermuten ließ, daß er nicht als Ausländer angesehen wurde. Demgegenüber konnte Viktor nicht sagen, ob er von den anderen als „Deutscher“ oder „Russe“ betrachtet wurde, obwohl er meinte, diese wüßten, daß er, Paul und Andreas den rechtlichen Status als Aussiedler und damit die deutsche Staatsbürgerschaft hatten. Auch wenn er „schon ein paar Mal“ gehört hatte, daß sie „Russen“ genannt wurden, kam dies nicht sehr häufig vor. Aus der Perspektive der anderen Mitglieder der Jungen Union erzählte mir Ingo, daß er Paul, Andreas und Viktor als „Rußlanddeutsche“ ansehe, was er v.a. an ihrem Akzent festmachte. Insgesamt nähme er sie aber als einzelne Menschen und nicht als Vertreter einer bestimmten Gruppe wahr. Damit war die ethnische Zugehörigkeit innerhalb der Jungen Union anscheinend generell ‚kein Thema‘. 135
Hinsichtlich der Stellung der drei Aussiedler in der Jungen Union hatte ich vor dem Hintergrund meiner teilnehmenden Beobachtungen insgesamt den Eindruck, daß Paul, Andreas und Viktor im Kreis der aktiven Mitglieder völlig akzeptiert und integriert waren, auch wenn die drei untereinander
132 Siehe 024E.2.2-3 .
133 Siehe 024E.1.2/3.6 .
134 Siehe 008E.2.31-37, 70-74 und 036E.10.
135 Siehe 008E.2.57-63, 034E.14., 040E.5., 036E.5.-6. und 026E.5.6 .
70
besonders befreundet waren. 136 Diese allgemeine Einschätzung wird im folgenden anhand einer Gesamtnetzwerkanalyse überprüft [siehe unter 2.2.3.5], die auf Beobachtungsdaten hinsichtlich der Interaktionen unter den 14 Teilnehmern der Klausurtagung basiert. Für diese Auswertung wurden ausgehend von meinem allgemeinen Beobachtungsprotokoll in einer gewichteten Akteur/Akteur-Matrix die Häufigkeiten der jeweiligen Interaktionen zwischen allen Teilnehmern für insgesamt acht Interaktionsphasen verzeichnet. Diese durch das Rahmenprogramm nicht vorstrukturierten Phasen wurden deshalb ausgewählt, weil die Akteure in ihnen aufgrund eigener Wahl und über einen längeren Zeitraum mit anderen interagieren konnten und sie damit einen bestmöglichen Einblick in die vorhandenen Beziehungsstrukturen versprachen. Bei der Datengenerierung wurde ganz allgemein die gemeinsame Teilnahme von Akteuren an einem bestimmten Ereignis - z.B. einem Spiel - als zwischen allen realisierte Interaktionen aufgefaßt und als entsprechende Paarbeziehungen verzeichnet. Änderten sich innerhalb einer Phase die Gruppenzusammensetzungen (dies war in drei Phasen der Fall), so wurden für alle betroffenen Akteure analog mehrere Interaktionen verzeichnet; dadurch waren auch mehr als acht Interaktionen zwischen zwei Teilnehmern möglich. 137 Hinsichtlich der Validität der Daten besteht natürlich das Problem, daß meine Beobachtungen für Interaktionen in meiner Abwesenheit potentiell unvollständig sind. Zwar konnte ich für jeden Akteur pro Phase mindestens eine Interaktionsgruppe beobachten und traf zudem in den meisten Phasen dieselben Gruppen zu verschiedenen Zeitpunkten wieder an, aber über Veränderungen in meiner Abwesenheit habe ich keine Informationen. Daher ist in der Auswertung zu berücksichtigen, daß einerseits die verzeichneten Interaktionen nur das Minimum der tatsächlich realisierten markieren und andererseits meine eigenen Interaktionen und Interaktionspartner überproportional repräsentiert sind. 138
In der folgenden Gesamtnetzwerkanalyse, die auf Computerauswertungen mit Pajek 57 und Ucinet 5 basiert, wird die Gesamtstruktur der Teilnehmergruppe bei der Klausurtagung untersucht und im Zuge dessen die Position der drei Aussiedler in dieser geklärt. Abschließend wird mit diesen Ergebnissen eine über den Kontext der Klausurtagung hinausgehende Deutung hinsichtlich der Stellung der drei Aussiedler innerhalb der Jungen Union verbunden.
Im Hinblick auf die Beziehungsstruktur unter den Teilnehmern der Klausurtagung kann zunächst allgemein festgestellt werden, daß fast jeder Teilnehmer innerhalb der acht Phasen mindestens einmal mit jedem anderen Teilnehmer interagierte; die Dichte - d.h. das Verhältnis der realisierten zu den möglichen Interaktionen - war mit 0,8352 extrem hoch. Darüber hinaus variierten allerdings die Häufigkeiten, mit denen Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren auftraten, z.T. erheblich. 139 Im weiteren werden zwei Häufigkeiten untersucht. Zum einen werden Interaktionen, die in mindestens jeder zweiten Phase - also mindestens viermal - erfolgten, als Maßstab für tendenziell bestehende Untergruppenstrukturen verwendet. Zum anderen werden mindestens zweimal realisierte Interaktionen für eine Bestimmung der Einbindung dieser Untergruppen in den gesamten Teilnehmerkreis herangezogen. In dem in Abbildung 4 dargestellten Graphen des Gesamtnetzwerkes repräsentieren dünne schwarze Linien mindestens zwei Interaktionen; demgegenüber verweisen dickere blaue Linien auf solche, die mindestens viermal realisiert wurden.
136 Siehe 022E.2.-7. und 036E.5.8 .
137 Siehe 026E.14.1-7, 9 .
138 Siehe 026E.14.8 .
139 Siehe 026E.14.10-11 .
71
Abbildung 4: Gesamtnetzwerk bei der Klausurtagung der Jungen Union [026E.14.12]
Wie an den blauen Linien ersichtlich bestanden während der Klausurtagung tendenziell drei Untergruppen, deren Akteure im Graphen verschiedenfarbig markiert sind. Von diesen drei Untergruppen war die von Dirk, KV und Tim gebildete (gelb) während des Wochenendes am stärksten präsent, da die drei sehr häufig unter sich waren - die Matrix verzeichnet 6 bzw. 7 interne Interaktionen - und relativ wenig Kontakt zu den anderen hatten, was sich an der sehr schwachen Einbindung dieser Untergruppe auf der Ebene von mindestens zwei Interaktionen widerspiegelt. Daneben waren die Interaktionen innerhalb der aus Paul, Andreas, Viktor und mir bestehenden Untergruppe (blau) auch sehr ausgeprägt. Laut Matrix kam es intern zu 9 bzw. 10 Interaktionen, wobei ich davon ausgehe, daß diese Zahl im Vergleich zu hoch ist, weil ich aufgrund meiner eigenen Teilnahme mehr Beobachtungsdaten hatte als für die übrigen Untergruppen. Vermutlich kam es daher hier nicht zu deutlich mehr Interaktionen als in der erstgenannten Untergruppe. Bedeutsam ist aber, daß die Akteure der zweiten Untergruppe durch mindestens zwei Interaktionen viel stärker in die Gesamtgruppe eingebunden waren als die der ersten. Die Akteure kapselten sich also weniger stark von den übrigen ab und dementsprechend war ihre Untergruppe auch insgesamt etwas weniger präsent. Innerhalb der dritten Untergruppe um Markus, KT, Johannes, Henning, Ingo und Kai (rot) erfolgten laut Matrix die wenigsten internen Interaktionen (4 bis 6), wobei es aus meiner Sicht für diese Akteure am schwierigsten war, ihre Interaktionspartner für die verschiedenen Phasen präzise und vollständig anzugeben (so daß die Interaktionshäufigkeit hier vermutlich am ungenausten ist), weil sich die Akteure zum einen nicht so deutlich abkapselten wie bei der ersten Untergruppe und ich zum anderen nicht zu dieser Untergruppe gehörte. Schließlich ist die Tatsache, daß KP zu keiner Untergruppe gehörte, innerhalb derer mindestens vier Interaktionen erfolgten, nicht weiter verwunderlich, da er erst während der sechsten Phase zur Klausurtagung kam. 140 Die im Zuge der Beschreibung des Graphen vorgenommene erste Deutung hinsichtlich der Einbindung der drei Untergruppen in das Gesamtnetzwerk auf der Ebene von mindestens zwei Interaktionen kann anhand der spezifischen Zentralitäts- und Zentralisiertheitswerte überprüft und weiter ausgeführt werden. Zentralitätsmaße geben Auskunft über spezielle Aspekte der Eingebundenheit einzelner Akteure in das Gesamtnetzwerk; Zentralisiertheitsmaße wiederum beschreiben das Verhältnis zwischen den Zentralitätswerten aller Akteure und drücken damit die
140 Siehe 026E.14.12-13 .
72
Homogenität bzw. Heterogenität des Gesamtnetzwerkes hinsichtlich eines speziellen Aspekts der Eingebundenheit aus [siehe Schweizer 1996:183-191]. In Tabelle 1 sind die Akteure der drei Untergruppen nacheinander aufgeführt und durch ihre Hintergrundfarbe gekennzeichnet. Während die erste der drei Datenspalten Absolutbeträge wiedergibt, finden sich in den übrigen an der Größe des Netzwerkes standardisierte Prozentwerte; auf letztere beziehen sich die folgenden Interpretationen.
Tabelle 1: Zentralitäts- und Zentralisiertheitswerte für mindestens zwei Interaktionen [026E.14.14]
Die Degree-Zentralität drückt die direkten Interaktionen und damit das Ausmaß der Aktivität von Akteuren aus [ebd.:183-186]. Die Werte aus der entsprechenden Spalte bestätigen die frühere Deutung: Die gelbe Untergruppe (KV, Dirk, Tim) war durch wenig direkte Interaktionen am schwächsten in das Gesamtnetzwerk eingebunden ( 25,6%), während die blaue Untergruppe (Paul, Andreas, Viktor, OZ) sehr stark eingebunden war ( 76,9%), selbst wenn für diese eine gewisse Überrepräsentation an Aktivitäten angenommen werden kann. Die insgesamt sehr hohen Werte der Akteure der roten Untergruppe (Ingo, KT, Markus, Johannes, Henning, Kai) verweisen ebenfalls auf eine starke Einbindung in das Gesamtnetzwerk ( 73%). Insgesamt waren die Aktivitäten der Mitglieder der roten und blauen Untergruppe im Gegensatz zu denen der gelben in einem ziemlich einheitlichen und relativ hohen Maße ausgeprägt: sie lagen alle zwischen 61,5 und 84,6% und nahe des Mittelwerts 61,5%. Die nur durch die gelbe Untergruppe leicht verzerrte, hohe Homogenität des Gesamtnetzwerkes hinsichtlich der direkten Interaktionen kommt in dem relativ niedrigen Wert der Degree-Zentralisiertheit zum Ausdruck (26,92%).
Die Closeness-Zentralität bezieht sich darauf, wie direkt ein Akteur mit allen anderen Akteuren interagiert, d.h. wie viele ‚Mittelsmänner‘ zwischen ihn und alle anderen Akteure treten. Sie wird allgemein aufgefaßt als ein Maß für die Autonomie des Akteurs: je direkter er mit anderen verbunden ist, desto weniger ist er von ‚Mittelsmännern‘ abhängig. Im Gegensatz zur Degree-Zentralität wird
73
hier also auch die indirekte Eingebundenheit eines Akteurs berücksichtigt [ebd.:186-188]. Auch hier entsprechen die Werte in der zugehörigen Spalte der früheren Deutung: Die Akteure der blauen und der roten Untergruppe waren auf sehr direkte Weise mit allen Akteuren des Gesamtnetzwerkes verbunden ( blau: 76,5%; rot: 76,4% ), während die Akteure der gelben Untergruppe weniger direkt interagierten ( 52,5%). Im Hinblick auf die Direktheit der Interaktionen wies das Gesamtnetzwerk insgesamt erneut eine relativ hohe Homogenität auf (Closeness-Zentralisiertheit: 37,2%), auch wenn diese etwas schwächer als bei den ausschließlich direkten Aktivitäten ausgeprägt war. 141
Vor dem Hintergrund dieser Gesamtnetzwerkanalyse läßt sich als Fazit hinsichtlich der Beziehungsstruktur während der Klausurtagung feststellen, daß auf der Ebene von mindestens vier Interaktionen tendenziell drei Untergruppen existierten - von denen eine aus den drei Aussiedlern und mir bestand -, deren Mitglieder allerdings auf der Ebene von mindestens zwei Interaktionen durch zahlreiche direkte und auch indirekte Interaktionen in einem insgesamt recht homogenen, sehr hohen Ausmaß in das Gesamtnetzwerk eingebunden waren. Von diesem generellen Trend wichen die Mitglieder einer Untergruppe etwas ab, indem sie über relativ wenige Interaktionen zu Mitgliedern anderer Untergruppen verfügten; bei diesen Akteuren handelte es sich aber nicht um Paul, Andreas und Viktor. Damit zeigt sich für die Stellung der drei Aussiedler auf der Klausurtagung, daß sie auf die gleiche Weise wie die meisten anderen Mitglieder in die Gesamtgruppe integriert waren, indem sie allgemein mit sehr vielen verschiedenen Teilnehmern interagierten und zugleich mit einigen Personen - in ihrem Fall miteinander - besonders viel zu tun hatten.
Da die Klausurtagung eine vergleichsweise lange Veranstaltung der Jungen Union darstellte, nehme ich an, daß sich in den dort beobachteten Interaktionen auch über den Kontext dieses Wochenendes hinausgehende Beziehungsstrukturen unter den Mitgliedern zeigten. Angesichts dieser Vermutung unterstützen die Ergebnisse der Gesamtnetzwerkanalyse meinen zuvor beschriebenen allgemeinen Eindruck, die drei Aussiedler hätten im Kreis der aktiven Mitglieder der Jungen Union eine völlig integrierte und akzeptierte Stellung, auch wenn sie erwartungsgemäß besonders eng miteinander befreundet waren.
3.5.3 Politisches Interesse und politische Einstellungen bei den drei Aussiedlern
Im Hinblick auf sein politisches Interesse meinte Paul: „Ich war, so lange ich mich kenne, immer politisch interessiert“. Dieses frühe Interesse war nach eigenen Angaben zum einen dadurch bedingt, daß die Gesellschaft in Rußland seit der Zeit der Perestroijka allgemein sehr politisiert war und nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Unterschiede zwischen den Parteien enorm und „wirklich eine Frage der Ideologie“ wurden. Dazu kam im besonderen sein persönliches Umfeld in seiner schon „immer liberalen“ Heimatstadt St. Petersburg. Denn die Leute, mit denen er dort zu tun hatte, „das war die Intelligenzija“. In seiner damaligen Schule gab es „regelrechte politische Streitdiskussionen zum aktuellen Geschehen, wo es oft so viele Meinungen gab wie beteiligte Jugendliche.“ Vor diesem Hintergrund erkannte Paul für sich die zentrale Rolle der Politik für die Geschichte und entwickelte sowohl ein politisches Interesse als auch eine kritische Haltung „gegenüber der Gesellschaft, egal wo ich lebe“. 142 Daneben war Pauls politische Meinung nach Selbsteinschätzung „eindeutig“ von seiner Existenz als Rußlanddeutscher beeinflußt. Denn aufgrund der Erfahrung der Verfolgung von
141 Siehe 026E.14.14 .
142 Siehe 004E.4.2. und 034E.2.-3./5.
74
Deutschen (auch seiner eigenen Familie) und von anderen ethnischen Minderheiten in der Sowjetunion hatte Paul eine starke Skepsis „gegen jede Form von Sozialismus-Kommunismus-Internationalismus“ und „solchen Gleichmacher-Bestrebungen“. Stattdessen vertrat er einen „Ethno-Pluralismus“, demzufolge jede Kultur - die von Ausländern wie von Deutschen - erhaltenswert sei und daher gegen eine zu große Überfremdung einerseits und eine amerikanisierte „Global Culture“ andererseits geschützt werden müsse. Aufgrund dieser Einstellung, aber auch angesichts seiner allgemeinen wertkonservativen Grundhaltung und seiner Position zu verschiedenen politischen Themen wie etwa der Europäischen Union lag aus Pauls Sicht die CDU „größtenteils“ auf seiner „Linie“. Pauls Nähe zur CDU war dabei aber nicht nur indirekt über diese allgemeine Grundeinstellung durch sein Rußlanddeutschsein beeinflußt, sondern auch in einem ganz direkten Sinne. Denn während laut Paul neben anderen Parteien v.a. die SPD „ausgesprochen aussiedlerfeindlich“ sei - besonders Lafontaine habe als Parteivorsitzender „glatte Lügen“ über die Aussiedler verbreitet, so in seiner Zeitungskampagne 1996, in der fälschlich behauptet wurde, Aussiedler plünderten die Sozialkasse, während sie diese tatsächlich aufgrund ihrer positiven Altersstruktur (viele Junge, relativ wenig Alte) stützten -, habe sich die CDU seit langem sehr stark für die Rußlanddeutschen eingesetzt und vertrete deren Interessen am besten. 143 Andreas fand zwar Politik „ein interessantes Thema“, aber es interessierte ihn „nicht besonders“. In seiner Familie spielte Politik früher anscheinend keine sonderlich große Rolle und seine Eltern waren auch nicht politisch engagiert. Durch sein Engagement bei der Jungen Union war sein politisches Interesse im Vergleich zu früher zwar „ein bißchen mehr geworden“, aber er hatte insgesamt „trotzdem kein großes Interesse“. In seiner politischen Meinung war Andreas nach eigenen Angaben in verschiedener Hinsicht durch seine rußlanddeutsche Herkunft beeinflußt, denn
„Erstens will ich auf jeden Fall was für Aussiedler tun, also immer diese Aussiedler-Frage irgendwie im
Hinterkopf haben. Und dann diese halt wie Viktor sagte ‚alten Normen‘, die will ich, daß man die
behält. Also weniger diese Amerikanisierung. - Und Ausländerpolitik ist auch da einigermaßen wichtig.
[...] Zumindest keine Neuen hereinlassen.“ [040E.11.4, 12]
Im Kontext eines nicht sehr ausgeprägten politischen Interesses vertrat Andreas also eine politische Grundeinstellung, in der sich seine wertkonservative Haltung mit einer restriktiven Zielvorstellung hinsichtlich der Ausländerpolitik und einem Einsatz für Aussiedlerinteressen verbanden. Da Andreas daneben wie Paul betonte, die CDU tue am meisten für die Aussiedler, z.B. indem sie Ende der 1980er Jahre ihre Einreise ermöglicht habe, während die SPD nicht so sehr für Aussiedler sei - Lafontaine solle gesagt haben, jeder Schwarzafrikaner sei ihm lieber als ein Rußlanddeutscher - verwundert es nicht, daß Andreas der CDU nahe stand. 144
Viktors politisches Interesse entstand aus seiner Sicht daraus, daß er zuhause in seiner Familie „sein ganzes Leben“ „ständig“ Gespräche über Politik „mitgekriegt“ hatte. So erzählte ihm sein Vater häufig, wie es in Rußland war und warum es wirklich so war: „wenn mein Vater mir das nicht erzählt hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich nie für die Politik interessiert.“ Seitdem er bei der Jungen Union mitmachte, war sein politisches Interesse sogar noch stärker geworden. Viktors politische Meinung war nach eigenen Angaben zum einen allgemein durch seine Herkunft aus Rußland beeinflußt. Denn dadurch, daß er in der Sowjetunion bzw. Rußland gelebt hatte und nach Deutschland immigriert war, hatte er die drei politischen Systeme des sogenannten Kommunismus, des russischen Post-Kommunismus und der deutschen Demokratie kennengelernt und konnte deshalb seiner Meinung nach die Vor- und Nachteile politischer Entscheidungen objektiver abschätzen. Daneben stand er im
143 Siehe 004E.4., 034E.8.-9./12., 024E.3.2 und 006E.5.4 .
144 Siehe 040E.9./11. und 024E.1.4 .
75
besonderen der CDU nahe, weil er aufgrund seines starken Wertkonservatismus‘ - seiner „alten Werte“ - die Ideen der CDU generell überwiegend gut fand. Schließlich zeigte sich der Einfluß seiner Existenz als „Deutscher (aus Rußland)“ auf seine politische Grundeinstellung daran, daß er sich auch für die CDU entschied, weil er ihre Politik in Bezug auf Rußlanddeutsche positiv bewertete. Auch wenn Viktors politisches Interesse und seine politische Meinung insgesamt nicht besonders auf Aussiedlerfragen fokussiert waren, so unterstreicht doch seine Aussage „Ich werde nie eine Partei unterstützen, die uns als Rußlanddeutsche [sic] nicht unterstützt“ eine gewisse Bedeutung seiner Ethnizität für seine politische Grundeinstellung. 145
3.5.4 Die Motivationen der drei Aussiedler zu politischem Aktivismus
Die in verschiedenen Gruppen- und Einzelgesprächen thematisierten individuellen Motivationen der drei Aussiedler für ihren politischen Aktivismus können idealtypisch nach politischen, sozialen und instrumentellen Motivationen unterschieden werden. Neben den unter 3.1 gekennzeichneten politischen Motivationen werden soziale Motivationen als solche aufgefaßt, die sich auf das unmittelbare Miteinander im Verhalten von Akteuren beziehen bzw. sich aus diesem ergeben; instrumentelle Motivationen sollen jene bezeichnen, die sich neben den politischen und sozialen Motivationen allgemein auf einen antizipierten individuellen Nutzen für die Akteure richten.
Vor dem Hintergrund seines seit langem bestehenden politischen Interesses und seiner politischen Grundeinstellung entschloß sich Paul Ende 1998 - wie unter 3.5.1 und 3.5.2.3 dargestellt -, selbst politisch aktiv zu werden und sich zu engagieren. Für diese Entscheidung spielte seine Feststellung eine große Rolle, daß in der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik die Lage der Aussiedler „vollkommen falsch beurteilt“ wurde: „Da werden Lügen verbreitet oder einfach Desinformation. Oder einfach die Leute wissen nicht, worum es da geht.“ So würden beispielsweise Aussiedler nur im Zusammenhang mit Kriminalitätsmeldungen als solche wahrgenommen, während die Friedlichen gar nicht auffielen. Außerdem würden die Jugendlichen bereits als Bedrohung empfunden, nur weil sie gewohnt seien, sich in der Öffentlichkeit als Gruppe zu treffen, Bier zu trinken und russisch zu sprechen. Da sich die überwiegende Mehrheit der Aussiedler aufgrund ihrer Erfahrungen in Rußland eher passiv verhalte und die meisten „so etwas wie demokratische Beteiligung, Durchsetzung eigener Interessen“ gar nicht kannten, gab es nach Pauls Einschätzung in Deutschland „praktisch keine große politische Lobby“ für Rußlanddeutsche, obwohl die zwei Millionen hier lebenden Aussiedler eine große Gruppe bildeten. Daher entschloß er sich zu eigenem politischen Aktivismus, denn er wollte diesbezüglich „versuchen, etwas zu bewirken. Auch die anderen Leute zu motivieren“. Da es jedoch Pauls Absicht widersprach, sich im Zuge seines Engagements für die Interessen seiner „Landsleute“ „als Aussiedler abzukapseln“, verband er seine Aktivitäten bei der aussiedlerspezifischen Organisation der Landsmannschaft mit einer Mitarbeit bei der Jungen Union und CDU. Für die Wahl dieser beiden Organisationen sprach nicht nur die Tatsache, daß beide seiner politischen Grundeinstellung entsprachen; vielmehr schien sie für ihn auch strategisch gerechtfertigt. Denn zum einen ging Paul davon aus, daß die Aufstiegschancen bei der Landsmannschaft aufgrund der geringen Zahl der Aktiven besonders groß waren und er somit dort für Aussiedler sehr schnell „wirklich was bewegen“ konnte. Zum anderen vermutete er, daß er in der CDU am ehesten den Rückhalt seiner Landsleute bekommen könne, da diese meistens CDU wählten, und daß man mit so einer mächtigen Partei auch
145 Siehe 032E.4.-6.
76
mehr bewirken könne. Mit der Zeit kam bei der Jungen Union zu Pauls anfänglicher, fast ausschließlich aussiedlerbezogener politischer Motivation hinsichtlich einer Lobby-Arbeit für seine Landsleute noch eine allgemeine politische Motivation hinzu, die sich auch auf andere Themen wie z.B. die Europa- oder Schulpolitik bezog. 146
Neben der beschriebenen politischen Motivation ging es Paul nach Selbsteinschätzung im Hinblick auf seinen Beitritt in die Junge Union aber von Anfang an im gleichen Ausmaß auch um
„Geselligkeit. Also ich wollte halt neue Leute kennenlernen, mal über was anderes sprechen als über
Frauen, Autos und Schule. Auch mal über Politik. Also hier in Deutschland. In Rußland konnte man
über Politik fast mit jedem reden. Das war da anders. Hier ist die Jugend wirklich unpolitisch.“
[034E.6.2]
Pauls politischer Aktivismus war also gleichermaßen von einer auf Geselligkeit gerichteten sozialen Motivation bestimmt: einfach mit Freunden „ein Bierchen trinken gehen“, sich unterhalten, „Witze erzählen“ und „wirklich eine gemütliche Zeit verbringen“. Dabei war es für ihn „auch sehr wichtig“, Leute kennenzulernen, die „Einheimische“ waren, denn „mal wirklich mit Einheimischen zu sein, so integriert man sich auch am besten“. Hierbei war es „nicht das Wichtigste“, aber „mit ein Grund“, daß er von Einheimischen in einer Organisation als „Rußlanddeutscher“ akzeptiert werden wollte. Somit stellte das Ziel einer Integration und z.T. einer Akzeptanz als „Rußlanddeutscher“ eine weitere, wenn auch eher untergeordnete soziale Motivation dar. Schließlich strebte Paul mit seinem politischen Aktivismus auch im Sinne einer instrumentellen Motivation eine Verbesserung seiner Organisationsfähigkeit und seiner Sprachkompetenz bezogen auf Rhetorik und Vortragssituationen an. Insgesamt betrachtete Paul seinen politischen Aktivismus über alle genannten Motivationen hinaus aber auch einfach als „Zeitvertreib“ und „Alternative, was man in der Freizeit tun kann“. 147 Gegenwärtig war Paul im Hinblick auf seine Mitarbeit bei der Jungen Union einerseits und der Landsmannschaft bzw. dem Hamburger Verein andererseits hin- und hergerissen zwischen „persönlichem Nutzen und objektiver Notwendigkeit“. Denn während ihm persönlich die Junge Union wichtiger war, weil er dort unter Gleichaltrigen mehr Geselligkeit und Spaß hatte, war ihm bewußt, daß die Landsmannschaft bzw. der Hamburger Verein sein Engagement aufgrund der wenigen aktiven Mitglieder viel nötiger hatte. Da er aber nicht so viel Zeit hatte und viele seiner Ideen für eine Jugendorganisation der Landsmannschaft fehlgeschlagen waren, konnte er sich gegenwärtig nicht so recht motivieren, dort aktiver zu werden. 148
Auch wenn Andreas‘ politische Grundeinstellung durch sein Rußlanddeutschsein beeinflußt war, wurde er nach eigenen Angaben nicht politisch aktiv, weil er ein Aussiedler war. Angesichts seines eher geringen Interesses an Politik spielte in der Praxis eine politische Motivation für ihn auch generell nahezu keine Rolle für seine Mitarbeit bei der Jungen Union, auch wenn er allgemein erklärte, er wolle „auf jeden Fall was für Aussiedler tun“. Vielmehr ging es ihm zum einen im Sinne einer instrumentellen Motivation um neue „Informationen“ und „Allgemeinbildung“, da bei der Jungen Union „ja alle möglichen Themen“ behandelt wurden. Zudem wollte er vielleicht „Wirtschaft studieren“ und dachte, Politik würde ihm dabei möglicherweise helfen. Zum zweiten basierte sein politischer Aktivismus auf einer auf Geselligkeit orientierten sozialen Motivation, denn er wollte „neue Leute kennenlernen“ und einfach mit Deutschen etwas unternehmen. Zu diesen beiden „Hauptgründen“ traten als weitere instrumentelle Motivationen sein Bestreben, einerseits seine
146 Siehe 034E.3./6.-7./12., 006E.3./5.1, 008E.2.64-70, 87-93 und 024E.3.4 .
147 Siehe 034E.2./6.-7./13./15., 008E.2.45-48 und 024E.3.4 .
148 Siehe 034E.12./13./17. und 028E.3.2 .
77
deutsche Sprache zu verbessern und andererseits Erfahrungen in der Organisation von Veranstaltungen zu sammeln. Schließlich war Andreas nach Selbsteinschätzung zwar nicht wegen der sozialen Motivation zur Jungen Union gegangen, um dort als „Rußlanddeutscher“ akzeptiert zu werden, aber er meinte, daß er u.a. vielleicht „unbewußt“ wegen einer diesbezüglichen positiven Wahrnehmung dort geblieben war. 149
Insgesamt erklärte Andreas, daß es für seine beschriebenen Motivationen eigentlich egal sei, bei welchem Verein er mitmache - „es könnte im Prinzip auch ein Sportverein sein“. Allerdings ging es ihm auch insofern ein bißchen um Politik, als daß er z.B. die Vorstellung nicht so toll fände, bei der Jugendorganisation der SPD mitzumachen. In diesem Zusammenhang ist erneut zu betonen, daß Andreas nicht auf Eigeninitiative hin politisch aktiv wurde. Vielmehr kam er ausschließlich durch Pauls Engagement zur Jungen Union. Erst nachdem dieser erste Schritt getan war, entschied er sich dort mitzumachen, weil diese Organisation seinen Zielvorstellungen und außerdem noch seiner politischen Grundeinstellung entsprach. 150
Viktor wurde nach eigenen Angaben „als Mensch, als Bürger“ politisch aktiv, um auf der Grundlage von möglichst objektiven Informationen im allgemeinen etwas zu bewirken und im besonderen „patriotische Ziele“ hinsichtlich einer Verbesserung der „Situation für unser, mein Land“ zu verfolgen. Dabei ging es ihm bei seiner Mitgliedschaft in der Jungen Union zunächst weniger um eine direkte Beeinflussung, sondern eher um mehr und objektivere Informationen - in diesem Sinne bezeichnete er sich gegenwärtig auch als „passiven Teilnehmer“. Diese politische Motivation, die besonders auf das Erlangen der richtigen Informationen über die tatsächlichen Hintergründe zielte, um etwas bewirken zu können, spielte für Viktor auch über den engeren politischen Kontext der Jungen Union hinaus eine wichtige Rolle, da er sie auch in verschiedenen anderen Zusammenhängen thematisierte. Daneben erklärte Viktor zwar im Hinblick auf seinen politischen Aktivismus, wenn er die politische Macht hätte, etwas zu ändern, dann würde er „vor allem und zuerst etwas für Rußlanddeutsche tun“, aber insgesamt waren in der Praxis die Interessen von Aussiedlern für seine politische Motivation nicht sonderlich zentral. 151
Im Sinne einer instrumentellen Motivation wollte Viktor darüber hinaus durch seine Mitarbeit bei der Jungen Union seine deutsche Sprache und seine Kommunikationsfähigkeit verbessern. Zum dritten ging es ihm ebenfalls um die soziale Motivation der Geselligkeit, denn er wollte „nette, intelligente Leute“ kennenlernen, die dieselben Ziele wie er verfolgten, und mit ihnen seine „Zeit verbringen“. In diesem Sinne betrachtete er seine Mitgliedschaft bei der Jungen Union auch als interessante Freizeitbeschäftigung. Schließlich hatte die soziale Motivation, von den einheimischen Mitgliedern der Jungen Union als „Deutscher“ akzeptiert zu werden, für Viktor anscheinend keine Relevanz, da er explizit erklärte: „Wenn sie mich als Deutschen akzeptieren, dann ist es noch besser. Aber es ist kein Grund, warum ich dahin gehe.“ 152
Viktor wurde wie Andreas aufgrund von Paul Mitglied bei der Jungen Union - laut Viktor hatte Paul „das bewirkt. Allein würde ich das nicht machen.“ Allerdings mußte Paul bei ihm weniger Werbung investieren: Während Andreas erst durch eine Einladung zu einer konkreten Veranstaltung mit der Jungen Union in Berührung kam, reichte bei Viktor ein Gespräch, um ihn für diese zu interessieren.
149 040E.5.-6./10.-12., 008E.2.87-90 und 024E.1.4 .
150 Siehe 024E.1.4 und 040E.10.
151 Siehe 008E.2.37,87-93, 024E.2.5.-6., 032E.3.4./7.68, 133-136 .
152 Siehe 024E.2.5-6, 032E.4.12-34 und 036E.5.-6.
78
Danach bemühte sich Viktor auch aufgrund eines diesbezüglichen Ratschlags seiner Eltern von sich aus um einen eigenen politischen Aktivismus. 153
3.5.5 Zusammenfassung
In diesem Unterkapitel wurden zunächst die politischen Aktivitäten bei der Landsmannschaft einerseits und der Jungen Union andererseits beschrieben. Hinsichtlich der Landsmannschaft - bei der von den drei Aussiedlern nur Paul aktiv und sogar Landesvorstandsmitglied war - wurde von der kürzlich erfolgten Neugründung eines eigenständigen Hamburger Vereins Deutsche aus Rußland e.V. durch den Hamburger Landesvorstand berichtet, die durch die Wahrnehmung der Beteiligten motiviert war, die Landsmannschaft verfolge nur unzureichend ihre eigentliche Zielsetzung. Diese (wie auch jene des neuen Vereins) bezog sich dabei auf eine Beratungstätigkeit und politische Lobby-Arbeit für Aussiedler und richtete sich zudem auf die Durchführung von vornehmlich an den Interessen älterer Aussiedler orientierten Unterhaltungsveranstaltungen.
Im Gegensatz zur Landsmannschaft waren alle drei Aussiedler Mitglieder bei der Jungen Union, wobei Paul zuerst eingetreten war und später Viktor und Andreas zu einem Beitritt bewegt hatte. Die Aktivitäten der Jungen Union bestanden zum einen aus der politischer Arbeit, welche organisatorische Tätigkeiten, die Durchführung von Informationsveranstaltungen zu aktuellen politischen Themen im Sinne einer inhaltlichen Arbeit sowie Werbeaktionen für die CDU umfaßte. Daneben wurden zum anderen gleichermaßen gesellige Aktionen wie monatliche Stammtische, Spieleabende u.ä. durchgeführt. Dabei wurde die Gruppe der ausschließlich männlichen, überwiegend zwischen 20 und 30 Jahre alten Mitglieder - in der Paul, Andreas und Viktor vollkommen integriert waren - nicht nur über eine gemeinsame politische Zielsetzung zusammengehalten, sondern diese bildete zudem einen Bekannten- und Freundeskreis.
Im Anschluß an die Darstellung der Aktivitäten bei den genannten Organisationen wurde nach einer allgemeinen Kennzeichnung des politischen Interesses und der CDU-nahen politischen Grundeinstellungen der drei Aussiedler auf deren individuelle Motivationen für ihren politischen Aktivismus eingegangen. Im Zuge dessen zeigte sich, daß der Aktivismus für Paul und Viktor jeweils auf entscheidende Weise politisch motiviert war, während dies auf Andreas fast überhaupt nicht zutraf. Pauls Entschluß, sich politisch zu engagieren, war grundlegend von seinem Ziel bestimmt, sich für die Interessen von Aussiedlern einzusetzen und für diese eine Lobby-Arbeit zu betreiben. Zu dieser aussiedlerbezogenen politischen Motivation trat später zunehmend eine allgemeinere, auch auf andere Politikfelder gerichtete hinzu. Viktor ging es allgemeiner um einen Zugang zu objektiven Informationen über tatsächliche politische Hintergründe, um sich auf deren Grundlage als ‚guter Bürger‘ für „patriotische Ziele“ einsetzen zu können. Dabei waren Aussiedlerinteressen eher nebensächlich. Demgegenüber verfolgte Andreas entsprechend seines eher geringen Interesses an Politik keine nennenswerten politischen Ziele.
Neben den genannten politischen Motivationen hatte die soziale Motivation der Geselligkeit für alle drei Aussiedler einen sehr großen Stellenwert. So wollten sowohl Paul als auch Andreas und Viktor nette einheimische Deutsche mit ähnlichen Interessen kennenlernen, um mit ihnen gesellig etwas zu unternehmen. Des weiteren stellte zumindest für Paul und z.T. auch für Andreas das Interesse, sich durch eine Freizeitgestaltung mit Einheimischen besser zu integrieren und von diesen als
153 Siehe 032.2.113-123, 131/4.8, 64 und 024E.2.6 .
79
Rußlanddeutsche akzeptiert zu werden, eine weitere, wenngleich untergeordnete soziale Motivation dar. Diese war für Viktor anscheinend nicht so wichtig.
Hinsichtlich der instrumentellen Motivationen war Andreas besonders an einer Förderung seiner „Allgemeinbildung“ durch die vielen Informationsveranstaltungen bei der Jungen Union interessiert. Darüber hinaus strebten die drei Aussiedler eine Steigerung ihrer Sprach- und Kommunikationskompetenz an, wobei es Viktor und Andreas vornehmlich um Sprachkorrektheit ging, während Paul stärker rhetorische Fähigkeiten im Blick hatte. Schließlich wollten zumindest Paul und Andreas daneben Erfahrungen in der Organisation von Veranstaltungen sammeln.
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3.6 Zusammenfassung: Ethnizität und politischer Aktivismus
In diesem Kapitel wurden die Ergebnisse der im Rahmen meines Feldforschungspraktikums durchgeführten Fallstudie über Ethnizität und politischen Aktivismus dargestellt, die sich mit den drei in Hamburg lebenden jugendlichen Aussiedlern Paul, Andreas und Viktor befaßte. Den Kern dieser Fallstudie bildete dabei die im folgenden zu beantwortende Untersuchungsfrage: ‚Welchen Einfluß hatten die jeweils selbst zugeschriebenen Ethnizitäten der drei Aussiedler und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen auf deren individuelle Motivationen zu politischem Aktivismus?‘
Im Hinblick auf diese Fragestellung wurde zunächst im ersten Unterkapitel zur Kontextualisierung die allgemeine Lebenssituation von Paul, Andreas und Viktor charakterisiert. Dabei zeigte sich u.a. zum einen, daß die drei befreundeten Aussiedler außerhalb des von ihnen besuchten Gymnasiums nur im Kontext ihres gemeinsamen politischen Aktivismus‘ miteinander zu tun hatten. Zum zweiten wurde im Zuge einer Analyse ihrer persönlichen Netzwerke herausgearbeitet, daß dieser Aktivismus ebenso wie ihre Ethnizität in ihrem Alltagsverhalten eine ziemlich hohe praktische Bedeutung hatten. Im zweiten Unterkapitel standen die individuellen Ethnizitätskonzeptionen der drei Aussiedler im Zentrum der Betrachtung. Hier wurde deutlich, daß sich Paul und Andreas dem als eigener Untergruppe der Deutschen konzeptualisierten Personenkreis der „Rußlanddeutschen“ zugehörig fühlten. Dabei charakterisierte diese aus Pauls Sicht, daß sie sich zu ihrer durch Diskriminierung gekennzeichneten Geschichte als Nachfahren deutscher Einwanderer in Rußland bekannten und den Erhalt bzw. die nachträgliche Konstruktion ihrer speziellen rußlanddeutschen Kultur anstrebten. Nach Auffassung von Andreas stellten eine zumindest teilweise Abstammung von deutschen Einwanderern in Rußland, ein sowohl auf Deutschland als auch auf Rußland bezogenes Zugehörigkeitsgefühl, Bilingualität und spezielle Wertvorstellungen die entscheidenden Merkmale der „Rußlanddeutschen“ dar. Im Gegensatz zu dem u.a. auf deutscher Abstammung beruhenden Selbstverständnis von Paul und Andreas als „Rußlanddeutsche“ wies Viktors Selbstzuschreibung als „Deutscher“ eine Ambivalenz zwischen auf Werten einerseits und Abstammung andererseits basierenden Ethnizitätsvorstellungen auf. Diese wurde als Ergebnis eines Konflikts zwischen Viktors gegenwärtigen Erfahrungen und einer in seinem Familienkontext in Rußland gebildeten früheren Konzeption von Deutschsein interpretiert. Allerdings dominierte insgesamt Viktors wertebasierte Ethnizitätsvorstellung, die eine wertkonservative Grundhaltung und das Ideal des sich unabhängig von Abstammung „patriotisch“ für sein Land und seine Leute einsetzenden ‚guten Bürgers‘ umfaßte.
Im dritten Unterkapitel wurde der politische Aktivismus der drei Aussiedler bei der Jungen Union und für Paul auch bei der Landsmannschaft dargestellt. Während sich die Aktivitäten der Landsmannschaft auf aussiedlerspezifische Interessen und dem Geschmack älterer Aussiedler entsprechende Unterhaltungsprogramme richteten, bezogen sich jene der Jungen Union auf eine allgemeine politische Arbeit und eine unter jüngeren Erwachsenen übliche Geselligkeit. Vor dem Hintergrund einer bei allen drei Aussiedlern festgestellten CDU-nahen politischen Grundeinstellung wurden anschließend ihre individuellen Motivationen zu politischem Aktivismus im Hinblick auf politische, soziale und instrumentelle Motivationen idealtypisch beschrieben. Im Bereich der politischen Motivationen stand für Paul eine Verfolgung aussiedlerspezifischer Interessen sehr stark im Vordergrund - dies war die einzige Zielsetzung seiner Mitarbeit bei der Landsmannschaft -, wohingegen Viktor für eine Realisierung „patriotischer Ziele“ als ‚guter Bürger‘ allgemein ein besseres Verständnis politischer Hintergründe anstrebte; dagegen hatte Andreas angesichts seines eher geringen politischen Interesses keine wirklich politischen Ziele. Hinsichtlich der sozialen Motivationen stellte die Geselligkeit mit
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Einheimischen für alle drei Aussiedler einen sehr großen Anreiz für ihren Aktivismus dar. Daneben spielte das Ziel, von einheimischen Deutschen - mit der Einschränkung, „Rußlanddeutsche“ zu seinals Deutsche akzeptiert zu werden, für Paul und auch für Andreas eine weitere, allerdings sekundäre Rolle, während dies anscheinend bei Viktor nicht der Fall war. Schließlich ging es allen drei Aussiedlern bezogen auf instrumentelle Motivationen um eine Verbesserung ihrer deutschen Sprache im Hinblick auf Sprachrichtigkeit bei Viktor und Andreas und Eloquenz bei Paul. Darüber hinaus stellte für Andreas die Ausweitung seiner „Allgemeinbildung“ durch die Informationsveranstaltungen der Jungen Union eine weitere zentrale Motivation dar.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse kann abschließend eine Antwort auf die eingangs gestellte Untersuchungsfrage gegeben werden. Zunächst zeigt sich an der Entscheidung der drei Aussiedler, gerade im Kontext der Jungen Union bzw. der CDU aktiv mitzuarbeiten, ein indirekter Einfluß ihrer Ethnizität auf ihre Motivation zu politischem Aktivismus. Denn für diese Entscheidung bildete die CDU-nahe politische Einstellung der drei Aussiedler die Grundlage, die wiederum selbst sehr weitgehend durch ihre Ethnizität beeinflußt war. Diese Beeinflussung ergab sich zum einen aus einer großen Übereinstimmung der in den Ethnizitätsvorstellungen der drei Aussiedlern verankerten wertkonservativen Grundhaltung mit dem Konservatismus der CDU. Zum anderen wurde die CDU von Paul, Andreas und Viktor als die Partei angesehen, die sich am stärksten für die Interessen ihrer „Landsleute“ einsetzte. Neben diesem für alle drei Aussiedler geltenden indirekten Einfluß existierte zudem bei Paul ein offenkundiger direkter Einfluß seiner Ethnizität auf seine aussiedlerbezogene politische Motivation. Denn einer seiner Hauptgründe für sein Engagement bei der Jungen Union und seine einzige Motivation für eine aktive Mitarbeit bei der Landsmannschaft bestand in seinem großen Interesse, etwas für seine „Landsleute“ zu bewirken. Schließlich war bei Paul und Andreas die eher untergeordnete soziale Motivation, entsprechend ihrer eigenen Ethnizitätszuschreibungen von einheimischen Deutschen akzeptiert zu werden, ebenfalls direkt durch ihre Ethnizitätsvorstellungen bedingt.
Damit scheint der Einfluß der Ethnizitätskonzeptionen der drei Aussiedler auf ihre Motivationen für einen politischen Aktivismus hinreichend bestimmt. Eine genauere Betrachtung der Kognitionen Viktors verweist jedoch auf eine weitere Beziehung zwischen seinen Ethnizitätsvorstellungen und seiner politischen Motivation. Bei dieser Beziehung handelte es sich allerdings nicht wie zuvor um ein Beeinflussungsverhältnis, denn Viktors zentrale politische Motivation, sich „als Bürger“ für „patriotische Ziele“ einzusetzen, war nicht eigentlich durch seine dominante wertebasierte Ethnizitätskonzeption motiviert, sondern vielmehr deren integraler Bestandteil. Mit anderen Worten: Sich auf beschriebene Weise politisch zu engagieren folgte nicht als eigenständige Handlung aus einer deutschen Identität, sondern hatte diese für Viktor im Vollzug erst grundsätzlich zur Folge - Ethnizität und politischer Aktivismus waren aus Viktors Sicht in diesem Sinne identisch. Insgesamt kann zusammenfassend festgestellt werden, daß die drei Aussiedler aufgrund z.T. recht unterschiedlicher Motivationen politisch aktiv waren, wobei ihre jeweiligen Ethnizitätsvorstellungen neben einem allgemeinen indirekten Einfluß - vermittelt über ihre politische Grundeinstellung - in einem unterschiedlichen Ausmaß relevant waren. Während für Paul eine Lobby-Arbeit für seine Landsleute eine zentrale Bedeutung hatte, spielten ethnizitätsbezogene Ziele für Andreas praktisch keine große Rolle; demgegenüber fielen bei Viktor aufgrund seiner speziellen wertebasierten Konzeption politischer Aktivismus und Ethnizität in einem fundamentalen Sinne zusammen.
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Diese am Einzelfall von drei jugendlichen Aussiedlern erarbeiteten Ergebnisse können nun abschließend im Hinblick auf ihre Repräsentativität für jugendliche Aussiedler in Deutschland allgemein überprüft werden. Als Bezugspunkt dient dabei die von Dietz und Roll durchgeführte quantitative Untersuchung über „Jugendliche Aussiedler“ [1998], in der im Rahmen einer repräsentativen Studie die Befragungsergebnisse von ca. 250 zwischen 1990 und 1994 eingereisten 15-25jährigen Aussiedlern mit denen einer gleichaltrigen einheimischen Referenzgruppe verglichen wurden. 154
Vor dem Hintergrund dieser Untersuchung zeigt sich bei Paul, Andreas und Viktor bezogen auf ihre Ethnizität eine für jugendliche Aussiedler relativ typische Position. Denn wie Dietz und Roll [1998:37-52] herausstellen, sind jugendliche Aussiedler - deren Deutschsein sich in den Herkunftsländern neben einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl, sich „schon immer deutsch gefühlt“ zu haben, in der Selbst- und Fremdwahrnehmung überwiegend durch die „Abstammung“ von mindestens einem deutschen Elternteil definierte - nach der Einreise mit der widersprüchlichen Erfahrung einer formalrechtlichen Anerkennung als Deutsche aufgrund ethnischer Kriterien einerseits und einer alltäglichen Ablehnung als Deutsche und einer oft negativ besetzten Fremdzuschreibung als „Russen“ andererseits konfrontiert. Diese widersprüchliche Erfahrung führt nicht selten zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der eigenen Ethnizität und einem verglichen mit einheimischen Jugendlichen stärkeren Bedürfnis, die eigene Identität als „deutsch“ zu definieren. Tendenziell zeigt sich im Vergleich der Einstellungsmuster zu Deutschsein bei den jugendlichen Aussiedlern eine stärker abstammungsgebundene Orientierung im Gegensatz zu einer stärker republikanischen Vorstellung mit den Merkmalen „Staatsbürgerschaft“ und „in Deutschland aufgewachsen“ bei den einheimischen Jugendlichen. Darüber hinaus nennen Aussiedlerjugendliche häufiger die Pflege von Traditionen oder die Verkörperung von deutschen Tugenden - im besonderen wertkonservative Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit oder Disziplin - als Elemente des Deutschseins, während die Einheimischen Kunst und Kultur, auf die demokratische Grundordnung orientierte politisch-gesellschaftliche und wirtschaftlich-soziale Faktoren oder „gar keine“ als besonders kennzeichnende Merkmale für das Deutschsein herausstellen. Neben der Darstellung dieser allgemeinen Tendenz in der Kennzeichnung von Deutschsein betonen Dietz und Roll allerdings auch die Individualität der Ethnizitätsbildung bei ausgesiedelten Jugendlichen, die sich nach verschiedenen Bedingungen des Integrationsprozesses unterschiedlich gestaltet und in der ethnische Zuordnungen wie „rußlanddeutsch“, „russisch“ und „deutsch“ ineinanderfließen. Angesichts dieser Ergebnisse reihen sich die wertkonservative Grundhaltung der drei Aussiedler, die auf Abstammung basierenden Ethnizitätsvorstellungen von Paul und Andreas und die abweichende wertebasierte (republikanische) Ethnizitätskonzeption Viktors vor dem Hintergrund seines besonderen Familienkontextes relativ nahtlos ein in das Gesamtbild ethnizitätsbezogener Vorstellungen unter Aussiedlerjugendlichen. Demgegenüber weichen Paul, Andreas und Viktor im Bereich der Politik wesentlich von den Ergebnissen der repräsentativen Studie über jugendliche Aussiedler ab [siehe Dietz/Roll 1998:126-134]. Denn während sich zwar ihre CDU-nahe politische Einstellung mit der allgemeinen Parteienaffinität unter ausgesiedelten Jugendlichen deckt - der zufolge die CDU/CSU mit großem Abstand vor der SPD präferiert wird, wohingegen einheimische Jugendliche nahezu gleichermaßen der CDU/CSU, der SPD und dem Bündnis 90/Grüne nahestehen -, offenbaren sich erhebliche Unterschiede im Hinblick auf politisches Interesse und v.a. politischen Aktivismus. So haben im Gegensatz zumindest zu Paul und Viktor laut Befragung durchschnittlich nahezu zwei Drittel der Aussiedlerjugendlichen kein Interesse an Politik (dies sind deutlich mehr als in der einheimischen
154 Siehe auch Dietz 1998.
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Vergleichsgruppe), wobei männliche Aussiedler politisch interessierter sind als weibliche und mit zunehmendem Alter und höherer Bildung auch jeweils das Interesse an Politik steigt. Darüber hinaus war unter den Befragten kein jugendlicher Aussiedler Mitglied bei einer politischen Partei und nur ein sehr kleiner Anteil (2,4%) in der Jugendgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland bzw. in dieser selbst politisch aktiv. Die mit diesen Ergebnissen verbundene Gesamtdeutung von Dietz und Roll, ausgesiedelte Jugendliche seien verglichen mit einheimischen Jugendlichen eine insgesamt deutlich konservativere Gruppe, die sich jedoch kaum aktiv in die Politik einbringt und eine größere Distanz zu politischen Parteien hat 155 , steht somit im deutlichen Gegensatz zum politischen Aktivismus der drei in dieser Fallstudie untersuchten jugendlichen Aussiedler. Dieses abweichende Verhalten von Paul, Andreas und Viktor in Form eines aktiven politischen Engagements läßt sich aus ihren individuellen Lebensumständen erklären. So waren sie im Rahmen ihrer früheren Lebenssituationen in bedeutenden russischen Großstädten der allgemeinen Politisierung der Bevölkerung im Zuge der Perestroijka stärker ausgesetzt als der Großteil der aus eher ländlichen Regionen Kasachstans eingereisten jugendlichen Aussiedler. Zudem fiel die Förderung eines Interesses, Verantwortungsbewußtseins und schließlich Engagements gegenüber der Gesellschaft im Kontext ihrer höheren Schulbildung und ihrer besonderen Familienzusammenhänge und -geschichten auch angesichts ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz auf fruchtbaren Boden. Auf der Grundlage dieser sie von der Mehrheit der jugendlichen Aussiedler unterscheidenden Lebensumstände und nicht zuletzt auch angesichts von Pauls besonderem Mobilisierungstalent werden die beschriebenen, z.T. ethnizitätsbedingten Motivationen für einen politischen Aktivismus nachvollziehbar, der die drei Aussiedler von der Gruppe der insgesamt eher politisch passiven ausgesiedelten Jugendlichen abhebt.
155 Dies ist auch für Aussiedler insgesamt beobachtet worden - siehe Dietz/Hilkes 1994:85-90, Dietz 1995:156 und Münz/Seifert/Ulrich 1997:127.
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Olaf Zenker, 2001, Ethnizität und politischer Aktivismus. Eine Fallstudie über drei jugendliche Aussiedler in Hamburg, München, GRIN Verlag GmbH
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