Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Rawls Theorie der Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Fairness. 4
2. Nozicks Kritik an Rawls und die Anspruchstheorie. 8
3. Neuformulierung von Gerechtigkeit als Fairness in Politischer Liberalismus 12
4. Kann die Neuformulierung Nozicks Kritik widerlegen? 15
Literatur. 19
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0. Einleitung
Als John Rawls 1971 sein Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (A Theory of Justice, TdG) veröffentlichte, war dies ein Meilenstein für die Politische Philosophie und die Diskussion um die Kriterien der Gerechtigkeit. Das Werk wird als das bedeutendste und tiefgreifendste seit dem Schaffen John Stuart Mills angesehen. Robert Nozick behauptete sogar, dass jeder Theoretiker in der Politischen Philosophie danach entweder in der Theorie John Rawls’ arbeiten oder zumindest erklären muss, warum er das nicht tut. 1
Rawls legt mit seiner Theorie ein Konzept vor, das sich zunächst v.a. als ein Gegenkonzept zum damals vorherrschenden Utilitarismus versteht. Rawls ist es ein Dorn im Auge, zu sehen, dass der Utilitarismus als Folge seiner zentralen Forderung nach dem „größten Glück, der größten Zahl“ 2 akzeptieren muss, dass eine Gesellschaft als gerecht und wünschenswert gilt in der die am besten Gestellten unter Umständen auf Kosten der weniger gut Gestellten noch besser gestellt werden, wenn dadurch der Gesamtnutzen gesteigert werden kann. Rawls vertritt daher in seiner eigenen Konzeption einer gerechten Gesellschaft eine Form des Egalitarismus, der solche Ungleichheiten auf ein erträgliches Maß reduzieren soll. Rawls versteht die Gerechtigkeit als erste Tugend sozialer Institutionen 3 und stellt ein Argument vor, das helfen soll diese Tugend zu finden und umzusetzen. Das Argument wurde bekannt als Gerechtigkeit als Fairness (Justice as Fairness, GaF). Es nimmt den Gedanken des klassischen Gesellschaftsvertrags in der Tradition Thomas Hobbes’ 4 , John Lockes, Jean-Jacques Rousseaus 5 oder Immanuel Kants wieder auf und erweitert ihn um eine hypothetische Komponente. Bei Rawls gilt diejenige Gesellschaftsstruktur als gerecht, die in einem Gedankenexperiment hinter dem so genannten Schleier des Nichtwissens (Veil of Ignorance) von den Bürgern dieser Gesellschaft als gerecht angesehen wird. Rawls bezieht sich dabei auf die gesamte sozioökonomische Grundstruktur (Basic Structure) einer Gesellschaft. Die Bürger unter dem Schleier des Nichtwissens wissen nichts über ihre wirkliche Position in der Gesellschaft und über den Umfang der jeweiligen gesellschaftlichen
1 Nozick (1974), 183. Vgl. auch Pies (1996).
2 Diese Maxime des Utilitarismus geht zurück auf Jeremy Bentham und wurde dann von John Stuart Mill weiterentwickelt. Vgl. Mill (1998), 136ff. 3 Rawls (1999), 3. 4 Hobbes (1970), insbes. 118-129, 14. Kap. 5 Rousseau (2001), insbes. 46-64, Livre I.
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Gruppierungen. Daher entscheiden sie nach dem Maximin-Prinzip, was dazu führt, dass sie sich auf eine Gerechtigkeitskonzeption einigen, die die Förderung des Wohls der am schlechtesten Gestellten fordert und dieser Gruppe ein Auskommen garantiert. Konkret einigen sich die Akteure in Rawls Gedankenexperiment auf zwei Gerechtigkeitsprinzipien:
Das erste Prinzip besagt, jedermann soll ein gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen vereinbar ist.
Das zweite Prinzip besagt, soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen. 6 Das erste Prinzip scheint intuitiv eingängig und wenig widersprüchlich zu sein. Das zweite Prinzip allerdings, das üblicherweise als das Differenzprinzip bezeichnet wird, hat heftige Diskussionen ausgelöst. Einer der bekanntesten Kritiker dieses Prinzips und der Rawls’schen Konzeption im Allgemeinen war Robert Nozick mit seinem Werk „Anarchy, State and Utopia“. Nozick vertritt eine so genannte libertäre Philosophie, die eine radikale Form des europäischen Verständnisses des Liberalismus darstellt. 7 In Bezug auf die Gerechtigkeitsvorstellungen kritisiert Nozick Rawls in der Weise, dass er ihm eine Inkonsistenz seiner Theorie und seiner Gerechtigkeitsprinzipien vorwirft, weil sich diese auf die Grundstruktur beziehen. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Gerechtigkeitskonzeptionen. Auf der einen Seite sieht er Ergebnis- oder Strukturprinzipien und auf der anderen Seite historische Prinzipien (end-result or end-state principles and historical principles). Ergebnis-oder Strukturprinzipien zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der Verteilung von Gütern und Rechten in einer Gesellschaft von beliebi-
6 Vgl.Rawls (1999), 53.
7 Liberalismus wird diesseits und jenseits des Atlantiks in verschiedenen Bedeutungen verwandt. In Amerika wird das Wort von der Rechten genutzt, um eine Konzeption zu geißeln, die großen Wert auf ökonomische und soziale Gleichheit setzt. Dies entspricht in etwa dem Verständnis der europäischen Sozialdemokratie. In Europa wird Wort gerne von der Linken benutzt, um dem politischen Gegner eine Gesellschaftskonzeption anzudichten, die nur auf eine Laissez-faire-Marktwirtschaft abzielt und die Notwendigkeit von Staatshandeln und -interventionen verneint oder zumindest einschränkt. Meist wird das Wort in dieser Intention noch mit dem Zusatz „Neo-“ oder „Ultra-“ versehen. Vgl. u.a. Nagel (2003), 62f, von Mises (1985), 1-17 (Introduction), Berlin (1995), 197-257 oder auch aus jüngster Zeit di Fabio (2005), 79ff.
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gen natürlichen Kriterien (natural dimensions) abhängig machen. 8 Rawls Gerechtigkeitsprinzipien müssen als strukturiert angesehen werden. Dem entgegen setzt Nozick die historischen Prinzipien und seine Anspruchtheorie (entitlement theory). Historische Prinzipien tragen dem Bedürfnis Rechnung, dass die Gerechtigkeit einer Verteilung auch von den Umständen abhängt, die zu dieser Verteilung geführt haben. Strukturierte Prinzipien kommen einer solchen Forderung nicht nach, da sie nur die Verteilung zu einem Zeitpunkt betrachten. 9 Warum dies problematisch ist und warum dies zu einem Widerspruch in Rawls Theorie führt, zeigt Nozick u.a. am berühmten Wilt-Chamberlain-Beispiel. Er zeigt hier, dass eine strukturierte Verteilung nicht aufrechterhalten werden kann, wenn gleichzeitig den Akteuren die Freiheit gewährt werden soll, freiwillige Tauschakte vollziehen zu dürfen. Diese zerstören nämlich die Struktur und würden eine permanente (staatliche) Intervention nach sich ziehen, um sie aufrechtzuerhalten. Nozick zeigt also einen Widerspruch zwischen Freiheit und strukturierten Gerechtigkeitsprinzipien auf, den er Rawls vorwirft. Rawls hat zeitlebens versucht Kritik in seine Theorie aufzunehmen und zu entkräften. 1993 veröffentlichte er sein Werk „Politischer Liberalismus“ (Political Liberalism, PL) in dem er versucht eine politische Konzeption der Gerechtigkeit auf Basis seiner in TdG geäußerten Ideen und der geäußerten Kritik, zu entwerfen. Rawls folgt hierbei der Leitfrage, wie es möglich sei, dass es eine durch die Zeit stabile Gesellschaft freier und gleicher Bürger gibt, die trotzdem tief gespalten bleiben in Bezug auf ihre vernünftigen religiösen, philosophischen oder moralischen Doktrinen? Er stellt fest, dass es in einer liberalen Gesellschaft immer einen vernünftigen Wertepluralismus geben wird, der verhindert, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen auf eine einzige richtige Gerechtigkeitskonzeption einigen werden. Was er in diesem Werk versucht, ist einen Weg aufzuzeigen, wie die Bürger einer Gesellschaft eine politische Konzeption der Gerechtigkeit aufstellen können, um so stabile gesellschaftliche Kooperation zu gewährleisten. Er glaubt, dass das Argument der GaF und die dadurch bestimmten zwei Gerechtigkeitsprinzipien eine solche politische Konzeption darstellen können.
8 Als natürliche Kriterien können etwa „moralischer Verdienst“ (moral merit), „Nützlichkeit“ (usefulness to society), „Bedürftigkeit“ (neediness) o.ä. angesehen werden Eine Verteilung die entsprechend solcher Kriterien erfolgt wird von Nozick als „strukturiert“ (patterned) und ein Gerechtigkeitsprinzip, das eine solche Strukturierung fordert als „strukturiertes Prinzip“ (patterned principle) bezeichnet.Vgl. Nozick (1974), 156f.
9 Teilweise betrachten solche Prinzipien auch aufeinander folgende Zustände. Dies ändert aber laut Nozick nichts an der Tatsache, dass immer nur auf die Verteilung zu einem Zeitpunkt geschaut wird.
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Die Frage, der ich in dieser Arbeit nachgehen möchte ist, ob die Neuformulierung der Theorie und die Einbettung der Gerechtigkeitsprinzipien - insbesondere des Differenzprinzips - in diese Theorie die von Nozick aufgeworfene Kritik an der Theorie und seinen Gerechtigkeitsprinzipien überwindet. Gelingt es Rawls durch die Neuformulierung seiner Theorie als politische Konzeption den Vorwurf des internen Widerspruchs zurückzuweisen oder bleibt Nozicks Kritik an der TdG auch für die in PL vertretene Version bestehen?
Um diese Frage zu beantworten werde ich zunächst noch einmal die relevanten Teile der schon kurz skizzierte Theorie von Rawls in der TdG nachzeichnen und vertiefen, um daran die Kritik von Nozick anzuschließen. Daraufhin werde ich detailliert die Neuerungen in Rawls Theorie in PL darstellen, um in einer darauf folgenden kritischen Diskussion die aufgeworfene Frage zu erörtern und zu beantworten versuchen.
1. Rawls Theorie der Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Fairness
Rawls geht davon aus, dass Gerechtigkeit die wichtigste Tugend sozialer Institutionen ist. 10 Als Mittel um diese Tugend zu finden und umsetzen zu können bedient er sich der Konzeption des Gesellschaftsvertrages. Rawls stellt sich die Frage, welchen Gesellschaftsvertrag, d.h. welches sozioökonomische Arrangement, welche sozialen Institutionen und welche Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten oder in seiner Terminologie: welche Grundstruktur wir wählen und wie wir sie gestalten würden, wenn wir uns frei und ohne spezielle Interessen für sie entscheiden könnten. Die Situation unter der der Vertrag geschlossen wird ist eine fiktive Entscheidungssituation, die als Urzustand oder Originale Position (original position) bezeichnet wird. Sie ist eine rein hypothetische Situation, die so beschaffen ist, dass sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt. 11
Damit in diesem Urzustand eine von jedweden Interessen und Parteilichkeiten unbeeinflusste Entscheidung getroffen werden kann, führt Rawls den Schleier des Nichtwissens ein. Dieser blendet Wissen über eigene Fähigkeiten, oder Eigenschaften aus, genauso wie den sozialen Status und Detailwissen über die betroffene Gesellschaft. So befinden sich alle in der gleichen Lage und die Grundsätze entstehen aus einer fairen
10 Vgl. Rawls (1999), 3.
11 Vgl. Rawls (1999), 15ff.
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Übereinkunft. 12 „Vor allem kennt niemand weder seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen sozialen Status, seine Begünstigungen bei der Verteilung natürlicher Fähigkeiten, seine Intelligenz und körperliche Stärke oder dergleichen.“ 13 Dass es Klassen und Status in der Gesellschaft gibt, wissen die Akteure. Außerdem haben sie eine Vorstellung vom Guten, „sie verstehen politische Fragen und die Grundzüge der Wirt-schaftstheorie, ebenso die Grundfragen der gesellschaftlichen Organisation und die Gesetze der Psychologie des Menschen.“ 14 Durch den Schleier sind die Parteien gezwungen frei von persönlichen und sozialen Lebensumständen zu entscheiden. 15 Sie wissen zwar, wie sich die verschiedenen Entscheidungen auf die unterschiedlichen Gruppierungen einer Gesellschaft auswirken und inwieweit deren persönliche Interessen erfüllt werden, sie wissen aber nicht, welcher Gruppierung sie selbst angehören und in welchen Proportionen die einzelnen Gruppen vorhanden sind. Da ein solches Arrangement der Entscheidungssituation als fair angesehen wird, weil jeder dieselben Voraussetzungen hat und über dieselbe Verhandlungsmacht verfügt, wird das Argument Gerechtigkeit als Fairness genannt.
In der Originalen Position werden die Gerechtigkeitsgrundsätze gefunden. 16 Die Akteure in der Originalen Position werden als vernünftig angesehen. 17 Die Menschen wissen, dass sie einen rationalen Lebensplan (rational plan of life) verfolgen, haben allerdings keine Informationen darüber, welche Gerechtigkeitsprinzipien für diesen speziellen Lebensplan förderlich wären. 18 Um dennoch eine vernünftige Entscheidung treffen zu können, müssen die Akteure um Ziele oder Güter wissen, die sie bei der Entscheidung über die Gerechtigkeitsgrundsätze berücksichtigen können. Dies sind die Grundgüter (Primary Goods), von denen Rawls annimmt, dass sie für die Erreichung jedes rationalen Lebensplans notwendig sind und an denen demnach jedermann interes-
12 Vgl.Rawls (1993), 15ff.
13 Rawls (1999), 118 (eigene Übersetzung, J.V., Übersetzungen in dieser Arbeit wurden teilweise in enger Anlehnung an die Übersetzung in der deutschen Ausgabe des jeweiligen Werkes gemacht und sind als Übersetzung gekennzeichnet). 14 Rawls (1999), 119 (Übersetzung). 15 Vgl. Hinsch (1992), 11.
16 Die Originale Position oder der Urzustand unterscheidet sich bei Rawls vom Naturzustand, wie man ihn bei Locke oder Hobbes findet. Sowohl Ur- als auch Naturzustand sind Ausgangssituationen für einen späteren vergesellschafteten Zustand, jedoch besitzen die Menschen im Naturzustand anfängliche Ressourcen, natürliche Fähigkeiten oder körperliche Stärke in Rawls Urzustand wird dies durch den Schleier des Nichtwissens ausgeschlossen. Vgl. Kymlicka (1996), 66. Darüber hinaus ist der Urzustand hypothetischer und der Naturzustand logischer Natur. 17 Der Begriff wird so verstanden, wie es üblicherweise auch in der Ökonomie getan wird, nämlich dass der Akteure über eine gewissen Ansprüchen genügenden Präferenzrelation verfügt (v.a. Transitivität) und danach effektive Zweck-Mittel-Beziehungen ableitet. Außerdem verfügt der Akteur nicht über eine übermäßige Risikoabneigung, über Neid oder Beherrschungswillen. Vgl. Rawls (2001), 87 und Rawls (1999), 123ff. 18 Vgl. Rawls (1999), 123.
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siert ist. 19 Hierzu gehören Sicherheiten, aber auch Lebens- und Zukunftschancen, die durch die Grundstruktur bestimmt werden. 20 Wenn sie über die Gerechtigkeitsgrundsätze entscheiden, versuchen sie sich einen größtmöglichen Anteil an den Grundgütern zu sichern.
Die vertragliche Einigung erfolgt aufgrund rationaler Interessenabwägung. 21 Eine Entscheidung nach dem Maximin-Prinzip erscheint Rawls danach am vernünftigsten. Bei einer solchen Strategie wird versucht die minimale Auszahlung zu maximieren. D.h. die Versorgung mit Grundgütern der am schlechtesten gestellten Gruppe wird zu maximieren versucht. 22 Um bei der Verteilung der Grundgüter nicht zu schlecht abzuschneiden, würden die Akteure im Urzustand das Differenzprinzip wählen, nachdem sie sich auch in der schlechtestgestellten Gruppierung einen großen Anteil sichern könnten. 23
Welches sind die Gerechtigkeitsgrundsätze auf die sich die Akteure nach Rawls aus der Originalen Position heraus einigen würden? Wie schon erwähnt einigen sich die Akteure im Urzustand auf zwei Gerechtigkeitsgrundsätze. Das erste ist ein Grundsatz der rechtlich-politischen Gerechtigkeit 24 und lautet: „Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.“ 25 Gefordert wird also zum einen eine gleiche Verteilung von Grundfreiheiten und politischen Rechten, sowie zum anderen das größtmögliche Maß dieser Freiheiten und Rechte das für alle gleichermaßen denkbar ist. 26 Dabei
19 Rawls (1999), 78ff oder auch Hinsch (1992), 11.
20 Kersting (1993), 42f.
21 Da auch das Wissen über die Proportionen einzelner gesellschaftlicher Gruppen ausgeschlossen ist, wird die Entscheidung nicht nach dem Prinzip des Maximalen Erwartungswerts gefällt. Der Erwartungswert E wäre die Summe der Anteile der zu verteilenden Grundgüter x der gesellschaftlichen Gruppierung i multipliziert mit der jeweiligen Wahrscheinlichkeit (Anteil an Gesamtpopulation) p, E = ∑x i *p i . Da aber keine Aussage über p i gemacht werden kann, weil dieses Wissen durch den Schleier des Nichtwissens ausgeschlossen ist, kann E nicht berechnet und damit auch nicht maximiert werden. Dies würde sich natürlich sofort ändern, würde man hinter dem Schleier des Nichtwissens zulassen, dass Bevölkerungsproportionen in das Entscheidungskalkül einfließen können.
22 Die Wahl des Maximinprinzips ist nicht unbedingt für jeden intuitiv nachvollziehbar. Für viele Menschen erscheint es sinnvoller die Gesamtsumme der Grundgüter zu maximieren, da die Wahrscheinlichkeit zur Gruppe der am schlechtesten Gestellten zu gehören vermutlich eher als gering eingeschätzt werden muss. Eine solche Strategie würde aus Rawls aber einen Utilitaristen machen, wogegen dieser sich ja gerade verwehren möchte. Die Wahl des Maxminprinzips als Entscheidungsgrundlage macht deshalb auch nur Sinn mit der Annahme des Nichtwissens um p i,, vgl. Fußnote 21. Die Konzeption Rawls’ ist an dieser Stelle zwar folgerichtig aus den Annahmen abgeleitet, doch wird hier sehr gut deutlich, dass die Annahmen genau so gewählt wurden, wie sie seinem Ziel und der Wahl der von ihm favorisierten Gerechtigkeitsgrundsätze zugute kommen. 23 Vgl. Kymlicka (1996), 69ff. 24 Vgl. Kersting (1993), 50. 25 Rawls (1999), 53, (Übersetzung).
26 Rawls fordert hier also das Höchstmaß an Freiheiten das möglich ist, ohne die Freiheiten eines anderen einzuschränken. Diese Forderung deckt sich mit der von Robert Nozick, der in einem Beispiel ganz gut die Grenzen der Freiheit aufzeigt. Ich habe nämlich unbestritten das Recht mir die Freiheit zu nehmen mit meinem Messer zu tun und zu
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geht es z.B. um politische Wahl- und Partizipationsrechte, Rede- und Versammlungsfreiheit, die fundamentalen Menschenrechte, das Recht auf persönliches Eigentum, um körperliche Unversehrtheit und um Sicherheit. 27
Das zweite Gerechtigkeitsprinzip ist ein Grundsatz der sozioökonomischen Gerechtigkeit 28 , es lautet: „Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.“ 29 Dieses so genannte „Differenzprinzip ist ein Erlaubniskriterium für sozioökonomische Ungleichheit.“ 30
Sozioökonomische Ungleichheit ist also dann gerechtfertigt, wenn sie nicht nur dem Vorteil desjenigen dienen, der den größeren Anteil bekommt, sondern allen und insbesondere den am schlechtesten Gestellten. Nach Rawls hat niemand seine Fähigkeiten oder komfortablere Ausgangsbedingungen verdient, sondern verfügt zufällig über sie. 31 D.h. dass die unterschiedliche natürliche Ausstattung nicht übersehen werden darf und sie in die Überlegungen mit einzubeziehen sind. Die Grundstruktur sollte wegen der Unterschiede so gestaltet sein, dass sie den am wenigsten Begünstigten (least fortunate) zugute kommen. 32 Niemand verdient Vorteile auf Grund natürlicher Begabungen oder Begebenheiten. Nach dem Differenzprinzip gilt die Verteilung der Grundgüter aber dann als gerecht, wenn, wenn sie auch denen zugute kommen, die schlechter gestellt sind. 33
Zusammenfassen lassen sich die Prinzipien damit so:
Alle Primärgüter der Gesellschaft - Freiheit und Möglichkeiten, Einkommen und Reichtum, und die Grundlagen der Selbstachtung - sollen gleich verteilt sein, wenn nicht eine ungleiche Verteilung eines oder aller dieser Güter zum Vorteil der Benachteiligten ist.
lassen was ich will, ausgenommen es in die Brust eines anderen Menschen zu stechen, da dies seine Rechte und Freiheiten einschränkt. 27 Vgl. Kersting (1993), 51. 28 Vgl. Kersting (1993), 51. 29 Rawls (1999), 53, (Übersetzung). 30 Kersting (1993), 57. 31 Vgl. Rawls (1999), 87. 32 Vgl. Rawls (1999), 87. 33 Vgl. Kymlicka (1996), 62.
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2. Nozicks Kritik an Rawls und die Anspruchstheorie
Mit seiner Theorie bringt Robert Nozick einige Argumente ins Feld gegen das Gerechtigkeitsverständnis und die Theorie von John Rawls. Seine Konzeption beruht auf dem Prinzip, dass alle Menschen absolute Rechte über ihre Person und die Früchte ihrer Arbeit haben. Er stellt zwei Theoriesysteme über die Gerechtigkeit gegenüber: historische Theorien, wie seine eigene Anspruchstheorie, die auf einem Prozess der Aneignung (acquisition) und Weitergabe (transfer) von Gütern beruht, sowie Ergebnis- oder Strukturtheorien, die auf der gegenwärtigen Güterverteilung beruhen. Rawls Theorie gehört zu dieser letzten Art von Theorien.
Die Anspruchstheorie fußt auf der Idee, dass nur freiwillige Transaktionen die Menschen als Gleiche, d.h. als Zwecke an sich respektieren. Die Anspruchstheorie besagt, dass eine Verteilung gerecht ist, wenn sie aus einer gerechten Aneignung oder durch freiwillige Weitergabe und Übertragung durch Handel, Geschenk oder Vermächtnis aus einer vorhergehenden gerechten Verteilung resultiert. Nozick schlägt vor, dass zum Ersten eine Person die einen Besitz (holding) in Übereinstimmung mit dem Gerechtigkeitsprinzip der Aneignung (just principle in acqusistion) erlangt, zu diesem Besitz berechtigt (entitled) ist, also einen Anspruch darauf hat. Zum Zweiten ist eine Person, die einen Besitz in Übereinstimmung mit dem Gerechtigkeitsprinzip der Übertragung (just principle in transfer) von einer dazu berechtigten Person übertragen bekommt, zu diesem Besitz berechtigt. Zum Dritten ist niemand zu einem Besitz berechtigt, es sei denn durch die wiederholte Anwendung der ersten beiden Prinzipien. Sollte eine Verteilung nicht durch die ersten beiden Prinzipien zustande gekommen sein, muss sie wiederhergestellt werden zu der Verteilung, die danach entstanden wäre. Das dritte Prinzip verlangt also eine Wiedergutmachung (rectification principle). Wenn die gegenwärtigen Besitztümer gerecht angeeignet wurden, bestimmt das Übertragungsprinzip allein, ob eine daraus folgende Verteilung gerecht ist oder nicht. Folglich ist auch jede Umverteilung, die über die Forderungen des Wiedergutmachungsprinzips hinausgeht ungerecht. Um diese Theorie zu verteidigen und um zu zeigen, dass jede nicht-historische Gerechtigkeitstheorie, also Ergebnis- und Strukturtheorien wie die von Rawls, eine logische Widersprüchlichkeit enthalten, führt Nozick das Wilt-Chamberlain-Beispiel an.
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Dieses Beispiel zeigt intuitiv, dass keine strukturierte Theorie über gerechte Verteilungen haltbar ist, wenn man gleichzeitig der Freiheit einen Wert beimisst: Jede Verteilung die aus dem freien Austausch zwischen Personen, die zu ihren Besitztümern berechtigt sind, resultiert muss gerecht sein. Aber freier Austausch wird immer wieder favorisierte Verteilungsmuster (pattern of distribution) stören. Wenn wir legitimerweise etwas erworben haben, dann können wird darüber verfügen, wie wir wollen, welches Verteilungsmuster auch immer daraus resultiert. 34 Und obwohl einige Ergebnisse vielleicht weniger wünschenswert sein mögen, als andere, so sind sie nach Nozick nicht ungerecht.
Das Wilt-Chamberlain-Argument stellt sich in formalisierter Form so dar: 35 Sei V 1 eine Verteilung gemäß der favorisierten Struktur für die Gesellschaft G, a.
in der jede Person über R n Besitztümer verfügt. G soll über eine Million Mitglieder verfügen. b. Wenn V 1 gerecht ist, dann ist jeder zu R n berechtigt. c. Wenn jeder zu R n berechtigt ist, dann kann jeder nach Belieben über R n verfügen. d. Wilt Chamberlain ist ein Mitglied von G. e. Also besitzt Wilt Chamberlain R n . f. Angenommen jeder in G überträgt freiwillig 0,25 € von R n an Wilt Chamberlain. g. In der daraus folgenden Verteilung V 2 hat Wilt Chamberlain 250.000 € + R n und alle andern Mitglieder R n - 0,25 €. h. V 2 ist aber kein Vielfaches von V 1 und entspricht somit nicht mehr der favorisierten Struktur. i. Aber V 2 entstand aus einer gerechten Anfangsverteilung und zusätzlich freiwilligem Austausch. j. V 2 ist also gerecht, verletzt aber die Struktur, die V 1 bestimmte. 36
34 An dieser Stelle wird deutlich, dass Nozick nicht nur von absoluten, sondern auch von vollständigen Eigentumsrechten ausgeht. D.h. von Eigentumsrechten, die nicht nur den Gebrauch (usus), die Veränderung (abusus) und die Aneignung von Gewinnen (usus fructus) beinhalten, sondern auch das Recht zur freien und uneingeschränkten Veräußerung. Das ist aus seiner Perspektive nur folgerichtig, aber nicht allgemein üblich und gerade im Vergleich mit Rawls nicht unumstritten. Vgl. zu den unterschiedlichen Ausprägungen von Eigentums- oder Verfügungsrechten im ökonomischen oder rechtlichen Bereich Erlei/Leschke/Sauerland (1999), 271ff. 35 Diese Darstellung lehnt sich sehr eng an die Darstellung von Johnson (n/v) an.
36 Nozick nimmt für dieses Argument die Existenz von absoluten Eigentumsrechten an. Dies wird z.B. in Punkt c. deutlich. Absolute Eigentumsrechte werden aber nicht durchgängig anerkannt. Bei Rawls sind Eigentumsrechte beispielsweise das Ergebnis des Gesellschaftsvertrags, nicht dessen Voraussetzung. Wie verteidigt Nozick diese Annahme absoluter Eigentumsrechte? Das Gerechtigkeitsprinzip der Aneignung besagt, dass eine Akquisition gerecht ist, wenn der jeweilige Gegenstand vorher keinen Eigentümer hatte und die Akquisition genug hinterlässt, um die Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Das Gerechtigkeitsprinzip der Übertragung soll freiwillig eingegangene Verträge schützen und gleichzeitig Diebstahl, Betrug usw. verhindern. D.h. ein Besitztum ist dann als gerecht anzusehen, wenn es durch eine legitime Transaktion von jemandem, der es ebenfalls durch eine legitime Transaktion oder Akquisition erlangt hat, in den Besitz kam. Diese Theorie fußt dabei auf dem Locke’schen Diktum, dass eine Person sich notwendigerweise selbst besitzt und dadurch indem sie ihre Arbeit mit der materiellen Welt vermengt, Eigentum an dieser materiellen Welt erwerben kann. Diese Argumentationsschritte werden in dem bekannten Locke’schen Proviso begangen. Vgl. Nozick (1974), 174-182. Was Nozick hierbei wichtig erscheint, ist dass durch das vermengen der Arbeit mit der materiellen Welt deren Wert (zumindest eines Teiles davon) erhöht wird. Unter solchen Umständen kann also Selbsteigentum, Eigentum an Teilen der materiellen Welt hervorbringen. Nach Nozick bedeutet das Proviso, dass a) vorher unbesessene Gegenstände von demjenigen besessen werden, der ihn verbessert, und dass b)
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Die Konklusion aus dieser logischen Deduktion ist, dass bei freiem Austausch eine als gerecht angesehene Struktur normalerweise nicht aufrechterhalten werden kann bzw. dass es als ungerecht angesehen werden muss, wenn man versucht eine Struktur zu erhalten und dadurch den freien Austausch unterbindet oder rückgängig macht. Das Recht, dass andere nicht in das Leben einer Person eingreifen ist für Nozick fundamental. Jeder Zwang ist für ihn nicht zu rechtfertigen. Personen werden als Träger natürlicher Rechte aufgefasst, die der Gesellschaft vorausgehen und die berücksichtigt werden müssen, will man die Menschen als Zweck an sich und nicht als bloße Mittel zum Zweck der Erreichung der Ziele anderer ansehen. Daraus folgt, dass auch nur die Person selbst legitimerweise entscheiden kann, was aus ihren Talenten, Fähigkeiten und deren Produkten geschehen soll.
Wenn also bestimmt werden kann, welche Person zu welchem Gegenstand berechtig ist, dann kann diese Person den Gegenstand übertragen an wen immer sie möchte. Solange dies freiwillig geschieht sieht Nozick auch keinen (auf Gerechtigkeitserwägungen beruhenden) Grund dafür, dass sich die Gesellschaft darum sorgt, wie die schlechter Gestellten dabei abschneiden.
Nozicks Anspruchstheorie ist historisch und unstrukturiert. Sie verlangt nicht, dass die Verteilung der Besitztümer mit irgendeinem natürlichen Kriterium wie moralischem Verdienst, Bedürfnis oder Nützlichkeit für die Gesellschaft korreliert ist. Jede Verteilung ist als gerecht anzusehen, die durch die Anwendung der Prinzipien der gerechten Aneignung, Übertragung oder Wiedergutmachung zustande kam. Dagegen ist Rawls’ Theorie eine Endzustandstheorie. Die Wahl der Prinzipien hinter dem Schleier des Nichtwissens basiert auf der Schätzung womit jeder Akteur unter dem jeweiligen Prinzip rechnen kann. Das womit der Akteur rechnen kann, ist aber ein Endzustand. Insofern müssen die Prinzipien, die in Rawls Argument gewählt werden, Endzustandsprinzipien sein. 37 D.h. wenn irgendeine historische Anspruchstheorie korrekt ist, muss die Theorie von Rawls falsch sein. 38
eine Aneignung dann und nur dann gerecht ist, wenn der Zustand der anderen durch die Aneignung nicht schlechter ist, als wenn der Gegenstand unbesessen oder Gemeineigentum wäre. 37 Vgl. Nozick (1974), 202.
38 Nozick selbst hat keine Anspruchstheorie geliefert, die als umfassend und korrekt angesehen werden könnte. Er liefert nur einen Ansatz und das Skelett einer solchen Theorie, das sich auf eine gewisse Plausibilität stützen kann. Als Verteidigung von Rawls gegen dieses Argument bleibt diesem aber einzig und allein die Möglichkeit zu zeigen, dass keine der möglichen historischen Anspruchstheorien korrekt sein kann. Dies liefert somit schon einen Ansatzpunkt für die Beantwortung der in dieser Arbeit gestellten Frage. Wenn es Rawls nicht gelingt mit der Neuformulie-
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Rawls kritisiert einige Aspekte an Nozicks Theorien. Vor allem kritisiert er den historischen Ansatz. Die aus solchen Prinzipien - wie Nozick sie vertritt - resultierende Verteilung von Reichtum und Wohlstand sei das kumulierte Ergebnis früherer natürlicher Talente und deren Nutzung. Unter dem Schleier des Nichtwissens blendet er nicht umsonst das Wissen über die Ausstattung mit natürlichen Talenten aus. Eine gerechte Verteilung von solchen in moralischer Hinsicht zufälligen Faktoren abhängig zu machen, scheint Rawls ungerecht. Für Nozick bedeutet diese Argumentation aber, dass jeder Unterschied zwischen den Menschen als in moralischer Hinsicht zufällig angesehen werden muss. Auf dieser Basis lässt sich aber kein Verteilungssystem entwickeln, das keinem inakzeptablen Ergebnis- oder Strukturprinzip folgt. Darüber hinaus glaubt er nicht, dass jemand seine Talente verdient hat oder nicht, bzw. spricht er einem solchen Verdienst jeden Einfluss auf die Gerechtigkeit einer Situation ab. „Ob die Menschen über natürliche Talente verfügen, die von einem moralischen Standpunkt aus zufällig sind oder nicht, sie sind berechtigt über diese zu verfügen und zu dem, was daraus resultiert.“ 39
Auch von anderen Autoren wurde Nozick kritisiert. U.a. wurde ihm vorgeworfen im Wilt-Chamberlain-Beispiel zu vernachlässigen, dass Preise, die im Markt zustande kommen Knappheiten repräsentieren und durch Änderungen in den Knappheiten (und dadurch in den Preisen) erworbener Gewinn (Spekulation) nicht automatisch auch als legitime Aneignung verstanden werden kann. 40 Was in meinem Zusammenhang wichtiger erscheint ist der Vorwurf in der Diskussion um das Wilt-Chamberlain-Beispiel einen Tertium-Non-Datur-Argumentationsfehler begangen zu haben. 41 Nozick zeigt mit dem Beispiel, dass strukturierte Prinzipien um die Struktur zu erhalten permanente Intervention nach sich ziehen und schließt daraus, dass allein historische Prinzipien den Menschen die Freiheit belassen. Er berücksichtigt in seiner Diskussion aber - zumindest nach Wolfgang Kersting - nur unzureichend Prinzipien, die eine Mischung aus historischen und strukturierten Prinzipien darstellen. Er versucht diesem Einwand zwar von vornherein zu begegnen, indem er alle Prinzipien, die eine Strukturkomponente aufwei-
rungseiner Theorie zu zeigen, dass alle historischen Anspruchstheorien nicht korrekt sind, dann bleibt die Kritik Nozicks an Rawls gültig. 39 Nozick (1974), 225 (Übersetzung) 40 Vgl. Fried (1995). 41 Kersting (1993), 178ff.
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sen als strukturiertes Prinzip auffasst, dies gelingt ihm aber nicht zweifelsfrei. 42 Es bleibt also die Möglichkeit einer dritten Variante zu untersuchen.
3. Neuformulierung von Gerechtigkeit als Fairness in Politischer
Liberalismus
Rawls hat seit der Veröffentlichung der TdG seine Theorie und seine Argumente ständig weiterentwickelt und an verschiedene Kritik angepasst. Dabei musste er unter anderem auch feststellen, dass die Art von Stabilität, die in einer liberalen Demokratie benötigt würde, nicht mit der die er in TdG beschreibt kompatibel ist. Eine Gesellschaft mit liberalen demokratischen Institutionen ist nämlich grundsätzlich durch einen Werte-und Meinungspluralismus geprägt. 43 Seine Theorie und die Gerechtigkeitsprinzipien würden diesem Pluralismus nur eine weitere Meinung hinzufügen, die von sich behaupten würde, allen andern Meinungen oder Doktrinen argumentativ überlegen zu sein. 44 Eine solche Konzeption unter vielen ist aber auch nicht in der Lage eine vernünftige Grundlage für die Stabilität einer ganzen Gesellschaft zu bieten. In diesem Zusammenhang führt Rawls auch die für PL grundlegende Unterscheidung zwischen umfassenden (comprehensive doctrine) und politischen Doktrinen (political doctrine) oder Konzeptionen ein. Eine umfassende Doktrin zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf viele Gegenständen anwendbar ist und „wenn sie Konzeptionen darüber einschließt, was im menschlichen Leben von Wert ist genauso wie darüber was persönliche Tugend und Charakter sind, die große Teile unseres nicht-politischen Verhalten bestimmen […].“ 45 Eine politische Doktrin hingegen ist nur auf einen einzigen Gegenstand anwendbar. Sie
42 Vgl. Nozick (1974), 155. Ob diese Zusammenfassung aller strukturierten Theorien so einfach möglich ist, ist fraglich. Aus Nozicks Sichtweise heraus ist es zwar konsistent, weil er seine Theorie auf die Annahme bestimmter absoluter Menschenrechte stützt, wie das Recht auf Selbsteigentum. Da er diese Menschenrechte aber nicht näher begründet, sondern nur mit einem vagen Verweis auf John Locke einführt, können hier berechtigte Zweifel an der Gültigkeit dieses Schlusses aufkommen.
43 Rawls stellt fest, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft zwangsläufig ein Wertepluralismus entstehen wird. Wenn ein solcher nicht entstehen soll, muss eine staatliche oder sonstige Gewalt das Auftreten neuer Ideen verhindern. Eine solche Gewalt wäre aber nicht mit einer freiheitlichen Gesellschaft kompatibel. In dieser Argumentation zeigt sich eine interessante Parallelität zur Argumentation Nozicks, wenn dieser zeigt, dass Freiheit (d.h. die Möglichkeit freien Austauschs von Gütern und Rechten) und strukturierte Prinzipien sich gegenseitig ausschließen. Die logische Struktur beider Argumentationen ist dieselbe: Wer Freiheit will, kann nicht gleichzeitig gleich bleibende Güter- (Nozick) oder Meinungsverteilungen (Rawls) haben, da die Handlungs- und Meinungsfreiheit zusammen mit der Verschiedenheit der Menschen und ihrer Bedürfnisse diese mit der Zeit zerstören würden.
44 Ursprünglich hat Rawls die TdG mit der Intention geschrieben eine bessere Alternative zur seinerzeit vorherrschenden utilitaristischen Sichtweise der Gerechtigkeit zu liefern. Als solche Alternative steht sie in einer Reihe mit allen anderen vernünftigen Konzeptionen der Gerechtigkeit, wie eben der utilitaristischen, der kantischen oder auch der katholischen, protestantischen, muslimischen usw. und stellt damit auch nur ein weiteres utopisches und unrealistisches Ideal einer wohlgeordneten Gesellschaft dar. 45 Rawls (1996), 175 (Übersetzung).
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verlangt nicht, dass eine besondere umfassende Doktrin als gültig anerkannt wird und stützt sich stattdessen auf grundlegende Ideen (fundamental ideas) die „latent sind in der politischen Kultur einer Gesellschaft.“ 46 Diese Unterscheidung ist wichtig für die Änderung der Sichtweise, die Rawls auf das GaF-Argument hat. Die zentrale Frage, die er in PL beantworten möchte ist „Wie ist es möglich, dass es eine über die Zeit stabile Gesellschaft freier und gleicher Bürger gibt, die trotzdem tief gespalten bleiben in Bezug auf ihre umfassenden religiösen, philosophischen oder moralischen Doktrinen?“ Da es den von ihm konstatierten vernünftigen Pluralismus (reasonable pluralism) gibt, ist für ihn klar, dass es auch keine umfassende Konzeption gibt, die alle Bürger einer Gesellschaft gleichermaßen akzeptieren würden und dadurch die gesuchte Stabilität auch nicht gewährleistet werden kann. Trotzdem wundert sich Rawls, herrscht in den meisten modernen liberalen und demokratischen Gesellschaften Stabilität, die über einen bloßen Modus Vivendi hinausgeht. Er nennt diesen Zustand einen überlappenden Konsens (overlapping consensus) über die Gerechtigkeitskonzeption, die in einer Gesellschaft als allgemein akzeptabel gilt und nach der die sozialen Institutionen aufgebaut sind. 47 Rawls versucht nun die gemeinsame Basis der verschiedenen umfassenden Doktrinen zu finden, indem er eine Methode sucht mit der er die herrschenden Überzeugungen sammelt und die dahinter stehenden Ideen und Prinzipien in ein kohärentes System bringt. Als diese Ideen und Prinzipien glaubt er drei fundamentale und zwei zusätzliche Ideen identifizieren zu können. Die erste Idee (central organizing idea) ist die der „Gesellschaft als einem fairen System der Kooperation über die Zeit von einer Generation zur nächsten“ 48 . Die zweite Idee (companion idea I) ist die von den Bürgern als freien und gleichen Personen und die dritte (companion idea II) die einer „wohlgeordneten Gesellschaft als einer Gesellschaft, die effektiv von einer politischen Konzeption der Gerechtigkeit geregelt wird.“ 49 Als zusätzliche Idee geht er von einer politischen Konzeption aus, deren Gegenstand die Grundstruktur der Gesellschaft ist, sowie von der Idee der Originalen Position. 50 Was sind die Änderungen, die sich gegenüber TdG erge-
46 Rawls(1996), 175 (Übersetzung).
47 Vgl. Freeman (2003), 32ff. 48 Rawls (1996), 14 (Übersetzung). 49 Rawls (1996), 14 (Übersetzung).
50 An diesen beiden letzten Ideen wird auch schon deutlich, wo die Ideen und Argumente aus TdG wieder ins Spiel kommen, denn Rawls ist der Überzeugung, dass die politische Konzeption der Gerechtigkeit am besten mit den selben Mitteln gefunden werden kann, wie seine ursprüngliche umfassende Konzeption der Gerechtigkeit. Insofern wird es auch später nicht verwundern, wenn die politische Konzeption und deren Gerechtigkeitsprinzipien eine verblüffende Ähnlichkeit mit der umfassenden Konzeption und deren Prinzipien hat. Allerdings findet die Rechtfertigung der Prinzipien in PL in einem zweistufigen Prozess statt. In der ersten Stufe werden die grundsätzlichen Bedingungen
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ben? An erster Stelle steht hier sicherlich die Rolle der Originalen Position. In TdG begründete diese nicht nur die Gerechtigkeitsprinzipien, sondern legte auch die politischen Bedingungen fest, die die in GaF notwendigen demokratischen Institutionen entstehen ließen. 51 In PL hingegen soll die Originale Position nur zeigen, dass nur eine bestimmte Konstellation an Prinzipien mit den implizit in der Gesellschaft vorhandenen Prinzipien, die die fundamentalen Ideen bestimmen, kompatibel ist. 52 Somit stellt sie nicht viel mehr als ein Werkzeug dar.
Die Ausgestaltung und Argumentation aus der Originalen Position stellt sich fast genauso dar wie in TdG auch, weshalb ich an dieser Stelle auch nicht mehr detailliert auf dieses Argument eingehe und es bei der Erwähnung der kleineren Änderungen in der Formulierung der Gerechtigkeitsprinzipien belasse. Die Änderung betrifft das erste Gerechtigkeitsprinzip. Rawls spricht hier in der Neuformulierung nicht mehr von einem Recht, sondern von einem gleichen Anspruch, den jede Person auf ein adäquates System gleicher Grundrechte und -freiheiten hat, das kompatibel ist mit demselben System für alle. Er spricht von einem adäquaten System und nicht mehr vom umfangreichsten möglichen System. 53 Warum er diese Änderungen vornimmt erklärt Rawls aber leider nicht. Eine andere Änderung gegenüber der TdG ist die Sichtweise, die Rawls gegenüber den Grundgütern vertritt. 54 In TdG bestimmt er sie als das, was brauchbar und nützlich ist. 55 Dabei stellt sich aber das Problem, dass die Liste dieser Grundgüter manche Lebenspläne gegenüber anderen bevorzugen könnte. Bei Rawls sind dies beispielsweise liberale und individualistische Lebenspläne. Dies widerspricht aber der Absicht die Ge-
undRegelungen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit provisorisch festgelegt und in der zweiten der Nachweis ihrer Stabilität erbracht. 51 Vgl.Rawls (1999), 47-98. 52 Rawls (1996), 22-29.
53 Vgl. Rawls (1996), 5f und Rawls (1999), 53. Zum besseren Verständnis hier noch einmal die beiden Formulierungen im Original:
Änderungen mit Auswirkungen auf die Principles of Justice: Principles of Justice (in PL):
1. EQUAL LIBERTY PRINCIPLE: “Each person has the same indefeasible claim to a fully adequate scheme of equal basic liberties, which is compatible with the same scheme of liberties for all.” 2. Social and economic inequalities are to satisfy:
EQUAL OPPORTUNITY PRINCIPLE - “inequalities are to be attached to offices and positions open to all under the conditions of fair equality of opportunity.”
THE DIFFERENCE PRINCIPLE - inequality “are to be to the greatest benefit of the least-advantaged members of society” (Rawls 1996, 5-6) EQUAL LIBERTY PRINCIPLE (in TdG):
„Each person is to have an equal right to the most extensive total system of equal basic liberties compatible with a similar system of liberty for all.“ (Rawls 1999, 53) 54 Vgl. Hinsch (1992), 36ff. 55 Vgl. Rawls (1999), 53f.
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rechtigkeitsgrundsätze unter für alle gleichen Bedingungen zu wählen und die Akteure dadurch als freie und gleiche Bürger ernst zu nehmen. In PL versucht Rawls indem er den Wertepluralismus anerkennt keinen vernünftigen Lebensplan gegenüber einem anderen zu bevorzugen und drückt dies in der Neuformulierung der Theorie der Grundgüter aus. Die Liste der Grundgüter umfasst daher in erster Linie nicht mehr nur, was brauchbar und nützlich ist, sondern, was den Bürger als solchen respektiert und ihm ermöglicht sich frei eine eigene Konzeption des Guten und einen eigenen Lebensplan auszubilden. Dies betrifft insbesondere die beiden moralischen Vermögen (moral powers): Gerechtigkeitssinn und die Befähigung zu einer Konzeption des Guten. Grundgüter sind demnach in PL diejenigen Güter, die es dem Bürger ermöglichen ein ebensolcher zu sein und die beiden Vermögen auszubilden.
4. Kann die Neuformulierung Nozicks Kritik widerlegen?
In seinem Buch „Justice as Fairness: A Restatement“, das die Neuerungen aus PL in das GaF-Argument übernimmt, rechtfertigt sich Rawls direkt gegen die Vorwürfe Nozicks und seiner historischen Anspruchstheorie. Er verteidigt hier noch einmal, warum er die Grundstruktur als den besten Ansatzpunkt für eine Konzeption der Gerechtigkeit hält und nicht die Art und Weise, wie eine Verteilung zustande kommt. 56 Er meint, dass ein historisches Gerechtigkeitsprinzip Gerechtigkeit nicht erreichen kann, weil die kumulierten Ergebnisse der einzelnen Transaktionen zu Wohlstands- oder auch Machtkonzentrationen führen können, die dann die Chancengleichheit (fair equality of opportunity) und die gleiche Möglichkeit der Ausübung politischer Freiheiten (fair value of the political liberties) untergraben würden. Hiermit versucht Rawls genau das in Fußnote 38 angedeutete Manöver, um seine Theorie gegen den Einwand Nozicks zu verteidigen. Er versucht zu zeigen, dass keine historische Anspruchstheorie korrekt sein kann, weil die kumulierten Ergebnisse der Anwendung der Prinzipien einer solchen Theorie zu nach seiner Meinung ungerechten Ergebnissen führen. Allerdings scheint seine Verteidigung weniger logischer Natur zu sein, als ein Bezug auf die Intuition oder die allgemeine Meinung. Diese Meinung oder Intuition ist tatsächlich oft dergestalt, dass eine große Konzentration von Wohlstand bei anderen Menschen als ungerecht empfunden wird. Ist dies aber eine gute Verteidigung gegen die vorgebrachte Kritik?
56 Rawls (2001), 53.
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Die reine Empfindung sollte hier meiner Meinung nach nicht als Maßstab gelten. Oft ist es nämlich so, dass die sehr intensive Empfindung des Neides auf eine solche Wohlstandskonzentration durch die Bezeichnung dieses Zustands als ungerecht ausgedrückt wird. Ob Neid tatsächlich der richtige Referenzpunkt zur Beurteilung der Gerechtigkeit einer Verteilung ist, möchte ich hier bezweifeln. 57 Wie oben schon erläutert bleibt die Möglichkeit eines gemischten Prinzips aus historischen und strukturierten Komponenten zu untersuchen. 58 Rawls verstärkter Bezug auf die Grundstruktur und die Grundgüter in PL kann als ein Versuch verstanden werden ein solches Prinzip zu verteidigen. Er akzeptiert die Notwendigkeit historischer Komponenten in einer Theorie der Gerechtigkeit und möchte diese Komponente innerhalb der festgelegten Regeln der Grundstruktur auch zulassen. Allerdings schließt ein solches Vorgehen nicht die Notwendigkeit einer Intervention aus, um Strukturen in der Verteilung auf Dauer zu erhalten. Er möchte zwar nicht soweit gehen, jede Handlung, die zu einer Störung der Struktur führen würde zu verbieten. Er möchte aber z.B. durch eine pauschale Besteuerung und anschließende Umverteilungsmaßnahmen die Struktur in groben Zügen aufrechterhalten. Für Nozick ist dieser Versuch genauso illegitim, wie der andere, da Besteuerung, die über die Finanzierung der Sicherungsmaßnahmen hinausgeht, in seinen Augen mit Zwangsarbeit und teilweiser Versklavung gleichzusetzen ist. 59
Rawls möchte mit seiner Verteidigung wohl darauf hinaus, dass sich durch die starke Wohlstandskonzentration die relativen Verhandlungsstärken der Akteure verändern. Würden alle Mitglieder einer Population nicht mehr auf einem ähnlichen Wohlstandsniveau verharren, sondern käme es zu Konzentrationen, sodass es zu der Situation kommen könnte in denen ein Bettler mit einem Millionär verhandeln müsste, befürchtet Rawls, dass der Bettler einen zu geringen oder unfairen Gewinn bei dieser Transaktion machen könnte. Tatsächlich würde der Bettler einen Gewinn machen in einer freiwilligen Transaktion mit dem Millionär. Dafür spricht allein die Freiwilligkeit der Transaktion: beide Beteiligten würden auf die Bedingungen nicht eingehen, wenn
57 Rawls selbst konzediert, dass Neid ein wesentlicher Faktor im wirklichen Leben der Menschen darstellt. Bei der Konzeption der Gerechtigkeitsprinzipien sollte er aber keine Rolle spielen. Vgl. Rawls (2001), 87 und Rawls (1999), 123ff.
58 Siehe Seite 12 oben in dieser Arbeit.
59 Vgl. Nozick (1974), 168f. Auch dieses Argument stützt sich auf die Annahme absoluter Rechte. Diese Annahme scheint von zentraler Bedeutung zu sein für die Unterschiede in den Theorien von Rawls und Nozick und solange keine eindeutige Aussage über die Existenz solcher absoluter Rechte gemacht werden kann, kann meiner Meinung nach auch der Widerspruch zwischen diesen beiden Theorien nicht vollständig aufgelöst werden. Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Zwangsarbeitsthese vgl. Ehman (1991).
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sie sich nicht zumindest einen potentiellen Gewinn versprächen. Nach dem Rawls’schen Differenzprinzip würde hier folgen, dass dem Bettler in dieser Situation soviel Verhandlungsmacht wie möglich verschafft werden sollte, damit er sich den größten Teil des Verhandlungsgewinns einstreichen kann. Warum der Millionär allerdings auf eine solche Transaktion eingehen sollte erscheint mir schleierhaft. Schließlich könnte er versuchen die Transaktion mit einer Person mit derselben Verhandlungsstärke wie er selbst sie hat, durchzuführen und könnte sich dadurch besser stellen. Nach Rawls müssen also bestimmte Regeln in der Grundstruktur enthalten sein, die dafür sorgen, dass diese auch über die Zeit hinweg gerecht bleibt 60 , und das heißt in Rawls Augen, zu verhindern, dass sich Wohlstand an einer Stelle konzentrieren könnte. Obwohl Rawls gerne ein Höchstmaß an Freiheit zulassen möchte und jeder innerhalb der Grundstruktur nach Belieben handeln kann, will er nicht so weit gehen, jede Freiheit die nicht die Freiheit eines anderen verletzt zuzulassen. 61 Er argumentiert mit einem Beispiel aus dem Basketball-Sport, wo zu Beginn einer neuen Saison die schlechtesten Teams zuerst die neuen Spieler wählen dürfen, um kein übermächtiges Team entstehen zu lassen. Er glaubt, dass dadurch die Ziele des Spiels am ehesten erreicht werden. Implizit nimmt er dabei an, dass es dem Sport schadet, wenn es ein übermächtiges Team gibt. Oder übertragen: wenn es einzelne Personen gibt, die großen Wohlstand anhäufen. Diese Annahme mag für einen Sportfan unmittelbar eingängig sein und es entspricht wohl auch dem Empfinden in den meisten Fällen, dass ein übermächtiges Team als schädigend empfunden wird, weil es dem Spiel die Spannung nimmt, die es ausmacht. 62 Allerdings ist die Struktur einer Gesellschaft nicht darauf ausgerichtet permanente Spannung zu erzeugen, damit sich nur niemand langweilt. Im Gegenteil, die Gesell-
60 Vgl.Rawls (2001), 51.
61 Diese Formulierung kann u.U. zu Missverständnissen führen, denn Rawls selbst glaubt natürlich, dass er jede Freiheit, die nicht die Freiheit eines anderen einschränkt zulässt. Dafür spricht auch die Formulierung des ersten Gerechtigkeitsprinzips. Allerdings glaubt er dass es eine Einschränkung der Freiheit ist, wenn eine Person mit signifikant weniger Einkommen auskommen muss, als eine andere. Tatsächlich ist ein geringeres Einkommen eine Restriktion, die die Realisierung vieler Wünsche nicht zulässt. Dies als Einschränkung der Freiheit zu sehen, ist aber problematisch, da Budgetrestriktionen die Wunschrealisierung zwar unwahrscheinlich erscheinen lassen, aber die Realisierung nicht per se ausgeschlossen ist. Dieser Unterschied in den Sichtweisen ist es auch, der einen wesentlichen Punkt in der Unterscheidung zwischen Liberalen amerikanischer und europäischer Prägung ausmacht. 62 Ein Beispiel hierfür sind wahrscheinlich die gesunkenen Fernsehzuschauerzahlen bei den Übertragungen der Formel 1 Autorennen, nachdem Michael Schumacher in seinem Ferrari zum fünften und sechsten Mal Weltmeister wurde. Das Interesse an diesem Sport nahm signifikant ab, je vorhersehbarer der Sieger wurde. Allerdings zeigt sich an diesem Beispiel auch sehr gut, dass eine solche Übermacht nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Die restlichen Teams wurden durch den Erfolg Schumachers so angespornt, dass sie ihre Bemühungen den Vorsprung einzuholen, erhöhten und heute mit Erfolg Schumacher und seinen Ferrari auf Distanz halten können. Im Bezug auf die Anreize, die ein übermächtiges Team auf die Innovationsfreude, Leistungsbereitschaft und Entwicklung der schlechter gestellten Teams hat, kann man durchaus auch argumentieren, dass dieses Arrangement das überlegene wäre. In diesem Sinne kann man Rawls’ Ansatz auch tendenziell als konservativ bezeichnen, da er eine Weiterentwicklung eher hemmt.
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schaft soll in den Augen der meisten Menschen sogar Stabilität und Erwartungssicherheit bieten. Dies ist aber oft inkompatibel mit permanenter Spannung und Unsicherheit. Meiner Meinung nach begeht Rawls hier einen Fehler, den Friedrich August von Hayek die „Anmaßung von Wissen“ 63 genannt hat. Er nimmt für sich in Anspruch zu wissen, dass die Menschen kein übermächtiges Team wünschen. Tatsächlich ist dies aber nur eine von zwei Möglichkeiten. Solange es aber diese beiden Möglichkeiten gibt und nicht die eine von allen Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft eindeutig und einstimmig akzeptiert wird, ist Rawls Argument nicht stichhaltig und damit seine Verteidigung gegen die Kritik Nozicks an dieser Stelle gescheitert.
63 Die dahinter stehenden Ideen werden ausführlich in dem gleichnamigen Buch „Die Anmaßung von Wissen“ von F. A. von Hayek behandelt. Vgl. von Hayek (1996), insbes. 3-15.
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Literatur
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