Inhaltsverzeichnis
1. DIE LEHRE DES BUDDHA 3
Das Kontinuum der Vergänglichkeit und Daseinsfaktoren 4
Abh ängiges Entstehen 6
Die Vier edlen Wahrheiten und der achtfache Pfad 7
Buddhistische Heilslehre und Nirvana 9
Paradigmenwechsel im Buddhismus 10
2. Tibetischer Buddhismus 11
3. Zen-Buddhismus 13
4. Die buddhistische Literatur 14
5. Westlicher Buddhismus am Beispiel von Hermann Hesse 16
Literaturverzeichnis 19
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Die Lehre des Buddha und die buddhistische Literatur
von Michael Leicht
1. Die Lehre des Buddha
Der Begriff Buddhismus stammt von Sanskrit „buddh“ = erwachen und meint das Erwachen aus der Finsternis des Nicht-Wissens zum Licht der Lehre. Alles ist Leid, unbeständig und ohne Selbst. Es geht um Wissens-Erlangung aus eigener Kraft ohne göttliche Offenbarung. Der Buddhismus löst alle beharrenden Substanzen in bewegliche Daseinsfaktoren auf und betont damit die Vergänglichkeit alles Irdischen. Durch die Weitergabe seiner Botschaft setzt Buddha das Rad der Lehre in Bewegung. Auf den ersten Blick überraschend ist, dass sich mit dem Buddhismus eine Religion über 2000 Jahre in den Köpfen und Herzen der Menschen hat halten können, obwohl sie den ganzen Sinn unserer Existenz bereits in den Wurzeln unterminiert.
Im Hinduismus erscheint der Kosmos noch als Illusion und Spiel aus dem Absoluten und kehrt darin auch immer wieder zurück. Welten entstehen und vergehen. Die Welt, führt Krishna in der Bhagavad Gita aus, ist nur ein Spiel, das Gott mit sich selbst aufführt. Durch seine Zauberkraft (maya) lässt er alle Wesen herumwirbeln (wie Puppen) auf einer Puppenbühne. Im Hinduismus gewinnt die Seele in der Befreiung ihre Einheit mit dem Absoluten zurück. Der Buddhismus kann nun als eine Weiterentwicklung, bzw. „Reformation“ des Hinduismus gesehen werden. Beibehalten worden ist der Gedanke der Welt als eine Welt des Leidens, in der man über mehrere Wiedergeburten hinweg gefangen bleiben kann (samsara). Alles Leben wird im Buddhismus als vergänglich und leidvoll betrachtet. Während im Hinduismus die Alleinheit/Brahman mit der individuellen Seele/Atman im Zentrum steht, ist das Ziel des Buddhismus das Erreichen des Nirwanas, des Nichts und der Leere. Dieser Unterschied ist zentral, den die Bedeutung der Meditation ist in beiden Religionen hoch. Anstelle einer Alleinheit steht im Buddhismus „ein schwarzes Loch“ - das Nichts - im Zentrum, obgleich Friede auch zum buddhistischen Nirwana gehört. Der zweite grosse Unterschied zwischen Hinduismus und Buddhismus ist, welche Rolle das „Ich“ spielt. Die hinduistische Lehre vom Atman postuliert eine Unsterblichkeit des Menschen. Der Buddhismus sieht statt dessen die „Ich“-Illusion, die es zu überwinden gilt (Anatman). Die Idee, dass wir in einer illusionären Welt leben könnten, übernimmt der Buddhismus vom Hinduismus. Im Hinduismus gilt
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die Welt als maya - Illusion. Im Buddhismus wird nun spezielles Gewicht auf das Ich als Illusion gelegt. 1 Damit stellt der Buddhismus nicht nur ein Gegenstück zum Hinduismus und dort ganz besonders zum Advaita Vedanta dar, sondern ist auch eine Anti-These zur, abendländischen, neuzeitlichen Subjekt- und Vernunftphilosophie dar. In seiner radikalen Skepsis fängt Descartes an, an allem zu zweifeln, bis er meint in seinem Ich eine unerschütterliche Grundlage gefunden zu haben: Ich denke, also bin ich!
Das Kontinuum der Vergänglichkeit und Daseinsfaktoren
Sowohl der Mensch als auch die von ihm erlebte Welt bilden kein einheitliches Ganzes, sondern eine Kombination von Einzelbestandteilen, die sich immer wieder verbinden, lösen und neu verbinden. Dauerhaftes, beharrendes Sein gibt es überhaupt nicht. Es gibt nur ständigen Wandel, ewiges Fliessen im ununterbrochenen Entstehen und Vergehen der dharmas. Alles Sein ist nur ein Momentanes, das aufblitzt und in dem Augenblick, wo wir es wahrnehmen können, ist es schon wieder vergangen. Es gibt kein beharrendes Sein, alles ist vergänglich. Nur der Augenblick ist wirklich. Das Universum aber ist nichts als ein unablässiger Strom von einzelnen Seinsmomenten, ein „Kontinuum der Vergänglichkeit“. So kann es auch kein beharrendes Ich in uns geben. Auch Seele und Bewusstsein vergehen und entstehen in jedem Augenblick neu. Von nichts kann ich wirklich sagen, dass bin ich. Nur die Schnelligkeit, mit der sich die geistigen Prozesse vollziehen, und ihre Verwobenheit ineinander lassen den täuschenden Eindruck entstehen, als gäbe es hinter ihnen ein dauerhaftes, sich selbst gleichbleibendes Ich. 2 Wir können uns auch die buddhistische Vorstellung des „Ichs“/ des „Bewusstseinsstroms“ auch bildlich so vorstellen, dass eine Kerze die nächste Kerze anzündet und dann verlischt. So wird der Lichtimpuls trotzdem weitergegeben, obwohl die einzelne Kerze sofort wieder erlischt. Es sind da nur Prozesse, Erscheinungen, das freie Spiel des Geistes. Das einzige Zeitlose und Unveränderliche ist die Leerheit. 3
Das Ich ist eine Täuschung und vergänglich. Der Erleuchtungsweg führt mit Desidentifikationsmystik und verschiedenen Methoden der Entindividualisierung (Das bin ich nicht; Nicht-
1 N.B.Hat die Königin Mutter von Buddha Maya geheissen. Sie wurde Göttin der Illusion genannt.
2 Eine solche Anschauungsweise bedingt ein ganz andersartiges Verhältnis zur Zeit als das unsrige. Während wir in der Zeit etwas Kontinuierliches sehen, das sich aus der Vergangenheit durch den Punkt, den wir Gegenwart nennen, in die Zukunft erstreckt, ist für den Buddhisten der Zeitablauf kein zusammenhängendes Fliessen, sondern die Aufeinanderfolge von lauter Einzelmomenten (Störig, 1988: 56).
3 In der Nur-Geist-Schule ist alles Geist. In der strikten Leerheitsphilosophie Nagarjuna wird eine positive Umschreibung des Wesens der Dinge vermieden und nur von Leerheit gesprochen. Und in Tibet wird klassischerweise eine Zusammenschau von Leerheit und Geist gelehrt.
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Ich = anatman) über alles Welthafte oder Personhafte hinaus (akosmisch, apersonal, atheistisch). Es gibt kein Selbst, keine Seele, sondern nur eine Folge von Impulsen. Das Ich ist nur eine „Zusammenballung“ von Daseinsfaktoren (dharmas): a) Körper, Sinne, Körperlichkeit; b) Empfindung; c) Wahrnehmungen und Vorstellungen; d) Triebkräfte; e) Bewusstsein. Zusammen machen sie den Inhalt der Individualität aus. Der falsche Glaube an die Individualität soll im Buddhismus aber aufgehoben werden. 4
Das Individuum und seine Welt sind also dem stetigen Werden und Vergehen ausgesetzt, wobei die Einzelfaktoren (dharmas) einer strengen Gesetzmässigkeit unterworfen sind. Ein ethisches Weltgesetz (dharma) existiert und alle Einzelbestandteile sind nur verschiedene Aus-drucksformen des einen Weltgesetzes. Daher werden die Einzelfaktoren auch dharma genannt. Durch ihre Kombination entsteht überall Schein und Einheitlichkeit, wie etwa beim Menschen ein „Selbst“. Der ständige Strom der Daseinsfaktoren wird auch durch den Tod nicht unterbrochen. Sie wirken über den Tod des konkreten „Individuums“ hinaus und schaffen in neuen Kombinationen die Grundlage für die Existenz eines neuen „Individuums“. 5 Jedes dharma entsteht in gesetzmässiger Folge aus den Bedingungen, die mit dem vorausgehenden Vorhandensein anderer Dharmas gesetzt sind. In das Kausalgesetz ist alles Geschehen unentrinnbar eingespannt. Insofern gibt es auch im Buddhismus etwas Dauerhaftes: das Weltgesetz (dharma). Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt für die moralischen Vorgänge (karma: Tat-Wirkungs-Zusammenhang als schicksalbestimmende Macht) in nicht geringerer Strenge als für das äussere Geschehen. 6 Es ist ein sittliches Gesetz, eine sittliche Weltordnung. Wie kann dabei der ewige Kreislauf von leidvollen Wiedergeburten unterbrochen werden?
4 In der modernen Evolutionstheorie kommt man ebenfalls zum Schluss, dass das Ich eine Illusion sein könnte. Aber mit einer anderen Begründung als im Buddhismus. Ich-Bewusstsein hat sich als Stärke und Vorteil im Kampf ums Dasein entwickelt. Je stärker das Bewusstsein, um so besser. Entsprechend gibt es einen Widerspruch zwischen der aufsteigenden Entwicklung nach der Theorie der Evolution und der absteigenden Entwicklung nach der buddhistischen Tradition.
5 Wie ist es aber mit dem Dogma der Wiedergeburt, wenn es kein Selbst und keine Seele gibt? - Vorausgesetzt, dass aus dem notwendigen Zusammenhang alles Geschehen das Neue gesetzmässig aus dem Alten hervorgegangen ist, ist der Tod kein Spezialfall. Denn die „Seele“ eines „Individuums“ vergeht und entsteht eh ständig neu, ob tot oder lebendig. In Wahrheit gibt es keine zeit-räumliche Einheiten, sondern nur Einheiten in bezug auf die einzelnen Dharmas.
6 Humes Kausalitätskritik kann als ein anderer Grund angesehen werden, warum wir falsche Vorstellungen von Dingen haben, die es so in der Natur gar nicht gibt. Das „kausal“ verursachte Nacheinander von zwei Dingen, erscheint uns so, als ob es „kausal“ verursacht wäre. In Wirklichkeit können wir aber nicht sicher sagen, ob zwischen Ursache und Wirkung eine notwendige Verknüpfung besteht? Kausalität kann auch nur eine Form von Gewöhnung sein. Ideengeschichtlich wichtig ist, dass der Versuch diese paradoxe Theorie der Kausalität zu widerlegen, zu den Beweggründen für Kants Vernunftkritik gehört.
Die Kantsche Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich hat sowohl mit der Ideenlehre Platons viel gemeinsam, wie auch mit indischen Maya-Illusionsvorstellungen. Der Idealismus ist Lehre von der bloss scheinbaren Existenz dieser unseren Sinne sich darstellenden Welt.
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Abhängiges Entstehen
Bevor wir genauer auf den Erlösungsweg des Buddhas aus Samsara eingehen, wollen wir erst noch einmal genauer das „Entstehen in Abhängigkeit“ anschauen (pratiyasamutpada). Abhängiges Entstehen bedeutet nicht, dass nichts existiert, aber es ist verschieden von Existenz, welche Unabhängigkeit impliziert, noch ist es Nicht-Existenz, welche Erscheinung verneint. Abhängiges Entstehn besteht aus 12 Gliedern, welche nach folgender Formel funktionieren: 1) Durch Nichtwissen im Ausgang entstehen 2) Die Triebkräfte, durch die Triebkräfte entsteht 3) Ein Bewusstsein, durch das Bewusstsein entsteht
4) Eine geistig-leibliche Individualität, durch diese Individualität entstehen 5) Die 6 Sinne, durch die 6 Sinne entsteht 6) Berührung, durch die Berührung entsteht 7) Empfindung, durch die Empfindung entsteht 8) Der „Durst“, durch den Durst entsteht 9) Der Lebenshang/ Anhaften, durch den Lebenshang entsteht 10) Karmisches Werden, durch karmisches Werden entsteht 11) die Wiedergeburt, durch die Wiedergeburt entsteht 12) Altern, Sterben, Kummer, Wehklagen, Leid, Gram und Verzweiflung. Das 8. Glied, der „Durst“, meint die sinnliche Begierde, besonders den Geschlechtstrieb. Das 9. Glied, der Lebenshang, meint ein Ergreifen der Sinnenwelt „wie die Flamme den Brennstoff ergreift“. Das Wissen um diese Zusammenhänge kann die karmische Triebkraft (Glied 10) hindern, immer weitere Wiedergeburten in Gang zu setzen, und so die Erlösung einleiten. Das Wissen ist notwendig, da für den Buddhismus mit dem Nicht-Wissen (Glied 1) der gesamte Kreislauf des Unglücks beginnt.
Buddhas Lehre ist von den Zeichen der Vergänglichkeit geprägt. Jeder Mensch wird altern, krank werden und sterben. Das ist das Grundproblem allen menschlichen Daseins. Alles ist vergänglich und wird deswegen leidvoll. Was ist der Sinn des Lebens, wenn es Krankheit, Tod, Leiden und Armut gibt? Buddha hat nun einen Ausweg aus dem Leiden gefunden. Er gilt deshalb als der Erleuchtete (bodhi) oder der Erwachte. Erleuchtung ist das Versiegen der Ursachen, die das Leiden hervorbringt. Nirwana bedeutet „ausblasen“ und bezieht sich auf die Unterbrechung des „Treibstoffs“ der Kontinuität. Er hat Antworten gefunden auf die vier Urfragen, was das Leiden ist, wie es entsteht, wie es überwunden werden kann und welches der Weg ist, dies zu erreichen?
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Buddhas Botschaft ist dabei nicht pessimistisch, resignativ oder gar nihilistisch, weil nicht auf ein Jenseits vertröstet wird. Sie will hier im Diesseits, ja im Alltag einen Weg zeigen. In dem Masse wie wir um die Dinge wissen, dass sie keine Dauer haben, erfolgt daraus, dass wir uns dem Strom hingeben können. Wir müssen uns jedoch trotzdem auf diesem spirituellen Weg bemühen. Unwissenheit und Täuschung müssen überwunden werden. Sonst bleiben uns die Gesetzmässigkeiten des Lebens verborgen. Buddhas existenzielle „vier edle Wahrheiten“ sollen dem Menschen bei der Bewältigung seines Lebens helfen.
Die Vier edlen Wahrheiten und der achtfache Pfad
1) Was ist das Leiden? - Das Leben selbst ist Leiden: Geburt, Arbeit, Trennung, Alter, Krankheit, Tod. Das alles ist leidvoll.
2) Wie entsteht das Leiden? - Durch Lebensdurst und Daseinsdurst nach sinnlicher Lust und einem Weiterleben über den Tod hinaus, durch Anhaften an Menschen, Tieren und Dingen, durch Gier, Hass, Aggression und Verblendung. 3) Wie kann das Leiden überwunden werden? - Leiden erlöscht durch die Erkenntnis der Vergänglichkeit aller Dinge. Durch Aufgeben des Begehrens. Aufgehoben wird alles Leiden durch die Befreiung von allen Leidenschaften bzw. der Vernichtung des Daseinsdurstes, durch die Erlösung im Nirwana. Das Nirwana besteht dabei nicht in einem personalen Leben nach dem Tod, sondern gleicht vielmehr „dem Verlöschen einer Lampe“. Das Erlöschen aller Verblendung führt zu einem Zustand der Befreiung von allem Wahn.
4) Auf welchem Weg soll dies erreicht werden? - Auf dem Weg der vernünftigen Mitte: weder Genusssucht noch Selbstkasteiung, also: weder Hedonismus noch Askese! Der Weg ins Nirwana ist der berühmte, „heilige achtfache Pfad“:
Das Wissen ist Voraussetzung für ein moralisches Leben, ein Ethos. Durch Geistesschulung versucht man darüber hinaus zur meditativen Sammlung zu gelangen, um so schliesslich aus dem Kreislauf der Geburten (Samsara) erlöst zu werden und ins Nirvana einzugehen.
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Und das Ganze noch einmal in ausführlicherer Form (nach Mahasatipatthana-Suttanata 21): Rechte Einsicht
Das Wissen von der Entstehung des Leidens, das Wissen von der Aufhebung des Leidens, das Wissen von dem zur Aufhebung des Leidens führenden Pfad. Rechter Entschluss Der Entschluss zur Entsagung, der Entschluss zur Enthaltung von Bosheit, der Entschluss zum Nichtschädigen. Rechte Rede Der Lüge sich enthalten, der Verleumdung sich enthalten, der Grobheit sich enthalten, des Plapperns sich enthalten. Rechte Tat
Des Umbringens von Lebewesen sich enthalten, des Nehmens von Nichtgegebenem sich enthalten, des unsittlichen Liebeslebens sich enthalten. Rechter Wandel Das Aufgeben falschen Wandels. Rechtes Streben Die Anspannung des Willens,
um nichtentstandene unheilvolle Dinge nicht entstehen zu lassen, um entstandene unheilvolle Dinge zum Verschwinden zu bringen, um entstandene heilsame Dinge zur Entfaltung zu bringen. Rechte Wachheit
Das Wachen über den Körper nach Aufgabe von Gier und Unmut. Rechte Versenkung
Das Verharren fern von Begierden, fern von unheilvollen Gedanken zur Erreichung der vier Schauungen.
Die Wurzeln unheilsamen Verhaltens lassen sich alle auf die drei Hauptursachen zurückführen: Gier, Hass oder Verblendung. Die Wurzel des heilsamen Verhaltens sind Uneigennützigkeit (Gierlosigkeit), Wohlwollen (Hasslosigkeit) und Weisheit (Einsicht).
Das Minimum des richtigen Weges besteht im Einhalten von vier Verboten/Selbstverpflichtungen: nicht zu töten, - nichtzu lügen, -
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nicht zu stehlen, - sichdes unrechten Wandels in Sinneslust zu enthalten. - Ähnlichwie im Christentum fordert Buddha, dass wir Zorn durch Herzlichkeit und Böses durch Gutes überwinden sollten. Niemals in der Welt hört Hass durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf.
Buddhistische Heilslehre und Nirvana
Der Buddhismus ist keine Welterklärung, sondern eine Heilslehre, ein Heilsweg. 7 Das Dharma sind die Wege und Mittel, die uns helfen, in Harmonie mit unserem Leben zu leben. Die Frage nach einem letzten Urgrund der Welt lässt Buddha mit Verweis auf Wichtigeres unbe-antwortet. Auch kann der Buddhismus keine umfassende Antwort auf das christliche Theodizee-Problem geben: Wie kann ein allmächtiger und allgütiger Gott das menschliche Leiden zulassen? - Auch für Buddhisten gibt es keine Antwort auf die Fragen des Warum des Leidens? Nur steht für sie das konkrete Leiden in der Welt im Zentrum Ihrer Religion. Wie das Leiden überwunden werden kann, ist der Ausgangspunkt des Wegs des Buddhas. 8 Wer von einem vergifteten Pfeil getroffen wird, wird sich nicht zuerst nach dem Schützen erkundigen, sondern unverzüglich seine Wunde von einem fähigen Arzt behandeln lassen. 9 Das Leid, von dem der Mensch zu kurieren ist, ist sein Hängen an seinem eigenen Ich. Er soll durch die Therapie des Buddha lernen, sich von seinem eigenen Ich frei zu machen. Er soll den Weg finden von der Ichbezogenheit und Ichverflochtenheit zu einer Selbstlosigkeit, die ihn dann frei macht für ein allumfassendes Mitgefühl. Weg von der Egozentrik des Ichs, das kein Bestand hat. Es geht um eine religiöse Erfahrung und einen inneren Wandel. Im Ethischen führen sie zu mehr Achtsamkeit und zu Nicht-Gewalt. Wir sind im Irrtum, wenn wir uns als Ich gegen-
7 AlleBuddhisten bekennen sich zu den 3 Zufluchten: dem Buddha (das Vorbild), dem Dharma (die Lehre) und Sangha (die buddhistische Gemeinschaft).
8 Im Christentum hat es gereicht, dass ein Mensch - Jesus - für alle am Kreuz gelitten hat zur Vergebung der Sünden. Damit hat er die Auferstehung aller von den Toten ermöglicht, womit das Leiden ein Ende finden können sollte (Fremderlösung). Im Buddhismus ist hingegen jeder selber gefordert durch einen richtigen Lebens-wandel die Bedingungen für seine Erlösung und sein Eingehen ins Nirwana selber zu schaffen (gutes karma). Buddha konnte uns nur den Weg dorthin, sozusagen als Wegweiser, zeigen, gehen müssen wir ihn hingegen noch selber (Selbsterlösung). Der Egozentrismus wird in beiden Religionen als Grundproblem erkannt. Aber er wurzelt in jeweils verschiedenen Ursachen: einmal im Begehren als alles durchdringendem Lebensdurst, dass andere mal in Ichsüchtigkeit als Ungehorsam und Gottesferne.
9 Um bei diesem Bild zu bleiben, stellt sich die Frage, ob die starke Betonung des Leidens im menschlichen Leben, hier versinnbildlicht durch den vergifteten Pfeil, von dem man getroffen worden ist, ob eine so dramatische Weltsicht nicht gnostische Vorstellungen hervorrufen kann? - Gnosis bedeutet, dass man die Welt negiert und den Schöpfergott als böse erfährt. Der Schöpfergott hat eine übelhaltige, böse Welt geschaffen. Im Gegensatz dazu ist der Erlösergott gut. Er will die Welt vom Bösen befreien und eine neue, heile und gute Welt schaffen.
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über den anderen Erscheinungen abgrenzen. Diese Illusion bedingt Begierde und Hass, die Wurzeln des Leidens.
Das Nirvana, das Ende des Leidens, ist jenseits von Anhaftung. Es ist die wahre und letzte Wirklichkeit. Für Buddha bezeichnet das Nirvana den Zustand, in dem alles egoistische, selbstische Begehren erloschen ist und der Mensch dafür von der Kette der Wiedergeburten erlöst wird. Dieses Nichts - weder seiend noch nichtseiend - bedeutet wegen seiner Friedfertigkeit aber auch Frieden. Das ist vielleicht nicht viel - wahrscheinlich weniger als die hinduistische, ozeanische Alleinheit - aber es ist, nach Buddha, das einzige, was der Mensch erreichen kann. Auch wenn, wegen der Negativität des Begriffs „Nichts“ schlechthin nichts darüber ausgesagt werden kann. Das Nichts entzieht sich allen Worten und Begriffen. Aber dass im Nirvana die Leidensfaktoren, die das Leben ausmachen, fehlen, kann ja durchaus positiv verstanden werden.
Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da.
Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich. Erlösung gibt es, doch nicht die erlöste Person. Den Pfad gibt es, doch keinen Wanderer sieht man da.
Paradigmenwechsel im Buddhismus
Der Buddhismus hat im Laufe seiner Geschichte verschiedene Paradigmenwechsel durchgemacht: von der schlichten mönchischen Elitereligion der Urgemeinde zur Massenreligion und Staats- und Kulturreligion. Dabei ist es zu einer Spaltung in Theravada und Mahayana gekommen. Theravada, die „Lehre der Alten“ bezieht sich auf die direkt von Buddha überlieferte Lehre. Das „Kleine Fahrzeug“ (Hinayana) bietet aber nur Platz für eine Minderheit weltentsagender Mönche und Nonnen. Im Mahayana, der erweiterten Form des Buddhismus, dem „Grossen Fahrzeug“, können neben den Mönchen auch ganz normale Menschen Erlösung erlangen. Weiter gibt es im Mahayana neben Buddha noch weitere erleuchtete Wesen - die Bodhisattvas - die zwar schon ins Nirwana eingehen könnten, aber lieber auf Erden noch helfen alle Lebewesen zu erlösen. 10 Im Mahayana haben alle Dinge eine Buddhanatur. Personsein und Welt sind Illusion. Ein Immaterialismus ist eine Folge davon. 11 Wegen der Allge-
10 EinBodhisattva kann mit einem hinduistischen Guru verglichen werden.
11 Ähnliches hat auch Berkeley gedacht. Es gibt keine vom Bewusstsein unabhängige, körperliche Substanz (Materie). Die eigene Seele ist Ursache meiner Vorstellung - wie wenn ich träume. Alles kommt von dem Geist, der alles in allem wirkt und durch den alles besteht.
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genwart der Buddhanatur muss aber auch schon ein Räuber als Buddha verstanden werden. Die Entdeckung der Buddhanatur führt zur Entwicklung von Mitgefühl. Das eigene Ich ist der Feind, nicht die Aussenwelt. Mit dem tibetischen Vajrayana, dem Diamanten-Fahrzeug kommt es zu einer neuen Drehung des Rads der Lehre. Im wesentlichen wird gelehrt, dass die Energie nicht unterdrückt oder zerstört werden sollte, sondern umgewandelt, so dass wir mit den Energiemustern mitgehen sollten. In Japan gibt es schliesslich als eine Form von modernem Buddhismus, die auch bei uns populär gewordenen ist, den Zen-Buddhismus. Bevor wir aber auf den Zen-Buddhismus etwas genauer zu reden kommen wollen, ein paar Worte zum tibetischen Buddhismus.
2. Tibetischer Buddhismus
Wir alle haben von Natur aus eine Veranlagung zur Buddhaschaft. Die Natur unseres innersten, subtilsten Bewusstseins ist rein. Wut, Hass, Begierde und die anderen Befleckungen sind wechselhaft und peripher. Sie wohnen dem grundlegenden Geist nicht inne. Die grundlegende Buddha-Natur ist der fundamentale, natürlich anwesende Geist des Klaren Lichts, der die subtilste Ebene des Bewusstseins darstellt und die Leerheit erkennt. Damit einher geht eine grundlegende Kraft der Erkenntnis, die zwischen gut und schlecht unterscheiden kann. Vertrauen und Mitgefühl sind Beispiele für das, was von Natur her heilsam ist. Das Wichtigste ist, Handlungen zu unterlassen, die anderen Schaden zufügen. Von selbstsüchtigem Denken und Handeln sollte Abstand genommen werden.
Im Zentrum steht die Zähmung des Geistes. Wichtig ist es, sich - mit Hilfe von Selbstdisziplin und Selbstbewusstheit - zu beherrschen. Durch Einsicht, Entschlossenheit und Willensstärke wird sich die Situation allmählich ändern. Die Schulung ethischen Verhaltens dient dazu, die Ablenkungen des Geistes einzudämmen. Die Schulung der meditativen Konzentration dient dazu, den unausgeglichenen Geist in die Ausgeglichenheit der tiefen meditativen Sammlung zu versetzen. Und die Schulung der Weisheit dient dazu, den unbefreiten Geist zu befreien. Wurzel des Leidens ist ein verkehrtes Bewusstsein, das sich fälschlich eine inhärente Existenz, ein Selbst vorstellt. Deshalb muss die Selbstlosigkeit deutlich bewusst gemacht werden. Der Erleuchtungsgeist ist eine Einstellung, die andere höher schätzt als sich selbst. Seine Wurzel liegt im Mitgefühl. Die Ursache für Glück ist Altruismus, welcher durch Gleichsetzen und Austauschen von Ich und anderen geschult werden kann. Ist es dir möglich, so hilf anderen. Ist es dir nicht möglich, so füge ihnen wenigstens keinen Schaden zu.
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Die Weisheit der Schule des Mittleren Weges ist, dass im Grunde alle Phänomene leer sind. Die Begründung liegt im Abhängigen Entstehen. Wenn die Phänomene inhärent existieren würden, würde dass im Widerspruch stehen zu ihrer Abhängigkeit von Ursache und Wirkung. Die Mitte sein, bedeutet dabei, frei von den beiden Extremen der Beständigkeit und des Nihilismus zu sein. Somit existieren die Phänomene in der Mitte tatsächlich. Nehmen wir das Beispiel eines Keimlings, der von einem Samen hervorgebracht wird. So können wir feststellen, dass der Keimling weder aus Ursachen entstanden ist, die von derselben Entität sind wie er selbst, noch aus Ursachen, die inhärent verschieden sind, noch aus etwas, das beides ist, noch ohne Ursachen. Anderseits aber sollte das Produkt, wenn es tatsächlich so inhärent existiert wie es scheint, bei einer analytischen Suche innerhalb der denkbaren Möglichkeiten für eine inhärente Existenz immer klarer hervortreten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn man den eigentlichen Gegenstand der Benennung „aus dem Samen entstandener Keimling“ sucht, so lässt er sich nicht innerhalb der Möglichkeiten, die für ein inhärentes Entstehen überhaupt in Frage kommen, nicht finden. Etwas Nicht-Existierendes kann gar nicht von Ursachen erzeugt werden. Und etwas, das aus eigener Kraft existiert, braucht nicht von Ursachen erzeugt zu werden. Deshalb können Entstehen und ähnliche Erscheinungen nicht bestimmt werden, wenn man sie in dieser Weise genau untersucht. Die grosse Frage bleibt, warum etwas ist und nicht vielmehr nichts?! Und was das heisst, etwas „ist“, bzw. alles ist „nicht“? Sucht man den Gegenstand der Benennung irgendeines Phänomens, so findet man es nicht an dem Ort, wo es zu existieren scheint. Indes wird die Möglichkeit, dass das Phänomen überhaupt nicht existiert, durch die Erfahrung widerlegt. Aus der Tatsache, dass das gesuchte Phänomen einerseits existiert, aber anderseits bei einer analytischen Suche nicht aufzufinden ist, kann geschlossen werden, dass es nicht aus sich selbst, sondern nur durch die Kraft anderer Umstände existiert. Erkennt man den Fehler in dem Standpunkt, dass die Dinge unabhängig oder aus eigener Kraft existieren, so bleibt keine andere Möglichkeit als ihre abhängige Existenz. 12 Und weil die Dinge in abhängiger Weise existieren, sind sie leer davon, unabhängig, aus eigener Kraft zu existieren. Folglich haben sie eine Natur, die leer ist von solchen Unabhängigkeiten, die man „Selbst“ nennt. Die Leerheit von einem „Selbst“ ist die Bestehensweise der Phänomene (Dalai Lama, 1992). 13
12 In der westlichen, griechischen Philosophie gibt es noch die Position des Platonismus: Alle Dinge dieser Welt haben ihre ihnen zu Grunde liegenden ´Ideen´, mit der ´Idee des Guten´, als höchster Idee.
13 Allerdings bleibt das Problem, das im Westen als Universalienstreit bekannt ist: Woran hängt, worauf baut das Wesen der „Leerheit“? Die endgültige Natur eines Keimlings, seine Leerheit von inhärenter Existenz, ist ein Objekt, das von einem Bewusstsein gefunden wird, das die Existenzweise dieses Keimlings analysiert. Und bezüglich des Keimlings ist die Leerheit die letzte Wirklichkeit. Betrachtet man aber diese endgültige Natur des Keimlings selbst als Eigenschaftsträger, dessen Existenzweise zu analysieren ist, so ist auch diese endgültige Natur nicht aufzufinden. In diesem Sinne wird die Leerheit der Leerheit zur Frage?
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3. Zen-Buddhismus
Beim Zen-Buddhismus handelt es sich um einen ausgesprochenen Meditationsbuddhismus. In ihm sind Religion und Kunst eine innige Verbindung eingegangen. Es geht um eine Verbindung von Schlichtheit und Herbheit, um eine Verbindung von Selbstdisziplin und Ästhetik. Während seiner Blütezeit in China vom 8. bis 13. Jahrhundert nahm er viel von Naturmystizismus und Lebensart des Daoismus auf. Wer als Mensch in der modernen Welt Wert legt auf religiöse Konzentration, Vereinfachung, Verinnerlichung und die unmittelbare Erfahrung des Herzens, der kann dies im Zen finden. Zen heisst soviel wie Sammlung und Versunkenheit. Zur Erleuchtung (satori) wird „Zazen“ geübt: ein absichtsloses stilles „Sitzen in Versunkenheit.“, meditieren über das Nichts. Helfen sollen dabei paradoxe Rätsel und kaum lösbare Denkaufgaben (koan), die aus den Zwängen des Verstandesdenkens ausbrechen lassen (z.B. einen Baum von innen spüren). Dieser Weg der inneren Sammlung und des Leerwerdens des Geistes versucht die dualistische Unterscheidung von Ich und Du, von Subjekt und Objekt aufzuheben, um für die mystische Versenkung und die intuitive Erleuchtung des Geistes frei zu werden.
Der Paradigmenwechsel des Grossen Fahrzeugs hat auch das Verständnis der Erlösung des Nirvanas verändert. Das Nirvana soll nicht erst am Ende des Samsara, des Kreislaufs des Lebens, erreicht werden, sondern mitten im Samsara, im Hier und Jetzt. Wer erleuchtet ist, erkennt, dass gerade die Wesenlosigkeit das wahre Wesen des Universums ausmacht. 14 Diese Erkenntnis soll zu einem Zustand mühelosen Seins führen, zu Weisheit, Gelassenheit, ja Heiterkeit mitten im Leben. Davon kündet das Lächeln des Buddha. Er hat herausgefunden, wie man sinnvoll und glücklich leben kann. Doch ist wer die Leerheit erkannt hat, auch jenseits von Gut und Böse (Küng, 1999: 181-184)?
Dazu eine kurze Konversation zwischen Bodhidharma und dem chinesischen Imperator: „Eine wahrhaft verdienstliche Tat kommt direkt vom Herzen und schaut nicht auf die weltliche Achtung, zu welcher sie einem verhelfen könnte.“ - „Also worum geht es in Ihrer heiligen Doktrin dann?“ - „Unermessliche Leerheit, sonst nichts.“ - „Wer sind dann Sie?“ - „Ich weiss es nicht.“
Zen ist immer paradox, aber häufig auch humorvoll. Nur intellektuell kommt man nicht voran, man muss zuerst bereit sein das begriffliche Denken aufzugeben. Das Studium von Koans ist etwas Neues im Zen-Buddhismus. Jedes Koan deutet auf die letztendliche Realität. Para- 14 FranzösischeExistenzialisten würden wohl das Schlagwort von einer „primären Wesenlosigkeit der Welt“ unterschreiben: „l´existence précède l´essence“. Aber gerade darum muss der Mensch etwas aus sich machen und sich durch den existenziellen Lebensvollzug ein Wesen geben.
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doxie ist essentiell, geht es doch darum begriffliches oder logisches Denken zu überwinden. Der Schock, dass es keine passende Antwort gibt auf die gestellte Frage, sollte heilsam sein und unmittelbare Erfahrung ermöglichen (Hope, 1999: 89-100). Weder Sein noch Nichtsein, meint dass sämtliche Versuche, die Welt zu deuten und das Rätsel des Seins zu ergründen, notwendig in willkürliche Abgrenzungen verfallen und dass der Weise, der sich weder auf Sein noch auf Nichtsein stützt, die ganze Frage als irreführend abtut und streitlos in Schweigen verharrt (Störig, 1988: 65-67).
Buddhismus bedeutet aber auch gelebtes Sozialengagement. Das Übel wird von engagierten Buddhisten von der Wurzel her, von der übergrossen Ichbezogenheit her, bekämpft. Überall ist der einzelne gefordert. Jeder muss selber den Weg gehen. Der Mensch macht sich selbst zu dem, was er ist. Mensch wird man, indem man sich in menschliches Verhalten einübt. Entscheidend ist dabei, das Ich möglichst zu vergessen und sich in Selbstlosigkeit zu üben. Selbstlosigkeit ist Voraussetzung für Wohlwollen, Mitgefühl und Gelassenheit (Küng, 1999: 187-189).
4. Die buddhistische Literatur
Buddha hinterliess nichts Schriftliches, und seine Lehre wurde zunächst nur mündlich tradiert. Die ersten Aufzeichnungen über den Buddhismus entstanden etwa 200 Jahre nach Buddhas Tod zur Zeit von Kaiser Ashoka (-272 bis -232). Die Schriften wurden früh eingeteilt in „Dharma“ = Lehre und mönchische Disziplin = „Vinaya“. Den wichtigsten Texteil bilden die „Sutras“, die angeblich von Buddha selbst stammenden Aussagen. Alle Schriften, die als authentisch gelten, werden in 3 grosse Sammlungen oder Kanons eingesteilt: 1) Das Pali Tripitaka (Hinayana-Schule) 2) Das Chinesische Tripitaka und 3) Das Tibestische Kanjur und Tanjur.
Die Einteilung bezieht sich grob auf den Entstehungs- und Sprachraum der Sammlungen. Daneben sind noch Schriften im indischen Sanskrit erhalten, die aber keinen eigenen Kanon bilden.
Das Hinayana oder „Kleine Fahrzeug“ bildet den Regelkanon der Alten Weisheitslehre. Dieser Kanon wird in drei Kompendien eingeteilt, die jeweils - nach dem Ort ihrer Aufbewahrung - als „Korb“ (pitaka) bezeichnet werden. Die drei Kompendien sind das Vinayapitaka (= die Ordensregeln), das Suttapitaka (= die Lehrreden des Meisters und seiner Mönche in 5 Sammlungen) und das Abhidharmapitaka (= der 7 Bücher umfassende Korb philosophischer
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Texte und Kommentare). Unter den systematischen Darstellungen ist der Visuddhimagga (= Weg zur Reinheit) die bedeutendste. Weiterentwicklungen bei den Auslegungen stammen von Nagarjuna und Asanga. In Ostasien gilt das Lotussutra häufig als höchste Belehrung. Einige Schulen lehnen die Schrifttraditionen ab, um dem eigenen Erfahren in der Meditation mehr Raum zu geben. Dann bleibt allerdings die Tradition erleuchteter Meister wichtig. Die direkte Übertragungslinie vom Buddha bis in unsere Zeit stellt die Reinheit der Belehrung sicher (Hattstein, 1997: 26-29, Scherer, 2003: 20/21).
Im Folgenden wollen wir 3 Textausschnitte wiedergeben, damit ein Bisschen ein Gefühl für Buddha-Weisheitstexte entstehen kann.
„Alles, was an einem anderen Ding hängt, kommt zu Fall. Aber zu dem, was nicht anhängt, kann kein Fall kommen. Wo kein Fall kommt, da ist Ruhe, und wo Ruhe ist, da ist kein Begehren. Wo kein Begehren ist, da kommt nichts und geht nichts. Wo nichts kommt und nichts geht, da ist kein Tod und keine Geburt. Wo weder Tod noch Geburt ist, da ist weder diese Welt noch keine Welt, noch etwas dazwischen. Es ist das Ende allen Kummers.“
„Einst hielten sich bei Savatthi viele Asketen und Brahmanen, Anhänger verschiedener Richtungen, auf. Sie vertraten verschiedene Lehren, glaubten an verschiedene Ansichten und fanden an verschiedenen Meinungen Gefallen. Sie stritten miteinander, zankten, schlugen sich gegenseitig und griffen einander mit scharfen Worten an: ´So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; ja nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so...´
Ihr Mönche, es sind blinde Asketen, sie merken nicht, was wichtig und notwendig ist und was nicht wichtig ist,. Sie erkennen nicht, was die Wahrheit ist und was nicht die Wahrheit ist. Deswegen streiten sie miteinander, zanken, schlagen sich gegenseitig und greifen einander mit scharfen Worten an.
Es ist mir mit ihnen wie mit den Blindgeborenen, die der damalige König von Savatthi zusammenrufen liess. Der König befahl einem seiner Leute: „Zeige ihnen einen Elefanten!“
Einige von den Blindgeborenen zeigte er den Kopf des Elefanten, anderen das Ohr des Elefanten, anderen einen Zahn, anderen seinen Rüsseln, anderen seinen Rumpf, wieder anderen seinen Fuss, anderen sein Hinterteil, anderen seinen Schwanz; den letzten zeigte er das haarbedeckte Ende seines Schwanzes.
Und der König fragte die Blindgeborenen: „Habt ihr euch den Elefanten angesehen?“ “Ja, Herr, wir haben uns den Elefanten angesehen.“ „Nun, beschreibt mal, wie ein Elefant aussieht!“
Die Blindgeborenen, die den Kopf des Elefanten berührt hatten, sagten: Der Elefant ist wie ein Kessel.´
Diejenigen, die das Ohr des Elefanten berührt hatten, sagten: „Wie eine Worfel ist der Elefant.“
Die Blindgeborenen, die den Zahn des Elefanten berührt hatten sagten: „Der Elefant ist wie eine Pflugschar.“
Diejenigen von ihnen, die den Rüssel des Elefanten berührt hatten, sagten: „Wie eine Stange am Pflug ist der Elefant.“
Diejenigen, die aber den Rumpf des Elefanten berührt hatten, sagten: „Der Elefant ist wie ein Kornspeicher.“
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Die Blindgeborenen, die den Fuss des Elefanten berührt hatten, sagten: „Der Elefant ist wie ein Pfeiler.“
Diejenigen, die das Hinterteil des Elefanten berührt hatten, sagten: „Der Elefant ist wie ein Mörser.“
Diejenigen, die den Schwanz des Elefanten berührt hatten, sagten: „Der Elefant ist wie eine Keule.“
Diejenigen endlich, die das Schwanzende des Elefanten berührt hatten, sagten: „Wie ein Besen ist der Elefant.“
Es erhob sich ein lautes Geschrei, und die Blindgeborenen griffen einander mit Fäusten und Händen an und schrien reihum: „So ist der Elefant, der Elefant ist so; nein der Elefant ist so, nicht so ist der Elefant ...“
Der König war bei diesem Spektakel ergötzt und zeigte sich sehr amüsiert. So ist es, ihr Mönche, mit den Asketen und Brahmanen, die verschiedenen Richtungen anhangen. Blind sind sie. Sie merken nicht, was wichtig und notwendig ist, und was nicht wichtig ist. Sie erkennen nicht, was die Wahrheit ist, und was nicht die Wahrheit ist. Sie streiten miteinander, zanken, schlagen sich gegenseitig und greifen einander mit scharfen Worten an.
Ja, manche Asketen und Brahmanen klammern sich an ihre Lehrmeinungen. Es streiten doch miteinander und widersprechen einander nur die Menschen, die lediglich einen Teil des ganzen Wahrheit sehen.“
„Er hat mich doch gekränkt,
geschlagen hat er mich; bedrückt hat er mich, und er hat mich beraubt. Dennoch solltest du deinen Hass ablegen, jeden Streit meiden. Dann ist ein Teil dieser Welt frei vom Bösen geworden.“ Aus: Buddha, 2000: 82, 99-103, 124
5. Westlicher Buddhismus am Beispiel von Hermann Hesse
Wenn ich an das Bild vom verwundeten Menschen, getroffen von einem vergifteten Pfeil, denke, dann scheint mir der Buddhismus eine religiöse Antwort auf eine primär als sehr feindlich empfundene Welt zu sein. Darin unterscheidet sich der Buddhismus nur wenig vom Christentum, in dem, seit dem Sündenfall, zumindest eine „Störung“ in der Welt steckt! Was den religiösen Mythos anbelangt, zeigen Christentum und Buddhismus idealtypisch die Verirrungen einmal einer auf direkter göttlicher Offenbarung aufbauenden Religion, welche meint sich auf eine heilige Schrift berufen zu können, bzw. im anderen Fall der Mythos einer individuellen mystischen Erleuchtung durch Meditation. Beide Religionen haben ihren jeweils inspirierenden Charakter - Grosserzählung, Liebesmystik und der Versuch über das rationale Denken hinaus in den paradoxen Bereich vorzudringen. Aber in ihren jeweiligen Dogmen -
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„heilige Schrift“, bzw. „Erleuchtungsmythos“ - zeigen sie auch klar ihre Grenzen auf. Deswegen gefällt mir ein Buch, wie z.B. der „Siddhartha“ von Hermann Hesse, fast besser. Bei diesem Roman ist es von Anfang an klar, dass er keine „übermenschliche“ Autorität beansprucht. Dafür finde ich die Geschichte religiös sehr inspirierend. Sie handelt von einem er-fundenen „zweiten“ Siddhartha Buddha, der dem geschichtlichen begegnet, aber zum Schluss kommt, dass er selber seinen eigenen Weg finden und gehen muss. Im Gegensatz zum echten Gautama Buddha ist Hesses Siddhartha auch noch nicht so sehr auf die Leere fixiert. Die hinduistische Alleinheit und eine Priese Daoismus sind noch präsent. Im Folgenden ein paar meiner Lieblingszitate zum abschliessen (Hesse, 1974: 113-117):
„Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke ist. Er heisst: von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit lässt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so musste er sie teilen in Sansara und Nirwana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung. Man kann nicht anders, es gibt keinen anderen Weg für den, der lehren will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch oder eine Tat, ganz Sansara oder ganz Nirwana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig. Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, dass Zeit etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Gut und Böse zu liegen scheint, auch eine Täuschung.“
Wenn man diesen Textausschnitt kritisch analysiert, kann man darin eine Sprachkritik der Mystik erkennen. Weiter wird nicht versucht den „Schatten des Bösen“ zu verdrängen, sondern es wird versucht, ihn in die Einheit mitzuintegrieren.
„Der Sünder, der ich bin und der du bist, der ist Sünder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst Nirwana erreichen, wird Buddha sein - und nun siehe: dies „Einst“ ist Täuschung, ist nur Gleichnis! Der Sünder ist nicht auf dem Weg zur Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwicklung begriffen, obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiss. Nein, in dem Sünder ist, ist jetzt und heute schon der künftige Buddha, seine Zukunft ist alles schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den werdenden, den möglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle Sterbenden das ewige Leben.[...] Es gibt in der tiefen Meditation die Möglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen, und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum scheint mir das, was ist, gut. [...]
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Dieser Stein ist bloss ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und Geist werden kann, darum schenke ich auch im Geltung. [...] Dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha [...] [Und dabei ist] er alles längst und immer. [...] Die Liebe [...] scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. [...] Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Erfurcht betrachten zu können.“
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Literaturverzeichnis
Buddha, Gautama. 2000. Worte lebendiger Stille. Herder, Freiburg i.B. Dalai Lama. 1992. Einführung in den Buddhismus - Die Harvard-Vorlesungen. Herder, Freiburg i.B.
Flückiger, Ursula. 2003. Einführung in den Buddhismus - Weisheit und Mitgefühl., in: Lassalle-Haus. Mystische Wege in den Weltreligionen. Bad Schönbrunn. Hattstein, Markus. 1997. Weltreligionen. Könemann, Köln. Hesse, Hermann, 1922/74. Siddhartha. Suhrkamp, Frankfurt a.M. Höffe, Otfried. 2001. Kleine Geschichte der Philosophie. C.H.Beck, München. Hope, Jane, 1999. Introducing Buddha. Icon Books, Cambridge. Küng, Hans. 1999. Spurensuche - Die Weltreligionen auf dem Weg. Piper, Zürich. Küng, Hans. 2000. Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos. Stiftung Weltethos, Tübingen. Scherer, Burkhard (Hg.). 2003. Die Weltreligionen - Zentrale Themen im Vergleich. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh.
Schmid, Georg. 2005. Buddhismus - von der Idealreligion zur paradoxen Normalität, in: In-formationsblatt, September, S. 1-9.
Störig, Hans Joachim. 1988. Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Fischer, Frankfurt a.M.
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Dr. phil. Michael Leicht, 2005, Die Lehre des Buddha und die buddhistische Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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