Inhalt
1
Einleitung
2
Geschichten zur Geschichte
3
Der verwundete Sokrates
3.1
Erfundene Geschichte
3.2
Lehrreiches für das Volk
3.2.1
Krieg und Klassenkampf
3.2.2
Wahre Tapferkeit
4
Schluss
5
Bibliographie
„Ich habe einige Erzählungen geschrieben,
in denen ich, nicht ohne Heiterkeit, auf weises Verhalten hinwies.“ 1
Bertolt Brecht
1 Einleitung
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ 2 , hieß der Grundsatz des griechischen Philosophen Sokrates. Auf diesem basierte sein gesamtes Lehren. Durch geschicktes Nachfragen versuchte er die scheinbare Wahrheit des anderen zu hinterfragen und damit seinen Gegenüber selbst zur Einsicht zu bringen, diese zu korrigieren. Für diese diplomatische Kunst wird er heute noch bewundert. 3
Anscheinend auch von Bertolt Brecht, der dem Griechen einen Platz in einer seiner Kalendergeschichten verschaffte. Und getreu Sokrates’ Motto verfährt Brecht ähnlich, indem er dem Leser hilft, selbst die Wahrheit zu entdecken. Es ist kein Zufall, dass er gerade den griechischen Philosophen als Hauptfigur wählte. Brecht schrieb die Geschichte 1939.
1 Jan Knopf: Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Eine Ästhetik der Widersprüche. Stuttgart: Metzler 1986. S. 294-295.
2 Gebhard Kurz: Stvdivm Latinvm. Latein für Universitätskurse. Teil 1. Texte, Übungen, Vokabeln. 3. Auflage. Bamberg: Buchner 2005. S. 129.
3 Vgl. Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. München: Beck 2005 (=beck’sche reihe). S. 36.
Der Zweite Weltkrieg war spürbar nahe. Das merkte auch der Augsburger Brecht. Somit war Sokrates, der schon seit über 2300 Jahren tot war, aktueller denn je. Vielleicht hoffte er, die Menschen, wie damals Sokrates, zum Nachdenken zu bewegen, doch leider erschien ‚Der verwundete Sokrates’ erst nach dem Krieg. Zu spät für Millionen von Menschen.
Trotzdem soll nun versucht werden, die erzähltechnischen Finessen, die Brecht verwandte, herauszufiltern und ihre Bedeutung und Wirkung auf den Leser zu ermitteln. In diese Analyse soll eine Betrachtung der Gattung ‚Kalendergeschichte’ mit einfließen, um zu klären, warum Brecht gerade diese für die Geschichte wählte.
2 Geschichten zur Geschichte
Jan Knopf beschrieb die Kalendergeschichten einmal als „Geschichten zur Geschichte“ 4 , in denen es „zu einem unmittelbaren Einbeziehen von geschichtlicher Erfahrung“ 5 kommt, welche den Leser dazu herausfordert, sich ein Urteil zu bilden. 6 Knopf schreibt weiterhin, dass Erfahrungen der Vergangenheit von den nachwachsenden Generationen aufgenommen werden, um Lehren daraus zu ziehen, damit Selbiges nicht noch einmal passiert. Und gerade die Fehler, die seit 1933 in Deutschland passierten, sind auf eine besonders schlimme Weise belehrend. 7 Allerdings war es Brecht, um seines eigenen Lebens willen, natürlich nicht möglich, das NS-Regime direkt in seiner Geschichte zu durchleuchten. Dafür nahm er die Geschichte des Sokrates, der in einen Krieg zieht, den er nicht versteht, und somit deutliche Parallelen zum aktuellen Geschehen der damaligen Zeit hatte.
Die Geschichte soll also belehren. Das ist typisch für den volksnahen Kalender, der aufgrund des Platzmangels bei den Geschichten auf allzu weit Ausschweifendes, Kompliziertes und Abstraktes verzichtet, da dies nur einen höheren Grad an Bildung erfordern würde. 8 Weiterhin bietet sich der Kalender, als „das Medium [,das] ‚Zeit zählt’ und ‚ordnet’“ 9 , an für Historisches. Und als ständig benutztes Utensil im Haushalt ist er für die „Aufnahme von praktischen Hinweisen geradezu prädestiniert.“ 10
4 Jan Knopf: Die deutsche Kalendergeschichte. FaM: suhrkamp 1983. S. 17.
5 Ebd. S. 269.
6 Vgl. Ebd.
7 Vgl. Ebd. S. 270.
8 Vgl. Ebd. S. 19.
9 Ebd. S. 22.
10 Ebd. S. 24.
Diese „volkstümliche“ 11 Gattung war demnach ideal für Brecht, um den Durchschnittsleser zu erreichen und ihn zum Nachdenken zu zwingen, was auch dringend nötig war, wenn man folgender Ausschnitt aus einem Brief Brechts an Slatan Dudow liest: „Das ist das Volk, das dieses Regime in einen der größten und schwierigsten Kriege aller Zeiten hineintreiben will.“ 12
Dieser allgemein belehrende Charakter der Sokrates-Geschichte führte dann wohl auch dazu, dass sie später als Einzelausgabe für Kinder veröffentlicht wurde 13 , da sie nicht abstrakte Lehrsätze predigt, sondern Geschichte erlebbar macht. 14
11 Ebd.
12 Bertolt Brecht. Briefe. Hrsg. von Günter Glaeser. FaM: suhrkamp 1981. S. 362.
13 Vgl. Frank D. Wagner: Der verwundete Sokrates. In: Brecht-Handbuch. Bd. 3: Prosa, Filme, Drehbücher. Hrsg. von Jan Knopf. Stuttgart: Metzler 2002. S. 313.
14 Vgl. J. Knopf: Die deutsche Kalendergeschichte. S. 270.
3 Der verwundete Sokrates
3.1 Erfundene Geschichte
Sokrates gab es natürlich wirklich. Er war der Sohn eines Steinmetzen und einer Hebamme. Später heiratete er Xanthippe, die als zänkisches Weib in die Geschichte einging. In den Peloponnesischen Kriegen soll er sich durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet haben. Sein Leben fand jedoch ein jähes Ende. So verhängte man gegen ihn die Todesstrafe, weil er die Jugend verführen und neue Götter einführen würde. Das Urteil lautete Tod durch den Schierlingsbecher. Diesen nahm er auch, obwohl er die Strafe hätte abwenden können. Sokrates jedoch blieb standhaft und folgte seinem Urteil. 15
Brechts Sokrates deckt sich nahezu mit der historischen Vorlage. Lediglich die Schlacht, die in der Geschichte erwähnt wird, ist nicht Teil der Perserkriege, sondern gehört historisch zu den oben genannten Peloponnesischen Kriegen gegen die Thebaner. 16 Sie beendet auch nicht den Krieg, wie Brecht schreibt. Sie dauert noch weitere zwanzig Jahre an. 17 Allerdings bei dem, was die Erzählung vermitteln will, spielt die Exaktheit der Daten weniger eine Rolle. Die äußeren Kriege sind nur Beiwerk, um die inneren zu entfachen. 18 Vielmehr ist Brecht die Persönlichkeit Sokrates’ wichtig und wofür sie steht. Er steht für Tapferkeit und führte ein „wahrhaft gutes und gerechtes Leben“ 19 . Und für Frank D. Wagner ist „[d]ie Laxheit in historischer Genauigkeit, die sich Brecht in dieser Erzählung erlaubt [...]“ 20 , entscheidend, um die Geschichte von der Vergangenheit in die Gegenwart zu führen. 21
15 Vgl. Brockhaus. Die Enzyklopädie. 20. Bd. 20., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leipzig: Brockhaus 1998. S. 363.
16 Vgl. F. Wagner: Der verwundete Sokrates. S. 314.
17 Vgl. Klaus-Detlef Müller: Brecht-Kommentar zur erzählenden Prosa. München: Winkler 1980. S. 329.
18 Vgl. J. Knopf: Die deutsche Kalendergeschichte. S. 270-271.
19 Brockhaus. S. 363.
20 F. Wagner: Der verwundete Sokrates. S. 317.
21 Vgl. Ebd.
3.2 Lehrreiches für das Volk
3.2.1 Krieg und Klassenkampf
Er ist die Ursache für Sokrates’ Not - der Krieg. Auch wenn es nur ein Dorn ist, der ihm solche Schmerzen bereitet, hat der Erzähler eine klare Meinung zum „blutige[n] Geschäft“ 22 . Das vollzieht er nicht immer so explizit wie bei diesem Beispiel, sondern auch wesentlich unterschwelliger. So kämpft Sokrates auf „irgendeinem Stoppelfeld“ 23 „bei den leichtbewaffneten Fußtruppen“ 24 , die mit „zu kleinen Schilden“ 25 „den Stoß des Feindes auffangen“ 26 sollen. Hierbei stehen die ‚zu kleinen Schilde’ antithetisch zu den „großen Waffenschmieden“ 27 , die sie herstellen und ebenfalls große „Profite“ 28 daraus schlagen. Somit hat der Erzähler seine Benennung des Krieges als ‚blutiges Geschäft’ belegt. Doch das ist bei weitem nicht alles. Die Rüstung ist zudem viel zu schwer und macht eine schnelle Flucht vor dem Feinde nur schwer möglich 29 , welche zusätzlich durch die viel zu dünnen Schuhe erschwert wird, was Sokrates später noch zum Verhängnis werden soll. Helmut Schwimmer findet dazu die wohl klarsten Worte: „Menschenmaterial ist eben billig!“ 30 Damit es möglichst günstig bleibt, kämpfen an der Front auch nur „Athener Jungens aus den Vorstädten“ 31 - die ärmsten der Armen. „Ein kapitaler Plan“ 32 , sagte ein Offizier der Reiterei zu Sokrates am Abend zuvor. Hier hat Brecht, der bekennende Marxist, geschickt seine politische Haltung mit in die Geschichte integriert und dem Kapitalismus auf die Füße getreten.
22 Bertolt Brecht: Der verwundete Sokrates. In: Bertolt Brecht. Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. 30 Bde. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf u.a. Bd. 18: Bertolt Brecht. Prosa 3. Sammlungen und Dialoge. Berlin: Aufbau-Verlag 1995. S. 410.
23 Ebd. S. 410.
24 Ebd.
25 Ebd.
26 Ebd. S. 411.
27 Ebd. S. 410.
28 Ebd.
29 Vgl. Ebd. S. 411-412.
30 Helmut Schwimmer: Bertolt Brecht. Kalendergeschichten. 3. Auflage. München: Oldenbourg 1971 (= Interpretationen zum Deutsch-Unterricht). S. 85.
31 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 410.
32 Ebd. S. 411.
Es schwingt beim Erzählen ständig ein politisches Autorbewusstsein mit, welches auch heute noch einen aktuellen Bezug hat. Ein Blick in den Nahen Osten genügt um festzustellen, dass Kriege häufig wirtschaftliche Interessen verfolgen und dabei fast immer die Armen den größten Preis zahlen müssen.
Zu den Armen gehört auch Sokrates. Sein Einkommen beläuft sich gegen Null, da er als Philosoph zwar die Kinder der Reichen unterrichtet, aber ohne eigenen Ertrag nach Hause kommt. 33 Bleibt nur die Arbeit als Schuster, welche ebenso wenig die Taschen füllt. Für die omnipräsente Armut gibt es noch weitere Indizien. Das Haus von Xanthippe und ihrem Mann verfügt nur über das nötigste. Sie sind so arm, dass, obwohl die Bohnsuppe schon das gesamte Haus mit einem unangenehmen Duft erfüllt, „sie nicht in der Lage [sind], Essen wegzuschütten.“ 34
Doch nachdem der „milchige Morgennebel“ 35 sich verzogen hat, erhellt das „graue[...] Morgenlicht“ 36 die für Sokrates verwirrende Angelegenheit. Getreu seiner eigenen Technik - der Mäeutik - hinterfragt er selbst das, was sich auf dem Schlachtfeld zuträgt. Er erkennt, dass der Krieg zwischen den griechischen und den persischen „Reeder[n], Weinbergbesitzer[n] und Sklavenhändler[n]“ 37 nicht sein Krieg ist. Leute aus den Vorstädten wie er haben kein Interesse an Schlachten. 38 Kaum ist diese Erkenntnis geboren und die Gefahr in Sicht, entschließt sich Sokrates, in die „richtige[...] Richtung“ 39 zu laufen, um dem „höllische[n] Schmerz“ 40 des Krieges aus dem Wege zu gehen. Diesen führt er sich dann aber selbst zu, indem er blind in ein Distelfeld rennt, um sein Leben zu retten. Weiterhin blind brüllt er die näherkommenden Feinde fort und beendet damit den Krieg. Hier zeigt der Autor erneut die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein Feigling wird zum Helden erklärt und tagelang gefeiert.
33 Vgl. B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 422.
34 Ebd. S. 420.
35 Ebd. S. 411.
36 Ebd.
37 Ebd. S. 411-412.
38 Vgl. Ebd. S. 419.
39 Ebd. S. 424.
40 Ebd. S. 412.
Hier macht die Erzählung einen kleinen Sprung und zeigt Sokrates verwundet zu Hause bei seiner ebenfalls leicht kriegerisch gesinnten Frau Xanthippe. Dieser Sprung wirkt nicht störend, da der Erzähler heterodiegetisch ist, d.h. er ist ein unbeteiligter Erzähler, der omnipräsent in der Erzählung ist und die Gedanken der Figuren kennt, dabei allerdings den Fokus auf Sokrates belässt, da er die Figur ist, welche eine Entwicklung vollzieht und zudem die Hauptfigur der Geschichte ist, wie der Titel schon vermuten lässt. Der Erzähler ist allerdings kein Beobachter, da er nicht persönlich vor Ort ist und somit auch jederzeit überall sein kann. Es liegt daher eine extradiegetische Sprechsituation vor, da der Erzähler keine Figur des Textes ist, aber insofern Präsenz zeigt, als er häufig die Situationen wertet. Dies geschieht mal offensichtlich, mal etwas verdeckter, jedoch immer mit einem einfachen Erzählstil, der „sich in das Konzept der ‚Volkstümlichkeit’ der Kalendergeschichten [...]“ 41 einfügt. Helmut Schwimmer nennt nur einige Beispiele: „Dreckloch“ 42 , „glotzt“ 43 , „Hintern“ 44 und „dann gehen wir einen heben“ 45 .
Während Sokrates nun zu Hause weilt, um das Geheimnis seines vermeintlichen Triumphs zu verbergen, will ihn die Öffentlichkeit zum „Aushängeschild einer Zeit [machen], die den Krieg für ein geeignetes politisches Mittel hält; der angesehene Philosoph soll die kriegerische Politik legitimieren.“ 46 Genau der Philosoph, der zuvor zwanzig Jahre den „Pazifismus gelehrt“ 47 hat. Doch wie er selbst bemerkt, ist die Zeit nach einem Sieg eine schlechte für den Pazifismus. 48
41 F. Wagner: Der verwundete Sokrates. S. 318.
42 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 416.
43 Ebd. S. 414.
44 Ebd. S. 413.
45 Ebd. S. 423.
46 Jan Knopf: Geschichten zur Geschichte. Kritische Tradition des ‚volkstümlichen’ in den Kalendergeschichten Hebels und Brechts. Stuttgart: Metzler 1973. S. 171.
47 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 422.
48 Vgl. Ebd.
3.2.2 Wahre Tapferkeit
Nachdem der äußere Krieg für Sokrates glimpflich verlief, wartet nun ein weitaus schwierigerer innerer auf ihn. 49 Während das Athener Volk ihn feiert, sitzt der Philosoph, der zum „Berserker“ 50 wurde, zu Hause auf heißen Kohlen und quält sich mit dem falschen Ruhm noch mehr als mit dem Schmerz, den der kleine Dorn verursacht. Sein ehrliches Gemüt treibt ihn sogar soweit, den Lorbeerkranz abzulehnen, was bei der Obrigkeit großen Groll verursacht. Selbst sein Freund Alkibiades kann ihn nicht von der Hängematte herunter bewegen. Die Situation scheint auf ein böses Ende hinauszulaufen, was mit dem realen Ende des griechischen Philosophen korrespondieren würde. Sokrates trank den Schierlingsbecher und starb für seine Ideale. Der Erzähler selbst erwähnt dies am Anfang kurz, als er den Leser anspricht und sagt: 51
Der Ruf der Tapferkeit scheint uns ganz gerechtfertigt, wenn wir beim Platon lesen, wie frisch und unverdrossen er den Schierlingsbecher leerte, den ihm die Obrigkeit für die seinen Mitbürgern geleisteten Dienste am Ende reichen ließ. 52
Doch so weit kommt es in der Kalendergeschichte nicht. Unter Mithilfe seiner Frau Xanthippe, die die ‚Hebamme’ mimte, brachte Sokrates am Ende die Wahrheit doch noch zur Welt. Bereits zu Beginn der Erzählung deutete sich ein Einbeziehen der Mäeutik an. Der Erzähler stellt Sokrates als den Sohn der Hebamme vor und nicht als Sohn des Steinmetzen. Dieser Trick dient zum einen der Verdeutlichung der Klassenunterschiede. Ein Steinmetz war wirtschaftlich besser gestellt als eine Hebamme. Zum anderen deckt sich die Benennung mit der berühmten Technik, für welche Sokrates so berühmt ist. 53 Auf dem Schlachtfeld hinterfragt er den Krieg, den Kriegsgrund und stellt fest, dass es nicht sein Krieg ist, und im zweiten Teil der Geschichte übernimmt Xanthippe die Rolle des ‚Erfragers’.
49 Vgl. J. Knopf: Die deutsche Kalendergeschichte. S. 270-271.
50 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 422.
51 Vgl. H. Schwimmer: Bertolt Brecht. Kalendergeschichten. S. 80.
52 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 410.
53 Vgl. H. Schwimmer: Bertolt Brecht. Kalendergeschichten. S. 77-78.
Sie steht seinem plötzlichen Erfolg und der überraschenden Anerkennung sehr skeptisch gegenüber. Sie versucht ein Abheben des Kriegshelden zu verhindern, dabei weiß er selbst, dass alles nur Schall und Rauch ist. Mit bissigen Fragen wie
„Was ist denn das für ein Gerede von deinen Heldentaten?“ 54 , „Warst Du betrunken?“ 55 oder „Eine ganze Versammlung aufhalten mit seinen Fragen, ja, das konnte er. Aber nicht eine Schlachtreihe. Was war also vorgegangen?“ 56
quälte sie sich und ihn. „Sie war unheimlich klug, wenn es galt, etwas Ungünstiges über ihn herauszubekommen [...]“ 57 , sagt der Erzähler über sie, während Xanthippe sich selbst als „ungebildet“ 58 bezeichnet. Nichtsdestotrotz „achtete [er] sie.“ 59 Deshalb passiert dann auch, was unvermeidlich war. Sokrates schwenkt, nachdem er zuerst eine Ausrede beginnen wollte, doch auf die richtige Bahn, als er Xanthippe in der Küchentür sieht, und erzählt den anwesenden Herren die ganze Wahrheit. Er bekennt sich zu seiner Feigheit und zeigt wahre Tapferkeit 60 und beendet damit seinen inneren Krieg.
Dafür erntet er Alkibiades’ höchsten Respekt, der zu ihm sagt: „Ich kenne niemand, der unter diesen Umständen erzählt hätte, was du erzählt hast.“ 61 Es waren wahrscheinlich nicht einmal die Verletzung am Fuß, für die er sich schämte, oder der feige Rückzug vom Schlachtfeld, sondern einfach nur die fremden Lorbeeren, mit denen er sich schmücken sollte. Somit hat seine Frau geschafft, was sie ihm versprochen hatte. Beim letzten gemeinsamen Mahl sagte sie zu ihm: „[...] ich bringe es schon noch heraus, verlaß dich drauf.“ 62
Auch hier ist die Anspielung auf die Hebammenkunst deutlich erkennbar.
54 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 415.
55 Ebd.
56 Ebd. S. 418.
57 Ebd. S. 415.
58 Ebd. S. 416.
59 Ebd. S. 419.
60 Vgl. K. Müller: Brecht-Kommentar zur erzählenden Prosa. S. 330.
61 B. Brecht: Der verwundete Sokrates. S. 425.
62 Ebd. S. 416.
In diesem Teil der Erzählung wechselt die Erzählperspektive häufig zu Xanthippe, damit der Erzähler dem Leser Einblick in die Gedanken der Ehefrau gewähren kann, was wichtig ist für die Darstellung der Kritik an Sokrates. Man spricht hierbei von ‚interner Fokalisierung’, d.h. der Erzähler weiß genau soviel wie die Figuren, aus deren Sicht er erzählt. 63 Trotz des häufigen Fokus’ auf einer der zwei Protagonisten ist festzuhalten, dass es sich um eine auktoriale Erzählung handelt, da der Erzähler spürbar durch seine Wertungen und Bemerkungen auf sich aufmerksam macht.
63 Matias Martinez u. Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck 1999. S. 64.
4 Schluss
Sokrates wurde doch zum Helden - wenn auch zum „negative[n] Held[en]“ 64 . Denn auch wenn auf dem Schlachtfeld peinlich geschlagen, nahm er lieber eine Blutvergiftung in Kauf, als eine Vergiftung seines Charakters. 65 Damit besiegt die große historische Persönlichkeit die „Phase des Elends und der Ohnmacht“ 66 und geht mit nahezu weißer Weste aus dem Missverständnis hervor.
Die Geschichte zeigt demnach sowohl die „Dekonstruktion falscher Größe“ 67 als auch die „Rekonstruktion wahrer Größe“ 68 (Brechts eventueller Parallelwunsch für ‚Hitler-Deutschland’) und „humanisiert Sokrates und bringt ihn näher“ 69 zum Volk, was der typischen Charakteristik der Kalendergeschichte entspricht. Ebenfalls typisch erscheint das episodenhafte Erzählen, welches Zeitraffungen vornimmt, wo es nötig ist und sich somit auf die entscheidenden Ereignisse konzentriert. 70
Nicht unerwähnt soll Folgendes bleiben: Die Erzählung ‚Der verwundete Sokrates’ bildet zusammen mit dem Gedicht ‚Mein Bruder war ein Flieger’ eines der vielen Paare in Brechts ‚Kalendergeschichten’. Im Gedicht wird von einem Mann erzählt, der in den Krieg zog, weil es dem Volk an Raum fehlte. Doch der einzige Raum, den er eroberte, ist der seines Grabes.
Beide Texte haben die Botschaft der Sinnlosigkeit des Krieges inne und regten hoffentlich nicht nur damals die Menschen zum Nachdenken an, sondern vielleicht auch heute.
64 H. Schwimmer: Bertolt Brecht. Kalendergeschichten. S. 88.
65 Vgl. Ebd.
66 F. Wagner: Der verwundete Sokrates. S. 313.
67 Ebd. S. 315.
68 Ebd.
69 Ebd.
70 Ebd. S. 316.
5 Bibliographie
Quellen
Brecht, Bertolt: Der verwundete Sokrates. In: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. 30 Bde. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller. Bd. 18: Bertolt Brecht. Prosa 3. Sammlungen und Dialoge. Berlin: Aufbau-Verlag 1995. S. 410-425.
Brecht, Bertolt: Mein Bruder war ein Flieger. In: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. 30 Bde. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller. Bd. 18: Bertolt Brecht. Prosa 3. Sammlungen und Dialoge. Berlin: Aufbau-Verlag 1995. S. 426.
Forschungsliteratur
Bertolt Brecht. Briefe. Hrsg. von Günter Glaeser. FaM: suhrkamp 1981.
Brockhaus. Die Enzyklopädie. 20. Bd. 20., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leipzig: Brockhaus 1998.
Höffe, Otfried: Kleine Geschichte der Philosophie. München: Beck 2005 (=beck’sche reihe).
Knopf, Jan: Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Eine Ästhetik der Widersprüche. Stuttgart: Metzler 1986.
Knopf, Jan: Die deutsche Kalendergeschichte. FaM: suhrkamp 1983.
Knopf, Jan: Geschichten zur Geschichte. Kritische Tradition des ‚volkstümlichen’ in den Kalendergeschichten Hebels und Brechts. Stuttgart: Metzler 1973.
Kurz, Gebhard: Stvdivm Latinvm. Latein für Universitätskurse. Teil 1. Texte, Übungen, Vokabeln. 3. Auflage. Bamberg: Buchner 2005.
Martinez, Matias u. Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck 1999.
Müller, Klaus-Detlef: Brecht-Kommentar zur erzählenden Prosa. München: Winkler 1980.
Schwimmer, Helmut: Bertolt Brecht. Kalendergeschichten. 3. Auflage. München: Oldenbourg 1971 (= Interpretationen zum Deutsch-Unterricht).
Wagner, Frank D.: Der verwundete Sokrates. In: Brecht-Handbuch. Bd. 3: Prosa, Filme, Drehbücher. Hrsg. von Jan Knopf. Stuttgart: Metzler 2002.
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Karsten Tischer, 2006, Die erzählerischen Charakteristika von Bertolt Brechts 'Der verwundete Sokrates', München, GRIN Verlag GmbH
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