Da aber aufgrund der anonymen Typen Prüfer und Prüfling sowie der inneren Geschlossenheit das Segment auch für sich stehen könnte, kann man es isoliert als Witz ansehen, der wie oben bereits ausgeführt in zwei Richtungen gedeutet werden kann.
Dem Prinzip des zusammenhangslosen Aneinanderreihens gemäß steht die 'Kant-Anekdote' im Rahmen der Erzählung „Tür des Monats“ vorerst unverbunden und optisch durch einen Weißraum abgehoben für sich und funktioniert auch auf dieser singularisierten Ebene. Bei einem zweiten Lesen lässt sich jedoch eine recht eindeutige Assoziation herauslesen, anhand derer ein Leser gleichsam rückwirkend die Gedankenkette des Autors zurückzuverfolgen vermag. Zwei Abschnitte vor der Anekdote beschreibt der Ich-Erzähler eine Situation im Badezimmer vor dem Spiegel stehend, als er damit beschäftigt ist, einen Pickel auf der Nase auszudrücken. Er blickt sich dabei direkt an und denkt anscheinend an Physiognomie oder Gesichtsformung. Im folgenden Abschnitt auf der selben Seite setzt der gleiche Erzähler nun ein autobiographisches Erlebnis nach, als er berichtet, er habe im Café eine Frau beobachtet, die vom Profil betrachtet sehr hübsch anzusehen war, als sie sich jedoch ihm zuwendete, erschrak er vor ihrer Frontalansicht. Daran an- und den Bericht abschließend gibt er zu, bei ihm sei es umgekehrt und seine Ansicht von vorn sei etwas erhabener. Dann folgt mit der einleitenden Benennung die „deterministische Anekdote“, worin nun der Gedankengang wiederum beeinflusst von einer Assoziation auf eine weitere Person übertragen wird. Animiert durch die eigenen Gedanken erinnert sich der Erzähler an ein vergleichbares Ereignis, legt dabei aber kein Zeugnis über seine Informationsquelle zur 'Kant-Anekdote' ab. Das verhindert somit eine konkrete Nachprüfbarkeit. Man könnte spekulativ daraus schließen, dem Autor kommt aufgrund der eigenen gedanklichen Streifzüge eher statt einer Fiktion eine Erinnerung an eine Textstelle oder Ähnliches in den Sinn.
Dafür sprechen das historisch verbürgte Personal und die hohe Wahrscheinlichkeit des Erzählten. Die Anekdote dient demnach nicht der spezifizierenden Erklärung anderer Textstellen im direkten Umfeld, sondern wird als Konsequenz des Gedankens in die fortlaufende Erzählung eingesponnen. Der nachfolgende Abschnitt, der sich sprachlich ausufernd mit der Endgültigkeit des Vergangenen und der Unmöglichkeit des Bewahrens befasst, entspringt wiederum einem neuen Gedanken. Der Leser kann rückwirkend nicht mehr nachvollziehen, wieviel Zeit zwischen dem Schreiben der einzelnen Abschnitte vergangen ist. Möglichweise wurde der nachfolgende Abschnitt erst mehrere Tage später angefügt.
Unter dem Aspekt des Komischen, wie es in 2.3. definiert wurde, kann man auch dieses Beispiel nicht zur Gattung der Anekdote zählen, da kein komischer Konflikt vorgetragen wird, der pointiert zum Abschluss kommt. Die Bezeichnung 'deterministisch' im besagten Abschnitt ist eher den vorhergehenden Überlegungen des Autors sowie der Gedankenkette des Protagonisten geschuldet. Die Benennung als Anekdote macht die Erzählung noch nicht zu einer Anekdote im gebräuchlichen Sinne, auch wenn ich anfangs gezeigt habe, dass aufgrund der Trennung von Semantik und Ausdrucksseite des Lexems heutzutage im Grunde vieles an epischer Kurzform mit lustigem bis erbaulichem Impetus als Anekdote angesehen wird, weil konkrete Bestimmungskriterien fehlen. Die Erzählung eines historischen Ereignisses muss demnach nicht immer in einer Anekdote münden, auch wenn es als ein wichtiges Merkmal die Charakterisierung einer Persönlichkeit vornimmt.
Arbeit zitieren:
Johannes Temeschinko, 2006, Die zeitgenössische Anekdote bei Kapielski, München, GRIN Verlag GmbH
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