Inhaltsverzeichnis
1. WORTBESTIMMUNGEN 3
1.1 Der Begriff der ˆgÀph. 3
1.2 Der Begriff des šrvw 3
1.3 Der Begriff des amor. 4
1.4 Der Begriff der caritas. 4
1.5 Der Begriff der Liebe. 4
2. DER šrvw-BEGRIFF PLATONS. 6
2.1 Zur Person Platons 6
2.2 Phaidros 6
2.2.1 Einordnung des Werkes. 6
2.2.2 Wesen des Werkes. 7
2.2.3 Der šrvw-Begriff im Phaidros. 7
2.3 Symposion. 13
2.3.1 Einordnung des Werkes. 13
2.3.2 Wesen des Werkes. 13
2.4 Der šrvw-Begriff im Symposion 14
2.5 Der platonische šrvw-Begriff: Eine Zusammenfassung 20
3. DER LIEBESBEGRIFF DER CHRISTENHEIT. 22
3.1 Aurelius Augustinus 22
3.1.1 Zur Person Augustins 22
3.1.2 Augustins Auffassung von Liebe 23
3.2 „Deus caritas est“ - Der Liebesbegriff in der ersten Enzyklika Papst
Benedikt XVI. 29
3.2.1 „Die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte“ 29
3.2.2 „Caritas - Das Liebestun der Kirche als einer Gemeinschaft der Liebe´“ 36
4. ZUSAMMENFASSENDER VERGLEICH 42
5. LITERATURVERZEICHNIS 43
2
1. Wortbestimmungen
Die Liebe - welch ein großes Wort! Wenn in unserem Sprachgebrauch das Wort „Liebe“ Verwendung findet, macht sich der Sprecher mit großer Wahrscheinlichkeit keine Gedanken darüber, was dieses Wort eigentlich ausdrücken will. Liebe ist ein Wort, das in der heutigen Zeit zum Großteil nur einen Bereich abdeckt: Die körperliche Liebe, die Begierde nach sexuellem Verlangen. Die eigentlichen Ausdrucksformen dieses Wortes werden leider bei Seite geschoben, so dass der Kern, das Lebensprinzip der ursprünglichen Liebe, in Vergessenheit geraten sind. Nachfolgend möchte ich herausarbeiten, welche Bedeutung den Hauptbegriffen für Liebe zugeschrieben werden.
1.1 Der Begriff der ˆgÀph
Das Wort ˆgÀph leitet sich von der Verbform \agapÀv ab und bedeutet „sich mit etwas zufrieden geben“, aber auch „jemanden mit Achtung behandeln, bevorzugen“. Dieses Wort ˆgÀph umschreibt auch allgemein den Begriff der Liebe, aber nicht direkt die Art der Liebe, die im Deutschen mit dem Begriff „Liebe“ verbunden ist. Vielmehr bezeichnet dieser eine spirituelle und metaphysische Verbindung zwischen Menschen. \AgÀph kann sich auch auf die Verbindung von zwei Menschen beziehen, dabei handelt es sich jedoch nicht um eine exklusive partnerschaftliche Liebe, sondern um eine inklusive gemeinschaftliche Liebe. Aus dieser inklusiven Perspektive heraus bedeutet ˆgÀph besonders die christliche Liebe im aktiven wie im passiven Sinn. 1
1.2 Der Begriff des šrvw
Bei dem Wort šrvw ist das Bedeutungsfeld umfassender gespannt als bei der ˆgÀph. \¸Ervw umschreibt die Liebe allgemein und deutet besonders auf die sinnliche Liebe hin und bezeichnet somit eine bestimmte Vorstellung der
1 Weitere Verwendungen für ˆgÀph sind die so genannte Liebesmahlfeier der Christen und die Baptistische Liebesmahlfeier; Außerdem nennt sich ein von der Glaubensgemeinschaft der Waldenser gegründeter Ort nahe Turin ˆgÀph.
3
menschlichen Liebe. Im platonischen Sinn meint er Liebeshändel und übertragen Lust und Verlangen. Als Gegenstand der Liebe und als Liebesgott, dem Sohn der Aphrodite, wird šrvw im antiken Griechenland bezeichnet.
1.3 Der Begriff des amor
Amor stellt das lateinische Pendant zu šrvw dar. Es bezeichnet den Liebesbegriff allgemein, meint platonisch Liebeleien, Liebschaften, Liebkosungen, Liebesempfindungen, Lust, Begierde, Leidenschaft, Trieb, Liebling, Geliebter; Meint den Liebesgott Amor und wird in der Poesie als „lusor amorum“ 2 bezeichnet.
1.4 Der Begriff der caritas
Caritas kommt aus der römischen Handelssprache und bedeutet dort hoher Preis, Teuerung. Davon abgeleitet werden Hochachtung, Wertschätzung und Liebe. Später wurde mit caritas die christliche Nächstenliebe und der Liebesdienst bezeichnet.
1.5 Der Begriff der Liebe
Unser deutsches Wort Liebe greift in seinen Bezeichnungen antike Bedeutungen auf; jedoch ist es schwieriger eine eindeutige Umschreibung dafür zu finden. Liebe kann im engeren Sinn als Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch für einen anderen Menschen empfindet, dienen. Hier bedeutet Liebe ein Gefühl, eine innere Haltung positiver, inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person, die einen Zweck oder Nutzzweck in einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt; Durch eine tätige Zuwendung zum „Gegenstand“ des Geliebten, drückt sie sich aus.
Umgangssprachlich bezeichnet Liebe eine oder mehrere Liebschaften und meint auch „jemanden gern haben“. Mit Liebe wird in unserer Sprache auch die sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen ausgedrückt: „Wir lieben uns“, im Sinne von: „Wir haben sexuellen Beischlaf“. Liebe in der deutschen Sprache drückt eine Beziehung zu einer Person oder Sache aus: „Ich habe eine be-
2 Liebeslied.
4
stimmte Speise oder Fernsehserie gern; Ich fühle mich zu einer Institution oder Gemeinschaft besonders hingezogen und vertrete ihre Meinung“ etc. Durch die Herausstellung dieser verschiedensten Begrifflichkeiten von Liebe wird nur ein geringer Teil des Bedeutungsspektrums abgedeckt. \AgÀph und šrvw waren für die antiken Schriftsteller und somit auch für Platon bekannt. So möchte ich im zweiten Teil dieser Arbeit den šrvw-Begriff in den Schriften Platons besonders im Phaidros und im Symposion näher beleuchten.
5
2. Der šrvw-Begriff Platons 2.1 Zur Person Platons
Platon ist aus ältestem athenischen Adel 427 v. Chr. geboren. Nach den Umständen, die mit dem Tod des Sokrates einhergingen, flieht er nach Megara zu Eukleides. In den Jahren 395/394 a. Chr. n. kehrt er wieder in seine Heimat zurück und beteiligt sich aktiv am korinthischen Krieg. Nach seiner militärischen Tätigkeit begibt er sich von 390 bis 388 a. Chr. n. auf Reisen. Er trifft auf dem Weg von Ägypten über Kyrene nach Tarent auf Archytas und „tritt mit diesem in freundschaftliche Verbindung“. 3 Platon erwarb später einen Garten beim Heiligtum des Heros Akademos und gründete dort 387 a. Chr. n. seine Philosophenschule, die Akademie. Gelehrt wurden an der „ersten Universität Europas“ 4 Philosophie, Mathematik, Astronomie, Zoologie und Botanik. „ Mhdeäw ˆgevmÛtrhtow eŒsÝtv“ 5 stellte die Inschrift über dem Eingang der Akademie dar und umschrieb den Lehrinhalt, der dort vermittelt wurde. Im Jahre 347 a. Chr. n. ist er gestorben und die Legende hat ihn „sofort nach seinem Tod verklärt und als Sohn Apollos dargestellt.“ 6
2.2 Phaidros
2.2.1 Einordnung des Werkes
Die schriftstellerische Tätigkeit Platons erstreckt sich über einen Zeitraum von 50 Jahren. Seine Schriften sind in vier Lebensbereiche eingeteilt: Es sind dies die Schriften der Jugendzeit, der Übergangszeit, des reifen Mannesalters und die Alterswerke. Das hier zu behandelnde Werk fällt in die Zeit der Reife. Es befasst sich dem ersten Anschein nach mit dem Thema der Rhetorik; Jedoch lässt sich im Phaidros, wie es Johannes Hirschberger in seiner Philosophiegeschichte anmerkt, ein „Kompendium der gesamten platonischen Philosophie“ 7 feststellen.
3 Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie, Bd. I: Altertum und Mittelalter, 73.
4 Ebd. 73.
5 Ebd. 74.
6 Ebd. 74.
7 Ebd. 75.
6
2.2.2 Wesen des Werkes
Platons Phaidros lässt sich in drei Bereiche einteilen: Den ersten Teil bildet das Vorgespräch außerhalb der Stadtmauer am Bach Illysos über den Mythos vom Wesen der Seele anhand der Rede des Lysias, die Phaidros vorträgt. In dieser Vorrede rät jemand - „ein nicht verliebter Hofmacher“ - nicht mit einem Verliebten, sondern mit einem Nichtverliebten in Freundschaft zu sein, da ein solcher Mensch zuverlässiger sei.
Als zweiten Teil treten die zwei Reden des Sokrates in den Mittelpunkt. Die erste Rede ist formal und inhaltlich schlecht und man soll nach einer Freundschaft mit dem Nichtverliebten streben. Die zweite ist formal gut jedoch inhaltlich schlecht und die Freundschaft soll mit einem Verliebten gehalten werden. In dieser zweiten Sokratesrede wird ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele vorgetragen. Dieser findet seinen Grund in der Begebenheit, dass das stets Bewegte unsterblich ist. Diese Seele eines Lebewesens bewegt dieses und sich selbst. Sie kann sich als bewegendes Prinzip nie selbst verlassen und gilt daher als unsterblich. Diese ist inhaltlich und formal gut und handelt von der ˆnÀmnhsiw. Beide Reden, die von Sokrates gehalten werden, handeln von der Selbsterkenntnis.
Den dritten Bereich bildet ein Dialog zwischen Phaidros und Sokrates über die Rede allgemein. In dieser Unterhaltung beweist Sokrates, dass ein wahrer Redner vollkommener Psychologe und Philosoph sein muss, da er die Seele der Zuhörer in allen ihren Teilen kennen sollte.
2.2.3 Der šrvw-Begriff im Phaidros
Sokrates beginnt seine erste Rede mit einer Anrufung der Musen. Danach führt er die Begebenheit aus, dass ein sehr hübscher Jüngling viele Liebhaber hatte jedoch schon mit einem anderen fest verliebt sei. Mit einer Lüge will einer von den Vielen sich einreden, dass „man dem Nichtverliebten vor dem Verliebten
7
sich gefällig zeigen müsse“. 8 Sokrates sieht darin ein Problem in der korrekten Absprache darüber, wie man sich verständigen müsse, um darauf über etwas zu sprechen: „Als ob sie es nun wüssten, verständigen sie sich nicht im Anfang der Untersuchung darüber, und indem sie weitergehen, bezahlen sie die gebührende Strafe“. 9
Auf diese Feststellung hin gibt Sokrates seinem Zuhörer eine Definition der Liebe.
„Sondern da nur dir und mir die Frage vorliegt, ob man lieber mit dem Verliebten oder einem, der es nicht ist, ein Verhältnis der Freundschaft eingehen solle, so wollen wir zuvor über die Liebe, was sie sei und welche Kraft sie habe, zur Verständigung eine Bestimmung festsetzen und im Hinblick hierauf und mit Beziehung hierauf die Untersu-
chung anstellen, ob sie Nutzen oder ob sie Schaden bringe.“ 10
Die Liebe ist eine Begierde; und das ist jedem klar, erläutert Sokrates und eine weitere Feststellung ist auch, dass Nichtverliebte der schönen Knaben begehren. Nach Sokrates gibt es im Menschen zwei Begierden: Die erste ist die natürliche Begierde nach Vergnügen. Die zweite ist eine erworbene, auf das Gute gerichtete Denkweise. Leitet uns die Denkweise durch eine gewisse Vernunft zum Guten, bekommt diese Kraft den Namen Begierde; Treibt sie den Menschen jedoch zu vernunftlosen Vergnügungen, wird sie mit Ausschweifung betitelt.
Im Anschluss daran versucht Sokrates eine Definition für Begierde zu finden. Geben wir uns der Schlemmerei und Völlerei hin, scheinen wir zu einem Schlemmenden geworden zu sein, ebenso verhält es sich mit übermäßigem Genuss von Alkohol, da wir dadurch zu einem Trinker degradiert werden. Interessanter hingegen ist die Definition im Hinblick auf die Liebe: „Die Begierde nämlich, welche, […], zur Lust an der Schönheit verleitet und sofort von den ihr verwandten Begierden zur Schönheit des Leibes mit lebendiger Kraft getrieben
wird, […], hat eben von diesem lebenskräftigen Triebe den Namen und heißt Liebe.“ 11 Hinter jedem Begriff verbirgt sich sowohl etwas Positives als auch Negatives. So wird uns im Anschluss daran der Nutzen und Schaden von Begierde und
8 Platon: Phaidros. In: Dichtung der Antike. Ausgewählt von Mark Lehmstedt, 11.
9 Ebd. 11.
10 Ebd. 11.
11 Ebd. 12.
8
Liebe gegeben. Der Liebling wird geringer gemacht und dies in der Rede als Aufstieg von unten nach oben dargestellt:
„Welcher Nutzen oder Schaden sich sowohl von dem Verliebten als von dem, der es nicht ist, wahrscheinlicherweise für den ergeben werde, der sich gefällig erzeigt. Gewiss ist es nun für den von der Begierde Beherrschten und der Lust Dienenden doch wohl eine Notwendigkeit, den Geliebten so angenehm als möglich zuzubereiten. […] Weder besser also noch sich gleich wird der Liebhaber den Liebling gerne haben mögen, wohl
aber suchen, ihn immer geringer und mangelhafter zu machen.“ 12 Wenn davon der Geliebte betroffen ist, wird der Liebhaber Freude daran haben bzw. diese Freude ihm selbst bereiten oder einfach auf das Angenehme zu verzichten. Dieser soll seinen Liebling auch von der göttlichen Philosophie fernhalten, da das Geistesleben für einen Mann, der Liebe hegt, nicht förderlich ist und somit das Angenehme nicht immer das Gute sei.
Auch klärt Sokrates die Frage, welchen Nutzen oder Schaden es mit sich bringt, wenn man sich mit dem Umgang oder der Leitung eines Verliebten mit Blick auf den Besitz beschäftigt. Dem Liebhaber kann es nur gut und recht sein, wenn „der Geliebte von den teuersten und holdesten und göttlichsten Besitztümern entblößt sein möchte.“ 13 Diese wichtigen Besitztümer sind in den Augen des Liebenden nur Störfaktoren für seine Beziehung, da er „Vater, Mutter, Anver-wandte und Freunde als Störer und Tadler des angenehmsten Verkehrs mit ihm betrachtet.“ 14 Auch soll sein Liebster möglichst lange ehelos bleiben, keine Kinder haben und kein eigenes Hauswesen führen, um dem Liebhaber dieses Süße möglichst lange zu erhalten. Mit dem Hinweis auf das Alter weist der Redner Sokrates auf die Unannehmlichkeiten, die ein Liebhaber für seinen Liebling haben kann, hin, da sich „Gleich und Gleich gern gesellt.“ 15 Diese Gleichheit im Alter bewirkt durch die Ähnlichkeit Freundschaft, da der Ältere den Jüngeren weder bei Tag noch bei Nacht verlässt und von einem inneren Drang und Stachel getrieben wird, der gewisse Vergnügungen bereitet. Aus dieser Begebenheit heraus wird der Ältere dem Jüngeren mit Lust dienstbar und bereitet damit dem Geliebten Befriedigung und Vergnügungen, damit er das Alter des Lieben-
12 Ebd.12.
13 Ebd. 13.
14 Ebd. 13.
15 Ebd. 14.
9
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Martin Baier, 2006, Der platonische Begriff des Eros im Vergleich mit dem christlichen Liebesbegriff, München, GRIN Verlag GmbH
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