Universität Hannover Seminar für Deutsche Literatur und Sprache Einführung in die Literaturwissenschaft II WS 2002/2003
Glaubensfestigkeit und Konfessionsverlust
in Andreas Gryphius „Threnen des Vatterlandes / Anno 1636“
M. Bauer
Hannover
2
1. Einleitung 3
2. Das Sonett 4
2.1 Strukturanalyse 4
2.2 Die Wirkung des Religionskrieges 6
2.3 Glaubensfestigkeit und konfessionelle
Indifferenz - Ein Widerspruch? 10
3. Zusammenfassung 14
4. Literatur 16
3
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit einem typischen Gedicht des Barock, dem Sonett „Threnen des Vatterlandes / Anno 1636“, das der Autor Andreas Gryphius unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges schrieb. Zentrales Thema, wie bei vielen Gedichten des Barock, insbesondere bei Gryphius, ist die Vergänglichkeit des irdischen Glücks. Die Kriegsgräuel, die im Namen der Religion von allen politisch-konfessionellen Kriegsparteien begangen wurden, stellen für die religiösen Menschen dieser Zeit den christlichen Glauben in frage. Die Gegner im Religionskrieg verursachten im Namen der Religion apokalyptische Kriegsauswirkungen. Vor diesem Hintergrund kann das Sonett als Aufforderung zur Glaubensfestigkeit verstanden werden. 1 Für die betroffenen Menschen müssen diese apokalyptischen Taten im Namen des Glaubens ein kaum zu überwindender Widerspruch gewesen sein. Wird dieser Widerspruch, der die Unsicherheit im Glauben verursacht, vom Autor aufgelöst?
Die Frage stellt sich nach der „Rolle“ des Autors. Der Widerspruch zwischen dem Festhalten an der christlichen Heilslehre einerseits und der Erschütterung der Glaubensfestigkeit durch den Konfessionskrieg andererseits, muss sich auch Gryphius selber stellen. Muss sich also der Autor durch sein Gedicht der eigenen Glaubensfestigkeit versichern? Ob dieser Widerspruch vielleicht auch nur scheinbar für den heutigen Leser vorhanden ist, soll untersucht und mögliche Antworten aufgezeigt werden. Darüber hinaus werde ich auf den strukturellen Aufbau und verwendete barocke Stilmittel eingehen und deren Wirkung auf Adressaten, sowie den Zusammenhang mit dem vorherrschenden Thema, der Vanitas aufzeigen.
1 Vgl. Kenkel, Konrad: „Was liefert dir die Welt? Rauch, Nebel und Gedichte“. Zur Lyrik des Andreas Gryphius. In: Text + Kritik 7/8 (1980). S.93.
4
2. Das Sonett
Threnen des Vatterlandes / Anno 1636 2
Wir sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret! Der frechen völcker schaar / die rasende posaun Das vom blutt fette schwerdt / die donnernde Carthaun Hatt aller schweis / vndt fleis / vndt vorraht auff gezehret. Die türme stehn in glutt / die Kirch ist vmgekehret. Das Rahthaus ligt im graus / die starcken sind zerhawn. Die Jungfrawn sindt geschändt / vndt wo wir hin nur schawn Ist fewer / pest / vnd todt der hertz vndt geist durchfehret. Hier durch die schantz vnd Stadt / rint alzeit frisches blutt. Dreymall sindt schon sechs jahr als unser ströme flutt Von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen. Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt. Was grimmer den die pest / vndt glutt vndt hungers noth Das nun der Selen schatz / so vielen abgezwungen.
2.1 Strukturanalyse
Das Gedicht „Threnen des Vatterlandes / Anno 1636“ ist ein Alexandrinersonett, ein vierzehnzeiliges Gedicht, das in zwei ungleiche Teile zu acht bzw. sechs Verse zerfällt. Diese Teile sind wiederum in zwei gleiche Hälften zu je vier bzw. drei Verse geteilt. Das Sonett besteht also aus zwei Quartette (Vierzeiler) und zwei Terzette (Dreizeiler). Da die Abschnitte ungleich sind, handelt es sich streng genommen nicht um Strophen. 3
Die Verbindung zwischen beiden Quartetten und zwischen den beiden Terzetten wird jeweils durch gleiche Zeilenzahl hergestellt.
In beiden Vierzeilern werden die Reime wiederholt. Diese äußerliche Struktur soll beim Sonett auch den Inhalt wiedergeben, der in beiden Abschnitten die Kriegsfolgen beschreibt. In der Struktur der Vierzeiler setzte sich der doppelte Blockreim (abba abba) gegenüber den ursprünglichen, in der italienischen
2 Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke, Hrsg. von Marian Szyrocki und Hugh Powell, Tübingen 1963, S.48.
3 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: Metzler 1997, S. 119.
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Diplom-Berufspädagoge Maik Bauer, 2003, Glaubensfestigkeit und Konfessionsverlust in Andreas Gryphius Threnen des Vatterlandes / Anno 1636, München, GRIN Verlag GmbH
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