Sygnecka: Wie rational ist Konsum?
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
0.1. Context 1
0.2. Content 2
1. Elemente von Konsumkonzeptionen 4
1.1. Rationalität 4
a. Abgrenzung zum Irrationalen 4
b. Soziale Rationalität 5
1.2. Konsum 6
1.3. Nutzen und Präferenzen 6
1.4. Handeln und Verhalten 8
2. Gary S. Beckers Konsumkonzept 9
2.1. Der ökonomische Ansatz 10
2.2. Die Haushaltsproduktionsfunktion 11
2.3. Produktionsfaktoren der Haushaltsproduktionsfunktion 12
2.4. Konsum bei Becker - ein Zwischenstand 15
3. Soziologische Ansätze als Kontrastfolien 16
3.1. Colemans Rational Choice 16
3.2. Bourdieus Ökonomie der Praxis 19
4. Zusammenfassung 23
Literaturverzeichnis 26
Zur Zitierweise
Die Quellen von wörtlichen Zitaten sind direkt hinter dem Zitat im Text angegeben, wobei bei
Autoren, von denen lediglich eine Quelle verwendet wurde, auf die Angabe der Jahreszahl
verzichtet wurde. Sinngemäße Zitate sind in den Fußnoten belegt
0. Einleitung
Konsum ist assoziativ mit der bunten Warenwelt, bestehend aus dem Waren und deren Bewerbung, verknüpft. Bei dem Versuch Konsum als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analyse zu fassen gibt es zwei widerstreitende Thesen. Einerseits wird Konsum als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung modelliert, wobei das gegebene Budget nutzenmaximierend eingesetzt wird. Andererseits gilt Konsum als Äußerung des Menschen als soziales Wesen, mit der er seine gesellschaftliche Position reflektiert und reproduziert. Welche Fragen bei der Überprüfung der Thesen geklärt werden müssen machen Luhmanns Kategorien für die Unterscheidung funktional differenzierter Systeme deutlich. In der vorliegenden Arbeit wird die Verortung des Sinns von Konsum auf der Skala zwischen individueller und sozialer Referenz untersucht, dessen Programm zwischen rationaler Steuerung und sozialer Determiniertheit gesucht und als Code zwischen Geld oder Nutzen unterschieden. Dies gibt vielleicht ein Bild von der Mehrdimensionalität der scheinbaren Dichotomie der eingangs aufgeführten Thesen. Annhand der Konsumkonzeptionen von Gary Becker, James S. Coleman und Pierre Bourdieu soll der Verortung von Konsum entlang dieser Dimensionen nachgegangen werden.
0.1. Context
Das Aufeinandertreffen von Soziologie und Ökonomie habe ich bisher durchaus als Quelle anregender Impulse verstanden. Durch den unterschiedlichen Fokus auf das rationale Individuum einerseits und das soziale Wesen Mensch andererseits besteht fortwährend die Gefahr von Missverständnissen gefolgt von Verstimmungen. Vernon W. Ruttan hat versucht dieses Aufeinandertreffen zu systematisieren und hat dabei in Imperialismus, also die Ausweitung des Einflusses auf andere Disziplinen, Kolonialismus, verstanden als „establishing colonies as strategic locations in the periphery of foreign territory that can serve as a base for commercial or intellectual interchange“ (Ruttan 8), und Kollaboration, als Überwindung der traditionellen Grenzen hin zur Zusammenarbeit, unterschieden. Gary S. Becker, um den es hier im Kern gehen soll, wird dabei als Anführer des „most ambitionous imperialist crusade“ (Ruttan 4) bezeichnet. Was negativ besetzt scheint, sieht Ruttan (13) als Folge des Problems von Soziologen „to overcome their often self paralyzing biases against other professionals and their disciplines“. Gleichwohl zeigt sie aber Strategien auf, dieses Problem zu überwinden und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu eröffnen. Dies ist notwendig, weil erstens die Soziolo-
1
gen versäumt hätten, entsprechende Gegenangriffe zu starten und weil es zweitens meist bei schnellen Erfolgen der Imperialisten in „collecting the low hanging fruit“ (Ruttan 6) bleibt. Unabhängig davon, ob Ruttans Unterscheidung bei der Einordnung und Bewertung Beckers in die Sozialwissenschaften hilft, so gibt sie einen Hinweis auf einen möglicherweise unbeabsichtigten Verdienst Beckers, der darin besteht, die soziologischen Fragestellungen in die Sprache der Ökonomen zu übersetzen 1 und damit zum einen die Fragen als für die Ökonomie relevant kenntlich zu machen und zum anderen einen Ansatz für die Verarbeitung zu liefern. 2 In einer Arbeit über Bourdieu habe ich versucht solche Übersetzungsarbeit zu leisten. 3 Die „communication across disciplinary boundaries“ (Ruttan 10) ist allerdings nicht störungsfrei und ausgewogen. Bei der Beschreibung struktureller Veränderungen im Gesundheitssystem habe ich solche Störungen ausgemacht und exemplarisch beschrieben. 4 Auch diese Arbeit soll vermitteln und Wege für die Einbettung der Wirtschaftswissenschaft in ihr soziales Umfeld aufzeigen.
0.2. Content
Die Arbeitshypothese lautet, dass es bei der Einbeziehung des Sozialen in die Wirtschaftswissenschaften ein Kommunikationsproblem gibt. Beckers formal gestützte Arbeit am ökonomischen Ansatz, der Verhalten mit der Methode eines als-ob-Maximierers erklären will, wurde in den 80er Jahren vom Soziologen Coleman begleitet, der Rational-Choice als Handlungs-theorie erarbeitete und den formalen Teil auslagerte - so kommt er bis dahin ohne die Annahme des Maximierers aus. Was hat der gefeierte und kritisierte Becker aus dieser Zusammenarbeit mitgenommen und in seinen „analytical framework“ eingebaut? Worin unterscheiden sich die beiden in ihrer Erklärung von Konsum nach diesen Implementierungen? In seinem letzten Buch Accounting for tastes erkennt Becker: „Average person’s choice of consumption […] depends on childhood and other experiences, social interactions, and cultural influences” (Becker 1998: 3).
Die aus dieser Einsicht entwickelten Bausteine heißen Personalkapital, als Erweiterung des kritisierten Humankapital-Begriffs, und Sozialkapital. Diese baut er in eine erweiterte Nutzenfunktion ein, die die Wahl der konkurrierenden Einzelnen strukturiert. Bourdieu, der von einer
1 Im Sinne Luhmanns als Grenzstelle zwischen den Systemen, die das Rauschen aus der Soziologie für die Programme der Ökonomie nutzbar macht.
2 So auch Pies (1998: 16): „Nicht seine Außenwirkung, sondern seine Binnenwirkung ist von primärer Wichtigkeit.“.
3 Vgl. Sygnecka (2004).
4 Vgl. Sygnecka (2003).
2
Ökonomie der Praxis als wahrhaften Gegenstand der Soziologie 5 (im Vergleich Becker: Ökonomie des Alltags 6 ) spricht, verwendet ähnliche Begriffe: kulturelles und soziales Kapital werden in (Kampf)Felder eingebracht, um spezifische Interessen (illusio) zu verfolgen. Dies wiederum wird durch erlernte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata strukturiert. Auf den ersten Blick scheinen nicht nur die Begriffe sondern auch die Funktionszusammenhänge ähnlich. Gleichwohl geht die Literatur davon aus, Becker und Bourdieu würden nahezu diametral gegeneinander stehen, und Bourdieu selbst sieht seine Arbeit als eine gegen den Ökonomismus und „bestimmte, besonders hartnäckige Ökonomen wie Gary Becker“ (Bourdieu 1998b: 27).
Im ersten Teil werde ich ausführlich auf die den Konsumkonzeptionen zugrunde liegenden Begriffe eingehen, die zum Teil verschieden besetzt werden. Manche Probleme bei der Arbeit mit den verschiedenen Ansätzen entstehen daraus, dass die Begriffsinhalte des einen auf die Begriffe des anderen angewendet werden. Im zweiten Teil werde ich den Ansatz Beckers mit Fokus auf die Konsum-relevanten Teile darstellen und einer ersten kritischen Würdigung unterziehen. Im dritten Teil werde ich Colemans Ansatz als eine Art Folie darüber halten, um wesentliche Unterschiede deutlich zu machen und Überblendungen und Überschneidungen zu identifizieren. Bourdieus Begriffe sollen auf die Unterschiede zum späten Becker hin untersucht werden, um zu prüfen, was von der Kritik an Beckers Ökonomismus bleibt. In der Zusammenfassung im vierten Teil wird hinsichtlich des Konsums deutlich, dass Becker und Bourdieu die Rolle der persönlichen Geschichte und des sozialen Umfelds bei individuellen Wahlhandlungen ernst nehmen. Der große Unterschied besteht in der Bewertung der Rolle rationaler oder vernünftiger Entscheidungen bei der Genese dieser Erfahrungen und des Umfelds, also der Funktion von Gesellschaft.
5 Vgl. Bourdieu (1998b: 35).
6 Vgl. Becker / Becker Nashat.
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1. Elemente von Konsumkonzeptionen
1.1. Rationalität
Vernunft heißt im Kontext von Zweck-Mittel-Relationen Leidenschaften mit einer Wahl in Handlungen zu übersetzen. Diese Wahl ist rational ”or supported by reason if it coheres with what I prefer“ (Allingham 2). Eine notwendige Bedingung für diese Kohärenz ist, dass das Ergebnis einer Handlung mindestens genauso gut ist wie das Ergebnis aller anderen möglichen Handlungen. Die hinreichende Bedingung ist aber erst gegeben, wenn die Ergebnisse konsistent sind, das heißt nach Allingham, dass den Ergebnissen ein Nutzen zuzuschreiben ist und das Ergebnis meiner Handlung als das mit dem höchsten Nutzen zu identifizieren ist. Wirkt sich meine Handlung auf Handlungen anderer aus und umgedreht, sind in einer Kette unendlicher Antizipation der Handlungen des jeweils Anderen neue Anforderungen an eine rationale Wahl gestellt, die unter anderem mit dem Instrumentarium der Spieltheorie bearbeitet wurden. 7 Entscheidend für die Bedingungen von Rationalität ist weiterhin die Informationslage. Der Nutzen kann bei unsicherer Umwelt auch ein erwarteter Nutzen sein, der wiederum mit Fragen des Risikos verbunden ist. Rationale Wahl bei bekannten Eintrittswahrscheinlichkeiten der Ergebnisse unterscheidet sich von Wahlhandlungen, bei denen selbst diese Wahrscheinlichkeiten oder die Ergebnisse unbekannt sind. Die Folgen asymmetrischer Informationsausstattung wurde in der Informationsökonomie untersucht.
a. Abgrenzung zum Irrationalen
Rationales Verhalten im ökonomischen Kontext ist die „konsistente Maximierung einer wohlgeordneten Funktion, etwa einer Nutzen- oder Gewinnfunktion“ (Becker 1993: 167). Wie Becker selbst bemerkt ist dagegen kritisch anzumerken, dass Präferenzen nicht wohlge-ordnet seien. Bei Becker wird „jede Abweichung vom Prinzip der Nutzenmaximierung als irrational bezeichnet: ein präzisere oder abgeklärtere Definition“ sei für seine Zwecke nicht notwendig. Um eine Spanne des Irrationalen aufzumachen, verwendet er zwei Verhaltensweisen als Pole einer Skala. Haushalte würden zum einen oft „als impulsiv, unberechenbar und ständigen Launen unterworfen charakterisiert, während sie andererseits als unbeweglich, gewohnheitsmäßig handelnd oder träge beschrieben werden“ (Becker 1993: 173).
7 Dort bedeutet individuelle Rationalität, dass jeder Spieler sich einen individuellen Nutzen sichert, der mindestens so hoch ist wie der Nutzen, den er aus eigener Kraft erreichen kann.
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Becker zeigt aber, dass im Rahmen der ökonomischen Preistheorie im Aggregat irrationales Verhalten zu den gleichen Ergebnissen führt wie rationales, man also mit einer als-ob An-nahme arbeiten könne 8 :
Nimmt man als realisierten Konsumpunkt nicht wie üblich den Tangentialpunkt von Nutzenfunktion und Budgetgerade sondern den Mittelpunkt der Budgetgeraden und lässt die Indifferenzkurve weg, bleibt die Schlussfolgerung der Preisthe-orie, dass bei relativ höherem Preis eines Gutes die Nachfrage sinkt, erhalten. Der Mittelpunkt lässt sich als Mittelwert aller Punkte interpretieren, die bei irrationalen Konsumenten als Konsumpunkte zufällig gewählt werden würden und damit auf der Budgetgeraden gleichverteilt sind.
„Positive Einkommens- und negative Preiseffekte erweisen sich als eine Folge von Knappheit, nicht jedoch als Folge der Rationalität, da sie auch aus irrationalem Verhal-ten resultieren“ (Pies 1998: 9). Rationalität ist für Becker also „nicht länger eine quasi naturalistische Annahme über die Qualität der Bewusstseinsprozesse“ sondern „theoretisches, d.h. prä-empirisches, Konstrukt, mit dessen Hilfe sich empirische Aussagen analytisch herleiten lassen“. In einem ersten Schritt kann Becker bei seinen Untersuchungen auf die Frage verzichten, ob „Verhalten bewusste, halb-bewusste oder unbewusste Entscheidungen zugrunde liegen, ob es emotional oder traditional bestimmt wird usw.“ (Pies 1998: 9). Damit wird die klassische Unterscheidung Webers zwischen den Idealtypen rationaler, wertrationaler, affektiver und gewohnheitsmäßiger Handlungen (Fararo 265) in einer Theorie für nicht relevant erklärt, die immerhin ein Rahmen für die Erklärung allen menschlichen Verhaltens sein will.
Kann Parsons Reduktion der Weberschen Handlungstypen auf rationale (instrumentelle) und nichtrationale (expressiv-moralisch) Handlungen weiter auf ersteres reduziert werden oder muss „the social level as non-reducible“ (Fararo 269) angesehen werden? Becker meint, solange die Reduktion eher zu einer Erweiterung des Erklärungsgehaltes führt, weil dadurch ein schärfes Instrumentarium konstruiert werden kann, wäre sie zulässig.
b. Soziale Rationalität
Bei der social choice, als Unterpunkt des instrumentellen Rationalitätsbegriffs, „there are a number of individuals, each of whom makes rational choices [...]“ und eine „social choice rule specifies both the choices are made by society and the way in which these takes account
8 Vgl. Pies (1998: 8f)
5
of the preferences of the individuals in society“ (Allingham 4). Selbst in der social choice liegt die Ebene der Rationalität also beim Individuum. „Konzepte sozialer Rationalität [hingegen] orientieren […] auf die institutionellen Ausprägungen, auf die vergesellschaftenden Bedingungen und Vorraussetzungen wie auf die sozialen Folgen des Handelns“ (Brentel 479). Das Ziel, auf das soziale Rationalität abzielt, ist die Bestandserhaltung der Gesellschaft, mithin die Reproduktion, die Begründung durch Funktion, die Abwehr von Gefahren, die Mechanismen der Integration usw.. Brentel versteht soziale Rationalität als „dialektisches Vermittlungskonzept einer objektiven sozialen Vernunft“ - Konsum taucht in diesem Konzept nur über die damit verbundene Produktionssphäre und ihrer für den Bestand von Gesellschaften inhärenten Gefahren für die natürliche Umwelt auf.
Wichtig für die vorgestellte Fragestellung ist aber die Verschiebung von einer maximierenden Individualentscheidung auf eine Entscheidung der Gesellschaft über den Entscheidungsmodus selbst. Es muss also gefragt werden, ob Nutzen die optimale Währung sozialer Systeme ist und warum Effizienz das Kriterium von Märkten sein soll. 9
1.2. Konsum
Konsum kann als der Erwerb von Marktgütern zum letztendlichen Verbrauch verstanden werden. Konsum ist nicht nur als Mengeneinheit zu verstehen sondern als funktionales Element im Wirtschaftssystem, mit entsprechender Bedeutung auch für die Gesellschaft. Für ersteres ist er im Kreislauf aus Produktion und Konsum und dem gegenläufigen Kreislauf aus Einkommen und Einnahmen platziert und für letzteres können soziale Distinktionen und die damit verbundenen Wertbildungsprozesse über die Äußerlichkeit des Konsums 10 vollzogen werden.
1.3. Nutzen und Präferenzen
Eine Präferenz bezieht sich immer auf etwas, dass man bei Vorliegen der Präferenz etwas anderem gegenüber vorzieht bzw. es bevorzugt. Geht man davon aus, das Menschen Ziele haben, so haben sie eine Präferenz für diejenigen Dinge und Aktivitäten, die helfen, diesen Zielen näher zu kommen. Wenn Dinge und Aktivitäten helfen den Zielen näher zu kommen, haben sie einen bestimmten Nutzen.
9 Vgl. Favell (297).
10 Äußerlich deshalb, weil Konsum in der Öffentlichkeit stattfindet und was konsumiert wird/wurde ist meist auch sichtbar.
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Arbeit zitieren:
Sven Sygnecka , 2005, Wie rational ist Konsum?, München, GRIN Verlag GmbH
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