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Theodor Eschenburg - Wächter und Lehrer
Ein Beitrag zu seinem Institutions-, Verfassungs- und Autoritätsverständnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - eine biographische Annäherung
S. 3
1. 1 Eschenburgs Weg durch die Institutionen 3
2. 2 Eschenburg als Institutionskritiker 8
2. Institution - Verfassung - Autorität bei Eschenburg
S. 9
2. 1 Der Institutionsbegriff Eschenburgs 9
2. 2 Das Verhältnis der Institution zur Verfassung 13
2. 3 Das Verhältnis der Institution zur Autorität 15
3. Schluß - die Zukunft der Institutionen
S. 17
3. 1 Ausblick - schleichende Erosion oder unverhoffte Festigung? 17
3. 2 Die Aktualität des institutionellen Denkens Eschenburgs 19
4. Literatur
S 22
1. Einleitung - eine biographische Annäherung
1. 1 Eschenburgs Weg durch die Institutionen
Richard von Weizsäcker sprach von einem „Mentor einer ganzen Generation“ (Weizsäcker 1990, S. 15), Hans-Dietrich Genscher wohl ein wenig einnehmend von einem „Ratgeber aus liberalem Geist“ (Genscher 1990, S. 19), Manfred Rommel nannte ihn einen „Lehrer der Demokratie“ (Rommel 1990, S. 133), während Kollegen wie Karl Dietrich Bracher, Hans-Peter Schwarz und Horst Möller den Präceptor/Magister Germaniae kenntnisreicher als „Altmeister nicht nur der Politikwissenschaft, sondern auch der Zeitgeschichte in Deutschland“(Bracher/Schwarz/Möller 1994, S. 669) würdigten. Die Rede ist von Theodor Eschenburg, einem maßgeblichen Gründungsvater der Politikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, der seiner praktischen Ausrichtung wegen zurecht als Wächter und Lehrer der deutschen Politik im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen darf.
Institution, Verfassung und Autorität, so die Einschätzung des Verfassers, bilden das Dreigestirn im staatspolitischen, demokratisch-liberalen Denken Theodor Eschenburgs. Zur Untersuchung desselben hat die Ein-Mann-Institution, als die Eschenburg galt, ein umfangreiches Werk größerer und kleinerer Monographien, langlebiger und kurzweiliger Aufsätze bzw. Zeitschriftenartikel hinterlassen. Eine Bibliographie des Instituts für Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen liegt vor, wenngleich deren Vollständigkeit bezweifelt werden muß 1 . Für diese Arbeit wurde ein Großteil der Schriften Eschenburgs herangezogen, insbesondere diejenigen, die Aussagen über das Institutions-, Verfassungs- und Autoritätsverständnis Eschenburgs treffen. Bevor das Hauptaugenmerk im zweiten Kapitel auf jene drei politiktheoretischen Grundkonstanten bei Eschenburg gerichtet wird, soll sein Weg durch die Institutionen in grober Skizze nachgezeichnet und sein Wirken als Institutionskritiker exemplarisch aufgezeigt werden. Zum Schluß (im dritten Kapitel) bleibt Platz, um über die Zukunft der Institutionen zu reflektieren und einen kritischen Ausblick auf die Bedeutung institutionellen Denkens zu wagen.
1 Die von Dr. Jürgen Plieninger zusammengetragene 25-seitige Bibliographie der Werke und Aufsätze von Theodor Eschenburg (Stand 27. Oktober 2000) fand sich unter der Internetadresse des ehemaligen Instituts Eschenburgs http://www.unituebingen.de/uni/spi/eschenburg_bibliographie.htm. Eine Online-Fassung soll unter http://www.unituebingen.de/pol/eschenburg_bibliographie.htm zu finden sein. Auf den Internetseiten der Tübinger Universität wurden nicht nur Nachrufe auf Eschenburg und Links zu Presseartikeln veröffentlicht, sondern auch die Mitteilung des Universitätsarchivs vom 22. November 2000, wonach Unterlagen aus dem Nachlaß Eschenburgs im Umfang von über zwei Regelmetern übernommen wurden, „die vor allem Eschenburgs breite publizistische Wirksamkeit seit der zweiten Hälfte der 1940iger Jahre dokumentieren: Vortrags-und Aufsatzmanuskripte, Belegstücke von Presseveröffentlichungen von und über Eschenburg und Zuschriften auf seine Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, aber auch Vorarbeiten für die Autobiographie, deren zweiter Band unter dem Titel Letzten Endes meine ich doch - Erinnerungen 1933-1999 in diesen Tagen erscheint“.
Theodor Eschenburg stammte aus einer hanseatischen Patrizierfamilie und wurde am 24. Oktober 1904 in Kiel als Sohn eines kaisertreuen Marineoffiziers geboren. Sein Großvater, der präsidierende Bürgermeister der Freien und Hansestadt Lübeck Johann Georg Eschenburg, hatte prägende Einfluß auf ihn, der ab 1913 in Kiel und nach dem Zerwürfnis mit dem nach 1918 verbitterten Vater in Lübeck ein Gymnasium besuchte. In dem ersten Band seiner Memoiren 2 hat Eschenburg durch aufschlußreiche Milieuschilderungen des ständischen, alten Lübecks die Herkunft jener Begriffe zu zeigen versucht, die ihn auch als Politikwissenschaftler beschäftigen sollten. Zum Umgang damaliger Politiker miteinander schrieb er:
„Keinem von ihnen wäre es in den Sinn gekommen, vom anderem in eigenen geschäftlichen Angelegenheiten eine Amtsgefälligkeit zu erbitten. Vetternwirtschaft und Patronage gab es nicht. Sie galten als unwürdig, als ordinär [...]. Die Integrität war nicht nur eine moralische Pflicht, sie entsprach auch der Würde des Amtes und sollte diese stützen. Deshalb war es unziemlich und sinnlos, sich der Integrität zu rühmen. Die politische Moral, wie sie in den Pflichten des Rechtspositivismus und in der Ehrbarkeit zum Ausdruck kam, entsprach den Standesvorstellungen und der Stadtaristokratie. Der Staat mußte anständig sein, wenn er Anständigkeit von seinen Bürgern verlangte. Darauf beruhte seine Autorität, und Autorität ist, solange sie besteht, Macht“ (Eschenburg 1995, S. 36; Unterstreichungen von mir, C. S.).
Theodor Eschenburg hatte sich Anfang der 20er Jahre vom konservativ-monarchischen Elternhaus distanziert, weil ihn zum einen die Ermordung der Politiker Matthias Erzberger bzw. Walter Rathenau und die Beteiligung seines Vaters am Kapp-Putsch erschütterte, und zum anderen schulische Probleme 3 auftraten. Während sein Vater immer „monarchiebesessener“ und daher 1926 im Range eines Konteradmirals aus der Marine entlassen und in den Doorner Hofstaat des Exilkaisers Wilhelm II. aufgenommen wurde, wandelte sich der junge Eschenburg zum „Vernunftrepublikaner“ (vgl. ebenda, S. 134). Seit 1924 studierte er Geschichte in Tübingen. Dort eröffnete sich dem hochschulpolitisch engagierten Burschenschaftler „eine völlig neue Welt im Politischen wie im Menschlichen. Über allem lag ein milder, schwäbischer demokratischer Liberalismus“ (ebenda, S. 145). Es gelang ihm in Tübingen, einen Vortrag Gustav Stresemanns über die deutsche Außenpolitik zu organisieren, der jedoch erst abgehalten wurde, nachdem er sein Studium ab 1926 in Berlin bei Fritz Hartung 4 (Verfassungsgeschichte) und Heinrich Triepel (Staatsrecht) fortgesetzt hatte.
2 Die biographische Annäherung fußt im wesentlichen auf dem ersten, 1995 von Eschenburg veröffentlichen Band Also hören Sie mal zu. Geschichte und Geschichte 1904 bis 1933 und dem zweiten, 2000 posthum erschienenen Band Letzten Endes meine ich doch. Erinnerungen 1933-1999.
3 Theodor Eschenburg erklärte dazu: „Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich zweimal sitzengeblieben bin, in Obertertia und Untersekunda. Der Grund war ein ausgesprochenes Desinteresse an bestimmten Fächern. Ich war begierig auf alles, was mit Geschichte zusammenhing, aber Latein und
Griechisch auf der einen, Mathematik und Chemie auf der anderen Seite ließen mich kalt. Ich las lieber Zeitungen oder ging heimlich in politische
Veranstaltungen“ (ebenda, S. 130).
4 Eschenburgs bedeutendste Aufsatzsammlung Die improvisierte Demokratie. Gesammelte Aufsätze zur Weimarer Republik ist Fritz Hartung zum 80. Geburtstag gewidmet. Eschenburg fügte hinzu: „Ihm verdanke ich weit über die Zeit meines Studiums hinaus die Einführung in das Verstehen institutioneller Ordnungen, die Anleitung zum institutionellen Denken“ (Eschenburg 1963, S. 10).
In die Reichshauptstadt zog ihn nicht nur „der glänzende Ruf der Berliner Universität“ (Munzinger-Archiv, 46/99, Es-ME, S. 1), sondern auch sein leidenschaftliches Interesse an der praktischen Politik. Auf der Grundlage seines engen Kontaktes zum Reichsaußenminister Stresemann 5 erhielt er einen unschätzbaren Einblick in die Machtkonstellation der ersten deutschen Demokratie und Zugang zu Theodor Wolf, Alexander Rüstow, Carl Schmitt, Carl Heinrich Becker und anderen. 1928 promovierte Theodor Eschenburg über ein damals zeitgeschichtliches Thema: Bassermann, Bülow und der Block. Die 1929 in Berlin erschienene Dissertation Das Kaiserreich am Scheideweg bediente sich des unveröffentlichten Nachlasses des nationalliberalen Führers Ernst Bassermann und wurde von Stresemann eingeleitet. Darin finden sich tiefe Einsichten wie diese:
„Ein Staat kann nicht nur verwaltet, sondern er muß vor allem regiert werden, wobei politische Idee und politische Taktik untrennbar verknüpft sind“ (Eschenburg 1929, S. 280). Und eine Zusammenfassung der vertanen Chancen der Blockpolitik, nämlich die Möglichkeit der Stärkung des Parlaments:
„So stand da Kaiserreich tatsächlich 1909 am Scheideweg [...]. So ging eine für die Entwicklung des Deutschen Reichs entscheidende Stunde ungenützt vorüber. Diese Zeit war reich an Möglichkeiten, aber arm an Persönlichkeiten“ (ebenda, S. 282f).
Das Jahr 1929 bedeutete eine Zäsur im Leben Theodor Eschenburgs genauso wie für die politische Existenz der Weimarer Republik. Eschenburg wurde im November des Jahres überraschend eine Stelle als Referent in der Grundsatzabteilung des Vereins deutscher Maschinenbau-Anstalten angeboten, die ihm Alexander Rüstow vermittelte. So hatte er Gelegenheit, die Politik und ihre Institutionen weiter zu beobachten, im Interesse des Maschinenbaus die Fachzeitschriften, Tageszeitungen, Reichstagsprotokolle auszuwerten und im eigenen Interesse am gesellschaftlichen und politischen Leben Berlins teilzunehmen (vgl. Eschenburg 1995, S. 234ff). Schnell wurde Theodor Eschenburg Mitglied der Deutschen Volkspartei, 1930 wechselte er zur neu gegründeten Deutschen Staatspartei. Seine zahlreichen Kontaktaufnahmen zu Persönlichkeiten institutionalisierten sich zu einem monatlichen Gesprächskreis gleichgesinnter republikanischer Politiker und Ministerialbeamte namens Die Quiriten (entsprechend der Anrede der Römer in der antiken Volksversammlung), zu dem prominente Gäste wie Stresemann, Luther und Groener eingeladen wurden. Als Carl Schmitt zur Zeit des Präsidialkabinetts Brüning einer Einladung in diesen Kreis
5 Gemeinsam mit Ulrich Frank-Planitz hat Eschenburg eine reichhaltig illustrierte und gut lesbare Bildbiographie über Stresemann verfaßt, die Gustav Stresemann als den erfolgreichsten und bekanntesten Politiker der Weimarer Republik herausstellt (vgl. Eschenburg/Frank-Planitz 1978, S. 156ff und Eschenburg 1988a).
nachkam, wartete er mit einem in sich geschlossenen „Konzept für die autoritäre Veränderung des politischen Systems“ (ebenda, S. 262) auf. Schon bald sollte sich Schmitts Konzept bewahrheiten und die wenigen Republikaner, darunter Theodor Eschenburg, überraschen. Die legale Machtergreifung Hitlers kommentierte Eschenburg wie folgt:
„Struktur-, Wirtschafts-, Regierungs-, Parlaments- und Parteikrisen in ihrer Wirkung auf den Niedergang der Weimarer Republik darf man nicht unterschätzen, aber in der Hitler-ante-portas-Situation verfügten seit Brünings Entlassung im Juni 1932 Schleicher, Papen und auch Hindenburg allein über die staatliche Gewalt. Die drei Militärs - Papen war Rittmeister im Generalstab a. D. und hatte das nicht vergessen - haben in diesen acht Monaten unendlich viel mehr Unheil angerichtet als die parlamentarischen Politiker in fünfzehn Jahren“ (ebenda, S. 315). 1933 wurde Eschenburg durch die Auflösung des Industrieverbandes arbeitslos; er hatte jedoch Glück im Unglück und konnte Sozius im Büro Dr. Cohns, Geschäftsführer eines Kartells von Verbänden der Kleinindustrie (Knöpfe, Reißverschlüsse, Zelluloidwaren, Batterien usw.), werden. Er blieb bis 1945 an der „Reißverschluß-Front“ (Eschenburg 2000, S. 65) - so Eschenburg sarkastisch - tätig, wurde kurzzeitig Mitglied der Motor-SS, heiratete 1934 und erwarb 1938 eine Villa in Berlin, die ihn zum Nachbarn und Freund Karl Blessings, dem späteren Bundesbankpräsidenten, machte. Bei Blessing lernte er 1943 Ludwig Erhard kennen; man durchdachte während des alliierten Bombardements die politische und wirtschaftliche Nachkriegsordnung 6 . Nach Kriegsende begab sich Eschenburg aufgrund von familiären Bindungen nach Württemberg und wurde Ende 1945 dank guter Kontakte und Bekanntschaften Staatskommissar für das Flüchtlingswesen in Württemberg-Hohenzollern. Carlo Schmid, Privatdozent für Zivilrecht, später Sozialdemokrat und einer der Väter des Grundgesetzes, war der Regierungschef des französisch besetzten Teilstaates. Durch ihn lernte Eschenburg nicht nur das Einmaleins einer improvisierten öffentlichen Verwaltung, sondern nahm auch an den ersten, freilich undemokratischen, Landrätetagungen teil 7 . Letztlich war es Schmid, der ihn veranlaßte, eine akademische Karriere aufzunehmen; er meinte, Eschenburg müsse verhindern, daß die jüngste Vergangenheit, d. h. die Geschichte der Weimarer Republik, der zukünftigen Studentengeneration abermals einseitig und zu Lasten der Republikaner vermittelt werden würde (vgl. ebenda, S. 96ff). So begann im Wintersemester 1946/47 die
6 Plastisch schilderte Eschenburg, wie Ludwig Erhard seine berühmte Denkschrift zur Nachkriegsordnung nach dem 20. Juli 1944 nahezu sorglos mit sich herumtrug (vgl. Eschenburg 2000, S. 74ff). Daß Theodor Eschenburg selbst Autor einer solchen Denkschrift über konkrete „Möglichkeiten der Wiederherstellung eines deutschen Staates“ gewesen ist, hat Wolfgang Benz 1985 offenbart (vgl. Benz 1985, S. 166ff). Auf diese wird nachfolgend noch zurückgegriffen.
7 In der Festgabe für Carlo Schmid zum 65. Geburtstag gedachte Theodor Eschenburg noch einmal „den Anfängen des Landes Württemberg-Hohenzollern“. Er erinnerte dabei unter Verwendung späterer Begrifflichkeit an die geringfügige potestas Schmids
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Christian Schwießelmann, 2001, Theodor Eschenburg - Wächter und Lehrer der Politik. Ein Beitrag zu seinem Institutions-, Verfassungs- und Autoritätsverständnis, München, GRIN Verlag GmbH
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