Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
1.1. Gegenstand. 2
1.2. Forschung. 3
1.3. Fragestellung, Material und Methode. 6
1.4. Aufbau der Arbeit 6
2. Begriffsdefinition Märe, Schwank, Kurzgeschichte. 7
2.1. Gattungsbegriff Märe 7
2.2. Quellen 11
2.3. Realismus. 13
2.4. Figurentypen 15
3. List 17
3.1. Definition von List 18
3.2. Das Listmotiv in der mittelhochdeutschen Kleinepik 21
3.3. Kriterien der Listuntersuchung 24
4. Aristoteles und Phyllis 27
4.1. Quellen und Stoffgeschichte 27
4.2. „Aristoteles und Phyllis“: Inhalt. 30
4.3. Die List in „Aristoteles und Phyllis“ und in den anderen Fassungen. 32
4.4. Die Fastnachtspiele 44
4.5. Zusammenfassung „Aristoteles und Phyllis“ 53
5. Die Unschuldige Mörderin 56
5.1. Der Autor Heinrich Kaufringer. 56
5.2. Quellen- und Stoffgeschichte 60
5.3. „Die unschuldige Mörderin“: Inhalt 61
5.4. Die List in „Die unschuldige Mörderin“ und in den anderen Fassungen. 62
5.5. Zusammenfassung „Die unschuldige Mörderin“ 75
6. Ritter Alexander. 78
6.1. „Ritter Alexander“: Quellen und Stoffgeschichte 78
6.2. „Ritter Alexander“: Inhalt 79
6.3. Die List in „Ritter Alexander“ und „Ritter Trimunitas“ 80
6.4. Zusammenfassung „Ritter Alexander“ 86
7. Schlußbetrachtung und Ausblick. 88
8. Literaturverzeichnis. 92
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1. Einleitung
1.1. Gegenstand
In vorliegender Arbeit untersuche ich das Thema der List in der mittelhochdeutschen Kleinepik anhand dreier ausgewählter Mären: „Aristoteles und Phyllis“, Heinrich Kaufringers „Die unschuldige Mörderin“ und „Ritter Alexander“. Die hier genannte Kleinepik wird der Gattung Märe zugeordnet, wobei es sich um kurze Episoden aus dem Leben und der Welt des Mittelalters seit dem 13. Jahrhundert handelt. Das Märe umfaßt, je nach Art, entweder schwankhafte Elemente, die auf einer Verkehrung der Welt basieren oder didaktische Elemente, die dem Leser Moral- und Ethikvorstellungen mit auf den Weg geben. Zudem ist es in Reimpaarversen verfaßt. Es gibt drei verschiedene Arten des Märe: Das höfischgalante Märe, zu dem „Ritter Alexander“ zu zählen ist, das moralisch-exemplarische Märe („Die unschuldige Mörderin“) sowie das schwankhafte Märe („Aristoteles und Phyllis“).
Ein wichtiger Bestandteil des Märe ist das Thema der List: Der Listanwender benutzt stets eine Mischung aus Torheit und Klugheit, woraus sich immer eine Handlungskomik entwickelt. List selbst meint eine geschickte Täuschung, und kann sowohl destruktiv als auch konstruktiv eingesetzt werden. Die ausgewählten Mären haben zum Inhalt, Wahrheiten und Identitäten zu ver-bergen. Wichtig sind aber auch die Strategien und Mittel, mit denen überlistet wird sowie, warum überhaupt eine List angewandt wird. Zu den Mitteln gehören beispielsweise Täuschungen auf der sprachlichen Ebene (Falsch-, Teilaussagen) oder auch Gegenstände, die zweckentfremdet eingesetzt werden.
In eine List sind meistens zwei Personen involviert, nämlich Spieler und Gegenspieler, wobei der Gegenspieler derjenige ist, der gegen die listige Person spielt. Der Gegenspieler möchte einen Plan durchsetzen, der dem Spieler, bzw. Listanwender, widerstrebt, weshalb sich der Listanwender gezwungen sieht, die Situation zu seinen Gunsten zu ändern, ohne daß der Gegenspieler den Plan durchschaut. Hierbei handelt es sich meist um eine intellektuelle Verstandesleistung des Listanwenders, denn er versucht, Logik auszuhebeln und einen Sachverhalt so komplex wie möglich darzustellen, um den Gegenspieler zu verwirren. Der Gegenspieler hingegen geht davon aus, seinem Gegenüber gewachsen bzw. überlegen zu sein.
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Diese Thematik ist im Schwank handlungsbestimmend und fördert die Dynamik, außerdem basiert sie auf der oben genannten intellektuellen Verstandesleistung und der Realitätsblindheit des Listopfers, das bei Gelingen der List verspottet wird. In dieser Arbeit wird der Frage nachzugehen sein, mit welchen Mitteln und aus welcher Motivation heraus die Frauen ihre „Gegenspieler“ überlisten, und ob und warum die List gelingt bzw. nicht gelingt. Ziel ist es herauszufinden, ob die Frauenfiguren ähnlich verfahren, ob die List aus ähnlichen Gründen Erfolg hat oder nicht. Außerdem soll untersucht werden, ob Ehre und Ansehen der Frauen beschädigt werden oder nicht.
1.2. Forschung
Wer in der Märenforschung speziell zum Thema List recherchiert, findet nur hier und da einen Satz. Zwar existiert durchaus Literatur über die List beispielsweise in „Tristan und Isolde“, die deutsche Märendichtung ist in dieser Hinsicht aber anscheinend noch nicht ausführlich behandelt worden. Lediglich Hartmut SEMMLER 1 hat über die Listmotive in der mittelhochdeutschen Kleinepik geschrieben, die hier behandelten Mären aber nicht ausführlicher betrachtet. Einer der wichtigsten Forscher der Märendichtung war Hanns FISCHER 2 , der in seinem Buch „Studien zur deutschen Märendichtung“ das Märe analysiert und den Versuch eine Kategorisierung unternimmt. Er verschafft der Leserschaft mit seinem Buch einen wichtigen Überblick über die Kleinepik und begründet darüber hinaus auch den Märe-Begriff für Teile der mittelhochdeutschen Kleinepik. Joachim HEINZLE 3 , ein wichtiger Kritiker der Begriffsdefinition, legt in seinem Aufsatz „Märenbegriff und Novellentheorie“ dar, warum der Begriff Märe nicht passend für die mittelhochdeutsche Kleinepik ist.
1 Semmler, Hartmut: Listmotive in der mittelhochdeutschen Kleinepik. Zum Wandel ethischer Normen im Spiegel der Literatur. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1991.
2 Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2. durchgesehene Auflage besorgt von Johannes Janota. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 1983.
3 Heinzle, Joachim: Märenbegriff und Novellentheorie. Überlegungen zur Gattungsbestimmung der mittelhochdeutschen Kleinepik (1978). In: Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Hg. v. Karl-Heinz Schirmer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1983.
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Klaus GRUBMÜLLER 4 trägt auch einen wichtigen Teil zur Forschung bei, denn seine „Novellistik des Mittelalters“ führt zahlreiche Mären inklusive Stellenkommentar mit vielen Querverweisen auf. Forschungsliteratur, die sich gezielt auf die in vorliegender Arbeit behandelten Mären bezieht, ist eher rar gesät. Über „Aristoteles und Phyllis“, eine sehr bekannte und in vielen Bildern dargestellte Geschichte, gibt es durchaus mehr Literatur. Am umfassendsten hat sich Cornelia HERRMANN 5 mit der Thematik befaßt. Sie gibt zum einen Überblick hinsichtlich der Überlieferungsgeschichte und zum Motiv des Themas, zum anderen geht sie auch auf die Bildmotive ein. Auch das von Hellmut ROSENFELD bearbeitete Benediktbeurer Fragment stellt einen wichtigen Vergleich zu der Straßburger Fassung dar, benennt Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Die Aufsätze zum Thema „Aristoteles und Phyllis“ oder generell zum „Minnesklaven“ unterscheiden sich im Endeffekt nicht besonders voneinander. Zum Thema „Die unschuldige Mörderin“ geben Kurt RUH 6 und Ralf-Henning STEINMETZ 7 in ihren jeweiligen Aufätzen eine mögliche Erklärung, warum Kaufringer sich gegen ein mirakelhaftes Ende entschieden hat. Hilfreich und am aktuellsten ist auch Marga STEDES 8 Dissertation über Heinrich Kaufringer. Zusammen mit RUHS und STEINMETZ’ Aufsätzen ergibt sich daraus ein plausibles und verständliches Bild über den Autor, seine möglichen Motivationen beim Schreiben und Hintergründe darüber, warum er sehr darauf bedacht war, den Rezipienten Ethik- und Moralvorstellungen näher zu bringen. Karl EULINGS 9 Monographie über Kaufringer gibt Erklärungen in Bezug auf Herkunft und Leben des Autors, was durch Hanns FISCHERS „Studien“ abgerundet wird. EULINGS Werk ist in manchen Punkten veraltet und stimmt teilweise nicht mit dem aktuellen Forschungsstand überein. Allerdings hat er durchaus einen Vergleich zwischen den
4 Grubmüller, Klaus (Hrsg): Novellistik des Mittelalters, Märendichtung. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt/Main 1996.
5 Herrmann, Cornelia: Der „Gerittene Aristoteles“. Das Bildmotiv des „Gerittenen Aristoteles“ und seine Bedeutung für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung vom Beginn des 13. Jhs. bis um 1500. Centaurus-Verlagsgesellschaft. Pfaffenweiler 1991.
6 Ruh, Kurt: Kaufringers Erzählung von der ‚Unschuldigen Mörderin’. In: Smits, Kathryn; Besch, Werner; Lange, Victor (Hrsg): Interpretation und Edition deutscher Texte des Mittelalters. Festschrift für John Asher. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1981. S. 165-177.
7 Steinmetz: Ralf-Henning: Heinrich Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. In: Beiträge zu Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Bd. 121 (1999). S. 47-74.
8 Stede, Marga: Schreiben in der Krise. Die Texte des Heinrich Kaufringer. Wissenschaftlicher Verlag Trier 1993.
9 Euling, Karl: Studien über Heinrich Kaufringer. Verlag von M. & H. Marcus. Breslau 1900.
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verschiedenen Fassungen von „Die unschuldige Mörderin“ gezogen. Ansonsten existieren kaum Aufsätze, die sich direkt auf „Die Unschuldige Mörderin“ beziehen; viele vereinzelte Informationen stammen aus unterschiedlichen Quellen. Am schwierigsten sieht die Forschungslage bei „Ritter Alexander“ aus. Über dieses Märe an sich findet sich nichts, lediglich das Verfasserlexikon bietet einigen Aufschluß sowie wenige Verweise zu weiterer Sekundärliteratur. Deswegen habe ich mich bei „Ritter Alexander“ stark auf die Motive gestützt, wie beispielsweise die Ehe- und Verkleidungsthematik. Hier helfen die Bücher von Monika JONAS 10 und Monika LONDNER 11 : Während LONDNER auf die Ehe und Rolle der Frau im Mittelalter eingeht, Hintergründe und Erläuterungen liefert, kann Monika JONAS ergänzend in Bezug auf die Ehe und Rolle der Frau im Schwank hinzugezogen werden. Abgerundet wird das Bild noch von Rainer WEHSES 12 Aufsatz zur Frau in Männerkleidung.
Die wichtigste Grundlage für die vorliegende Arbeit bildet die Forschung zur List. Hartmut SEMMLER 13 gibt einen allgemeinen Überblick über die Listmotive in der mittelhochdeutschen Kleinepik. Seine Liststrukturierungen stellen eine wichtige Basis für die Listanalyse dieser Arbeit dar und dienen als Leitfaden für die Frage, worauf bei einer literaturwissenschaftlichen Analyse der List zu achten ist. Sehr aktuell und ergänzend dazu ist HARRO VON SENGERS 14 „Die Kunst der List“: Hier werden konkrete Merkmale und verschiedene Strategeme der List aufgezeigt. Ebenfalls aktuell ist der Sammelband VON SENGERS „Die List“, in dem verschiedene Aufsätze zum Thema stehen, die die List auf unterschiedliche Weise bearbeiten. Auf der linguistischen Ebene betreibt Alexander SCHWARZ 15 eine Listanalyse und liefert somit noch vertiefende Hintergrundinformationen.
10 Jonas, Monika: Der spätmittelalterliche Versschwank. Studien zu einer Vorform trivialer Literatur. Innsbrucker Beitrage zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe Bd. 32. Innsbruck 1987.
11 Londner, Monika: Eheauffassung und Darstellung der Frau in der spätmittelalterlichen Märendichtung. Eine Untersuchung auf der Grundlage rechtlich-sozialer und theologischer Voraussetzungen. Berlin 1973.
12 Wehse, Rainer: Frau in Männerkleidung. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 5. Walter de Gruyter Verlag, Berlin. New York 1987. Sp. 168-186.
13 Semmler, Hartmut: Listmotive in der mittelhochdeutschen Kleinepik. Zum Wandel ethischer Normen im Spiegel der Literatur. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1991.
14 Senger von, Harro: Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden. Beck’sche Reihe. München 2001.
15 Schwarz, Alexander: Tills List. In: Germanistische Linguistik - Bausteine zur Sprachgeschichte der deutschen Komik. Hg. v. Alexander Schwarz. Georg Olms Verlag. Hildesheim, Zürich, New York, 2000. Sowie derselbe: Reineke Fuchs. Till Eulenspiegel und das Problem der List in Deutschland. In: Die List. Hg. v. Harro von Senger. Ed. Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1999. S.304-321.
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1.3. Fragestellung, Material und Methode
Bei der Untersuchung der List von Frauen in der mittelhochdeutschen Kleinepik wird zu klären sein, mit welchen Mitteln und warum die literarischen Frauengestalten zur List greifen, wie die Haltung des Autors dazu ist, und wie die Frauen dargestellt werden. Dabei werden literarische Fiktion und mittelalterliche Wirklichkeit gegenübergestellt sowie bestimmte Sachverhalte geklärt, wie beispielsweise die Eheauffassung und Rolle der Frau. Insgesamt soll herausgearbeitet werden, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen den Mären gibt. Als Basis dienen die drei Mären „Aristoteles und Phyllis“, „Die unschuldige Mörderin“ und „Ritter Alexander“ und deren jeweiligen Versionen, die als stoffgeschichtlicher Hintergrund dienen. Die Grundlage und der sogenannte rote Faden ist das Material zur List: Alle drei Mären einschließlich deren Fassungen untersuche ich in gesonderten Kapiteln nach ganz bestimmten Kriterien in Bezug auf List. Dazu dienen unter anderem die oben besprochenen Aufsätze zum Thema List. Bei der Analyse wird chronologisch vorgegangen, es wird folglich mit der ältesten überlieferten Geschichte „Aristoteles und Phyllis“ begonnen, es folgt „Die unschuldige Mörderin“ und danach „Ritter Alexander“. Innerhalb der jeweiligen Kapitel werden die verschiedenen Versionen der Mären parallel miteinander verglichen und zudem auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich der List untersucht. Am Ende eines jeden Kapitels werden die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefaßt.
1.4. Aufbau der Arbeit
Im theoretischen Teil wird ein Überblick über das Märe gegeben, wobei FISCHERS „Studien zur deutschen Märendichtung“ als Orientierung dient [2.1.], anschließend folgen Angaben zur Quellenlage [2.2.], Realismus in den Mären [2.3.] und Figurentypen [2.4.]. Dieses Kapitel soll ein wichtiger Grundstock zum Verständnis der in vorliegender Arbeit ausgewählten Mären sein und einen Einblick in die literarische Schaffenszeit bezüglich Kleinepik im Mittelalter geben. Kapitel 3 handelt von der List, wobei zunächst eine Definition des Begriffs folgt [3.1.] sowie ein Abriß darüber, welchen Ursprungs das Wort ist, und was es vor allem im Mittelalter für eine Bedeutung hat. Der anschließende Abschnitt behandelt das Listmotiv in der mittelhochdeutschen Kleinepik und welche Funktion List vor allem die Frauen betreffend hat. In Unterkapitel 3.3. geht es um die Kriterien der
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Listuntersuchung. Dieses Kapitel dient als Leitfaden, worauf bei der Analyse der Mären geachtet wird und welche Arten der List existieren. Es schließt sich eine kurze Zusammenfassung auf das an, was im Analyseteil folgt. Dabei wird noch einmal das chronologische Verfahren und die synchrone Analyse der Mären und deren Fassungen erklärt [3.4.]. Nachdem die Grundlagen der Analyse geklärt sind, beschäftigen sich Kapitel 4, 5 und 6 mit ihren jeweiligen Unterkapiteln mit den Mären. Die Kapitel sind wie folgt aufgebaut: Für das Vorverständnis werden Fragen zur Quellen- und Stoffgeschichte geklärt, anschließend wird das jeweilige Märe inhaltlich wiedergegeben, worauf die Listanalyse folgt. Auf diese Weise sollen das Verständnis und die Zusammen-hänge der einzelnen Geschichten verdeutlicht werden. Die Zusammenfassung am Ende eines Kapitels hebt noch einmal die wichtigsten Punkte und Beobachtungen hervor.
2. Begriffsdefinition Märe, Schwank, Kurzgeschichte
Bevor in medias res gegangen wird, folgt ein Einblick in die Gattungsgeschichte der mittelhochdeutschen Kleinepik. Im Gegensatz zum höfischen Roman schenkte die Forschung der Kleinepik nicht so viel Beachtung, weil sie als anspruchslos und derb galt. Hanns FISCHER, Vorreiter der Kleinepikforschung, beschäftigte sich ausführlich mit dieser Thematik und prägte den Gattungsbegriff Märe.
2.1. Gattungsbegriff Märe
Das Märe konzentriert sich inhaltlich auf eine kurze, schmale Geschehnisstrecke, zeigt auch nur einen Ausschnitt von Leben und Welt und fokussiert auf „eine oder wenige eng zusammenhängende Episoden und die prägnante Herausarbeitung des Vorgangs.“ 16 Eine formale Gemeinsamkeit der mittelalterlichen Märendichtung ist die Verslänge, die sich laut FISCHER durchschnittlich zwischen 500 und 1000 Versen befindet. 17 Zudem zählt das Märe zur Reimpaardichtung.
FISCHER lehnt in seinem Buch „Studien zur deutschen Märendichtung“ den Novellenbegriff für die mittelalterliche Kleinepik ab, denn die mittelalterliche
16 Fischer: Studien. S. 57.
17 Vgl. ebd. S. 32.
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Novelle habe mit der aus der neueren deutschen Literatur wenig gemeinsam. 18 Daraus ergibt sich eine terminologische Konsequenz: Der Begriff Märe bietet sich deswegen an, weil er noch nicht anderweitig verwendet wurde und „seine Verwendung zur Bezeichnung [dieser] Gattung einen gewissen Rückhalt im mittelalterlichen Sprachgebrauch hat.“ 19 HEINZLE kritisiert FISCHERS Terminologie, denn es ist schließlich so, daß sich FISCHERS Märenbegriff „faktisch als Übertragung einer modernen Novellendoktrin auf die mittelalterlichen Texte darstellt.“ 20 Inhaltlich seien sich die Novelle und das Märe nämlich sehr ähnlich, denn beide Gattungen, wenn man Märe denn als eigenständige Gattung bezeichnen kann, zielten jeweils auf Diesseitigkeit und Wirklichkeitsmäßigkeit ab, weshalb HEINZLE die Märentheorie als Ableger der Novellentheorie klassifiziert. 21 FISCHER mache seinen Gattungsbegriff an Boccaccios ‚Decameron’ fest, und das bedeute, daß er im Endeffekt doch die moderne Novellentheorie gebrauche. 22 FISCHERS Klassifizierung sieht folgendermaßen aus: Die Märendichtung besitzt eine triadische Grundstruktur, nämlich das schwankhafte, das höfisch-galante und das moralisch-exemplarische Märe. 23 Das schwankhafte Märe hat das entscheidende Merkmal des rediculum. FISCHER nennt hier vier Grundarten von Komik, die im Schwank in Erscheinung treten: Figurenkomik, Situationskomik, Wortkomik und Handlungskomik. 24 Die Mehrheit der Schwänke ist laut FISCHER aber auf die „Überlistung des tumben“ angelegt, wobei der Listanwender seine Dynamik aus einer Mischung zwischen Torheit und Klugheit bezieht. 25 Interessant ist, daß sich die Handlungskomik meist aus der Erotik kristallisiere, denn gerade die amourösen Vorgänge bergen einen komischen Reizeffekt. FISCHER meint dazu, daß die behandelten Ehebrüche, Kraft- und Treuproben oder auch Verführungen Illustrationsbeispiele für den Sieg der Klugheit über die Torheit sind. Spannend
18 An dieser Stelle muß aber gesagt werden, daß Hanns Fischer darauf hinweist, daß sowohl Klassifikation als auch Terminologie einen experimentellen Charakter haben und sich bestimmt noch an vielen Stellen verbessern oder präzisieren läßt. (Fischer, S. 33)
19 Vgl. ebd. S. 31.
20 Heinzle: Märenbegriff und Novellentheorie. S. 106.
21 Vgl. ebd., S. 97f. Heinzle nennt außerdem auch Beispiele und Schriften aus der neueren Literatur, wie beispielsweise von Wieland, der angemerkt habe, die Novelle müsse sich in die wirkliche Welt begeben haben, wo alles natürlich und begreiflich sei. Zudem nennt Heinzle auch Boccaccios ‚Decameron’ als wichtigen Punkt, der seine Theorie unterstreiche. So meint Heinzle: „Geht man mit Fischers Märendefinition an die Lektüre des Decameron, dann stellt man fest, daß so gut wie alle Novellen, die da erzählt werden, inhaltlich als Märe gelten können.“
22 Vgl. Heinzle: Märenbegriff und Novellentheorie. S. 97.
23 Vgl. Fischer: Studien. S. 101.
24 Vgl. ebd. S. 102.
25 Vgl. ebd.
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daran ist, daß die amourösen Abenteuer meist in einer sehr heiklen Situation entstehen, weswegen sich die Figuren einer ganz besonderen Listschlauheit bedienen müssen. 26 FISCHER schließt daraus, daß „der geistig Bewegliche, Listige, Lebenskluge auf Grund einer Art von Naturrecht die Oberhand behält über den geistig Trägen, Törichten und Ungewandten.“ 27 Wenn dem so ist, dann ist „Aristoteles und Phyllis“ in doppeltem Sinne komisch, denn gerade der weise und geistig gewandte Aristoteles wird überlistet und verfällt der Minne, was ihn im Sinne von FISCHERS Schlußfolgerung zu einer geistig trägen Figur macht. Das höfisch galante Märe ist in gewisser Weise vergleichbar mit dem höfischen Roman, denn der Schwerpunkt liegt auf tugendhaftem Verhalten in gefahrvollen und innerlich konfliktbeladenen Situationen, „wobei der Minne als seelischer Triebkraft auch in den Aventuire-Geschichten meist die entscheidende Rolle zufällt.“ 28 Menschliche Handlungen sollen im höfisch-galanten Märe als vorbildhaft gelten. Ziel ist dabei weniger die Unterhaltung des Publikums, sondern, wie FISCHER es ausdrückt, eine Art von höfisch-gesellschaftlicher Erbauung. 29 Zu diesem Themenkreis ist „Ritter Alexander“ zu zählen, denn die Ehefrau Alexanders handelt in jedem Fall äußerst vorbildlich und tugendhaft: Sie erträgt das Verhalten ihres Mannes und rettet ihn zugleich mit viel List aus einer gefährlichen Situation. Elemente dieser Kurzgeschichte erinnern außerdem sehr stark an den höfischen Roman. 30
Das moralisch-exemplarische Märe zielt auf das Aufzeigen bestimmter moralischer Positionen ab, die im Pro- und Epimythion (vergleichbar mit Pro- und Epilog) besonders hervorgehoben werden. In „Die unschuldige Mörderin“ weist Kaufringer besonders an diesen Stellen immer auf die Unschuld und das rechtmäßige Handeln seiner Protagonistin hin - ihre Gegenspieler werden im Gegenzug immer mit negativen Attributen ausgestattet.
Obwohl die Teilaspekte des Märenbegriffs stark voneinander abgegrenzt scheinen, heißt das nicht, daß beispielsweise schwankhafte Elemente nicht auch im moralisch-exemplarischen Märe vorkommen können. Die Grenzen sind meist
26 Vgl. Fischer: Studien. S. 104.
27 Vgl. ebd. S. 108.
28 Vgl. ebd. S. 109.
29 Vgl. ebd. S. 111.
30 Vgl. hierzu das Kapitel 6 zu „Ritter Alexander“.
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fließend, so ist „Aristoteles und Phyllis“ beispielsweise ein Schwank mit höfischem Einfluß.
Die Ursache für diese „Vermischungs- und Angleichungserscheinungen“ 31 der Märentypen sucht FISCHER in der Funktions- und Überlieferungs-gemeinschaft und stellt dabei die Wellentheorie auf. Seiner Meinung nach ist das höfisch-galante Märe mit dem höfischen Roman verwandt, weil sich beide Formen thematisch und intentional ähnlich sind. Das moralisch-exemplarische Märe hingegen ähnelt doch sehr dem bîspel, weswegen FISCHER davon ausgeht, daß auch hier eine „genetische Verbindung“ vorliegt. 32 Dennoch stört HEINZLE sich an der klaren Abgrenzung von Bîspel und Märe, die FISCHER vornimmt, denn diese Abgrenzung ist für ihn nicht nachvollziehbar. Der Unterschied zwischen Märe und Bîspel ist eigentlich keiner, außer daß das Bîspel weniger Verse aufweist und deswegen recht knapp ist. Das Märe ist epischer ausgerichtet und erhebt aufgrund seiner Länge möglicherweise eher einen ästhetischen Anspruch als einen didaktischen. Dennoch ist es für HEINZLE widersinnig, Klein- und Kleinstformen kategorial zu unterscheiden. 33 „Mhd. Bîspel steht im epischen Bereich für alle Erzählungen gleich welchen Umfangs, sofern sie nur exemplarisch auf eine Lehre angelegt sind.“ 34 Gleiches gelte häufig auch für das Märe. Der Märenbegriff bedeute im Übrigen ‚Erzähltes’ bzw. ‚Geschichte’. Desweiteren stellt sich HEINZLE die Frage, wann die Lehre anfängt und die Unterhaltungsintention des Autors aufhört. 35 Der Schwank hingegen stehe als Typ isoliert und weise keinerlei Ähnlichkeiten mit anderen Literaturtypen des Mittelalters auf. 36 Für FISCHER liegt es außerdem nahe, daß es der Schwank war, für den die Form des Märe geschaffen wurde, weil die anderen Aspekte anderen Quellen entspringen. Der Schwank ist also laut FISCHER der Urtyp des Märe.
HEINZLE kritisiert an FISCHERS Forschung, daß der Märenbegriff zu weit gefaßt sei. FISCHER bringe den Inhalt des Märenbegriffs auf den kleinsten gemein- 31 Fischer:Studien. S. 115.
32 Vgl. ebd.
33 Vgl. Heinzle: Märenbegriff und Novellentheorie. S. 99.
34 Vgl. ebd.
35 Vgl. Heinzle: Märenbegriff und Novellentheorie. S. 101f. Als Beispiel stellt er die Kurzgeschichten „Hellerwert Witz“ und „Pfennigwert Witz“ gegenüber. Beide Geschichten hätten denselben Inhalt, wobei erstere 630 Erzählverse, letztere aber nur 92 Erzählverse aufweise. Demnach gehöre „Ein Pfennigwert Witz“ zu den sogenannten „Grenzfällen“, weil dieses Märe nur um Haaresbreite der Klassifizierung zum bîspel entgehe.
36 Fischer schreibt, daß 80% aller Mären auf den Schwank, jedoch nur 15% auf das höfisch-galante und nur 5% auf das moralisch-exemplarische Märe fallen. Vgl. dazu „Studien“. S. 115.
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samen Nenner, nämlich den, daß auch diejenigen Kurzgeschichten des Mittelalters Mären seien, die eine „weltliche Geschichte mit menschlichem Potential“ erzählten. 37 Zudem kann sich HEINZLE nur schwerlich vorstellen, daß ein mittelalterlicher Autor mit eben jener Intention an sein Werk ging, eine weltliche Geschichte mit menschlichem Personal zu schreiben. 38 FISCHER gebe keine Antwort darauf, warum beispielsweise alle Märentypen zu einer Gattung zusammengefaßt worden seien, denn theoretisch könnten ja auch sowohl das höfisch-galante als auch das moralisch-exemplarische Märe oder auch die Schwänke eine eigene Gattung stellen. 39 FISCHERS Definition weise keine Prägnanz auf, sei nicht traditionsstiftend und erfasse deswegen keine wirksam gewesene Größe. 40 Der Märenbegriff sei de facto nicht einprägsam.
Der Einfachheit halber wird in vorliegender Arbeit der Märenbegriff verwendet.
2.2. Quellen
Die Schwankdichtung ist eine Schöpfung des 13. Jahrhunderts. Zur gleichen Zeit entstand eine Schwankliteratur in Frankreich, Italien und England. Allerdings läßt sich nicht zurückverfolgen, wer der Gebende und wer der Nehmende war, weswegen Heinz RUPP 41 das Schlagwort der „Europäischen Literatur des Mittelalters“ gebraucht, denn die Beziehungen gehen hin und her. 42 Frauke FROSCH-FREIBURG 43 ist mit RUPP einer Meinung. In ihrem Buch „Schwankmären und Fabliaux. Ein Stoff- und Motivvergleich“ erklärt sie, daß die Stoffe und Motive der mittelalterlichen Schwänke häufig keine original „Schöpfung“ des einzelnen Schwankdichters waren, sondern einem weit verbreiteten Erzählreservoir entstammten. Da die Stoffe, Motive und Situationen weit verbreitet waren, konnten sie zu den verschiedensten Epochen vor und nach der Fabliaux- und Märendichtung
37 Fischer: Studien. S. 95. Wortwörtlich schreibt Fischer: „Mit Hilfe dieser Positionsbestimmung der Formverwandten haben wir nun das Märe auf der Ebene gemeinsamer Formalkriterien soweit eingekreist, daß sich ein stofflicher Gegenstand abzeichnet: der fiktive, innerweltlich-profane und von menschlichen Personagen getragene Vorgang. (Fischer: Studien. S. 55)
38 Vgl. ebd.
39 Vgl. ebd. S. 93.
40 Vgl. ebd. S. 94.
41 Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters In: Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Hg. v. Karl-Heinz Schirmer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1983.
42 Vgl. ebd. S. 35.
43 Frosch-Freiburg, Frauke: Schwankmären und Fabliaux. Ein Stoff- und Motivvergleich. Verlag Alfred Kümmerle. Göppingen 1971.
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verwendet werden. 44 Sie weist außerdem darauf hin, daß die mittelalterlichen Mären aus einer Vielzahl von Komponenten und Quellen entstanden. Dazu gehörten beispielsweise orientalische Quellen, heimischer Aberglaube oder mündliche Überlieferungen, die im Laufe der Zeit immer wieder abgewandelt worden seien. Diese ganzen Faktoren trugen dazu bei, daß die Quellen oftmals sehr schwer oder auch gar nicht zu bestimmen waren. Die verschiedenen Schichten der Überlieferung (etwa: heimische Erzählung plus Einfluß orientalischer Erzählstoffe plus neuerliche Überdeckung durch eigene Motive) sind daher kaum voneinander unterscheidbar. Die mittelalterlichen Schwankstoffe sind demnach ein Mix aus zeitlich und räumlich sehr entfernten Gebieten. 45 „Aristoteles und Phyllis“ ist ein Beispiel einer orientalischen Erzählung, die mündlich weiter verbreitet wurde. Aber warum folgte die Märendichtung gerade auf die höfische Dichtung? Die höfische Dichtung galt lange Zeit als das Non plus Ultra des Mittelalters. Inhaltlich wird Wert auf die tugenden und das aventuire gelegt, durch das sich der Held beweisen muß, um zu reifen. Heribert HOVEN 46 versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum nun gerade die derbe Märendichtung der idealisierten höfischen Dichtung folgte. Für ihn liegt es daran, daß die Gattung eine Zeit spiegelt, in der die Grenzen sozialer Kategorien und Klassen und somit die Kriterien sittlicher und moralischer Werte fließend werden. Im Grunde führt er diesen Wandel auf eine Art „Protestverhalten“ der höheren Schichten zurück. HOVEN sieht es als eine logische Konsequenz, daß nach diesem Idealisierungs-anspruch der Minne, der auch den Triebverzicht enthält, eine antiidealistische Position in der Märendichtung zur Geltung kommen muß. Zwar scheint die Klientel der Mären auf den ersten Blick einer anderen Gesellschaftsschicht zu entstammen, doch handelt es sich laut HOVEN durchaus um einen wichtigen Bestandteil „einer sozial und bildungsmäßig den höheren Kreisen zuzuordnenden Gesamtwirklichkeit.“ 47 Schließlich begehre nur derjenige gegen ein übersteigertes Minneideal auf, der sich dadurch beengt fühle. 48 Das gleiche gelte für die höfische Sprachdezenz, gegen die nur derjenige in
44 Vgl. Frosch-Freiburg: Schwankmären. S. 239.
45 Vgl. ebd. S. 240.
46 Vgl. Hoven, Heribert: Studien zur Erotik in der deutschen Märendichtung. Kümmerle Verlag. Göppingen 1978. S. 387.
47 Vgl. ebd.
48 Monika Londner stimmt mit Hoven im Wesentlichen überein. Sie glaubt, daß die teilweise negative Darstellung der Frau eine Reaktion auf die übersteigerte Frauenverehrung der höfischen Dichtung gewesen sein muß. Die Frau habe hier eine Erhöhung in einer kleinen elitären Schicht erfahren, und das fordere einen Gegenpol, der dann häufig in den Schwänken zu finden sei. Vgl. Londner. S. 356.
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komischer bzw. parodistischer Weise aufbegehre, der sich durch sie reglementiert sehe. Gerade deshalb beruhe wohl die Komik der Märendichtung bevorzugt darauf, Anspruch und Wirklichkeit zu durchbrechen, was für die oberen Gesellschaftsschichten als durchaus befreiend gewirkt habe. Die märenspezifische Erotik fülle zudem eine Lücke, die das Ideal der Hohen Minne hinterlasse. „Neben die entsagungsvolle Liebessehnsucht tritt [beispielsweise] eine Liebe, die ihr Ziel kennt und auch erreicht.“ 49
Die Schwankdichtung wirkt durch ihre Derbheit, und dadurch, daß menschliche Schwächen klar aufgezeigt werden, realistischer als die höfische Dichtung, wenngleich dieser Eindruck bei genauerer Betrachtung täuscht.
2.3. Realismus
Wolfdietrich RASCH beschreibt Realismus als eine Haltung, die der Wirklichkeit in ihren natürlichen Beständen zugewandt sei, das schließt also die Dinge und Menschen, die Räume und Geschehnisse, und alles Sichtbare, Hörbare, Erlebbare gleichermaßen mit ein. Dieser realistischen Haltung wird es zum künstlerischen Anliegen, dieses Wirkliche in seinem eigentümlichen Gepräge, seiner Farbe und Gestalt aufzufassen und wiederzugeben. 50 Die Schwänke des Mittelalters vermitteln das Gefühl, näher an der Wirklichkeit zu sein als die idealisierte höfische Welt, denn die Welt in den Mären erscheint schon durch das Auftreten von Pfaffen, Bauern, Kaufleuten, Bürgern, Rittern, Studenten, gewissenlosen Mägden und treulosen Frauen eine ganz andere zu sein. 51 Kupplerinnen und Dirnen treten in trivialen Situationen auf und zeigen unbeschönigte Verhaltensweisen. Das alles erzeugt eine unmittel-barere Nähe zur alltäglichen Welt des Mittelalters. 52 Hinzu komme die Vor-führung listiger Streiche, die komische oder lehrhaft-warnende Bloßstellung menschlicher Torheiten oder
49 Hoven: Studien. S. 387f.
50 Rasch, Wolfdietrich: Realismus in der Erzählweise deutscher Versnovellen des 13. und 14. Jahr-hunderts. In: Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters. Hg. v. Karl-Heinz Schirmer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1983. S. 19.
51 Hanns Fischer sagt dazu, daß der Leser einer perspektivischen Täuschung unterliege, der sich möglicherweise auch das mittelalterliche Publikum nicht habe entziehen können. Diese Täuschung begründe darauf, daß die Welt der Handwerker, Bettelmönche oder Landstreicher wirklicher wahrgenommen worden sei als die Welt der Fürsten, Burgherren, Ritter und Edelfräulein. Große und kleine Welt seien aber grundsätzlich gleich real. Vgl. dazu Hanns Fischers „Studien“. S. 130.
52 Vgl. Rasch: Realismus. S. 15.
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Laster, die dementsprechend auf bestimmte Seiten des menschlichen Wesens und Verhaltens angewiesen seien.
Insgesamt stellt man fest, daß die Situationen in den Schwänken so nicht hätten passieren können und zudem eine Übertreibung darstellen, denn die Mären und Schwänke vermitteln den Eindruck, daß sich die mittelalterliche Bevölkerung nur gegenseitig überlistete, daß Pfaffen grundsätzlich wollüstig und Bauern meistens tumb waren. 53 FISCHER bezeichnet das als „modales Prinzip der Typisierung“ 54 , womit er Vorgänge mit weitgehend typischen Abläufen zur Darstellung meint. Das ganze werde getragen von typischen Rollen, für die wiederum typisierendes Figurenmaterial verwendet werde. Typisierung sei eine Form der vereinfachten Abstraktion, die von der Wirklichkeit abführe, weil sie dem Individuum und dem individuellen Fall keinen Raum lasse. 55 Insofern kann diese „Wirklichkeit“ nicht real sein, weil die Autoren absichtlich überspitzte Figurentypen und Situationen wählen.
„Am Alltäglichen ist dem schwankhaften (und exemplarischen) Märe so wenig gelegen wie der höfischen Dichtung. Nicht das Gewöhnliche erregt die Anteilnahme des Publikums und scheint deshalb darstellenswert, sondern im Gegenteil das Außergewöhnliche, das Überraschende, ja sogar Phantastische und Unwahrscheinliche.“ 56
Genau dieser Faktor des Ungewöhnlichen führe dann auch zum komischen Element in den Schwänken, denn groteske, tadelnswerte oder häßliche Situationen bringen das Publikum zum Lachen. Dem Spannungsbogen zwischen Klugheit und Einfalt komme dabei große Bedeutung zu. 57
Auch RASCH weist darauf hin, daß die zentralen Handlungsmotive niemals von den Erzählern in irgendeinem Sinne der Wirklichkeit entnommen wurden, schließlich handelt es sich um überliefertes Erzählgut, das zum Teil aus französischen Fabliaux, antiken oder orientalischen Quellen stammt und von den Autoren nicht unmittelbar erlebt wurde. 58 Trotzdem versuchen viele Autoren ihre Geschichte real erscheinen zu lassen, indem sie beteuern, es handele sich um eine
53 Vgl. Rasch: Realismus: S. 20.
54 Vgl. ebd. S. 131.
55 Vgl. ebd.
56 Vgl. ebd. S. 131.
57 Fischer: Studien. S. 130.
58 Vgl. ebd. S. 5.
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wahre Geschichte, oder indem sie die Quelle bzw. einen Informanten nennen, der diese Geschichte persönlich erlebt hat.
2.4. Figurentypen
Eine weitere Besonderheit des Märe sind die Figurentypen. Insgesamt gibt es laut FISCHER drei Grundkonstellationen. Die erste davon ist die Ehekonstellation, deren Grundthematik eheliches Kräftemessen ist. Dabei ist, je nach Schwank, entweder die Figur des Mannes listig-überlegen oder die Frau. 59 Monika JONAS merkt an, daß die Frau häufig die zentrale Figur im Handlungsgefüge sei, da sie diejenige ist, die vielfach den Ehebruch initiiert bzw. in ‚kritischen’ Momenten die entscheidenden Wendungen herbeiführen könne. Sie arrangiere den Betrug und verhindere zumeist seine Entdeckung. Bestimmend für das Frauenbild in den Schwänken sei die weitgehende Handlungsfreiheit und die Macht über den Mann. 60 Das Thema der verkehrten Welt greife auch hier, denn die Frau im Schwank widersetze sich allen Normen, die ihr in der außer-literarischen Realität von weltlichen wie kirchlichen Institutionen auferlegt seien: „sie beweist Initiative, sie stellt Bedingungen, ihr stehen beinahe in jeder Situation Mittel zur Verfügung, mit denen sie ihr Ziel erreichen kann.“ 61
Bei „Ritter Alexander“ gestaltet sich diese Frage besonders spannend, weil Alexanders Frau eine Vorbildfunktion erfüllt: Zwar fügt ihr Alexander eine gewisse Schmach durch sein Fremdgehen zu, doch versteht sie es, durch kluges Handeln die Situation zu retten. Die meisten Ehebruchsgeschichten sind auch gleichzeitig Dreiecksgeschichten, wobei Ritter Alexanders Gattin den Titel der „listigen Ehetreuen“ 62 innehätte. Insgesamt reicht der qualitative Spielraum von schematisch verlaufenden Ehebruchschwänken bis hin zu Mären, aus denen ein deutliches Bemühen um die prinzipielle Klärung ehelicher Probleme spricht, die zwar schwankhafte Elemente enthalten, aber dennoch ein klares didaktisches Anliegen vertreten. Obwohl Milieu, darstellerisches Mittel, Erzählintention in den einzelnen Mären recht unterschiedlich sind, kristallisiert sich zumeist eine ganz bestimmte Eheauffassung als vorbildhafte Zielvorstellung heraus. 63
59 Vgl. im Folgenden Fischer: Studien. S. 117f.
60 Jonas: Versschwank. S. 149.
61 Vgl. ebd.
62 Fischer: Studien. S. 17.
63 Londner: Ehehauffassung. S. 200.
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Die zweite Konstellation betrifft die Liebesverhältnisse, in der es nur zwei Hauptrollen gibt, nämlich den treuen Liebhaber und die treue Liebende oder den Werber und die Umworbene. Dieser letzte Fall gilt für „Aristoteles und Phyllis“, denn hier ist der Werbende nach FISCHERS Terminologie der „verspottete Liebhaber“.
Die dritte Konstellation basiert auf die unerotischen Verhältnisse, wobei es hier vornehmlich um eine listige und eine überlistete Person geht. In den Mären kommen nur sehr wenige Figuren und Typen vor - meist sind es drei, wobei diese Rollen auch verdoppelt werden können. Im „Ritter Alexander“ werden zwei Paare in die Ehekonstellation verwickelt. Das zweite Ehepaar (die Bürgerfrau und ihr Mann) spielt jedoch nur eine untergeordnete Rolle. FISCHER nennt das eine „offenbar bewußt durchgeführte Zweiparteiung der auftretenden Figuren in ‚Spiel und Gegenspiel’, [was] die Rollenverhältnisse durchsichtig [macht].“ 64
Die festgelegten Figurentypen verschaffen dem Autor auch den Vorteil, knappe poetische Aussageweisen der Mären durchsetzen zu können, ohne ausschweifen zu müssen. Da Situationen und Vorgänge stets ähnlich sind, dürften sie dem Leser bzw. Zuhörer ohnehin bekannt gewesen sein - der Dichter brauchte also bei der Figuren- und Situationenbeschreibung nicht weit auszuholen. 65 FISCHER erklärt, daß sich das Märenpersonal quantitativ am meisten aus dem Adel zusammensetzt; dem Adel kommt die positive Rolle des romantischsentimentalen Liebhabers zu. Ähnlich wie das Image des Ritters ist das des Studenten besetzt, der ebenfalls verführt, nur selten ertappt aber niemals öffentlich bloßgestellt oder bestraft wird. Auch dem Pfaffen kommt die Verführerrolle bzw. die Rolle des Ehebrechers zu, doch wird er, im Gegensatz zum adeligen Personal, häufig für sein Tun bestraft oder bloßgestellt - wohl auch deshalb, weil seine amourösen Abenteuer als Verstoß gegen das Zölibat empfunden wurden. 66 Der Bauer spielt vor allem im Schwank eine charakteristische Rolle, wird als ungehobelt und einfältig beschrieben und meistens von seiner Ehefrau betrogen und
64 Londner: Ehehauffassung. S. 119.
65 Fischer: Studien. S. 116.
66 Vgl. ebd. S. 120.
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überlistet. Die Bäuerin hat als Gegenstück zum einfältigen Bauern die Rolle der listigen Treulosen inne. 67
Weitere Figurentypen setzen sich aus dem Bürgertum zusammen. In der Regel sind das Kaufleute, Pferdehändler, Wirte oder Handwerker. Ebenso vielfältig wie das Rollenprofil ist auch die Rolle des Bürgers: Er begegnet sowohl als Erfolgreicher oder Überlisteter in ehelichen Kraftproben, als auch als Rächer, aber eher selten tritt er als Buhler auf - sein Rollenprofil ist sowohl negativ als auch positiv besetzt. Die Bürgerfrau hingegen gilt entweder als kräftemessende oder betrügende Gattin. 68 Ein Beispiel ist die Bürgersfrau in „Ritter Alexander“: Während die Rittersfrau absolut tugendhaft handelt und sich nichts zuschulden kommen läßt, ist die Bürgersfrau diejenige, die betrügt. Insgesamt genießt der Adel das höchste Ansehen, gefolgt von der Scholarenschaft, dem gehobenen Bürgertum, Kleinbürgertum und Bauernstand - dazwischen befindet sich der Klerus. 69 Interessant wird in diesem Zusammenhang noch der „Ritter Alexander“ sein, denn hier spielen der Adel und das gehobene Bürgertum die Hauptrollen, wobei dem Ehemann der Bürgersfrau die Rolle des Gehörnten zukommt, und der adelige Alexander dank seiner Frau ungescholten bleibt. Die Pointe der Schwänke kommt dann in dem Moment ganz besonders zum Tragen, wenn „der Handlungserfolg dem ‚natürlichen’ ständischen Gefälle zuwiderläuft“ 70 - das ganze gepaart mit einer ordentlichen Portion List ergibt einen sehr komischen Effekt.
3. List
Mit dem Wort List verbinden wir im Allgemeinen Hinterhältigkeit, aber auch Schläue und Gerissenheit. Meist ist das Wort aber negativ behaftet, allerdings sei dies speziell ein abendländisches Problem, erklärt HARRO VON SENGER. List werde in der westlichen Welt „fast zwanghaft stets ausschließlich ethisch-moralisch“ betrachtet. Im Abendland sei es nahezu üblich, die List überstürzt als negativ zu bewerten, ohne sie dabei umfassend zu erkennen. 71 Die wahre Kunst der List
67 Vgl. Fischer: Studien. S. 123.
68 Vgl. ebd. S. 124.
69 Vgl. ebd. S. 126.
70 Vgl. ebd. S. 127.
71 Von Senger: Die Kunst der List. S. 9.
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beherrschten seiner Meinung nach nur die Chinesen, die in ihrem Kulturkreis 36 Strategeme 72 der List kennen.
Interessanterweise befinden sich in unserem Sprachgebrauch ebenfalls viele Redewendungen, in denen List eine Rolle spielt. Beispiele sind Rede-wendungen wie „Einen Strohmann vorschieben“, „Jemanden als Marionette benutzen“ oder „Sich etwas aus den Fingern saugen“. 73 Insofern ist List durchaus auch in unserem Kulturkreis verankert, allerdings eher subtil und nicht wie bei den Chinesen zum täglichen Leben gehörend. Eher ist man versucht, das Wort List blumiger zu verpacken: „einen Coup landen“, „strategisch vorgehen“, „einen Trick anwenden“. Allerdings ist der Begriff viel komplexer und beinhaltet weitaus mehr als nur jemanden mit (unlauteren) Mitteln auszutricksen bzw. zu überlisten.
3.1. Definition von List
Das älteste Wort, das List beschreibt, stammt aus dem Gotischen des 4. Jahrhunderts und gehört zum verbalen Stamm *lais- , was „wissen“ bedeutet. 74 Ursprünglich beschreibt List die Kriegslist, das Schmiedehandwerk und den kultischmagischen Bereich, weshalb List vielfach ein böser Sinn anhaftete. 75 Im Fastnachtspiel „Ein spil von fursten und herren“ werden die Wörter Kunst und List 76 geschickt gegeneinander ausgespielt. Tatsächlich konnte List im mittelhochdeutschen auch Wissenschaft bzw. Kunst bedeuten. Umgekehrt konnte Kunst eine List meinen. Die Bedeutung von List wird im LEXER wie folgt wiedergegeben: „Weisheit, Klugheit, Schlauheit; weise, kluge, schlaue Absicht od. Handlung (âne list aufrichtig, wahrhaftig); Wissenschaft, Kunst, Lehre; Zauberkunst.“ 77 Unter dem Wort Kunst ist folgende Bedeutung zu finden: „Das Wissen, die Kenntnis, Weisheit;
72 Vgl. von Senger: Die Kunst der List. S. 17. Von Senger zieht übrigens das Wort Strategem dem der List vor. Strategem klinge wertneutraler, wohingegen List mit einem negativen Beigeschmack behaftet sei und außerdem Wertungsfragen in den Vordergrund schiebe. Die Bewertung von List lenke indes vom Phänomen der List ab. Aber eben jenes Phänomen sei es, auf das das Augenmerk gerichtet werden solle. Denn die Techniken der List seien hierzulande die große Unbekannte, wogegen die Fragen nach Gut und Böse seit Menschengedenken behandelt worden seien.
73 Vgl. ebd. S. 83ff. Er sucht hier für jedes chinesische Strategem ein deutsches Pendant.
74 Vgl. Steger, Hugo: List - ein kommunikativer Hochseilakt zwischen Natur und Kultur. In: Die List. Hg. v. Harro von Senger. Ed. Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1999. S. 321-344.
75 Vgl. ebd. S. 322.
76 Es gibt auch zwei Aufsätze zum Thema Kunst und List und List und Kunst. Ersterer ist von Felix Scheidweiler und 1941 i. d Zeitschrift für deutsches Altertum erschienen, letzterer wurde von Franz Dornseiff verfaßt und ist 1944 i. d. Deutschen Vierteljahreszeitschrift erschienen. In Kapitel 4.4. Fastnachtspiele gehe ich noch genauer auf die Artikel ein.
77 Lexer, Mattias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. unveränderte Auflage. S. Hirzel -Wissenschaftliche Verlagsbuchgesellschaft Stuttgart 1992. S. 128.
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Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit; kunst (swarziu k. Zauberei); Erleuchtung des Innern, Eskaste.“ 78 Beate HENNIG hat zusätzlich noch die Bedeutung List mit aufgeführt. 79
Es gibt auch heute noch verschiedene Arten von List, die negativ wirken: Die Hinterlist und die Arglist. Hinterlist meint in seiner neuhochdeutschen Bedeutung ‚tückisch, falsch, unaufrichtig, lauernd’. Arglist bedeutet ‚Hinterlist’ und Heimtücke. 80 Die Vorsilbe arg- bedeutet ‚schlimm, böse, schlecht’ „und wurde in alten Sprachzuständen in den Bedeutungen ‚ängstlich, feige; geil, wollüstig; (moralisch) schlecht’ verwendet. Die mittelhochdeutsche Bedeutung von hinderlistec kann mit ‚nachstellend’ übersetzt werden. 81 Das Wort List allein meint eine geschickte Täuschung. Dennoch hat die List alle Sympathien auf ihrer Seite, wenn sie eine Ungerechtigkeit gerade rückt. Es ist durchaus erlaubt, Kriegsgegner oder Andersgläubige zu überwinden, vor allem dann, wenn sie mit der List angefangen haben. 82 Das Wortfeld List kann mit verschiedenen Worten zum Ausdruck gebracht werden: „versutia (Wendigkeit), vafritia (Gewitztheit), prudentia (Klugheit), ingenium (Einfallsgabe) oder ars (Kunstgriff).“ 83 Hartmut SEMMLER unterscheidet zwischen der ethisch nicht eingefärbten und der ethisch eingefärbten List. Im ersteren Fall bleibt eine Wahrheit verborgen, im letzteren wird die Absicht unterstellt, eine Wahrheit zu verbergen, d.h. es findet ein Verstoß gegen die Aufrichtigkeitsbedingung statt. 84 Für ihn bedeutet List
„das Anwenden eines Mittels mit der Intention, jemanden, den man für einen Gegner hält, über einen tatsächlichen Sachverstand zu täuschen. Der Gegner soll dazu gebracht werden, seine persönliche Einstellung in einer bestimmten Frage zu ändern oder etwas zu tun, was
seinen unterstellten Interessen zuwiderläuft“ 85
78 Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. S. 118.
79 Hennig, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 3. ergänzend bearbeitete Auflage. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 1998. S. 191f.
80 Wahrig - deutsches Wörterbuch. Bertelsmann Lexikon Verlag. Gütersloh, München 2000. S. 644 sowie S. 191.
81 Duden: Herkunftswörterbuch - Etymologie der deutschen Sprache. 3. neu bearbeitete Auflage. Dudenverlag. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2001. S. 47.
82 Vgl. Schmidt, Paul Gerhard: Seid klug wie die Schlangen: Strategeme im lateinischen Mittelalter. In: Die List. Hg. v. Harro von Senger. Ed. Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1999. S. 198.
83 Schmidt: Seid klug wie die Schlangen. S. 198.
84 Semmler: Listmotive.
85 Vgl. ebd.
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Alexander SCHWARZ bringt noch ganz explizit den Gegenspieler mit ins Spiel, zudem ist List für ihn eine intellektuelle Verstandesleistung, weil jemand in einer „unerfreulich aussehenden Situation“ 86 , an der mindestens ein Gegenspieler beteiligt ist, einen Ausweg findet, mit dem der Gegenspieler nicht gerechnet hat. Das Listschema paßt er zudem in ein semiotisches Dreieck ein, das folgendermaßen aussieht: Ein Interpret steht vor einer gegenwärtigen Situation und überlegt, wie diese Situation in der Zukunft aussehen könnte. Wenn genau diese Situation für eine weitere Person ungünstig aussieht, wird diese weitere Person versuchen, eine manipulierte zukünftige Situation herbeizuführen. Diese Situation ist für den Listanwender nicht mehr ungünstig, wohl aber für den Interpreten, der damit nicht gerechnet hat. Der Interpret ist somit Opfer einer List geworden. 87 Sébastian NANCHEN 88 stimmt SCHWARZ weitestgehend zu und baut die Komponente des Gegenspielers noch etwas weiter aus. So meint NANCHEN, daß man weniger von List als vielmehr von Klugheit oder Schlauheit sprechen könne, wenn kein Gegenspieler involviert sei. Der Gegenspieler sei schließlich, wie das Wort schon sagt, jemand, der gegen die listige Person spiele, demnach auch Ziele habe und handlungsfähig sei. Ist der er aber in der Lage, die List zu durchschauen, so habe er die Möglichkeit und auch den freien Willen, ihr zu entgehen. Habe der Gegenspieler aber diese Möglichkeit nicht, so sei er kein Gegenspieler mehr, sondern ein ohnmächtiges Opfer. NANCHEN legt hierauf sehr großen Wert, denn bei der List handele es sich um etwas, dem man entgehen könne, wenn man es denn durchschaue. Da der Listanwender aber die Absicht verfolge, seine List undurchschaubar zu gestalten, müsse der Listplan vom Anwender geheim gehalten werden. Im Endeffekt führe das dazu, daß der Listanwender den größeren Überblick über eine Situation habe - das Listopfer aber lediglich einen Teilüberblick, denn wesentliche Dinge blieben ihm ver-borgen. Das wiederum habe zur Folge, daß das Listopfer nicht in der Lage sei, die Situation richtig einzuschätzen, um ihr zu entgehen, und genau das müsse der Listanwender ausnutzen. 89 An dieser Stelle ist SEMMLERS Unterscheidung zwischen
86 Schwarz: Tills List. S. 109.
87 Vgl. ebd.
88 Auch Sébastian Nanchen geht auf die Definition von Schwarz ein und empfindet diese als zutreffend. Seine Begründung lautet: „a) Das Merkmal der Außergewöhnlichkeit (bezogen auf den Gegenspieler) sei vorhanden; b) die Leistungen seien nicht auf Täuschungsstrategeme beschränkt; c) das Merkmal der Abstraktheit des Intellekts werde ausgedrückt.“ Damit deckt sich seine Meinung mit der von Sengers. (Nanchen, Typologisierung der List: In Bausteine zur Sprachgeschichte der deutschen Komik. S. 121f)
89 Nanchen: Typologisierung der List. S. 122.
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der ethisch eingefärbten und ethisch nicht eingefärbten List wichtig, denn bei aller Schläue und Spitzfindigkeit sei es ebenso bedeutsam, die Ethik nicht komplett aus den Augen zu verlieren. Darauf weist vor allem VON SENGER hin. Ein listenkundiger Tugendfreund erreiche im Endeffekt mehr, weil er sich auf konstruktive Ziele konzentriere. Diese Art der List sei weiser als diejenige eines amoralischen Listanwenders, der es lediglich auf destruktive Ziele absehe. 90 Herbert PILCH nennt drei Bedeutungen der List: Die erste sei eine zielstrebige, wohlüberlegte, vom Gegenüber nicht erwartete Vorgehensweise - positive Konnotation. Die zweite sei genauso wie die erste nur mit einer negativen Konnotation, und die dritte beruhe auf überlegenem Wissen, Können und Geschick, was eine positive Konnotation impliziere. 91
Im Folgenden wird deshalb auch untersucht, inwieweit die Listanwender konstruktiv oder destruktiv handeln und inwieweit die Überlisteten ohnmächtige Opfer oder einfach nur listblind sind, d.h. ob sie sie Möglichkeit haben, die List zu durchschauen.
3.2. Das Listmotiv in der mittelhochdeutschen Kleinepik
Die List ist ein wichtiges Bestandteil des spätmittelalterlichen Schwanks und hat fast immer mit negativ besetzten Bedeutungen im Sinne von ‚Betrug’, ‚Hinterhältigkeit’ oder auch ‚Schlauheit’ zu tun. 92 Monika JONAS nennt insgesamt vier Punkte, wie die List im Schwank eingebaut ist und welche Bedeutung sie hatdabei decken sich ihre Erkenntnisse mit denen, die auch beispielsweise NANCHEN oder SEMMLER gemacht haben, denn die List hat im Schwank nahezu den selben Stellenwert wie im „wirklichen“ Leben. JONAS kategorisiert die List im Schwank also folgendermaßen: 93
„1. Die List ist als handlungsmotivierendes Prinzip konstitutives Strukturmerkmal des Schwanks.
2. Als solches wird sie von den Autoren im Text thematisiert und damit vielfach zum ‚Programm’ erklärt.
90 Von Senger: Kunst der List. S. 11.
91 Pilch, Herbert: Listige Rede: Was man sagt und doch nicht sagt. In: Die List. Hg. v. Harro von Senger. Ed. Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1999. S. 368.
92 Jonas: Versschwank. S. 138.
93 Vgl. ebd. S. 138f.
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3. List steht im Schwank für geistig-intellektuelle Überlegenheit einer Person oder Personengruppe über eine andere. In ihr manifestiert sich die Fähigkeit, Strategien zu entwickeln bzw. mit verbalen Mitteln zu kämpfen. Der Schwank basiert zum einen auf dem Prinzip der Vertauschung von Wahrheit und Täuschung, zum anderen auf der Realitätsblindheit des Unterlegenen. Der Überlistete geht zumeist davon aus, daß er seinem Gegenüber gewachsen ist und nach seinen eigenen Intentionen handeln kann, während diese Handlungsfreiheit von Beginn an nur scheinbar besteht.
4. Die Opfer der List werden dem öffentlichen spot preisgegeben, was gleichzusetzen ist mit dem Verlust gesellschaftlichen Ansehens.“
Der letzte Punkt trifft in jedem Fall auf „Aristoteles und Phyllis“ zu, denn in den meisten Fassungen dieser Geschichte wird der weise Gelehrte verspottet. 94 Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es immer um das Erkennen der Täuschung bzw. das Verkennen der Wahrheit geht, aber auch darum, Logik auszuhebeln, denn Logik dient der Übersichtlichkeit und klärt die Verhältnisse. List hingegen trübt die Verhältnisse und erhöht die Komplexität; sie kann nur gelingen, wenn Logik bereits (schlecht) gearbeitet hat und bei der Klärung der Verhältnisse etwas übersehen wurde. SCHWARZ erklärt, daß Logik dann hilflos werde, wenn sich plötzlich Seiten offenbaren, die in einem logischen Modell nicht vorgesehen seien, und genau nach diesem Muster funktioniere auch die Komik. 95 Ein Beispiel für diese These ist das Handeln von Aristoteles in „Aristoteles und Phyllis“: In seinem Modell ist es logisch, daß die Liebe Alexanders Sinne verkehrt, weshalb er ihm von seiner Liaison mit Phyllis abrät. Dabei hat er aber nicht in Betracht gezogen, daß die Minne so stark ist, daß sie alle Regeln durchbricht. Phyllis gelingt es, das logische Modell des Philosophen zu manipulieren und auszuhebeln.
In dieser Arbeit soll geklärt werden, mit welchen Mitteln und warum Frauen ihre Gegenspieler überlisten. SEMMLER erkennt dabei ganz richtig die Zweischneidigkeit der Thematik, also den „Triumph der Klugheit [einerseits und
das] Blendwerk des Bösen andererseits“ 96 , also die vorbehaltlose Anerkennung der List versus List als Teufelswerk. Er weist auch darauf hin, daß in der mittelalterlichen Vorstellung jeder Verstoß gegen die Wahrheit eine Verfehlung gegen Gottes Gesetze darstelle, und daß zudem die Gefährdung des ewigen Lebens schwerer ins Gewicht
94 Darauf gehe ich näher bei der Behandlung dieses Schwankes ein.
95 Schwarz: Reinke Fuchs. S. 307.
96 Semmler: Listmotive. S. 9.
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falle als die Rettung der irdischen Existenz. 97 Besonders interessant ist dieser Aspekt im Hinblick auf „Die unschuldige Mörderin“, denn Kaufringer versucht, ihr Handeln stets zu rechtfertigen, dabei handelt die Mörderin in doppeltem Sinne frevelhaft: Sie mordet und wendet Listen an. Hugo STEGER erklärt in seinem Aufsatz „List - ein kommunikativer Hochseilakt zwischen Natur und Kultur“, daß im christlichen Abendland der Glaube vorherrschte, daß das scheinbar rational Unerklärliche und Undurchschaubare mit dem Zauber des bösen Teufels und seiner irdischen Angestellten verbunden waren. 98 „Teufelslist, Zaubertricks, Blendwerk werden so dem Göttlichen und dessen guten Wundern gegenübergestellt.“ 99 List sei die von Gott zugelassene Antiwelt des Antichrist, weil Gott erstens die Möglichkeit der List gebe und diese zweitens übersteigen könne. Von diesem Standpunkt aus ist „Die unschuldige Mörderin“ natürlich besonders heikel. Frauen und List spielen in der mittelhochdeutschen Kleinepik eine zentrale Rolle, meistens geht es dabei um das typische Dreiecksverhältnis: Die Ehefrau betrügt ihren Mann, der zwar einen Verdacht hat, doch diesen Verdacht versteht die Frau mit geschickten Mitteln und Tricks zu beseitigen. Auffällig ist, daß es tatsächlich sehr oft die Frauen sind, die ihre Männer überlisten und nicht umgekehrt. LONDNER stellt die Vermutung auf, daß Männer diese Art der Rollenverteilung sehr zu fürchten schienen, denn hierbei handelt es sich um „die prinzipielle Auflehnung der Frau gegen die Macht und Autorität des Mannes.“ 100 Diese These könnte etwas gewagt sein, denn im Schwank geht es hauptsächlich um die verkehrte Welt, denn nur dadurch kommt der komische Effekt zum Tragen. Der mittelalterliche Dichter DER STRICKER hat in einem Text vor der Torheit der Frauen gewarnt. Grundtenor ist, daß ein Mann seiner Frau nicht nachgeben dürfe, weil sie sonst diejenige sei, die ihn beherrsche, und das würde bedeuten, daß das Ehepaar sein Ansehen in der Gesellschaft verliere. 101 Wenn die „richtige“ Welt des Mittelalters also die Herrschaft des Mannes über der Frau bedeutet, dann ist das Gegenteil davon jene verkehrte Welt, die im Schwank stets zur Belustigung des Publikums thematisiert wird. JONAS versucht, eine andere Erklärung dafür zu finden, warum ausgerechnet Frauen die Rolle der Listigen innehaben. Ihrer Meinung nach ist es vor allem die
97 Vgl. Semmler: Listmotive. S. 9.
98 Steger: List. S. 326.
99 Vgl. ebd.
100 Londner: Eheauffassung. S. 290.
101 Warnung vor der Torheit der Fraue. Zit. n.: Fischer: Studien. S. 37.
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Kombination aus Sinnlichkeit und Strategie, die dem Mann zum Verhängnis wird. Hinzu kommen noch Schönheit und Tugend und die äußerliche Anziehungskraft, die es den Männern schwer macht, Listen zu durchschauen und ihnen zu entgehen. 102 Das beste Beispiel ist sicher Phyllis, die eben diese Attribute in sich vereint. Phyllis hat keine Probleme damit, Aristoteles zu verführen und aus einer überlegenen Position heraus zu überlisten. Richard KOEBNER spricht von dem „Verdacht einer weiblichen Größe“ 103 , womit er sowohl Energie des Fühlens und Wollens meint, als auch die weibliche Phantasie und den raschen Verstand. Die Ehebrecherin sei wegen ihrer Schlagfertigkeit und Erfindungskraft eine Lieblingsgestalt der Novelle und auch gegen Ende des Mittelalters sei dieser Typus der klugen Frau in den Erzählungen immer noch beliebt. Weibeslist habe schon die Stärksten und Weisesten wie beispielsweise Samson, David, Salomo, Aristoteles bezwungen, was auch häufig Thema für Spruch, Fastnachtsspiel und Holzschnitt gewesen sei. Die Haltung der Autoren zu ihren weiblichen (listigen) Protagonistinnen ist meist ambivalent: Einerseits weisen sie den Frauen gern eine demütige Stellung zu, andererseits bewundern die Autoren sie auch.
3.3. Kriterien der Listuntersuchung
Wie stehen die Autoren zu ihren listigen Figuren und wie wird getäuscht? SEMMLER hat wichtige Kriterien bezüglich dieser Frage zusammengefaßt:
1. „Die Mittel, mit denen getäuscht wird, und die Intentionen, die damit verfolgt werden. Bei gleichen sprachlichen Mitteln ist […] die inhaltliche und rhetorische Ausformung von Wichtigkeit.
2. Die Autorkommentierungen in Bezug auf die intellektuelle Leistung bzw. die ethische Bewertung der Listen. Dabei sind drei Formen zu unterscheiden: Attribute, Kurzkommentare in Form von einzelnen Sätzen, längere Exkurse.
3. Die Kommentare zum Erfolg bei der Durchführung der List: Wird der Mensch allein mit der Situation fertig, oder greifen Gott bzw. ein glücklicher Zufall ein. Wessen Listen gelingen, und wer erleidet Mißerfolg?“ 104
102 Jonas: Versschwank. S. 171f.
103 Koebner, Richard: Die Eheauffassung des ausgehenden deutschen Mittelalters. In: Archiv für Kulturgeschichte. 2. Heft. Bd. 9 (1911). Verlag B.G. Teubner. Leipzig, Berlin 1911. S. 281f.
104 Semmler: Listmotive. S. 39.
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Diese Kriterien lassen sich noch in ihre einzelnen Details zerlegen. Ein Mittel zur Täuschung wäre sicherlich das Vortäuschen einer Krankheit, so wie es Candacis in Ulrich von Eschenbachs „Alexander“ tut, damit Aristander sie auf seinem Rücken reiten läßt.
SEMMLER nennt aber auch hier wieder eine Reihe weiterer Kriterien, die man zur Überlistung seines Gegners anwenden könne 105 , und die in der Literatur auch häufig vorkommen. Täuschen durch Sprache ist eines davon, und hier unterscheidet SEMMLER die unterschiedlichen Nuancen: Wie steht der Autor zu etwaigen Falschaussagen seiner Figuren? Hebt er die positive Verstandesleistung hervor, kritisiert er eventuelle Lügen oder sieht er einfach kommentarlos darüber hinweg. In welchen Situationen rechtfertigt er das Handeln seiner Figuren und stellt eine Lüge als ethisch und moralisch vertretbar dar? Zur Täuschung durch Sprache zählen auch beziehungssteuernde Äußerungen, die nur dann vom Opfer als aufrichtig erkannt werden können, wenn der Hintergrund dem Opfer bekannt ist. Das gleiche gilt auch für das Täuschen durch eine Aussage über einen bestehenden Sachverhalt auf der Sachebene, d.h. daß etwas unausgesprochen vorausgesetzt wird, beispielsweise spezielles Kontextwissen, um eine Aussage als falsch zu erkennen. Das nennt man auch präsuppositionales Wissen. Im „Ritter Alexander“ schafft es die Frau Alexanders, das Gericht mit der Aussage zu täuschen, daß nicht ihr Mann, sondern sie selbst als Mann verkleidet bei der Bürgersfrau gewesen sei. Dem Gericht ist es nicht möglich, diese Aussage zu widerlegen, es setzt stattdessen voraus, daß der Ehemann der Bürgersfrau sich einfach verguckt hat. Weiterführend müssen natürlich auch die Gegenstände der List berücksichtigt werden. Mit welchen Gegenständen täuscht der Listanwender? Sind es magische Gegenstände oder auch solche, die zweckentfremdet angewendet werden wie beispielsweise bei „Aristoteles und Phyllis“: Phyllis benutzt den Sattel nicht für ein Pferd, sondern für Aristoteles, wobei hier natürlich auch die Figur des Aristoteles für einen falschen Zweck, nämlich den eines Reittieres, mißbraucht wird. Zur Täuschung zählt auch die Gestik des Anwenders, und auch hier ist Phyllis ein gutes Beispiel, denn durch ihre Gesten kann sie Aristoteles überlisten und für ihre Zwecke gewinnen.
105 Vgl Semmler: Listmotive. S. 108ff.
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Als nächstes wird untersucht, worum es bei der List geht und was der Listanwender erreichen möchte. In den hier behandelten Mären handelt es sich um Wahrheiten oder auch Identitäten, die unterdrückt bzw. vertuscht werden sollen. Im „Ritter Alexander“ verkleidet sich Alexanders Frau als Mann, „Die unschuldige Mörderin“ möchte nicht, daß ihr Gatte den Verlust ihrer Jungfräulichkeit entdeckt, Phyllis täuscht Aristoteles auf der Beziehungsebene und verschleiert die Wahrheit, daß sie an ihm als Mann nicht im geringsten interessiert ist. HARRO VON SENGER hat diese Intentionen sehr schön zusammen-gefaßt 106 :
1. Simulationsstrategeme: Eine nicht vorhandene Wirklichkeit wird vorgespiegelt. 2. Dissimulationsstrategeme: Eine tatsächlich vorhandene Wirklichkeit wird verborgen, beziehungsweise man entzieht sie dem Blick des Listopfers. 107 3. Informationsstrategeme: Eine unbekannte Wirklichkeit wird vermittelt bzw. enthüllt. 4. Ausmünzungsstrategeme: Eine aktiv herbeigeführte, sich ohne Zutun vorübergehend ergebende oder sonst vorhandene günstige Konstellation wird geistesgegenwärtig ausgenutzt. 5. Fluchtstrategeme: Man entzieht sich einer prekären Wirklichkeit 6. Hybride Strategeme: Eine Handlung wird ausgeführt, die sich simultan Strategemen unterschiedlicher Grundkategorien zuordnen läßt. So geht jede Dissimulation mit einer Simulation einher, d.h. der Listanwender gaukelt etwas vor, um die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem abzulenken.
7. Strategemverkettung: Es werden, meist hintereinander, zwei oder mehr Strategeme angewandt, um ein Ziel zu erreichen.
Die Analyse wird sich hauptsächlich an diesen sieben Strategemen orientieren. Abschließend wird untersucht, ob die List gelungen ist. Gelingt die List, weil der Listanwender die Situation richtig einschätzt und berechnet, oder weil ein Zufall bzw. eine höhere Macht helfend eingreifen? Oder gelingt die List nicht, weil der Anwender wichtige Dinge übersieht und unvorhersehbare Umstände eintreten? NANCHEN hält von SEMMLERS Kategorisierung wenig. Ihm sei der Begriff der List zu eng gefaßt und die Untersuchung der Mittel erscheine NANCHEN nicht relevant, weil diese zwar zur konkreten Durchführung der List gehörten aber keine aussagekräftige Analyse auf der sprachlichen Ebene erlaubten. SEMMLER analysiere
106 Vgl. die sieben Grundkategorien von Strategmen aus: Von Senger: Strategeme. S. 90ff.
107 Tatsächlich ist die Dissimulatio laut Thomas von Aquin durchaus legitim, solange nicht offensichtlich gelogen wird, sondern lediglich ein Teil der Wahrheit im Verborgenen bleibt. Es ist in Ordnung, das Unwissen des Gegners auszunutzen. Thomas von Aquin, zit. n.: Schckenhoff, Eberhard: List und Lüge in der theologischen Tradition. In: Die List. Hg. v. Harro von Senger. Edition Suhrkamp. Frankfurt a. M. 1999.
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lediglich die „materiellen“ Realisierungen der List und nicht die List an und für sich. Allerdings lobt NANCHEN, daß SEMMLERS die Intention des Anwenders betrachte. Diese stünden näher am Wesen der List, da sie sich auf der kognitiven Ebene befänden. Eine Motivation (oder ein Zweck) allein sei allerdings noch keine List. 108 An dieser Stelle muß gesagt werden, daß es sich hier möglicherweise um einen Verständigungsfehler zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik handelt. SEMMLER hat die List ganz bewußt so streng in Kategorien eingeteilt, um sie dann anhand literarischer Beispiele zu analysieren. Er will quasi den Weg der List von der Idee bzw. vom Auslöser bis zur Durchführung aufzeigen. Da die vorliegende Arbeit eine literaturwissenschaftliche ist, wird hauptsächlich auf Motivation und Durchführung der List fokussiert. Wer einen literarischen Text auf eine List hin untersucht, muß das von Anfang an tun - also eben auch das Wie und Warum klären, um den Kontext zu verstehen. NANCHEN jedoch untersucht das Wort an sich, ohne es in einen literarischen Kontext einzubinden. Er sieht List als kognitives und intellektuelles Verfahren, denn nur so könne man die mannigfaltigen Formen der List auf wenige zugrunde liegende Kategorien reduzieren und eine umfassende Typologie entwickeln. 109
Nachdem sowohl List- als auch Märenbegriff erläutert wurden, folgt nun die Untersuchung der List in der für diese Arbeit ausgewählten Kleinepik.
4. Aristoteles und Phyllis
4.1. Quellen und Stoffgeschichte
Ursprünglich stammt der Stoff aus dem Orient, jedoch ist die Übertragung auf Aristoteles abendländisch. 110 Der Erzählstoff drang auf unbekanntem, wahrscheinlich aber mündlichem Weg nach Frankreich und Deutschland, und in Frankreich übertrug man die Geschichte dann auf Aristoteles, denn „in den wissenschaftlichen Kreisen Frankreichs tobte [im 13. Jahrhundert] ein heftiger Kampf um die Einbürgerung des ‚Heiden’ Aristoteles in die Scholastik.“ 111 Aristoteles galt als ein ‚trügerischer Weiser von windiger Geschwätzigkeit’. Dieses Urteil führte möglicherweise zum
108 Nanchen: Typologisierung. S. 125.
109 Vgl. Nanchen: Typologisierung. S. 126.
110 Ragotzky, Hedda: Der weise Aristoteles als Opfer weiblicher Verführungskunst. Zur literarischen Rezeption eines verbreiteten Exempels ‚verkehrter Welt’. In: Eros - Macht- Askese. Geschlechterspannungen als Dialogstrukturen in Kunst und Literatur. Hg. v. Helga Sciurie; Hans-Jürgen Bachorksi. Trier 1996. S. 279.
111 Stammler, Wolfgang: Wort und Bild. Studien zu den Wechselbeziehungen zwischen Schrifttum und Bildkunst im Mittelalter. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1962. S. 12.
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Vergleich mit dem orientalischen Original, denn „dort ist es ein junger Herrscher, der einer ebenso schönen wie klugen Dame seines Harems hingebungsvoll zugetan ist“ 112 , und wie in der abendländischen Fassung meint sein Ratgeber, den Herrscher vor der Gefahr der Unterwerfung warnen zu müssen. Die Dame rächt sich, indem sie den schon ergrauten Ratgeber verführt und ihm verspricht, ihm ihre Liebe zu gewähren, wenn er sie einmal auf sich reiten lasse. Die Dame fädelt den Ritt aber so geschickt ein, daß er nicht ohne Zeugen bleibt. Der Ratgeber rechtfertigt sich mit der Begründung, daß er dem Herrscher genau das vorführen wollte, wovor er ihn warnte. 113 Diese Geschichte könnte also der Hintergrund dafür sein, weshalb um 1200 Aristoteles-feindliche Kleriker diesen lehrhaften Schwank auf den griechischen Philosophen und seinen Schüler Alexander den Großen übertrugen. Auf diese Weise machten sie den von der Gegenseite so hoch gepriesenen Weisen lächerlich und brachten seine Lehre in schlechten Geruch.
Die französische Fassung „Lai d’Aristote“ stammt von Henri D’ANDELI und unterscheidet sich nicht wesentlich von der deutschen Fassung, wenn auch Aristoteles mehr mit sich ringt, als es zu dem berühmten Ritt kommen soll. Die Intention des Autors liegt außerdem darin zu zeigen, daß Liebende niemals durch Einmischung Dritter gestört werden dürfen.
Es gibt außerdem zwei deutsche Fassungen von „Aristoteles und Phyllis“: Die Bendediktbeurer Fassung aus dem 12. Jahrhundert, die nur als Fragment erhalten ist, und die ca. 80 Jahre jüngere Straßburger Fassung, von der Hellmut ROSENFELD glaubt, sie sei eine freie Bearbeitung der Benediktbeurer Fassung. 114 Das Benediktbeurer Fragment beginnt erst mit dem Listplan der Phyllis, ansonsten ähnelt es sehr der Straßburger Fassung, aber ebenso wie in der französischen Version wittert Aristoteles eine List, als Phyllis ihm den Ritt vorschlägt. In beiden Fassungen gibt es Zeugen des Ritts, so daß der weise Meister sich genötigt fühlt, das Land zu verlassen. In der Benediktbeurer Version allerdings wird der weise Aristoteles „mit klösterlicher oder auch typisch deutscher Biederkeit zum kleinen Schulmeister gemacht, der neben anderen Kindern auch ‚Alexander das kint’ unterrichtet.“ 115
112 Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 279
113 Vgl. ebd.
114 Vgl. Rosenfeld, Hellmut: Aristoteles und Phillis. Eine neu aufgefundene Bendediktbeurer Fassung um 1200. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Bd. 89 (1970). Erich Schmidt Verlag, Berlin. S. 331.
115 Vgl. ebd. S. 323.
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Bemerkenswert ist auch, daß sich diese kleine Reit-Episode sogar in Ulrich von Eschenbachs „Alexander“ (fertiggestellt um 1287) wiederfindet. Dort nimmt sie ca. 150 Verse ein, zudem wird Aristoteles hier Aristander genannt, was eine Wortmischung aus Alexander und Aristoteles sein könnte, weshalb die Vermutung nahe liegt, daß „in dem Gerittenen sowohl der Herrscher als auch sein Lehrer verkörpert sein könnten.“ 116 Cornelia HERRMANN schlußfolgert daraus, daß weder Schüler noch Lehrer vor dem Betrug der Frauen gefeit sind. ROSENFELD hat aber eine andere Vermutung: Er glaubt, daß es Eschenbach fern gelegen habe, Aristoteles bloßzustellen, zudem meint er, daß die Reitszene lediglich eine kleine Episode ohne Folgen und eine Lektion für den Lehrer Aristander sei, seine Macht und sein Urteil nicht zu überschätzen. 117 Betrachtet man den gesamten „Alexander“ Eschenbachs, so hat ROSENFELD sicher Recht - die Episode ist im Vergleich mit dem Gesamtwerk verschwindend gering, aber dennoch ist es nicht zu verachten, daß sie sich überhaupt im „Alexander“ befindet - sie hätte ebenso gut auch weggelassen werden können. Zudem hätte der Autor dem Gelehrten auch einen ganz anderen Namen geben können, denn das Publikum wird sowieso gewußt haben, wer mit Aristander gemeint war. Von daher könnte Cornelia HERRMANNS Vermutung sinnvoller erscheinen. Im übrigen heißt die Geliebte Alexanders nicht Phyllis, sondern Candacis; diesen Namen trug eine asiatische Königin des gegnerischen Lagers in den Alexander-Dichtungen. 118 Die Frage, warum sich die Episode überhaupt im „Alexander“ befindet, begründet HERRMANN damit, daß Alexander den höfischen Rezipienten zwar als Vorbild diente, aber zugleich auch ein warnendes Beispiel sein sollte, denn Alexander stimmte der Demütigung des Herrschers zu, zog aber keine Konsequenzen daraus, gab sich stattdessen der Unmäßigkeit hin und mußte zwangsläufig mit seiner Herrschaft untergehen und den Tod finden. 119 Diese These bleibt Spekulation, denn es hätte auch sein können, daß Eschenbach diese Episode lediglich als kleine Auflockerung eingebaut und damit einfach den Zeitgeist aufgreifen wollte. Andererseits: Da die Geschichte sehr bekannt war, erwartete der Rezipient möglicherweise, diese Episode im „Alexander“ zu finden. Sie endet jedenfalls so, daß Aristander das Geschehene zu seinen Gunsten drehen kann und für ihn, wie bereits gesagt, ohne Folgen bleibt.
116 Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 44.
117 Rosenfeld: Aristoteles und Phillis. S. 321.
118 Stammler: Wort und Bild. S. 15.
119 Herrmann: Der gerittene Aristoteles. S. 45.
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Desweiteren gibt es auch Fastnachtsspiele über den Stoff, von denen zwei zum Vergleich herangezogen werden: „Ein spil von fursten und herren“ und „Aristoteles und die Königin“ - beide sind im 15. Jahrhundert entstanden, doch die Spiele werden in einem Unterkapitel gesondert behandelt, weil sie sich stark von den anderen Versionen abheben.
4.2. „Aristoteles und Phyllis“: Inhalt
Der weise Aristoteles erhält den Auftrag, den jungen Alexander den Großen zu unterrichten. Anfangs gibt es keine Probleme, doch dann verliebt Alexander sich in die schöne Phyllis, die Zofe seiner Mutter. Fortan kann er sich nicht mehr auf die Lehren des Aristoteles konzentrieren, weil er so sehr in seiner Liebe zu Phyllis gefangen ist. Heimlich trifft Alexander sich mit ihr, was Aristoteles eines Tages herausfindet. Er verbietet ihm den Umgang mit der Geliebten, damit der sich wieder intensiver auf den Unterricht konzentrieren kann. Doch der Versuch des Gelehrten mißlingt, denn sowohl Alexander als auch Phyllis sind schlechter Laune, zudem kann sich der angehende Herrscher nach wie vor nicht konzentrieren. Phyllis leidet so sehr unter dem Zustand, daß sie beschließt, ihren Geliebten wiederzubekommen, indem sie sich an Aristoteles rächt. Eines Morgens taucht sie mit einem Hemdchen bekleidet, singend und Blumen pflückend vor seinem Haus auf. Der Gelehrte ist von ihrem Anblick so verzückt, daß er sie zu sich hereinbittet. Phyllis Plan geht auf, denn Aristoteles will unbedingt ihre Liebe, dafür bietet er ihr auch Geld. Da entdeckt sie einen Sattel und verspricht Aristoteles, ihn zu lieben, wenn sie ihn wie ein Pferd satteln darf, und er sie dann auf sich reiten läßt. Der alte Mann ist so blind vor Liebe, daß er tut, was sie sagt. So reiten sie in den Hof des Palastes, wo die Königin und ihr Mann Zeuge des Geschehens werden. Die Schmach ist so groß für den Gelehrten, daß er das Land verläßt - Alexander und Phyllis aber sind wieder glücklich vereint. Karl-Heinz SCHIRMER gliedert diesen Schwank in drei Abschnitte 120 : Im ersten Teil werden die Personen vorgestellt, was als laus bezeichnet wird. Diese Personen werden dann später in einen Konflikt gestellt, was die Situation im Schwank auf einen Höhepunkt treibt. Aristoteles beklagt sich über die Leistungen
120 Schirmer, Karl-Heinz: Stil- und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1969. Im Folgenden gehe ich auf Schirmers Gliederung ein. S. 90ff.
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seines Schülers, die aufgrund seines Interesses an Phyllis stark nachlassen. Der Konflikt ist nun vorprogrammiert, denn Phyllis sinnt auf Rache. Im zweiten Teil befindet sich die Hauptperson nun im Konfliktzustand. SCHIRMERS Meinung nach befindet sich der zweite Teil eher in einem verweilenden Zustand, weil Phyllis sich auf ihre List vorbereitet. Hier wird der Leser außerdem auf den dritten Teil vorbereitet, der oft in Form eines Entschlusses oder Ratschlags den Grund für die Wende legt.
Der dritte Teil ist nun, ebenso wie der erste, wieder dynamischer, denn er bringt die Handlung zum Abschluß, führt sie aus der Konfliktsituation heraus und mündet in die Ruhelage ein. 121
SCHIRMER vergleicht den Geschehensablauf mit dem eines Dramas und hat dazu ein Schaubild entworfen:
Quelle: Karl-Heinz Schirmer: Stil- und Motivuntersuchungen, S. 105.
Im Folgenden wird die Listproblematik aller Fassungen miteinander verglichen, wobei die Straßburger Fassung als Hauptfassung dient. Die anderen Versionen werden nur dann zum Vergleich herangezogen, wenn sich Unterschiede in Bezug auf das Listverfahren ergeben.
121 Vgl. Schirmer: Stil- und Motivuntersuchungen. S. 90.
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4.3. Die List in „Aristoteles und Phyllis“ und in den anderen Fassungen Phyllis ist definitiv die Hauptperson in „Aristoteles und Phyllis“ und wird vom Autor auch sogleich als die Frau eingeführt, die zwar äußerlich absolut schön ist, deren Minne aber dem jungen Alexander den Verstand raubt.
„doch wart er leider gepfand / an witzen unde an sinne; / daz tet diu strenge minne. / Diu künigîn het eine maget, /diu was sô schœne, sô man saget, / an lîbe unde an varwe, / daz man sich an ir garwe / vollektlîchen hete ersehen.“ (V. 82-89) 122
Phyllis erhält gleich zu Beginn des Schwanks eine preisende descriptio, als der Autor sie als Zofe von Alexanders Mutter vorstellt, und hier erwähnt er besonders ihre schöne Gestalt. Diese Beschreibung der Phyllis ist für den Fortgang der Geschichte noch von großer Bedeutung. 123 Im Leser wird damit eine bestimmte Erwartungshaltung geweckt, „denn der Hörer bzw. Leser assoziiert mit diesem Bild bereits die besondere Macht, die die Frau aus ihrer körperlichen Attraktivität zu schöpfen vermag.“ 124
Einige Verse später wird der Autor konkreter und geht darauf ein, wie die schöne Phyllis das Gemüt des jungen Alexanders beherrscht: „sô was diu reine guote / phillis in sînem moute“ (V. 119-120). Negative Eigenschaften werden noch nicht genannt, allerdings ist die Minne in den Augen des Autors unerbittlich (V. 161). Aristoteles redet mit dem Vater Alexanders, was dazu führt, daß dieser das Mädchen tadelt - die Liebenden dürfen sich nicht mehr sehen und leiden an Liebeskummer. Der erste Teil der Geschichte hat damit ein Ende, nun beginnt Phyllis Racheplan, den sie sich wegen ihres Kummers ausdenkt. Im Unterschied zur Straßburger Fassung setzt Candacis ihren Geliebten in Eschenbachs „Alexander“ von ihrem Vorhaben in Kenntnis - der freut sich sogar darüber und möchte Zeuge des Ritts werden (V. 23440-23444) 125 .
122 Novellistik des Mittelalters, Märendichtung. Hg. v. Klaus Grubmüller. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt/Main 1996. Alle zitierten Passagen der Straßburger Fassung von „Aristoteles und Phyllis“ beziehen sich auf die Ausgabe von Grubmüller.
123 Schirmer: Stil- und Motivuntersuchungen. S. 23.
124 Jonas: Versschwank. S. 154.
125 Alle Zitate aus Eschenbachs „Alexander“ beziehen sich auf: Alexander von Ulrich von Eschenbach. Hg. v. Wendelin Toischer. Bibliothek des Literarischen Vereins. Stuttgart 1888. V.23415-23528.
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Im Benediktbeurer Fragment nennt der Autor auch ganz dezidiert das Wort List: „nu merchend wîbes liste!“ und hebt es einige Verse später auch noch einmal hervor: „waz wîbes liste kunnen!“ 126 (V. 41 und 78). Die französische Fassung von Henri d’Andeli ist ein Loblied auf die Liebe, denn der Autor beschreibt immer wieder die Gedankengänge Alexanders:
„Unziemlich, Meister? Ei, sagt an, / der kennt sie nicht, der Minne Macht, / wer darum mich zum Toren macht, / daß man nur eine liebt vor allen / und strebt, nur einer zu gefallen./ Ganz recht, wenn ein Verliebter bleibt, wohin sein Herz ihn drängt und treibt, / wer’s ihm mißdeutet, der fürwahr / ist selber aller Liebe bar.“ 127
Damit weicht die französische Fassung von denjenigen ab, die in Phyllis und der Minne immer noch mehr Kritikpunkte sehen. Ebenso wie in Eschenbachs „Alexander“ weiht auch hier das Mädchen ihren Geliebten in ihre Rachpläne mit ein. In der Straßburger Fassung beginnt die List ab Vers 227 ihren Lauf zu nehmen; nach wie vor wird Phyllis mit positiven Eigenschaften bedacht: „Phillis, diu liehte sunne, gienc / in eine kemenâte hin…“ (V. 228) und nun folgen allein 32 Verse, in denen der Autor beschreibt, wie sie sich schmückt und herausputzt. Ihren Kopf ziert ein goldener Reif mit wertvollen Edelsteinen, sie trägt Stoffe von ausgesuchter Qualität, und immer wieder erwähnt der Autor ihre Schönheit als Vorbereitung auf das, was noch folgen soll. Eigentlich kann ihr dieses Verhalten auch als Eitelkeit ausgelegt werden - zumal sie auch in den Spiegel schaut - und das schickt sich nicht für eine Frau, die, wenn sie charakterlich vortrefflich sein soll, eher demütig denn eitel sein soll. Allerdings ist auffällig, daß der Autor mehr Verse auf ihre äußerlichen Merkmale verwendet, ihre inneren Eigenschaften aber kaum erwähnt. Ihre äußere Schönheit gepaart mit weiblicher List ist für die Dynamik der Handlung aber maßgebend, denn Phyllis setzt nun ihre Reize gezielt ein und lustwandelt durch den Baumgarten, wohlwissend, daß Aristoteles sie dort auf jeden Fall sehen kann.
126 Alle Zitate des Benediktbeurer Fragments beziehen sich auf die Ausgabe von Rosenfeld: Aristoteles und Phillis in: ZfdPh. Bd. 89 (1970). S. 321-336.
127 Eine Übersetzung des Lai d’Aristoteles ist zu finden in: Spielmannsbuch, Novellen in Versen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Hg. v. Wilhelm Hertz. Phaidon-Verlag, Essen und Stuttgart 1984. S. 187-197. Hierauf beziehen sich auch die folgenden Zitate der französischen Fassung.
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„Dâ der boumgarte was, / dô gienc si vür den palas / barvuoz, an den vüezen blôz. / ir bein wâren wîzer dan ein slôz / und slehter dan ein kerze, / blanc, ân alle swerze; / diu wurden von dem touwe naz. / dâbî ein kwecbrunne was, / dem gie diu minneklîche bî / vrô unde aller sorgen vrî. / ir trite wâren und ir ganc / gemezzen ze kurz noch ze lanc, / und doch in rehter mâze. / si was an ir gelâze / freht und offenære / gelîch dem sperwære / und gestreichet als ein papegân, / und liez ir ougen umbe gân / als ein valke ûf dem aste.“ (V. 261-279)
Sie macht den Gelehrten also durch Gestik auf sich aufmerksam, gibt sich selbst als frohes und freies Mädchen und geht scheinbar sorglos durch den Garten. Ihre Beine werden vom Tau benetzt, was ihr einen besonderen Reiz verleiht. Interessant ist ihr ambivalentes Verhalten, denn obwohl sie ihre Augen schweifen läßt (der Autor vergleicht sie mit einem Falken auf dem Ast, der nach Beute Ausschau hält), hält sie Maß mit ihren Schritten, das heißt: Sie geht damenhaft und angemessen durch den Garten, verhält sich in keiner Weise unangemessen. Das erweckt den Eindruck einer naiven Unschuld. Ihr Verhalten nennt Hartmut SEMMLER „konventionalisiertes Verhalten“, dabei geht es um „solche Szenen, in denen die Autoren gestische Mittel zur Listanwendung hervorheben. Am Beginn stehen Situationen, wo die Demonstration von Wohlwollen Teil einer von der Gesellschaft geforderten Verhaltensnorm ist.“ 128 Damit ist beispielsweise vorbildliches Benehmen bei Hofe, insbesondere Grußverhalten, gemeint. Phyllis verhält sich aber widersprüchlich, denn, wie bereits erwähnt, ist ihre Kleidung unangemessen, weil diese von Eitelkeit zeugt. Ihre innere und äußere Haltung widersprechen sich aber nicht, denn ihre Kleidung ist aufreizend und ihr Verhalten geheuchelt, was auch für Hinterlist spricht. Sie macht ihr privates Interesse zum Maßstab ihres Handelns. SEMMLER nennt da einen sehr interessanten Punkt in Bezug auf Gestik und Einklang von innerem und äußerem Verhalten von der frühhöfischen zur hochhöfischen Epik: Im Zuge der ritterlichen Ethik wurde eine Übereinstimmung von innerer Verfassung und äußerem Benehmen gefordert. Gab es keine Übereinstimmung, dann galt das als prekär,
„weil ein wesentlicher Teil des äußeren Erscheinungsbildes des Menschen, das nicht von der Gesamtpersönlichkeit abzulösen war, mißbraucht wurde. Verstellung durch Gesten galt vor
128 Semmler: Listmotive. S. 81.
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allem im privat gefühlsmäßigen Bereich als verwerflich, was allenfalls durch Notlagen zu rechtfertigen war.“ 129
Obwohl es sich hier um einen Schwank und nicht um einen Roman handelt, lehnt sich „Aristoteles und Phyllis“ an den höfischen Roman an, wenn man FISCHERS Worten folgt, denn streng genommen handelt es sich hier um einen Schwank mit höfisch-galantem Einfluß. Aus dieser Sicht wäre das Urteil über Phyllis gefällt: Sie verhält sich verwerflich und unaufrichtig. Insgesamt vermittelt sie Aristoteles eine nichtvorhandene Wirklichkeit, nämlich die, daß sie nicht weiß, daß er sie sehen kann. Nach VON SENGERS Definition handelt es sich dabei um das Simulationsstrategem. Das wird dadurch verstärkt, daß sie nun äußerst undamen-haft ihr Kleid bis über das Knie anhebt und Blumen pflückt, die sie in ihren Schoß wirft (V. 288ff). Dieses Verhalten wird auch sofort vom Autor kommentiert. So weist er explizit darauf hin, daß sie sich nur deshalb so verhält, um den alten Mann zu betören: „Phillis, diu liehte sinne glanz, / begunde sus gebâren / daz si möhte ervâren / und betriegen den alten man, / der ir herzeliep benam“ (V. 192-295).
Einige Verse später wird der Autor konkreter und spricht sogar von „wîbe liste“ (V. 300) und erklärt, daß Männer es schwer haben, sich gegen die List der Frau zu wehren:
„Waz wîbe liste kunnen, / daz künde nieman gesagen. / Ein wîp kann ûf der verte jagen, / daz sich vor ir listen / nieman kann gevristen. / Ez wart nie man sô wîse, / noch von alter sô grîse, / wi er sîn den wîben bî, / ern werde gevangen an dem zwî / unde an der minnen lîmruot / […]“ (V. 300-308).
Weisheit nützt keinem Mann, denn er wird unweigerlich von der Minne gefangen, und das wissen Frauen auszunutzen. Die Ambivalenz der Phyllis-Figur zieht sich durch den gesamten Schwank, denn obwohl der Autor meint, daß die Minne die Männer machtlos macht, stellt er Phyllis dennoch vordergründig als liebenswert dar. Durch ihre Eitelkeit (Aufputzen) wird das aber wieder relativiert. Phyllis handelt in jedem Fall vorausschauend, denn sie weiß, wie sie sich zu verhalten hat, um Aristoteles Aufmerksamkeit zu wecken. Die Vermutung liegt nahe, daß sie sich ihres Sieges bewußt ist. Den einzigen Rat, den der Autor den Männern geben kann, ist der, sich von Frauen fernzuhalten, denn nur so könne man der Kraft
129 Semmler: Listmotive. S. 97.
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der Minne entgehen (V.329-332). Nach diesem Exkurs, in dem der Autor also noch einmal ganz klar Position bezieht, spitzt sich die Handlung weiter zu, denn der Gelehrte wird tatsächlich auf das Mädchen aufmerksam. „in stiez an eine kelten / unde eine hitze darnâch. / diu minne tet im manigen schâch / und machte in zeime kinde“ (V. 350-353). Heiß und kalt wird ihm, er ist nicht mehr Herr seiner Sinneauch das weiß Phyllis nun mit Worten auszunutzen: „meister, ich gan iu wol / gelückes unde êren. / und möht ich iu gemêren / vröude unde kurzeweile, / darumbe ich ene mîle / wollte gân, wie kranc ich sî“ (V. 360-365). Sie wünscht ihm Glück und Ruhm und täuscht ihn mit der Aussage, sie sei trotz ihrer Schwäche bereit, eine Meile für ihn zu laufen, nur um ihm Kurzweil und Freude zu bringen. Aristoteles kann diese Aussage nicht als falsch erkennen, denn ihm fehlt das Hintergrundwissen, daß es ihr um Rache geht, weswegen sie ihn mit Falschaussagen betört. Durch ihre netten Worte bezüglich Aristoteles und dadurch, daß sie sich selbst herabsetzt, indem sie auf ihre natürliche Schwäche als Frau aufmerksam macht, verschleiert sie geschickt ihre wahren Absichten. Er ist geblendet von Begierde und Schmeichelei und vergißt darüber jede Voraussicht. In Eschenbachs „Alexander“ fällt der Gelehrte Aristander nicht sofort auf die Schönheit der Candacis herein, zweimal schafft er es, seine Augen abzuwenden, doch immer wieder zwingt ihn ihr liebreizender Anblick hinzuschauen: „sie gap dem meister irren muot. / aber kêrte er die ougen dan, / doch twang sie den wîsen man / mit seneclîcher quâle, / daz er zem dritten mâle / aber an die frouwen sach.“ (V. 23470-23475). Ebenso kämpft der Philosoph mit sich in der französischen Fassung: Auch hier hat das Mädchen alle Geschütze aufgefahren, hat sich herausgeputzt und wandelt singend durch den Garten. Aristoteles wägt ab, mag sich seiner eigenen Torheit nicht ganz hingeben:
„Dies Wunderbild mir freundlich nahn! / Ihr macht’ ich alles untertan. / Wie? Tät’ ich das? Was kommt mich an? Steckt mir, der soviel weiß und kann, noch solch ein Narr in Herz und Haupt, / daß mir ein Blick die Sinne raubt? / Ach Liebe will als Gast zu mir; / doch Ehre schilt und wehrt es mir. […] / Was kommt dein ewiges Studieren, / läßt Freiheit sich so leicht verlieren? / Gelernt, verlernt! Die Minne winkt, / und alle Wissenschaft versinkt. / Kein Ausweg bleibt! So mag sie schalten / und Hof in meinem Herzen halten, / der nichts zu widersprechen wagt.“ (s. 192)
Hier wird ganz deutlich, daß Aristoteles sich der Macht der Minne selbst bewußt ist und ihr nicht entgehen kann. Sowohl im „Alexander“ als auch im „Lai d’Aristote“
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ahnt der Gelehrte für einen kurzen Moment, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht. Im Nu hat er aber seine eigenen Vorsätze vergessen und fällt auf die List des Mädchens herein. In der französischen Fassung kommt besonders schön heraus, wie Phyllis den Meister betört. Henri d’Andeli kommentiert das keineswegs negativ, ganz im Gegenteil: Er beschreibt sehr genau, was sie alles anstellt, um vom Meister hereingebeten zu werden: „Und arglos lacht ihr Angesicht, / als sehe sie der Späher nicht. / Nun aber soll der Zauber glücken / und um ihn vollends zu berücken, / geht sie wie von ganz ungefähr / durchs Grün vor sein Fenster her“ (S. 193) Mit dem Vers „die Falle klappt, / er ist gefangen“ (S. 194) macht d’Andeli deutlich, daß der Meister nicht mehr Herr seiner Lage ist.
Phyllis hat in allen Fassungen den ersten Teil ihrer List erfolgreich beendet: Durch vorausschauendes Handeln und Verhalten ist der Gelehrte ganz angetan von ihr und bittet sie herein. Der Autor der Straßburger Fassung kommentiert auch dies: „si kêrte darûf iren sin, / wie si in geschante; / daran si gar genante“ (V. 378-380). Ganz klar hebt er ihre Absicht hervor, Aristoteles in Schande zu stürzen. Aristoteles hingegen bietet ihr Geld, wenn sie ihn eine Nacht bei sich schlafen läßt. SCHIRMER erklärt dazu, daß die käufliche Liebe auch im Schwank unhöfisch ist, denn entweder sind die Bewerber nicht höfisch oder ihr Werben bleibt ohne Erfolg und führt zu dessen Unglück. Bei Aristoteles ist beides vorhanden: Er ist weder höfisch, noch hat sein Werben Erfolg. 130 Er büßt in jedem Fall seine überlegene Position des weisen Mannes ein, weil er seinen Trieben ausgeliefert ist. 131 Damit erfüllt sich auch das Prinzip der verkehrten Welt im Schwank: Die listige Frau ist dem intellektuellen Mann überlegen. Phyllis weiß jedenfalls mit der Situation umzugehen und heuchelt Unverständnis, denn seine Worte und sein Werben bedrücken sie doch angeblich sehr (V. 391). Wieder geht sie mit viel Kalkül an die Sache heran, was auch der Autor kommentiert: „ ‚ich will minen magetoun / sô toerlîche niht verliesen.’ Dô begunde sî wol kiesen, / daz er an sî vereffet was“ (V.396-399). Sie gibt sich züchtig, will ihre Unschuld nicht verlieren, aber sie weiß genau, was sie tut. HERRMANN sieht in Phyllis eine Frau, die vor dem Hintergrund zeitgenössischer Erwartungen an das Verhalten einer Frau das Gegenteil des geforderten Idealbildes verkörpere. Zeitgenössische Rezipientinnen haben in ihr möglicherweise eine Frau gesehen, die dem Sittenkodex nicht entsprochen habe und
130 Vgl. Schirmer: Stil- und Motivuntersuchungen. S. 205.
131 Vgl. Jonas: Versschwank. S. 179.
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darum als Ehefrau, insbesondere als Gattin eines Herrschers, nicht geeignet gewesen sei. Schon allein die Tatsache, daß Phyllis ihrem Zorn auf Aristoteles folge und auf Rache sinne, sei nicht tugendhaft, womit sie ihre Zucht nach zeitgenössischer Tugendlehre auf jeden Fall verloren habe. 132
Nun tritt der Hauptteil der List in Kraft, die vorbereitende Phase ist vorüber, Phyllis setzt den eigentlichen Plan in die Tat um: Sie sieht einen Sattel an der Wand und bedient sich nun einer Teilaussage, das heißt, sie behauptet vorzuhaben, dem Gelehrten ihre Minne zu schenken, wenn er sie auf sich reiten läßt. Die wahre Absicht ihres Versprechens bleibt verborgen - damit gibt sie ihm außerdem ein Blancoversprechen und lügt mit ihrer Aussage, im Baumgarten könne sie keiner sehen.
„sie sprach: ‚entriuwen, ich enmac / diz dinc niht tuon vergebene: / lât mich tuon an dirre stunt / einen zuom in iuwern munt, / daz ist mîn sîdin gürtellîn. / Tuotz, wen es mac niht anders sîn, / ich enmac niht langer bîten. / Ir müezet mich lân rîten / in dem boumgarten; / dâ enmac uns gewarten / deweder wîp noch man.’“ (V. 402-415)
Der Autor bewertet auch dieses Verhalten: Einerseits hebt er ihre Schönheit und ihren Verstand hervor, schließlich könne sie Erstaunliches leisten und sei in der Lage, mit ihrer Macht zu verletzen und Herz und Sinn mit verführerischen Worten zu verkehren, doch hat dieses Urteil einen schalen Beigeschmack: „swie si an allen orten / mit gallen sint gemischet!“ (V. 432f) In Eschenbachs „Alexander“ bedient sich Candacis einer ganz anderen Täuschung: Zwar gibt auch sie vor, beschämt darüber zu sein, daß Aristander sie im Garten sah, nutzt aber die Gelegenheit geschickt aus. Sie behauptet, totkrank zu sein und nur dann gesund zu werden, wenn Aristander sie auf seinem Rücken durch den Garten trägt. Ebenso täuscht Phyllis im Benediktbeurer Fragment vor, einen schwachen Fuß zu haben und gibt ihm, ebenso wie in der Straßburger Fassung, ein Blancoversprechen, ihn zu küssen, wenn er sie auf sich reiten läßt. SEMMLER erklärt, daß Frauengestalten häufiger Unpäßlichkeit vorschützen, wenn sie etwas durchsetzen wollen. 133 Mit dieser Behauptung verhüllen Candacis und Phyllis ihre wahre Absicht, machen sich durch die Schwäche selber klein und appellieren damit an Aristanders/Aristoteles Ehre als Mann. Ulrich von Eschenbach kommentiert das
132 Vgl. Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 58f.
133 Vgl. Semmler: Listmotive. S. 90.
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folgendermaßen: „si gesigt an sînen witzen“ (V. 23506) und macht damit deutlich, wer sprichwörtlich die Zügel in der Hand hat. Im Benediktbeurer Fragment aber scheint der Gelehrte für einen Augeblick ihr Spiel zu durchschauen: „da al zehanz /iemer me bin ich geschant, / sehent ez die liute. / Du riuwest es lange hiute, / so du mich wolltest triegen: / wîp die kunnen liegen. / Niwern mit den kinden / mac man triuwe finden“ (V.23-29). Er bedenkt also, daß er bei dem Ritt gesehen werden könnte und warnt Phyllis, daß sie es nicht wagen solle, ihn zu überlisten, denn Frauen könnten ja bekanntlich lügen. Allerdings vertraut Aristoteles noch nicht einmal den Kindern, er ist also generell sehr mißtrauisch und scheint noch Herr seiner Sinne zu sein. Doch Phyllis lockt ihn mit Falschaussagen, überzeugt ihn, daß kein Gold der Welt ihr so viel Wert ist, wie ein Ritt auf dem Gelehrten. Sie täuscht ihn also durch beziehungs-steuernde Äußerungen 134 , spricht den Gelehrten ganz direkt an und heuchelt Sympathie und Integrität. Phyllis macht ihren Wunsch nach einem Ritt glaubwürdiger, indem sie das noch einmal mit der letztgenannten Aussage unterstreicht. Aristoteles schenkt ihr nun Glauben und ist nicht mehr in der Lage, ihre wahren Absichten, die er zuvor ansatzweise gesehen hat, einzuschätzen. Sattel und Zaumzeug bzw. Seidentuch, werden in allen Fassungen zweckentfremdet eingesetzt, um den Gelehrten endgültig zum Narren zu machen. In der Straßburger Fassung folgt nun eine Aufzählung dessen, was die Künste der Frauen alles bewerkstelligen können:
„Wunder wirket wîbes list: / ir smeichen unde ir zarten, / ir lâgen unde ir warten, / ir sprechen und ir singen, / ir tanzen und ir springen, / ir weinen und ir lachen, / die kunnen alle machen / den stric und die gebende, / daz sie mit ir hende / vüeret den man, swar si will. / wîbes kunst ist âne zil. / das sî vil wo bewæret: / von wîben wart erværet / Adam unde Samsôn, / Davît unde Sâlomôn / unde die besten alle. / doch, samir Sante Galle, / diu wîp sint alle niht alsô. / wîp machent manic herze vrô“ (V. 436-454).
Aus den Worten des Autors spricht zum Teil Bewunderung, aber er betont auch, daß nicht alle Frauen so seien. Im Grunde genommen erfüllt die Mutter Alexanders die eigentliche Vorbildfunktion in diesem Schwank: Sie ist schön und tugendhaft und bildet das Pendant zu Phyllis. 135 Der Autor reiht Aristoteles zu den sogenannten
134 Vgl. Semmler: Listmotive. S. 48.
135 In Grubmüllers Ausgabe „Novellistik des Mittelalters“ heißt es übersetzt: „Sie war […] / eine Blüte reiner Weiblichkeit, / ein Diamant der höchsten Tugenden / und klar wie ein Spiegel, / frei von Makel und Fehltritt, / wie man es auch sonst bei Frauen häufig findet.“ (V. 19-24).
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Minnesklaven ein: Minnesklaven sind große und berühmte Männer, die alle nicht der List und Macht der Frauen entgehen konnten. Mit diesem Vergleich relativiert er übrigens die Torheit des Gelehrten, denn schließlich ist er nicht der einzige in der Geschichte, dem so etwas passiert; das Motiv des Weisen, der sich von einer Frau zu einem Reittier erniedrigen läßt, gehört zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert zu den „wohl populärsten Beispielen der Frauenlist und der Macht der Minne.“ 136 HERRMANN sieht in der Beschreibung der Frauen, die Männer zu Minnesklaven machen, keineswegs frauenfreundliche Züge. Von einem gefeierten Triumph der Frauen und der Liebe könne nicht die Rede sein. Die Verführerinnen der Minnesklaven seien vielmehr Gegenbeispiele zum gewünschten tugendhaften Idealbild der zeitgenössischen Frauen. Sie sollten von männlichen Rezipienten der Dichtungen als abschreckend empfunden werden, da durch schöne, aber böse Frauen Ehre und Besitz in Gefahr geraten könnten. 137 Tatsächlich deutet der Autor indirekt darauf hin, daß Phyllis diesen Makel einer untugendhaften Frau hat:
„wil ir ein teil niht êre haben, / noch kiuschen sin, noch stæten mout, / daz schat den niht / die sint behuot / und vrî vor aller missetât. / tûsent wîbe tugende hât / ein wîp ob keiniu wære / bœse und wandelbære, / wâ sollte man erkennen bî / welhiu wære missewende vrî?“ (V. 456-464)
Obwohl es Frauen gebe, die nicht auf ihren Ruf achten, so schade das denen nicht, die tugendhaft seien. Woran sollte man denn außerdem die schlechten Frauen erkennen, wenn sie alle frei von Makel wären?
Das Opfer der List, in diesem Falle Aristoteles, wird vom Autor als gouch, also Narr, bezeichnet, womit er sein Verhalten tadelt. Er läßt Phyllis auf sich reiten, die seine Schmach und Erniedrigung auf die Spitze treibt, indem sie einen blühenden Rosenzweig zur Hand nimmt und ein Lied singt, während er sie auf allen Vieren durch den Baumgarten reitet. Hedda RAGOTZKY verteidigt das Verhalten der Phyllis, denn diese erscheine mit dem Rosenzweig in der Hand als Repräsentantin einer Minne, die durch den Gebrauch der List nichts von ihrem ethischen Niveau einbüße, denn nur dadurch, daß sich Phyllis der für ihr Geschlecht charakteristischen Fähigkeit der List bediene, könne sie die Minne einen neuen Stellenwert erreichen. 138
136 Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 281.
137 Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 21.
138 Vgl. Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 289.
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Das heißt also, daß Phyllis im Recht ist, weil Aristoteles ihr das Beisammensein mit dem Geliebten verwehrt. HERRMANN ist da anderer Meinung, denn Phyllis maße sich ein männliches Verhalten an, das ihr nicht zustehe. Phyllis siege nicht durch Intelligenz, sondern als untugendhaftes, listiges Geschlechtswesen. 139 Dieser Meinung scheint auch der Autor des Schwanks zu sein, da er immer wieder zwischen Bewunderung und Tadel der Phyllis schwankt. Marija BRIŠKI drückt das weniger drastisch aus und spricht von „weiblicher Klugheit“ 140 . Bemerkenswert sei es, daß es sich bei dem Opfer der eben erwähnten weiblichen Klugheit nicht um einen gemeinen Mann, sondern um einen weisen Philosophen handele, was die Listfähigkeit der Frau um so mehr hervorhebe, zugleich aber auch die Urteilsfähigkeit des Gelehrten in Frage stelle. 141 Durch den Rosenzweig als Symbol der (Minne)Geißel und die erhöhte Sitzposition wird Phyllis Macht besonders deutlich - die Herrschaftslegitmation des Mannes in der Gesellschaft ist somit in Frage gestellt. 142 Obwohl der Autor deutlich macht, daß Phyllis Verhalten nicht tadellos ist, bezeichnet er sie während des Ritts als anmutig, zart und liebenswürdig, womit die ganze Komik oder auch Absurdität dieser Szene zum Tragen kommt: Sie ist über den Philosophen erhaben, seine ganze Weisheit ist in diesem Moment der Schmach nichts mehr wert, denn sowohl Königin als auch Kammerfräulein werden Zeuginnen und sind darüber sehr erheitert. In Eschenbachs „Alexander“ ist, wie von Candacis geplant, Alexander Zeuge des Geschehens, doch fügt sich zur erotischen Komponente noch das Mitleid für Aristander, was ihn einigermaßen entschuldigt. Schließlich erklärt der Philosoph in weiser Selbsterkenntnis zu Alexander: „durch deheine frouwe me/ ich dich, sun, strafen sol“ (v. 23524).
In der Straßburger Fassung kann Phyllis nun die wahren Absichten ihrer schmeichelhaften Worte enthüllen, sie bezeichnet ihn als Narr und weist ihn darauf hin, daß er sich nicht wie ein weiser alter Mann, sondern wie ein siebenjähriges Kind verhält: „sie sprach: ‚dû alter gouch, nû habe / diz laster iemermêre, / daz dû mir mîn êre / unde mîn liep hâst benomen. / dine hundert jâr sint nû komen ze siben jâren ûzerwegen“ (V. 506-511). In der französischen Fassung handelt das Mädchen nicht nur listig, sondern in höchstem Maß auch sarkastisch, denn auf dem Rücken des
139 Vgl. Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 60.
140 Briški: Eine Warnung. S. 44.
141 Vgl. ebd.
142 Vgl. Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 40.
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Gelehrten sitzend singt sie ein Spottlied: „Sehr, so geht’s uns armen Toren, / die an Mägdlein sich verloren! / Schabernack wird unser Teil. / Seht, so geht’s! Uns’ arme Toren / führt man so am Narrenseil“ (S. 195).
Der Autor der Straßburger Fassung spricht nun davon, daß die zarte Phyllis damit ihren Schmerz gerächt habe, die List somit gelungen sei. Dieser Kommentar ist recht neutral, da der Autor sich aber eines negativen Ausspruchs enthält, kann der Rezipient davon ausgehen, daß er eine gewisse Bewunderung für seine Hauptfigur hegt. Ganz zum Schluß aber läßt er den Philosophen ein Buch über die merkwürdigen Künste der treulosen Frauen schreiben, der Autor selbst gibt auch noch einmal eine Warnung heraus: „Ich bin des komen überein,/ daz dâvür niht gehelfen kann, / wan daz ein iegelîch wîse man, / der gerne âne vreisen sî, / sî ir geselleschefte vrî / und vliehe verre von in dan: / wan anders niht gehelfen kann“ (V. 548-554). Es hilft alles nichts, denn jeder noch so verständige Mann läßt sich von den Frauen fangen, und deshalb sollte er lieber ihre Gesellschaft meiden. Die Ambivalenz gegenüber Phyllis, die der Autor der Straßburger Fassung immer wieder zum Ausdruck bringt, gibt im Grunde genommen das Dilemma der Männer wider, denn auf der einen Seite steht die Bewunderung der Schönheit und Anmut, auf der anderen aber auch die Furcht vor List und Treulosigkeit, vor der Männer nicht gefeit sind, wie man an den berühmten Minnesklaven nur allzu gut sehen kann. RAGOTZKY sieht einen ganz klaren Sieg, denn die Minne sei nun auf spektakuläre Weise neu gesichert, und Aristoteles könne sich nur durch Flucht retten. „Er hat sich angemaßt, die Minne auszuschließen, daraufhin hat die Minne seine wisheit ins Unrecht gesetzt.“ 143 Dennoch wird das Opfer der Täuschung nicht gänzlich vom Autor verurteilt, weil dieser immer wieder hervorhebt, daß Männer sich sowieso nicht gegen die Macht der Frauen auflehnen können. Auch im Benediktbeurer Fragment gibt es ein kurzes Schlußwort, allerdings verzichtet der Autor darauf, das Verhalten des Gelehrten mit einem Vergleich der anderen Minnesklaven zu rechtfertigen. Zwar weist er darauf hin, daß nur die List der Frauen in der Lage sei, jemanden so zu betrügen, doch sei die Torheit des Gelehrten schon allein dadurch offensichtlicher, daß er sich habe blenden lassen, obwohl er eine Ahnung von Phyllis List hatte. Ebenso wie in der Straßburger Fassung muß Aristoteles das Land in Schimpf und Schande verlassen.
143 Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 289.
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Ulrich von Eschenbach verzichtet auf eine Moralisatio, denn aus der Sicht der Schlußpointe erscheinen die Machtlosigkeit des Mannes gegenüber den Reizen der Frau und die sinnliche Liebe ambivalent. „Die Normverstöße werden in der Antwort des weisen Gelehrten 144 als das Unvermeidbare akzeptiert.“ 145 Gegen eine Verurteilung der Liebe spricht die Intaktheit von Aristanders gesellschaftlichem Ruf. 146 Auch in der französischen Fassung bleibt der Ruf des Gelehrten unbeschädigt, denn er kann sich geschickt aus der prekären Lage herausreden. Schließlich habe er nur beweisen wollen, wie Recht er mit seinen Worten hat, daß Alexander sich nicht zu sehr auf die Minne einlassen solle. Alexander und Aristoteles versöhnen sich beide, doch den endgültigen Sieg hat die Minne davongetragen, denn der Gelehrte interveniert von nun an nicht mehr in die Liebesangelegenheiten seines Herren. Henri d’ Andeli bleibt nur zu sagen:
„Nun seht, so soll es jedem gehen, / der wagt, auf Liebende zu schmähn. / Sie laßt im Recht der Liebe ruhn! / Denn Liebe reinigt alles Tun. / Und Liebe zwang und zwingt die Welt, / bis dieses All in Trümmer fällt“ (S. 197).
Somit ist er der einzige Autor, der nichts Verwerfliches an der Minne findet und Phyllis nicht unbedingt kritisch sieht, obwohl er Aristoteles durchaus rehabilitiert, indem eine Versöhnung stattfindet.
Die List ist jedenfalls gelungen, weil die Frau die Reaktion ihres Gegenspielers richtig vorausberechnet hat. Außerdem weist die List in allen Fassungen eine gewisse Komik auf, weil der Rezipient genauso viel weiß wie der Listanwender und sich somit in einer gehobeneren Position befindet. Der Rezipient ist sich der eingeschränkten Sicht der Dinge des Gegenspielers bewußt und glaubt deswegen, daß er gescheiter ist, denn man lacht immer über den Dümmeren. 147 Phyllis/Candacis gelingt es durch das Anwenden verschiedener Mittel, den Gelehrten über einen tatsächlichen Sachverhalt zu täuschen. Sie bringen ihn dazu, etwas zu tun, das seinen Interessen zuwiderläuft und ändern seine Meinung
144 Aristander verteidigt sich gegenüber Alexander: „die frouwe hât betrogen mich. / sun, durch wîp sô strâft ich dich: / wie ez uns vürbaz ergê, / durch deheine frouwe mê / ich dich, sun, strâfen sol“ (V. 23521-23525).
145 Briški: Eine Warnung. S. 49.
146 Vgl. ebd.
147 Vgl. Nanchen: Typologisierung. S.123.
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zumindest teilweise. 148 Die List wurde in jedem Fall mittels sprachlicher und gestischer Mittel erfolgreich umgesetzt. Geht man von den sieben Grundkategorien Harro VON SENGERS 149 aus, so wendet Phyllis erst einmal das Simulationsstrategem an, indem sie eine nicht-vorhandene Wirklichkeit vortäuscht, denn in Wahrheit ist sie nicht an dem Gelehrten interessiert. Sowohl im Benediktbeurer Fragment als auch in Eschenbachs „Alexander“ verknüpft sie das zusätzlich mit dem
Dissimulationsstrategem, also verbirgt die Wahrheit, daß sie eigentlich gar nicht krank ist, wodurch sie dem Philosophen eine falsche Information gibt. Da mehrere Strategeme verwendet werden, spricht VON SENGER auch von einer Strategemverkettung. Da Aristoteles so geblendet ist und ihm zudem die Hintergrundinformationen der Rache fehlen, ist er nicht in der Lage, die List zu durchschauen.
Die List ist als sowohl als destruktiv als auch als scherzhaft zu analysieren. Destruktiv deshalb, weil sie darauf abzielt, den Gegner bloßzustellen, zu blamieren und zu schwächen, was teilweise auch gelingt. Scherzhaft ist die List, weil hier Belustigungen, Verharmlosung und öffentliche Aufmerksamkeit im Spiel sind.
4.4. Die Fastnachtspiele
Die verkehrte Welt des Schwanks kann durchaus noch durch die Fastnachtspiele überboten werden, weil sie das Geschehen meist noch tiefer in die Absurdität und ins Groteske führen, denn die verkehrte Welt des Schwanks erhält hier noch einmal eine zusätzliche Verkehrung. Laut RAGOTZKY operieren Fastnachtspiele sehr stark mit dem Exempelcharakter, dabei geht es weniger um die lehrhafte Absicht, als vielmehr um das Spielelement. In dem Fall „Aristoteles und Phyllis“ ist das Spielelement die verkehrte Herrschaft der Geschlechter. „Der Hauptreiz für das Publikum liegt im Witz des Überbietens, in der Strategie einer immer kompletter werdenden Verkehrung, wie sie der Situation der Fastnacht angemessen ist.“ 150
„Aristoteles und die Königin“ ist in gespiegelter Form aufgebaut, das heißt, die Königin schafft es mit Hilfe einer Zofe, den Gelehrten zweimal auf die gleiche Weise zu überlisten. Beim ersten Mal scheint die List der Königin nur scheinbar zu
148 Vgl. Semmler: Listmotive. S. 32.
149 Vgl. von Senger: Kunst der List. S. 90ff.
150 Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 297.
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gelingen, weil Aristoteles es dann doch wieder schafft, seinen Schüler, der standesmäßig übrigens unter der Königin steht, vor der Minne zu warnen. Erst beim zweiten Mal ist die Königin erfolgreich und das Paar vor jeglicher Einmischung des Meisters gefeit. Allerdings hätte Aristoteles schon nach der ersten Überlistung seine Lehren daraus ziehen können - seine Torheit ist somit noch offensichtlicher. Im Vergleich zu „Ein spil von fursten und herren“ ist „Aristoteles und die Königin“ näher am Original: Auch hier ist der Philosoph erzürnt über die Liebe seines Zöglings zu einer Frau, wobei diese Frau eine Königin ist und den symbolhaften Namen Regina trägt. Ehe sie aber zur List greift, sucht sie Rat bei einer dritten Person (alde frauwe, V. 55), die ihr vor-schlägt, aufgeputzt im Baumgarten zu wandeln. Interessant ist, daß die alte Frau genaue Anweisungen gibt, sich in den Gelehrten hineinzuversetzen: „[…]und syngen myt uweren junfrauwen, / so wird uch der alde wieß man schauwen / und dencket dan in synem synne, / so wirt yme dan syn hertz entprant / van dyner liebde alda zu hant“ (V. 64-68). 151 BRIŠKI befindet die Tatsache, daß nicht die Königin diejenige ist, die den Racheplan entwirft, sondern eine alte Frau, für positiv im Hinblick auf das Frauenbild. Es handele sich hierbei um „einen krassen Gegensatz zur misogynen patristischen Tradition“ 152 , schließlich sei die Königin unfähig, selbst einen Racheplan zu ersinnen, was kennzeichnend für deren moralische Intaktheit sei. Allerdings entspringe die Durchführung der List durchaus ihrer Erfindungsgabe. Laut BRIŠKI werde die Frau hier nicht in die Rolle der Listenträgerin gedrängt, weshalb sie durchaus differenzierter beurteilt werden solle. 153 Hier ist ihr durchaus zuzustimmen, denn diese Vermutung wird im Laufe des Fastnachtspiels immer wieder bestätigt: Die Königin führt ihre List genauso mit Gesten und Worten durch wie in den anderen Fassungen, was dazu führt, daß auch ihre List gelingt und Aristoteles auf sie aufmerksam wird und ihr seine Liebe gesteht. Sie glaubt seinen Liebesschwüren zunächst nicht und schlägt deshalb den Ritt vor. Er verspricht zu tun, was die Königin will, wobei die Sätze „Sulde iß mich kosten daß leben myn“ und „Und sulde iß mir an das leben gayn“ sich wie ein roter Faden durch das gesamte Fastnachtspiel ziehen: Aristoteles sagt diesen Satz in Vers 106, als die Königin ihn erstmals um einen Ritt bittet; die Königin sagt ihn in Vers 350, als es
151 Springer, Otto: Ein unveröffentlichtes Spiel von ‚Aristoteles und die Königin’. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Bd. 111 (1982). Alle zitierten Passagen beziehen sich auf diese Ausgabe.
152 Briški: Eine Warnung. S. 51.
153 Vgl. ebd.
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darum geht, sich wieder auf Alexander einzulassen, was sie ja auch tut; „und sulde iß dich kosten dat leben dyn“ spricht Aristoteles in Vers 400, um Alexander von einer erneuten Liaison mit der Königin abzuhalten; 24 Verse später kontert Alexander mit „und sulde iß mir an das leben gayn!“, weil er sich nicht von seiner Liebe zu Regina abhalten lassen will; in Vers 451 hebt er seine eigene Aussage wieder mit „und suld iß mich kosten das leben myn“ auf, weil er nun doch wieder auf Aristoteles hören will; in Vers 604 erwähnt Aristoteles diesen Satz, nachdem Regina ihn zum zweiten Mal in den Bann gezogen hat, und in Vers 639 bettelt er mit jenem Satz um ihre Gunst. Hauptaugenmerk dieses Spiels liegt also auf der Minne, was daran deutlich wird, daß alle drei Charaktere in gleicher Weise handeln, wenn es um die Liebe geht, denn sie können sich jeweils nicht der Macht der Minne entziehen. Folgende Szene untermauert BRIŠKIS Annahme in Bezug auf das im Vergleich zu den übrigen Fassungen recht positive Frauenbild dieses Fastnachtspiels: Nach dem Ritt wird die ganze Szenerie noch einmal ins Lächerliche gezogen, denn hier erzählen sich Alexander und die Königin gegenseitig, wie sie vom jeweils anderen Geschlecht schon zum Narren gehalten wurden, womit sie sich auf eine Stufe mit dem Philosophen stellen. Somit gibt der Autor den Hinweis, daß sowohl Männer als auch Frauen zur List fähig sind. BRIŠKIS These ist damit bestätigt: Die Frauen sind in diesem Spiel moralisch auf der gleichen Stufe wie die Männer. Wie bereits gesagt, bedient sich die Königin gleich zweimal des gleichen Listmittels, wobei ihre List beim ersten Mal nur teilweise gelingt, denn der Philosoph schafft es, noch einmal zu intervenieren, so daß Alexander dessen Zorn fürchtet und der Königin entsagt.
Ansonsten verläuft die List in beiden Teilen ähnlich: Die Königin fragt abermals ihre Zofe um Rat, denn „Ich wil auch zu dießr frijst / da zu keren alle myn list, / wie ich den alden gauch brenge in noit / und sulde ich dar umb sterben doit […]“ (V. 578-581). Das Besondere: Keiner der Beteiligten erkennt die Situation beim zweiten Mal wieder, sie scheint eine neue Erfahrung zu sein. Aristoteles gesteht der Königin seine Liebe, sie gibt vor, ihm nicht zu glauben und festigt mit dieser Falschaussage gleichzeitig ihren Status bei dem Philosophen. Beim zweiten Mal kokettiert die Königin aber offensichtlicher, während Aristoteles um ihre Gunst wirbt: Sie täuscht durch beziehungssteuernde Äußerungen, bekundet Sympathie und Bewunderung für Aristoteles, stellt sich damit unter den Philosophen und läßt ihn glauben, er verspotte sie. Damit verstärkt sie ihre List und wirkt in
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allem, was sie sagt, glaubwürdiger. Es ist nun ein Kinderspiel, Aristoteles abermals zu einem Ritt zu bewegen. Aber die Königin geht noch etwas dreister vor, denn sie macht ihn sogar darauf aufmerksam, daß er sich möglicherweise für diesen Ritt schämen könnte und diesen nicht tun müsse, wenn er nicht wolle: „Eyn cleyne sach, die schemmelich ist: / wuldes du das doyn zu dießr frist / und wuldes nyt zu undanck nehmen, / want du wurdes dich deß sere schamen“ (V. 660-664). Die Taktik funktioniert, denn Aristoteles versichert ihr, daß er nicht an Hinterlist ihrerseits glaube (V. 675). Beide Male gibt sie ihm das Blancoversprechen, ihm ihre Minne zu schenken, zudem verhüllt sie auch hier ihre wahren Absichten, außerdem wendet sie das Dissimulationsstrategem an: Sie sagt die Wahrheit, daß der Ritt peinlich für den Gelehrten werden könnte, aber weil er ihr vertraut, spielt das für ihn keine Rolle. Der Autor verschmäht den Gelehrten in diesem Fastnachtsspiel offensichtlicher als in den anderen Versionen, so hebt er hervor, daß Aristoteles sich zu großer Torheit hinreißen läßt (V. 88) und bezeichnet ihn außerdem als „der alde verdorte kunstige man“ (V.101), was somit ein doppelter Affront ist, weil er zwar ein der Wissenschaft mächtiger Mann ist, was aber durch „alt“ und „verdorrt“ ins Lächerliche gezogen wird. Beide Male wird Alexander Zeuge, doch Aristoteles tut so, als sei nichts passiert, und Alexander entschuldigt sich.
Zwischen diesen beiden Abläufen befindet sich wie gesagt ein Exkurs der Liebenden darüber, wie sowohl Männer als auch Frauen in der Lage sind, das jeweilige andere Geschlecht zum Narren zu halten. Nach dieser Diskussion verweigert aber die Königin merkwürdigerweise Alexander ihre Liebe, was ein Seitenhieb auf die Originalfassungen sein könnte, in denen Phyllis keine Mühen scheut, wieder mit ihrem Geliebten vereint zu sein. Hier verhält sich die Königin aber anscheinend tadellos und entsagt der gemeinsamen Liebe. Eine Vermutung wäre, daß sie ihn (listig?) auf den Prüfstand stellen will, denn sie sagt ihm, er solle seine Liebe woanders suchen, nachdem sie vorher hat verlauten lassen, daß Männer nicht treu sein können: „Dar zu ist myr dicke gesaget / und van mancher wibe daß geclaget, / daß ir man sijt ungetruwe, / Unstedicheit ist uch nyt nuwe“ (V. 151-154). Wenn dem so ist, dann würde die Königin mittels Aussage über einen bestehenden Sachverhalt auf der Sachebene täuschen. 154 Um diese Aussage als unvollständig oder mehrdeutig zu verstehen, müßte Alexander die wahre Intention der Königin kennen,
154 Vgl. Semmler: Listmotive. S. 53.
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nämlich ihn an sich zu binden bzw. zu testen. So könnte es sein, daß er davon ausgeht, daß sie einfach „nur“ vernünftig geworden ist. Die Königin läßt sich aber doch noch erweichen, was zum zweiten Teil des Fastnachtsspiels führt. Die Minne hat letztlich gesiegt, was deutlich im Schlußwort Alexanders wird: Hieß es noch in der Straßburger Fassung, daß es besser sei, den Frauen fernzubleiben, wird hier das Gegenteil geraten: Es habe keinen Sinn, denn es habe bisher noch keiner geschafft, den Frauen zu entsagen, und wer die Frauen nicht liebt, der sei ein Esel (V. 754). Aristoteles handelt nur allzu menschlich, denn er kann zweimal nicht widerstehen. „Seine [Alexanders] Rede am Schluß stellt gewissermaßen die Umkehrung der anfänglichen Lehre dar“ 155 , und das impliziert natürlich den Sieg der listigen Königin.
In „Ein Spil von fursten und herren“ 156 wird die List wie ein Ball hin und hergespielt, denn nicht nur die Königin ist die Listige, auch die Königssöhne und Aristoteles versuchen sich an der List. Der Inhalt dieses Fastnachtspiels ist folgender: König Soldan hat vier Königssöhne zu Gast, die alle bei Aristoteles lernen wollenallerdings nicht die Künste und Weisheiten, sondern wie sie Frauen betören, Menschen durchschauen und überlisten können. Die Königinnen hingegen wollen wissen, wie ihre Männer beschaffen sind, was ihnen Aristoteles auch ohne Umschweife erzählt. Die Frauen sind entsetzt über das wahre Gesicht ihrer Gatten und sinnen auf Rache, was wiederum ihre Männer alarmiert, die sich an dem Meister rächen wollen. Sie malen ein Bildnis des Meisters, zeigen es ihm und fragen ihn, was für negative Eigenschaften wohl der dargestellte Mensch hat. Aristoteles fällt darauf herein und nennt sämtliche schlechte Charakteristika, nicht wissend, daß er sich selbst beschreibt. Die Männer sind zufrieden, denn sie haben ihren Frauen bewiesen, daß nicht nur sie schlechte Eigenschaften haben, sondern auch der weise Meister, was natürlich auch dessen Glaubwürdigkeit arg beeinträchtigt. Doch Aristoteles kann sich geschickt herausreden und behauptet, er habe zwar all diese schlechten Eigenschaften, doch schaffe er es, sie zu unterdrücken. Die Ehefrau des Königs Soldan mag das nicht glauben: Sie beschließt ihrerseits eine List und umgarnt den Meister, der sich zuerst nicht darauf einlassen will, doch später nachgibt. So folgt also der Ritt, dessen Zeuge König Soldan wird. Aber auch hier kann Aristoteles sich
155 Briški: Eine Warnung. S. 53.
156 Ein spil von fursten und Herren. In: Fastnachtspiele aus dem 15. Jahrhundert I. Stuttgart. 1853. Hg. v. Adelbert v. Keller. In: Bibliothek des Literarischen Vereins. S. 138-153. Alle zitierten Passagen beziehen sich auf diese Ausgabe.
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herausreden und schiebt alles auf die Allmacht der Frauen. Das besondere an diesem Fastnachtsspiel ist das Narrenspiel am Ende, denn hier wird das ganze noch einmal ins Negative verkehrt: Die Närrin versucht den Narren zu umgarnen, doch der lehnt beharrlich ab und erweist sich somit als klüger als der gelehrte Aristoteles. Die hochgeborenen Königssöhne sind nicht wirklich an der Wissenschaft interessiert. Die verkehrte Welt setzt sofort ein, als die Königssöhne sagen, welche Künste sie lernen wollen, dabei ist besonders auf das Wortspiel zu achten: Künste bezeichnen zwar Wissenschaft, in diesem Fall können aber auch, wie in Kapitel 3.1., erläutert, Listen gemeint sein:
„Mit solchen kunsten wer mir wol, / wie einer den andern effen sol; / und kund ich das mit kunst gefugen, / das ich kunt all werlt uberklugen / und kunt all menschen uberlisten, / weren Juden, Heiden oder Cristen, / das ich der aller meister wer / und mir von in mein tasch würd schwer; / Meister, ler ir die kunst mich eben, / ich will euch guten lon darumb geben.“ (S. 140)
Dieser Königssohn will also lernen, wie er seine Mitmenschen manipulieren und auf seine Seite ziehen kann, was sicher nur auf eine listige Art und Weise machbar wäre. Gleichsam reden auch die anderen Königssöhne: Alle wollen von Aristoteles diese Künste erlernen, was sicher ein Seitenhieb auf die wahren Lehren des Philosophen und zusätzlich eine Verballhornung des Originals von „Aristoteles und Phyllis“ ist. Aristoteles, der im Original eigentlich der Überlistete ist, soll ausgerechnet die Kunst der List lehren, wobei beide Worte eine geschickte Verbindung eingehen. In seinem Artikel „Kunst und List“ erklärt Felix SCHEIDWEILER, daß beide Worte für höfische Dichter wie Wolfram von Eschenbach erst einmal gleichbedeutend seien. 157 Im 14. Jahrhundert habe List eine Bedeutungsverengung erfahren, denn nur noch künstlerisches Können werde laut SCHEIDWEILER mit List bezeichnet, auf dem Gebiet der Wissenschaft wurde dieser Begriff aber schon im 13. Jahrhundert von Kunst verdrängt. 158 Franz DORNSEIFF versucht, diesen Verdrängungsprozeß zu präzisieren: Seiner Meinung nach handele es sich um einen sogenannten Synonymschub, und das bedeute, daß zwei bedeutungsnahe Wörter eine Zeitlang auswechselbar seien. Später übertönen aber die Unterschiede die Gleichheiten, so
157 Vgl. Scheidweiler, Felix: Kunst und List. In: Zeitschrift für deutsches Altertum. Bd. 78 (1944). S. 63.
158 Vgl. ebd. S. 87.
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daß jedes Wort langsam in seine neue und feste Bedeutung rücke. 159 Kunst sei schon immer eine Objektivation und List schon immer ein Vermögen gewesen, und das wiederum heiße, daß Kunst weder für ‚Denken’ noch für ‚Klugheit’ oder ‚Scharfsinn’ stehe. 160 Der Grund, weshalb beispielsweise ‚Magie’ auch als Kunst bezeichnet werde, sei zu finden im lateinischen ars magica. 161 Über die lateinsprechende Elite des Mittelalters habe das Wort einen Bedeutungswandel erfahren, so daß aus dem Wort Kunst ein Bedeutungslehnwort wurde. DORNSEIFF nennt dazu einige Beispiele: ars nigromaniciae - ‚Schwarze Kunst’ oder auch septem artes - ‚Die sieben Künste’. Kunst klang in Ars mit, und das bezeichnete die wissenschaftliche Theorie. Auf diese Weise wurde Kunst an Ars angelehnt. 162 Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen 163 findet sich folgende Beschreibung des Wortes Kunst: Im 16. Jahrhundert habe das Wort einen Gelehrten bzw. Kenner bezeichnet. Das Wort List habe sich ausgehend von ‚Wissen’ bzw. ‚Kenntnis’ bezüglich Kriegsführung, Jagd oder Zauberei einem Bedeutungswandel in Richtung ‚Verschlagenheit, ‚geschickte Täuschung’ unterzogen. 164 Zurück zum Fastnachtspiel: Aristoteles nennt also den Frauen der Königssöhne die schlechten Eigenschaften ihrer Ehemänner und gibt damit ihre moralische Unzulänglichkeit preis. Die scheinbar moralisch integeren Frauen wollen es ihren Ehemännern mit gleicher Münze heimzahlen, und nun beginnt die List der Männer, die sich vor der Rache fürchten: Die Bildnis-List ist destruktiv strategemisch, weil sie dazu dient, Aristoteles zu schädigen und bloßzustellen. Zudem täuschen sie durch einen Gegenstand, der in seiner üblichen Verwendung gebraucht wird, in diesem Fall das Bild, und tatsächlich gelingt die List auf den ersten Blick, denn Aristoteles erweist sich an dieser Stelle als komplett listblind und durchschaut das Spiel nicht. Er charakterisiert sich selber als Mörder, Dieb, Lügner und äußerst unkeusch! (S. 146) Die Königssöhne glauben, ihn überführt zu haben, doch Aristoteles schafft es, sich der prekären Wirklichkeit mittels Fluchtstrategem zu entziehen: „Ir edlen konig, ir habt recht. / Die drei prechen hab ich gar schlecht; / darfur ich erznei kann gar vil, / das ich nit mord, raub oder stil; / ich bin auch vor
159 Vgl. Dornseiff, Franz: List und Kunst. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. 22. Jahrgang. (1944). S. 232.
160 Vgl. Scheidweiler: Kunst und List. S. 87.
161 Vgl. ebd.
162 Vgl. ebd. S. 233.
163 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage durchgesehen und ergänzt von Wolfgang Pfeifer. Akademie Verlag. Berlin 1993.
164 Vgl. ebd. S. 746 und 805.
50
unkeusch frei, / das macht, ich wone nit frauen bei“ (S. 147). Er dreht ihnen geschickt die Worte im Mund herum, indem er zugibt, daß er all diese Laster zwar in sich trage, aber sie zu unterdrücken wisse, unter anderem auch, indem er den Frauen einfach fernbleibe. Aristoteles schafft es auf diese Weise, die Bedenken und Zweifel der Königssöhne zu verwischen. Nachdem der Philosoph die Situation zu seinen Gunsten verändern könnte, folgt die nächste List: König Soldans Frau mag den Worten Aristoteles nicht glauben und erklärt, daß sie ihn aller Sinne und Weisheit berauben und ihn wie ein Pferd reiten möchte. Sie täuscht Aristoteles also mit gezielten Falschaussagen:
„Ich gruß euch, kluger meister fein, / was mag das deuten also sein, / das ich zu euch solich liebe han, / als ie kein weip auf erd gewan? / wurd nit erfullet der wille mein / von euch, so muß ich leiden pein, / und kann ich nit eur hulde erwerben, / vor großer lieb so muß ich sterben / und muß verliesen all mein zucht, / wo mir nit wird eur edele frucht.“ (S. 149).
Sie blendet ihn durch Komplimente, doch Aristoteles geht erst nicht auf ihr Werben ein - aber nicht, weil er ihre List durchschaut, sondern weil er daran appelliert, ihrer nicht standesgemäß zu sein. Sie hingegen geht noch ein wenig offensiver vor, verführt ihn mit den Worten, unter großer Liebespein zu leiden, wobei ihr Werben schon ins Obszöne geht: Sie müsse einmal auf ihm reiten, damit sich ihre Begierde vermehre. Aristoteles ist nun gefangen, er legt seine Weisheit ab und gewährt ihr den Wunsch, womit die List der Königin gelingt: Sie spielt ihm eine falsche Wahrheit vor, die er nicht zu durchschauen vermag. Seine Worte an den Zeugen König Soldan geben Auskunft darüber, daß erstens die List gelungen ist und zweitens, daß Männer sich den Frauen nicht entziehen können:
„Genadt mir, edler herre mein, / kein man auf erd so weis mag sein, / ein weip efft in, ob sie will; / sie kunnen sußer wort gar vil / und thun sich auch gar hubsch aufpflanzen; / sie machten ein munch im kloster tanzen, / ich will wol in der warheit jehen, / es mocht euch selbs auch sein geschehen.“ (S. 150)
König Soldan geht noch einmal, wie in der Straßburger Fassung, auf die anderen Minnesklaven der Geschichte ein. Doch damit ist das Fastnachtspiel nicht beendet, denn es folgt noch ein Narrenspiel, in dem die Närrin versucht, den Narren mit obszönen Versprechungen zu locken, doch der lehnt beharrlich ab. Sie ist gekränkt
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darüber und vergnügt sich in der Mistgrube mit Pferdeknechten. Der Narr aber beweist, daß er klüger ist als Aristoteles und sich nicht überlisten läßt - und dazu befähigt ihn sein Narrentum, das ihn vor weiterem Identitätsverlust sichert und ihn zum Helden des Tages macht. 165 RAGOTZKY erklärt die Besonderheit der Rolle des Narren: Der Schwank „Aristoteles und Phyllis“ sei ja schon selbst eine Art verkehrte Welt. Wenn in dem Fastnachtsspiel der Narr nun diese verkehrte Welt abermals verkehrt, sei das wiederum „ein spielerischer Reiz […], [also] das Lachen darüber, daß die Negation der Negation gelingt und die Welt für einen Moment in einem anderen Licht erscheint.“ 166 Dieses Prinzip nennt RAGOTZKY „Negativdidaxe“: Die Inszenierung der verkehrten Welt höre auf, weil das ‚Thema’ ad absurdum geführt werde bzw. wenn die Verkehrung vollständig sei. „Meist geschieht das durch eine unerwartete Wendung, einen Überraschungseffekt, der alles was vorher geschehen ist, in seiner Geltung relativiert oder sogar über den Haufen wirft.“ 167 Das heißt: Der Narr zeige auf, daß die weiblichen Figuren nicht immer den Sieg über das männliche Geschlecht davontragen.
Wolfgang STAMMLER bezeichnet das Narrenspiel am Ende als Satire. „Ein spil von fursten und herren“ sei aber sowieso eine bedeutsame Schöpfung, weil die Naturwissenschaften (Astrologie und Alchemie) bemüht worden seien, um die Gelehrsamkeit des Meisters ins rechte Licht zu rücken. Um so tiefer sei aber im Endeffekt der Fall des Gelehrten durch die List der Frau und um so erschütternder das groteske Spiegelbild in der Schlußszene durch die Narren. 168 Elisabeth FRENZEL 169 führt die Bedeutung des Narren im Fastnachtspiel noch genauer aus: Das Fastnachtsspiel habe einen „didaktisch-moralisierenden“ Narrentyp ausgebildet, weil der Narr in nahezu allen Spielen den späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts eine Art Mittlerrolle zwischen szenischem Geschehen und Publikum einnehme: Er interpretiere die Handlung, sei klug und bedächtig. Sein Erscheinen sei nicht unbedingt notwendig für die Handlung, doch symbolisiere der Narr damit das Spielerische, den Mimus, die Fiktion, das Als-ob. Zum einen empfinde er wie der anonyme Zuschauer, zum anderen sei er das Sprachrohr des Autors. Ihm falle die Aufgabe des Spieleröffners, vor oder nach dem Herold, zu, ferner die des
165 Ragotzky: Der weise Aristoteles als Opfer. S. 294.
166 Vgl. ebd. S. 195.
167 Vgl. ebd. S. 294.
168 Stammler: Wort und Bild. S. 27.
169 Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längs-schnitte. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart 1976. S. 556.
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Spielplatzbereiters, Ordners und Ruhegebieters und schließlich des Schlußsprechers. Zwar gehöre er zum Spielrahmen, doch sei seine Rolle immer etwas abseits des Geschehens, manchmal auch über dem Geschehen. 170
4.5. Zusammenfassung „Aristoteles und Phyllis“
Bis auf „Ein spil von fursten und herren“, bei dem am Schluß durch das Narrenspiel noch einmal deutlich wird, daß Weibes List nicht überall siegt, gelingt die List der Frau in allen Versionen. Interessant ist, welche Gewichtung die Autoren vornehmen: Vor allem in der Straßburger Fassung schwankt der Autor zwischen Ablehnung und Bewunderung der Phyllis. Dezidiert beschreibt er ihren Listplan, umgibt seine Figur sogar mit einem Hauch von Eitelkeit und stellt sie dar, wie ein Falke auf der Jagd. Geschickt spinnt Phyllis ihre Fäden und nimmt Aristoteles dadurch gefangen. Vor allem die Kommentare des Autors geben Auskunft darüber, daß Frauen eine unglaubliche Macht auf Männer ausüben können - das belegt der Autor auch durch Einreihung des Philosophen zu den sogenannten Minnesklaven. Im Benediktbeurer Fragment hingegen läßt der Autor den Philosophen zögern. Zwar muß Aristoteles in beiden Fassungen das Land verlassen, doch liegt der Tenor jeweils auf der (Hinter-)List der Frauen, denn die Autoren weisen jeweils explizit darauf hin.
In der französischen Version erfährt das Märe eine deutliche Hinwendung zur Minne, was daran offensichtlich wird, daß Phyllis ihren Geliebten in ihre Rachepläne einweiht, der sie auch darin bestärkt. Zudem hält sich der Autor mit Kritik an Phyllis oder an ihrer List zurück - im Gegenteil: Seiner Meinung nach darf sich niemand in die Beziehung zweier Menschen einmischen. In Eschenbachs „Alexander“ nimmt die Episode nur ein paar Verse ein, und Eschenbach kommentiert sie auch nicht.
Zusammenfassend läßt sich zur List sagen, daß Phyllis sich mehrerer Strategeme bedient und kalkuliert vorgeht, denn sie setzt ihren Verstand ein, um Aristoteles zu täuschen. Dabei bedient sie sich verschiedener Gesten und Mimiken, wie Blumenpflücken oder das Hochziehen des Kleides bis an die Knie. Im nächsten Stadium benutzt Phyllis ganz gezielt die Sprache, denn sie täuscht durch beziehungssteuernde Äußerungen, das heißt, daß sie dem Philosophen scheinbare
170 Vgl. Frenzel: Motive S. 556.
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Sympathie, sogar Liebe, entgegenbringt. Diese Äußerungen verstärkt sie durch das leere Versprechen (Blancoversprechen), ihm ihre Minne zu schenken, wenn er sie auf sich reiten läßt. Durch Teilaussagen verschweigt Phyllis ihre wahren Beweggründe und gibt Aristoteles somit keine Gelegenheit, sie zu durchschauen. In Eschenbachs „Alexander“ gibt Candacis sogar vor, schwer krank zu sein und schafft es dadurch, den Philosophen zu hintergehen. Diese Täuschungsmanöver beinhalten folgende Strategeme: Sie simuliert eine nicht-vorhandene und verbirgt eine tatsächlich vorhandene Wirklichkeit (Simulations-strategem + Dissimulationsstrategem). Dadurch vermittelt sie eine andere Wirklichkeit (Informationsstrategem). Da sie drei verschiedene, auf einander aufbauende Strategeme anwendet, benutzt Phyllis die Strategemverkettung. Aristoteles hingegen handelt ebenfalls listig, denn er versucht, sich mittels Fluchtstrategem einer prekären Wirklichkeit zu entziehen: Das gelingt ihm in der französischen Fassung und in Eschenbachs „Alexander“, denn er redet sich mit dem Argument heraus, daß er nur die Wahrheit seiner Warnungen habe beweisen wollen. Trotzdem siegt Phyllis, denn ihre List gelingt, weil sie vorausschauend handelt. Die List von Phyllis ist durchaus intrigant, denn sie hat ein destruktives Ziel: Aristoteles zu verspotten und bloßzustellen. Allen Fassungen ist die Art der List gemeinsam: Phyllis geht Schritt für Schritt vor, plant alles, simuliert, täuscht und betört und erreicht ihr Ziel. Das Listthema ist in „Aristoteles und Phyllis“ teilweise eher negativ konnotiert, weil Phyllis eine Gradwanderung macht zwischen Ehrverlust und Einforderung dessen, was ihr zusteht. Schwierig zu entscheiden ist, ob sie Ehre und Tugendhaftigkeit dabei verliert oder nicht. So gesehen ist ihr Verhalten zweifelhaft, denn sie ist intelligent aber auch raffiniert. Da es sich bei „Aristoteles und Phyllis“ aber um einen Schwank handelt, spielt die Frage nach der Ehre auf den ersten Blick eine zweitrangige Rolle, denn gerade im Schwank verlieren die Charaktere, egal ob Mann oder Frau, ständig ihre Tugend und Ehre. Auf den zweiten Blick aber spielt diese Fragestellung in Bezug auf das Frauenbild mit Sicherheit eine Rolle, vor allem wenn es um das Thema Herrschaft über den Mann geht, was im Ritt besonders deutlich wird. Hier zeigt sich, daß die Triebe des Philosophen in Wahrheit ungebändigt sind, und das weiß Phyllis in allen Versionen geschickt auszunutzen. FRENZEL bezeichnet das Motiv des Rittes auch als „Tücke des Schicksals gegenüber angenommener Weisheit
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und Würde.“ 171 Lediglich seine unverkennbare Größe sichere ihm „die Sympathie der Gerechten und das Mitleid der Weichherzigen.“ 172 Dadurch ist dieses Märe eher tragikomisch.
Von der Tragikomik ins Absurde und Groteske führen die Fastnachtsspiele, die in intelligenter Art und Weise noch einmal auf die Aberwitzigkeit des Stoffes abzielen. Durch gegenseitiges Überlisten gewinnen die Fastnachtsspiele an doppelter Dynamik, weil die List hin- und hergespielt wird. In „Aristoteles und die Königin“ täuscht die Königin den Philosophen zweimal durch beziehungssteuernde Äußerungen und mit denselben Strategemen wie in den übrigen Fassungen. Aristoteles kann sich jeweils herausreden, wobei die Absurdität aber auch der Wahrheitskern darin liegen, daß das Fastnachtspiel deutlich macht, daß sowohl Männer als auch Frauen von der Minne gleichermaßen gefangen werden können. „Ein spil von fursten und herren“ geht noch einen Schritt weiter, denn hier versuchen sich alle gegenseitig zu überlisten, ganz wichtig dabei ist auch, daß die Königssöhne ausgerechnet von Aristoteles die Kunst der List lernen wollen. Deswegen bietet es sich fast an, dieses Fastnachtspiel als Parodie zu bezeichnen. Die Königssöhne setzen das Bildnis, das sie von Aristoteles gemalt haben, für eine List ein, auf die der Gelehrte hereinfällt. Der kann sich zwar aus der prekären Lage befreien, doch das gelingt ihm nur kurzfristig, denn die Königin will ihn mit den bereits besprochenen Strategemen auf die Probe stellen und verführt ihn mit der gleichen List wie die Frauen es in den anderen Fassungen auch tun. Das Narrenspiel am Schluß gibt dem Ganzen noch einmal einen kräftigen Schuß Ironie und macht, wie bereits erwähnt, noch einmal deutlich, daß Frauen nicht immer durch ihre Listen gewinnen.
Ebenfalls mit List, aber auf einer ganz anderen Ebene, hat „Die unschuldige Mörderin“ von Heinrich Kaufringer zu tun. Das Thema der List ist hier „Notwehr“, vor allem ist aber die Frau gezwungen, listig zu handeln, weil ihre Ehre auf dem Spiel steht. Bevor nun eine Inhaltsangabe zu „Die unschuldige Mörderin“ folgt, soll kurz auf den Dichter und später auf die Quellenlage des Märe eingegangen werden.
171 Vgl. Frenzel: Motive. S. 1.
172 Vgl. ebd.
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5. Die Unschuldige Mörderin
5.1. Der Autor Heinrich Kaufringer
Heinrich Kaufringers Gedichte könnten im späteren 14. Jahrhundert entstanden sein. FISCHER nennt dazu folgende Anhaltspunkte: In dem Märe „Bürgermeister und Königssohn“ erwähnt der Dichter die hohe schuole von Erfurt. Das Gründungsdatum der Erfurter Universität läßt sich auf das Jahr 1392 zurückdatieren. Das Entstehungsdatum der Münchner Handschrift cgm 270, in der 17 Gedichte Kaufringers enthalten sind, beläuft sich auf das Jahr 1464. Daraus folgert FISCHER, daß die Gedichte Kaufringers zwischen den neunziger Jahren des 14. und der Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden sein müssen. 173 Der Name des Dichters gebe außerdem Aufschluß über seine Herkunft: FISCHER leitet den Namen vom Ortsnamen Kaufering am Lech ab, das sich 4 km nördlich von Landsberg befindet. Untermauert wird diese These dadurch, daß die beiden Haupthandschriften aus Augsburg stammen. Diese Stadt sei übrigens auch Ort der Handlung in den Mären „Mönch als Liebesbote“ und „Chorherr und Schusterin“. 174 FISCHER kreist Kaufringers Ort des Schaffens nun noch enger ein, indem er feststellt, daß Kaufringer für ein städtisches Publikum geschrieben habe und auch selbst aus dem Bürgertum stamme - das ließe den Schluß zu, daß nur zwei Städte als Wohnsitz des Dichters in Frage kämen: Augsburg oder Landsberg 175 . Karl EULING, ein Vorreiter in der Kaufringer-Forschung, zieht Landsberg als Wohnort der Stadt Augsburg vor, denn in den Augsburger Steuerbüchern aus den Jahren 1390 bis 1410 seien zwar viele Kaufringers verzeichnet, jedoch kein Heinrich Kaufringer. 176
Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, existierten zwei Heinrich Kaufringer - Vater und Sohn, was zu Verwirrungen führt. Laut FISCHER gebe es aus den Jahren 1269 bis 1404 eine ganze Reihe von Urkunden, „in denen Heinrich (der) Kaufringer, ‚Bürger zu Landsberg’, teilweise mit dem Zusatz ‚Pfleger und Kirchpropst unser Frauen Gotteshauses’ auftritt.“ 177 Viele Forscher vertreten die Meinung, daß es sich bei den Erwähnungen um den älteren Kaufringer gehandelt haben muß. FISCHER meint aber, daß seit den neunziger Jahren auch der jüngere
173 Vgl. Fischer: Studien. S. 149.
174 Vgl. ebd.
175 Vgl. ebd. S. 149.
176 Vgl. Euling: Studien. S. 6.
177 Vgl. Fischer: Studien. S. 150.
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Kaufringer in den Urkunden erwähnt werde. Der ältere Kaufringer starb wohl im Jahre 1404. Er begründet das insofern, weil er sich den teils fromm-erbaulichen, teils aber doch auch recht grobianisch-direkten Autor schwerlich als Greis in den Sechzigern vorstellen kann. 178 Damit widerspricht er EULINGS These, denn dieser glaubt, daß keiner der beiden erwähnten Kaufringer der Dichter ist: „Dem widerspräche das wenig städtische Wesen, wovon seine Gedichte zeugen, und sein offener Haß gegen Pfaffen, Richter und Herren, wie ihn der gedrückte kleine Mann hegt.“ 179 Die Kontroverse in der Kaufringer-Forschung ist damit aber noch nicht beendet, denn Marga STEDE leuchten EULINGS Einwände gegen Landsberg bzw. den Landsberger Bürger nicht ein, denn nicht überall vertrete Kaufringer einen Haß gegen Pfaffen, weil Pfaffen in vielen Gedichten auch eine hilfreiche Rolle zukomme. 180 Im übrigen sei es ein bekanntes Schwankmotiv, dem Pfaffen die Rolle des Ehebrechers zu geben - das müsse nicht zwingend etwas mit einer eventuellen Abneigung Kaufringers gegenüber der Geistlichkeit zu tun haben. Kaufringers Gedichte sind sowohl in der Münchner Handschrift cgm 270 als auch in der Berliner Handschrift Mgf 564 enthalten. Die zehn weiteren Texte aus der Berliner Handschrift wurden 1897 von Heinrich Schmidt-Wartenberg editiert. Paul SAPPLER 181 gab 1972 das gesamte Corpus mit insgesamt 27 Texten des Kaufringers 1972 heraus. 182 Insgesamt liegen 27 Werke vor, die FISCHER folgendermaßen klassifiziert: zwölf schwankhafte bzw. moralisch-exemplarische Mären und ein höfisches, vier Bîspel, vier geistliche Erzählungen, vier geistliche Reden und zwei weltlich-didaktische Reden. 183
Die Forschung spricht dem Dichter übrigens auch ein gewisses Gattungsbewußtsein zu, denn die 13 Mären der Münchner Handschrift sind eingerahmt durch zwei Mirakel und zwei Bîspel, 184 Zudem nimmt die Forschung an, daß diese
178 Vgl. Fischer: Studien. S. 152.
179 Euling: Studien. S. 7.
180 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 224. Stede meint, daß Kaufringer in „Der verklagte Bauer“ zwar deutlich Kritik am Pfarrer übe, weil der zusammen mit einem Richter einen Komplott schmiede, um einem Bauern Schaden zuzufügen, auf der anderen Seite aber verhelfe der Bischof dem Bauern zu seinem Recht.
181 Sappler, Paul: Heinrich Kaufringer. Werke. Niemeyer Verlag. Tübingen 1972.
182 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 3ff.
183 Vgl. Fischer: Studien. S. 148.
184 Arend Mihm weist zusätzlich darauf hin, daß die Münchner Handschrift ursprünglich noch drei weitere Schwankmären enthalten habe, die möglicherweise jemand im 16. Jahrhundert bei einem Versuch, das cgm von Obszönitäten zu reinigen, herausgerissen habe. Vgl.: Mihm, Arend: Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1967. S. 26.
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Anordnung auf Kaufringer selbst zurückgeht, denn diese Einrahmung erscheint bedeutsam. STEDE geht darauf näher ein: Die vier Rahmentexte haben ihrer Meinung nach einen transzendentalen Bezugspunkt. Hauptthema der vorangestellten Texte könne hier die Bedrohung der Menschen durch den Teufel sein, während die Mären innerweltliche Geschehnisse und Sozialbeziehungen zum Gegenstand haben. Die beiden letzten Texte wiederum handeln von der Allmächtigkeit Gottes und der heilssichernden Wirkung menschlicher Frömmigkeit. 185 STEDE sieht nun eine Verbindung dahingehend, daß den Mären eine zusätzliche Sinndimension verliehen werde. Im Endeffekt gehe es darum, den Verlust von Vertrauen und die Erfahrung der Desozialisierung auf ein Ideal zu beziehen: nämlich auf bedingungsloses Vertrauen, auf den Glauben an die Allmächtigkeit Gottes und die Frömmigkeit des einzelnen. Damit werde also das Gegenteil von dem projektiert, was in dem Mären vorgeführt werde. 186 Es wird spannend sein, „Die unschuldige Mörderin“ auch in dieser Richtung hin zu untersuchen.
Ludwig STIEFEL geht davon aus ,,daß die Vorlagen Kaufringers französische Fableaux gewesen sein könnten 187 , doch ist das reine Spekulation, weil die Quellenfrage, wie in dem Kapitel zur Begriffsdefinition bereits erläutert, bei Mären und Schwänken generell unklar ist.
Kaufringers Texte haben den Anspruch, Handlungsweisen zu vermitteln, was vor allem aus der Struktur und Argumentationsweise der Reimreden deutlich wird. 188 STEDE fand heraus, daß vor allem die Erzähltexte entweder strukturell einen exemplarischen Charakter haben, oder daß der Verfasser Ratschläge im Pro- bzw. Epimythion gebe. Auf diese Weise versuche Kaufringer, auf den Hörer/Leser einzuwirken. In „Die unschuldige Mörderin“ wird das daran deutlich, daß Kaufringer immer wieder, und nicht nur an Anfang und Schluß, die moralische Integrität seiner Hauptfigur in Schutz nimmt und ihre Feinde mit schlechten Charaktereigenschaften ausstattet.
Francis RAAS stellte ebenfalls fest, daß Kaufringer einem ganz neuen Stil folgte. Seine Mären seien meist von einem beträchtlichen Umfang ab 400 Versen, und RAAS meint nun, daß der Versumfang vor allem daher rühre, daß Kaufringer
185 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 328f.
186 Vgl. ebd.
187 Stiefel, Arthur Ludwig: Zu den Quellen Heinrich Kaufringers. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Bd. 35 (1903). S. 495.
188 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 207.
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eine andere Einstellung zum Stoff gehabt haben müsse. 189 Sein Hauptaugenmerk habe wohl hauptsächlich auf dem trewe-Diskurs gelegen, dabei bediene sich der Dichter einer psychologisierenden Erzählweise und der „Gestaltung von ‚wahrscheinlichen’ situativen Kontexten und plausiblen Handlungsmustern.“ 190 Mit diesen Mitteln nutze Kaufringer die tradierten Schwankstoffe, um sowohl Alltagsethik zu vermitteln als auch ethische Maßstäbe (Frömmigkeit und Tugend) für das alltägliche Leben zu setzen. Der Rezipient solle den „moralisierenden Diskurs ernst nehmen und das Erzählte auf seine eigene Lebenssituation übertragen.“ 191 Gerade in „Die unschuldige Mörderin“ spielt die trewe eine Schlüsselrolle: Die unschuldige Mörderin versucht, ihrem Mann und auch sich selbst treu zu bleiben, während sie von Menschen umgeben ist, die das Gegenteil verkörpern. STEDE ist der Auffassung, daß gerade dieser Mangel an Treue in Form von Egoismus, Schadentrachten und Zerstörung von Gemeinschaft in den Mären eine zentrale Rolle spiele. 192
Das moralische Bewußtsein Kaufringers komme aber laut STEDE nicht von ungefähr, was auch der Titel ihres Buches „Schreiben in der Krise“ impliziert. Ihrer Meinung nach rührt dieses Bewußtsein daher, daß Kaufringer zu „Krisenzeiten“ des Mittelalters tätig gewesen sei. Das 14. Jahrhundert sei mit Ereignissen belastet, die vor allem mit dem plötzlichen und häufigen Tod der Menschen zu tun hatten. „Vor allem in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts haben Mißernten sowie Viehseuchen eine Reihe von Hungerkatastrophen ausgelöst.“ 193 Hinzu kam eine Reihe von Kriegen, die Städte und Dörfer verwüsteten, außerdem noch Plünderungen und Brandschatzungen durch Raubritter. Krankheiten, allen voran die Pest, stellten zusätzlich eine immense Bedrohung dar. Die Menschen des 14. Jahrhunderts empfanden vor allem Seuchen und Naturkatastrophen, Hungersnöte und Kriege als allgegenwärtige Bedrohung durch ihren Alltag und wurden damit unablässig mit dem Tod konfrontiert. Diese Faktoren führten dazu, daß die Menschen ihre angestammten Orte verließen, „so daß gewachsene dörfliche Strukturen und Lebensformen zerstört
189 Vgl. Raas, Francis: Die Wette der drei Frauen. Beiträge zur Motivgeschichte und zur literarischen Interpretation der Schwankdichtung. Francke Verlag Bern 1983. S. 145.
190 Vgl. ebd. S. 145.
191 Vgl. ebd.
192 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 237. Stede hat auch herausgefunden, daß auffällig viele Mären von der geglückten Entdeckung und Bestrafung des Ehebruchs handeln.
193 Vgl. ebd. S. 299.
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wurden.“ 194 Durch diese Verstädterung geriet laut STEDE das soziale Gefüge der mittelalterlichen Menschen aus dem Gleichgewicht und soziale Bindungen und jahrhundertealte Solidarität bekamen starke Risse. 195 Überträgt man diese These auf „Die unschuldige Mörderin“, so macht das durchaus Sinn, denn, wie bereits in Kapitel 2.1. erläutert, gehört „Die unschuldige Mörderin“ zum Themenkreis des moralisch-exemplarischen Märe, das immer wieder darauf abzielt, moralische Positionen aufzuzeigen, die sowohl im Pro- als auch im Epimythion hervorgehoben werden. Ralf-Hennig STEINMETZ ist da anderer Meinung, so schlägt er vor, „die ‚Mörderin’ als ein verkapptes und überdimensionales geistliches Exempel aufzufassen, das die Stofftradition erst da verläßt, wo sein Bearbeiter eigenwillig Stellung bezieht.“ 196 Zu welcher Gattung ein Märe gehört, scheint eine niemals endende Diskussion zu sein, wie an den in dieser Arbeit bereits besprochenen Standpunkten FISCHERS und HEINZLES deutlich wurde. Da die Übergänge stets fließend sind, läßt sich auch bei der „Mörderin“ darüber streiten, welcher Art dieses Märe ist.
5.2. Quellen- und Stoffgeschichte
Der Stoff von „Die unschuldige Mörderin“ ist bereits in einer französischen, englischen, irischen und persischen Fassung bearbeitet worden, wobei auch hier der Orient möglicherweise Vorreiter ist. 197
Der Ausgangspunkt der irischen und persischen Fassung ist aber ein anderer, so führt die Prinzessin ihren heimlichen Geliebten mit in den Palast ein, wird vom Vater überrascht und bringt den Geliebten in ein Versteck, wo er erstickt. Kurt RUH sieht nun folgende Probleme bei der persischen Fassung: Alle Fassungen haben denselben christlich-abendländischen Schluß; die persische Fassung sei aber nicht
194 Stede: Schreiben in der Krise. S. 299.
195 Vgl. dazu auch Hedda Ragotzky: Das Märe in der Stadt. Neue Aspekte in der Handlungsethik in Mären des Kaufringers. In: Germanistik - Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984. Von: Stötzel, Georg (Hrsg). Walter de Gruyter. Berlin, New York 1985. S. 121. Ragotzky ist ebenfalls der Meinung, daß beispielsweise die Zunftrevolution von 1368 im Zuge des Strukturwandels der Stadt Augsburg zu einem Interesse an Normen und Werten beigetragen habe. Diese Revolution habe dazu geführt, daß „die in den Zünften organisierten Handwerker Mitspracherechte“ erwarben, wobei die eigentlichen Gewinner jedoch reiche Händler und Kaufleute gewesen seien. Dennoch ziele dieses Interesse an den Normen und Werten auf ein städtisches Gemeinwohl, das alle Gegensätze vereine. Ragotzky stellt die Vermutung auf, daß an diesem Prozeß auch die Literatur beteiligt gewesen sein könnte.
196 Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. S. 60. Steinmetz hat übrigens noch eine weitere Theorie entwickelt, die erklärt, warum Kaufringer ein so moralisches Bewußtsein hatte. Diese Theorie wird allerdings erst später mir Kurt Ruhs Thesen diskutiert.
197 Vgl. Euling: Studien. S. 88.
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vollständig überliefert und der Schluß somit nicht erhalten, zudem sei ein christliches Ende bei einer morgenländischen Fassung sowieso nicht möglich. 198 RUH nimmt nun an, daß der Schluß eine christlich-weltliche Zutat des irischen Verfassers und gleichzeitig auch der Ausgangspunkt für alle späteren Fassungen sei. 199 Die Grundthematik ist in alle Fassungen aber die gleiche. Für die Analyse wird hauptsächlich Kaufringers Version herangezogen und mit der lateinischen, englischen und französischen Fassung verglichen - also den drei Fassungen, mit denen auch Kurt RUH hauptsächlich gearbeitet hat, und die sich am ähnlichsten sind, denn der gemeinsame Inhalt „dürfte zugleich dem ursprünglichen Erzählschema der spätmittelalterlichen Redaktion entsprechen: Drei Morde, wobei sich der zweite und dritte mit logischem Zwang aus dem ersten ergeben.“ 200 Die Version Kaufringers fällt aber ganz am Ende trotzdem aus dem Rahmen, denn im Gegensatz zu den anderen Fassungen hat hier der Dichter kein mirakelhaftes Ende angeführt, was „Die unschuldige Mörderin“ in mancherlei Hinsicht heikel erscheinen läßt.
5.3. „Die unschuldige Mörderin“: Inhalt
Ein Edelfräulein mit allen erdenklich tugendhaften Eigenschaften wird einem edlen König zur Frau versprochen. Ein Dienstmann des Königs hört nun von seinem Knecht Gerüchte darüber, daß das Edelfräulein unzüchtig lebt und will das auch beweisen. Da der König demnächst eine Nacht außer Haus sein wird, rät der Knecht seinem Herren, sich durch Hinterlist Eingang zum Schloß zu verschaffen, wo die Dame allein ist. Der Ritter setzt das in die Tat um und gibt sich als der zukünftiger Ehemann des Edelfräuleins aus. Nach einigem Zögern läßt sie ihn herein und gibt seinem Drängen, die Hochzeitsnacht um einen Tag vorzuverlegen, nach. Doch hinterher verplappert der Ritter sich, so daß dem Edelfräulein bewußt wird, daß sie soeben ihre Ehre verloren hat und schneidet dem heimtückischen Ritter den Kopf ab. Sie bittet den Torwächter um Hilfe, damit dieser die Leiche beseitigt. Das will er aber nur dann tun, wenn sie sich ihm hingibt, was sie auch notgedrungen tut. Als der Torwächter sich nun tief über einen Brunnen beugt, um die Leiche hineinzuwerfen, wird er vom Edelfräulein geschubst, so daß er zusammen mit der Leiche in den Brunnen fällt und stirbt. Indirekt trägt sie aber auch Schuld am Tod des Knechts, der
198 Vgl. Ruh: Kaufringers Erzählung. S. 167, Anm. 8.
199 Vgl. ebd.
200 Vgl. ebd. S. 170.
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immer noch allein vor den Toren der Burg mit seinem und dem Pferd seines Herren wartet. Der König kommt zurück, glaubt, der Knecht sei ein Pferdedieb und läßt ihn erhängen.
Das Edelfräulein wird mit dem König vermählt, in der Hochzeitsnacht aber plagt sie die Sorge, daß sie ihre Unschuld bereits verloren hat. Um das zu vertuschen, bittet sie eine Zofe, sich zu dem König zu legen. Die Zofe tut das auch, will aber das Bett nicht mehr verlassen, weil sie gern Königin sein will. Abermals sieht sich das Edelfräulein gezwungen, einen Mord zu begehen, zündet die Kemenate an, rettet ihren Ehemann und läßt die Zofe verbrennen. 32 Jahre lebt sie glücklich mit ihrem Mann, bis sie eines Tages unter ihrer Schuld zusammenbricht und alles beichtet. Der König verzeiht seiner Frau, weil sie doch alles nur aus Liebe zu ihm getan habe.
5.4. Die List in „Die unschuldige Mörderin“ und in den anderen Fassungen Die List spielt in diesem Märe nicht nur für die Mörderin eine Rolle, sondern auch für deren Widersacher, die sich des Listmittels ebenfalls bedienen. Das beginnt schon mit dem treulosen Ritter und dessen Knecht: Hier wendet der Ritter seine List mit Hilfe einer dritten Person an, nämlich der des Knechts. Kaufringer kommentiert den listigen Plan durch die Charakterbeschreibungen: „nun het der küng ain diener; / der was ain ritter mit gevär. / der hett ein knecht, der was bös. / der sprach gar mit valschem kös / diß red zuo dem herren sein: […]“ (V. 45-49). 201 Ritter und Knecht werden also mit schlechten Attributen bedacht, und im Folgenden führt der Knecht den Plan auch näher aus. Zunächst bedient er sich des Simulationsstrategems, denn er spiegelt eine nicht vorhandene Wirklichkeit vor, indem er Gerüchte über die Edelfrau streut, die der Autor zuvor mit den besten Charaktereigenschaften ausstattete.
„Die junkfraw ist nicht oun man / ir zeit gewesen bisher. / sie hat volbracht unkeusch mer; / dann ander böser weibe vier. / ob ir das nit geglaubent mir, / ich pring es kurzlich darzou, / das si ewern willen tuo; / so werden ir dann wol gewar; / das si ist unendlich gar. / wölt ir volgen meinem rat, / guot aubentür ewch zuogat“ (V. 54-64).
201 Zitierte Stellen von Kaufringers „Die unschuldige Mörderin“ stammen aus: Novellistik des Mittelalters. Hg. v. Klaus Grubmüller.
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Der „leichtfertige“ und „törichte“ 202 Ritter will sich der Hinterhältigkeit seines Dieners anschließen und läßt sich den Plan erläutern. Sowohl Ritter als auch Knecht schätzen die Situation für das Gelingen ihrer List ganz richtig ein: Das Edelfräulein befindet sich allein in der Burg und wagt es nicht, sich dem „König“ zu widersetzen. Der Knecht spielt hier als Vermittler der List eine Schlüsselrolle, denn er arbeitet alles ganz genau aus und legt dem Ritter auch die Worte in den Mund:
„dem wachter dann ze wissen tuot / und sprecht zuo im vil schone: / ‚wachter, das dir got lone, / sag der werden junkfrau dein, / das si den künig laß hinein. / der well haben iren rat, / des si und er nutze hat.’ / des gedar si euch nit versagen“ (V. 104-111).
Der Ritter setzt den Plan um, wobei er mit Teilaussagen täuscht: Seine wahre Identität bleibt vorerst verborgen, damit er sein Ziel erreichen kann. Sowohl die englische als auch die französische Fassung ähneln sich vor allem am Anfang sehr: Zwar ist in der englischen Fassung „Of the Penitence of a woman who had committed three murders“ 203 nicht unmittelbar von einer List die Rede, aber in beiden Fassungen verspricht die Königstochter, sich bereits vor der Hochzeitsnacht mit ihrem zukünftigen Mann zu treffen, allerdings ist der Autor der französischen Fassung der einzige, der ihr Verhalten tadelt, weil sie sich damit selbst Schwierigkeiten bereitet: „Da beging die Jungfrau eine Torheit, die sie viel Tränen kosten sollte, sie zeigte nämlich ihrem Geliebten, wie sie heimlich in ihr Gemach gelangen könne und gab ihm den Schlüssel zu einer verborgenen Pforte.“ 204 In beiden Versionen erzählt der zukünftige Ehemann einem Ritter („Of the Penitence“) bzw. einem „habgierigen“ und niederträchtigen“ Seneschall („Von der Königin, die ihren Seneschall tötet“) 205 von diesem Vorhaben, und die Widersacher versuchen ihn jeweils davon abzuhalten: „The knyght seide, as cownseylyng ‚god forbede, sir, that on suche wise on nyghtes tyme that ye shuld go for swich a cause, syn ye are sekere of here.“ 206 Aus dem mittelenglischen Text geht nicht eindeutig hervor, ob die
202 Übersetzung aus Novellistik des Mittelalters. Hg. v. Klaus Grubmüller. V. 65.
203 Im Folgenden: „The Penitence“.
204 Eine französische Version von „Die unschuldige Mörderin“ befindet sich in: Die Märchen der Weltliteratur. Hg. v. Friedrich von der Lenen, Paul Zaunert. Diederichs Verlag. Jena 1923. S. 109-113. Die zitierten Passagen der französischen Version beziehen sich auch stets auf diese Ausgabe.
205 Im Folgenden: „Von der Königin“.
206 „The Penitence of a Woman who had committed three murders” ist eine mittelenglische Fassung von “Die unschudige Mörderin” und befindet sich in: The early English Versions of the Gesta Romanorum. Hg. v. Sidney J.H Herrtage. Oxford University Press. London, New York, Toronto 1962. S. 394f. Alle zitierten Passagen der englischen Fassung beziehen sich auf diese Ausgabe.
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Aussage des Ritters, er begehe eine Sünde und solle nicht zu seiner Braut vor der Hochzeitsnacht gehen, listig gemeint ist oder nicht. 207 Der Seneschall des Königs in „Von der Königin“ ist aggressiver: Er überredet seinen Herren, so daß dieser ihm letztlich sogar den Schlüssel zur Kemenate gibt. Sowohl Ritter als auch Seneschall handeln mittels beziehungs-steuernder Äußerung: Sie heucheln Sympathie, indem sie den Prinzen/König scheinbar vor einer Sünde bewahren. Prinz und König müßten nun den Kontext kennen, um zu wissen, daß der Ritter/Seneschall lediglich aus Eigeninteresse handelt. So hingegen schenken sie ihm Glauben und gehen nicht zur Königstochter. Da sowohl Prinz als auch König durch eigene Torheit verraten, daß die Königstochter nachts allein in ihrer Kemenate ist, nehmen der Ritter bzw. der Seneschall nun diese Gelegenheit anstelle des zukünftigen Ehemannes wahr und geben sich als Ehemann aus.
Ähnlich der deutschen Version werden in der französischen die Charaktere vom Autor sehr genau gezeichnet und beschrieben: „Als der Treulose [Seneschall] das Schlüsselein in der Hand hielt, keimte in ihm der verbrecherische Gedanke, er wolle zugreifen und das seltene Glück, das sich ihm bot, genießen.“ Hier wird allerdings der Eindruck erweckt, daß der Seneschall seine noch folgende List nicht von Anfang an geplant hat, sondern daß der Listplan aus der sich ihm bietenden Gelegenheit reift.
In der englischen Version wird das Verhalten des Ritters nicht weiter kommentiert, wohingegen Kaufringer das schon tut. Zwar folgt sein Kommentar nicht sofort, aber einige Verse später. Hier schiebt er einen Autorenkommentar über die Moral ein, aus dem ganz klar hervorgeht, wie der Rezipient das Verhalten des Ritters einzuschätzen hat: „Die nacht was nun komen her, / darin man gern greifet an, / das man nicht ze recht sol han. / wer übel tuot als ain dieb, / der hat die vinstern nacht lieb / und hasset den liechten tag“ (V. 146-151). Diebe lieben die Nacht und hassen den Tag, denn nur Diebe eignen sich gern in der Nacht Dinge an, die auf legalem Wege nicht zu bekommen sind.
Die Worte, die der Ritter benutzt, um Einlaß in die Burg zu bekommen, erscheinen dem Rezipienten zynisch. Er möchte die keusche Gräfin sprechen - sollte ihm das verweigert werden, würde sie das beide ins Unglück stürzen. Der Wächter
207 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 109. Hier erwähnt die Autorin, daß der Ritter aus Eigeninteresse handelt. Zwar leuchtet das ein, ist aber dennoch eine Interpretation des Lesers und wird nicht explizit vom Autor genannt.
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hat aber nicht das präsuppositionale Wissen (Kontextwissen), um die Lage einschätzen zu können: Hier weiß der Rezipient mehr als der Wächter, denn der Hörer/Leser kennt die Vorgeschichte. Es ist ihm bekannt, daß der Ritter den Keuschheitsbegriff nicht so meint, wie ihn der Wächter versteht. Der Ritter will zum einem die Keuschheit der Gräfin auf die Probe stellen, zum anderen geht er davon aus, daß die Gräfin letztlich ins Unglück gestürzt wird - er jedoch nicht. Diese Annahme wird sich aber als falsch erweisen.
Die lateinische Fassung geht ebenso wie die englische nicht so sehr ins Detail wie die von Kaufringer. Der böse Ritter wird hier durch einen Marschall ersetzt, der von der Schönheit der Frau „zu bösem Begehren“ 208 verleitet wird und sie vergewaltigt. Im Gegensatz zu Kaufringers „Die unschuldige Mörderin“ geht es hier weniger um die inneren Gedankengänge.
Kaufringer legt im folgenden Dialog zwischen Edelfrau und Ritter großen Wert auf die guten Charaktereigenschaften und Treue der Edelfrau. Sie erschrickt, als sie die Nachricht bekommt, daß der König um Einlaß bittet und wägt ab. Das besondere daran ist, daß Kaufringer die inneren Gedankengänge seiner Figuren in einer Art innerem Monolog ausformuliert. Das Edelfräulein befindet sich eindeutig in einer Zwickmühle: Einerseits muß sie den vermeintlichen König hereinlassen, weil er ansonsten böse werden könnte, andererseits aber fürchtet sie, daß sie ihre Ehre einen Tag vor der Hochzeit verlieren könnte. Sie bemüht sich also um Treue, „denn Untreue der Frau gilt als Vergehen gegen Recht und Ehre des Mannes“ 209 Andererseits bestand die natürliche Ordnung auch darin, daß der Mann verpflichtet war, die Frau zu erziehen - vor allem zu Gehorsamkeit gegenüber ihrem Mann. 210 Dieser Gehorsam gilt in volkstümlichen Erzählungen und Legenden als Norm, allerdings bildet der Zwang einer Überlebensgemeinschaft einen Gegensatz dazu, denn die Ehe als Überlebensgemeinschaft setzt Verständnis voraus. 211 Der zentrale Gedankengang des Edelfäuleins in „Die unschuldige Mörderin“ beläuft sich aber auf den Gehorsam: „des muoß ich im gehorsam wesen; mit ihm sterben und genesen / muos mein werder, stolzer leib“ (V. 175-177). Das Edelfräulein läßt den
208 Die lateinische Fassung und deren deutsche Übersetzung befinden sich in: Erzählungen des Mittelalters. Hg. v. Joseph Klapper. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1978. S. 128f sowie S. 330f. Alle zitierten Passagen der lateinischen Fassung beziehen sich auf diese Ausgabe.
209 Londner: Eheauffassung. S. 306.
210 Vgl. Koebner, Richard: Die Eheauffassung des ausgehenden deutschen Mittelalters. In: Archiv für Kulturgeschichte. 2. Heft. Bd. 9 (1911). Verlag B.G. Teubner. Leipzig, Berlin 1911. S. 167.
211 Vgl. Schubert, Ernst: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2002. S. 230.
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vermeintlichen zukünftigen Ehemann zwar herein, hegt aber weiterhin Zweifel. Der Ritter täuscht abermals mittels Falschaussage und beziehungssteuernder Äußerungen. Er vermittelt ihr Vertrauen, indem er ihr seinen Eid versichert, daß er sich nach ihrer Liebe verzehrt. Zudem setzt er ganz geschickt seine Machtposition ein, pocht darauf, daß sie gehorsam zu sein hat: „und ob ir das oun missiwend / mir gehorsam wöllend sein, / ich sprich auf die trewe mein, / des geniessent ir umb mich / fürbas immer ewiclich“ (V.212-217). Das Edelfräulein setzt ihren Verstand ein, läßt sich nicht so leicht beeindrucken, was darauf schließen läßt, daß sie nicht „listblind“ ist, sondern erst einmal abwägt und an ihre Ehre appelliert. Ihr Nachgeben rechtfertigt Kaufringer damit, daß der Ritter sie so sehr bedrängt, daß sie sich dem nicht mehr widersetzen kann - auf diese Weise wahrt der Autor ihre moralische Integrität. Die List des Ritters ist bis hierhin gelungen, doch wendet sich das Blatt dahingehend, daß er sich verplappert und somit seinen eigenen Listplan durchkreuzt. Die Dame zündet eine Kerze an und sieht nun, daß sie durch einen „schlechten Menschen“ ihre Ehre verloren hat. 212 Durch die Zuweisung der guten bzw. schlechten Charakteristika an den Ritter und die Dame wirkt Kaufringer noch einmal auf den Rezipienten ein.
Das Edelfräulein findet ein scharfes Messer und trennt ihrem Widersacher den Kopf ab. Den Leichnam will sie mit Hilfe des Torwächters beseitigen, doch der will das nur tun, wenn sie sich ihm hingibt, was sie in ihrer Notlage auch tut. Der Autor kommentiert das Verhalten des Torwächters als boßhait (V. 337) und rechtfertigt auch hier das Verhalten des Edelfräuleins, die den Wächter „klug und beherzt“ bei den Füßen (V. 356f) packt und ihn, während er sich tief über den Brunnen beugt, um die Leiche hineinzuwerfen, in den Brunnen stößt. Ähnlich verhält es sich in „Of the penitence“: Die Königstochter bittet auch hier einen Wächter, die Leiche des Ritters in einen Brunnen zu werfen, doch bevor er das tut, muß sie ihm zu Willen sein. Ebenso wie in „Die unschuldige Mörderin“ nutzt sie die Gelegenheit und schubst den Wächter ebenfalls in den Brunnen, während der gerade dabei ist, den Leichnam hineinzuwerfen. In der lateinischen und französischen Fassung bittet die Dame ihre Magd um Hilfe, den Leichnam zu beseitigen. Während Zofe und Königstochter in der französischen Fassung das ohne fremde Hilfe schaffen, holt die Magd in der lateinischen Fassung einen Küchenburschen, der ebenso wie in
212 Vgl. Grubmüllers Übersetzung. V. 272f.
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Kaufringers Version die Liebe der Magd (nicht der Königstochter) will. Die Magd ist nun diejenige, die mit der Königstochter die Gunst der Stunde zu einem Mord ausnutzt: Während sich der Küchenjunge über die Zinnen des Palastes beugt, stößt sie ihn mit dem Leichnam hinab in den reißenden Fluß. Eine List setzt normalerweise einen Plan voraus, doch die Damen haben in allen Fassungen diesen Plan eigentlich nicht: Sie handeln aus der jeweiligen Situation heraus, was auch als „List im Affekt“ bezeichnet werden könnte. Allerdings setzen sie „das Strategem der Endzielverschleierung“ 213 ein, und das heißt, daß sie in zwei Stufen handeln. Die erste Stufe bezieht sich darauf, daß der Wächter bzw. der Küchenjunge den toten Körper in den Brunnen / Fluß wirft. Anschließend folgt die zweite Stufe: Sie wollen ihre Widersacher als unliebsame Zeugen loswerden und schubsen diese ebenfalls in den Brunnen. Während die Tat in den anderen Fassungen nicht weiter kommentiert wird, findet Kaufringer allerdings wieder rechtfertigende und lobende Worte für das Edelfräulein:
„die fraw was cluog und weise / und begraif in bei den füessen sein / und sturzt in in den waug hinein, / den valschen portner, vil schon. / also ward im der minne lon. / er muost verderben ze der stund / in des diefen wassers grund“ (V. 357-362).
Durch diese List will das Edelfräulein ihr Seelenheil retten und sich vor Sünde bewahren. Die List gelingt mehr oder weniger durch Zufall, ohne daß eine höhere Macht helfend eingreifen mußte, womit die Königin das „Ausmünzungsstrategem“ 214 anwendet, denn sie nutzt eine günstige Konstellation geistesgegenwärtig aus. Zudem entzieht sie sich mittels Fluchtstrategem einer prekären Wirklichkeit. Ab Vers 410 verurteilt Kaufringer noch einmal vehement die List des Knechts und des Ritters: Der Knecht, der vor der Burg steht und mit zwei Pferden auf seinen Herren wartet, wird vom König für einen Pferdedieb gehalten und dafür gehenkt. Kaufringer weist daraufhin, daß diese Strafe vollkommen gerecht ist:
„den tod er wol verdient hat, / wann er hätt bösen Rat geben, / davon der ritter hat sein leben / verlorn und der portner. / die junkfraw ist in grosse swär / auch von seinem rat nun komen; / die gröste eer ist ir genommen, / die ir got ie geben hat. / das kompt von dem valschen rat, / den der bößwicht hat getan“ (V. 408-418).
213 Von Senger: Die Kunst der List. S. 68.
214 Vgl. ebd. S. 90f.
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Durch diese List sterben sowohl der Ritter als auch der Pförtner, und das Edelfräulein verliert seine Ehre. Zudem bezieht sich Kaufringer auf Gott, denn Ritter und Pförtner haben der Dame das höchste Gut genommen, das ihr Gott gegeben hat. Sobald die Jungfräulichkeit als Gottesgut gesehen wird, bedeutet das einen „Freischein“ für das Edelfräulein, die mit den Morden gezwungen ist, etwas Göttliches zu verteidigen. Kaufringers moralische Absicht wird dadurch besonders deutlich. Sowohl in „Of the Penitence“ und in „Von der Königin“ als auch in „Die unschuldige Mörderin“ sind die Damen jedoch weiterhin von Untreue und Widrigkeiten umgeben, denn nun bitten sie eine Zofe, sich in der Hochzeitsnacht zu dem König/Prinzen zu legen. Gerade in der französischen Fassung spielt die Zofe eine wichtige Rolle, denn sie hat zum einen geholfen, den Leichnam des Seneschalls zu beseitigen, zum anderen ist sie bereit, sich zu dem König in der Hochzeitsnacht zu legen, womit sie ihrer Linie und vor allem ihrer Herrin erst einmal treu bleibt und eine wichtige Verbündete und Mitwisserin ist. Mit dieser nun folgenden List wollen die Ehefrauen der verschiedenen Fassungen verhindern, daß der König/Prinz ihre verlorene Unschuld bemerkt, womit sie eine Nichtübereinstimmung mit der gesellschaftlichen Norm verheimlichen, keusch bis zur Ehe zu bleiben. Zudem liegt hier der Sachverhalt des schützenden Handelns vor. Sie täuschen zwar ihre Ehemänner, doch handelt es sich aus ihrer Sicht nicht um eine List, weil die Damen in ihren Gatten keinen Gegner sehen. „Dennoch kann, aus der Sicht [des Königs], unter Umständen von einer Behinderung bei der Wahrnehmung seiner Interessen ausgegangen werden.“ 215 Der Mann hat folglich sein Interesse der Hochzeitsnacht nicht wahr-nehmen können, allerdings bemüht sich die Königin bzw. die Königstochter deswegen um Treue, weil die Untreue der Frau als Vergehen gegen Recht und Ehre des Mannes gesehen wurde. Sie wissen, daß der Gatte ihnen im Zweifelsfall Unrecht geben würde. 216 Die Darstellung einer moralisch integren Frau stellt laut LONDNER keine Bedrohung der männlichen Ehre dar. 217
215 Semmler: Listmotive. S. 34.
216 Vgl. Koebner: Eheauffassung, S. 281. Koebner weist auch darauf hin, daß die Frau aus Kenntnis ihrer demütigen Lage so handelt.
217 Vgl. Londner: Eheauffassung und Darstellung. S. 306.
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Die englische Fassung ist der Kaufringers am nächsten 218 : Allerdings ist sie stark abgespeckt im Gegensatz zu „Die unschuldige Mörderin“, denn er malt die einzelnen Szenen immer sehr genau aus. Abermals schiebt Kaufringer die inneren Gedankengänge der Königin ein und läßt sie ihren Kummer und Schmerz zu Gott klagen. Doch trotz ihres Schmerzes ist sie in der Lage, Haltung zu bewahren, was auf wahrhaft höfisches Benehmen schließen läßt. Das ist auch gleichzeitig eine Form des Tugendpreises, den Kaufringer ihr zukommen läßt, was hauptsächlich in den moralisch-exemplarischen Mären zu finden ist, „die eine vor allem christlich orientierte Eheauffassung repräsentieren. Dazu gehört auch die Unantastbarkeit des Treueprinzips.“ 219 An dieser Stelle bringt ein kleiner Diskurs in die lateinische und französische Fassung etwas mehr Klarheit, denn eben dieses Treueprinzip ist in beiden Versionen gestört: Die Königin beichtet ihre Tat einem Geistlichen, der ihr diese Sünde nur dann vergeben will, wenn sie sich ihm hingibt, was sie nicht tut. Also geht er zu dem König und erzählt ihm alles. Der König, „der sie trotzdem lieb behält, ist tief unglücklich“ (lateinische Fassung), doch kann er nicht gegen den Willen des Volkes handeln und muß seine Frau bestrafen, was demnach auch der mittelalterlichen Tradition entspricht. Die Dame bekommt ihre Königswürde aberkannt und muß das Land verlassen. In „Von der Königin“ entscheidet „eine Versammlung der Großen des Landes“ und verurteilt die Königin zum Scheiterhaufen.
Die Ehefrau galt weniger als erotische Partnerin oder Lebensgefährtin, sondern eher als Besitz des Mannes. „Ehebruch war also Diebstahl im Sinne des diese Stellung der Frau sehr nüchtern erhellenden 10. Gebots […]. Er mußte an dem Dieb ebenso geahndet werden wie an der Frau als dem willigem Objekt des Diebstahls, das die Reinheit der Familie des Ehemannes gefährdet hätte.“ 220 Zurück zu Kaufringers „Die unschuldige Mörderin“: Die Zofe, die nun helfend zur Seite steht, verspricht interessanterweise, der Königin „oun argen list“ (V. 515) zu helfen - also ohne jeglichen Hintergedanken, und die Königin hat „besunder trawen auf dich“ (V. 493). Somit erhält die Zofe für kurze Zeit die Möglichkeit, in die Rolle der Königin zu schlüpfen. In der französischen Fassung ist das Verhalten der Zofe in doppeltem Sinne bitter, weil sie ihre Treue schon zweimal
218 Vgl. auch Stede: Schreiben in der Krise. S. 109.
219 Londner: Eheauffassung und Darstellung. S. 245.
220 Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. S. 221.
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bewiesen hat, nun aber ebenso wenig wie in der englischen und deutschen Fassung vom König weichen will.
Deswegen muß die Königin in allen Versionen zu einer weiteren List greifen: Sie legt Feuer in der Kammer, läßt die Zofe verbrennen und rettet den König. Damit hat sie über den eigentlichen Sachverhalt hinweggetäuscht: Der König bekommt gar nicht mit, daß in der Hochzeitsnacht nicht seine Frau, sondern deren Zofe bei ihm gelegen hat. Obwohl die Tat der Königin grausam ist, hat sie doch vorausschauend gehandelt und eine wichtige Zeugin ihrer verlorenen Ehre beseitigt. Kaufringer stellt auch hier die Verzweifelung und inneren Konflikte dar, in die die Königin angesichts ihres ungewollten Ehebruchs gerät, so daß ihre drei Morde als eine Art Notwehr und durch die Umstände gerechtfertigt erscheinen. 221 Die Zofe erhält laut Kaufringer „ir der recht lon“ (V. 614), weil sie untreu war. Diese ständigen Rechtfertigungen des Autors könnten ein Indiz dafür sein, daß er sich durchaus dessen bewußt war, daß es um die sittliche Bewertung von „Die unschuldige Mörderin“ vom theologischen Standpunkt aus gesehen nicht gut bestellt war 222 , obwohl Kaufringer immer wieder durch die Klagen an Gott und die Reue der Frau den göttlichen Bezug herzustellen versucht. Diese Episode fehlt in der lateinischen Fassung übrigens völlig, denn dort ist die Zofe gänzlich treu ergeben, wird aber auch nicht von der Königin darum gebeten, sich in der Hochzeitsnacht zu ihrem Mann zu legen. Der Grund liegt darin, daß die Zofe in der lateinischen Fassung sich bereits dem Knecht hingeben mußte und ihrer Herrin insofern keinen Nutzen mehr bringt. Nach 32 Jahren Ehre beichtet die Königin ihrem Mann die Taten, wobei die Wortwahl Kaufringers immer auf der Seite der Königin ist. So gibt sich der Ritter „in künges weis mit gevär“ (V. 658) aus, (hinterlistig als König), „und wie si von dem portner / darnach ser bewzungen wär“ (V. 663f) und der Pförtner zwingt sie zur Liebe.
Der König vergibt seiner Frau, womit er den Priester in den anderen Fassungen ersetzt, der eigentlich dafür zuständig ist, Sünden zu vergeben. Somit denken sowohl er als auch seine Frau in Relationen: Sie wägt ihr Handeln ab, vor allem, als der vermeintliche Gatte nachts Einlaß gewährt: Entweder sie verliert ihre Ehre oder muß eine Strafe erleiden. Dadurch, daß der König ihr vergibt, wägt auch er ab: „Den ihm entstandenen Schaden, mit einer Ehebrecherin und Mörderin
221 Vgl. Stede: Schreiben in der Krise. S. 278.
222 Vgl. Ruh: Kaufringers Erzählung. S. 172.
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verheiratet zu sein, sieht er aufgewogen durch das Leid, das die Königin selbst ertragen hat.“ 223 RUH meint dazu, daß diese Lösung ein „theologischer Mißgriff“ sei, denn keine christliche Theologie hätte diesen Schluß oder diese Lösung des Problems erlaubt. Ferner erklärt RUH, daß Kaufringer den Fehler mache, anstelle auf die Barmherzigkeit Gottes auf die Unschuld der Mörderin abzuheben. Der erwähnte Beistand Gottes, „kann sich nur auf die Gewissensnot beziehen, wozu indes der ganze Text keinen rechten Anhalt bietet.“ 224 Es gibt aber durchaus Anhaltspunkte dafür, daß die Mörderin bei jeder ihrer Taten von Gewissensnöten geplagt ist. Zudem könnte es sein, daß Kaufringer mehr Wert auf das tugendhafte Rollenverständnis der Frau legte. Allerdings ist RUH im Recht, wenn er sagt, daß private Erkenntnis zur Vergebung der Sünden gerade für mittelalterliche Verhältnisse ungenügend sei, „zumal es der Autor versäumt hat, die fromme Gotteszuversicht ins Wort zu bringen.“ 225 STEINMETZ sieht das anders. So meint er in seinem Aufsatz „Heinrich Kaufringers selbstbewußte Laienmoral“, daß Kaufringer möglicherweise die Wendung zum Mirakel deshalb scheute, weil dadurch klar die Schuld der Mörderin klar gewesen wäre. Auffällig ist, daß Kaufringer die Mörderin umso mehr in Schutz nimmt, je schlimmer die Verbrechen sind. 226 STEINMETZ zieht nun einen Bogen zum Alten Testament: Auch Judith sei ein Werkzeug Gottes gewesen und habe den König Holofernes im Schlaf mit einem Schwert enthauptet und seinen Kopf als Trophäe mitgenommen. 227 Ähnlich verhalte es sich auch mit der unschuldigen Mörderin, vor allem, weil diese ihrem Widersacher den Kopf abschneidet. Diese Tat erfordert einen ungeheuren Kraftaufwand, der wiederum nur mit Gottes Hilfe vonstatten gehen kann. Ergo: „Der treulose Ritter hat ebenso wenig Anspruch auf Schonung wie der gottlose Holofernes.“ 228 Somit sei der Gottesbezug, wenn auch etwas versteckt, durchaus vorhanden.
In den übrigen Fassungen ist das anders, denn diese zielen auf ein mirakelhaftes Ende: In „Of the Penitence“ ist die Königin so sehr von Reue geplagt, daß sie zu einem Beichtiger geht, der ihr aufträgt, jeden Freitag eine Kutte zu tragen und nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, zudem soll sie jeden Freitag arme Männer ernähren. Das ist der Königin aber als Strafe nicht genug, weshalb sie nach
223 Stede: Schreiben in der Krise. S. 273f.
224 Ruh: Kaufringers Erzählung. S. 172.
225 Vgl. ebd.
226 Vgl. Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral S. 59.
227 Vgl. ebd. S. 61.
228 Vgl. ebd.
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mehr Buße verlangt. Sie geht zu einem Priester, der hier vom Autor als „wicked preste“ (treuloser Priester) bezeichnet wird, die Liebe der Frau will und sie erpreßt: Wenn sie ihm nicht zu Willen ist, wird er alles ihrem Mann sagen. Sie verweigert sich ihm, und er geht zum König, der im Gegensatz zum König in „Die unschuldige Mörderin“ seine Frau übel beschimpft. Allerdings greift auch hier Gottes Macht helfend ein, denn als der König seiner Frau die Kleider vom Leib reißt, sieht er keine Kutte, sondern ein schönes Gewand, anstelle von Wasser findet er Wein vor, und das Brot schmeckt wie das beste Fleisch. Durch dieses Wunder ist die Königin von ihren Sünden befreit, weshalb der Ehemann keinen Grund mehr hat, seine Frau zu verstoßen. Auch in der französischen Fassung beichtet die Königin ihre Tat einem Priester, einem „scheinheiligen Heuchler“, der dem König die Taten seiner Frau sagt, so daß eine Versammlung des Landes die Frau zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Allerdings ist sowohl in der französischen, als auch in der lateinischen Version das Ende etwas anders gestaltet: Hier ist es ein Einsiedler, der ihr aus der Notlage hilft. FRENZEL nennt die Bedeutung des Einsiedlertums in der Literatur 229 : Ein Mensch, der im Mittelalter beschloß, als Einsiedler zu leben, tat das in der Regel freiwillig. Er blieb Laie und hatte keine Oberen. Zwar verschwand der Einsiedler im späten Mittelalter fast völlig von der Bühne des Lebens, blieb aber dennoch in der Dichtung erhalten. Laut FRENZEL verkörperte der Einsiedler in der Literatur Wunschvorstellungen und eine vermißte Wirklichkeit. Dieses Bild konnten die Schriftsteller nach Belieben abwandeln. Obwohl sowohl in der französischen als auch in der lateinischen Fassung kaum Rehabilitation für die Frau möglich scheint, schenken die Könige dem Einsiedler Glauben. FRENZEL erklärt, daß der Eremit ein Gegentypus des Klerikers war, weshalb Kritik an der Kirche nicht auf ihn ausgedehnt wurde. In der weltlichen Literatur ist er eine Begegnungsfigur: Er bot Wanderern oder Verirrten Schutz und Nahrung, gab geistigen Zuspruch und Trost. 230 In der lateinischen und französischen Version gilt er als Repräsentant eines höheren Willens und stellt somit den Höhepunkt der Handlung dar. 231 In der lateinischen Fassung rät er als Buße zu einem Zweikampf mit dem Bischof: Die Eisenspitze der Lanze solle dabei gegen ihre Brust, der Holzschaft gegen seine Rüstung gedrückt
229 Folgende Beschreibung aus Frenzel: Motive der Weltliteratur. S. 129f.
230 Vgl. Frenzel: Motive der Weltliteratur. S. 132.
231 Vgl. ebd.
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werden. Die Geschichte endet damit, daß der gemeine Bischof von der Lanze durchbohrt wird. In der französischen Version bekommt der Einsiedler im Traum gesagt, daß er die Strafe aufhalten soll, was er auch tut. Der christliche Aspekt der Geschichte ist somit erfüllt, denn durch Reue und mit Gott, der helfend in das Geschehen eingreift, ist die Königin rehabilitiert. Mirakel heben immer auf den Glauben an Gottesurteile ab, der auf der Vorstellung beruht, bei Rechtsfällen, „bei denen Aussagen der Beteiligten und Zeugen zur Wahrheitsfindung nicht ausreichen“ 232 , die Wahrheit durch Magie zu erzwingen. Elementen und Gegenständen werden Zeichen abverlangt, die über Schuld oder Unschuld eines Menschen entscheiden sollen. Das geschieht auch in der französischen, englischen und lateinischen Fassung: Die Dichter sahen in dem „gottesgerichtlichen Zweikampf einen Kulminationspunkt des Rechtsfalles, eine Extremsituation, in der ein unschuldig Beschuldigter gerettet und oft auch ein Verbrecher [bestraft wird].“ 233 Meist ist die Ausgangssituation des Beschuldigten möglichst ausweglos, damit Gott in der größten Not helfend eingreifen kann. Im Fall der lateinischen, französischen und englischen Fassung hat sich die Mörderin selbst rehabilitiert, indem sie in den jeweiligen Versionen dem Priester widersteht. Vor allem in der französischen Fassung stellt der Autor bildhaft dar, daß die Königin rein von Sünden ist: „Aber sobald die Königin dem heiligen Manne gegenüber trat, fielen die Ketten von den Händen, und vom Himmelszelt hernieder schwebte ein Purpurmantel, der sich um ihre Schulter schlang […]“ Auf diese Weise wird der innere Konflikt der Mörderin geschickt gelöst, und eben so eine geschickte Lösung fehlt in „Die unschuldige Mörderin“.
Kaufringer schuf eine Sondervariante: Im Epimythion hält er noch einmal explizit ein Plädoyer für die Königin, denn sie habe nichts Böses getan, sei unverschuldet in große Bedrängnis gekommen, wofür all jene eine Strafe erhielten, die ihr die Ehre nahmen. Die Widersacher der Königin werden abermals mit schlechten Charakteristika ausgestattet, und Kaufringer weist noch einmal auf ausgleichende Gerechtigkeit hin. Hier schließt sich auch der Kreis zu Kaufringers moralischem Bewußtsein, das Marga STEDE untersucht: Getreu der Tradition des
232 Frenzel: Motive der Weltliteratur. 298f.
233 Vg. ebd. S. 129f.
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moralisch-exemplarischen Märe vertritt Kaufringer hier vehement eine moralische Position, die er an die Rezipienten heranträgt:
„Und dunkt mich sein guot und recht, / wenn untrew iren herren slecht, / als den vieren geschehen ist. / Aber die fraw oun argen list, / ich main die edel küngin vein, / die hat gelitten grosse pein / und darzuo vil manig swär./ […] er [Gott] half ir aus aller not./ si wär oft von sorgen tot, / wär ir got nit beigesten. / also tuot got allen den, / die unverschuldt komen in swär“ (V. 747-760).
Bemerkenswert ist der Terminus oun argen list, womit Kaufringer seine Protagonistin frei von jeder Hinterlist/Hinterhältigkeit spricht. Das Epimythion ist auch im Hinblick auf RUHS Diskussion um den religiösen Aspekt interessant, weil Kaufringer noch einmal gezielt darauf hinweist, daß Gott all jenen hilft, die ohne Schuld in Bedrängnis kommen. Das deckt sich übrigens auch mit der lateinischen Fassung, denn hier heißt es „Aber mit Gottes Hilfe siegt die Gerechtigkeit.“ Nun kann dieser Versuch Kaufringers dahingehend gewertet werden, daß er den Gottesaspekt noch unbedingt in die Geschichte integrieren wollte, um dieser Version eine gewisse Legitimität zu verleihen. RUH sucht nach Gründen für den mangelnden Gottesbezug: Es könne ja durchaus sein, daß ein anderer Autor als Kaufringer den Schluß der außerdeutschen Fassung durch einen anderen ersetzt habe. Der Grund, solch einen Schluß zu wählen, könne für den fremden Verfasser der gewesen sein, daß er eine Wendung zum Mirakel gescheut habe. 234 Aber warum besaß Kaufringer dann nicht genug Phantasie, um der Geschichte eine theologischere Wendung zu geben? Immerhin geht aus seiner Biographie hervor, daß er durchaus über die christliche Moral Bescheid wußte, was er bereits in seinen geistlichen Erzählungen und reden bewies. Deswegen leuchtet die Begründung von STEDE ein, die der Meinung ist, Kaufringer habe vor dem Hintergrund der Krisen des 14. Jahrhunderts geschrieben. RUH nennt einen weiteren etwas gewagteren Grund für den marginalen Gottesbezug: Kaufringer habe möglicherweise weder eine mirakelhafte noch gottesfürchtige Intention verfolgt, sondern habe vielmehr aufgrund der detailgenauen Beschreibungen der Morde eine spektakuläre Mordgeschichte verfassen wollen. Die moral-theologische Beurteilung sei eine konventionelle Zugabe ohne eigentliche Verbindlichkeit, wenn auch sicher nicht im Unernst oder
234 Vgl. Ruh: Kaufringers Erzählung. S. 173.
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gar in parodistischer Absicht vorgetragen. „Die Erzählung löst sich so tendenziell, wenn auch nicht de facto von der ihr zugrunde liegenden Moral und damit von der utilitas, ihr eigentlicher Zweck liegt in ihr selbst.“ 235 Im Grunde genommen erzählt der Autor eine ungewöhnliche, bisweilen sogar widersinnige Geschichte, und laut RUH erzählt er sie deshalb, gerade weil sie ungewöhnlich und widersinnig ist. 236 Dem widerspricht STEINMETZ ausdrücklich: Es gehe bei „Die unschuldige Mörderin“ weniger darum, spektakulär zu sein, im Gegenteil: Kaufringer habe als Laie moraltheologisch durchaus Stellung bezogen und sich mit seiner Meinung bewußt gegen die Kirche gestellt. 237 Vor allem Kaufringers Äußerungen im Epilog zeigen laut STEINMETZ eine Rechtsauffassung des Dichters, die darauf zielt, daß die Widersacher der Königin „jeden Anspruch auf Schonung verwirkt haben“ - schon allein deshalb könne die Königin keine Schuld treffen. 238
5.5. Zusammenfassung „Die unschuldige Mörderin“
RUH und STEINMETZ empfinden des fast fehlenden Gottesbezug beide anders: Ruh sieht Kaufringers In-Schutz-nehmen seiner Heldin als Rechtfertigung für den mangelnden Gottesbezug an, wohingegen STEINMETZ der Meinung ist, daß Kaufringer eine „gewisse Selbständigkeit moraltheologischen Denkens“ vorweist, was insgesamt als Resultat „spätmittelalterlicher Laienbildung [zu] begreifen [ist].“ 239 Kaufringer emanzipiere sich möglicherweise von seinen religiösen Wurzeln und entwickele eine eigene Moral, denn „nur was das moralische Gefühl gutheißt, kann auch gottgewollt sein.“ 240 Am sinnvollsten scheint hier eine Kombination aus STEDES Meinung und der von STEINMETZ zu sein: Beide sehen in Kaufringer einen Dichter mit großem moralischen bzw. moraltheologischen Bewußtsein. Die Krisen, vor deren Hintergrund Kaufringer schrieb, trugen möglicherweise verstärkend zu dessen moraltheologischen Grundsätzen bei. Gerade diese Problematik und Gradwanderung macht „Die unschuldige Mörderin“ aber zu einem der interessantesten Mären, weil es im mittelalterlichen Zeitgeist so ambivalent zu sein scheint. Die anderen Fassungen zeigen durchaus eine
235 Ruh: Kaufringers Erzählung. S. 175.
236 Vgl. ebd.
237 Vgl. Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. S. 62. Weiter erklärt Steinmetz, daß Kaufringers „Die unschuldige Mörderin“ das „Resultat jener [im Mittelalter] nicht zuletzt nach und nach wachsenden Laienbildung [ist].“
238 Vgl. ebd. S. 65.
239 Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. S. 67.
240 Vgl. Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. S. 67.
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Hinwendung zu Gott, ein im wahrsten Sinne des Wortes wunderbares Ende, während „Die unschuldige Mörderin“ Absolution durch einen Menschen, nämlich dem König, erhält.
Im Gegensatz zu „Aristoteles und Phyllis“ sind hier keine schwankhaften Elemente zu finden, das Verlachen von Rezeptionsmustern ist nicht möglich, im Gegenteil: „Die unschuldige Mörderin“ ist eine sehr ernste und auch brutale Geschichte. List wird hier als Notwehr angewandt und hat einen destruktiven Charakter, denn die Gegner (müssen) sterben. Hier handelt sie mit Hilfe des Ausmünzungsstrategem, denn die Dame kann die Gelegenheit, während der Wächter sich über Brunnenrand bzw. die Zinnen des Palastes beugt, in dem Moment geistesgegenwärtig für sich ausnutzen. Die Königin hat, im Gegensatz zu Phyllis, kaum Zeit, ihre List zu berechnen bzw. zu planen. Sie handelt im Affekt, und dabei gelingt die List eher zufällig. Ein einziges Mal wendet sie eine List im kalkulierten Sinne an, und zwar als sie das Feuer in der Kammer legt. Dabei verfolgt sie ein doppeltes Ziel: Eine unliebsame Zeugin verbrennt, und der König kann seiner Frau keinen Ehebruch nachweisen.
Die List des Ritters/Seneschalls, der in ihr Schlafgemach dringt, ist ebenfalls destruktiv, denn er will die Dame zum einem auf die Probe stellen, zum anderen will er ihr schaden und verschleiert dabei geschickt seine Identität, wobei er mit falschen Aussagen täuscht. Die erste Stufe seiner List, in ihr Schlafgemach zu gelangen, gelingt, weil das Edelfräulein nicht wissen kann, daß es sich um einen Betrüger handelt. Allerdings kann ihr Widersacher seinen Plan nicht durchhalten, weil er sich verrät. Das Thema der List wird in „Die unschuldige Mörderin“ einerseits durch sprachliche Mittel, andererseits durch Taten behandelt. Beide Male geht es darum, Identitäten und Wahrheiten zu vertuschen, wie dies beispielsweise der Ritter tut. Die Dame hingegen muß morden, um den Verlust ihrer Ehre zu verheimlichen. Obgleich sowohl die Dame als auch der Ritter/Seneschall listig handeln, liegt die Sympathie bei der Dame, denn sie handelt weniger arglistig und nicht gewollt destruktiv. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß „Die unschuldige Mörderin“ und die verschiedenen Fassungen ebenso wie „Aristoteles und Phyllis“ eine Strategemverkettung beinhalten, denn die Edeldame spiegelt ihrem Mann eine nicht vorhandene Wirklichkeit vor, indem sie ihre Zofe dazu anhält, sich in der Hochzeitsnacht zu dem König zu legen. Gleichzeitig liegt das Dissimulationsstrategem vor, denn sie entzieht dem König die eigentliche
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Wirklichkeit und vermittelt ihm eine unbekannte Wirklichkeit
(Informationsstrategem). Wenn man es genau nimmt, bedient sie sich auch des hybriden Strategems, denn sie legt beispielsweise Feuer, um vom eigentlichen Problem, nämlich die Forderung der Zofe, selbst Königin sein zu wollen, abzulenken. Außerdem ist die Thematik des Identitäts-Tauschs handlungsbestimmend: Der Ritter/Seneschall schlüpft in die Rolle des Königs/Prinzen, um in die Kemenate zu gelangen, die Dame bittet ihre Zofe, für eine Nacht in die Rolle der Königin zu schlüpfen, damit sie ihre verlorene Jungfräulichkeit verbergen kann. In beiden Fällen geht der Rollentausch schief, denn sowohl Ritter/Seneschall als auch Zofe müssen ihr Leben lassen.
Heinrich Kaufringer hält sich mit Kritik an den Widersachern des Edelfräuleins nicht zurück. Sein Ende der Geschichte ist ein Ausnahmefall, denn alle anderen Versionen enden mit einem Mirakel. In allen Fassungen geht es letztlich darum, daß die Dame auf die eine oder andere Weise ihre Ehre wiedererlangt, sei es mit Gottes Hilfe oder durch die Gnade und das Verständnis des Königs. „Die unschuldige Mörderin“ und deren Versionen evoziert „das Bild einer ‚problematischen’ Wirklichkeit.“ 241 STEDE meint, daß innerhalb der Geschichte eine konflikthafte Entfaltung von Handlungsnormen mit konkurrierenden Normen rivalisiert. Zudem stünden die in der Geschichte entworfenen Handlungsnormen im Widerspruch zu denen der zeitgenössischen ‚offiziellen Kultur’. 242 Es verbleibe im Endeffekt eine offene Normendiskussion, die den Rezipienten herausfordere, selbst einen Standpunkt zu beziehen. Laut STEINMETZ bezieht Kaufringer Stellung, denn im Zweifelsfall müssen die Kirchenlehrer hinter dem eigenen Gewissen, worin sich auch Gottes Wille begründet, zurückstehen. „Die unschuldige Mörderin“ ist eine Konsequenz gegen alle Kirchenmoral. 243 Hier läge es nun am mittelalterlichen Rezipienten, ob er in der Lage ist, sich dermaßen von den kirchlichen Dogmen zu lösen.
Das nun folgende Märe „Ritter Alexander“ ist ein höfisch-galantes Märe. Hier geht es ebenfalls um Normen und um den Rollentausch, vor allem aber auch um das Verhalten in der Ehe und um Ehre, allerdings in einem sehr überhöhten und idealisierten Maß.
241 Stede: Schreiben in der Krise. S. 217.
242 Vgl. ebd.
243 Vgl. Steinmetz: Kaufringers selbstbewußte Laienmoral. S. 69.
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6. Ritter Alexander
6.1. „Ritter Alexander“: Quellen und Stoffgeschichte
Im Gegensatz zu „Aristoteles und Phyllis“ und „Die unschuldige Mörderin“ ist über „Ritter Alexander“ wenig zur Überlieferungsgeschichte bekannt, außer daß dieses Märe von unbedingter Frauentreue in zwei Drucken von 1490 und 1515 überliefert ist. Der Verfasser ist unbekannt. 244 Der Stoff stammt von „Martin Mayers Meisterlied vom Ritter Trimunitas aus Steirmark.“ 245 „Ritter Alexander“ ist häufig mit dem „Grafen Alexander von Mainz“ verwechselt worden. Diese Geschichte handelt zwar ebenfalls von einer treuen Frau, die ihren Mann aus einer gefährlichen Situation befreit, doch im Großen und Ganzen hat sie eine andere Motivik. 246 Johannes Bolte vermutet jedoch, daß alle deutschen und ausländischen Fassungen aus einer Ortssage des 15. Jahrhunderts hervorgehen,
„die sich an ein im Mainzer Dome befindliches Grabmal und ein dort aufgehängtes Hemd und Mönchsgewand anknüpfte. Wieviel der unbekannte Mainzer Meistersinger, der sich diese Sage kurz vor oder nach 1490 zur Behandlung erkor, aus Eigenem zur Überlieferung hinzufügte, läßt sich kaum feststellen.“ 247
Der Inhalt vom „Grafen Alexander“ läßt sich wie folgt zusammenfassen: Der Graf will auf eine (Wallfahrts)reise gehen, doch seine Frau erlaubt ihm das nicht. Er setzt sich durch und gerät dabei in die Gefangenschaft eines Sultans. Die Ehefrau erfährt davon und reist ihm als Mann verkleidet im Büßergewand nach, wo sie mit schönem Gesang auf sich aufmerksam macht. Der Sultan ist so angetan, daß er ihr erlaubt, einen seiner Sklaven als Begleitung für den Heimweg mitzunehmen. Sie entscheidet sich natürlich für ihren Ehemann und rettet ihm dadurch das Leben. Im „Ritter Alexander“ ist es ebenfalls die Ehefrau, die durch listiges Verhalten ihren Mann aus einer prekären Lage rettet, allerdings stellt sich die Thematik hier etwas anders dar.
244 Das deutsche Dekameron. Albatros Verlag. Hg. v. Wolfgang Spiewok. Düsseldorf 2002. S. 743.
245 Ein schön Lied von einem Ritter auß Steirmark Trimunitas genandt und von eines Königs Tochter auß Denmark Floredebel genandt. In: Hertzog Ernst. Microfiche. Bibliotheca Palatina. UB Marburg. München 1991. Alle zitierten Passagen des „Ritter Trimunitas“ beziehen sich auf diese Ausgabe.
246 Vgl. Schanze, Frieder: Ritter Alexander. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 8. Walter de Gruyter. Berlin, New York 1992. Sp 94f.
247 Bolte, Johannes: Deutsche Märchen aus dem Nachlaß der Brüder Grimm. 3. Die getreue Frau. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Bd. 26 (1916). Behrend & Co. Berlin. S. 19-43.
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6.2. „Ritter Alexander“: Inhalt
Ein stattlicher, ehrenhafter und erfolgreicher Ritter aus Frankreich ist mit der schönsten Frau weit und breit verheiratet. Da hört er eines Tages von einer angeblich noch schöneren Frau aus England. Ritter Alexander nimmt sich vor, diese Frau kennenzulernen. Also reitet er gemeinsam mit seinem Knecht los und trifft tatsächlich die schöne Frau, die sich auch sogleich in ihn verliebt. Sie gibt dem Ritter unmißverständlich ein Zeichen für ein gemeinsames Treffen, so daß dieser seinem Knecht befiehlt, ihre Wohnung auszukundschaften. Ritter und Dame treffen sich also in ihrem Haus, wo sie zur Zeit allein mit ihrer alten Kammerfrau lebt, weil der Ehemann fortgeritten ist. Die beiden ziehen sich sofort in die Kammer zurück, was die Kammerfrau voller Besorgnis und Empörung zur Kenntnis nimmt. Plötzlich kehrt der Ehemann der Dame von seiner Reise zurück, und die Kammerfrau erstattet sofort Bericht. Der Ehemann bohrt ein Loch durch die Tür und überzeugt sich mit eigenen Augen vom Ehebruch seiner Frau. Auf den ersten Zorn folgt die Vernunft, und er beschließt, die beiden Ehebrecher auf dem Rechtsweg anzuklagen, anstatt sie umzubringen. Der Ehemann sperrt also die Kammertür auf, nimmt die beiden gefangen und sperrt sie in einen Turm. Alexanders Gattin erfährt sehr bald, was ihrem Mann geschehen ist und will ihn retten. Sie rafft sämtliche Wertsachen zusammen, macht sich auf den Weg nach England und besticht die Wachen, so daß sie in den Turm zu ihrem Mann kann. Dort tauschen die beiden ihre Kleider, sie bleibt im Turm, und befiehlt Alexander zu fliehen. Vor Gericht erzählt sie den Richtern folgende Geschichte: Sie habe einst gehört, daß in England eine noch schönere Frau als sie selbst lebe. Diese Frau habe sie kennenlernen wollen, aber weil sie auf ihrer Reise ihre Ehre nicht habe verlieren wollen, sei sie in Männerkleidern losgeritten. Bei der Bürgersfrau angekommen hätten sie sich beide in der Kammer unterhalten und seien darüber eingeschlafen, und in eben dieser mißlichen Lage seien sie vom Ehemann der Bürgersfrau erwischt worden. Das Gericht schenkt der Rittersfrau Glauben, womit sie sowohl Alexander als auch die Bürgersfrau rettet.
Die Quellenlage zu „Ritter Alexander“ ist sehr dünn, weshalb neben der Listanalyse sehr stark auf die Motivik eingegangen wird. Dazu gehören beispielsweise das Motiv der Frauentreue, des Rollentauschs oder das der Verkleidungsthematik.
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6.3. Die List in „Ritter Alexander“ und „Ritter Trimunitas“ In der folgenden Listanalyse wird „Ritter Alexander“ als Hauptquelle
behandelt und „Ritter Trimunitas“ zum Vergleich herangezogen. Obwohl es einige Parallelen zum „Grafen Alexander von Mainz“ gibt, wird diese Geschichte nicht mitberücksichtigt, weil sie möglicherweise einer anderen Quelle entspringt und mit unserem „Ritter Alexander“ wenig zu tun hat.
„Ritter Trimunitas“ ist im Vergleich zu „Ritter Alexander“ viel ausführlicher beschrieben. Allein 43 Verse verwendet der Autor auf die Beschreibung des Ritters, der, ebenso wie Alexander, alle tugendhaften Charaktereigenschaften eines Ritters in sich vereinigt. Während die Geschichte im „Ritter Alexander“ sofort damit beginnt, daß Alexander von einer noch schöneren Frau als seiner eigenen erfährt, wird im „Ritter Trimunitas“ erst einmal die Vorgeschichte des Ritters und seiner Ehefrau Floredebel erzählt. 248 Gleich zu Beginn stellt der Autor Floredebel als eigenständige Persönlichkeit dar, denn sie ergreift die Initiative, als sie sich in den Ritter verliebt und ihm einen Brief schreibt. Der bejaht ihren Antrag unter der Bedingung, daß ihr Vater sein Einverständnis gibt. Sie erreicht dieses Einverständnis, indem sie aus lauter Liebe „krank“ wird, so daß ihr Vater ihr den Wunsch nicht abschlagen kann. Es ist Spekulation, in Floredebels „Krankheit“ eine List hineinzuinterpretieren. Es ist zwar durchaus möglich, daß sie, ebenso wie Candacis in Eschenbachs „Alexander“, Schwäche vortäuscht, um damit ihren Willen durchzusetzen. Allerdings durchschauen die vom König zur Hilfe gerufenen Meister, daß es keine Krankheit, sondern Liebeskummer ist: „Natürlich ist sie nicht krank / beschawet selbs zu disem ding.“ Ein Listanwender zielt stets darauf ab, daß seine List unerkannt bleibt. Da das aber hier nicht der Fall ist, ist es nicht sicher, ob der Autor mit dem Verhalten Floredebels eine Listabsicht hatte oder nicht, denn Liebeskummer braucht sie eigentlich nicht vorzutäuschen, weil sie den wirklich hat. Während die Ehefrau im „Ritter Alexander“ keine Gelegenheit bekommt, Widerspruch gegen das Vorhaben des Mannes einzulegen, nach England zu reisen, wehrt sich Floredebel durchaus. Doch Trimunitas ist nicht abzubringen, schließlich
248 Die Vorgeschichte lautet folgendermaßen: Ritter Trimunitas kommt ursprünglich aus der Steiermark. Doch dann stirbt sein Vater, und Trimunitas muß ihm vier Versprechen geben: 1) Regelmäßig Gottes Wort hören, 2) den Armen sein täglich Brot geben, 3) kein Bild der Frauen verschmähen und nicht die Ehre der Frauen verletzen und 4) Priesterschaft. Nach dem Tod des Vaters kommt er an den dänischen Hof, und dort verliebt sich die Tochter des Königs in ihn. Ein weiterer Unterschied zu „Ritter Alexander“ ist der, daß Trimunitas aus der Steiermark kommt und die schönste Frau in Frankreich sucht, wohingegen. „Ritter Alexander“ die schönste Frau in England sucht.
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hat er seinem Vater am Sterbebett das Versprechen gegeben, kein Bildnis einer Frau zu verschmähen, was auch eine geschickte Rechtfertigung für seine Reise nach Frankreich ist.
In diesem Märe geht es zwar auch um Ehebruch, doch ist es ungewöhnlich, daß es vordergründig der Mann ist, der betrügt. Normalerweise bricht die Frau die Ehe, was ihrerseits stets zu listenreichem Handeln und Vertuschungsaktionen führt, und das wiederum spiegelt die Thematik der verkehrten Welt wider. Im „Ritter Trimunitas“ ist der Ehebruch aber besonders hart, weil er seiner Frau zum Abschied verspricht, ihr die Treue zu halten: „Ich bit euch gebt den willen drein / so gib ich euch die trewe mein.“ Vornehmlich will er auch lediglich das Bild der schönsten Frau malen lassen.
Im Gegensatz zum weiblichen Ehebruch wird eine entsprechende Verfehlung des Mannes nur äußerst selten dargestellt. LONDNER sucht den Grund dafür darin, daß der Rezipient hier eine andere Erwartungshaltung hat. Der Hörer/Leser erwartet keine effektvollen Pointen, denn die nebeneheliche Beziehung des Mannes besitze laut LONDNER eine weniger lange Tradition als die Untreue der Frau. „Es gibt keine spannungssteigernde und komische Wirkung, die das Moment der Gefahr für Leib und Leben auslöst.“ 249 Einen weiteren Grund nennt SCHUBERT, denn so sei der Erfolg bei Frauen dem Ruhm des Mannes durchaus dienlich gewesen. 250 JONAS ist der Auffassung, daß der in diesen Erzählungen vollzogene Ehebruch kein ‚männliches Pendant’ zu den anderen Ehebruchschwänken darstelle, denn es sei „nicht notwendig für den Ritter, seine Abenteuer durch irgendwelche Listen zu verbergen.“ 251 Er betrügt seine Ehefrau ganz offensichtlich, doch werden die Betrügenden in beiden Versionen vom Ehemann dabei erwischt, und dieser könne nun seine Frau und Alexander/ Trimunitas töten. Er tut das nicht, sondern will das Gericht entscheiden lassen. Sein Abwägen wird im „Ritter Alexander“ auch deutlich hervorgehoben:
„Er sach sie schlafen alle beid / und in die arm so eng geschmuckt, / auch als nahe zu hauf geruckt, / prust and pruste und munt an munt, / das er in nit west baß zu tunt / dann beiden
249 Londner: Eheauffassung. S. 298.
250 Vgl. Schubert: Alltag. S. 263.
251 Jonas: Versschwank. S. 71.
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mit dem schwert den tot. / iedoch vernunft um das gepot, / er solt es mit recht volenden“ (V. 80-87). 252
Die Frau übernimmt mit der Heirat das Recht des Mannes, was mitunter sogar bedeuten kann, daß die Frau unfrei ist. 253 Der Mann hatte durchaus die Möglichkeit, seine Frau zu prügeln, ab dem 13. Jahrhundert galt das aber als Frevel, es sei denn, der Mann hatte einen Grund. 254
Der Ehebruch wird vor allem als Ehrenkränkung für den Mann aufgefaßt, und durch ihren Fehltritt wird die Frau in seine Gewalt gegeben. 255 Der Ehemann der Bürgersfrau handelt schwankuntypisch, denn er verzichtet auf tölpelhaftes, unüberlegtes Verhalten, sondern setzt seinen Verstand ein. Am Ende werden sowohl er als auch das Gericht von Alexanders Frau überlistet, doch steht er, anders als die Figur des betrogenen Ehegatten in den übrigen Schwänken, nicht als tumb da, denn ihm ist nichts vorzuwerfen.
Die List der Rittersfrau setzt in beiden Versionen sofort ein, nachdem sie von der prekären Lage ihres Mannes erfahren hat, denn in weiser Vorausschau packt sie für ihre Reise Geld und Wertsachen ein, um die Wächter vor dem Turm damit zu bestechen. Im „Ritter Trimunitas“ denkt sie sogar an das Schermesser, um ihre Haare zu kürzen.
Floredebel und die Rittersfrau täuschen jeweils mittels Teilaussage, erklären den Wachen, ihren Mann noch einmal sehen zu wollen; weglaufen könne ihr er sowieso nicht. Alexanders Frau geht ihre List sehr gezielt an, denn als sie mit ihrem Mann allein ist, folgt die nächste Stufe ihrer List: Der Kleidertausch.
„Sie sagt: ‚so schweig und hab ietz rast. / se hin und tu mein kleider an, / auch ich die dein.’ Das wart getan. Scharsach und scher het sie mit ir. / do schar sie im den bart vil schir; / sie schneit der man ir ab die löck. / Einander brachten sie die röck“ (V. 128-134).
Ebenso verhält es sich im „Ritter Trimunitas“: Sie tauschen Kleider und ändern jeweils ihre Frisur, so daß Trimunitas als Frau fliehen kann, und seine Ehefrau als Mann im Kerker bleibt. Der Autor beschreibt die List aber noch etwas genauer, denn
252 Die deutsche Märendichtung des 15. Jahrhunderts. Hg. v. Hanns Fischer. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. München 1966. Alle zitierten Passagen aus „Ritter Alexander“ beziehen sich auf diese Ausgabe.
253 Vgl. Schubert: Alltag. S. 230.
254 Vgl. ebd. S. 233.
255 Vgl. ebd. S. 191.
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Floredebel gibt ihrem Mann zusätzliche Anweisungen, wie er sich zu verhalten hat. So soll er beispielsweise durch Gesten sein Gesicht bedecken, um nicht erkannt zu werden.
Die Frau führt in beiden Fassungen ein massives Täuschungsmanöver durch und hilft ihrem Mann auf diese Weise, der drohenden Gefahr zu entgehen. Hier ist ein wichtiges schwankhaftes Element integriert, denn sie hat mit dem Mann einen Rollentausch vorgenommen und verschleiert ihre wahre Identität. Der Autor bezeichnet die Frau als treu, hält sich aber ansonsten mit einem positiven Kommentar ebenso wie im „Ritter Alexander“ zurück, obwohl diese Szene eine Schlüsselfunktion birgt. SEMMLER beschreibt die Verkleidungsthematik, die auch in anderen Epen eine Rolle spielt, ganz treffend. Es sei schon oft festgestellt worden, daß Frauen ihre tapferen Männer aus heiklen Situationen befreien, denn „so wird im ‚König Rother’ die Befreiung der Gefangenen durch die Tochter Konstantins mit Hilfe einer Kombination aus Verkleidungslist, Gestik und Sprache ins Werk gesetzt.“ 256
Die angewandte List der Verkleidung ist eine wichtige Grundlage in diesem Märe: Beiden Frauen gelingt es, ihre Rolle als Mann beizubehalten und sind damit vor der Degradierung zum schwankhaften Objekt geschützt. 257 Umgekehrt verhält es sich, wenn die Frau entlarvt wird, denn dann handelt es sich ganz klar um ein schwankhaftes Moment. Bei „Ritter Alexander“ und „Ritter Trimunitas“ geht es aber auch um einen „psychischen Mechanismus“ 258 , wobei diese Thematik von der Seite der verkehrten Welt betrachtet werden kann: Ritter Alexanders Frau und Floredebel übernehmen eine Identität, die ihnen als Frau eigentlich nicht zusteht. Rainer WEHSE ist der Meinung, daß sich die Frau in Männerkleidung gegen ihren Mann wendet, was „Ritter Alexander“ und demnach auch „Ritter Trimunitas“ in einem ambivalenten Licht erscheinen läßt, denn vordergründig versuchen sie alles, um ihre Männer zu retten. Durch ihre Verkleidung verfremden sie ihr Handeln, „und ein Tun, das sonst beim Mann als gegeben angenommen wird, kann in seiner Lösgelöstheit neu gesehen und objektiver erkannt werden.“ 259 Die Dame führt in beiden Versionen das hybride Strategem aus, denn sie täuscht eine Wirklichkeit vor, um vom
256 Semmler: Listmotive. S. 120.
257 Vgl. Wehse, Rainer: Frau in Männerkleidung. In: Enzyklopädie des Märchens Bd. 5 (1987). Walter de Gruyter Verlag. Berlin, New York. Sp. 168-186.
258 Vgl. ebd.
259 Vgl. ebd. Sp. 170.
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eigentlichen Problem abzulenken. Durch dieses Manöver gelingt es Ritter Alexander/ Trimunitas unbemerkt zu entkommen. Die Lage wird bewußt auf die Spitze getrieben, „indem gerade die kritischen Punkte, die typischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Männerdaseins für die Heldin [eingesetzt werden].“ 260 Möglicherweise werden Alexanders Frau und Floredebel auch als die besseren Männer dargestellt. Zwar ist über deren Innenleben und Gedankengänge wenig bekannt, doch handeln sie listig und intelligent, wodurch sie sich faktisch in einer höheren und ehrenhafteren Position befinden als ihre Ehemänner, die somit die Schwächeren sind.
Vor Gericht beweist sich Alexanders Frau abermals als gewitzt und listig, täuscht auf der Sachebene und wendet sich „mannhaft“ ans Gericht: „die selb gar menlich zu in sprach: ‚Ich trau euch wol, ir herren all, / das ich in euer rüg nit vall, / ob ich mein wort hie selber tu.“ / mit willen gab man ir das zu. / do antwort sie in ritters gestalt / (darfür sie iederman do zalt)“ (V.160-166). Aber auch Floredebel gleicht in ihrem Auftreten einem Mann: „Die zeit vergieng das recht fing an / die fraw die stund da wie ein man.“ Sie vermitteln dem Gericht eine falsche Information und auch eine falsche Wirklichkeit (Informationsstrategem), denn sie spielen ihre Rolle perfekt, weil das Gericht sie als Mann wahr- und auch ernst nimmt. Mit ihrer Aussage verdrehen beide nun geschickt die Tatsachen, erzählen glaubhaft, stets daran gewöhnt gewesen zu sein, die schönste Frau zu sein. Dies sei der Grund, nach London/Frankreich zu reisen, weil dort angeblich eine noch schönere Frau lebe, und das haben sie nachprüfen wollen. Ihre Verkleidung rechtfertigen sie damit, daß es gefährlich sei, als Frau zu reisen. Die Richter müssen ihren Ausführungen glauben, weil sie keinen Gegenbeweis haben und setzen voraus, daß Floredebel bzw. die Rittersfrau die Wahrheit sagen. 261 Hinzu kommt, daß die Richter es mit Edeldamen zu tun haben, die einem ehrenhaften Personenkreis angehören. Die Rittersfrau beendet ihr Plädoyer mit einer weiteren, verstärkenden List: Sie entblößt als Beweis ihre Brüste, womit sie die Wahrheit noch mehr verschleiert, denn sie führt sozusagen einen Beweis ihrer und der Unschuld ihres Mannes an. Floredebel zeigt ihre Brüste schon zu Beginn und hält erst anschließend ihre Rede.
260 Wehse, Rainer: Frau in Männerkleidung. Sp. 170.
261 Vgl. Schubert: Alltag. S. 231. Die Aussage der Frau vor Gericht hat ebenso viel Gewicht wie die Aussage des Mannes. Auch der Eid ist gültig.
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Die Rittersfrau und Floredebel laufen kaum Gefahr, durchschaut zu werden, weil sie Informationen verwenden, die nur ihnen selber bekannt sind. Sie handeln sehr klug, denn sie entziehen dem Gericht wichtige Kontextinformationen. „Das weltliche Gericht muß im ‚Ritter Alexander’ vor der weiblichen List kapitulieren.“ 262 Der Autor lobt das listige Verhalten der Rittersfrau, weil diese sowohl Ehemann als auch Nebenbuhlerin rettet: „also die frau mit listen macht / ledig das weib und iren man“ (V. 206f). Das Lob im „Ritter Trimunitas“ kommt eher indirekt zur Geltung, indem der König Floredebel dankt und sie reichlich beschenkt. Die Edeldamen haben aber nicht nur das Gericht überlistet, sondern auch den Ehemann der Bürgersfrau bzw. den König, denn obwohl der Schwerpunkt hier auf dem Ehebruch des Ritters liegt, ist dieser mit einem weiteren Ehebruch gekoppelt, nämlich dem der Bürgersfrau an ihrem Mann bzw. Königin von Frankreich am König, „der mit Hilfe einer rasch arrangierten Rettungsaktion getäuscht und überlistet wird. Das klassische Schwankschema ist damit auch hier eingehalten.“ 263 Die Ehemänner sind somit das Opfer männlicher Gutgläubigkeit und weiblicher Bosheit geworden.
Die List gelingt in doppeltem Sinne: Zum einen, weil die Edeldamen alles minutiös geplant, vorausschauend gehandelt und die Reaktion ihrer Gegner richtig eingeschätzt haben, zum anderen aber auch, weil sich Alexanders Frau beispielsweise der Treue Alexanders sicher sein kann: „der ritter dankt ir tausentstunt. / er kust sie oft an iren munt / und gehieß ir, vort nimmermer / zu tun wider treu und auch eer“ (V. 253-255). Auch im „Ritter Trimunitas“ weiß der Ritter nun um die Treue seiner Frau und zollt ihr die List, denn auf der Erde gebe es keine treuere Frau.
Die betrogene Ehefrau hat festumgrenzte Rechte, die sie dadurch wahrt, indem sie schlaue List und umsichtige Klugheit anwendet. Sie belehrt ihren Mann nicht durch offenen, brüskierenden Anspruch, sondern führt ihn geschickt zu seiner Einsicht, „die scheinbar gar seiner eigenen Erkenntnis entspringt, seine autonome Entscheidung ist.“ 264 Das Ziel der Damen ist in jedem Fall konstruktiv. Wichtig ist bei „Ritter Alexander“ auch der Kontrast Bürgersfrau-Rittersdame. Vor allem letztere zeichnet sich nicht nur durch außerordentliche
262 Londner: Eheauffassung. S. 276.
263 Jonas: Versschwank. S. 71.
264 Londner: Eheauffassung. S. 326.
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Schönheit, sondern auch Klugheit aus. Ganz dem höfisch-galanten Märe entsprechend kommt dem Adel eine Vorbildfunktion zu. So überläßt sie auch bei der Frage, ob nun Ritters- oder Bürgersfrau die schönere ist, den Preis ihrer Buhlerin, was der Autor auch mit dem Attribut „ritterin weis“ (V. 231) honoriert. FISCHER erklärt, daß der ritterliche Adel am häufigsten in den Mären vertreten ist - und hier vor allem in höfisch-galanten Mären. „Typisch ist auch Alexanders Rolle als Galan, der zwar ertappt, aber nicht bestraft wird.“ 265 In Kapitel 2 wurde auf FISCHERS Feststellung verwiesen, daß das höfischgalante Märe mit dem höfischen Roman vergleichbar ist. Hinweise darauf gibt besonders die Szene, in der Bürgersfrau und Rittersfrau nebeneinander stehen und keiner der Anwesenden sich entscheiden kann, welche schöner ist. Eine ähnliche Szene gibt es auch in Hartmann von Aues „Erec“. Als Erec nach Brandigan reitet, wird er von 80 (Trauer tragenden) Frauen empfangen, eine schöner als die andere: „diu ougen liez er über gân. / nû dûhte in einiu wol getân, / diu ander schœner dâ bî: / diu dritte swachete aber sî“ (V. 8260-8263) 266 Im Epimythion heben die Autoren ihre lehrhafte Absicht noch einmal besonders hervor. Während die Moralisatio im „Ritter Alexander“ eher kurz gehalten ist („Hiebei, ir weiber, nembt ler / und seit nit so heftig und schwer“ (V. 258f.)), geht der Autor des „Ritter Trimunitas“ noch einmal kurz auf die List ein: „Und wenn ein sach geschehen ist / dafür weiß ich kein bessern list / dan das zum bestekeren.“ Der Rezipient solle sich auf jeden Fall ein Beispiel an dieser treuen Frau nehmen, deren Seele und Leib mit Sicherheit Gottes gnädig sind.
6.4. Zusammenfassung „Ritter Alexander“
Die List ist zwar im „Ritter Alexander“ nicht so dreist wie in „Aristoteles und Phyllis“ bzw. so drastisch und dramatisch wie in „Die Unschuldige Mörderin“, dafür ist sie aber um so intelligenter, geschickter und vorbildlicher. LONDNER sagt dazu, daß die Frau hier eine äußerst positive Gestaltung erfahre, denn sie füge sich nahezu perfekt in die „bürgerlich-christliche“ Eheauffassung ein, deren Grundsätze sie in vorbildhafter und idealisierter Weise vertrete. Die Dame zeichne sich vor allem auch
265 Fischer: Studien. S. 119.
266 Hartmann von Aue: Erec. Fischer Verlag. Franfurt am Main 2000.
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dadurch aus, daß sie es schaffe, sich mit List, Geschick und intellektueller Überlegenheit gegen ihren Mann durchzusetzen. 267 Die List der Ehefrauen setzt sich wie folgt zusammen: Beide täuschen die Wachen mittels Teilaussagen, zusätzlich setzen sie Bestechungsmittel ein. Das gelingt ihnen, weil sie vorher alles planen, bevor sie zum Gefängnis aufbrechen. Das massivste Täuschungsmanöver ist jedoch das der Verkleidung, denn durch den Rollentausch übernehmen sie eine Identität, die ihnen als Frau nicht zusteht. Gleichzeitig bedienen sie sich des hybriden Strategems, denn durch die Verkleidung lenken sie von ihren Ehemännern ab und können dadurch eine vollkommen neue Wirklichkeit kreieren. Zudem kann die Theorie aufgestellt werden, daß beide Frauen durch ihre Verkleidung den besseren Mann darstellen. Vor Gericht stehen beide buchstäblich ihren Mann. Durch das Vorzeigen der Brüste verschleiern sie noch mehr die Wahrheit, weil sie einen hieb-und stichfesten „Beweis“ anführen. Durch Strategemverkettung erreichen sie die Freilassung ihrer Ehemänner. Zusätzlich zeichnen sich beide Damen als integre, intelligente, listige Personen aus, die in keiner Weise Gefahr laufen, ihr Ansehen in der Gesellschaft zu verlieren, denn sie haben eine plausible Erklärung für ihren Verkleidungstrick, weswegen sie keinerlei Angriffsfläche bieten.
Obwohl Ritter Alexanders Frau und Floredebel so listen- und trickreich handeln, büßen sie weder Tugendhaftigkeit noch Ehre ein, sondern dienen als absolutes Vorbild und haben zudem als Frau eine handlungsbestimmende Rolle inne. Trotzdem gibt es in beiden Versionen insofern eine typische Rollenverteilung, als daß der Ehemann Haupt der Familie bleibt, er ist der dominierende, aktive und entscheidungsbefugte Teil, denn immerhin entscheidet er allein, nach London/Frankreich zu reisen. 268 Beide Frauen üben keine passive Rolle aus, dulden also nicht nur, sondern beweisen Einsatz und werden dadurch, wie bereits erwähnt, handlungsbestimmend. Vor allem Floredebel wehrt sich anfangs gegen die Pläne Trimunitas, trotzdem begehrt sie weder auf, noch ist sie untreu oder untergeordnet, sondern hat vielmehr, ebenso wie Alexanders Gattin, die Rolle der auf den Mann hingeordneten, liebevollen und treuen Gefährtin inne. 269
267 Londner: Eheauffassung. S. 358.
268 Vgl. ebd. S. 229.
269 Vgl. ebd. S. 230.
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Ehe im Mittelalter beinhaltete drei Grundprinzipien: Vermeidung von Unzucht, Fortpflanzung und gegenseitige Hilfe. Es ist sogar so, „daß die Auffassung von der gegenseitigen Hilfe […] als eines wesentlichen Bestandteils jeder Ehe bereits seit dem 12. Jahrhundert begegnet.“ 270 In diesem Zusammenhang ist anzumerken, daß im „Ritter Alexander“ die Bürgersfrau ihre Ehre verwirkt hat, nicht jedoch der Mann: „Nit lang do fuegt es sich darno, / das man den ritter urteilen solt / und auch das weib, die do verzolt / ir er mit diesem ritter het“ (V. 136-139). Auch im „Ritter Alexander“ bzw. „Ritter Trimunitas“ gibt es ein schwankhaftes Element, nämlich das der Straffreiheit. Der Rezipient geht eigentlich davon aus, daß Alexander/Trimunitas und Bürgersfrau/Königin bestraft werden, doch ist das nicht der Fall, weil die Edeldamen Gericht und Gesellschaftsnormen zu überlisten (und zu übertrumpfen) verstehen. Damit kehrt eine unerwartete Wendung ein, die den Rezipienten zum Lachen bringt. Der einzige Makel der Mären besteht darin, daß die Autoren nicht aufklären, warum die Wachen keinen Verdacht schöpfen, denn wenn es kein Mann ist, den sie bewachen, wer ist dann die „zweite“ Frau, die „ihn“ besuchen kommt? Diese Frage ist aber eher sekundärer Natur und für den Verlauf der Handlung nicht wichtig.
Einen schönen Abschluß bietet „Ritter Trinumitas“, der als guter Herr seinem treuen Knecht die Ritterwürde verleiht.
7. Schlußbetrachtung und Ausblick
In dieser Arbeit wurden listige Frauen in der mittelhochdeutschen Kleinepik untersucht. Dabei ging ich auch stoffgeschichtlich vor und verglich die unterschiedlichen Fassungen der jeweiligen Mären miteinander. Als Basis dienten vor allem SEMMLERS Überblick über die verschiedenen Listmotive sowie die von Harro VON SENGERS benannten Listtypen und Strategeme. Aus diesen beiden Werken und zusätzlichen Aufsätzen ergab sich ein sehr nützlicher Leitfaden für die Listanalyse.
Die Motivation zur List ist in jedem Märe unterschiedlich: Phyllis will sich nicht von ihrem Geliebten trennen und erteilt Aristoteles eine erniedrigende Lektion. Die unschuldige Mörderin ist gezwungen, Listen anzuwenden, weil sie
270 Schnell, Rüdiger: Geschlechterbeziehungen und Textfunktion. In: Ders. (Hrsg): Geschlechterbeziehungen und Textfunktion. Studien zu Eheschriften in der frühen Neuzeit. Max Niemeyer-Verlag. Tübingen 1998. S. 13.
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möglicherweise eine schlimme Strafe hätte erleiden müssen und Ritter Alexanders Frau rettet mit ihrer List ihrem Mann das Leben.
Es ist auffällig, daß es bei diesen drei Mären nicht nur um List, sondern vor allem auch um das Thema der Ehre geht. Dabei ist von Märe zu Märe eine Ehrsteigerung zu beobachten. Am ambivalentesten gestaltet sich hierbei die Phyllis-Figur, die mit ihrem aufreizenden Auftritt eine Gradwanderung zwischen Schlauheit und Ehr- bzw. Tugendverlust macht. Die Autorenmeinungen über Phyllis sind geteilt: Einerseits handelt sie geschickt und kämpft um ihre Liebe, aber andererseits entspricht sie nicht dem damaligen Sittenkodex, denn ihr Sinnen auf Rache ist nicht tugendhaft. 271 Aber gerade das macht die Phyllis-Figur so spannend, denn sie widersetzt sich den gesellschaftlichen Normen und gewinnt. In „Die unschuldige Mörderin“ versucht die Frau mit allen Mitteln, ihre Ehre zu bewahren, denn sie will ihrem Mann keine Schande bereiten. Während das Thema Ehr- und Tugendverlust bei „Aristoteles und Phyllis“ keine so große Rolle spielt, ist es in „Die unschuldige Mörderin“ handlungsbestimmend. Streng genommen verliert sie mangels besseren Wissens, daß es sich bei dem Mann, der in ihr Schlafgemach kommt, nicht um den König handelt, eben jene Ehre. Dadurch erzwingt eine Handlung die nächste und sie überlistet ihre Gegner mehr oder weniger ungeplant. Ein einziges Mal plant sie im Voraus, und zwar, als sie das Feuer in der Kammer legt. Die Ehre der Dame wird aber am Ende der Kaufringer Version und auch in den übrigen Fassungen wieder hergestellt.
Am ehrenhaftesten handelt Ritter Alexanders Frau, denn sie verliert weder Ehre noch Tugend, sondern erlangt am Ende sogar noch mehr davon. Sie muß nicht wie Kaufringers Mörderin rehabilitiert werden. Ritter Alexanders Frau erklärt ihre Verkleidung in plausibler Art und Weise. Nicht sie hat an Ehre eingebüßt, sondern streng genommen ihr Mann.
Die Steigerung und Wichtigkeit der Ehre von Geschichte zu Geschichte hat sicher auch etwas mit der Einordnung zu tun: Da „Aristoteles und Phyllis“ eher dem Schwank zuzuordnen ist, spielt weniger die Ehre als viel mehr die Komik eine Rolle. Im Vergleich dazu ist es die Aufgabe von „Die unschuldige Mörderin“ gemäß dem moralisch-exemplarischen Märe Ethik- und Moralvorstellungen zu vermitteln,
271 Vgl. Herrmann: Der „Gerittene Aristoteles“. S. 58.
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während „Ritter Alexander“ ganz auf die höfisch-gesellschaftliche Erbauung eingeht und dem höfisch-galanten Märe zugehörig ist.
Alle drei Frauenfiguren bedienen sich ähnlicher Listen bzw. Strategeme. Bei allen Mären konnte das Prinzip der Strategemverkettung beobachtet werden, das heißt, daß auf eine List zwangsläufig eine weitere folgt bzw. auf ihr aufbaut. Vornehmlich handelt es sich um das Simulieren einer nicht-vorhandenen Wirklichkeit (Simulationsstrategem), das gleichzeitig auch eine Dissimulation nach sich zieht, weil eine vorhandene Wirklichkeit verborgen wird. Ebenfalls bedienen sich die Frauen des Informationsstrategems, weil sie eine andere Realität vermittelten. Zusammengefaßt sieht das folgendermaßen aus: Phyllis heuchelt Aristoteles Interesse vor, verbirgt aber ihre wahren Beweggründe für das plötzliche aufgeflammte Gefühl der Leidenschaft. In Eschenbachs „Alexander“ täuscht sie zudem eine Krankheit vor. Auf diese Weise schenkt Aristoteles ihr Glauben und ist nicht in der Lage, die List zu durchschauen.
Die unschuldige Mörderin täuscht ihren Mann darüber hinweg, daß sie keine Jungfrau mehr ist und in diesem Sinne ihre Ehre bereits verloren hat. Stattdessen bedient sie sich ihrer Zofe, vertuscht damit die Wahrheit und vermittelt eine modifizierte Wirklichkeit.
In „Ritter Alexander“ kreiert die Frau ebenfalls vor Gericht eine vollkommen neue und andere Wirklichkeit vor. Zusätzlich bedienen sich sowohl die unschuldige Mörderin als auch Ritter Alexanders Frau dem hybriden Strategem, denn sie lenken beide vom eigentlichen Problem ab. Ritter Alexanders Frau gelingt das durch die Verkleidung, die Mörderin legt Feuer in der Kammer und entledigt sich auf diese Weise einer unliebsamen Zeugin ihrer verlorenen Jungfräulichkeit. Zudem kann sie ihren Gegner auch „ausmünzen“, indem sie eine sich bietende Gelegenheit spontan ausnutzt. Das ist der Fall, als sie den Wächter in den Brunnen schubst. Allen Geschichten ist gemeinsam, Identitäten zu vertuschen bzw. Wahrheiten zu verbergen. Am augenscheinlichsten ist das bei „Ritter Alexander“ durch die Verkleidungsthematik der Fall. Aber auch in „Die unschuldige Mörderin“ spielt das eine Rolle: Der Wächter schlüpft zeitweise in die Identität des Königs, die Zofe soll für die Hochzeitsnacht die Rolle der Königin spielen, und die Königin selbst gibt dadurch vor, noch Jungfrau zu sein.
Außer der Mörderin bedienen sich die Frauenfiguren beziehungssteuernder Äußerungen und Teilaussagen, die ihre jeweiligen Gegenspieler nicht durchschauen
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können. Vor allem in „Ritter Alexander“ wird diese Taktik durch das Vorzeigen der Brüste vor Gericht und die Erklärung für die Verkleidung bis zur Perfektion betrieben. Es ist dem Gericht unmöglich, das zu durchschauen, weil die Beweise, beispielsweise das Entblößen der Brüste, einfach zu eindeutig sind. Bei „Aristoteles und Phyllis“ hingegen hat der Philosoph durchaus die Gelegenheit, die List zu durchschauen, schließlich wird das beispielsweise im Benediktbeurer Fragment und in der französischen Fassung angedeutet. Da ihm die Minne aber die Sinne raubt, und Phyllis das geschickt auszunutzen weiß, kann er die List nur schwerlich durchschauen, obwohl es lediglich ein bißchen Kombination bedurft hätte. Die List gelingt, weil alle Frauen vorausschauend handeln und in der Lage sind, die Reaktion des Gegners richtig einzuschätzen. Auch hier ist „Ritter Alexander“ beispielhaft, denn der Autor beschreibt, daß die Dame vorab an Schermesser und Geld denkt. Lediglich „Die unschuldige Mörderin“ fällt ein bißchen aus dem Rahmen, denn sie handelt eher spontan als geplant. Es ist aber vollkommen klar, daß die Frauen gegenüber den Männern jeweils in überlegener Position dargestellt werden, denn deren Listen gelingen. Dort, wo Männer eine List versuchen, scheitern sie, wie beispielsweise die Königssöhne in „Ein spil von fursten und herren“, die ein Bildnis des Gelehrten malen, ihn dieses charakterisieren lassen, und der Gelehrte darauf hereinfällt. Obwohl Aristoteles sich geschickt herausredet, werden er und die Königssöhne von der Frau König Soldans eines besseren belehrt. Auch in „Die unschuldige Mörderin“ versuchen sich Männer an der List. Der Knecht ersinnt einen Plan, wie sein Herr in die Kemenate des Edelfräuleins gelangen kann. Die List gelingt bis zu dem Punkt, an dem der Ritter sich selbst verrät und deswegen sterben muß.
Die Frauen sind den Männern immer einen Schritt voraus, und es wäre sicher interessant, diese Analyse an weiteren Mären durchzuführen bzw. zu untersuchen, ob auch Männer in der Lage sind, Listen anzuwenden. Wie eingangs erwähnt, ist dieses Genre viel zu wenig auf das Listmotiv hin untersucht worden. Diese Arbeit soll ein Beitrag dafür sein, ein wenig Licht in das Dunkel der List in der mittelhochdeutschen Kleinepik zu bringen.
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ERKLÄRUNG
Hierdurch erkläre ich, daß ich meine Hausarbeit zur Erlangung des Magister / Magistra-Grades (M.A.):
Listige Frauen in der mittelhochdeutschen Kleinepik. Exemplarische Studien zu ‚Aristoteles und Phyllis’, Heinrich Kaufringers ‚Die unschuldige Mörderin’ und ‚Ritter Alexander’
selbständig ohne unerlaubte Hilfe verfaßt, ganz oder in Teilen noch nicht als Prüfungsleistung vorgelegt und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Die Stellen der Arbeit, die anderen Quellen im Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen wurden, sind durch Angabe der Herkunft kenntlich gemacht.
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Arbeit zitieren:
M.A Imke Bauer, 2005, Listige Frauen in der mittelhochdeutschen Kleinepik - Exemplarische Studien zu "Aristoteles und Phyllis", Heinrich Kaufringers "Die unschuldige Mörderin" und "Ritter Alexander", München, GRIN Verlag GmbH
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