Inhalt
Hinweise zum Gebrauch des Textes
1. Einige Worte zuvor
2. Schon die alten Griechen
3. Grundfragen
3.1. In welchem Maß entsprechen unsere Vorstellung und
unser Wissen von der Welt der Wirklichkeit?
3.1.1. Was ist Wissen?
3.1.2. Was ist Wahrheit?
3.1.3. Gibt es eine Außenwelt oder wie wirklich ist die Wirklichkeit?
3.2. Wie natürlich ist unsere Moral und die daraus resultierende Ethik?
3.3. Wie realitätsbezogen sind unsere menschlichen Hoffnungen, Wünsche
und der religiöse Glaube?
3.4. Gibt es einen Lebenssinn?
4. Perspektiven
4.1. Manchmal ist weniger mehr
4.2. Ich sehe was, was du nicht siehst
4.3. Der Trost des religiösen Glaubens und die Nützlichkeit
wissenschaftlicher Hypothesen.
4.4. Ohne Alternative: Der kritische Gebrauch der Vernunft.
5. Glossar
6. Verzeichnis der Abbildungen
7. Literatur- und Quellenangaben
8. Personenregister
9. Sach- und Stichwortverzeichnis
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Hinweise zum Gebrauch des Textes
Fremdwörter und nicht in der Alltagssprache verwendete Begriffe werden - sofern sie nicht im Textzusammenhang erklärt werden - noch einmal gesondert im Kap.5 erläutert. Ein Verzeichnis der Abbildungen befindet sich in Kap.6. Den Zitaten vor den einzelnen Kapiteln sind die Bilder bzw. Fotos derjenigen Persönlichkeiten zugeordnet, von denen die Zitate stammen. Textstellen aus den Werken anderer Autoren werden durch „Anführungszeichen“ gekennzeichnet. Ausdrücke oder Zitate nicht deutscher Sprache sind zusätzlich kursiv gedruckt. Dabei wird möglichst immer ein Hinweis auf den Ursprung des Zitates oder die verwendete Literatur gegeben (Kap.7).
Die im Text genannte Personen finden sich im Kap.8 mit der entsprechenden Seitenangabe. Bei der ersten Nennung einer Persönlichkeit wird im Text jeweils das Geburts- und Todesjahr (soweit bekannt) in Klammern hinter den Namen gesetzt.
Im Text vorkommende wichtige Begriffe finden sich mit entsprechender Seitenangabe im Kap.9.
Abkürzungen:
allgem.
amer. Anm.
Aufl. awest. begr.
biol. buddh. ca.
chin. christl.
d.h. div.
= diverse
dor.
= dorisch
dt.
= deutsch
EA
engl. etc. ev. frz. gr.
hebr. hind.
= hinduistisch Hrsg. / hrsg. v.
= Herausgeber / herausgegeben von 3
islam.
= islamisch
jap.
Jh. jur.
Kap. kath. lat.
= lateinisch
med.
= medizinisch
milit.
= militärisch
moral.
= moralisch
n.
= nach
o.ä.
o.J. o.O. orthod. philos.
physik. polit. poln. prakt. psychol. relig. röm. s.
= siehe
sanskr.
= sanskrit
soz.
= sozial
techn.
= technisch
u.
= und
u.a.
= unter anderem
übertr.
urspr. u.v.a.m. v.Chr. / n.Chr.
= vor Christi Geburt bzw. vor unserer Zeitrechnung / nach Christi Geburt
veralt.
= veraltet
vgl.
wiss. wörtl.
= wörtlich
zit.n.
= zitiert nach
z.B.
z.T. 4
1. Einige Worte zuvor
Der an den Sinnfragen des Lebens interessierte kritische Leser soll bei der Lektüre dieses Buches in verständlicher Sprache mit der Problematik subjektiver Wahrnehmungsfähigkeit und menschlichen Erkenntnisvermögens konfrontiert und mit den diesbezüglichen Ergebnissen biologisch-medizinischen, psychologischen und philosophischen Forschens vertraut gemacht werden. Der Autor möchte deutlich machen, wie subjektiv und individuell die Weltsicht jedes einzelnen Menschen ist. Anhand vieler Beispiele wird gezeigt, dass die Umwelt „in Wirklichkeit“ wohl ganz anders ist, als wir sie mit den Sinnen wahrnehmen. Der Begriff „Wirklichkeit“ beinhaltet je nach Standpunkt eine Anzahl verschiedener Bedeutungen (J. Hoffmeister, 1955; G. Schischkoff, 1991). Der deutsche Ausdruck wurde von dem Mystiker Johann Eckhart (um 1260-1327) als Übersetzung des lateinischen Wortes actualitas geprägt, also dessen was wirkt, bzw. wirksam geworden ist, damit ins Dasein tritt und existiert. So enthält das Wort im deutschen Sprachgebrauch als wesentlichen Anteil die „Wirksamkeit“ oder das „Wirken“, wogegen „Wirklichkeit“ im Altgriechischen (alethea) und Lateinischen (res verae, verum, veritas) eher mit „Wahrheit“, im Französischen (realité) und im Englischen (reality) mit „Realität“ übersetzt wird. Im Deutschen unterscheidet sich die Wahrheit von der Wirklichkeit dadurch, dass sie an die Evidenz (lat. evidens = herausscheinend), also das Augenscheinliche und Einleuchtende gebunden ist, nicht an das Wirken. Die Realität hebt sich von der Wahrheit dadurch ab, dass sie auch das Mögliche enthält. So steht die Wirklichkeit im philosophischen Sprachgebrauch sowohl im Gegensatz zum bloß Scheinbaren als auch zum bloß Möglichen. Mit reiner Vorstellung oder Einbildung hat Wirklichkeit im Sprachgebrauch eigentlich nichts zu tun. Sollte dies aber dennoch der Fall sein, spricht man im allgemeinen von Schein, Täuschung oder Illusion (lat. illusio). Dass aber im täglichen Leben Wirklichkeit und Illusion selten einer strengen Trennung unterliegen, die Begriffe nicht nur gelegentlich verwechselt werden und nicht selten Täuschungen für Tatsachen, Schein für objektiv Seiendes gehalten wird, soll in diesem Buch dargestellt werden.
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Der vorliegende Text soll erstens deutlich machen, was Menschen auf den ersten Blick oftmals unter „Wirklichkeit“ verstehen, und zweitens zeigen, wie weit entfernt diese Alltagsvorstellung von objektiver Realität ist. Dabei ergeben sich mancherlei Fragen: Ist uns überhaupt objektive Erkenntnis, sicheres Wissen über die Welt mit Hilfe von Wahrnehmung und Verstand möglich? Ist Erkenntnis ein Gegenstand der Philosophie oder der Naturwissenschaften? Ist das, was wir zu wissen glauben, tatsächlich wahr? Oder machen wir uns Illusionen und konstruieren lediglich eine subjektive Schein-Wirklichkeit? Haben Moral und Ethik etwas mit vorgegebener Natürlichkeit zu tun oder sind auch sie Produkte menschlichen Erfindungsgeistes? Orientieren sich unsere verschiedenen Glaubenssysteme und Religionen an der Wirklichkeit oder sind sie nur Bezugspunkte für menschliche Ängste und Hoffnungen? Bestimmen Tatsachen oder Wunschdenken unser Weltbild? Und schließlich: wie beantworte ich mit den gewonnenen Erkenntnissen die Sinnfrage meines eigenen Lebens?
Unter den Oberbegriffen „Erkenntnistheorie“ (bzw. „Epistemologie“ oder „Gnoseologie“) und „Kognitionswissenschaft“ gibt es für Fach-Philosophen und Naturwissenschaftler eine große Anzahl von Arbeiten, welche sich mit den oben angesprochenen Fragen beschäftigen. Oft sind diese Veröffentlichungen umfangreich und aufgrund der Kompliziertheit der angesprochenen Thematik für „Normalbürger“ und „Hobby-Philosophen“ recht schwer zu lesen. Hier möchte das vorliegende Buch mit dem Bemühen um eine verständliche Ausdrucksweise und durch die Beschränkung auf Wesentliches eine Lücke schließen. Fremdwörter und Fachbegriffe werden im Anhang (Kap. 5) noch einmal gesondert erklärt. In der Erkenntnistheorie wird nicht wie in den empirischen Wissenschaften gefragt „Wie sieht die Welt aus?“, sondern „Wie sieht unser Wissen von der Welt aus?“. Bei der Erkenntnistheorie handelt es sich also um eine Theorie des Wissens und somit um eine typische Metadisziplin. Wissenschaftliche Forschungen, die sich zumeist in schriftlichen Veröffentlichungen niederschlagen, sind - genauso wie zum Beispiel Geschichte - ein Teil der Literatur. Ebenso sind Erkenntnistheorien keine unzweifelhaften Wahrheiten, sondern nichts anderes als sprachlich formulierte Ansichten über Erkenntnis, mit denen der Anspruch auf die Gültigkeit von bestimmten Behauptungen untermauert werden soll. Der Autor möchte vermitteln, was er von der gegenwärtigen Realismus-Debatte für interessant was er auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie für wichtig hält. Um durch Vielfalt nicht zu verwirren, werden bewusst Lücken gelassen und Akzente gesetzt. Trotzdem ist es für das Verständnis der angesprochenen Problematik und zur Orientierung unverzichtbar, zunächst eine - wenn auch möglichst kurzgefasste - Darstellung der erkenntnistheoretischen Geistesgeschichte Europas anzubieten (Kap. 2). Hier kann der Leser feststellen, wie viele Persönlichkeiten sich über die oben skizzierten Fragen Gedanken gemacht und so auch unsere Urteile über die Welt beeinflusst haben. Die Literaturhinweise (Kap. 7) bieten die Möglichkeit, sich mit dem Denken einzelner Autoren noch besser bekannt zu machen und bestimmte Themen weiter vertiefen zu können.
Zunächst kurz zu dem Begriff „Erkenntnis“. Das Wort weist nämlich eine gewisse Doppeldeutigkeit auf. Mit „Erkenntnis“ kann man sowohl einen Prozess oder Vorgang (nämlich den des Erkennens) meinen, als auch ein Resultat bezeichnen (nämlich das positive Ergebnis, den Erfolg von Erkenntnisbemühungen: das Wissen). In der Antike meint Erkenntnis noch allein das Wissen um das „Wesen der Dinge“. Heute betrachtet man Erkenntnis meist unter dem Aspekt der Nützlichkeit für die praktische Anwendung.
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Grundlegend für alle Erkenntnisambitionen über das Wesen der Dinge, die „Wirklichkeit der Welt“ und die Struktur zu lösender Probleme sind folgende Fragen: Was ist Wissen, können wir überhaupt wahres Wissen erlangen - und wenn ja, wie - und wenn nein, warum nicht? Wie gelangen wir zu Wissen? Welche Probleme lassen sich damit lösen? Schließlich, wo sind die Grenzen des menschlichen Wissens?
Heute ist man - wie gesagt - im allgemeinen weniger an dem „Wesen der Dinge“ interessiert. Man legt den Schwerpunkt mehr auf eine Erkenntnis, welche ein praktisches Wissen (engl. know how) vermittelt. Von Erkennen spricht man überwiegend dort, „wo bezogen auf ein Wissen, auf eine zu beantwortende Frage oder auf ein zu lösendes Problem eine Antwort, eine Lösung und in diesem Sinne ein erfolgreicher Abschluss einer Bemühung gelingt“ (P. Janich, 2000). Ähnlich pragmatisch lässt sich Erkenntnis definieren als die „Fähigkeit zu unterscheiden, welcher Informationsstand für die Lösung eines wichtigen Problems relevant ist“ (N. Postman, 1999).
Bei den folgenden Erörterungen wollen wir uns nicht um formale Erkenntnis kümmern, wie sie in der Logik, der Mathematik und anderen Strukturwissenschaften angestrebt wird. Uns geht es in erster Linie um faktische Erkenntnis, um Wirklichkeitserkenntnis, um die Erkenntnis der realen Welt.
Hier im Text wird „Erkenntnis“ - soweit nicht anders vermerkt - in der allgemeinen Bedeutung von „Wissen“ - und zwar menschliches Wissen - verwendet. Dabei wird sowohl der philosophische als auch der wissenschaftliche Aspekt von „Wissen“ berücksichtigt: im Sinne von „kennen“ das, was eine Sache ausmacht (engl. knowing that), als auch im Sinne von „können“ das, wie man etwas tut (engl. knowing how). Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit wir uns mit unserer Weltsicht an objektiver Wirklichkeit oder an subjektiven Denkkonstruktionen orientieren und warum wir oftmals trotz besseren „Wissens“ manche Ergebnisse des Nach-Denkens und des wissenschaftlichen Forschens ignorieren. Dabei sollen auch die Motive moralischer, religiöser oder mystischer „Erkenntnis“ kritisch beleuchtet werden. Wohin uns Vorurteile im Denken, menschliche Überheblichkeit und ein auf ungebremsten technischen Fortschritt setzendes Tun führt, wird an einigen Beispielen gezeigt. Einsichten, denen keineswegs der Rang ethischer „Erkenntnis“ zugebilligt wird, werden in Beziehung zur heutigen Moral gestellt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen diskutiert. Obwohl es in diesem Buch in erster Linie um die Beziehungen zwischen objektiver Realität und subjektiver Sicht geht, wird sich nicht nur auf die speziellen Fragen der Erkenntnistheorie nach dem Wissen beschränkt. Zusätzlich wird danach gefragt, wie Menschen denn mit diesem Wissen umgehen und welche Bedeutung dieses Wissen für ihren Alltag, ihre Hoffnungen und ihr Handeln hat. Letztlich geht es darum zu klären, welchen Sinn Erkenntnisse dem Leben geben können.
Der Autor wird im Text eine Reihe kritischer Anmerkungen machen, gelegentlich abschweifen und auch eigene Meinungen äußern. Das ist beabsichtigt. Trotzdem wird damit kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbunden. Es liegt in der Natur der Sache, dass Aussagen schon allein durch die Auswahl der behandelten Themen und durch Schwerpunkte, welche gesetzt werden, subjektiv sind. Ebenso lassen sich Wiederholungen früher schon geäußerter Gedanken (1998, 2001) nicht ganz vermeiden.
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Für diverse Denkanstöße im Rahmen manch‘ anregender Gespräche in den vergangenen Jahren sei an dieser Stelle den Freunden aus unserem philosophischen Gesprächkreis in Höxter gedankt: Dr. Jochen Faig, Dipl.Päd. Hans-Jürgen Kiesel, Dr. Anton Linzner, Dr. Christian Mignat und Dr. Wolfgang Unger.
Der Verfasser ist sich durchaus der Unzulänglichkeiten bewusst, welche in Kauf genommen werden müssen, wenn man sich als philosophischer Laie an die Bearbeitung eines so komplexen Themas wagt. Gleichzeitig jedoch hofft er, mit seiner Art und Weise der Erörterung epistemologischer Fragen auch bei anderen Hobby-Philosophen Interesse zu wecken und Denkanstöße zu geben, Zustimmung aber auch Widerspruch zu ernten. Dem Verfasser erscheint es besonders wünschenswert, wenn das vorliegende Buch auch für andere Sichtweisen als die seinen Raum lässt und die Leser dazu anregen kann, bestimmte Gewissheiten in Frage zu stellen. Man soll berücksichtigen, dass die vorliegende Abhandlung ein Versuch ist, auf allgemeinverständliche Weise den erheblichen Unterschied zwischen einer objektiven Wirklichkeit und der Illusion in unserem Denken und Empfinden zu verdeutlichen. Kritisch gesehen handelt es sich bei dieser Darstellung ja auch nur um eine subjektive Beschreibung der Wirklichkeitssicht des Autors!
Höxter, im Januar 2008
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2. Schon die alten Griechen ...
Wenn Menschen nach Erkenntnis streben, möchten sie meistens die Wahrheit über irgendwelche realen Zusammenhänge herausbekommen. Sie wollen ein möglichst sicheres Wissen von einer Sache oder einem Problem erwerben, um sich so eine richtige Überzeugung bezüglich bestimmter Bereiche der Wirklichkeit bilden zu können. Das Bemühen zu erkennen, wie die Welt wirklich ist, und zu erklären, was hinter dem allen steckt, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, gibt es seit den Anfängen reflektierenden menschlichen Denkens. Zeugnis davon geben uns sowohl der vor etwa 4500 Jahren in Bildern strukturierte Sternenhimmel der Sumerer als auch alte Schriften aus Ägypten, Indien, Mesopotamien, Palästina und China (z.B. die Grabschriften in den Pyramiden der V. und VI. Dynastie, ca. 2600-2300 v.Chr.; die Rigveda-Hymnen, ca. 2000-1500 v.Chr.; das Gilgamesch-Epos, ca. 1200 v.Chr.; das Alte Testament der Bibel, ca. 1100 v.Chr.; das „Buch der Wandlungen“ - I Ging, ca. 1100 v.Chr.).
Der Begriff „Erkenntnistheorie“ taucht in der deutschen Literatur erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf (A. Diemer, 1972). Einen Vorläufer dieses Begriffes kann man allerdings bereits in der „Wissenschaftslehre“ Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) sehen. Die ersten Fragen über Erkenntnis in der europäischen Geistesgeschichte stellen jedoch schon über 2000 Jahre zuvor in der griechischen Antike Leute, die man - da sie vor Sokrates leben - später als „Vorsokratiker“ bezeichnet hat. Diese Vorsokratiker sind Männer aus Milet, wie z.B. Thales (ca. 625-545 v.Chr.), der von seinen Landsleuten als ältester der „Sieben Weisen“ verehrt wird. Thales gilt als der Begründer der Philosophie, da er als erster ein Urprinzip (gr. arche) des Ganzen annimmt, nämlich das Wasser. Weitere bedeutende Vorsokratiker sind Anaximander (ca. 610-545 v.Chr.) und Anaximenes (ca. 584-525 v.Chr.). Der erstgenannte von beiden entwickelt die erste Sonnenuhr in Griechenland und macht u.a. den Versuch, eine Erdkarte zu zeichnen, um so ein abstraktes Bild der Erde zu entwerfen. Leute wie Anaximander und Anaximenes hat man auch Kosmonologen oder Hylozoisten genannt (gr. kosmos = wörtl.: geordnetes Gebiet, übertr. Ordnung; logos = wörtl.: Wort, Rede, Sprache, übertr. Gedanke, Begriff, Vernunft, Sinn; gr. hyle = Materie, zoe = Leben). Erwähnt werden müssen auch Pythagoras aus Samos (ca. 575-500 v.Chr.), Heraklit aus Ephesus (ca. 550-480 v.Chr.), Empedokles aus Arigent (ca. 490-430 v.Chr.) und Anaxagoras aus Klazomenae (ca. 500-428 v.Chr.). Ebenfalls zählen Demokrit (ca. 460-370 v.Chr.) und Protagoras aus Abdera
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(ca. 480-410 v.Chr.) zu den wichtigen Denkern dieser Ära. Sie alle bezeichnen sich noch nicht als „Philosophen“, denn dieses Wort (gr. philos = Freund, sophos = Klugheit, Weisheit) wird erst nach ihrer Zeit erfunden (W. Pape, 1908). Die Vorsokratiker setzen an Stelle „außerirdischer“ mythischer Deutungen vom Wirken der Götter rationell begründete „innerweltliche“ Erklärungen. Der Anfang der Philosophie ist somit zugleich der Beginn wissenschaftlichen vernunftgesteuerten Denkens. So sehen wir heute diese Persönlichkeiten des antiken Griechenlands wegen der von ihnen begründeten mathematischnaturwissenschaftlichen Grundsätze weniger als Philosophen, denn als Wissenschaftler an. In der Antike ist allerdings „Philosophie“ noch eine Sammelbezeichnung für alle Erkenntnisbemühungen einschließlich der Wissenschaften.
Die Vorsokratiker sind sich mancher Hürden und Unzulänglichkeiten ihres Denkens bewusst. So weiß man bereits in der Antike die Sinneswahrnehmung von der Erinnerung oder der Sinnestäuschung zu unterscheiden. Ebenfalls besteht Klarheit über die Problematik von gesicherter Erkenntnis und bloßer Meinung, von Behauptung und Begründung, von Wahrheit und Irrtum, von Glaube und Wissen. Beispielsweise erklärt Demokrit schon im 5. Jahrhundert v.Chr., „dass wir nicht erkennen können, wie in Wirklichkeit ein jedes Ding beschaffen oder nicht beschaffen ist“ (W. Capelle, 1953; H. Diels, 1957). Die Unterscheidung wahrer von scheinbarer Erkenntnis dient in der frühen griechischen Antike dem Bemühen, die Vielfalt des Erkennens auf wenige „Anfänge“, „Gründe“ oder „Ursachen“ (gr. dor. prin) zurückzuführen, möglichst gar auf ein einziges „Prinzip“ zu reduzieren (lat. principium = Anfang).
Die Vorsokratiker wissen - wie gesagt - um die Schwierigkeiten des Erkenntnisgewinns. Sie sind erstaunlich phantasievolle und dennoch bescheidene Leute. Zweieinhalb Jahrtausende vor unserer Zeit stellt Xenophanes (577-485 v.Chr.) z.B. folgendes fest: „Nimmer noch gab es den Mann, und nimmer wird es ihn geben, der die Wahrheit erkannt von den Göttern und allem auf Erden. Denn auch wenn er einmal das Rechte vollkommen getroffen, wüsste er selbst es doch nicht. Denn nur Vermuten (hypothetisches Wissen) ist uns beschieden“ (H. Diels, 1957). Tatsächlich liegt die Bedeutung der vorsokratischen Philosophie weniger in der Richtigkeit der dort entwickelten Hypothesen als in der Erstmaligkeit der erkannten Probleme und dem Mut, mit dem eine Lösung gesucht wird.
Aus dem Staunen über die Welt heraus fragen die Vorsokratiker nach dem Ursprung und geben verschiedene Antworten darüber, welches wohl der Urstoff allen Seins sei. Aus Staunen und Fragen folgt also das Erkennen, doch dann auch - und nun kommt die eigentliche Weisheit! - der Zweifel an dem Erkannten und die kritische Prüfung. Hier, auf dem Nachfragen, auf dem Zweifel, liegt der philosophische (und auch wissenschaftliche) Schwerpunkt des Denkens, da längst nicht alles, was den Anschein von Wahrheit erweckt, auch wahr ist. Letzten Endes entsteht philosophische Erkenntnis somit erst in der gedanklichen Reflexion über das Erkannte. Doch mit dem Versuch die Welt zu begreifen sind auch erste Ansätze verbunden, diese zu verändern und die Natur zu beherrschen. So versteht sich der Mensch selbst, indem er die eigene Umgebung aus Distanz betrachtet, auch nicht mehr unbedingt als Teil einer unveränderlichen Ordnung.
Nach den „Vorsokratikern“ betritt Sokrates aus Athen (469-399 v.Chr.) die philosophische Bühne. Er hinterlässt wie Epiktet, Konfuzius, Buddha oder Jesus keine Schriften. Sokrates’ Denken ist uns dennoch ausführlich aus der Aufzeichnung seiner Dialoge durch seinen Schüler Platon geläufig. Einem Mann wie Sokrates ist keineswegs eine kritische Vorurteilslosigkeit gegenüber der Welt der Wahrnehmung zueigen, wie dies beispielsweise noch bei Protagoras der Fall ist. Er ist aber der Überzeugung, dass Wahrheit und damit auch
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Wirklichkeit dem die Wahrnehmung prüfenden Denken zugänglich sei. Für ihn hat der Sinn der gesprochenen Worte, die Rede (gr. = logos) Wahrheit, ohne selbst Wahrheit zu sein. Er bemüht sich auf dem Athener Markt, im Gespräch mit Menschen verschiedener Meinung das Gemeinsame aufzuzeigen. Durch diese von Zenon aus Elea (ca. 490-430 v. Chr.) begründete „Hebammenkunst“ der Dialektik (gr. dialegestei = sich unterhalten, Rede und Gegenrede führen) versucht Sokrates, das „Wahre“ in der Wahrnehmungswelt zu bestimmen und zu allgemeiner Anerkennung zu bringen. Als erster Philosoph stellt er die Begründungsfrage. Dabei geht es ihm nicht um die faktische, sondern um die begründete Geltung von Tugenden oder Werten. Seine eigene hervorstechende Tugend ist die Tapferkeit, welche sich in der beharrlichen Suche nach der Wahrheit und das bis in den Tod konsequente Eintreten für deren Verwirklichung zeigt. Die Jagd nach dem „Wesen der Dinge“, nach dem „Allgemeinen“, das wir heute gewöhnlich „Begriff“ nennen (vgl. Kap. 3.1.2.), und die Entdeckung, dass eben dieses Allgemeine in der Welt dasjenige ist, wodurch Erkenntnis erst möglich wird, wodurch Wahrgenommenes erst „begriffen“ wird, ist die herausragende Leistung dieses großen Mannes.
Sokrates’ Schüler Platon (427-347 v.Chr.), der eigentlich Aristokles heißt und als Begründer von Logik und Metaphysik gilt, vermutet hinter der Welt der Erscheinungen nicht die objektive Wirklichkeit sondern eine Schein- und Trugwelt. Für ihn sind alle konkreten, sinnlich erfahrbaren Dinge nur das schattenhafte Abbild (gr. eidolon) einer höheren Realität, nämlich der Ideen. Nach Platons Auffassung ist allein die Erkenntnis der Ideen wahre Erkenntnis, während die Erkenntnis der Sinnesdinge trügerisch bleiben muss. Platon, der uns die Dialoge des Sokrates schriftlich übermittelt hat, stellt in einem seiner berühmten Gleichnisse unsere menschliche Weltsicht derjenigen von Kreaturen gleich, die - tief im Dunkel einer Höhle seit Kindheit angekettet - nur in eine Richtung zu blicken vermögen. In ihrer Blickrichtung an der Höhlenwand erscheinen ihnen Schatten von bewegten Figuren, welche durch ein Feuer weit hinter ihnen dorthin projiziert werden. Jene Schatten der am Feuer vorbeigetragenen Gegenstände halten sie für die Dinge selbst. „Auf keine Weise also könnten derartige Menschen etwas anderes für wahr halten als die Schatten der angefertigten Gegenstände“ (Platon, dt. EA 1572; 1925). Einer von ihnen, der die Möglichkeit hätte, von den Fesseln befreit, aus dem Dunkel der Höhle zu gelangen, würde nicht nur durch den Blick ins Licht erst einmal schmerzhaft geblendet werden, meint Platon, er würde auch den Schatten an der Wand zunächst höheren Wahrheitsgehalt einräumen als der Wirklichkeit der Dinge (nämlich den Ideen) selbst. Und sollte dieser Mensch, der das Licht der wahren Welt erblickt hat, zurückkehren zu seinen Leuten in der Höhle und ihnen berichten, was er gesehen habe, würden sie ihm wohl nicht glauben, sondern ihn auslachen. Sollte er aber gar versuchen, die anderen Kreaturen loszubinden und ebenfalls ans Licht der Wirklichkeit zu führen, würde man ihn aus Angst vermutlich töten.
Platons Allegorie spiegelt das Erkenntnisdilemma des Menschen wider. Der springende Punkt, auf welchen im Höhlengleichnis hingewiesen wird, ist die Äquivalenz der Beziehung von Gegenständen zu ihren Schatten mit der Beziehung von der Wirklichkeit zu unserer Vorstellung von derselben. Mit Hilfe der sokratischen „Hebammenkunst“ lassen sich die Bildungsschritte der Höhlengefangenen folgendermaßen strukturieren: das eingebildete Wissen im starren Blick auf die Höhlenwand, das erstrebte Wissen beim Aufstieg aus der Höhle und das erreichte Wissen im Ausblick auf das Ganze, sowie der Wiederabstieg in die mit neuen Augen betrachtete Höhlenwelt als Metapher für die Welt der menschlichen Praxis. Wie das in der Staatsschrift „Politeia“ (dt. EA 1572; 1925) enthaltene Gleichnis deutlich macht, wird Platons Lehre bestimmt durch das Verhältnis von Idee und Erscheinung, wie es übertragen dem Verhältnis von Wissen und Meinung entspricht. Wissen selbst wird aufgeteilt
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in Verstehen (gr. noesis) und Begreifen (gr. dianoia), was heutzutage nach P. Janich am ehesten mit einem zwingenden logischen Begründen sowie einem dialektisch abwägenden Bedenken der Ideen übersetzt werden kann (2000). Nicht nur im „Staat“, ebenso in Dialogen wie Menon und Theaitetos (1973) behandelt Platon typisch epistemologische Fragen. Für Erkenntnis fordert Platon die gelingende Begründung im Unterschied zur bloßen Meinung oder Behauptung, welche auf die Angabe von Gründen verzichtet. Für die Geistesgeschichte Europas ist das Werk Platons von überragender Bedeutung. Nach einem Ausspruch von Alfred North Whitehead (1861-1947) besteht die Denktradition Europas gar „aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon“ (1929). Platon setzt eine unkörperliche Welt (Ideenwelt) als Wirklichkeit, wogegen die wahrnehmbare Welt für ihn lediglich ein Abbild (gr. eidolon) dieses Urbildes (gr. paradigma) ist.
Nicht geringeren Einfluss auf die westliche Denktradition bis zum heutigen Tage hat auch Platons Schüler Aristoteles (384-322 v.Chr.), der die Rolle der Sinne allerdings wesentlich positiver beurteilt als sein Lehrer. Aristoteles wendet sich von der idealistischen Position Platons ab und verlangt dagegen für die beweisende Wissenschaft eine Begründung als Rückführung auf erste zweifelsfreie „Ursachen“ (Grundsätze, Erklärungsprinzipien). Die Spannung im Gegensatz von platonischer Ideenlehre und aristotelischer Erkenntnislehre findet noch in der späten europäischen Philosophie ihren unterschiedlichen Niederschlag (vgl. auch Kap. 3.1.1). Die geistigen Strömungen der Aufklärung und des Rationalismus orientieren sich später in Deutschland mehr am platonischen Idealismus (I. Kant, 1724-1804; G.W. v. Leibniz, 1646-1716; C. Wolff, 1679-1754), in England dagegen eher am aristotelischen Empirismus (T. Hobbes, 1588-1679; D. Hume, 1711-1776; J. Locke, 1632-1704).
Eng verknüpft mit der Suche nach Erkenntnis ist von jeher die Frage „Was ist wahr?“ Hierzu trifft Aristoteles, der auch als Begründer der Logik gilt, bereits im 4. Jh. v. Chr. im IV. Buch seiner „Metaphysik“ (lat. EA 1483, dt. EA 1847; 1989) eine ebenso banale wie grundlegende Feststellung: „Von etwas, das ist, zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen dass es ist, ist falsch; während von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist, ist wahr.“ Bei dieser „Definition“ von Wahrheit ist unschwer einzusehen, dass sie uns bei der praktischen Anwendung, bei der Entscheidung, ob eine Behauptung zutrifft oder nicht, wenig nützt. Hierzu sind, wie wir im Kap. 3.1.2 ausführlich besprechen werden, bestimmte Wahrheitskriterien, das heißt Maßstäbe nötig, die uns im Einzelfall bei dieser Entscheidung helfen können.
Bevor wir uns nun aus der Antike verabschieden, um ins Mittelalter und die Neuzeit weiterzugehen, sei noch kurz die Ansicht der „Skeptiker“ erwähnt, deren Schule auf Phyrron von Elis (ca. 360-270 v. Chr.) zurückgeht und deren bedeutendster Vertreter Sextus Empiricus (Ende des 2. Jh.) ist. Der „absolute Skeptizismus“ verneint kategorisch die Erkenntnismöglichkeit von Wahrheit, Wirklichkeit und allgemein gültigen Normen. Dagegen leugnet die als „partieller Skeptizismus“ bezeichnete Haltung lediglich die dogmatische Erkenntnis bestimmter Bereiche (z.B. religiös-übersinnliche Wahrheiten). Insgesamt prüft die skeptische Erkenntnismethode Wahrheitsansprüche kritisch durch Infragestellung derselben und nicht unter dem Gesichtspunkt der Meinung einer Autorität (T. Grundmann und K. Stüber, 1996). Dieser methodische Skeptizismus findet sich beispielsweise wieder in den Überlegungen von Michel de Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650), Immanuel Kant (1724-1804) sowie David Hume (1711-1776) - (vgl. Kap. 3.1.3). Im Laufe der weiteren historischen Entwicklung wird der von Sokrates, Platon und Aristoteles geöffnete Zugang zu Rationalismus und Aufklärung zunächst für mehr als tausend
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Jahre durch den alleinigen Wahrheitsanspruch der christlichen Religion und der sie verkörpernden, das europäische Mittelalter beherrschenden römischen Kirche versperrt. Die in der griechischen Antike begonnene Auseinandersetzung mit kosmologischen (= die Welt erklärenden) und kosmogonischen (= die Welterzeugung, -schöpfung betreffenden) Mythen (gr. mythos = Erzählung) geht zugunsten einer Lehre verloren, in der die Wahrheit des christlichen Kanons und die Existenz einer gottgegebenen vom Menschen unabhängigen Schöpfung außerhalb jeglicher Diskussion steht. Erkenntnisziel und Erkenntnisgegenstand sind festgelegt. Kritisches Denken oder gar lautes Fragen ist offiziell unerwünscht und im Zeitalter der Inquisition (ab 1231 bis zuletzt 1859) zum Teil gar lebensgefährlich. Unter solchen Umständen verliert die Philosophie für Jahrhunderte lang ihren geistig-innovativen Anspruch und lässt sich stattdessen zu einer „Magd der Theologie“ degradieren. Der „Kirchenvater“ Aurelius Augustinus (354-430), welcher in der Naturbeobachtung allein den Auftrag sieht, „Gottes Herrlichkeit zu schauen“, deutet die Philosophie Platons zum Beweis christlicher Glaubenssätze um (EA o.J., vor 1470, 1959). Thomas von Aquin (1225-1274) interpretiert etwa neunhundert Jahre nach Augustinus die Erkenntnis- und Wahrheitslehre Aristoteles’ im christlichen Sinne, indem er in seiner „Korrespondenztheorie der Wahrheit“ u.a. die Natur in eine schaffende (lat. natura naturans) und eine geschaffene Natur (lat. natura naturata) theoretisierend zerlegt (EA o.J, 1485). Der Wandel vom scholastischen Denken hin zum Geist des Humanismus und der Renaissance wird erst weitere zweihundert Jahre später durch Nikolaus von Kues (1401-1464) vollzogen, welcher eine Gleichzeitigkeit der Gegensätze (lat. coincidentia oppositorum), d.h. neben einer mystischen eine rationale Betrachtungsweise der Welt gelten lässt (EA 1488). Auch für den ebenso genialen wie frommen Isaac Newton (1643-1727) ist es weitere vierhundert Jahre später kein Widerspruch, in seiner Mechanik das Werk göttlichen Schöpfungswillens zu sehen und gleichzeitig einen naturwissenschaftlichen Materialismus zu entwickeln (EA 1687, 1872). Selbst bis zum heutigen Tage finden sich in allen Disziplinen moderner Naturforschung Wissenschaftler, die - so paradox es anmuten mag - einerseits die kausale Geschlossenheit eines Systems von Wechselwirkungen materieller Dinge vertreten und andererseits weltanschaulich auf dem Boden christlich religiöser Glaubensüberzeugungen stehen. Im 19. Jahrhundert erst wird die Auffassung von der Gleichzeitigkeit oder Parallelität eines religiösen und eines naturwissenschaftlichen Weltbildes weitgehend verworfen. Die historische Wende von jeder religiösen Auffassung weg und hin zu einer rein menschenbezogenen Sicht der Natur ist in ihren Anfängen bereits um das Jahr 1670 festzustellen (W. Schröder, 1998), vollzieht sich endgültig 1846 (EA) in den Thesen Ludwig Feuerbachs (1804-1872). Mit Feuerbach beginnt eine ausschließlich philosophisch begründete Negation der Existenz Gottes, eine Haltung, welche als Atheismus bezeichnet wird (gr. athetos = ohne Gott).
Die Neuzeit in den Wissenschaften und die Überwindung der aristotelisch-scholastischen Naturphilosophie beginnt mit der „kopernikanischen Wende“, das heißt der Ablösung des geozentrischen Weltbildes des Ptolemäus (ca. 100-160) durch das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus (1473-1543). - Unerwähnt soll allerdings nicht bleiben, dass schon etwa 1800 Jahre zuvor Aristarch von Samos (ca. 310-230 v.Chr.) ein heliozentrisches Planetenmodell entwickelt hat. - Von ebenso großer Bedeutung ist die kurze Zeit nach Kopernikus von Galileo Galilei (1564-1642), einer Schlüsselfigur der modernen Wissenschaft, eingeleitete Entwicklung der Experimentalphysik. Als Meilensteine für die Naturforschung gelten daneben die Leistungen von Tycho Brahe (1546-1601), Johannes Kepler (1571-1630) und Isaac Newton (1643-1727).
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Galilei, nach dessen Bekundung das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, führt mit seinen Arbeiten die Bemühungen der Naturwissenschaften zweifellos auf einen neuen erfolgreichen Weg. Die Bemühungen der Erkenntnistheorie führt er jedoch nach Meinung mancher Autoren (wie z.B. P. Baumann, 2002) gewissermaßen in eine Sackgasse. Während Aristoteles noch strikt zwischen Natur und Technik unterscheidet und das, was durch Menschenhand erzeugt wird, als künstlich und naturwidrig einstuft, ignoriert Galilei diese Unterscheidung. Für ihn sind künstlich hervorgerufene Bewegungen, wie beispielsweise das Rollen einer Messingkugel auf einer im Neigungswinkel veränderlichen Rinne, natürliche Abläufe. So wertet Galilei auch das Technische als natürlich, gar naturgesetzlich, der Natur Gehorchendes. Seine Experimente haben die Form eines Wenn-dann-Satzes. Was Galilei in Wenn-Sätzen formuliert, betrifft das, was er technisch erfolgreich herstellen muss, bevor er Erkenntnis im Dann-Satz „aus Erfahrung“ gewinnt. Jede Erfahrung des Natürlichen steht somit in Abhängigkeit vom Gelingen des Künstlich-Technischen. Die erkenntnistheoretische Konsequenz in dieser mit Galilei einsetzenden Tradition liegt in der oft kritisierten Annahme, mittels technischer Apparaturen zeigten sich „Naturgesetze“ „von selbst“, also natürlich.
Die „Initialzündung“ für ein neuzeitlich aufgeklärtes Verständnis des Erkennens gibt René Descartes (1596-1650) sowohl für die Naturwissenschaften als auch für die „Philosophie des Geistes“ durch seine Interpretation des seit der Antike das europäische Denken beschäftigende Leib-Seele-Problems (oder besser Körper-Geist-Problem; s. Kap. 4.4). Er nennt sich latinisiert Cartesius und zählt zu den Begründern des mechanistischen Weltbildes. Primär befasst sich Descartes mit Geometrie, dann aber mehr und mehr mit der Täuschung menschlicher Sinne (EA 1637, 1972 und EA 1641, 1980). Er ist es, welcher den Erdkartenentwurf des Anaximander um ein die Erde überziehendes Koordinatennetz erweitert, um Ideogramme also im Sinne von gedachten Linien wie dem Äquator und gedachten Punkten wie dem Nord- und Südpol. Seine Wahrnehmungen und inneren Bilder demonstrieren ihm allerdings die Fragwürdigkeit des Seins einer Außenwelt (s. auch Kap. 3.1.3). Parallel dazu kommen ihm Zweifel an seiner eigenen physischen Existenz. Am Ende tröstet Descartes sich mit der frommen Hoffnung, Gott könne doch nicht so böswillig sein und den Menschen trügerische Sinne einbauen. Er konstruiert das, was man später als „Cartesischen Dualismus“ bezeichnet, nämlich die Teilung der Wirklichkeit in transzendente Wesen oder Substanzen des Geistes (lat. res cogitans) und objektive Dinge oder räumlich ausgedehnte Körper (res extensa). Verglichen mit dem mittelalterlichen Denken ist gerade „revolutionär“, dass Descartes der Vernunft Eigenständigkeit gegenüber der Welt zubilligt. Mit seinem Zugeständnis an die Autonomie der Vernunft, die ihm als Erlebendem immerhin die Sicherheit gibt, dass er selbst ist (lat. „Cogito, ergo sum“ = „Ich denke, also bin ich“), wird Descartes einerseits zum Begründer des Rationalismus, liefert andererseits mit seiner dualistischen Sichtweise der christlich-römischen Kirche später den Anstoß für ein vom Verfasser an anderer Stelle (2001) ausführlich kritisiertes „Weltbild der zwei Wahrheiten“. Baruch de Spinoza (1632-1677) schließlich, der als Erkenntnistheoretiker nicht weniger der Tradition der euklidischen Geometrie verpflichtet ist wie Descartes, geht noch einen Schritt weiter als jener. Spinoza hält schon die Aussage, dass ein Ding existiert, für unangemessen. Für ihn ist jede Erscheinung eines Gegenstandes, auch jeder eigene Gedanke, eine Weise, in der Gott sich zeigt. Ohne die Existenz Gottes in Abrede zu stellen oder ernsthaft anzuzweifeln, macht die Auffassung, materielle und geistige Dinge seien lediglich Erscheinungsformen ein und desselben Gottes (lat. deus sive natura), diesen Protagonisten eines neuzeitlichen Pantheismus in den Augen der katholischen Kirche zu einem gottverdammten Ketzer (EA 1760, 1787 und EA 1677, 1785).
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Das Zusammenspiel von Sinneserfahrung einerseits und Denken andererseits beschäftigt nach Descartes und Spinoza eine Reihe weiterer prominenter Denker, wie John Locke (1632-1704), Gottfried W. Leibniz (1646-1716), George Berkeley (1685-1753), David Hume (1711-1776) und schließlich den großen Immanuel Kant (1724-1804). Aristoteles, F. Bacon, Locke, Berkeley, Hume und Mill gelten als klassische Vertreter des Empirismus. Die „Empiristen“ vertreten die Meinung, unser Wissen stamme ganz wesentlich oder ausschließlich aus der Erfahrung. Man spricht dann von „empirischem Wissen“ oder einem „Wissen a posteriori“. Die als „Rationalisten“ bezeichneten Denker dagegen, zu denen wir u.a. Platon, Descartes, Spinoza, Wolff und vor allem Leibniz zählen, vertreten die Ansicht, manches könne man auch ohne Erfahrung wissen („apriorisches Wissen“). Eine einzigartige Zwischenstellung in dieser Diskussion nimmt Immanuel Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ ein (EA 1781; 1998).
Kant, der zunächst einerseits der Tradition des Leibniz-Wolff’schen Rationalismus verpflichtet ist, sich andererseits aber durch die Überlegungen Humes aus einem „dogmatischen Schlummer geweckt“ fühlt, macht den Versuch, den Prozess des Erkenntnisgewinns schrittweise zu schematisieren. Nach Darstellung Kants wirkt („affiziert“) ein Gegenstand (Voraussetzung) auf das menschliche Gemüt. Das Gemüt ruft dadurch eine Empfindung („Wirkung des Gegenstandes“, „Materie der Sinnlichkeit“) hervor. Aus dieser Wirkung des Gegenstandes auf das Gemüt, aus der Empfindung also, entsteht die Anschauung (gr. aisthesis). Die Fähigkeit (Möglichkeit, Bedingung) des Gemütes affiziert zu werden, bezeichnet Kant als „rezeptive Sinnlichkeit“. Durch das Zusammenwirken (gr. synthesis) der Anschauung (Vorstellung) mit dem Denken, welches sich zusammensetzt aus 1. dem Verstand (der die „Begriffe“ bildet), 2. der Urteilskraft (welche die fallgerechte Anwendung der Begriffe ermöglicht) und 3. der Vernunft (welche „Schlüsse“ zieht) entsteht nach Auffassung Kants die Erkenntnis. Die besondere Leistung Kants ist herauszustellen, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt“ (EA 1781; 1998). Demzufolge wird das Erkennen nicht von den Gegenständen bestimmt, sondern die Gegenstände richten sich nach der Erkenntnisart. In der von Kant postulierten Annahme einer Trennung der erkennenden Person von den zu erkennenden Gegenständen sehen viele Philosophen überhaupt erst den eigentlichen Beginn der Erkenntnistheorie. Die beherrschenden erkenntnistheoretischen Fragen der Zeit nach Kant betreffen einerseits das schon erwähnte Problem des Dualismus (auch „Leib-Seele-Problem“ oder „Körper-Geist-Problem“, vgl. Kap. 4.3), andererseits das Realismus-Problem, das heißt die Frage, ob es überhaupt eine menschen-unabhängig strukturierte Wirklichkeit als zu erkennendes Objekt gibt (s. Kap. 3.1.3). Hinzu kommt die Entdeckung, dass Probleme der Wissenschaften und der Philosophie auch als Probleme in ihrer sprachlichen Formulierung zu sehen sind. Mit der Zeit entwickelt sich die Beschäftigung mit der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke zu einem eigenen Wissenschaftszweig. Der französische Sprachwissenschaftler Michel Bréal (1832-1915) hat hierfür als Erster den Terminus „Semantik“ gebraucht (gr. semantikos = bezeichnend). Insbesondere unter dem Einfluss Ludwig Wittgensteins (1889-1951) wird die Einschränkung philosophischen Denkens auf die logische Analyse (EA 1953) zum Glaubensbekenntnis vieler modernen Philosophen. Neben Wittgenstein geben besonders Gottlob Frege (1848-1925), Bertrand Russell (1872-1970) und Edward Moore (1873-1958) diesbezüglich entscheidende Anstöße.
Als zentrales Problem erweißt sich in der Zeit nach Kant die Frage über das Wesen geometrischer beziehungsweise mathematischer Gegenstände und ihres Verhältnisses zur Erfahrungswirklichkeit. Die klassische Frage nach der Natur, sowie nach Existenz und Beschaffenheit des Menschen (des Erkenntnisobjekts) und nach dem Verhältnis zwischen
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beiden im Prozess des Erkennens werden im Kontext mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaften gestellt. Zwar anerkennt Kant die Wissenschaft als zentralen Ort der Erkenntnis, bestimmt aber gleichzeitig deren Grenzen, indem er die Naturwissenschaften auf den Bereich „möglicher Erfahrung“ einschränkt. Eine rein naturwissenschaftliche Weltanschauung kann es nach Kant nicht geben. In der „Kritik der reinen Vernunft“ (EA 1781; 1998) teilt Kant menschliche Erkenntnis ein einerseits in Erkenntnisse a priori, das heißt Erkenntnisse, deren Begründung frei von jeder Erfahrung ist und für die Allgemeinheit und strenge Notwendigkeit besteht (er nennt diese Erkenntnis auch „rein“ oder „metaphysisch“), andererseits in Erkenntnisse a posteriori (oder auch „empirische“ Erkenntnisse), also Erkenntnisse, die ihren Ursprung in der durch Sinneseindrücke begründeten Erfahrung haben.
In Anlehnung an die Definition Kants entsteht Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts im „Wiener Kreis“ die Auffassung, Erkenntnis könne im streng wissenschaftlichen Sinne entweder nur logisch-mathematisch oder empirisch sein. „Erfahrung“, welche Kant noch als Einsicht in natürliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge formuliert hat, wird jetzt - wie schon bei Galilei - mit der Gewinnung von Messergebnissen gleichgesetzt. Das „A priori“ Kants entspricht nun den von Menschenhand künstlich herbeigeführten und aufrechterhaltenen, unverzichtbaren Messgeräteeigenschaften. Wenn Kant noch von den a priorischen Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung spricht, wird hier die Erfahrung als Bedingung der Möglichkeit einer gültigen Geometrie an den Anfang gestellt. Die zuerst von Auguste Comté (1798-1857) vertretene geschichtsphilosophische Haltung, welche später insbesondere durch Emile Durckheim (1858-1917) in den Bereich der Sozialwissenschaften übernommen wird, nennt man „Positivismus“. Daran anknüpfende oder darauf aufbauende Gedankengebilde erhalten in Folge die Bezeichnungen „Naturalismus“, „Szientismus“ (lat. scientia = Wissenschaft), „(logischer) Empirismus“, „Materialismus“, „Physikalismus“, „Reduktionismus“ und „Neopositivismus“. Da die meisten „-Ismen“ einen negativ-abwertenden Beigeschmack haben, soll hier die Verwendung des neutralen Begriffes „Naturalismus“ vorgezogen werden. Allen diesen Termini ist die Überzeugung gemeinsam, dass es sowohl in der Natur als auch in unserer Vernunft ausschließlich mit natürlichen Dingen zugeht. Das heißt, dass alle realen Systeme - falls sie überhaupt verstehbar sindnatürlichen (nicht metaphysischen) Gesetzmäßigkeiten unterworfen und prinzipiell einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich sind. Weitere prominente Vertreter dieser alles Metaphysische ausschließenden erkenntnistheoretischen Auffassung sind u.a.
Persönlichkeiten wie Bertrand Russell (1872-1970), Albert Einstein (1879-1955), Moritz Schlick (1882-1936), Otto Neurath (1882-1945), Hans Reichenbach (1891-1953), Rudolf Carnap (1891-1970) und Carl Gustav Hempel (1905-1997).
Sowohl für Kants Kritizismus, als auch für den Positivismus ist eine agnostische Geisteseinstellung kennzeichnend. Der Begriff des Agnostizismus (gr. agnostos = unbekannt), der erstmals 1869 von Thomas Huxley (1825-1895) gebraucht wird, bezeichnet eine Auffassung, die es kategorisch ablehnt, rationell unbegründeten Annahmen zuzustimmen. Der Agnostiker sieht sich genötigt, rationell unbegründete Behauptungen bis zum Beweis des Gegenteils zu bestreiten. Ein Agnostiker vertritt den Standpunkt der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit und der Wahrheit. Er leugnet die Metaphysik als Wissenschaft und die Transzendenz des Göttlichen (agnostischer Atheismus). Agnostische Geisteshaltungen finden wir schon in der Antike bei den Vorsokratikern (z.B. Protagoras aus Abdera) und bei den Skeptikern (z.B. Phyrron von Elis und Sextus Empiricus), in Ansätzen u.a. aber auch bei Immanuel Kant und seiner Lehre vom „Ding an sich“ (s. dazu auch Kap. 4.3).
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Gegen zentrale Positionen des „logischen Empirismus“, aber auch des „Positivismus“ wendet sich 1935 der Begründer des „kritischen Rationalismus“, Karl R. Popper (1902-1994). Poppers Theorien lehnen in agnostischer Grundtendenz metaphysische Erwägungen genauso ab, stellen jedoch Zweckmäßigkeitserwägungen in den Vordergrund. Popper hält der induktionslogischen (d.h. vom Einzelnen auf das Gesamte schließenden) Grundlegung der Wissenschaft eine sich z.T. an Kant orientierende und auf der Festsetzung methodologischer Regeln beruhende deduktionslogische (d.h. das Besondere, Einzelne vom Allgemeinen ableitende) Theorie der Erfahrung entgegen (EA 1935, 1984). Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dabei einer auf Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit basierenden deduktiven Methodik. Der von Popper begründete „kritische Rationalismus“, welcher nur prüfbare Behauptungen als empirisch gelten lässt und dessen Positionen beispielsweise auch von Hans Albert (geb. 1921), John C. Eccles (1903-1997) und Hoimar von Ditfurth (1921-1989) vertreten werden, ist bis heute eine der dominierenden Geistesströmungen in der westlichen Wissenschaftstheorie. Doch es gibt auch Kritik am „kritischen Rationalismus“. Diese kommt u.a. von Thomas Samuel Kuhn (1922-1996), der im Gegensatz zu dem von Popper als linear verlaufend hingestellten Prozess der Wissenschaftsentwicklung auf radikale Brüche im wissenschaftlichen Denken (Paradigmenwechsel) und die damit veränderten methodischen Grundannahmen hinweist (1962).
Als bekanntestes Folgebeispiel des Naturalismus gilt die „Evolutionäre Erkenntnistheorie“. Ihr Begründer Konrad Lorenz (1903-1989) erklärt an zahlreichen Beispielen der Verhaltensforschung die Erkenntnisfähigkeit als Produkt einer naturgeschichtlichen Anpassung des menschlichen Organismus an die Realität (1941). Dabei werden auch die Begriffe von Raum, Zeit und Kausalität nicht wie bei Kant als apriorische Elemente der menschlichen Vernunft betrachtet, sondern als Ergebnis einer Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt. Der Evolutionsforschung zufolge, welcher sich die von Lorenz begründete und heute im wesentlichen von Gerhard Vollmer (geb. 1943) vertretene Evolutionäre Erkenntnistheorie verpflichtet fühlt, sind nicht nur unsere körperlichen Strukturen, sondern ebenso die Strukturen unseres Denkens und unserer Anschauungen in Auseinandersetzung mit Wirklichkeiten und in Anpassung an diese entstanden. Die (teilweise) Übereinstimmung unserer Erkenntnisstrukturen mit den Strukturen der realen Welt wird als Ergebnis von Mutation und Selektion gedeutet. Nicht nur Sinnesorgane, Zentralnervensystem und Gehirn sind demnach evolutionär entstanden, sondern natürlich auch deren Funktionen: Sehen, Wahrnehmen, Erkennen, Denken, Gedächtnis und Sprache.
Neben „Positivismus“, „Empirismus“, „Szientismus“ und „Physiologismus“, welcher „den Menschen“ als Gegenstand der Naturwissenschaft in den Mittelpunkt stellt und versucht, ihn in Struktur (Anatomie) und Funktion (Physiologie, Neuro- und Verhaltenswissenschaften) zu beschreiben und zu erklären, erlangt zudem der „Evolutionismus“ wesentliche erkenntnistheoretische Bedeutung. In Ergänzung der Funktionsbeschreibung und Funktionserklärung kommt jetzt die biologische Naturgeschichtsbeschreibung hinzu. Deren erklärtes Ziel ist es, das heute auf der Erde existierende Lebendige mit einer Entstehungsgeschichte zu versehen und die bisher entdeckten und anerkannten Kausalzusammenhänge mit einem schlüssigen biologischen Entwicklungsmodell zu verknüpfen.
In der von Charles R. Darwin (1809-1882) begründeten Evolutionstheorie (engl. u. dt. EA 1859; engl. EA 1871, dt. 1908) wird eine nicht selbst beobachtete Entwicklung (und ihre Gegenstände) aus den derzeit vorliegenden Gegebenheiten mit Hilfe des Wissens unserer Zeit über Kausalzusammenhänge in der Natur hypothetisch rekonstruiert (vgl. später auch Kap. 3.2.). Die Evolutionstheorie versucht, den bisherigen Ablauf der Lebensentwicklung auf der
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Erde aufzuzeigen und dabei gleichzeitig die Ursache und die Gesetzmäßigkeiten dieser Entwicklung zu erfassen. Sie will nicht nur beschreiben, sie will auch erklären. Insbesondere geht es ihr um das Verständnis der Entwicklung neuer Lebensformen, Arten und Funktionen. Darwin entwickelt mit seiner an die wissenschaftliche Abstammungslehre von Jean Baptiste Lamarck (1744-1829) anknüpfenden Evolutionslehre eine keinesfalls vollkommene, jedoch wissenschaftlich vielfach abgesicherte Hypothese, welcher nach Hoimar von Ditfurths Feststellung „keine einzige bis jetzt bekannte Naturerscheinung widerspricht“ (1984). Karl Popper geht gar so weit, Teilen der Evolutionstheorie den Status einer „logischen Wahrheit“ zuzubilligen (1972).
Darwin führt die Biologie mit seiner Evolutionstheorie aus einer bis dahin statischen Betrachtungsweise, die nur in einem deskriptiven Sinne - ohne zu erklären - sammelt und ordnet, in ein neues, die Wandlungskräfte der Natur erklärendes dynamisches Stadium. Er wählt mit der Naturgeschichtsbeschreibung zweifelsohne eines der rationalsten, wenn nicht das rationalste Verfahren, welches es gibt. Doch obwohl nach den Ergebnissen der neueren wissenschaftlichen Forschungen Erdalter, Evolutionsgeschwindigkeit, Fossilfunde, Genetik und Molekularbiologie durchweg zu den Aussagen der Evolutionstheorie passen, ist die Kritik an der Evolutionstheorie bis heute nicht abgerissen. Unter anderen Kritikern hat Karl Popper den empirisch-wissenschaftlichen Charakter der Evolutionstheorie in Zweifel gezogen. Die von Darwin proklamierte „Selektion des Überlebensfähigsten“ (engl. survival of the fittest) erweist sich ja bei näherem Hinsehen nicht etwa als eine empirische Behauptung (a posteriori), sondern als apriorisches Erklärungsprinzip! Und Prinzipien, Theorien und Hypothesen sind in der Wissenschaft wie im sonstigen Leben weder wahr noch falsch. Theoretische Überlegungen haben lediglich handlungsanleitenden Charakter und sind als solche rechtfertigungspflichtig. Nach der Darwinschen Evolutionstheorie hat dasjenige Individuum, welches sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte besser an seine Umwelt anpasst, sozusagen die Natur auch besser erkennt als seine Konkurrenten, die größeren Fortpflanzungs- und Überlebenschancen. Kurz: wer überlebt hat, hat die Welt (hinreichend) richtig erkannt, denn sonst wäre er heute nicht mehr da. (Wir werden im Kap. 3.2 noch näher darauf eingehen.)
Ein Erkenntnisvermögen, welches an das zu Erkennende (hinreichend) gut angepasst ist, offenbart sich nun aber nur einem Beobachter, der die wechselseitige Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt von außen als Ganzes betrachtet. Kann jedoch die Beobachtung eines Erkennens von einer Außenposition her - sozusagen als Zuschauer, artspezifisch bedingt und aus zeitlicher Distanz heraus - und eine aus dieser Beobachtung hergeleiteten Theorie selbst Erkenntnis sein? Die Problematik, welche wir schon einmal weiter vorne im Text erörtert haben und nochmals im Kap. 3.1.3 vertiefen werden, bleibt: Die Aussagen der Erkenntnisbiologie akzeptieren entweder eine Menschenunabhängige Wirklichkeit als bereits erkannt oder billigen der Naturwissenschaft diese Erkenntnis zu. Aber ist eine vom Erkenntnisvermögen der beteiligten Menschen auf dem Umweg über die Naturwissenschaften abgekoppelte Erkenntnis (eine Erkenntnis der Naturim Sinne einer Menschen-unabhängigen Wirklichkeit - durch die Naturwissenschaften selbst) eine Erkenntnis im strengen Sinne oder hat sie bestenfalls den Charakter einer wissenschaftlich begründeten Hypothese?
Eine weitere Variante der „Biologischen Erkenntnistheorie“ legt der Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) mit der „genetischen Erkenntnistheorie“ und ihrer Fortsetzung im „Radikalen Konstruktivismus“ vor (1937 und 1967). Der „Radikale Konstruktivismus“, vertreten u.a. durch Ernst von Glasersfeld (geb. 1917), Heinz von Foerster (geb. 1911), Francisco Varela (geb. 1946) und Paul Watzlawick (geb. 1921), betont die Subjekt-
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Gebundenheit (= Subjektivität) jeglicher Erfahrung und allen Wissens (im Gegensatz zur Subjekt-Unabhängigkeit = Objektivität). Der radikale Konstruktivismus kritisiert jede Form der Abbildtheorie der Erkenntnis als metaphysisch und unwissenschaftlich. Vielmehr wird hier Erkenntnis der Außenwelt - ja jede Erkenntnis - als Konstruktion des Gehirns interpretiert (s. auch Kap. 4.1 und 4.3).
Im Gegensatz zu den antiken Denkern, welche vor allem an einer Unterscheidung von Erkenntnis und Irrtum durch Begründung interessiert sind, auch im Gegensatz zu Immanuel Kant, für den insbesondere die Frage eine Rolle spielt, mit welchem Recht etwas als Erkenntnis gilt (lat. quaestio iuris), und weniger die Frage des Zustandekommens von Erkenntnis (lat. quaestio facti), ist in den empirischen Theorien die Entstehung beziehungsweise der Vorgang der Gewinnung von Erkenntnis in den Vordergrund getreten und zum Untersuchungsgegenstand geworden. Indem der Versuch gemacht wird, den Geltungsanspruch naturwissenschaftlicher Theorien wiederum mit naturwissenschaftlichen Methoden zu sichern, instrumentalisiert die Naturwissenschaft zunehmend auch den Menschen vom erkennenden Subjekt zum Objekt naturwissenschaftlicher Beschreibungs- und Erklärungsmethoden. Die auf Hume und Kant zurückgehende Trennung von quaestio juris und quaestio facti hat sicher in gewisser Weise ihre Berechtigung. Die hierdurch hervorgerufene Suggestion einer sauberen Arbeitsteilung zwischen Philosophie als Geisteswissenschaft und den Naturwissenschaften als Realwissenschaft macht es jedoch mitunter schwer, wichtige Zusammenhänge zu begreifen. Die Naturalisierung der Erkenntnis durch die Naturwissenschaften, bei der die Quaestio iuris zugunsten der Quaestio facti in den Hintergrund tritt, setzt sich in der Philosophiegeschichte bis heute fort. Das Ergebnis dieser Entwicklung sind zwar sowohl Erkenntnisleistungen, doch zwangsläufig in gleicher Weise Scheinerkenntnisse und Irrtümer.
Einzuordnen in die Tradition der „Naturalisierung“ ist beispielsweise der Amerikaner Willard Van Orman Quine (1908-2000), der die Grundlagenklärung der Wissenschaften als die wesentliche Aufgabe der Erkenntnistheorie postuliert (1968). Er befasst sich pragmatisch mit der Theorie der Begriffsbildung und Sprachbedeutung, sowie mit einer Theorie über die Geltung oder Wahrheit von Sätzen (1953). Nicht ausreichend berücksichtigt wird ebenfalls bei Quine, dass sowohl technische Versuchsanordnungen im Prozess naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns eine künstliche Verfälschung natürlicher Gegebenheiten darstellen, aber auch Sprache und Anwendung von Sätzen Handlungen sind und damit Einfluss auf den Gewinn von Erkenntnis haben können. Quine wendet sich ausdrücklich gegen die philosophisch begründete „rationale Rekonstruktion“ naturwissenschaftlicher Feststellungen, wie sie unter anderem der Hauptvertreter des „Logischen Empirismus“, Rudolf Carnap (1891-1970) fordert (1928). Ähnlich wie Neurath vertritt Quine die Ansicht, dass sich für jeden einzelnen Satz, den wir für wahr halten, aufgrund neuer Erfahrungen herausstellen kann, dass er falsch war und aufgegeben werden muss. Die Wahrheit eines jeden Satzes ist erfahrungsabhängig, doch für sich allein hat kein Satz empirischen Gehalt. Nur ganze Theorien können nach Quine durch Erfahrung bestätigt oder widerlegt werden. Wissen beziehungsweise Wissenschaft besteht bei Quine in erster Linie aus Mathematik und Naturwissenschaft. Die beste Aussicht, der Wahrheit zumindest nahe zu kommen, hat die Physik. Und wenn die Theorien, die bestimmte Gegenstände postulieren, wahr sind, dann gibt es diese Gegenstände auch. Doch hat das Verständnis der Wissenschaften nach Quine nicht besser oder anders zu sein als die Wissenschaften selbst.
Hilary Putnam (geb. 1926) schließlich, bis in die 70er Jahre einer der Hauptvertreter des Realismus und Schüler Quines und Reichenbachs, kritisiert später wesentliche Positionen des logischen Positivismus, insbesondere die externalistische Perspektive, welche dem Betrachter
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der Welt theoretisch einen „Blickwinkel mit dem Auge Gottes“ (engl. „God’s eye point of view“) zu suggerieren versucht (1981). Nach Ansicht Putnams kann niemand aus der eigenen Sprache und Theorie heraustreten und somit die Beziehung zur Welt von außen betrachten (vgl. Kap. 3.1.3). Entscheidend ist nach Putnam die interne Perspektive eines Teilnehmers. Realismus ist für ihn eine empirische Auffassung über den Zusammenhang zwischen Sprache und Wirklichkeit. Denken ist also an begriffliche Relativität gebunden und bewegt sich somit immer im Rahmen unserer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Wie Quine hält auch Putnam die Aussagen von Logik und Mathematik nicht für apriorisch. Seines Erachtens geht es in Logik und Mathematik nicht um Wahrnehmungstatsachen, sondern um kombinatorische Tatsachen. Realismus sei allerdings die beste Erklärung für den Erfolg wissenschaftlicher Forschung und die Konvergenz wissenschaftlicher Auffassungen. Die Güte bestimmter Theorien lässt sich nach Putnam jedoch nicht nur in ihrer Beziehung zum Beobachtbaren messen, es sei vielmehr ihre Beziehung zu Alternativtheorien zu berücksichtigen. Mit seinem zunächst als „interner Realismus“ (später als „pragmatischer Realismus“) bezeichnete Standpunkt stellt Putnam gleichzeitig eine Wahrheitstheorie auf, die besagt, dass es mehrere zulässige Beschreibungen der Wirklichkeit geben könne, deren Wahrheit ausschließlich in ihrer rationalen Akzeptierbarkeit bestünde (1983). Dennoch gründet sich die Wahrheit einer Aussage nicht darauf, dass wir sie (mit noch so guten Gründen) für wahr halten. Wahrheit - und das, was wir dafür halten - sind prinzipiell voneinander unabhängig. In diesem nun doch nicht ganz kurz geratenen Abriss der erkenntnistheoretischen Geistesgeschichte Europas wird trotz der lückenhaften Darstellung eines doch sehr deutlich: die ungebrochene Faszination, die das Unbekannte auf uns Menschen ausübt, der Reiz sowohl experimentell als auch intellektuell zu ergründen, was „hinter den Dingen“ steckt. Vom Altertum bis zum heutigen Tag besteht der natürliche Drang nach Wissen. Der gedankliche Zugang, der gewählt wird, um Erkenntnis zu erlangen, ist unterschiedlich, abhängig von Traditionen, historischen Veränderungen und den damit verbundenen Denkgewohnheiten der jeweiligen Zeit. Damals wie heute wünschen sich Menschen zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Auf der Suche nach Wahrheit - so zeigt die Geschichte - werden von Menschen Überraschungen, Unannehmlichkeiten und oft sogar Gefahren in Kauf genommen. Die meisten dieser Wahrheitssucher sind nicht so „unrealistisch“ zu erkennen, dass sie im besten Fall Wahrscheinlichkeiten benennen und Teilwahrheiten herausfinden können, niemals aber die gesamte Welt begreifen werden.
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3. Grundfragen
Ganz besonders verdankt die Philosophie dem großen Immanuel Kant (1724-1804) das Verständnis des Erkennens als einer Beziehung zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt. In seinem Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“ (EA 1781; 1998) stellt Kant fest, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt.“ Obwohl er nie über die Grenzen seiner Heimatstadt Königsberg hinausgekommen ist, unternimmt Kant in seinem Werk den großartigen Versuch, die Grenzen und die Reichweite der Erkenntnis des Weltganzen und seines letzten Zieles abzustecken. Einige Jahre nach dem Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft“ fordert Kant in der Einleitung zur „Logik“(EA 1800; 1998) für den Philosophen die Möglichkeit bestimmen zu können
„1. Die Quellen menschlichen Wissens,
2. den Umfang des möglichen und nützlichen Gebrauchs allen Wissens, und endlich
3. die Grenzen der Vernunft.“
Dieses Bedürfnis der Philosophie, die theoretische und praktische Bewältigung der Wirklichkeit befriedigend zu lösen, fasst Kant in seinen berühmten vier großen Fragen zusammen:
1. „Was kann ich wissen?“ (theoretische Philosophie),
2. „Was soll ich tun?“ (praktische Philosophie),
3. „Was darf ich hoffen?“ (Religionsphilosophie) und
4. „Was ist der Mensch?“ (Anthropologie).
Damit skizziert Kant die wesentlichen Grundfragen der Philosophie. Mit diesen philosophischen Fragen, welche inzwischen zum Teil auch Gegenstand der
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Naturwissenschaften geworden sind, soll im folgenden Text die Beziehungen zwischen Wirklichkeit und Illusion, Objektivität uns Subjekt-Gebundenheit, Wahrheit und Behauptung, Tun und Anspruch, Wissenschaft und Glauben, Ordnung und Zufall, Bestimmung und Sinnlosigkeit diskutiert werden. Anhand der Grundfragen Kants wird untersucht, 1. in welchem Maß unsere Vorstellung und unser Wissen von der Welt der Realität entspricht, 2. welchem Wirklichkeitsanspruch unsere Moral und Ethik genügen,
3. wie realitätsbezogen unsere Hoffnungen, Wünsche und damit auch der religiöse Glaube ist, 4. ob unser Leben einen „Sinn“, eine Bestimmung, einen Zweck hat.
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3.1. In welchem Maß entsprechen unsere Vorstellungen und
unser Wissen von der Welt der Wirklichkeit?
3.1.1. Was ist Wissen?
Bevor wir uns überlegen, was wir wissen können, und uns näher damit befassen, was Wissen eigentlich ist, fragen wir uns zunächst doch einmal, ob man überhaupt Wissen erlangen und besitzen kann. Die philosophische Position des absoluten Skeptizismus geht davon aus, das wir Menschen gar kein Wissen haben können (T. Grundmann u. K. Stüber, 1996; vgl. außerdem Kap. 2). Wenn der Standpunkt, dass wir Menschen über kein echtes Wissen verfügen, zutrifft - und für diese Ansicht gibt es durchaus berechtigte Gründe und interessante Argumente - , wäre eine Beschäftigung mit Erkenntnisfragen überflüssig. Müßig wäre dann die Überlegung, inwieweit unsere Vorstellungen und unser (nicht vorhandenes) Wissen mit der Wirklichkeit der Welt korrespondieren. Da dies aber nur die Position eines „absoluten Skeptizismus“ wäre, man zudem auch die weniger extreme Haltung eines „partiellen“ oder „methodischen Skeptizismus“ vertreten kann (s. Kap. 2) und wir außerdem noch nicht am Ende unserer Fragen angelangt und somit nicht zu einem abschließenden Ergebnis unseres Nachdenkens gekommen sind, wollen wir zunächst mit unseren Überlegungen fortfahren.
Was ist nun Wissen? Meist wird die Antwort lauten: Ganz einfach, Wissen ist das, was ich weiß. Denn fragt man uns danach, was dieses oder jenes sei, zum Beispiel ein Baum, dann begegnen wir solchen „Was-Ist-Fragen“ meistens damit, dass wir dem Fragenden eine Eiche, eine Birke, eine Esche zeigen. Wir zeigen Ergebnisse unseres Wissens anhand von Beispielen auf, beantworten die eigentliche Frage aber typischerweise nicht. Auf die Frage nach dem, was das Wissen oder z.B. einen Baum, ja alle Bäume gleichermaßen, „ausmacht“, nämlich Wurzeln, Stamm, Blätter, Rinde, Fotosynthese, Wachstum etc., geben wir keine Antwort, da
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diese Antwort in der Regel zu komplex ausfallen müsste. Doch wenn ich frage „Was ist Wissen?“, möchte ich nicht, dass mir jemand die Primzahlen von 1 bis 100 nennt, mir die Hauptstadt von Kolumbien nennt oder Schillers Gedicht von der Glocke aufsagt. Der Philosoph stellt mit „Was ist ...“ die Frage nach dem „Prinzip“, dem „Wesen“, der „Natur“ und den charakteristischen Eigenschaften von Dingen, in diesem Falle dem Wissen. Was macht „Wissen“ im Sinne von „Kennen“ aus? Was Ist allen Fällen von Wissen (Spezial- und Allgemeinwissen) gemeinsam? Nun, das meiste von unserem Wissen beruht auf Information. Wissen muss zudem für den einzelnen Menschen, eine Gruppe oder gar die gesamte Gesellschaft eine Bedeutung haben. Deshalb spricht man von einer „subjektiven“ oder „semantischen Information“. Wann aber wird das auf einer subjektiven Information beruhende Wissen so objektiv, dass es für alle gilt? Platon hat das entsprechende Procedere in seinem Dialog „Menon“ (1973) am Beispiel der Puppen des Daidalos und der Frage, was Tugend sei, durchexerziert. Dabei stellt Platon fest, echtes Wissen muss begründet, gerechtfertigt sein. Auf bloße Meinung - ob richtig oder falsch - ist wenig Verlass. Das heißt, alle wissenschaftlichen Sätze müssen begründet sein. Die Umkehrung gilt allerdings nicht, denn nicht alle begründeten Sätze sind zwangsläufig wissenschaftlich. Doch wie schwierig es sein kann, das Wesen auch von etwas zu beschreiben, das man gut kennt, hat beispielsweise Aurelius Augustinus (354-430) bemerkt: „Was ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“ (EA o.J., vor 1470; 1959).
Auf die Fragestellung „Was ist Wissen?“ wird eine Antwort auf die notwendigen und gemeinsam hinreichenden Bedingungen des Wissens erwartet. Selbst wenn wir in der Lage sind, Beispiele von Wissen zu nennen und Fälle von Wissen zu identifizieren, wissen wir in einem anderen Sinne noch nicht, was Wissen ist. Worin die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Wissen bestehen, bleibt weiter unklar. Manchmal hört man, in einem mehrbändigen Lexikon sei „das grundlegende Wissen unserer Zeit“ enthalten, oder in einer Erfindung stecke ein enormes technisches Wissen. Nur - ohne Personen, die Wissen haben, gäbe es weder Bücher noch Maschinen. Bücher oder Maschinen haben kein Wissen. Bücher sind lediglich eine Art Speicher des Wissens einer oder vieler Personen. Maschinen, wie Computer, Raketen oder Autos verfügen nicht über eigenes Wissen, auch wenn das insbesondere für moderne Computer gelegentlich behauptet wird (z.B. R. Kurzweil, 1999). Maschinen vermögen zwar oft, komplizierte Handlungsabläufe zu bewerkstelligen und ihre Funktionsweise aktuellen Messungen oder Berechnungen anzupassen, über eigene Intelligenz verfügen sie nicht - und auch nicht über Wissen, sondern sie sind Produkte von Leuten, die das für die Herstellung und den Gebrauch solcher Dinge notwendige Wissen besitzen. Wie Bruno Heller berichtet, gehen manche Schätzungen davon aus, dass sich die Menge an Wissen derzeit alle sieben Jahre verdoppele (2005). Wie man dies allerdings messen kann und zu solchen Behauptungen kommt, ist rätselhaft. Das gesamte Wissen der Menschheit zu überblicken ist - zumindest seit den Tagen der wahrscheinlich letzten umfassend gebildeten Menschen wie Leibniz oder Goethe - nicht mehr annähend möglich. Am Fortschritt der Wissenschaften lässt sich jedenfalls kaum zweifeln. Die Wissenschaften haben uns Mittel verschafft und Wege zu Zielen eröffnet, von denen Menschen früherer Zeiten nicht einmal träumen konnten. Wir reisen heute um die Erde über und unter Wasser und durch die Luft. Wir fliegen gar bis zum Mond. Wir telefonieren, hören Radio, sehen Fern. Wir lassen Maschinen rechnen und für uns arbeiten, spalten Atome und manipulieren Gene. Und obwohl diese Medaille auch eine Kehrseite hat, ist das alles ein bewundernswertes und wichtigesz.T. sogar lebenswichtiges - Wissen. Doch ist es ein technisches Wissen, ein Verfügungswissen, ein Wissen um das „Wie“ (knowing how) und nicht um das „Was“ (knowing that).
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Nach Meinung Karl Poppers hat die Wissenschaft nur das eine Ziel, nämlich Erklärungen zu geben (1972). Popper befindet sich damit in der Tradition eines zielorientierten, teleologischen Denkens, welches immer nach dem „Wozu?“ fragte und die Wissenschaft seit Aristoteles bis zum Beginn der Neuzeit beherrschte (gr. telos = Ziel, Zweck, Absicht). Inzwischen hat sich jedoch spätestens seit Francis Bacon (1561-1628) eine andere Betrachtungsweise durchgesetzt, die der frage „Warum?“ folgt und sich auf Ursachen konzentriert. Dieses kausale Denken hat sich seitdem nicht zuletzt aufgrund seiner hohen Effektivität in der Wissenschaft durchgesetzt. Erst das kausale Denkprinzip ermöglicht ein Vorhersage-Wissen, welches nicht nur Funktionszusammenhänge in der Natur erklärt, sondern auch angeben kann, was unter bestimmten Bedingungen eintreten muss. So gibt Gerhard Vollmer der Wissenschaft auch einen erweiterten Aufgabenkreis: „Wissenschaft hat nicht nur ein Ziel, sondern mehrere, und zwar kognitive und praktische Ziele. Kognitive Ziele sind Beschreibungen, Erklärungen (oder Verstehen) und Voraussagen (oder Retrodiktion). ... Die praktischen Ziele der Wissenschaft sind in der Regel mit Voraussage und Vorauswissen verbunden“ (1988). In ähnlicher Weise sieht Ernst von Glasersfeld (geb. 1917) die Aufgabe der Wissenschaft darin, „uns in die Lage zu versetzen, innerhalb der Erfahrungswelt - soweit es im Augenblick möglich erscheint - Vorhersagen zu machen, und zwar in dem Sinn, dass wir unangenehme Erlebnisse vermeiden und angenehme vielleicht hervorbringen können“ (1995). Somit scheint unser Wissen im alltäglichen Leben immer dann brauchbar und relevant zu sein, wenn es der Erfahrungswelt standhält und uns in die Lage setzt, Vorhersagen zu machen, sowie bestimmte Situationen herbeizuführen oder zu vermeiden. Wenn Wissen diesen praktischen Anforderungen nicht genügt, wird es für unsere Belange unbrauchbar und für unsere Einschätzung unglaubwürdig. Dann wird Wissen zu Scheinwissen, zum Aberglauben. Wissen ist demnach keine Aussage darüber, ob etwas existiert oder nicht, stellt also kein Bild der Welt dar. Wissen wird u.a. von Leuten wie Ernst von Glasersfeld als „Anpassung an die subjektiv erlebte Welt begriffen. Wissen umfasst daher im Konstruktivismus vielmehr Handlungsschemata, Begriffe und Gedanken. Es wird unterschieden, was in der Vergangenheit funktioniert hat und was nicht. Man macht Aussagen über Erwartungen, was vermutlich in Zukunft funktionieren wird und was nicht“ (1995). Letzten Endes also bedeutet Wissen Überleben und Macht. Kurz: Wissen ist der beste Weg zur Lösung praktischer Probleme.
Neben der Frage, was Wissen ist, kann die Frage Bedeutung haben, woher man etwas weiß, aus welchen Quellen denn unser Wissen stammt. Dabei gehen die Meinungen bis heute auseinander. Gibt es angeborenes (a priori) Wissen, oder wird Wissen nur ausschließlich durch Lernen (a posteriori) erworben? Wie die Ergebnisse der Hirnforschung an Tieren durch Isolierungsexperimente, Attrappenversuche, Artvergleich und Kreuzungsexperimente zeigen, gibt es zwingende Hinweise für die Existenz angeborener und vererbbarer Informationen über die Welt. Beim Menschen liefern genetische Studien, Entwicklungspsychologie, Verhaltensforschung, Kulturanthropologie etc. weitere deutliche Belege für erbliche Umweltinformationen. Das Gehirn eines Neugeborenen ist also offensichtlich keine strukturlose „Tabula rasa“ (lat. = leere Fläche), wie aus strikt empiristischer Sicht oft angenommen wird. Das Postulat angeborener Ideen, wie es schon Platon vertreten hat (s. Kap.2), erscheint heute eher als ein Tatsachenproblem, das man durch empirische Untersuchungen zu lösen versucht. Fast unbestritten dagegen werden Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Erinnerung als Wissensquellen anerkannt. Auch Introspektion wird gelegentlich als Ursache von Wissen angesehen. Kontrovers werden dagegen das Hörensagen oder Berichte anderer Personen als Wissensquellen diskutiert. Doch dieses soll hier nur am Rande erwähnt werden.
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In der nachkantischen Philosophie des „deutschen Idealismus“ wird Wissen insbesondere als Beziehung einer Person (Subjekt) und einem Gegenstand (Objekt) aufgefasst (J.G. Fichte, EA 1834, 1969; G.W.F. Hegel, EA 1807, 1977). In einem anderen Sinne als dem der reinen Beziehung („Relation“) lässt sich, wie Bertrand Russell gezeigt hat, offenbar ebenfalls von „Wissen“ (engl. knowledge) in der Bedeutung von „Kennen“ sprechen (z.B. „Mary knows Cologne“ wird übersetzt in der Bedeutung „Maria kennt Köln“) (1925). Wichtig ist, dass Wissen einen Inhalt hat. Als „knowing that“ ist Wissen immer ein „Kennen“, ein Wissen davon, dass sich etwas so und/oder so verhält. Man nennt dieses Wissen „propositionales Wissen“ (R. Carnap, EA 1928, 1961; G. Frege 1975 und 1976; B. Russell, 1946). Daneben gibt es als „knowing how“ dasjenige „praktische Wissen“, wie man etwas tut, ein „Können“ (G. Ryle, 1949; M. Polanyi 1958). Beides, propositionales und praktisches Wissen, setzen sich gegenseitig in einem gewissen Maße voraus, ohne dass das eine auf das andere reduzierbar wäre (R. M. Chisholm, 1957; P. Janich 2000). Neben dem propositionalen „Wissen, was etwas ist“, und dem praktischen „Wissen, wie man etwas tut“, gibt es dann auch noch das „Wissen, wie etwas ist“ (A. Beckermann, 1999; N. Block et al., 1997; T. Metzinger, 1995; T. Nagel 1979). Die wesentliche Bedeutung für die theoretische Erkenntnisfrage kommt zweifellos dem „Was-Ist-Wissen“ (“knowing that“) , dem propositionalen Wissen, zu. Für das tägliche Leben dagegen hat das „Wie-man-etwas-tut-Wissen“ („knowing how“) den überragenden Wert.
Um jetzt die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Wissen aufzulisten und so zum „Wesen“ des Wissens vorzustoßen, wird man feststellen müssen: die erste Bedingung für jedes Wissen ist, dass man es für wahr hält. Ohne Überzeugung (oder feste „Meinung“), dass sich etwas so und so verhält, gibt es kein Wissen. Das heißt nicht, dass ich mir hundertprozentig sicher sein muss oder nicht zweifeln darf. Aber wenn ich nicht glaube (im Sinne „für wahr halten“), dass sich etwas in einer bestimmten Weise verhält, kann ich es auch nicht wissen! Das bedeutet natürlich wiederum nicht, dass etwas, das ich für wahr halte, auch tatsächlich wahr sein muss!
Da das Ganze etwas verwirrend ist, seien noch folgende Erläuterungen hinzugefügt. Wissen setzt nicht Irrtumsfreiheit (Infallibilität) voraus. Die geäußerte Meinung oder Überzeugung sollte allerdings wohl begründet (gerechtfertigt) sein. Überzeugungen können wahr oder falsch sein. Doch die Wahrheit einer Überzeugung von etwas stellt die notwendige Bedingung dafür dar, dass es sich bei dieser Überzeugung um Wissen handeln kann. Allein das Haben einer Überzeugung reicht für Wissen nicht aus. Überzeugungen allein stellen noch kein Wissen dar.
Nun aber zum klassischen Erkenntnisideal, welches die Philosophie und auch die Wissenschaften seit mehr als 2000 Jahren beherrscht hat und welches sich schon bei Aristoteles und noch bei Husserl findet. Vorweggenommen sei schon mal, dass dieses klassische Erkenntnisideal mittlerweile fragwürdig geworden ist. Der Grund der Erkenntnis hat bei den beiden genannten Philosophen zwei Komponenten: die logische Folgerung und die unmittelbare Einsicht. Die spätestens seit Platon und Aristoteles bis spät ins 20. Jahrhundert fast als Selbstverständlichkeit akzeptierte „traditionelle Konzeption des Wissens“ gibt, wie wir vorhin schon gesehen haben, auf die Frage „Was ist Wissen?“ die Antwort: „Wissen ist gerechtfertigte wahre Meinung“. Statt „gerechtfertigte wahre Meinung“ kann man auch „begründete Überzeugung“ sagen. In der Rechtfertigung bzw. der Begründung einer wahren Meinung bzw. einer Überzeugung besteht wiederum die Rationalität (Vernünftigkeit) dieser Überzeugung. Die traditionelle Konzeption wird 1963 durch Edmund Gettier (zuvor auch schon von B. Russell, engl. EA 1912; dt. 1967 und EA 1946; dt. 1952, sowie von später von A. Meinong, 1973) durch eine weitere Bedingung ergänzt: die rechtfertigende
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Überzeugung müsse zusätzlich wahr sein. Gettier zeigt damit, dass Rechtfertigung allein nicht aus wahrer Meinung Wissen macht. Wissen ist demnach eine „durch wahre Überzeugungen gerechtfertigte wahre Meinung“. Der „traditionellen“ und der durch Gettier „modifizierten Konzeption“ wird später die „kausale Konzeption des Wissens“ hinzugefügt, in welcher der kausale Zusammenhang zwischen Tatsachen und Überzeugungen als weitere Bedingung für Wissen gefordert wird (D. M. Armstrong, 1973; F. I. Dretske, 1981 und 1984; A. I. Goldman 1992). Zwei weitere Konzeptionen, von denen eine die Verlässlichkeit der angewandten Methode des Meinungserwerbs als Kriterium für Wissen nennt (Reliabilismus) und die andere betont, dass Wissen wesentlich vom Kontext abhängt (Kontextualismus), seien hier nur am Rande erwähnt (als Beispiele s. S. Cohen, 1987 und 1998; K. DeRose, 1992 und 1999; F. P. Ramsey, 1990; L. Wittgenstein EA 1969; 1970).
Einen Ausweg aus dem Dilemma der Wissenskonzeptionen hat Karl R. Popper mit der Idee eines „hypothetischen oder konjekturalen Wissens“ gezeigt. Seine Definition ermöglicht es, die gerechtfertigte Meinung, bzw. die sichere Begründung durch die Forderung nach kritischer Prüfung zu ersetzen. Popper verwendet dabei Logik nicht mehr als Instrument positiver Begründung, sondern als Werkzeug der Kritik. Nach seiner Ansicht haben alle Problemlösungen (Theorien, Systeme, Überzeugungen, Erklärungen etc.) lediglich vorläufigen Charakter (H. Albert, 1982; K.R. Popper, 1968, 1972, 1978, 1984) . Das heißt, Hypothesen können nur dann als bewährt gelten, wenn sie bisherigen kritischen Prüfungen standgehalten haben. Ähnlich sieht es Alois Reutterer (geb. 1938), wenn er Wissen als „systematisierte Erkenntnis oder als System von intersubjektiv prüfbaren Sätzen mit prognostischer Relevanz (d.h. sie müssen Voraussagen erlauben)“ definiert, gleichzeitig aber einschränkend hinzufügt, dass in der Wissenschaft „letztlich nur solche Aussagen als sinnvoll betrachtet werden dürfen, die - direkt oder indirekt - durch sinnliche Erfahrung verifizierbar sind. Alles andere liegt jenseits menschlichen Erkenntnisvermögens“ (1990). Es ist kein Wunder, wenn der Leser nach Kenntnisnahme so vieler verschiedener „Wissenskonzeptionen“ mittlerweile überhaupt nicht mehr weiß, was „Wissen“ nun eigentlich ist. Vielleicht kann man vereinfacht sagen, dass das entscheidende Kriterium für Wissen auf der kognitiven Seite die Wahrheit und auf der praktischen Ebene die Nützlichkeit ist. Doch beim Studium der philosophischen Erkenntnisdiskussion der letzten fünfzig Jahre, in deren Verlauf sich die Wissenskonzeptionen ständig überholt haben und auch ihre Gegenbeispiele immer komplizierter geworden sind, drängt sich schließlich die Frage auf, ob man einen Begriff wie den des Wissens überhaupt definieren kann. „Vielleicht sollte man genauso wenig versuchen, einen solchen Begriff zu definieren, wie man versuchen sollte, einen Pudding an die Wand zu nageln“, meint Peter Baumann zu dieser Diskussion und vermutet: „Es könnte ja sein, dass die Natur unserer Begriffe - oder zumindest die Natur von Begriffen wie dem des Wissens - ihre Definierbarkeit ausschließt. ... Wenn es so sein sollte, dass man den Wissensbegriff nicht definieren kann, so heißt das nicht, dass wir nicht wissen oder nicht wissen können, was Wissen ist“ (2002). Letztendlich ist Wissen ja auch kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Probleme zu lösen und Ziele zu erreichen, die man sich selbst setzt.
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3.1.2. Was ist Wahrheit?
Beim Versuch einer Definition dessen, was Wissen ist, haben wir Begriffe wie „Meinung“, „Überzeugung“ und „Wahrheit“ benutzt. Die Worte „Meinung“ und „Überzeugung“ werden dabei im vorliegenden Text synonym verwendet. Mit den Aussagen „Ich meine, dass ...“, „Ich glaube, dass ...“ oder „Ich bin davon überzeugt, dass ...“ kann etwas Gleiches aber auch sinngemäß Verschiedenes ausgedrückt werden. „Meinung“ (gr. doxa, lat. intentio) bezeichnet in der Antike das auf bloßen Schein gerichtete, jedoch an der Wahrheit, am Sein oder Wesen der Dinge vorbeigehende Erkennen. Bei Immanuel Kant ist Meinung ein „mit Bewusstsein sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Für-Wahr-Halten“ (EA 1781; 1998). Im Wort „Meinung“ klingt damit so etwas von subjektiver Beliebigkeit an, wogegen „Überzeugung“ eher an Leute mit charakterlich gefestigter Meinung erinnert. Das oft in gleicher Bedeutung wie Meinung und Überzeugung benutzte Wort „Glauben“ hat daneben einen eher religiösen Beigeschmack. Ob nun „Meinung“, „Überzeugung“ oder „Glauben“ - alle diese Begriffe werden hier in der gleichen eingeschränkten Bedeutung des Für-Wahr-Haltens verwandt. Von der Welt, in der wir leben, von der Natur, von unserer Umgebung, machen wir uns ein Bild. Das heißt, Wissen wird immer nur aus eigener Erfahrung im Kopf eines jeden Menschen konstruiert; und dieses Konstrukt bildet dann die Welt, in welcher jener Mensch bewusst lebt. Die Konstruktion innerer Bilder hat für das individuelle Dasein eine ganz grundlegende Bedeutung. Weltbilder bestehen nämlich aus einer Reihe von Überzeugungen darüber, wie sich etwas verhält, was wahr und richtig oder unwahr bzw. falsch ist. Wir können statt von Überzeugungen hier auch von Glaubenssätzen oder Vorurteilen sprechen. Diese Überzeugungen sind uns nur zum Teil bewusst. Der überwiegende Teil unserer Überzeugungen befindet sich in unserem Unterbewusstsein. Hierauf hat der Verfasser an anderer Stelle schon ausführlich hingewiesen (1998, 2001). Dennoch kommen wir im späteren Text noch einmal darauf zurück (Kap. 4.3.).
Woraus bestehen denn nun Überzeugungen? Welches sind ihre „Bausteine“? Die Philosophen zumindest scheinen sich darüber einig zu sein, dass Begriffe als Elemente von Überzeugungen anzusehen sind (Aristoteles, EA ca. 1475; 1974; G.Frege, 1975; I.Kant, EA 1781; 1998). Begriffe sind nicht dasselbe wie Überzeugungen, aber sie sind die Bausteine von
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Überzeugungen. Die Fähigkeit Gedanken zu fassen oder zu denken, setzt sowohl die Fähigkeit voraus, sich auf einzelne Gegenstände zu beziehen, als auch die Fähigkeit, diesen Gegenständen Eigenschaften zuzuschreiben, ihnen also Begriffe zuzuordnen. „Gedanken ohne Begriffe sind blind“, schreibt Immanuel Kant im Jahre 1781 (1998), d.h. dass derjenige, welcher über keinerlei Begriffe verfügt, logischerweise auch keine Überzeugungen haben kann.
„Am Anfang des Erkennens steht die Wahrheitsfrage“, stellt Hilary Putnam fest, „Ihre Einführung macht das menschliche Erkennen zu einem Wissensproblem“ (1993). So kommen wir nun zu dem letzten, problematischen Begriff, den wir bei der Definition von Wissen gebraucht haben: der „Wahrheit“ (gr. aletheia, lat. veritas, franz. verité, engl. truth). Dieses Wort soll hier nicht in der auch gelegentlich benutzten Bedeutung „echt“ (z.B. Kurt ist ein wahrer Freund), sondern ausschließlich in der Bedeutung, dass „sich etwas so und so verhält“ verwandt werden. „Nicht wahr“ kann jederzeit durch „falsch“ ersetzt werden. So wie alle Begriffe bestimmten Bereichen zugeordnet sind, auf die sie angewandt werden können (z.B. ist der Begriff der Primzahl nur auf Zahlen anwendbar), so hat auch der Wahrheitsbegriff seinen Anwendungsbereich. Dazu können gehören: Aussagesätze, Urteile und Überzeugungen, sowie Propositionen (das sind Inhalte von Aussagesätzen, Urteilen oder Überzeugungen). Ähnlich wie bei der oben gemachten Erläuterung des Begriffs „Überzeugung“ sollen unter „Urteilen“ Gedanken oder Äußerungen verstanden werden, welche eine Person nicht bloß erwägt, sondern für wahr hält.
Eine gewisse Schwierigkeit ergibt sich schließlich noch aus der prinzipiellen Differenz von Wahrheit und Überzeugung, aus dem Unterschied von Wahr-Sein und Für-Wahr-Halten. Überzeugungen können ja sowohl wahr als auch falsch sein. Wir müssen also auf der einen Seite unterscheiden zwischen objektiver Wahrheit und sprachlichen Äußerungen (Sätze) oder geistigen Vorstellungen (Urteile, Überzeugungen), sowie den Inhalten dieser verbalen oder mentalen Gebilde (Propositionen), welche wahr oder falsch sein können. Eine gängige These von der Objektivität der Wahrheit besagt: Ob eine Proposition wahr ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob sie irgendjemand für wahr hält oder nicht (P. Baumann, 2002). Das hieße, dass Wahrheit nicht an die Entscheidung von denkenden Wesen (Menschen) gebunden ist. Dennoch wird das, was wir über die Welt denken oder sagen können, überwiegend oder sogar ganz durch unsere subjektive Perspektive auf die Welt bestimmt. Die Behauptung Platons, dass die Menschen Wahrheit erkennen, weil sie die Idee der Wahrheit von ihrem Ursprung an in sich tragen, ist zu relativieren. Menschen sind ohne Zweifel in ihrer Erfahrung der Umwelt von Raum- und Zeit-Strukturen, sowie von Kausalbeziehungen (Ursache-Wirkungs-Denken) geprägt. Ohne die für unsere Art spezifische Sicht auf die Welt können wir keinerlei Erfahrung haben. Nach Kant sind „Raum“ und „Zeit“ „apriorische Grundformen, welche der Verstand aller Erfahrung aufzwingt, die zum Operieren der Vernunft gehören“ (EA 1781; 1998). Ebenso ist für Kant die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung eine „synthetische apriorische Kategorie“, die in unserem Denken vorgegeben ist. Kausalität ist also Teil der Ordnung, die unserer Vernunft aufgezwungen wird, um die gemachten Erfahrungen verständlich zu machen. Kants philosophisch-analytische Gedanken werden einhundert Jahre später auch von dem bedeutenden Physiker Hermann von Helmholtz (1821-1894) bestätigt: „Das Prinzip der Kausalität ist in der Tat nichts anderes als die Voraussetzung der Gesetzmäßigkeit in all den Erscheinungen der Natur“ (1882). Neben Kant (EA 1781; 1998) haben diese Ansichten auch andere Philosophen und Wissenschaftler vertreten (H. E. Allison, 1983; H. v. Ditfurth, 1984; S. Körner, 1980; G. I. Patzig, 1976; P. F. Strawson, 1966). Und auch bereits Buddha (566-486
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v. Chr.) soll ja die Einsicht geäußert haben: „Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht in unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken machen wir die Welt.“ In das menschliche Weltbild geht also nicht die Welt „an sich“ ein, sondern unsere Perspektive von der Welt (N. Goodman, 1978; T. Nagel 1986, 1991; F. Nietzsche, 1954; H. Putnam, 1981). An Stelle der Realität pflegen wir ein System von Symbolen und Fiktionen zu setzen. Platon würde von Trugbildern sprechen. In seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ ruft Nietzsche uns zu: „Wie können wir auch erklären! Wir operieren mit lauter Dingen, die es nicht gibt, mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, teilbaren Zeiten, teilbaren Räumen - , wie soll Erklärung auch nur möglich sein, wenn wir alles erst zum Bilde machen, zu unserem Bilde!“ (1954). Gleich darauf beantwortet Nietzsche die Frage, warum wir uns denn solche Fiktionen schaffen: „Weil sie nützlich sind für unser Leben!“ Sie sind zwar falsch, diese Fiktionen, müssen aber für wahr gehalten werden, wenn Lebewesen, wie wir es sind, Bestand haben wollen. Nietzsches Aussage „Wahr ist, was nützlich ist“, ist zwar im Grundprinzip pragmatisch, sagt aber genau nur, dass das, was als wahr erscheint, sich eben durch Nützlichkeit ausgewiesen hat. In seinen Augen ist das Nützliche jedoch nicht wahr, sondern falsch. Nützliches für Wahrheit zu halten, ist mit freiem Denken nicht vereinbar, das ist „Sklavenmoral“ und erscheint Nietzsche oberflächlich und vulgär. Nach der „Korrespondenztheorie der Wahrheit“ ist etwas wahr, wenn es mit der Welt übereinstimmt (korrespondiert), ihr entspricht (lat. co = mit, respondere = antworten). Aristoteles hat dies - wie bereits erwähnt (Kap. 2) - im 4. Jh. v. Chr. explizit in seiner “Metaphysik” (EA 1483; 1989) formuliert. Die Feststellung „Eine Proposition (ein Satz, eine Äußerung, ein Urteil, eine Überzeugung) ist genau dann wahr, wenn sie (er, es) mit einer Tatsache korrespondiert (übereinstimmt, ihr entspricht)“, klingt zunächst recht trivial. Dennoch ist die „Korrespondenztheorie“ keineswegs unproblematisch, da sowohl der Begriff der „Übereinstimmung“ als auch der Begriff der „Tatsachen“ Fragen aufwirft. Der Anspruch Tatsachen zu kennen, also im Besitz von Wahrheit, von wahrem Wissen über die Welt, zu sein, hieße, ein aus Wahrnehmung und Begriffen zusammengestelltes - sozusagen konstruiertes - Weltbild mit „der Welt, wie sie wirklich ist“ vergleichen zu können. Damit aber müssten wir uns von unseren speziell menschlichen Gewohnheiten des Wahrnehmens und Begreifens lösen können. Das jedoch ist unmöglich, da jede Sicht der Welt notwendigerweise die Sicht eines Menschen ist! So ist auch die Forderung Ludwig Wittgensteins unerfüllbar, ein Bild mit der Wirklichkeit zu vergleichen, um zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist (1922). Dazu müsste uns ein unmittelbarer Zugang zu einer Realität jenseits der eigenen Erfahrung möglich sein, zu einer Realität, die von den eigenen Vorstellungen und ihrer sprachlichen Umsetzung unbeeinflusst wäre. Auf die diesbezügliche umfangreiche philosophische Diskussion, die u.a. zwischen absoluten (engl. guaranteeing) und zureichenden (engl. authorizing) Wahrheitskriterien unterscheidet (z.B. N. Rescher, 1985) soll hier nicht näher eingegangen werden. Es sei lediglich ein oft angeführtes Argument erwähnt, welches besagt, wir könnten unsere Überzeugungen (etc.) überhaupt nicht mit der Welt oder den Tatsachen vergleichen, da es für uns keinen „God’s point of view“, keinen Standpunkt „außerhalb“ unserer Überzeugungen (etc.) gibt, von dem ein solcher Vergleich vorgenommen werden könnte (z.B. H. Putnam, 1981).
Bedingte Abhilfe aus diesem Dilemma schafft die „semantische Theorie der Wahrheit“, welche Alfred Tarski (1901-1983) in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts (EA poln. 1933, dt. 1935, engl. 1956) entwickelt. Seine Theorie kommt sowohl ohne den Begriff der Korrespondenz als auch ohne den der Tatsachen aus. Nach Tarski müssen Wahrheitsdefinitionen immer relativ auf eine Sprache begrenzt sein: „Ein Satz ist genau dann wahr, wenn es sich so verhält, wie der Satz sagt.“ Doch wie steht es mit den Konventionen
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der Sprache? „Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realität?“, fragt Friedrich Nietzsche und weist an anderer Stelle darauf hin, dass „die verschiedenen Sprachen, nebeneinandergestellt, zeigen, dass es bei den Worten nie auf Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele Sprachen“ (1954). Diesem Einwand trägt Tarski Rechnung, indem er einschränkend konstatiert, dass der Wahrheitsbegriff nicht für natürliche Sprachen (wie z.B. Deutsch oder Englisch) mit ihren oft vielfältigen Wortbedeutungen definiert werden kann, sondern nur für formale Sprachen (wie die der Logik und der Mathematik), in welchen jeder Ausdruck exakt festgelegt ist. Nun ist die Sicherheit, dass 2+2 = 4 oder 3x7 = 21 ergibt - und auch die gesamte Logik der Mathematik - das Merkmal eines von Menschen erfundenen und vereinbarten Zahlen- und Rechensystems, sagt aber nichts aus über eine unabhängig von rechnenden Menschen existierende Zahlenwelt. „Die Zahl ist nicht in den Körpern, denn sie ist ein Geschöpf des Geistes“, hat George Berkley Anfang des 18. Jahrhunderts (1710) mit der Einsicht festgestellt, dass alles mathematische Denken aus Abstraktion und Reflexion besteht. „Das Buch der Natur an sich“ ist insofern nicht, wie Galilei glaubt, „in der Sprache der Mathematik geschrieben“ (1638). Die Mathematik ist lediglich ein durch Konsens von Menschen erfundenes elegantes Verfahren, menschliche Naturerfahrung zu ordnen und dies in einer international akzeptierten Sprache ausdrücken zu können. Tarskis Wahrheitstheorie betrifft somit auch lediglich die Wahrheit von Sätzen in formalen (nicht natürlichen) Sprachen. Sie bezieht sich nicht auf die Wahrheit von Propositionen, Urteilen oder Überzeugungen. Für den Alltagsgebrauch ist diese Theorie also nicht gemacht, denn unser alltäglicher Wahrheitsbegriff ist im wesentlichen sprachlich-übergreifend und allgemein. Neben diesen beiden in der philosophischen Wahrheitslehre (Alethiologie) sicherlich meistdiskutierten Wahrheitstheorien, der auf Aristoteles zurückgehenden
„Korrespondenztheorie“, sowie ihrer Variante, den „Abbildtheorien“ (z.B. Epikur), und der „semantischen Theorie“ Tarskis gibt es etliche andere Konzepte. Erwähnt, doch nicht näher erläutert werden sollen z.B. die „Redundanztheorie“ (z.B. F. P. Ramsey, 1990; auch G. Frege, 1969; P. Horwich, 1990; L. Wittgenstein, 1958) oder verschiedene, schon durch Demokrit von Abdera favorisierte „epistemische“ Wahrheitstheorien, denen zufolge das wahr ist, was vollständig vernünftige Leute nach ausreichender Prüfung für wahr halten (z.B. C. S. Peirce, 1934; H. Putnam, 1981). Andere „epistemische“ Varianten sind die „Konsenstheorie“ (z.B. J. Habermas, 1973), die „Kohärenztheorie“ (B. Blanshard, 1939; C. G. Hempel, 1935; O. Neurath 1931, 1932/33; M. Schlick, 1969), denen zufolge eine Überzeugung dann wahr ist, wenn sie mit anderen Überzeugungen in einem kohärenten Zusammenhang steht. Das heißt, Wahrheit ist nicht von einer unabhängigen Wirklichkeit, sondern von anderen Überzeugungen abhängig. Schließlich gibt es die „pragmatische“ Wahrheitsauffassung (W. James, 1975), nach welcher das wahr ist, was nützlich ist.
Eine grundlegende Aussage trifft jedenfalls für alle diese Vermutungen - und nichts anderes sind ja Theorien oder Hypothesen - zu: sie dürfen in Frage gestellt werden und sind unter Umständen änderungsbedürftig. Auch wissenschaftliche Theorien haben immer nur vorläufigen Charakter. Sie sind jederzeit revidierbar. In diesem Punkt unterscheidet sich Wissenschaft grundlegend von dogmatischer Ideologie. Eine Wahrheitsgarantie für irgendeine Form der Problemlösung - ob nun Erklärung oder Überzeugung - gibt es nicht. Auf diese Weise kritisch betrachtet, liegt der Akzent von Wahrheit schließlich wohl auf der Falsifizierbarkeit, der möglichen Widerlegbarkeit von Aussagen. So gesehen könnte man versucht sein, den Wahrheitsbegriff ganz fallen zu lassen und ihn durch den Begriff der Wahrscheinlichkeit zu ersetzen.
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Nachdem wir von all diesen Theorien gehört haben, wird der eine oder andere von uns zu Recht darüber erstaunt sein, dass manchmal eher zuviel, manchmal eher zu wenig über die Wahrheit selbst gesagt wird. Denn wir hören selten das, was wir eigentlich wissen möchten. Das Ergebnis jahrhundertlangen Nachdenkens darüber, was Wahrheit eigentlich ist, enttäuscht. „Auf einen allgemein verbindlichen Wahrheitsbegriff“, stellt Gerhard Vollmer ernüchtert fest, „hat man sich bislang nicht einigen können. Eine Begründung oder absolute Rechtfertigung unserer vermeintlichen Erkenntnisse ist bisher niemandem gelungen“ (1988). Was aus all dem Gesagten bleibt, ist der Eindruck, dass er weder „wahre“ Theorien, noch „wahre“ Erkenntnisse, also auch kein sicheres Wissen gibt. Bei der Erörterung des Wahrheitsbegriffes kommt man nicht von ungefähr auf die Vermutung einer fehlenden oder vielleicht unerreichbaren „Substanzialität“. Alle Aussagen sind letzten Endes Hypothesen. Und diese können wahr sein oder auch nicht. Doch in unserem täglichen Denken und Handeln sind die Begriffe wie „Wahrheit“ und „Irrtum“ schon aus praktischen Gründen unentbehrlich. Dennoch sind wir im Prinzip außerstande, irgendeinen noch so kleinen Ausschnitt unseres Wissens zu „verifizieren“ (K. R. Popper, 1972). „Wissen funktioniert wie ein Werkzeug“, stellt Aleksandr Bogdanow (1873-1928) fest. „Wie gut dieses Werkzeug ist oder wie viel besser es sein könnte, erweist sich, wenn eine Gruppe von Menschen an der gleichen Aufgabe arbeitet. Wenn keiner eine Verbesserung vorschlagen kann, dann nennt man das Werkzeug „Wahrheit“ “ (1909).
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3.1.3. Gibt es eine Außenwelt oder wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Als nächstes wollen wir eine provokante Frage stellen: Das, was wir gemeinhin „die Welt“ nennen, gibt es das überhaupt? Haben wir sicheres Wissen darüber, dass es eine objektive Welt, eine Welt außerhalb unserer geistigen Vorstellung gibt? Die Skeptiker haben diesbezüglich ja schon ihre Zweifel angemeldet. Oder existiert jene Welt lediglich in unseren Köpfen, in unseren Gedanken, in unserer Phantasie? Ist eine reale Welt, eine „Außenwelt“, jenseits unseres subjektiven Denkens vorhanden, im sozusagen objektiven Bereich? Berkley (1685-1753) bezweifelt mit seinem Ausspruch „Sein ist Wahrgenommenwerden“ (lat.= esse est percipi) als einer der Ersten die Existenz einer von Wahrnehmung und Denken unabhängigen Außenwelt. Seines Erachtens sind Gegenstände wie ein Baum oder ein Tisch lediglich ein „Bündel voll Ideen“, deren Existenz ausschließlich darin besteht, dass ein Geist sie wahrnimmt. Berkley vertritt mit seiner Ansicht, dass die Wirklichkeit nicht unabhängig vom Denken ist, eine Position, die im 18. Jh. die Bezeichnung „Idealismus“ erhält. Im Gegensatz dazu nennt Lichtenberg (1742-1999) die Frage, ob die Gegenstände außer uns objektive Realität haben, geradezu töricht, da er in dieser Spekulation keinen vernünftigen Sinn sehen kann (o.J.). Dennoch haben einige Leute die Anschauung, dass es überhaupt keine äußere Wirklichkeit gibt, sondern alles menschliche Wahrnehmen und Erleben, die gesamte Welt, sich ausschließlich im eigenen Kopf abspielt und ich sozusagen allein (lat. ego solus ipse) existiere. Jene Überzeugung, dass es keine vom Subjekt unabhängige Welt gibt, sondern „die Welt“ lediglich in der eigenen Vorstellung existiert, wird als Solipsismus bezeichnet. Aber sind das nicht Scheinprobleme? Ist das nicht Unsinn? Widerspricht eine Realismusdebatte nicht unserer täglichen Erfahrung, dem „gesunden Menschenverstand“? Natürlich kann man so fragen. Doch wäre eine derartige Vereinfachung kein kritischphilosophisches Denken, da es für beide Positionen - sowohl den Realismus als auch den Antirealismus - durchaus eine Reihe guter Argumente gibt.
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Im gleichen Sinne wie Lichtenberg hat Konrad Lorenz den Zweifel an der Realität einer Außenwelt als den „größten Irrtum der menschlichen Geistesgeschichte“ bezeichnet (zit.n. G. Vollmer, 1988).Wie kann man menschliches Wissen oder die Existenz einer realen Außenwelt ernsthaft in Frage stellen? Weiß ich zum Beispiel doch, dass ich zwei Arme habe und nicht fünf, dass die Sonne morgens im Osten auf- und im Westen untergeht, dass 5+3 = 8 ist und dass Rom vor zweitausend Jahren eine Weltmacht war. Haben Philosophen denn nichts Besseres zu tun, als vernünftigen Leuten mit völlig überflüssigen Fragen auf die Nerven zu gehen? Stimmt das etwa nicht? Ich höre doch gerade Musik, während ich diese Zeilen lese. Die gibt es doch, oder? Wenn ich aufblicke, kann ich bestimmte Dinge sehen, zum Beispiel die Schale mit Obst dort auf dem Tisch. Ich bin in der Lage mir davon einen Apfel zu nehmen, ihn zu befühlen, sein Aroma zu riechen, hineinzubeißen und seinen Geschmack zu genießen. Und den Tisch, auf dem die Obstschale steht, den gibt es doch auch. Meine fünf Sinne (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten) geben mir Informationen über eine Welt außer meiner selbst und einen Eindruck, wie diese Welt um mich herum (die Umwelt) beschaffen ist! Oder?
Ja, tun unsere Sinne das wirklich? Wie real ist das, was uns durch unsere sinnlichen Wahrnehmungen vermittelt wird? Was genau nehmen wir eigentlich wahr, wenn wir etwas wahrnehmen? Wenn ich sage, der Apfel in der Schale dort auf dem Tisch ist grün und die Kirschen daneben sind rot, meine ich „eigentlich“ nur, dass die Oberfläche der Früchte Licht in einer Wellenlänge reflektiert, die durch meinen visuellen Eindruck eine Grün- bzw. eine Rotempfindung hervorruft. Von den Äpfeln oder den Kirschen selbst kann ich nur sagen, dass sie eine bestimmte Oberflächenstruktur haben. Wenn ich also sage, der Apfel sei grün, sage ich genaugenommen nichts über den Apfel selbst aus, nichts darüber, wie er unabhängig von mir beschaffen ist, sondern nur etwas über seine Wirkung auf mich als Betrachter. Grün ist also keine Eigenschaft des Apfels in der Schale auf meinem Tisch, sondern eine Charakterisierung meiner Wahrnehmung des Objekts. Die Farbe Grün oder die Farbe Rot ist ein Seherlebnis und keineswegs eine Eigenschaft des Apfels oder der Kirsche, genauso wenig wie hell oder dunkel eine Eigenschaft der Welt ist. Seherlebnisse von Helligkeiten oder Farben sind Wahrnehmungen, die entstehen, wenn elektromagnetische Wellen einer Länge von 400-700 millionstel Millimeter auf die Netzhaut des menschlichen Auges fallen und von dort aus an die „Sehrinde“ des Gehirns weitergeleitet werden. Einige Autoren (z.B. J. Locke und G. Berkeley) zählen die Eigenschaft „grün“ des Apfels zu den „sekundären Qualitäten“ im Unterschied zu den „primären Qualitäten“, die den Gegenständen „an sich“ zukommen. Nun sind die Dimensionen visueller Erfahrung - egal ob es sich um Farbe, Bewegung, Oberflächenstruktur oder Form der von uns gesehenen Objekte handelt - nicht primär durch die Eigenschaft des von ihnen ausgehenden Lichtes bestimmt. Menschliches visuelles Erleben hängt in erster Linie von neuronaler Aktivität ab, also von der Tätigkeit unserer Nerven- und Gehirnzellen (H.R. Maturana und F.J. Varela, 1984). Diese Aktivität unseres Zentralnervensystems ist ganz und gar auf die individuelle Struktur einer jeden Person zugeschnitten. All unsere Erfahrungen sind so eng mit unserer individuellen Persönlichkeitsstruktur verbunden, dass wir nicht „die Welt“, nicht einmal ihre Farben sehen, sondern unseren eigenen visuellen Ausschnitt davon erleben, unseren persönlichen chromatischen Raum.
Unser „Weltbild“ bauen wir aus einer Unzahl von Signalen, aus sogenannten Reizen auf, welche wir durch Kontakt unserer Sinne mit der Umwelt erhalten. Dabei verwenden wir nie alle vorhandenen Signale. Zum einen sind manche Signale zu schwach, dass sie uns nicht erreichen. Sie liegen dann unterhalb der „Reizschwelle“. Zum anderen verwenden wir auch nicht alle über der Reizschwelle gelegenen Signale, sondern wählen durch unsere
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Aufmerksamkeit nur eine relativ geringe Anzahl jener Signale aus. Diese Auswahl ergänzen wir zudem je nach Bedarf durch die Vergegenwärtigung erinnerter Wahrnehmungen. Der Bedarf wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns gerade befinden. Doch dieser jeweilige Zusammenhang verlangt von uns nicht, dass wir die Dinge um uns so sehen, wie sie „in Wirklichkeit“ sind, sondern er fordert nur, dass wir wahrnehmen, was momentan für uns subjektiv wichtig ist und uns zu erfolgreichem Handeln befähigt. Anders ausgedrückt: es ist weniger von Bedeutung, ob wir die Dinge um uns in ihrer Realität erkennen. Wichtig ist, dass unser Erkenntnisapparat, welcher ja ein Ergebnis der biologischen Entwicklung ist, mit seinen subjektiven Erkenntnisstrukturen eine so weitgehende Anpassung an die realen Strukturen erreicht, um uns mit einer solchen (teilweisen) Übereinstimmung das Überleben auf diesem Planeten zu ermöglichen.
Feststellen lässt sich : Ohne Wahrnehmung hätten wir kein Wissen. Sicher. Aber Wahrnehmung allein reicht zur Erklärung unseres Wissens offenbar nicht aus. Wie erleben wir denn Wirklichkeit? Was davon ist real? Was scheint wirklich? Scheinen uns nicht auch Träume manchmal sehr real zu sein? Man kann drüber spekulieren, ob nicht alle unsere Erlebnisse vielleicht nur ein einziger langer Traum sind. Auch Halluzinationen zeigen uns oft äußerst real erscheinende Bilder, ohne dass diesen Bildern ein Objekt entsprechen muss. Ebenfalls gibt es einige menschliche Vorstellungen, zu deren Inhalt es keine tatsächliche Entsprechung in der Welt gibt. Das Einhorn im Märchen, das Ungeheuer von Loch Ness, das sagenhafte Atlantis oder der Weihnachtsmann sind solche Vorstellungen. Ebenfalls ist ein zweihundert Jahre alter oder drei Meter großer Mensch vorstellbar, obwohl es so etwas nicht gibt und auch nicht geben kann. Das Vermögen, sich Dinge oder Sachverhalte vorstellen zu können, ohne dass es sie gibt, ist für die Handhabung und gedankliche Bewältigung von Problemen oft durchaus nützlich. Aber wie kann ich sicher sein, dass es eine Außenwelt gibt und dass ich nicht nur träume oder halluziniere? Immanuel Kant hat dieses Dilemma gesehen, als er 1781 in der „Kritik der reinen Vernunft“ anmerkte: „ ... so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns ... bloß auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemandem einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können“ (1998). Für Martin Heidegger dagegen scheint das Problem der Außenwelt ziemlich irrelevant gewesen zu sein, als er Kant in „Sein und Zeit“ (EA 1927; 1979) dazu antwortet: „Der Skandal der Philosophie besteht nicht darin, dass dieser Beweis bislang noch aussteht, sondern darin, dass solche Beweise immer wieder erwartet und versucht werden.“
Die Annahme, dass außerhalb unseres Denkens, unseres Bewusstseins eine objektive Welt existiert (Realismus), ist den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung zufolge eine ziemlich wahrscheinliche, doch mit letzter Sicherheit nicht beweisbare Hypothese. Unabhängig von unserer eigenen, individuellen Existenz und auch unabhängig davon, ob wir „Wirklichkeit“ erkennen können, ist die Feststellung, dass es eine „außersubjektive Wirklichkeit“ gibt, nur eine „begründete Annahme“, nicht mehr! Diesbezüglich behauptet Karl Popper, „dass der Realismus weder beweisbar noch widerlegbar ist. Wie alles außerhalb der Logik und elementaren Arithmetik ist er nicht beweisbar; doch während empirische wissenschaftliche Theorien widerlegbar sind, ist der Realismus nicht einmal widerlegbar. ... Aber man kann für ihn argumentieren, und die Argumente sprechen überwältigend für ihn“ (1972).
Die philosophische Haltung der Skeptiker, wie sie zum Beispiel Sextus Empiricus (Ende des 2. Jh.), Michel de Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650 ) und David Hume (1711-1776) vertreten haben, ist in ihrem Denkansatz durchaus berechtigt (vgl. Kap. 2 und 3.1.1). Nicht um die Mitmenschen zu ärgern bestreiten oder bezweifeln Skeptiker, dass wir
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Wissen über Dinge und über die Welt haben oder haben können, sondern weil sie Gründe zu diesem Zweifel sehen. Auch das „Ding an sich“ Kants ist immer ein „Gedankending“ und keine objektive Realität. Und wenn ich mich nun zumindest bedingt auf den skeptischen Zweifel einlasse, komme ich immerhin zu der Vermutung, dass die Welt, die ich sehe, nicht die Welt sein kann, welche tatsächlich vorhanden ist, sondern nur derjenige Teil derselben, welchen ich davon bewusst wahrnehme. Doch meine subjektive Wahrnehmung und die Schlüsse, die ich aus meinen Beobachtungen ziehe, sind nur eine Vermutung, wie die Dinge sind, bestenfalls ein sehr bruchstückhaftes Teilwissen, sicher aber kein objektives Wissen über die Welt.
Wissen setzt keinesfalls Irrtumsfreiheit voraus. Das hatten wir schon festgestellt. Ohne den skeptischen Zweifel an der Möglichkeit menschlichen Wissens zu ignorieren, muss überlegt werden, ob bei einer Einsicht in die Beschränktheit der Wahrnehmung des Menschen denn von dessen Wissen völlige Sicherheit verlangt werden kann. Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma ist die Antwort, dass der Skeptiker den Besitz von Wissen in seinem Anspruch auf einem viel zu hohen Standard ansetzt. Angemessen wäre, ausschließlich von begründeten Hypothesen oder Theorien statt von Wissen zu sprechen, von Wahrscheinlichkeit statt von Wahrheit. Absolutes Wissen und Unfehlbarkeit sind Fähigkeiten, die der Mensch nicht hat! Wenn man den Standard des Wissens oberhalb des menschlichen Niveaus ansetzt, kann die Überzeugung, man könne kein Wissen erlangen, nicht verwundern. Von einer möglicherweise existierenden Außenwelt kann ich zugegebenermaßen nur einen kleinen Ausschnitt mit meinen Sinnen wahrnehmen, mit dem Bewusstsein erfassen und mit dem Verstand begreifen. Doch „der Verstand kann nur Vorstellungen und seine Gegenstände, nicht aber wirkliche Dinge schaffen, das heißt, die Dinge können unmöglich durch diese Vorstellungen und Begriffe vom Verstande als solche, wie sie an sich sein mögen, erkannt werden“ (I. Kant, 1798). Somit scheint die Frage, wie verlässlich selbst jene bruchstückhaften Informationen sind, welche die Sinne mir vermitteln, berechtigt zu sein, zumal wenn man bedenkt, dass es offensichtlich Dinge gibt, welche mit unseren menschlichen Sinnen nicht registriert werden können (z.B. Radiowellen, ultraviolettes Licht oder Röntgenstrahlen, Ultraschall, Kohlenmonoxid, Magnetismus etc.). Trotzdem gibt es auch gute Gründe, die Existenz von Dingen anzunehmen, welche sich mit den technischen Methoden moderner Naturwissenschaften nachweisen lassen.
Manche Objekte sind zu klein, als dass wir in der Lage wären, sie ohne technische Hilfsmittel zu erfassen (z.B. Viren, Moleküle, Elektronen etc.). Manches ist für unser Vorstellungsvermögen zu groß (z.B. astronomische Entfernungen), zu schnell (z.B. Licht), zu kurz (z.B. Nanosekunden) oder zu lang (z.B. Erdzeitalter). Und doch haben wir gute Gründe für die Annahme, dass es Atome, Viren, Magnet- und Radiowellen, Ultraviolett- und Gamma-Strahlen oder weit entfernte, mit den Augen nicht mehr wahrnehmbare Sterne gibt. Ebenso dürfen wir annehmen, dass Dinge oder Phänomene, die sich bislang nicht mit wissenschaftlichen Methoden beweisen lassen, dennoch existieren. Ein Gegenstand, den wir nicht sehen können, da sich zwischen ihm und uns eine Wand befindet, existiert ja auch. Oder? Es würde uns nicht einfallen, einem Menschen, der heute beispielsweise in Indien lebt, seine Existenz abzusprechen, obwohl wir ihn bisher nicht kennen gelernt haben und ihn auch nie kennen lernen werden. Das Sein oder Nichtsein von Dingen scheint zumindest nicht an die direkte oder indirekte Wahrnehmbarkeit gekoppelt zu sein. Die Erfindung von Zahlensystemen und Schrift, insbesondere aber die Entwicklung technischer Möglichkeiten, die unseren menschlichen Wahrnehmungshorizont erweitert haben, verändert zwangsläufig auch unser Weltbild. Erfindungen wie Rad, Kompass,
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Fernrohr, Mikroskop, Buchdruck, Glühbirne und Telegraph, sowie der Bau von Schiffen, Automobilen, Flugzeugen und schließlich die Möglichkeit der Raumfahrt sind nur einige Beispiele dafür.
Von den Dingen, die um uns herum sind, und den Prozessen, welche um und her ablaufen,von der „Außenwelt“ - nehmen wir Menschen nur einen geringen Teil wahr. Ähnlich sieht es mit der Wahrnehmung unserer „Innenwelt“ aus, unseren Trieben, dem Unterbewusstsein und sogar unserem Selbstbewusstsein. Geistig-seelische und körperliche Abläufe werden von uns ebenso nur teilweise erlebt und wahrgenommen wie die „Außenwelt“. Das aus Erlebensinhalten heraus entstehende und dieses bedingte menschliche Erleben begleitende subjektive Wissen (lat. conscientia) bezeichnen wir seit dem 18. Jahrhundert als Bewusstsein. Nur das, was anschaulich gegeben ist und wahrgenommen werden kann, ist bewusstseinfähig. Insgesamt wird menschliches Bewusstsein durch eine Reihe von Eigenschaften bedingt. Dazu gehören mindestens die Fähigkeiten, sensorischen Reizen und inneren Gedanken zu folgen, sie an verschiedene zerebrale Systeme umfassend weiterzuleiten und sie diesen so zugänglich zu machen, sie zu speichern und in einem episodischen Gedächtnis aufzubewahren, sie geistig zu manipulieren, auf sie gestützt intentional zu handeln und - vor allem - sie sprachlich wiederzugeben.
Bereits im Jahre 1896 stellt der Göttinger Psychologe Georg Elias Müller (1850-1934) fest, dass jedem Zustand des Bewusstseins ein materieller Vorgang zugrunde liege, ein sogenannter psychophysischer Prozess, an dessen Stattfinden das Vorhandensein des Bewusstseinszustandes geknüpft sei. Die materielle Beschaffenheit, das Funktionieren unseres Körpers, insbesondere unseres Gehirns, ist für das menschliche geistige Erleben von herausragender Bedeutung. Geistiges Erleben heißt nicht nur Reizwahrnehmung, sondern auch Reizverarbeitung, Koordination unterschiedlicher Eindrücke, Erkennen und Wiedererkennen, Beurteilen und Schlüsse ziehen. Die einwandfreie Arbeit des Bewusstseins ist an die Funktionsfähigkeit der Sinnesorgane und an die intakte Funktion neurophysiologischer Vorgänge zwischen Hirnstamm, Zwischenhirn und Hirnrinde geknüpft. Das menschliche Gehirn ist das komplizierteste System, welches die biologische Entwicklung bislang hervorgebracht hat. Es überrascht daher nicht, dass wir bis heute Schwierigkeiten haben, dieses System voll und ganz zu durchschauen. Ersetzen lässt sich dieses menschliche Gehirn auch durch modernste Computer nicht. Zugegebenermaßen sind Grenzziehungen durch den rasanten Fortschritt der Mikroelektronik und Nanotechnologie inzwischen schwieriger geworden. Dennoch gibt es nach wie vor grundlegende Unterschiede zwischen Mensch und Maschine, zwischen Gehirn und Computer. Sicher leistet mancher moderner Rechner stellenweise weitaus mehr als unser Gehirn. Insbesondere trifft dies da zu, wo es auf den Umfang der zu speichernden Information, die Schnelligkeit und Präzision, mit der diese Information abgerufen werden kann, und vor allem auf die Objektivität ankommt, mit der ein Rechner arbeitet. Trotzdem ist unser Gehirn in seiner Komplexität und mit seiner geschätzten Speicherkapazität von bis zu 100 Milliarden Informationseinheiten (Bit) leistungsfähiger als jeder derzeit existierende Computer. Die Leistung moderner EDV-Anlagen hat sich bisher alle zwei Jahre etwa verdoppelt, in zehn Jahren also um den Faktor dreißig. Man kann davon ausgehen, dass diese Entwicklung nicht stehen bleibt, sich vermutlich eher noch beschleunigen wird.
Von den drei Hauptfunktionen menschlichen Denkens, nämlich Gedächtnis, Abbildfunktion und Simulationsfunktion beherrschen moderne Computer schon zwei: Gedächtnis und Simulation. Das Computergedächtnis ist zwar vorläufig noch um Größenordnungen kleiner
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als das menschliche, aber es ist zuverlässiger und erlaubt schnelleren Zugriff. Bei der Simulationsfähigkeit hat der Computer gegenüber dem Menschen den Vorzug, keine Gefühle und Wünsche zu haben. Computer sind objektiv. Sie verdrängen nicht wie Menschen Tatsachen, die ihnen missfallen, und vertuschen keine Ergebnisse, die ihren Überzeugungen widersprechen. Computer sind weltanschaulich neutral. In der Möglichkeit, mit Hilfe von Rechnern Zukunftsprognosen objektiv und emotionslos stellen zu können, liegt eine Chance, die genutzt werden kann.
Zweifellos ist auch Erkenntnis ohne ein funktionierendes Gehirn nicht möglich! Wird das Gehirn funktionsunfähig, hört jedes psychische Geschehen auf, erlischt das Bewusstsein. Wird die Gehirntätigkeit durch chemische Substanzen (Drogen) verändert, ändert sich auch das psychische Erleben des betreffenden Individuums. Wie man durch die Beobachtung von Hirnverletzten weiß, sind bestimmte psychische Einzelleistungen an die Funktion ganz bestimmter Hirnareale gekoppelt. Das Trieb- und Gefühlsleben, sowie die geistige Leistungsfähigkeit hängt außerdem von der Funktion bestimmter Drüsen unseres Körpers und derer Hormonproduktion ab (z.B. Schilddrüse, Hirnanhangdrüse, Nebennieren, Ovarien, Hoden). Die psychische Entwicklung eines Individuums, d.h. der gesamte geistig-seelische Fortschritt einer Person, entspricht der Entwicklung seines Körpers, ganz besonders des betreffenden Gehirns, seines Wachstums und Reifegrades. Zusammengefasst bedeutet dies: seelisch-geistige (psychische) Prozesse sind vom Funktionieren materieller Strukturen abhängig. Ohne Materie kein Geist! Der Geist ist eine Funktion unseres Zentralnervensystems. Psychische, mentale, bewusste Zustände und Vorgänge sind an neuronale Strukturen, an Materie gebundene Prozesse. Es mag Gehirne ohne geistige Prozesse geben, doch niemals geistige Prozesse ohne funktionsfähiges Gehirn! Der Gedanke einer immateriellen Seele ist ein Produkt der menschlichen Psyche. Gerade die psychischen Vorgänge sind an komplexe materielle Strukturen gebunden. Eine unkörperliche und unsterbliche Seele ist eine durch Gier nach Leben und Angst vor dem Tod motivierte menschliche Wunschvorstellung, eine bloße Annahme. Doch allein das Aufzeigen von Motiven für den Unsterblichkeitsglauben ist noch lange kein Beweis. Wissenschaftlich ist die Annahme einer körperlosen unsterblichen Seele allerdings weder beweisbar noch widerlegbar.
Die Organe, mit welchen wir - und neben uns andere Lebewesen ebenso - in Beziehung mit der Außenwelt treten, sind insbesondere unsere Sinnesorgane. Dieser Sinnesapparat nimmt aus der Umgebung bestimmte Signale (Reize) auf und erzeugt in uns ganz individuelle Erscheinungen, die es in der Physik und in der Chemie nirgends gibt: Empfindungen. Diese Empfindungen verbinden sich mit bisherigen - oft sehr unterschiedlichen - Erfahrungen zu bewussten subjektiven Wahrnehmungen. Aus der Gesamtheit der jeweiligen Wahrnehmungen setzt sich so ein persönliches Bild von der Außenwelt zusammen. Anders ausgedrückt: Die Signale, welche durch unsere Nervenzellen an das Gehirn übermittelt werden, geben lediglich Informationen über Quantität und Qualität von Reizen weiter, aber keinerlei Information über deren Ursache. Diese Information bezüglich einer Welt mit sichtbaren, hörbaren, riechbaren und tastbaren Dingen kann nur durch Relation - einen schöpferischen Akt - entstehen. Relation zu den empfangenen Reizen stellt aber allein der Beobachter, der Empfänger jener Reize her.
Gedanklich kann man die Welt der Reize (der Signale) von der Welt der bewussten Wahrnehmungen trennen. Didaktisch zweckmäßig erscheint es deshalb manchen Autoren, gelegentlich die Begriffe der „objektiven“ und der „subjektiven Wirklichkeit“ zu gebrauchen.
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Die objektive Wirklichkeit meint in diesem Sinne die Welt der chemisch-physikalischen Vorgänge. Die subjektive Wirklichkeit dagegen soll die Welt unserer bewussten Wahrnehmungen sein. In der objektiven Wirklichkeit gibt es keine Farben, keine Helligkeiten, keine Wärme, keine Gerüche, keine Geräusche. Hier gibt es nur Atome und Moleküle in verschiedener Anordnung und Bewegung. Die subjektive Wirklichkeit dagegen besteht aus wahrgenommenen Dingen, das heißt aus dem Wechselspiel von Empfindungen und Erinnerungen. Subjektive Wirklichkeit besteht nur aus den bewussten Erlebnissen des einzelnen Menschen. Sie ist personenspezifisch, unterscheidet sich also wesentlich von der Wirklichkeit anderer Individuen. Subjektive Wirklichkeit unterscheidet sich ebenso beträchtlich von der objektiven Wirklichkeit, zum einen indem sie Eigenschaften aufweist, die in der chemisch-physikalischen Welt überhaupt nicht vorkommen (z.B. Töne, Farben, Gerüche u.s.w.), zum andern aber besonders dadurch, dass sie einzig und allein von dem Menschen festgestellt werden kann, der sie erlebt. Diese von den Sinnesorganen aus der objektiven Wirklichkeit der chemischen und physikalischen Vorgänge durch bewusstes Wahrnehmen und Empfinden geschaffene subjektive Wirklichkeit ist das Forschungsgebiet der Psychologie.
Bewusste menschliche Wahrnehmung hat jedoch, wie wir wissen, ihre Grenzen. Diese Grenzen sind für uns nur mit Hilfe technischer Apparaturen überschreitbar. Atome oder Moleküle oder die meisten Schwingungen nehmen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Sinnen gar nicht wahr. Wirklichkeit - wie sie „wirklich“ objektiv ist - können wir nicht wahrnehmen, dafür aber Dinge, Farben, Geräusche und Gerüche. Damit erschließt sich uns Menschen nur ein sehr kleiner Teil der Realität, denn für viele Vorgänge in der objektiven Welt fehlen uns die entsprechenden Sinnesorgane. Wie Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1717) entdeckt hat, werden uns nur diejenigen Vorgänge bewusst, welche wir bemerken können und die an unseren Sinnesrezeptoren einen bestimmten Stärkegrad erreichen, eine gewisse Reizschwelle überschreiten (1718). In ihrer Verschiedenheit werden uns Qualitäten wie z.B. Entfernungen, Gewichte, Farben oder Töne nur dann bewusst, wenn sie eine gewisse Größe erreichen, so dass wir sie überhaupt bemerken können. Lichtenberg meint gar, es sei ein Widerspruch, wenn man glaube, äußere Gegenstände zu erkennen, denn es sei dem Menschen unmöglich, aus sich herauszugehen. Er fährt fort: „Wenn wir glauben, wir sähen Gegenstände, so sehen wir bloß uns. Wir können von nichts in der Welt etwas eigentlich erkennen, als uns selbst und die Veränderungen, die in uns vorgehen“ (o.J.). Es ist also trotz immer ausgefeilterer technischer Verfahren ein Trugschluss zu meinen, man könne als Beobachter der Natur eine Art „Außenposition“ einnehmen. In „Menschliches, Allzumenschliches“ (entst. 1876-1879; 1954) verblüfft uns Friedrich Nietzsche (1844-1900) mit der Feststellung: „Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden; während doch die Frage übrig bleibt, was von dieser Welt noch da wäre, wenn man ihn doch abgeschnitten hätte.“ Nietzsche trifft mit seiner Zusatzfrage den Nagel auf den Kopf, denn jeder Mensch erlebt sich tatsächlich selbst als Zentrum seiner Welt. Das hat zur Folge, dass die Einordnung von Wahrnehmungen und die Beurteilung von Verhältnissen unter dem Gesichtspunkt einer egozentrischen Lokalisation sehr unterschiedlich ausfallen muss. Jeder lebt sozusagen in seiner individuellen Welt, erlebt seine persönliche Wirklichkeit, die sich von derjenigen anderer Menschen wesentlich unterscheidet.
Folglich ist es kaum verwunderlich, dass zwei unterschiedliche Menschen ein und denselben Gegenstand sehr verschieden beschreiben: z.B. als Baum, als Eiche, als hölzernen Gegenstand, als Wohnort von Geistern, als Hindernis, als Nahrungsquelle, als Teil des Waldes etc. Wir sehen schon: Beschreibung von Realität ist auch immer gleichzeitig
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Interpretation! Wie im einzelnen interpretiert wird, hängt sowohl von bewussten als auch unbewussten Denkprozessen ab Wenn also zwei Beschreibungen der Wirklichkeit sich deutlich voneinander unterscheiden oder gar völlig voneinander abweichen, kann man dann noch behaupten, sie seien Beschreibungen derselben Wirklichkeit? Wie soll man je wissen, wie die Wirklichkeit selbst beschaffen ist, die sich auf völlig unterschiedliche Weise beschreiben lässt? Die Wirklichkeit spricht keine eigene Sprache. Gegenstände beschreiben sich nicht selbst, sondern Menschen beschreiben sie in Abhängigkeit zu ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten und Interessen, sowie zu ihren Begriffen und den sprachlichen Ausdrucksformen. So scheint einerseits die Idee einer Beschreibung etwas vorauszusetzen, das beschrieben wird. Andererseits kann man durchaus diskutieren, ob die Frage nach der Existenz einer Außenwelt, einer erkenntnis- und beschreibungs-unabhängigen Wirklichkeit „an sich“ überhaupt Sinn macht.
Neben bewusst ablaufenden geistigen Vorgängen bezeichnet die Tiefenpsychologie unbewusste, nicht unmittelbar der Selbstbeobachtung zugängliche oder an ihren Wirkungen erkennbare geistige Prozesse als Unterbewusstsein oder Unbewusstes. Das Unbewusste, welches Sigmund Freud (1856-1939) in Anknüpfung an Georg Groddecks (1866-1934) Arbeiten (1923) als „Es“ bezeichnet, ist die Voraussetzung für ein bewusst erfahrbares Seelenleben. Viele Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Neigungen und innere Einstellungen werden durch das „schlummernde“ Unbewusste in uns gesteuert und wirken unabhängig vom „wachen“ Bewusstsein.
Das Bewusstsein oder das „Ich“, welches Freud auch als „Rindenschicht des Es“ bezeichnet, weist nach seinem Verständnis die Fähigkeit des Denkens, Fühlens, Wahrnehmens, Urteilens und Wollens auf (EA 1923; 2000). Versehen mit diesen Attributen würde das Bewusstsein Kontakt zur „Außenwelt“ aufnehmen und sich mit derselben arrangieren. Im Gegensatz zum Unbewussten, welches nach Freud „verantwortungslos“ dem Lustprinzip huldigt und seinen Triebimpulsen freien Lauf lässt, kennt das Bewusstsein das Realitätsprinzip und die Gesetzmäßigkeiten, nach denen es sich zu richten sucht. Zusätzlich zum „Ich“ und „Es“ bilde sich beim Kind im vierten oder fünften Lebensjahr das „Über-Ich“ aus, unter dem Freud die seelischen Phänomene des Gewissens und des „Ich-Ideals“ subsumiert. Carl Gustav Jung (1875-1961) erweitert Freuds Begriff des „Unbewussten“ später durch den Begriff des „kollektiven Unbewussten“, indem er bestimmte Symbole als bildhaften Ausdruck eines der ganzen Menschheit gemeinsamen Unterbewusstseins (die „Archetypen“) postuliert (1934). Die Lehre von den seelisch-geistigen Prozessen, die Psychologie, könnte man auch die „Wissenschaft von den subjektiven Wirklichkeiten der Menschen“ nennen. Schon Kant trifft die Feststellung, dass der Mensch objektive Wirklichkeit nur in dem Maße erkennt, in dem sie mit den Strukturen seines Geistes korrespondiert (1781). Auch unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse können nicht aus einem geistigen Vakuum entstehen, sie leiten sich immer vom menschlichen Denken ab. Menschliche Wissenschaft kann sich unmöglich mit einer vom Geist unabhängigen Natur befassen, - eine solche Natur könnte auch mit wissenschaftlichen Methoden nie erkannt werden. „In der Naturwissenschaft ist“, wie Werner Heisenberg feststellt, „der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst“ (1955). Unsere Erkenntnis richtet sich eben nicht nach Gegenständen der Natur, sondern die Gegenstände werden nach bereits vorhandenen Strukturen unseres Geistes geformt. Anders ausgedrückt: die gesamte menschliche Erkenntnis ist nichts weiter als ein auf Denkgewohnheiten beruhendes geistiges Produkt, ein Spiegelbild unserer eigenen Denkstrukturen!
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3.2. Wie natürlich ist unsere Moral und die daraus
resultierende Ethik?
Wie wirklich - oder besser: Wie natürlich ist unsere Moral? Man kann darüber streiten, ob diese Frage überhaupt relevant ist. Interessant ist sie allemal. Denn man kann sich einmal überlegen, ob das, was wir für ethisch notwendig und richtig halten, etwas mit Wirklichkeit oder wenigstens mit Natürlichkeit zu tun hat. Sind unsere sittlichen Empfindungen und die daraus resultierenden Handlungsweisen an der Realität orientiert oder sind sie auch reine subjektive Willkür? Ist Moral natürlich oder ein Kunst- beziehungsweise ein Kulturprodukt? Haben Moral und Ethik überhaupt etwas mit objektiver Wirklichkeit bzw. mit „der Natur“ zu tun? Sind „gut“ und „böse“ reale Dinge oder sich ändernde subjektive menschliche Bewertungen von Sachverhalten? Lassen sich moralische Begriffe aus der Natur ableiten oder gar legitimieren? Geht es in der Natur selbst „moralisch“ zu, - und wenn ja: wie viel von dieser Natur steckt dann in unserer menschlichen Moral?
Die alte Frage nach dem sittlichen oder unsittlichen Charakter der Natur wird Ende des 19. Jahrhunderts erneut gestellt, als Darwin den „Kampf ums Dasein“ (engl. „struggle for life“) als Hauptantrieb fortschreitender Entwicklung postulierte (vgl. auch Kap. 2). Nach Auffassung von Charles Robert Darwin (1809-1882) besteht eine enge Verbindung, ja ein Übergang von den „sozialen Instinkten“ der Tiere zu den moralischen Handlungen der Menschen. 1871 schreibt er dazu: „Es scheint mir in hohem Grade wahrscheinlich zu sein, dass jedwedes Tier mit wohlausgebildeten sozialen Instinkten (Eltern- und Kindesliebe eingeschlossen) unausbleiblich ein moralisches Gefühl oder Gewissen erlangen würde, sobald sich seine intellektuellen Kräfte soweit oder nahezu soweit wie beim Menschen entwickelt hätten“ (engl. EA 1871; dt. 1908). Darwin hat einerseits Recht, wenn er Moral und Ethik als Kulturleistungen in Beziehung zu einer hohen biologischen Entwicklungsstufe setzt. Andererseits haben weder Moral noch Ethik unbedingt etwas mit dem „Natürlichen“, aber viel mit etwas künstlich Geschaffenem und der Weltsicht der jeweiligen Gesellschaft zu tun. Die Natur, die „Außenwelt“, bleibt in ihren objektiven Gegebenheiten weitgehend konstant; Gesellschaftsstrukturen, Kulturen, Werte und Weltanschauungen sind dagegen einem stetigen historischen Wandel unterworfen.
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Seit der Entstehung von Hochkulturen hat es zahlreiche Bemühungen gegeben, die Welt zu verbessern und die größten sozialen Übel, nämlich Unterdrückung, Armut und Krieg abzuschaffen. Diesbezüglich hat weltweit keine Idee eine so große Breitenwirkung und Attraktivität gehabt wie der sozialistische Traum des Marxismus. Der Vorteil der marxistischen Ideologie liegt darin, dass sie das Bestreben zur Beseitigung von Unterdrückung, Armut und Krieg in den Rahmen einer geschichtsphilosophischen Konzeption stellt. Die Verwirklichung dieses uralten Menschheitstraumes wird von Karl Marx (1818-1883) mit dem Anspruch, auf einer wissenschaftlichen Analyse aufzubauen, in Aussicht gestellt (K. Marx, 1890; K. Marx und F. Engels, 1848). Dass sich der „real existierende Sozialismus“ entgegen seiner ursprünglichen Intuition aber als Weg in die Knechtschaft und seine Ideologie sich als „Opium für Intellektuelle“ herausstellt, ist durch den geschichtlichen Verlauf hinreichend erwiesen worden. Karl R. Popper hat eindringlich vor der Gefährlichkeit historischer Propheten gewarnt und die Unvereinbarkeit solcher Aussagen mit Wissenschaft betont (1945).
Die Frage nach dem Wesen unser Moral ist in der Vergangenheit kontrovers beantwortet worden. Einerseits wird menschliche Moral als Resultat der biologischen Evolution betrachtet, gewissermaßen als eine dem zerebralen Reifungsprozess des Menschen angemessene Weiterentwicklung der stammesgeschichtlich alten „sozialen Instinkte“. Aus dieser Sicht sind unsere moralischen Vorstellungen nichts anderes als ein kulturspezifisch aufgearbeiteter Ausdruck biologisch vorgegebener Verhaltenstendenzen. Andererseits wird wahrhaft moralisches Verhalten gerade in der Überwindung natürlicher Neigungen gesehen. Nach dieser entgegengesetzten Auffassung haben moralische Normen die Aufgabe, den in der Natur des Menschen angelegten „amoralischen“ Verhaltenstendenzen entgegenzuwirken. Beide Ansichten von Wesen und Aufgabe menschlicher Moral sind weit verbreitet. Es bleiben die Fragen, die sich hinter allem zuvor Gesagten verbergen: Besteht die Möglichkeit einer „Wertorientierung“ an der Natur? Ist das, was „natürlich“ ist, auch „gut“? Oder ist gerade das „Natürliche“ in uns das potentiell „Böse“?
Für manchen „Tierliebhaber“ oder „Naturfreund“ ist die Antwort klar: „natürlich“ gilt als unverfälscht und unverdorben durch zivilisatorischen Einfluss. (Der Indianer als der „edle Wilde“ oder der Hund als der „gute Kamerad“ sind beispielsweise solche Klischees.) In dieser Sichtweise sind Tiere noch Wesen ohne negative Charakterzüge wie Habsucht, Neid, Falschheit oder ähnliches. Sie sind sozusagen „die besseren Menschen“, fast schon moralische Vorbilder. Doch solch ein absurdes Zerrbild ist nicht nur für Tiere zum Schaden, sondern schadet auch den Menschen. „Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“, ist zynischer Ausdruck einer resignierenden, misanthropischen Geisteshaltung. Leute, die von ihren Mitmenschen enttäuscht sind, finden oft Trost in einem sentimentalen Trugbild von den Tieren. Doch ein falsches „Tierbild“ ist zwangsläufig gekoppelt an ein falsches „Menschenbild“!
Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) betont in seinen Untersuchungen (1954) die Entsprechung vieler instinktiver Antriebe und Hemmungen bei Tieren zur „rational-verantwortlichen Moral“ der Menschen. Lorenz spricht in diesem Zusammenhang von einem „moral-analogen“ Verhalten der Tiere. Den „moralischen Imperativ“ hält er im Gegensatz zu Kant weniger für einen Ausdruck der Vernunft als für die Auswirkung eines genetisch fundierten, der stammesgeschichtlichen Entwicklung angepassten Instinktes. Das Töten eines Artgenossen bei Tier oder Mensch nennt Lorenz „im Sinne der Arterhaltung höchst unzweckmäßig“ (1955). An anderer Stelle (1963) schreibt er: „Ziel der Aggression innerhalb einer Art ist niemals die Vernichtung des Artgenossen.“ Bei den „moral-ähnlichen“ Trieben der Tiere, von denen Lorenz spricht, handelt es sich zumeist
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um „instinktives“, das heißt genetisch gesteuertes Verhalten. Im gleichen Sinne definiert die „klassische“ Ethologie „moral-analoges“ Verhalten als „altruistisches Verhalten im Sinne der Arterhaltung“. Somit ist die „natürliche Moral“ als eine zutiefst uneigennützige (altruistische), nicht dem Einzelnen, sondern der Gemeinschaft dienende Verhaltensweise zu begreifen. „Die allgemeine Meinung und selbst die mancher Geisteswissenschaftler“, stellt Lorenz (1963) fest, „geht dahin, dass alle menschlichen Verhaltensweisen, die nicht dem Wohle des Individuums sondern der Gemeinschaft dienen, von der vernunftmäßigen Verantwortung diktiert werden. Diese Meinung ist nachweislich falsch.“ Natürliche Selektion und menschliche „Verantwortungsethik“ haben aus der Sicht Darwins und Lorenz’ das gleiche Ziel: die Optimierung gemeinschaftlichen Verhaltens!
Man kann jedoch mit Recht nachfragen, wie sich denn durch natürliche Selektion, also auf der Basis strikter Fortpflanzungskonkurrenz, „gemeinnütziges“ und vor allem „altruistisches“ Verhalten entwickeln soll, das zugunsten anderer Artgenossen auf die Maximierung des eigenen (Reproduktions-) Vorteils verzichtet?! Diese soziobiologische Problematik hat Charles Darwin ebenfalls beschäftigt (1859, 1871), da offensichtlich moralisch Hochwertige innerhalb eines Stammes oder eines Volkes deutlich weniger Nachkommen haben als die weniger „Tugendhaften“. Tapfere, opferbereite Menschen werden im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung einen höheren Anteil an Toten haben als feige Egoisten. Daher erscheint es unwahrscheinlich, dass eine Vermehrung vortrefflicher Menschen mit Mitteln der natürlichen Selektion erreichbar ist.
Nun ist das, was die Generation aber nicht die Individuen überdauert, die genetische Information, die Abbilder und Multiplikatoren der Bau- und Verhaltensprogramme der Organismen. Erfolg im evolutionsbiologischen Sinne muss somit letztlich nicht auf Personen sondern auf Erbprogramme bezogen werden. „Persönliche Fitness“ als ein Maß für Erfolg ist nicht ausreichend. Als „vehicle selection“ hat Richard Dawkins diesen evolutionsbiologischen Prozess bezeichnet und sein Ergebnis als „replicator survival“ (1982). Unter dem Gesichtspunkt einer optimalen Weitergabe des genetischen Codes macht die „Verwandtenunterstützung“ Sinn. Demnach fördert die natürliche Selektion nicht vorrangig die „persönliche Fitness“ sondern eine „Gesamtfitness“ („inclusive fitness“), die sich zwar auch am individuellen Fortpflanzungserfolg orientiert, aber wesentlich mit dem Reproduktionserfolg der genealogischen Verwandten gekoppelt ist (W. D. Hamilton, 1964). So kann ein Mensch, der geistige Werke schafft oder beispielhaft mutige Taten vollbringt und selbst keine oder nur wenige Nachkommen hat, dennoch durch sein Handeln die „Gesamtfitness“ erheblich dadurch steigern, indem er seinen nächsten Verwandten zu einem erhöhten Fortpflanzungserfolg verhilft. Durch diese Art von „Verwandten- Selektion“ können sich die „uneigennützigen“ Eigenschaften eines solchen „Helden“ vermehren. Im Vordergrund der Selektionsbestrebung der biologischen Evolution steht nicht die Erhaltung der Art, schon gar nicht die des Individuums, sondern einzig das, was der „Gesamtfitness“ und damit der Weiterverbreitung bestimmter Erbanlagen dient. „Anzeichen für einen echten Altruismus, der sich ohne Diskriminierung auf die ganze Art oder die ganze Bevölkerung erstreckt, hat man bis jetzt noch bei keinem Lebewesen gefunden“, stellt der amerikanische Biologe Richard D. Alexander fest (1988). Und nach Ansicht des Göttinger Anthropologen Christian Vogel müsste das Gebot einer auf dieser Selektionsbasis entstandenen „natürlichen Moral“ folgendermaßen lauten: „Hilf deinen Verwandten nach Maßgabe ihrer jeweiligen genetischen Verwandtschaftsnähe zu dir, jedoch im Zweifelsfall allen anderen weniger als dir selbst und deiner eigenen Reproduktion!“ (1988).
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Für manchen Mitmenschen mag die Feststellung ernüchternd sein: Die „Moral“ der Natur entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine „Schein- Moral“, prinzipiell „genetisch selbstsüchtig“ und allem anderen als übergeordneten Art- oder Gemeinschaftsinteressen verpflichtet! So kommt man schließlich entgegen der Auffassung von Konrad Lorenz zu der gleichen Folgerung wie schon vor über einhundert Jahren der Zoologe Thomas H. Huxley (1825-1895), dass nämlich im natürlichen Evolutionsprozess keinerlei Moral, auch nichts „Moral- Analoges“ im Spiel ist (engl. EA 1888, dt. 1897). Der Prozess zeichnet sich vielmehr durch absolute „moralische Indifferenz“ aus. Der Lauf der Natur ist nicht-moralisch (weder moralisch noch unmoralisch), weder gut noch böse, er steht außerhalb jeder moralischen Dimension!
Wenn nun auch festzuhalten bleibt, dass biologische Evolution mit unseren menschlichen Moralbegriffen gar nichts zu tun hat, lassen sich als gewisser Trost im Anschluss an die Vorbemerkungen dennoch bei einem Vergleich von Mensch und Tier in der Rückschau auf unsere Stammesgeschichte so etwas wie „prämoralische Vorgaben“ entdecken, die in das menschliche Verhalten eingegangen sind (C. Vogel, 1988). Die positiven Sozialverhaltensweisen werden nicht generell sondern selektiv eingesetzt. Bei dieser Auswahl spielen Bevorzugung der Verwandtschaft und verlässliche Reziprok-Beziehungen innerhalb einer individuell überschaubaren und vertrauten Gruppe eine wesentliche Rolle. Die permanente Differenzierung nach diesen „in-group“- und „out-group“- Kriterien ist fest in diesen „prämoralischen“ Verhaltensweisen integriert. Wir messen mit „zweierlei Maß“, und unsere natürlichen Verhaltenstendenzen entsprechen offenbar genau dem, was die berühmtberüchtigte „doppelte Moral“ auszeichnet!
Mit Blick auf die europäische Gesellschaft seiner Zeit stellt der englische Philosoph Henry Sidgwick (1838-1900) fest: „Wir sind uns einig, dass jeder einzelne verpflichtet ist, sich gegenüber seinen Eltern, seinem Ehegatten und seinen Kindern freundschaftlich und hilfsbereit zu verhalten, auch gegenüber anderen Verwandten, aber in jeweils geringerem Grade, und gegenüber denen, die ihm hilfreich gewesen sind, und gegenüber anderen, die er in seinen engsten Umkreis aufgenommen hat, und gegenüber Nachbarn und Landsleuten mehr als gegenüber anderen Menschen, gegenüber den Angehörigen unserer Rasse mehr als gegenüber Schwarzen und Gelben und, allgemein, gegenüber Menschen je nach ihrer Nähe zu uns“ (engl. EA 1874; dt. 1984). Also: „Verwandten - Selektion“ und „reziproker Altruismus“ sind die altvertrauten Prinzipien biogenetischer Fitness - Maximierung! Demnach lässt sich die gutgemeinte Proklamation allgemeinverbindlicher „Menschenrechte“, einer alle Völker und Rassen umspannenden „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ unter den oben genannten Gesichtspunkten zumindest als ziemlich „naturfern“ bezeichnen. Ein als „moralisch“ zu bewertendes Verhalten ist zunächst immer an die Fähigkeit zu absichtlichem Handeln gebunden, also an die Möglichkeit, zwischen zwei oder mehreren Handlungsalternativen relativ frei entscheiden zu können. Des weiteren muss die Option gegeben sein, die Folgen des eigenen Agierens im voraus abschätzen zu können. Als Drittes ist die Wahrnehmung einer eigenen „personalen Identität“ die Voraussetzung, sich überhaupt in Denken, Fühlen und Tun anderer Personen hineinversetzen zu können. Erst die Kombination dieser Vorgaben schafft die Option der Verantwortlichkeit für das eigene Handeln. Moral aber ist immer unmittelbar an Eigenverantwortlichkeit geknüpft! Moral und Ethik einer Gesellschaft sind zudem durch die Setzung allgemein verbindlicher Verhaltensregeln und Wertesysteme gekennzeichnet, deren Nichtbeachtung soziale Sanktionen nach sich ziehen kann. Neben der Furcht vor Bestrafung bilden zudem gewisse regulative psychische Instanzen wie Scham, Schuldgefühl und Gewissen ein wirksames Korrektiv.
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Das Auftauchen des Menschen im Entwicklungsprozess der Natur ist ein lebensgeschichtliches Ereignis mit ungeheuren Folgen gewesen. Entschieden ist dabei noch keineswegs, ob er selbst diesen Folgen gewachsen ist. Denn im Anschluss an die Frage nach dem Sein taucht zwangsläufig die Frage nach dem Sollen auf, nach dem Wechselspiel von theoretischer und praktischer Vernunft. Das Naturgeschenk des Geistes an ein Wesen der Notdurft und der Triebe birgt eine gewisse Tragik in sich. Das Alte Testament hat mit der Schilderung des Sündenfalls durch den verbotenen Verzehr der süßen Frucht vom Baum der Erkenntnis und der anschließenden Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies dieser Entwicklung symbolischen Charakter verliehen. Wir erleben heute, wie sich der riesige Erfolg des menschlichen Geistes paradoxerweise durch die Zerstörung seiner eigenen Naturbasis in eine Katastrophe zu wandeln droht. So beschreibt Ernst Jünger „die Welt als brennendes Haus, als große Scheuer, die Menschen als Kinder mit Streichhölzern darin ...“ (1959). Ja, wir sind dabei, die Basis zu untergraben, die uns trägt. So muss man fragen, ob die Natur auf Dauer den Geist ertragen kann, den sie aus sich entstehen ließ!? Jedoch die Frage nach dem Sollen ist auch immer verbunden mit der Frage nach dem Wollen. Immanuel Kant fordert mit seinem kategorischen Imperativ der reinen praktischen Vernunft zwar, gemäß menschlicher Würde seine Handlungsziele selbst zu bestimmen und sich nicht an vorgegebenen weltlichen oder überweltlichen, göttlichen Glücksgütern zu orientieren (EA 1788; 1998). Doch setzt Verantwortungsbewusstsein nicht nur bestimmte Wertvorstellungen voraus, sondern ist ebenso mit Begriffen wie Interessen und Motiven verknüpft. Die Entscheidung zum Handeln ist nicht nur eine Entscheidung über das „Wann“, sondern zugleich auch über das „Wie“. Eine Wahlsituation impliziert jedes Mal die Problematik des freien Entschlusses, generell die Frage nach der Willensfreiheit überhaupt. Anhand praktischer Erfahrungen aus der Geschichte und dem Handeln der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart kann man sagen, dass bei fast allen Wahlentscheidungen der persönliche Vorteil den Entschluss herbeigeführt hat. Machtgier, Gewinnsucht, Ehrgeiz, Neid u.s.w. sind die bestimmenden Kräfte der meisten Entschlüsse. Die Situation lässt die Triebe erwachen, das Denken stellt fest, wie man sie am besten und am schnellsten mit dem geringsten Risiko befriedigen könnte, und das Ego entscheidet sich für die Verhaltensmöglichkeit, durch welche wahrscheinlich der größte persönliche Vorteil erzielt werden kann. Auch wenn es für unser moralisches „Weltbild“ ernüchternd und für unser Selbstempfinden nicht besonders schmeichelhaft ist, bleibt festzustellen, dass die Entscheidung des „Ich“ bei näherem Hinsehen nichts anderes darstellt als die Zustimmung zur Befriedigung eines Triebes, der ohnehin Teil der Persönlichkeit ist. Ein Wert ist für einen Menschen das, was in ihm Interessen, Gefühle oder Triebe weckt. Die Motive für eine Wahlentscheidung sind nicht die Werte einer Person, sondern ihre Interessen und Triebe! Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Verhalten wird durch die Stärke der daran beteiligten Triebe und durch das Maß an Kraft bestimmt, das die Persönlichkeit einzusetzen bereit ist. In „Menschliches, Allzumenschliches“ schätzt Friedrich Nietzsche als Vergleich die Qual des Kranken, der nach Genesung lechzt, ebenso wenig als Verdienst ein, „als jene Seelenkämpfe und Notzustände, bei denen man durch verschiedene Motive hin- und hergerissen wird, bis man sich endlich für das mächtigste entscheidet - wie man sagt (in Wahrheit aber, bis das mächtigste Motiv über uns entscheidet)“ (1954). Und auch Aristoteles ist schon Realist, wenn er feststellt: „Der Mensch kümmert sich sehr genau um das, was ihm gehört; um das Gemeinwohl kümmert er sich weniger oder nur insoweit, als es ihn selbst berührt. Auf das, was die Allgemeinheit betrifft, verwendet er die geringste Sorgfalt“ (1972).
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Die Frage, ob es für Menschen Willensfreiheit gibt, ob man sich in einer gegebenen Situation jedes beliebige Verhalten aussuchen, sich also für jede Wahlmöglichkeit entscheiden kann, muss aus der Sicht der Psychologie mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden! Der Mensch wird durch seine Triebe, Gefühle und Interessen bestimmt, die in dieser bestimmten Situation auftreten und ihn dazu bringen, eine bestimmte Verhaltensmöglichkeit zu wählen und sie allen anderen vorzuziehen. Eine andere Entscheidung hätte er nur getroffen, wenn andere Motive aufgetreten wären.
Entscheidungen, welche wir subjektiv als Ergebnis bewusster Denkanstrengungen erleben, entsprechen immer determinierten neuronalen Prozessen in unserem Gehirn. Auch subjektiv „freie“ Entscheidungen sind determiniert! Die Frage kann also nicht sein, ob unsere Entscheidungen frei sind, sondern nur warum wir unsere Entscheidungen subjektiv als frei erleben. Der Physiker und Computersoftware-Entwickler Wolf Pohl gibt als Erklärung, „dass nur von einem Bruchteil der neuronalen Prozesse in unseren Gehirnen mentale Phänomene, d.h. bewusste Repräsentationen dieser neuronalen Prozesse erzeugt werden. Die subjektiv empfundene Freiheit unserer Entscheidungen beruht auf der Unvollständigkeit der in unserem Bewusstsein auftauchenden Repräsentationen der neuronalen Prozesse, als die unsere Entscheidungen im Gehirn ablaufen“ (2006).
Das subjektive Freiheitsbewusstsein und das Verantwortungsgefühl des Menschen ist also kein treffendes Gegenargument auf das zuvor Gesagte. In der abendländischen Literatur wird dennoch erstaunlich viel philosophischer Aufwand mit dem Problem der Willensfreiheit getrieben. Dies liegt daran, dass von dem Begriff der Willensfreiheit eine andere Auffassung hat. Willensfreiheit wird dort als Dominanz des rationalen Denkens über Emotionen, als Überlegenheit der Vernunft über Triebe und Leidenschaften verstanden. Dieser Annahme liegt aber die (falsche) Voraussetzung zugrunde, dass sich rationale Prozesse (Vernunft, Urteile) ausschließlich im Bewusstsein abspielen, Emotionen (Triebe, Leidenschaften) dagegen im Unbewussten. Dem Unbewussten wird dabei oft als Widersacher der Vernunft eine negative Rolle zugeschoben. Die Forschungen der Neurobiologie zeigen jedoch, dass auch bei rationalen Entscheidungsprozessen unbewusste neuronale Abläufe (Emotionen) „eine nicht nur unvermeidliche sondern unentbehrliche und in vielen Fällen äußerst nützliche Rolle spielen“ (W. Pohl, 2006).
Daher mag es zwar desillusionieren, doch sind weder Freiheitsbewusstsein noch Verantwortungsgefühl Beweise für die Willensfreiheit. Freiheitsbewusstsein tritt genau genommen nur in Wahlsituationen auf, die für den betreffenden Menschen ohne wesentliche Bedeutung sind. Anders gesagt: Freiheitsbewusstsein ist das Fehlen von Motiven. Freiheitsbewusstsein schwindet, wenn nicht genügend starke Motive vorhanden sind, je stärker Triebe und Interessen wirken.
Verantwortungsgefühl zielt auf die Vermeidung von Unheil, Not und Gefahr für andere Menschen. Doch liegt hier wohl weniger ein echtes „Gefühl“ vor. Interessen und Triebe spielen auch hier die größte Rolle neben Gefühlen der Unruhe, Unsicherheit und der Angst des Persönlich-Schuldig-Werdens. Zudem mögen Charakterzüge wie Eitelkeit und Ehrgeiz marginal mitbestimmend sein. „Willenserlebnisse“, schreibt Hubert Rohracher (1903-1972) in seiner „Einführung in die Psychologie“, „sind psychische Vorgänge, in denen die individuelle Persönlichkeit in klar bewusstem Erleben und mit voller innerer Zustimmung die seelisch-geistigen Kräfte und Funktionen zur Erreichung eines bestimmten Zieles zum Einsatz bringt“ (EA 1946; 1951). Und in einer Tragödie des Euripides (ca. 480-407 v. Chr.) heißt es: „ Nicht an der fehlenden Einsicht liegt es, wenn Menschen Fehler machen. Das Rechte sehen und wissen wir wohl. Doch handeln wir nicht danach, teils aus Trägheit, teils
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weil die Lust des schönen Augenblicks die gute Tat verdrängt“ (zit. n. Griziwotz, H. / Döbertin, W., 2002).
Insofern kann man aus dem oben Gesagten nur Menschen, keinesfalls jedoch Tieren, ein moralisches oder unmoralisches Verhalten konstatieren. Tiere agieren ganz und gar außer-moralisch. Moralisch oder unmoralisch handeln kann nur der Mensch! „So verkennen oder missbrauchen wir die Natur, wenn wir diese zum Maßstab moralischer Werte und Urteile machen wollen“, stellt Christian Vogel fest und bezeichnet an anderer Stelle eine „biologische Wertelehre“ als ohne jede Relevanz. Ethik, meint er, bedürfe weder einer evolutionsbiologischen Legitimation, noch sei eine solche überhaupt möglich (1988). Durch seine besondere Ausprägung als Geisteswesen und vernunftbegabtes Individuum hat der Mensch innerhalb der Natur zwar eine Vorrangstellung, jedoch keine Vormachtstellung! Insbesondere fordert die Würde der gesamten Natur oder ihr Wert an sich bei aller überlebensnotwendigen Nutzung die Verantwortung des Menschen heraus.
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3.3. Wie realitätsbezogen sind menschliche Hoffnungen,
Wünsche und religiöser Glaube?
Hoffnung (gr. elpis, lat. spes) bedeutet in der Antike lediglich die Erwartung des Zukünftigen, was sowohl gut als auch schlecht sein kann. Heute verbinden wir mit diesem Wort eine ausnehmend positive Bedeutung. Der Begriff drückt Zuversicht, Optimismus und nach vorne gerichtetes Vertrauen aus. Die positive Wertung ist vor allem auf die alttestamentarische Bedeutung zurückzuführen und mit der auf der jüdisch-christlichen Eschatologie (Endzeiterwartung) beruhenden Vorstellung verknüpft (gr. eschaton = das Letzte, logos = die Lehre). Mit „Hoffnung“ meinen wir eine bejahende, nicht von Angst, Furcht oder Sorge beherrschte geistige Vorstellung von dem, was die Zukunft bringen wird. Hoffnung ist somit eine im allgemeinen an der derzeitigen Daseinssituation und den damit verbundenen Lebensbedürfnissen orientierte und auf zukünftige Erfüllung ausgerichtete positive Erwartung. Durch diese Erwartungshaltung wird unbewusst wiederum das aktuelle Empfinden und Verhalten einer Person bestimmt. Im Gegensatz zu Hoffnungen sind Wünsche jedoch nicht an sachlichen Gegebenheiten, sondern an Eigeninteressen orientierte Erwartungen und Beurteilungen. Als Wunschdenken bezeichnet man eine auf Bedürfnisse, jedoch nicht auf Tatsachen begründete Annahme, dass sich etwas in bestimmter Weise verhalten oder entwickeln möge. Die Hoffnung gehört zu den positiven menschlichen Erwartungsaffekten - wie die Angst im negativen Sinn - und bezieht sich immer auf etwas, was zwar noch nicht ist, jedoch erreichbar scheint. Hoffnung kennzeichnet nach den Worten Gabriel Marcel’s (1893-1947) wesentlich die Situation des Menschen als ein „auf dem Weg sein“ (1945). Hoffnung ist als ein Akt geistigen Erlebens stets eng verbunden mit Vertrauen und Glauben.
Die Klärung dieser Begriffe erscheint wichtig bevor gefragt wird: Was hoffen Menschen? Gemeinsam ist und war allen Menschen besonders in schlechten Zeiten und in jeder Region das Warten auf eine gute, möglichst bessere Zukunft. Bei den meisten Menschen dieser Erde sieht es im Alltag bekanntermaßen nicht besonders rosig aus. Daher ist eine solche Erwartung
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verständlich. Menschen hoffen also - selbst oder gerade wenn die Realität nicht so aussiehtdarauf, dass es einmal besser wird. Wenn das Eintreten einer Besserung der Lebensumstände jedoch eher unwahrscheinlich, unrealistisch ist, hoffen viele Menschen dann zumindest auf ein späteres, anderes, glücklicheres, jenseitiges Leben. Solches Wunschdenken bedienen die meisten Religionen und fokussieren die Erwartungen ihrer Anhänger nicht auf das jetzige sondern auf ein zweites, ewiges Leben jenseits des Diesseits. Kritisch betrachtet entstammt aber diese Hoffnung auf ein besseres Jenseits, die Abkehr von weltlichen Dingen, das „Heimweh“ nach dem Paradies dem Ego des Individuums und hat dabei zunächst den eigenen Vorteil im Visier. Weil dies so ist, ist ein solches Denken auch so verlockend für viele Menschen. Die religiösen Führer wissen das, und darum gehören Heilserwartungen und Erlösungshoffnungen auch zu den Selbstverständlichkeiten des religiösen Lebens in allen Kulturen.
Die großen Weltreligionen jüdisch-christlich-islamischer Prägung verdanken ihre Existenz dem Umstand, dass sie solchen menschlichen Hoffnungen Rechnung tragen und ihren Anhängern nach dem Leben im „irdischen Jammertal“ ein postmortales Weiterleben in einem besseren Jenseits, einem „Paradies“, in Aussicht stellen. Neben den religiösen Lehren sind bezeichnenderweise aber auch viele politische Ideologien nicht im Hier und Jetzt verankert, sondern auf die Zukunft orientiert. Dabei handelt es sich um soziale Erlösungslehren, die ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, den Sieg über Ausbeutung, Hunger und Armut erst in ferner Zukunft versprechen. Politische Ideologien und Religionen vertrösten ihre Anhänger stets auf später. Ob die gemachte Zusage eingehalten wird, lässt sich bei politischen Ideologien erst nach vielen Jahren, bei religiösen Jenseitsversprechungen sogar ertst nach dem eigenen Tod feststellen. Absurderweise ist eine Reklamation der gemachten Versprechen folglich weder in der Gegenwart noch im Nachhinein möglich. Nicht im Hier und Jetzt, nicht im tatsächlichen Leben soll der Ideologie- bzw. Religions-gläubige Mensch das Heil suchen. Das Glück wird ihm erst in einer verklärten, zukünftigen, besseren Welt versprochen. In einer kollektiven Endzeiterwartung (Eschatologie; gr. ta eschata = die letzten Dinge) sehen die Juden nach der Prophezeiung des Alten Testaments (Jes. 65, 17 f.) mit der Rückkehr Gottes nach Jerusalem und der Errichtung eines Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens (hebr. schalom, wörtl.= unbeschädigt sein ) den Lauf der Geschichte vollendet und das erhoffte Ziel als erreicht an. Bei den Christen gehört ein Leben nach dem Tode zum genuinen Bestandteil des Glaubens. Im Christentum steht meist eine auf die (postmortale) Zukunft bezogene, euphorisch-optimistische Haltung neben einer das irdische Leben überwiegend verurteilend-pessimistischen Sichtweise. Nach christlicher Vorstellung wird die Seele, die sich nach einem ohnehin sündigen Leben in einer verdorbenen Welt vom Körper trennt, gerichtet und empfängt je nach Verdienst Strafe oder Belohnung (Matth. 19, 28; 25, 46; Off. 3, 21; 14, 13; Joh. 14, 20; Petr. 5, 4; Tim. 4, 8 u.v.a.m.). Durch die Passion Christi gibt es für die Menschen, welche an Jesus Christus glauben (und nur für diese!) eine Erlösung vom Tod. Unter Erlösung wird dabei keine Revision des Todes oder eine Rückkehr ins raumzeitliche Dasein bzw. eine Fortsetzung desselben verstanden, sondern eine Überwindung des Todes, eine „Aufnahme in die allerletzte-allererste Wirklichkeit“ Gottes (H. Küng, 1982). Vergleichsweise hierzu ist die Lehre des Islam wesentlich pragmatischer. Nach islamischem Glauben müssen sich auch hier die Menschen nach der Zerstörung der Welt und aller Lebewesen vor einem göttlichen Gericht verantworten und werden je nach Verfehlungen oder Verdienst in der Hölle gepeinigt (Koran, 2, 75 + 157) oder im Paradies verwöhnt (Koran, 78, 33; 55, 72).
Wie der Verfasser bereits an anderer Stelle (2001) ausführlich gezeigt hat, geht man in den großen Religionen des Ostens (Hinduismus, Buddhismus und Taoismus) dagegen nicht von
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einer linearen Zeitauffassung und einem Geschichtskonzept mit einer dieser Sichtweise entsprechenden Ziel- und Endzeiterwartung aus. Die asiatischen Religionskonzepte orientieren sich überwiegend an einer zyklischen Zeitempfindung mit dem Glauben an den ewigen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt (Reinkarnation; sanskr. moksha). Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus spielen Verdienst und Verfehlung im diesseitigen Leben bezüglich der Chance auf Erlösung vom Leiden nur eine untergeordnete oder nicht entscheidende Rolle. Erlösung vom leidvollen irdischen Dasein findet ein Mensch erst dann, wenn es ihm gelingt, sich von allen Begierden und Wünschen zu lösen. Nur so ist es ihm möglich, den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt zu verlassen und ins Nirwana (sanskr. nirvana = verlöschen) einzugehen. Die östlichen Lehren sind im Gegensatz zu den Religionen des Westens ganz überwiegend am individuellen Heil ausgerichtet. Eine kollektive Welterlösung, wie sie von den abrahamitisch - monotheistischen Religionen prophezeit wird, kennen sie in aller Regel nicht.
Ob nun im jüdisch-christlichen Glauben oder in fremden Religionen wie beispielsweise Islam und Buddhismus: Versprechen sind stets Zukunftsmusik. Erlösung vom Leid gibt es dort erst nach Durchschreiten des „irdischen Jammertales“. Teilhabe an der „ewigen Glückseligkeit“ ist erst im Himmel, im Paradies, im Nirwana möglich. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Paradies (awest. pairi-daeza = Einzäunung, Wall) weist nach Interpretation des Religionswissenschaftlers Mircea Eliade (1907-1986) auf einen von der rauen Wirklichkeit abgeschirmten und vor persönlichen, sozialen und naturbedingten Problemen Schutz bietenden Bereich hin (1949). Und nach Schutz und Sicherheit sehnen Menschen sich. Doch diese Belohnung versprechen die Religionen erst für die Zeit nach einem leiderfüllten Leben, in dem man unbeirrbar geglaubt und eifrig gute Taten vollbracht hat. Dass so ein zukunftsorientiertes auf Belohnung im Jenseits setzendes Denken eine sowohl psychologisch oft notwendige als auch sozial durchaus sinnvolle Funktion erfüllt, um mit der Mühsal des täglichen Lebens fertig zu werden, ist nicht zu bestreiten. Über den religiösen Glauben funktioniert dieser paradoxe Mechanismus.
Was aber darf ich außerhalb eines religiösen Wunschdenkens von einem kritisch-rationalen Standpunkt hoffen? Berechtigterweise darf ich hoffen, Ziele zu erreichen, die ich mir selbst gesetzt habe. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Ziele einerseits im Bereich des Möglichen und nicht in einem Reich der Träume angesiedelt sind und von mir selbst (nicht von anderen) gewollt sind. Weiterhin sollten diese Ziele meinen moralischen Wertvorstellungen entsprechen, d.h. sie müssen identitätskonform sein. Und schließlich dürfen sie anderen höherwertigen Zielen nicht im Wege stehen. Alle diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein, wenn ein Ziel nicht Wunschtraum bleiben, sondern erreicht werden soll. Andererseits gibt es sonst nicht nur praktische, sondern auch ernste psychische Schwierigkeiten. Auf diese Problematik hat der Verfasser schon an anderer Stelle (1998) ausführlich hingewiesen. Das Streben nach erreichbaren und wünschenswerten Zielen, die mit den persönlichen Werten übereinstimmen, sowie die feste Überzeugung und das Selbstvertrauen, diese Ziele auch erreichen zu können, gibt einem Leben Antrieb und Sinnerfüllung (s. Kap. 3.4).
Nicht hoffen sollte ein Mensch mit wachem kritischen Verstand dagegen auf die Verwirklichung von Wünschen, welche sich abseits von Tatsachen an rein egoistischen Bedürfnissen orientieren. Unrealistische Erwartungshaltungen bringen zwangsläufig Frustrationen und Sinnentleerung mit sich. Hoffen kann man immerhin, dass Menschen als vernunftbegabte Wesen dazulernen und ihren kritischen Verstand vermehrt gebrauchen. Man darf hoffen, dass sie irgendwann aufhören werden Wunschträumen und Hirngespinsten nachzujagen. Man sollte hoffen, dass Menschen ihr Vertrauen nicht länger auf die Hilfe
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„übernatürlicher“ Kräfte setzen, sondern in Zukunft mehr auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten vertrauen. Zu hoffen ist außerdem, dass Menschen sich in der Erkenntnis um die Grenzen ihres Wissens und im Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeiten die ihnen oft eigene Überheblichkeit ablegen, sich gleichzeitig aber auch auf ihre reichen Möglichkeiten und Kräfte, insbesondere auf die ihnen von der Natur geschenkte Vernunft, besinnen. Anstatt über das „irdische Jammertal“ und die eigenen Leiden zu lamentieren und auf ein zukünftiges Glück in einem zweifelhaften Jenseits zu hoffen, stelle man sich den Herausforderungen, die das Diesseits nun mal mit sich bringt, und versuche, die aktuellen Probleme so gut wie eben möglich zu meistern!
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3.4. Gibt es einen Lebenssinn?
Mit Immanuel Kants Frage „Was ist der Mensch?“ verknüpft sich zwangsläufig die Frage nach dem menschlichen Lebenssinn. Diese Frage ist wesentlich und keineswegs unsinnig. Sicher gibt es, wie Friedrich Nietzsche anmerkt, genauso wenig einen „Sinn an sich“ wie einen „Tatbestand an sich“, sondern „ein Sinn muss immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand geben kann“ (1954). Die Beantwortung der Sinnfrage kann uns im besten Falle den „Tatbestand“ eines zufriedenen und stimmigen Lebens schenken. Denn, wie Nietzsche feststellt, ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn schon deshalb von existenzieller Wichtigkeit für jeden einzelnen Menschen, da „wer ein Warum zum Leben hat, fast jedes Wie erträgt“ (1954). Zudem lässt sich die Bedeutung dieser Frage kaum dadurch beseitigen, dass man ihr aus dem Wege geht oder sie zu einem Pseudoproblem erklärt. Sicher fragt man in Momenten des Glücks weniger nach dem Sinn des eigenen Lebens, da dieser Sinn sich im Glück ja augenblicklich zu offenbaren scheint. Im Unglück jedoch, vor allem aber in Grenzsituationen des Lebens kommt der Beantwortung der Sinnfrage entscheidende Bedeutung zu. Albert Camus (1913-1960) hat im „Mythos von Sisyphos“ anhand des Selbstmord-Phänomens auf die dringende Notwendigkeit der Lebenssinnfrage hingewiesen: „Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere - ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe - kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben“ (1942). Nicht zuletzt aus diesem Grund gehört die Frage, was der Mensch und was der Sinn seines Lebens sei, in den Kontext epistemologischer Fragen.
Die Tendenz, Daseins- und Zukunftsängste, sowie eine generelle Ungewissheit dadurch zu beseitigen, indem allem Handeln und schließlich dem ganzen Leben ein Sinn zugesprochen wird, ist sowohl ein ernstes philosophisch-theoretisches, vor allem aber ein allgemein praktisch-menschliches Phänomen. Das Bedürfnis dem Leben einen Sinn beizumessen, ist eng an ein Bewusstsein über das eigene Sein und dessen zeitliche Begrenztheit gekoppelt. Für ein Tier ohne Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit besteht weder die Möglichkeit eines Selbstmordes, noch stellt sich die Frage nach dem Sinn von Dasein und Leid. In der Lebenssinnsuche der Menschen sind auch die Wurzeln der Religionen zu suchen. Auf die schwierigen Fragen nach den „Warum“ und dem „Wozu“ bieten Religionen einfache und für viele Menschen akzeptable Antworten. Bemerkenswert ist allerdings, dass die überwiegende Zahl von Lebensdeutungen durch die Religionen pessimistisch ausfällt. Das war schon im antiken Griechenland der Fall und ist es ebenso bei den großen Religionen mit
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ihren Erlösungsmythen. Sowohl für Hinduismus als auch für den Buddhismus ist alles Leben Leiden, wovon es sich zu befreien gilt. Und auch die Lebensanschauung des Christentums mit einer Welt als „Jammertal“ kann nicht gerade optimistisch genannt werden (s. Kap. 3.3). Erstaunlicherweise haben Angst, Unsicherheit und Verzweiflung in der modernen Welt mit all ihren sozialen Sicherungssystemen und technischen Errungenschaften im Vergleich zu früher nicht ab- sondern eher zugenommen. Proportional damit ist das Bedürfnis der Menschen nach neuen Antworten gewachsen. Doch die Antworten, welche die großen Religionen geben, werden heute zunehmend als unbefriedigend empfunden. So ist es kaum verwunderlich, dass Aberglaube, Sektenwesen und der Hang zu pseudowissenschaftlichen Ersatzreligionen seit Jahren Hochkonjunktur haben. Sowohl der Glaube an Astrologie, Reinkarnation und außerirdische Intelligenzen, die uns dereinst besuchen könnten oder schon hier waren, gehören beispielsweise in diese Rubrik der Sinnsuche. Doch welche Lebenssinnkonzeptionen stehen überhaupt zur Auswahl?
Da wäre zunächst der Hinweis auf die Pflicht zur Arterhaltung oder der Proklamation, wir Menschen seien Glieder im Plan einer zielgerichteten biologischen Evolution. Mit dieser dürftigen Perspektive jedoch werden sich die wenigsten der nach einem Lebenssinn fragenden Zeitgenossen zufrieden geben. Daher lohnt es nach Ansicht des Verfassers kaum, auf biologische oder evolutive Sinnangebote näher einzugehen. Suchen wir also weiter. In der Aufgabe, für eine politische oder soziale Idee zu arbeiten, zu kämpfen, eventuell sogar zu sterben, erblickten nicht nur in vergangenen Zeiten, sondern sehen auch heute noch viele Menschen die Vollendung eines historischen Sinns. Von einer Zielorientierung in der Menschheitsgeschichte ist bisweilen die Rede (z.B. K. Löwith, 1949). Ob es allerdings überhaupt so etwas wie ein historisches Ziel gibt, erscheint fraglich. Die Proklamation eines historischen Zieles ist letztlich nur eine (unbegründete) Annahme und damit nicht mehr als eine unbewiesene Behauptung. In jedem Fall lässt sich aus der Geschichte einiges lernen, auch wenn Hegel resignierend meint: „Das einzig Sichere, was die Geschichte lehrt, ist die Tatsache, dass die Menschen nichts aus ihr lernen!“ (EA 1830, 1917). Zugegeben, den Sinn seines Lebens in der Verfolgung eines politischen Zieles oder einer sozialen Aufgabe zu sehen, kann durchaus reizvoll sein. Die Gefahr dabei liegt allerdings darin, eines Tages möglicherweise erkennen zu müssen, dass man auf ein Versprechen hereingefallen ist, auf eine Utopie gesetzt hat oder für Machtinteressen bestimmter Heilspropheten missbraucht wurde. Häufig ist schon aus den täglichen Nachrichten zu erkennen, dass die Proklamation eines historischen Sinns und der damit verbundene Appell an die Opferbereitschaft anderer nicht selten mit ganz egoistischen Machtbegierden gekoppelt ist. Die christliche und andere etablierten Religionen predigen einen daseinstranszendenten Lebenssinn. Damit meinen sie einen Sinn, der durch göttlichen Willen vorgegeben ist. Religionen versuchen mit der Verkündung eines „Jenseits“ und dem Versprechen eines besseren „Lebens nach dem Tode“ zu trösten und das hiesige Dasein erträglich zu machen. Manchmal gelingt das. Die Religionen betrachten es als ihre existenzsichernde Aufgabe, die Hoffnung der Gläubigen auf ewige Seeligkeit nach dem Tod wach zu halten. Sie verkünden ihren Anhängern, dass ein Leben ohne Gott und der allein durch ihn möglichen Erlösung vom Tode sinn- und wertlos sei. Aber auch hier haben wir es wieder mit einer Reihe unbewiesener Behauptungen zu tun.
Wie steht es nun mit dem Nichtgläubigen, der solche unbewiesenen fundamentalen Auffassungen nicht akzeptiert? Muss für ihn das Leben ohne personal gedachten Gott und
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ohne unsterbliche Seele zwangsläufig sinnlos sein? Oder gibt es auch ohne diese Hypothese einen absoluten und allgemeingültigen Sinn und Wert des Lebens?
Warum, kann mann mit Berechtigung fragen, soll eigentlich ein Leben nur dann als sinnvoll gelten, wenn es einer äußeren Bestimmung unterworfen ist? In unserem irdischen Dasein gibt es durchaus eine große Zahl an Problemen und Aufgaben, deren Bewältigung innerhalb der menschlichen Gesellschaft positiv gesehen wird. Bei dieser Wertschätzung muss keineswegs ein außerhalb des Diesseits liegender universeller Endzweck als Begründung herangezogen werden. Es ist kaum einzusehen, warum solche Zwecke nicht für die Sinnbestimmung eines Lebens in Betracht kommen sollten. Sich einer Aufgabe zu stellen, etwas für andere Menschen zu tun, sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen suchen, kann einem Leben auch ohne transzendente Vorgaben Wert und Sinn verleihen. Wir nennen das einen daseinsimmanenten Lebenssinn. Daseinsimmanent heißt, sich im Hier und Jetzt zu engagieren, zu versuchen, das zu verbessern, was wir als gegeben vorfinden und als nicht optimal beurteilen. Es bedeutet nicht, untätig und voller Angst auf eine bessere Zukunft zu warten oder seine Hoffnungen auf ein fragwürdiges Jenseits zu richten. Selbstbestimmtes und zielgerichtetes Handeln im Jetzt schafft Sinn und Zufriedenheit. Anders ausgedrückt bedeutet daseinsimmanenter Lebenssinn den Sinn, den wir unserem Leben selbst geben!
Der Sinn des Lebens (Abb. aus: Reutterer, Alois: Philosophie. Wien 1977.)
Wer jedoch aus mangelndem Selbstvertrauen und aus Angst vor einer Sinnentleerung und einem drohenden Wertverlust seines Lebens nicht bereit ist, auf die eigenen Kräfte zu setzen und die Existenz eines übersinnlichen Wesens zumindest in Frage zu stellen und kritisch zu prüfen, zeigt nicht nur eine schwache Persönlichkeit, sondern auch Unsicherheit im Bezug auf seine Überzeugung. Insbesondere demonstriert dieser Mensch damit, dass er primär nicht an der Wahrheit seines Glaubens interessiert ist, sondern an der Nützlichkeit dieses Glaubens für die eigene Lebensführung! Das ist eine ausgesprochen pragmatische Grundeinstellung nach dem Motto: „Wahr ist, was mir nützlich ist!“ Doch zeigt eine solche Haltung, dass man hier lieber eine Illusion in Kauf nimmt als das Risiko eingeht, eventuell eine nützliche und scheinbar notwendige Orientierung für das eigene Leben zu verlieren. „Was ist der Mensch?“, fragt Kant. Ist er die „Krone der Schöpfung“? Mitnichten, denn als solche kann sich nur derjenige Mensch betrachten, der davon ausgeht, dass Schöpfung,
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Naturentwicklung, biologische Evolution - oder wie auch immer man diesen Prozess bezeichnen will - hier und heute bereits einen Endpunkt erreicht hat. Doch Leben ist nicht statisch. Leben ist ein höchst dynamischer Vorgang. Unter allen Tieren der Erde besitzt der Mensch das zur Zeit am höchsten entwickelte Gehirn. Diese hohe Differenzierung des menschlichen Zentralnervensystems und die hierdurch erreichte Fähigkeit zum Erlernen und Gebrauch technischer Hilfsmittel hat ihn zum „Herrn der Welt“ werden lassen. Dank der Beherrschung von Technik hat der Mensch heute - außer sich selbst - kein anderes Lebewesen zu fürchten. Der Eindruck, der Mensch sei eine „Krone der Schöpfung“, ist aus dieser Sicht also nicht ganz unberechtigt. Aber der Eindruck täuscht. Leben geht weiter. Und wenn er sich nicht selbst vernichtet, wird der Mensch der Jetztzeit eines Tages entwicklungsgeschichtlich überholt sein. Nietzsche nennt uns „kluge Tiere“ (1954; s.a. Kap. 4.1) und Hoimar von Ditfurth bezeichnet die heutigen Menschen treffend als die „Neandertaler von morgen“(1974). Der Mensch stellt also lediglich eine - wenn auch hohe -Entwicklungsstufe der lebenden Natur dar. Einst waren Bakterien und Pilze die Krone der Schöpfung, später Amphibien, schließlich Säugetiere und - als ihr bezüglich der Hirnentwicklung zu bezeichnendes momentanes Spitzenprodukt - der Mensch. Was ist der Mensch? Ein winziges „Staubkorn im Universum“? Gewiss, wenn man in astronomischen Dimensionen denkt. Diese Größen - ob Entfernungen oder Zeiträumeunterscheiden sich erheblich von dem, was man menschliches Maß nennt. In der Astrophysik dringen wir zu geometrischen Dimensionen in der Größenordnung von 10 hoch 27 cm (Ereignishorizont) vor, in der Elementarteilchenphysik bis 10 hoch minus 15 cm. Die Größenordnung der Grenze für heute abschätzbare Zeitintervalle liegt zwischen 10 hoch minus 24 Sekunden und 10 hoch 10 Jahren (E. Lüscher, 1989). Am Nachthimmel sind etwa 6000 Sterne sichtbar. Die Zahl der Sterne in unserer Milchstraße beträgt 100 Milliarden (10 hoch 11), und der Makrokosmos der Astrophysiker umfasst ebenfalls Milliarden von Galaxien, wovon wir heute etwa 100 Milliarden beobachten können. Manche Galaxien haben einen Durchmesser bis zu 100.000 Lichtjahren. Die nächste Galaxie, der Andromeda-Nebel, ist eben mal „nur“ 2 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Die Zahl der Sterne im Universum soll etwa 10 hoch 22 sein, die Zahl der Elementarteilchen gar 10 hoch 80 (G.Vollmer, 1988). Doch neben dem Makrokosmos gibt es auch den Mikrokosmos der Atomphysiker mit Elektronen, Neutrinos, Quarks usw. Diese sogenannten Elementarteilchen sind so winzig, dass sich ihre Existenz mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen und mit Hilfe technischer Instrumente nur vermuten lässt. Der Durchmesser eines Atom ist mit etwa 10 hoch minus 8 cm unvorstellbar winzig, und die Masse eines Elektrons beträgt geraden mal 90 hoch minus 28 Gramm. Atome, Elektronen, Protonen etc. lassen sich mit den Sinnen nicht wahrnehmen. Damit gehören sie strenggenommen zur „Gedankenwelt“, sind „ein mathematischphysikalisches Modell, welches die geistige Wiedergabe der Tatsachen erleichtert“ (E. Mach, 1883). Makrokosmos und Mikrokosmos sind demnach nicht Wirklichkeit, sie sind lediglich Denkmodelle, mit denen wir zu verstehen versuchen, was es jenseits der Dimensionen unseres Wahrnehmungsvermögens gibt.
Zwischen dem gigantischen Makrokosmos und der winzigen Welt des Mikrokosmos - beide für uns Menschen nicht sinnlich direkt erfahrbar - gibt es (zum Glück) noch die Welt der mittleren Dimensionen, die wir Mesokosmos nennen wollen. Der Mesokosmos stellt denjenigen Ausschnitt der Welt dar, welchen unser Organismus wahrnehmen, also geistig rekonstruieren und identifizieren kann. Man bezeichnet diesen Ausschnitt der Welt, den Menschen mit ihren Wahrnehmungs- und Erfahrungsstrukturen kognitiv bewältigen können, als unsere „kognitive Nische“ (G. Vollmer, 1988). Hier, in dieser Nische und nirgendwo anders, beginnt für uns Menschen alle Erkenntnis. Unsere Erde ist mit ihrem Umfang von ca.
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40.000 km, ihren Bergen, die den Spiegel der Ozeane bis zu mehr als 8.000 m überragen, ihren kilometerlangen Sandstränden, ihren Hügeln, Flüssen und Tälern, Wäldern, Seen und Wüsten nicht nur adäquater Lebensraum für uns, sondern auch in ihren Dimensionen menschlichem Maß entsprechend. Wir können Geschwindigkeiten von Null bis zu einigen Metern pro Sekunde wahrnehmen. Die Dauer von Tag und Nacht, einem Jahr, sogar einem menschlichen Leben, lässt sich für uns einschätzen und in zeitlichen Zusammenhang bringen. Mit einer durchschnittlichen Körpergröße von 160-190 cm, einem Sehvermögen, das uns Dinge von einem zehntel Millimeter Größe („Haaresbreite“) mit bloßem Auge noch erkennen lässt und uns bei entsprechender Wetterlage eine Fernsicht bis zu vielen Kilometern erlaubt, mit dem Vermögen, Strecken von 4-5 km bequem zu Fuß in einer Stunde oder von 50-150 km in der gleichen Zeit mit dem Auto zurückzulegen, ist die Erde für uns im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar und begreifbar. In diesen Mesokosmos passt auch unser kausales Denken, welches in den Jahrmillionen der biologischen Entwicklung auf unserem Planeten erprobt worden ist und sich bei der Erfassung der Umwelt und der Bewältigung irdischer Probleme offensichtlich bewährt hat. Unser Erkenntnisapparat (Sinnesorgane, Zentralnervensystem und Gehirn) ist von der Natur primär nicht als Erkenntnis- sondern als Überlebensorgan entwickelt worden.
Wir dürfen getrost akzeptieren, dass es Dinge in der Natur gibt, welche über den Horizont unseres Vorstellungsvermögens hinausreichen. Der Mesokosmos stellt ja nur einen relativ kleinen Ausschnitt der gesamten Welt dar. Die Welt aber umfasst vermutlich wesentlich mehr Strukturen und Systeme, als wir sie aufgrund unserer geistigen Kapazität und unseres Wahrnehmungsvermögens erfassen können. Besonders kleine, besonders große und besonders komplizierte Systeme liegen außerhalb des Mesokosmos. „Unsere Welt“ bleibt stets auf das Niveau und Fassungsvermögen unserer Vorstellungen begrenzt. Wir leben nicht in einer für uns unbegreifbaren objektiven Wirklichkeit, sondern in einer von uns sinnlich erfahrbaren, begreifbaren, menschlichem Maß entsprechenden subjektiven Welt.
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4. Perspektiven
4.1. Manchmal ist weniger mehr
Der kritische Blick auf die anthropozentrische Haltung vieler Menschen - insbesondere die Menschen-zentrierte Problemorientiertheit der meisten Philosophen - und die ernüchternde Erkenntnis von der Beschränktheit unseres Wahrnehmungsvermögens, sowie der Fragwürdigkeit einer „natürlichen“ Moralität und eines „vernünftigen“ Handelns legt einige Überlegungen nahe. Inwiefern ist zum Beispiel gegenüber der Natur eine Verpflichtung zur Bescheidenheit in unseren Ansprüchen und eine Zurückhaltung in unserem Eingreifen, Ordnen- und Verbessern-Wollen angebracht? Die „Freunde der Weisheit“, die Philosophen, haben sich bereits seit ihrem ersten Auftreten im alten Griechenland nicht auf die alleinige Interpretation ihrer Umgebung beschränkt. Immer hat Philosophie neben einer Veränderung der geistigen Perspektiven auch ein gewisses Maß an Handlungen nach sich gezogen und so gelegentlich auch Weltveränderung bedeutet. Doch Veränderung und sogenannter Fortschritt hat nicht immer nur Gutes gebracht, oft auch nicht dort, wo man zunächst meinte, das große Los gezogen zu haben. Was unserer Ansicht nach „gut“ für uns und die Umwelt ist, hat sich in der Retrospektive nicht selten als Irrtum, manchmal sogar als Katastrophe entpuppt. Die Möglichkeiten der heutigen Technik und Biowissenschaften bieten nicht nur große Chancen für uns Menschen, sie werfen ebenso eine Vielzahl von Problemen auf. Man denke
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an Kernspaltung, Genmanipulation, Transplantationschirurgie, Tierversuche,
Embryonenforschung oder Nanotechnologie, um nur einige Forschungsgebiete zu nennen, in deren Zusammenhang immer die Frage nach der Würde der lebenden Kreatur, insbesondere der menschlichen Person gestellt werden muss. Neben der Tatsache, dass heute ein einzelnes Ereignis die gesamte Menschheit gefährden oder vernichten kann (z.B. Klimaveränderung, künstliche Viren, nuklearer Zwischenfall), stellt das überexponentielle Anwachsen der Bevölkerung aufgrund einer begrenzten Oberfläche der Erde das wohl entscheidende Zukunftsproblem dar. Dann wird der Mensch selbst in noch höherem Maß (als er es heute schon ist) zum größten Problem seiner selbst. Die Natur kann zweifellos auch ohne Menschen weiterbestehen. Der Gedanke an eine Erde ohne Menschen, an den Tag, an dem der Mensch als Herrscher der Welt abtritt, ist gar nicht so abwegig. „Die Erde häutet sich, schüttelt den Menschen ab“, prophezeite Ernst Jünger 1980. Wissenschaftlicher Fortschritt hat immer zwei Seiten. Er kann Segen und Daseinserleichterung für die Menschen sein, er kann aber auch missbraucht und so zum Fluch werden. Oft haben wissenschaftliche „Zauberlehrlinge“ die Macht der „Geister, die sie riefen“, unterschätzt und die eigene Fähigkeit überbewertet. Zwar liegt es in der Natur des Menschen, in seiner Machtgier und Eitelkeit alles was machbar ist auch einmal auszuprobieren. Doch nicht alles, was machbar ist, ist auf lange Sicht oder für jedermann wünschenswert, ist wirklicher Fortschritt und ethisch verantwortbar. So wird die Frage nach den Grenzen der Forschung heutzutage zu einer der brisantesten Fragen der Naturphilosophie.
Aufmerksam und kritisch sollte beobachtet werden, dass menschliche Hybris und Omnipotenzwahn gelegentlich Dinge in Gang setzen können, deren Eigendynamik nicht rechtzeitig erkannt wird und deren Ausgang in seinen Konsequenzen nicht abschätzbar ist. Nicht selten haben Forschungsergebnisse, deren Nützlichkeit anfangs offensichtlich schien, sich im Nachhinein als problematisch erwiesen. Beileibe soll dies kein Plädoyer für eine Stagnation menschlichen Forschungsdranges und Entdeckerfreude sein! Den Worten von Bertolt Brecht (1898-1956), Ziel und Zweck der Technik sei es, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern, kann in seiner ursprünglichen sozial-ethischen Intention durchaus zugestimmt werden. Ansonsten ist diese Aussage zu relativieren, da sie ja nur einen positiven Teilaspekt wiedergibt. Mehr den je ist bei allem Fortschrittsoptimismus das „Prinzip Verantwortung“ gefordert. Keineswegs soll vergessen werden, dass Wissenschaft und Forschung viele Gefahren und Mühseligkeiten menschlichen Daseins haben beseitigen können. Andererseits haben sie aber auch erstmals in der Geschichte die Option der Selbstvernichtung der Menschheit erschlossen!
Letzten Endes geht es um das Verhältnis von Technik und Ethik. Man sollte immer fragen, ob man heute und in Zukunft etwas braucht, auf das man zuvor verzichten konnte. Es wird berichtet, dass Sokrates (469-399 v. Chr.), als er über den Athener Markt ging und das reiche Warenangebot sah, erstaunt ausgerufen haben soll: „Wie viele Dinge gibt es doch, derer ich nicht bedarf!“ Seine Worte dürfen wir uns getrost auch mal wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir das nächste Mal durch ein Kaufhaus oder durch einen Supermarkt gehen. Um einem Missverständnis vorzubeugen: einem generellen Wissenschaftspessimismus, einem Konsumverzicht oder einer schwärmerischen „Zurück zur Natur“ - Ideologie soll hier keinesfalls das Wort geredet werden. Dennoch sollte unkritischem Forschen, unethischem Experimentieren, ungebremster Produktion und überflüssigem Konsum mit dem Blick auf frühere Fehlentwicklungen Einhalt geboten werden!
Menschliche Neugier ist eine natürliche, für die Weiterentwicklung unseres Lebens notwendige Eigenschaft, die wir mit allen anderen Lebewesen teilen. Ohne Neugier gäbe es keinen Versuch, keinen Irrtum, keinen Erfolg, keine Erkenntnis, kein Lernen, keine
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Entwicklung und kein Überleben. Erkenntnisgewinn - so haben wir gesehen - ergibt sich aus reinem Denken ebenso wenig wie aus rein passiver Wahrnehmung (Sinnesreizung). Lernergebnisse sind immer die Folge von Versuch und Irrtum. Doch schon in der „Gesta Romanorum“, einer 1472 erstmals gedruckten Anekdoten- und Fabelsammlung, findet sich die Aufforderung „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“ (lat. = Was du auch tust, tue klug und bedenke das Ende!). Die Mahnung, bei seinem Tun auch immer an die Konsequenzen zu denken, sollte für den verantwortungsbewussten Wissenschaftler, Forscher, Techniker und nicht zuletzt auch Politiker eine Selbstverständlichkeit sein.
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4.2. Ich sehe was, was du nicht siehst ...
Lernen erfolgt im wesentlichen durch Ausprobieren (engl. learning by doing). Doch Versuche bergen immer das Risiko des Irrtums in sich! Der Mensch ist bei der Lösung aller seiner Probleme fehlbar, er kann sich irren. Außer einem erneuten Versuch und der Hoffnung, das es beim nächsten Mal klappen möge, hat er keine Methode sich davor zu schützen. Erkennen ist immer an Handeln und Erleben gekoppelt. Erkennen ist immer ein Problemlösen und ein Lernen aus dem Gelingen oder Scheitern an einer Aufgabe. Allein die geistige Reflexion über Erfolg und Misserfolg ermöglicht die Unterscheidung von Erkenntnis und Irrtum! Unser Wissen von der Welt - soviel steht fest - ist nur eine durch Teilwahrnehmung begründete Annahme, dass sich „Wirklichkeit“ so oder so verhält. Damit hat das, was wir gemeinhin als „Wissen“ bezeichnen, den Wahrheitsanspruch und Rang einer Hypothese. Auch bei aller technischen Raffinesse hat die Anerkennung einer realen Außenwelt zwar eine große Wahrscheinlichkeit, ist deshalb aber noch lange kein Akt der Erkenntnis, sondern nicht mehr als ein Akt des Vertrauens. Von der Wirklichkeit können wir immer und bestenfalls nur wissen, was sie nicht ist. Warren McCulloch, einer der ersten Kybernetiker, hat sich einmal zu unserem vermeintlichen „Wissen“ treffend mit feiner Ironie geäußert, indem er meinte: „Eine Hypothese als falsch erwiesen zu haben, ist der Höhepunkt des Wissens“ (1965). Dass wir selbst existieren und dass außer uns andere Dinge existieren, dass es eine vom menschlichen Denken unabhängig strukturierte objektive Wirklichkeit gibt, ist eine als „Realismus“ bezeichnete recht gut begründete Hypothese - doch nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auf eine einfache Formel gebracht: Realismus ist die Auffassung, dass die Welt von unserem Geist unabhängig ist. Zwar verhaltenen wir uns „realistisch“ und nehmen meist mit gutem Grund an, dass die Außenwelt zumindest bis zu einem gewissen Grade für uns Menschen erkennbar ist. Doch erleben und erkennen wir die Welt tatsächlich kaum so, wie sie „wirklich“, wie sie „an sich“ ist. Unsere Sinnesorgane erfassen lediglich einen winzigen
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Ausschnitt der Umwelt. Jedoch nicht einmal dieser kleine Ausschnitt wird uns von den Sinnesorganen und unserem Gehirn so vermittelt „wie er ist“. In unserem Erleben bekommen wir keineswegs ein getreues Abbild von der Außenwelt. Die Welt „an sich“ ist von den Darstellungsformen, die uns möglich sind, in sehr hohem Grade unabhängig und kann deutlich über sie hinausgehen. Die wenigen Teile der Welt, die wir überhaupt wahrnehmen, werden zunächst gefiltert und dann dermaßen von unserem Gehirn verarbeitet und verschlüsselt, dass im Bewusstsein schließlich etwas ganz anderes ankommt als objektive Realität. Unsere Sinnesorgane bilden die Welt also nicht ab, sie legen sie für uns aus! Unser Weltbild ist demnach nur zu einem geringen Teil durch die Außenwelt geprägt. Zum überwiegenden Teil schaffen wir unsere „subjektive Wirklichkeit“ selbst. Menschliche Wirklichkeit ist unsere Perspektive auf die Welt, die Reflexion unserer menschliche Innenwelt. Daher sind wir dann wohl auch kaum berechtigt, unsere subjektive Vorstellung von der Welt für eine Darstellung der objektiven Wirklichkeit zu halten. Aus der Kinderzeit kennen wir wohl fast alle das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst...“, bei dem unser Gegenüber einen von uns wahrgenommenen Gegenstand erraten soll, von dem er nur unseren Farbeindruck mitgeteilt bekommt. Das ist oft leicht, manchmal jedoch wird es schwierig. Problematisch ist das Erraten von Gegenständen insbesondere dann, wenn einer der Spieler eine Schwäche im Farbensehen hat und der andere Spieler über ein normales Farbempfinden verfügt. Beide Spieler bewegen sich dann in einem zumindest chromatisch unterschiedlichen Raum.
Auch in anderen Beziehungen als dem Farbempfinden lebt jeder Mensch in seiner individuellen Welt und erlebt in dieser seine subjektive Wirklichkeit. Zwar weist die subjektive Wirklichkeit des Einzelnen mit der Sichtweise anderer Artgenossen Gemeinsamkeiten auf, sonst wäre eine Verständigung untereinander kaum möglich, dennoch aber unterscheidet sie sich in mancher Hinsicht mehr oder weniger deutlich von der Wirklichkeit anderer Mitmenschen. „Zwei Sachen sind in Wirklichkeit nie gleich“, schreibt Ernst von Glasersfeld, „sie sind nur in Bezug auf gewisse Anschauungsweisen gleich. Gleichheit beruht auf Assimilation, auf dem Entschluss, zwei Sachen als gleich zu betrachten“ (1995). Anders ausgedrückt: zwar ist das, was verschiedene Menschen erleben, ein Abbild derselben Realität, doch ist der Informationsgewinn, den zwei unterschiedliche Personen aus denselben Umweltdaten ziehen, oft sehr verschieden. Für den Menschen, der sich eine solche Einsicht zueigen macht und es zudem schafft, die Welt konsequenterweise als seine eigene geistige Konstruktion anzusehen, muss die Kardinaltugend „Toleranz“ heißen. Denn wenn ich selbst begreife, dass meine Welt immer auch meine individuelle subjektive Projektion ist, muss ich dies den Welten meiner Mitmenschen auch zugestehen. So lange ich mir meines eigenen Nichtwissens und Nichtwissen-Könnens bewusst bin, kann ich einsehen, dass es nicht nur eine Perspektive und „die Wahrheit“ sondern viele verschiedene Sichtweisen und subjektive Wahrheiten gibt. So habe ich dann auch kein Problem damit, die von anderen Menschen geglaubten Wahrheiten zu respektieren und ihre individuellen, von ihnen „erfundenen“ Wirklichkeiten zu akzeptieren.
Im Allgemeinen bezeichnen wir die Gesamtheit dessen, was ist - einschließlich uns selbstals „Welt“, „Umwelt“, „Universum“, „Kosmos“ oder „Natur“. Wie diese Natur beschaffen ist, beurteilen wir mit unseren Sinnen. Was es daneben noch gibt, sich unserer Wahrnehmung aber nicht erschließt, können wir uns teilweise mittels technischer Apparaturen zugänglich machen (vgl. Kap. 3.1.3.). Doch mit Erkenntnis selbst hat dieser technische Zugang nur bedingt etwas zu tun. Die Aufnahme guter Fotographien zum Beispiel mit dem Linsensystem einer Spiegelreflexkamera ist lediglich eine Transformation der Wirklichkeit (und der Bilder auf der Netzhaut unseres Auges) zu dem Zweck, dass am Ende wieder ein erkennendes
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Subjekt, ein Mensch, diese Bilder betrachtet. Wir können davon ausgehen, dass uns wesentliche Züge der Welt durch unsere kognitive Begrenztheit, durch die dreidimensionale Beschränktheit unseres Raumempfindens und unser lineares Zeitgefühl entgehen. Schon allein aufgrund der Struktur unseres eigenen Gehirns bleibt unser Urteilsvermögen über das wirkliche Aussehen der Welt trotz technischer Hilfen begrenzt, lückenhaft und illusionär. Die Überzeugung, Wissen sei nur dann echtes Wissen, wenn es mit einer vom wahrnehmenden Subjekt unabhängigen Welt „tatsächlich“ übereinstimmt, setzt schon eine andere Grundüberzeugung voraus. Es wird nämlich vorausgesetzt, dass eine mehr oder weniger fest strukturierte Welt an und für sich „existiert“, die unsere Erlebnisse bestimmt und daher eigentlicher Gegenstand unserer Erkenntnisbemühungen sein muss. Diese u.a. von K. Popper vertretene Ansicht (1972) mag zutreffen, sicher aber ist das keineswegs. Naturwissenschaftliche „Erkenntnisse“ und Begriffe sind lediglich unsere Interpretationen natürlicher Phänomene. Außerdem beziehen sie sich immer nur auf denjenigen Teil unserer Welt, der uns gerade zugänglich ist. Jean Piaget erklärt es zum Beispiel so, dass die kognitiven Strukturen, die wir Wissen nennen, nicht als Kopie der Wirklichkeit verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als ein Ergebnis der Anpassung (1937). Die Natur, so wie wir sie direkt mit den Sinnen oder mit Hilfe technischer Geräte wahrnehmen, ist demnach unsere „Erfindung“. Was die „Natur selbst“, das Dasein der „Dinge an sich“ oder ihr „Wesen“ ausmacht, bleibt der menschlichen Erkenntnis verschlossen. In seinen „Prolegomena“ schreibt Immanuel Kant in diesem Sinne: „Sollte Natur das Dasein der Dinge an sich bedeuten, so würden wir sie niemals, weder a priori noch a posteriori erkennen können“ (EA 1783; 1998). Das ist es eben, das alte unlösbare Problem der westlichen Epistemologie: erkennen zu wollen, was außerhalb der Erlebenswelt liegt. Bestätigt wird der Skeptizismus Kants durch die moderne Quantenphysik, deren Ergebnisse andeuten, „dass es sich bei der von der Physik beschriebenen Natur nicht um die Natur an sich handelt, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Natur - also um die Natur, wie sie sich dem Menschen in der Form seines Fragens zeigt“ (R. Tarnas, 1991). So begegnet der Mensch, welcher die Natur erforscht, bei seinem Fragen immer wieder sich selbst (W. Heisenberg, 1955).
Es ist wahrscheinlich, dass es neben den mit unseren Sinnen und zusätzlichen technischen Mitteln entdeckten Phänomenen unzählige weitere vom Menschen und seinen Apparaten nicht wahrgenommene Realitäten gibt. Diese Einsicht ist aber auf keinen Fall ein Grund, „metaphysische Wahrheiten“ zu bemühen oder übersinnliche Ursachen dort zu vermuten, wo menschliche Sinne oder technische Apparaturen keinen Zugang eröffnen. Naturwissenschaft ist, wie Hoimar von Ditfurth betont hat, eben auch nur der „Versuch, bei der Erklärung der Welt ohne Wunder auszukommen“ (1984).
Die Entwicklung der Naturwissenschaften zeigt sowohl im Mikrokosmos als auch im Makrokosmos immer wieder neue Dimensionen auf, die der Mensch bisher als absolute und unüberwindliche Grenze betrachtet hat. Albert Einstein (1879-1955) ist zwar mit der Einführung der Zeit als vierte dynamische Größe in das in den letzten dreihundert Jahren gültige mechanistische dreidimensionale Newton’sche Weltbild eine revolutionäre Entdeckung gelungen, die uns einen neuen Blickwinkel auf das Universum eröffnet hat. Doch ist das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum auch wiederum nur eine begrenzte menschliche Modellvorstellung von unserer Welt. Aufgrund des Ergebnisses physikalischer Untersuchungen kann man vermuten, dass außer den drei Dimensionen des Raumes und der Zeit (als vierter Dimension) weitere uns möglicherweise für immer unbekannte Dimensionen der Wirklichkeit existieren. Insofern lässt sich die Möglichkeit kaum abweisen, wie Friedrich
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Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ schon feststellt, dass die Welt auch „unendliche Interpretationen in sich schließt“ (1954). Allerdings hat sich unser Gehirn für den Gebrauch in irdischen Verhältnissen entwickelt, für ein erfolgreiches Funktionieren in einem begrenzten dreidimensionalen Raum.
Unser Erkenntnisapparat ist an mittlere physikalische Dimensionen angepasst, die wir mit Gerhard Vollmer (1988) als „Mesokosmos“ bezeichnet haben (s. Kap. 3.4). Bei komplizierten, hochkomplexen Systemen, wie beispielsweise langen oder gar vernetzten Kausalketten, nichtlinearem Wachstum, Rückkoppelung, Zufallsereignissen und ähnlichen Phänomenen haben wir mit unseren, der Naturentwicklung der Erde entstammenden Denkmustern erhebliche Schwierigkeiten. Theoretische Erkenntnis geht oft über den Mesokosmos hinaus. Raum-Zeit-Kontinuum, Relativität der Gleichzeitigkeit, Zeitdilatation, Unschärferelation, Tunneleffekt, Pauli-Prinzip, schwarze Löcher, Längenkontraktion, Wellen-Teilchen-Dualismus, Zufall und Chaostheorie sind und bleiben unanschaulich. Doch die moderne Physik ist nicht nur unanschaulich, sie muss es sogar sein, wenn sie den Mesokosmos verlässt. Prinzipiell unverständlich ist Astro- Atom- oder Quantenphysik deshalb aber nicht.
Allein die gedankliche Konstruktion eines Raum-Zeit-Kontinuums überstrapaziert, wie gesagt, unser herkömmliches Vorstellungsvermögen. Anschaulichkeit ist aber kein Maßstab für die Richtigkeit einer Theorie. Dass man sich etwas nicht vorstellen kann, mag aus didaktischen Gründen bedauerlich sein, besagt jedoch nichts über Wahrheit oder Falschheit (R. Carnap, EA 1928; 1998). Die von Albert Einstein entwickelte und mittlerweile experimentell vielfach bestätigte Relativitätstheorie lässt erahnen, wie wenig die Ordnung der realen Welt wohl mit der Ordnung unserer auf mittlere irdische Größenmaße hin entwickelten menschlichen Denkstrukturen übereinstimmt. Zwar sind die Entdeckungen Einsteins, welche mit Größen wie Lichtgeschwindigkeit und Massenzuwachs ins Unendliche operieren, mathematisch berechenbar und zum Teil physikalisch messbar, in unser für den täglichen Gebrauch auf der Erde passendes (Newton’sches) Weltbild lassen sie sich kaum integrieren. So kommt es, dass viele Menschen wohl wissen, dass Einstein mit seiner speziellen (1905) und allgemeinen Relativitätstheorie (1916) etwas ganz Ungewöhnliches entdeckt hat, für ihr praktisches tägliches Leben kommt dieser Entdeckung aber keinerlei Bedeutung zu. Wie viel mehr als das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum würde erst eine fünf-, sechs- oder mehr-dimensionale Realität unsere Vorstellungskraft überfordern!? Es wäre ja auch der Ausdruck eines unreflektierten „Mittelpunktwahns“, wenn wir glaubten, die Natur müsse bis in ihre letzten Geheimnisse nicht nur irgendwann für und verständlich sein, sondern außerdem noch so beschaffen, dass sie in das Vorstellungsvermögen unseres Gehirns passte.
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4.3. Der Trost des religiösen Glaubens und die Nützlichkeit
wissenschaftlicher Hypothesen.
Abgesehen von einer streng auf die religiöse Einstellung bezogenen Definition gibt es genau genommen keine Ungläubigen. Jeder Mensch hält dieses oder jenes für wahr, glaubt an etwas, wenn auch jeweils an etwas anderes. Jeder hat bestimmte Überzeugungen und hält gewisse Sachverhalte für Tatsachen. Für jeden gibt es etwas, von dem er meint, es sei richtig, und etwas anderes, das er für falsch hält. Mit Tatsachen, Objektivität oder Wirklichkeit haben Überzeugungen und Glaubensinhalte nichts zu tun, auch wenn wir uns meistens verhalten, als wäre das so. Jeder von uns hat in seinem Innern bestimmte Grundüberzeugungen, Glaubenssätze und Vorurteile, die streng mit seinen Wertmaßstäben korrelieren. Wesentliche Urteile sind uns oft nicht einmal bewusst. Die besonders wichtigen und daher auch besonders wirksamen Glaubenssätze sind in unserem Unterbewusstsein abgelegt. Von dort aus steuern diese Grundsatzurteile im Verband mit unseren Trieben das gesamte Verhalten, also unsere Ängste, unsere Hoffnungen, unsere Reaktionen, kurz gesagt - unser ganzes Leben (vgl. auch die Kap. 3.1.2 und 3.1.3).
Unser Leben wird, so scheint es zumindest gelegentlich, von außen gesteuert. Manchmal haben wir „Glück“, hin und wieder auch „Pech“. Warum das so ist, wissen wir oft nicht. Es scheint vielen Leuten, als ob „von außen“ eine Macht am Werke sei, die je nach Ergebnis „göttlich“ oder „teuflisch“ Einfluss auf das Leben nimmt. Oft verwenden wir für dieses unbekannte „von außen“ auch Begriffe wie „Schicksal“ oder „Zufall“. Sind diese Begriffe nur Verlegenheitsbezeichnungen für etwas, das wir nicht wissen und das uns manchmal sogar unheimlich ist, oder ist gar etwas daran? In jedem Fall, egal ob Schicksal oder Zufall, handelt es sich immer um ein Zusammentreffen sehr vieler Faktoren und Geschehnisse. Das für uns Erstaunliche resultiert daraus, dass sich die Anzahl der Einzelfaktoren und die Komplexität der verschiedenen Ereignisse unserem Verständnis entzieht und unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Und Vorgänge, welche sich unserem menschlichen Begriffshorizont entziehen, induzieren oft Unsicherheit, gelegentlich sogar Ängste. Aus dieser Verlegenheit heraus benutzen wir das Wort „Zufall“ als Synonym für menschliche Phantasielosigkeit gegenüber einer für uns nicht verständlichen komplexen Wirklichkeit. „Schicksal“ oder „Fügung“ sind oft Ausdruck des Wunsches, es möge jemanden geben, der das lenkt und ordnet, was für unser Auffassungsvermögen zu kompliziert und zu vielschichtig ist.
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Alles, was geschieht - und sei es in unseren Augen noch so unbedeutend - bedingt wiederum irgendetwas. Jedes Blatt, das vom Baum fällt, jeder Schritt, den ein Mensch tut, ruft irgendeine Wirkung hervor. Oder sind wir, wenn wir so denken, schon wieder ohne es zu merken in eine Kausalitätsfalle getappt? Müssen wir so denken? Ja! Schon Kant hat die Kausalität als einen Teil der Ordnung begriffen, welche die Vernunft der Erfahrung aufzwingt, um sie verständlich zu machen (1781). Zum Zwang, in Kausalketten zu denken, meint Lichtenberg auf die ihm eigene hintergründig-humorvolle Weise: „Wir müssen glauben, dass alles eine Ursache habe, so wie die Spinne ihr Netz spinnt, um Fliegen zu fangen. Sie tut dieses, ehe sie weiß, dass es Fliegen in der Welt gibt“ (o.J.). Und auch Hoimar von Ditfurth betrachtet kausale Denkabläufe keineswegs als Hemmnis, sondern im Sinne einer Idee a priori als Möglichkeit der Realitätserkenntnis: „Der unserem Denken von Geburt an eingeprägte Zwang, alles kausal geordnet zu sehen, stellt ein angeborenes Wissen über die Welt selbst dar. Erworben wurde dieses Wissen im Ablauf der Evolution unserer Art durch allmähliche genetische Anpassung an selektierende Umweltbedingungen. Jede Anpassung aber bildet einen Teil der realen Welt ab. ... Uns deshalb ist die in unserem Erkenntnisvermögen steckende Kausalkategorie in Wahrheit nichts anderes als ein Abbild der in der realen Welt tatsächlich herrschenden Ordnung“ (1984). Das Ursache-Wirkungs-Denken, welches die Natur in unser Gehirn gepflanzt hat, ist unzweifelhaft für die Entwicklung zum Homo sapiens sehr sinnvoll gewesen, taugt bei näherer Betrachtung aber für die Erklärung der komplexen Vorgänge der Natur nur bedingt. Doch eine andere Option als das in Kausalitätsketten ablaufende Denken hat das menschliche Gehirn nicht. Es scheint uns vernünftig anzunehmen - und vieles in unseren Beobachtungen und Erfahrungen spricht ja auch dafür - , dass sich in der Struktur der Dinge und in der Dynamik von Naturereignissen ein Ordnungsprinzip verbirgt. Doch Ordnung ist wiederum ein von Menschen geprägter Begriff, der unserer Denkweise entspricht. Gemäß den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen scheint im Kosmos (gr. = geordnetes Gebiet) keineswegs Ordnung zu herrschen, sondern Chaos (gr. = wörtl.: die klaffende Leere des Weltalls) als Prinzip zu überwiegen. Chaos als Prinzip der Natur, der Umwelt, des Universums anzunehmen, widerspricht aber zutiefst unserer Denktradition und unserem Fühlen und - vor allem unseren Wünschen! Wie Isaac Newton (1646-1727) sind auch wir „modernen“ Menschen noch der Vorstellung einer mechanistisch funktionierenden Welt verhaftet. Das Bild eines präzisen Uhrwerkes, bei dem ein Rädchen ins andere greift und den Gesamtmechanismus in Gang hält, ist das, was unserem Verständnis die wenigsten Probleme bietet. Allerdings ist inzwischen nicht mehr die mechanische Uhr, sondern der Computer zur Leitvorstellung unserer Zeit geworden. Ins Gesamtkonzept passt dann nicht mehr so gut das Bild des allwissenden und allmächtigen Mechanikers, sondern besser das des Programmierers als Schöpfer und Wärter.
Dass jede Ursache eine Wirkung nach sich zieht und nicht die Wirkung vor der Ursache liegt, ist Bestandteil menschlicher Denkgewohnheiten. Ob allerdings unsere Denkgewohnheiten und menschliche Logik für einen Teil oder gar auch für das Ganze der objektiven, realen Welt zutreffen, ist mehr als fraglich. Durch einen subjektiven Denkvorgang, stellt auch David Hume fest, ließe sich das Kausalitätsprinzip selbst zumindest nicht als notwendig beweisen (EA 1739/40; 1989). Das Denken in Kausalzusammenhängen hält Hume lediglich für Gewohnheit (engl. custom) oder herkömmliche Lebenspraxis (engl. habit), eine Auffassung, die von Immanuel Kant übrigens nicht geteilt wird. Manchmal trösten wir uns in agnostischer Resignation damit, ein Ordnungsprinzip im Universum sei zwar denkbar, jedoch von so ungeheuer großer Komplexität, dass es von uns Menschen kaum erkannt und nicht begriffen werden könne. Möglich wäre auch, dass wir die Ordnung der Natur deshalb missverstehen, weil wir unsere Vorstellung von Ordnung einfach mit einem vermuteten Ordnungsprinzip der
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Umwelt gleichsetzen. Die nicht selten katastrophalen Missverständnisse menschlichen Eingreifens und „Ordnens“ in der Natur sind uns allgegenwärtig. Ursache hierfür ist, dass in menschlicher Hybris übersehen wird, dass unser Verstand eben nicht „Weltgeist“ ist, sondern ein an die Struktur des menschlichen Gehirns gebundener und damit begrenzter Teilvorgang der gesamten Natur!
Es kann ja durchaus sein, dass sich die Natur nach bestimmten Regeln richtet. Und eine „Idee“ von Naturgesetzen kann wohl auch nur in einer Welt gewonnen werden, in der es erfahrbare Regelmäßigkeiten gibt. Wenn wir durch Versuche und Beobachtungen der Natur bestimmte Muster zu erkennen glauben und diese in Regeln zusammenfassen und sie „Naturgesetze“ nennen, so bezeichnen wir damit die experimentell wiederholbaren menschlichen Erfahrungen von Abläufen in der Natur. Diese „Naturgesetze“ sind dann allerdings nicht die Natur selbst, sondern nur menschlichem Denken entsprungene naturwissenschaftliche Begriffe, also unsere Erklärungsversuche der beobachteten Natur. „Es gibt keine Permanenz naturwissenschaftlicher Begriffe“, meint in diesem Sinn auch Jacob Bronowski (1908-1974), „denn sie sind lediglich unsere Interpretation natürlicher Phänomene. Wir machen bloß eine temporäre Erfindung, die den Teil unserer Welt betrifft, der uns gerade zugänglich ist“ (1978). Unseren sogenannten Naturgesetzen liegt zum einen die durch Galilei initiierte Vermischung von künstlicher Versuchsanordnung und natürlichem Geschehen zugrunde, zum anderen unserer eigenes in „Wenn- Dann“- Kausalitätsketten ablaufendes Denkmuster. Mit unseren Naturwissenschaftsbegriffen schaffen wir sozusagen eine subjektive Abstraktion dessen, was wir für Natur halten. Dazu schreibt John Locke: „Abstraktion wird es genannt, wenn Ideen, die von Einzeldingen gewonnen sind, zu allgemeinen Repräsentanten oder gleichwertigen Gegenständen werden und ihre Namen zu allgemeinen Namen, die somit anwendbar werden auf alles, was solchen abstrakten Ideen entspricht“ (1690). Auch der Begriff „Gott“ ist eine solche abstrakte Idee. Georg Christoph Lichtenberg sagt dazu folgendes: „Wir können nicht anders, wir müssen Ordnung und weise Regierung in der Welt erkennen, dies folgt aus der Einrichtung unserer Denkkraft. Es ist aber noch keine Folge, dass etwas, was wir notwendig denken müssen, auch wirklich so ist, denn wir haben von der wahren Beschaffenheit der Außenwelt gar keinen Begriff; also daraus allein lässt sich kein Gott erweisen“ (o.J.).
Ob man der Natur nun ein Gesamtkonzept zuordnen kann, ob ein bestimmtes übergeordnetes „Prinzip“ die Welt beherrscht, ob so etwas wie eine komplexe Ordnung besteht, die in ihrer Kompliziertheit für uns nicht erkennbar ist, sei zunächst dahingestellt. Manche Menschen meinen, ein solches Prinzip zumindest ansatzweise erahnen zu können. Viele von uns möchten wohl an eine Art „Weltordnung“ glauben. Dies scheint zwar eine nahe liegende „Gewohnheit“ (Hume), zumindest aber ein starkes Bedürfnis der menschlichen Psyche zu sein. So ein allumfassendes, komplexes Ordnungsprinzip kann man, wie gesagt, abstrakt „Weltgeist“ oder „Gott“ nennen. Diese (auf einer theoretischen Annahme beruhende) Bezeichnung für eine Transzendenz der Welt ist jedoch keineswegs eine metaphysische „Erkenntnis“, sondern nur ein menschlicher Begriff im Rahmen unser begrenzten Naturerfahrung und eines auf Kausalzusammenhänge und Folgerichtigkeit programmierten Denkens. Eine Einsicht in die Unendlichkeit der Welt lässt sich konsequenterweise kaum mit der Vorstellung von einer umfassenden Weltordnung verbinden. Mit Nietzsches Worten aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ heißt es: „Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen“ (1954). Gemeint ist, dass der aufgeklärte und kritisch-rational denkende Mensch sich darauf eingelassen hat, die Welt als unüberschaubaren Zusammenhang von Perspektive und Interpretation zu verstehen. Und dazu passt der Gedanke eines Gottes, der Grund- und Ordnungsgarant ist, nicht mehr.
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Die Frage nach dem Wesen und der Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter gehört seit jeher zu den zentralen Fragen der Metaphysik. Die meisten uns bekannten Kulturen haben an übermenschliche und überirdische Kräfte, ein oder mehrere höhere Wesen geglaubt, diese verehrt und sie oft gleichzeitig gefürchtet. Diese Beobachtung legt zwar die Existenz eines universalen, aus der menschlichen Erfahrung entsprungenen Bedürfnisses nah, bedeutet aber nicht zwingend, dass so ein einzelnes oder mehrere transzendente Wesen tatsächlich existieren. In der philosophischen Erkenntnislehre gibt es über Jahrhunderte hindurch zahlreiche Beispiele, in denen der Versuch gemacht wird, durch die Annahme einer Existenz Gottes zu belegen, dass die Wahrheit unserer Erkenntnis - die Übereinstimmung von Denken und Wirklichkeit - erst durch die Existenz Gottes gerechtfertigt sei und von ihr abhänge (ontologischer Gottesbeweis). Diesen besonders im Mittelalter blühenden Spekulationen hat erst die Philosophie Kants ein Ende gesetzt. Letzterer stellte fest, dass unsere „Urteile über Gegenstände mit diesen übereinstimmen, weil das erkennende Subjekt durch seine Anschauungs- und Denkformen die Übereinstimmung zwischen Denken und gedachter Wirklichkeit erzeugt“, und sich damit schon aus diesen Überlegungen heraus die „Frage nach einem jenseitigen Grund der Übereinstimmung als verfehlt“ erweist (I. Kant, EA 1788; 1998). An die Stelle Gottes tritt das erkennende Subjekt, der Mensch, welcher diese Übereinstimmung von Denken und Realität „erzeugen“ kann, da die betreffenden Gegenstände (oder Objekte) zum Bereich der Erscheinungen gehören. Im Postulat der praktischen Vernunft spielt die Existenz Gottes für die Rechtfertigung menschlicher Erkenntnis - ebenso wie für die Begründung der Moral - keine Rolle mehr. Wer hat die Götter, an die Menschen glauben, geschaffen, wenn nicht die Menschen selbst? Schon Xenophanes (577-485 v. Chr.) wertet die moralischen Schwächen bei den Göttern des antiken Griechenland als Indiz dafür, dass Menschen die Götter nach ihrem Abbild geschaffen haben müssten. Nach David Hume beruht die Vorstellung von Gott auf der Erfahrung mit übersteigerten menschlichen Eigenschaften (EA 1739/40; 1989). Und tragen die guten nicht ebenso wie die furchtbaren Götter allesamt menschliche Züge? Haben sie nicht Charaktereigenschaften wie wir auch? Man denke z.B. an den weisen und zugleich lüsternen Zeus der Griechen, den kunstbeflissenen und kampfeswütigen Odin der nordischen Germanen, den gütigen und zornigen Jahwe der Israeliten oder den gnädigen und zerstörerischen Shiva der Inder. Was sehen wir in solchen Göttern mit ihren menschlichen Schwächen und Stärken? Auf einer anderen Ebene erblicken wir im Spiegel uns selbst. „Gnothi seauton!“ (gr. = Erkenne dich selbst!) steht über dem Eingang des antiken Heiligtums von Delphi. Ebenfalls bedeutet es Erkenntnis, die Göttern als menschliche Schöpfungen zu sehen (und nicht umgekehrt) und sich selbst in ihnen wiederzuerkennen. Ludwig Feuerbach (1804-1872) hat diese Gedanken mehr als 2000 Jahre nach Xenophanes und fast genau 100 Jahre nach Hume ausführlich dargelegt (EA 1841 und 1846; 1956). Das Wort „Gott“ hat für viele Menschen noch eine durchaus andere transzendente Bedeutung als die bloße Beschreibung eines komplexen Weltordnungsprinzips. „Gott“ ist oft vor allem eine jede Erfahrung und das Bewusstsein überfordernde (lat. transcendere = hinübersteigen) menschliche Hoffnung, in einer Umgebung nicht allein gelassen zu sein, die durch die Sinne weder ganz erkennbar noch durch den Verstand voll begreifbaren ist. Zudem empfindet der Mensch „Natur“ einerseits zwar schön und erhaben, zum andern aber auch feindlich, bedrohlich und unberechenbar. Unter freiem Himmel fühlt er sich klein angesichts der Größe des Universums und ist überwältigt von der Pracht der Sterne über ihm. Ein wenig mulmig ist ihm aber auch im Bewusstsein der Macht und der Unberechenbarkeit der ihn umgebenden, von ihm geliebten, bewunderten und zugleich gefürchteten Natur. Mit einem „in die Welt geworfen sein“ (Jean-Paul Sartre, 1905-1980) kann sich der Durchschnittsmensch nicht abfinden, sondern sucht nach einem Sinn und einem Halt. So greift er nach der imaginären
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Hand eines „großen Bruders“ oder „Vaters“, der ihm wohlgesonnen ist, ihn durch das Dunkel seines Unwissens führt, ihn vor bösen Mächten beschützt und alles zu seinem Wohle richtet. Angesichts von Ängsten, im Bewusstsein der eigenen Ohnmacht und des eigenen Nichtwissens entsteht die Fiktion eines für den Menschen nicht in seinem Handeln begreifbaren, doch allmächtigen und allwissenden Gottes, eines Lenkers der Natur und des menschlichen Schicksals. Aus dem Bedürfnis, das Unbegreifbare verstehen zu wollen, gibt er diesem Wunschbild menschliche Gestalt, Attribute der „Großen Mutter“, des „allmächtigen Vaters im Himmel“, des „Herrschers“. Er schafft sich Gott „nach seinem Bilde“. Unserer Psyche fällt es wesentlich leichter, sich eine übergeordnete Schöpfer-, Königs-, Mutter- und Vaterfigur mit menschlichen Charakterzügen vorzustellen als ein abstraktes „Prinzip“. So kann man in „Gott“ ein zur menschlichen Vorstellungskraft kongruentes und mit menschlichen Attributen ausgestattetes Welt-Prinzip sehen, eine ins Transzendente projizierte Personifizierung unserer mit Ängsten, Wünschen und Hoffnungen beladenen Vorstellungen von der Welt.
Bei einer religiösen Interpretation der Wirklichkeit ist die Annahme der Existenz Gottes bzw. eines höheren Wesens obligater Bestandteil einer solchen Weltsicht. Glaubensüberzeugungen werden induktiv aus religiösen Erfahrungen begründet, und alle Religionen sind darauf gerichtet, Erfahrungen zu produzieren, welche mit den jeweiligen Glaubensinhalten in Einklang stehen. Doch wer dies tut, ist mit den gleichen Problemen konfrontiert wie die reinen Empiristen in den Wissenschaften. Wer religiös und zugleich an der Wahrheit interessiert ist, sollte sich eingestehen, dass nicht nur seine Glaubensüberzeugungen, sondern sogar seine religiösen Erfahrungen Irrtümer enthalten können. So muss nach H. Albert auch der gläubige Mensch „alternative Erklärungen in Betracht ziehen, die unter Umständen geeignet sind, auch seine Erfahrungen zu korrigieren“ (2000). Wie wir in Kap.3.1.2 gesehen haben ist subjektive Gewissheit zwar eine Voraussetzung, aber nie ein sicheres Indiz für die Wahrheit einer Behauptung - und auch nicht eines Glaubens! Während in der wissenschaftlichen Forschung und zunehmend auch im philosophischen Denken die Idee der kritischen Prüfung vorherrscht, wird im Bereich der religiösen Lehre meist versucht, bestimmte Bereiche gegen kritisches Hinterfragen abzuschirmen oder hierfür nur einen begrenzten Spielraum zuzubilligen. Im Bezug auf den religiösen Glauben wird von den Vertretern der Kirchen in aller Regel so getan, als könne kritisches Denken bei der Annäherung an die Wahrheit oder der Beseitigung von Irrtümern nur bis zu einem gewissen Grade von Nutzen sein, in der überwiegenden Zahl von Fällen aber eher schaden. Nicht selten wird dann ein grundlegender Unterschied zwischen Glauben und Wissen behauptet, so dass der Eindruck entsteht, in der Wissenschaft habe die Vernunft einen anderen Stellenwert und eine andere Funktion als im Bereich religiöser oder weltanschaulicher Überzeugungen. Seit dem Beginn der Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts, doch besonders im den letzten einhundert Jahren, sind die großen religiösen, aber auch die ethischen und philosophischen Leitbilder zunehmend verblasst. Dieses ideologische Vakuum versucht seitdem die Wissenschaft, insbesondere die Naturwissenschaft zu füllen. Dabei imponiert die wachsende Zuversicht bezüglich einer totalen Erfassung der Wirklichkeit aufgrund objektiver, jederzeit wiederholbarer Beobachtungen und Experimente. Mit dem Bestreben, die Natur in einem von subjektivem menschlichen Gesichtspunkten freien - also „wahren“ - So -sein zu ergründen, treten heute Wissenschaftler an die Stelle ehemaliger Gottsucher. Die angeblich objektive Wahrheit der modernen Wissenschaft tritt an die Stelle des alten Aberglaubens. Offensichtlich dabei ist, dass sich Menschen, deren Weltbild in wesentlichen Zügen von den modernen Naturwissenschaften geprägt ist, mehr und mehr dem Atheismus oder Agnostizismus zuwenden und so versuchen, mit dem Diesseits und der eigenen Vernunft
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zurechtzukommen. Allerdings befinden sich - was die Erkenntnislehre anbetrifft - viele der heutigen Wissenschaftler immer noch in der Denktradition des 19. Jahrhunderts, indem sie hoffen, durch ihre Forschungen nach und nach ein absolut wahres Bild der objektiven Welt enthüllen zu können. Doch diese auf ziemlich naivem Realismus fußende Hoffnung ist kaum ein Indiz dafür, dass diese Möglichkeit überhaupt besteht. Einst hat die Entstehung der Offenbarungsreligionen, die mit universalen Wahrheitsansprüchen verbunden sind, zu dramatischen Konflikten mit den Versuchen der wissenschaftlichen Weltdeutung geführt. Verständlicherweise sorgen sich die Kirchen von jeher um andere Angelegenheiten als um die Freiheit der Wissenschaften. Das ehemalige Deutungsmonopol der Religion, in Europa insbesondere der römisch-katholischen Kirche, ist durch Aufklärung und Reformation zunehmend untergraben worden. Bei der Erklärung der Welt hat die Kirche ihre einstige Autorität mit der Zeit weitgehend an die Wissenschaft abtreten müssen. Doch wie in den Religionen operieren auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit funktionsbestimmten Symbolen. Ernst Cassierer (1874-1945) hat dies immer wieder hervorgehoben (EA 1910, 1976). Zudem sind von Seiten mancher Naturwissenschaftler heute bezüglich der Gültigkeit wissenschaftlicher Behauptungen ebenso Dogmatisierungsbemühungen festzustellen, wie dies einst von den Aufklärern gegenüber den Ansprüchen der Religion kritisiert wurde. Doch „weder der erkennende Mensch noch seine Wissenschaft sind im sicheren Besitz der Wahrheit“ (K. Popper, 1972). Auch eine wissenschaftlich als gesichert angesehene Erkenntnis bleibt immer noch eine Theorie, welcher man derzeit noch vertraut. Nie sollte sie jedoch den Charakter eines jeglicher kritischen Prüfung enthobenen Dogmas annehmen!
Wahrheit ist niemals im Glauben an ein bestimmtes Dogma zu finden - sei es nun wissenschaftlicher oder religiöser Art -, sondern nur im Zweifel und in der Suche! Dies aber bedingt eine von Toleranz getragene Geisteshaltung. Dogma und Toleranz schließen sich gegenseitig aus. Wahrheit lässt sich nicht einfordern, nur suchen! Nicht nur Kritik und Aufklärung über die Irrwege der anderen ist angesagt, sondern ebenfalls eine kritische Reflexion über eigene Irrtümer. In diesem Sinne schließt Immanuel Kant sein Hauptwerk, die „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), indem er sagt: „Der kritische Weg ist allein noch offen.“
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4.4. Ohne Alternative: Der kritische Gebrauch der Vernunft.
Der Wunsch, ein überschaubares Bild von der Welt zu bekommen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Aus dem Versuch, dieses Bild gestaltend umzusetzen und auf diese Weise die erlebte Welt zu überwinden, entwickelten sich verschiedenste Kulturen. Doch die Erkennbarkeit der Wirklichkeit und die Entdeckung der Wahrheit erweist sich dabei als eine problematische Angelegenheit. Zwar können Informationen in einem sinnvollen Zusammenhang so etwas wie Wissen erzeugen; wenn dieses Wissen dann auch noch durch gute Gründe gesichert erscheint, entsteht das, was wir Erkenntnis nennen. Doch war bereits zur Zeit der Vorsokratiker (s. Kap.2) klar, dass eine Auffassung des Wissens, die Korrespondenz mit einer realen Welt verlangt, illusorisch sei, da es ja keine Möglichkeit gibt zu überprüfen, ob eine derartige Korrespondenz vorhanden ist. So haben sich Xenophanes (577-485 v.Chr.) und Heraklit (ca. 550-480 v.Chr.) auch skeptisch gegenüber der Möglichkeit von Erkenntnis, Wissen und Wahrheit geäußert. Sokrates (469-399 v.Chr.) ist sogar soweit gegangen, die Erkenntnis des Nicht-Wissens als Grunderkenntnis zu formulieren (gr. oida ouk eidos = ich weiß, dass ich nichts weiß). Und es ist merkwürdig: durch die modernen Naturwissenschaften sind wir uns dieses Nichtwissens noch mehr bewußt. Obwohl sich die Frage, ob es angeborene Ideen gibt, auch für den Menschen positiv beantworten lässt (s. Kap.3.1.1), ist dennoch jede Realität im unmittelbaren Sinne letzten Endes ein subjektives Ergebnis unserer geistigen Tätigkeit. Nur ein Teil, nicht unser gesamtes Wissen, ist angeboren. Den Rest „erfinden“ wir sozusagen dazu. Sprache, Technik, Mythen und Kunst sind „Werke“ des menschlichen Geistes, kraft derer wir unseren kulturellen Lebensraum gestalten (E. Cassierer, EA 1925). Die Umweltinformationen, welche wir bei der Geburt mitbringen, müssen keineswegs immer korrekt sein; das heißt, sie müssen nicht einer objektiven Realität entsprechen. Anpassungsmechanismen, die Leibniz als „prästabile
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Harmonie“ und Hume als „Weisheit der Natur“ bezeichnet haben, spielen eine wesentliche Rolle. Sie bewirken, dass unsere angeborenen Erkenntnisstrukturen so gut auf unsere Umgebung passen, um uns ein Leben in der (zum Teil feindlichen) Natur überhaupt zu ermöglichen. Das hat viel mit Überlebensstrategie, wenig jedoch mit Wirklichkeitserkenntnis zu tun.
Wirklichkeit, so können wir zusammenfassend feststellen, ist in erster Linie eine „Erfindung“ desjenigen, der diese Wirklichkeit zu entdecken und zu erforschen glaubt. Wir haben diese Wirklichkeit daher „subjektive Wirklichkeit“ genannt (Kap. 3.1.3). Buddha (ca. 560-480 v.Chr.) hat selbige Einsicht ausgesprochen („Mit unseren Gedanken machen wir die Welt“; s. Kap. 3.1.2 und 3.4) und die Vorsokratiker haben im Grunde ebenfalls solches geahnt (vgl. Kap.2). Epiktet (ca. 50-138 n.Chr.) trifft schließlich die Feststellung, es seien nicht die Dinge selbst, welche die Menschen beunruhigen, sondern vielmehr unsere Urteile und Meinungen über die Dinge (ED 1497). Die Wahrnehmungen unserer Sinnesorgane bilden nicht einfach das im Gehirn ab, was die Umwelt ihnen vermittelt. Im Gehirn entstehen keine Realbilder, sondern Bilder, die mit Vorstellungen von dem gekoppelt sind, was wir bereits von der Welt wissen oder zu wissen meinen. Entworfen werden diese Bilder ganz wesentlich von schon bestehenden Erinnerungen, Erfahrungen und Werturteilen. Das Gehirn fragt also ständig nach, was an Bildern und Urteilen bzw. Vorurteilen vorhanden ist und vermischt diese Daten mit den neu aufgenommenen Informationen. Es finden unablässig komplizierte Rückkopplungsmechanismen statt, welche eine Produktion von Bildern bewirken, die von den realen Tatsachen gänzlich verschieden sind. So nehmen wir Bilder - genauer gesagt Abstraktionen - , die wir uns von den Dingen machen, ungleich wichtiger als Tatsachen oder Fakten (gr. pragmata). „Die Welt geht“, wie Thomas Nagel sagt, „ in einem sehr starken Sinne über unser ganzes Bewusstsein hinaus“ (2000). Die Interpretation der Wirklichkeit ist für uns von weit größerer Bedeutung als die Wirklichkeit selbst. Der Begründer der Völkerpsychologie, der Neapolitaner Giambattista Vico (1668-1744), folgert daher im Jahre 1710 aus der Annahme, unsere Sinne seien aktive Fähigkeiten, „dass wir die Farben machen, indem wir sehen, die Geschmäcke, indem wir schmecken, die Töne, indem wir hören, das Kalte und Heiße, indem wir tasten“ (1858). Wahrnehmung und Erkenntnis sind aus dieser Sichtweise heraus konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten. Ständig jedoch verwechseln wir die selbstgeschaffenen Bilder mit der Realität. Aber die unsere Möglichkeiten überschätzende Einstellung, so zu tun als würden die aus der Erfahrung heraus gewonnenen Bilder uns Gewissheit und vollständige Kenntnis über eine absolute Welt, eine „objektive Wirklichkeit“, vermitteln, können wir beiseite legen. Dies ist eine Illusion. Wir haben gesehen, dass jeder Akt der Erkenntnis ein von der Struktur des Erkennenden abhängiges Tun, eine Schöpfung ist, die eine individuelle Welt hervorbringt. Jedes Erkennen ist Tun, und jedes Tun ist Erkennen.
Kaum zu überschätzen ist der Einfluss, den allgemein akzeptierte Standpunkte und Vorurteile auf unser Denken haben. Aber kein Denksystem ist endgültig, und insbesondere die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. So sieht man sich häufig mit einer Vielzahl von Wahrheiten konfrontiert, die alle mit dem Anspruch auf Richtigkeit und Glaubwürdigkeit auftreten. Doch hier ist Vorsicht geboten! Denn „was der Auffindung der Wahrheit am meisten entgegensteht, ist nicht der aus den Dingen hervorgehende und zum Irrtum verleitende falsche Schein, noch auch unmittelbar die Schwäche des Verstandes, sondern es ist die vorgefasste Meinung, das Vorurteil, welches der Wahrheit sich entgegenstellt“, kommentiert Arthur Schopenhauer (EA 1819 + 1844, 1982). Und Bertrand Russell beklagt über einhundert Jahre danach ebenfalls, dass die Dummen immer so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel seien. Die Macht der Vorurteile auf unsere Gedanken ist um so gewaltiger, wenn es sich dabei um Begriffe handelt, die mit dem tiefen, gefühlsbeladenen Egozentrismus des Menschen in Einklang stehen. Es ist
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im 16. Jahrhundert schon schwer gewesen, die Vorstellung abzubauen, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt (Kopernikus und Galilei) oder 300 Jahre später, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei (Darwin und Freud). Erst recht fällt es schwer, den Glauben aufzugeben, dass ein überirdischer Lenker allen Geschehens existiert, der an unserem persönlichen Schicksal und Handeln Interesse findet und gelegentlich steuernd und beschützend eingreift. Am schwersten aber wird es sein, die Überzeugung fallen zu lassen, die menschliche Vernunft könne, wenn man sie nur richtig gebrauche, früher oder später die „Wirklichkeit“ bzw. wahre Beschaffenheit einer objektiven Außenwelt erfassen. Der Mensch begreift mit seiner Vernunft nicht die Welt an sich, sondern - um mit Kant zu sprechen - nur die Welt, wie sie sich dem menschlichen Geist darstellt. Die „Struktur“ der Wirklichkeit erkennen zu können, ist für Menschen unmöglich. Menschliches Wissen ist immer Interpretation, nie wahres bzw. objektives Erkennen! Eigenschaften von Dingen und auch ihre Dinglichkeit, d.h. ihre Einheit und körperliche Ganzheit, sind gedankliche „Erzeugnisse“ des erlebenden Subjekts. „Struktur ist für uns unvorstellbar“, meint Ernst von Glasersfeld, „es sei denn als Anordnung in einem Netz von Beziehungen, von denen keine ohne räumliches Nebeneinander, zeitliches Nacheinander, oder beides denkbar ist“ (1992). Einsicht, so sagt man, sei der erste sinnvolle Schritt zur Besserung. Nur muss die Einsicht, dass der denkende Mensch sich selbst durch das Denken eine „Wirklichkeit“ schafft und somit allein für sein Denken und Wissen verantwortlich ist, auch die unbequeme Forderung nach sich ziehen, ebenfalls für das Tun die Verantwortung zu übernehmen! Die Erkenntnis dieser Erkenntnis verpflichtet. Wir dürfen Verantwortung - wie es oft und gerne versucht wird - weder auf die Umwelt noch auf unsere Gene abschieben. Nein, die Welt, in der wir leben, ist nicht einfach so da, wir haben sie uns selbst zu verdanken. Und diese Welt, die wir erleben, ist und muss auch so sein, wie sie ist, denn wir haben sie ja so gemacht! Die Suche nach dem „Wesen“ der Dinge und das Bedürfnis „hinter den Spiegel“ zu schauen, um „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, ist so alt wie die Menschheit -und deren Eitelkeit. Alle Menschen sind fehlbar und können sich irren. Die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit ist am meisten bedroht von der Hoffnung, jene bereits gefunden zu haben. Auch eine Summe folgerichtiger Erkenntnisse ergibt noch nicht die volle Wahrheit. Oder um es mit den Worten Lao-tse’s (5.-6. Jh. v.Chr.) zu sagen: „Als Wissen und Klugheit kamen, entstanden die großen Täuschungen“ (1978). Denn, so gibt auch Nietzsche zu bedenken, ein mit dem Erkennen und Empfinden verbundener Hochmut täuscht uns über den Wert unseres Daseins dadurch, dass er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt (1954).
Mit der bewussten Reflexion auf das Erkennen beginnt die Philosophie. Reflexion bedeutet gleichzeitig, menschliches Erkenntnisvermögen infrage zu stellen. „Der Zweifel an der Übereinstimmung von Wissen und Wirklichkeit entstand in dem Augenblick, in dem ein Denkender sich seines Denkens bewusst wurde“ (E. v. Glasersfeld, 1985). Wie im Kapitel 2 über das philosophische Erbe geschildert wurde, nimmt in der griechischen Antike die Suche nach Erkenntnis ihren Anfang mit der Aufklärung und Umdeutung von Mythen. Das christliche Mittelalter setzt - vom religiösen Glauben ausgehend - die Umdeutung „heidnischer“ Vorstellungen fort. Die Wissenschaft der Neuzeit startet ihre Erkenntnissuche bei der Überwindung der antiken und mittelalterlichen Naturphilosophie und der Demontage vergangener und der Schöpfung neuer Mythen. Szientismus, Empirismus, Positivismus und Naturalismus beginnen bei der Abwehr idealistischer, rationalistischer und apriorischer Philosophien. Die philosophisch-naturalisierte Erkenntnistheorie schließlich fängt bei der analytischen Rekonstruktion der Naturwissenschaften an.
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Wie wir gesehen haben, ist für die Erkenntnistheorie in der europäischen Tradition die Klärung des Wesens und des Verhältnisses von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt entscheidend. Dieses Verhältnis wird als Beziehung (Relation) zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt gedacht. Dabei ist die Existenz eines individuellen Objekts stets das Produkt einer vom erkennenden Subjekt ausgeführten Handlung, aber keineswegs eine Tatsache der objektiven Wirklichkeit.
Die Subjekt-Objekt-Spaltung scheint auf den ersten Blick ähnlich wie das Körper-Geist-Problem (Leib-Seele-Problem) eine Besonderheit abendländischer Philosophie und dualistischer Denkkategorien zu sein. Doch im „östlichen“ Denken hat es ebenfalls eine Subjekt-Objekt-Spaltung gegeben, auch wenn dies manchmal abgestritten wird. Es ist nicht von ungefähr ein Anliegen der auf die Harmonie der Gegensätze bedachten „fernöstlicher Weisheitslehren“, diese Spaltung zu überwinden. Überwinden kann man schließlich nur etwas, was es einmal gegeben hat. Der Unterschied beider Traditionen mag wohl eher darin bestehen, dass die östliche Philosophie die Subjekt-Objekt-Trennung zu überwinden und die westliche Philosophie die Subjekt-Objekt-Trennung festzuschreiben versucht. Das sogenannte Leib-Seele-Problem (oder besser Körper-Geist-Problem) der westlichen Philosophie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Schein-Problem! Hier wird über viele Jahrhunderte der Versuch gemacht, eine künstliche Trennung von Körper und Geist herbeizureden. Dabei ist die Annahme, es könne etwas „Geistiges“ - Denkprozesse oder ein Bewusstsein - abgekoppelt von materieller Substanz und physikalisch-chemischen Prozessen geben, im modernen naturwissenschaftlichen Sinne schlichtweg absurd und widerspricht jeglicher heutigen Erkenntnis. Weder die dualistische Auffassung von einer Wechselwirkung zwischen physiologischen und psychischen Aktionen, noch die Behauptung von der Parallelität solcher Vorgänge ist aus wissenschaftlicher Sicht wahrscheinlich. Tragfähig erscheint nur die Annahme einer Identität von geistiger Aktivität und körperlicher Funktion. Die Vorstellung, dass sich nach dem Tod eines menschlichen Organismus und der damit einhergehenden Einstellung der Funktionen des Zentralnervensystems ein als „Seele“ bezeichnetes Etwas von diesem Körper trennt und von da an ein geistiges Eigenleben führt, ist wissenschaftlich gesehen reines Wunschdenken und entbehrt jeder sachlich-vernünftigen Grundlage (vgl. Kap. 3.1.3). Mit dem Aufzeigen der Motive für einen Unsterblichkeitsglauben allein, hatten wir gesagt, kann man die Existenz oder die Unsterblichkeit einer Seele weder beweisen noch widerlegen. Wie man Berichte über sogenannte Todesnähe-Erfahrungen psychologisch-wissenschaftlich erklären kann und wie wenig stichhaltig sie als Beweis für die Existenz eines Jenseits sind, wurde vom Verfasser bereits an anderer Stelle ausführlich dargestellt (2001). Als Argument für ein Leben nach dem Tode wird oft angeführt, dass man dies zwar nicht beweisen könne, das Gegenteil aber ja schließlich auch nicht (H. Küng, 1982, in Anlehnung an E. v. Hartmann). Nun, mit so einem Argument lässt sich jeder Unfug begründen.
Eine andere, besonders simple Art und Weise, ein Erkenntnisprivileg des Gläubigen herzustellen, ist die oft gebrauchte Behauptung, dass nur der gläubige Mensch die Inhalte des Glaubens verstehen könne. In dieser Argumentation wird bei dem Verständnis der Glaubensinhalte schon deren Annahme impliziert, so dass der den Glauben ablehnende Mensch diesen folglich gar nicht verstanden haben kann. Auch in der These, Gott offenbare sich bei den Gläubigen nur als Geheimnis, kann man lediglich den Versuch einer Grenzziehung zwischen theologischer Argumentation und kritischer Prüfung annehmen. Der religiöse Glaube, ob nun der Glaube an die Unsterblichkeit, an ein Jenseits, an die Auferstehung, an Gott o.ä. ist keinesfalls glaubhafter, wenn er sich gegen eine kritische Untersuchung abschottet. Aber der religiöse Glaube ist kein wissenschaftlich bzw. mit
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Mitteln der Vernunft zu lösendes Problem, sondern bleibt immer eine Entscheidung des einzelnen Menschen. Wie wir ja bereits gesehen haben, ist die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens von wesentlicher Bedeutung für den Erkenntnisgewinn (s. Kap. 3.1.1 -3.1.3). So muss sich jede Erfahrung von Gewissheit daher auch als individuelles Phänomen erweisen, das gegenüber der kognitiven Handlung eines anderen Menschen blind ist. Keine einzige wissenschaftliche Theorie stellt Wahrheit dar. Eine Theorie ist immer nur der Versuch, die Beobachtung eines Ausschnittes der Wirklichkeit und die daraus gezogene(n) Schlussfolgerung(en) in einer wissenschaftlich abgesicherten Sprache und Systematik zu beschreiben. So erlauben Sprache und Schrift es uns, Probleme und Theorien derart zu formulieren, dass individuelle Einsichten von jedermann studiert werden und einer kritischen Prüfung und Bewertung unterzogen werden können. Im Vorwort (Kap. 1) wurde bereits darauf hingewiesen, dass Erkenntnistheorien nichts weiter als in Sprache formulierte Ansichten über Erkenntnis sind. Mit Theorien soll ein Anspruch auf die Gültigkeit bestimmter Behauptungen untermauert werden. Dabei geht die u.a. von Karl R. Popper, Bertrand Russell und Hans Albert propagierte Konzeption eines hypothetischen Wissens (s. Kap. 3.1) von der Annahme eines konsequenten Fallibilismus aus, d.h. der Auffassung, dass jeder Mensch bei der Lösung von Problemen fehlbar ist und grundsätzlich irren kann. Eine Methode, sich vor Irrtum zu schützen, gibt es nicht. Trotz aller Einschränkungen wagen die oben genannten kritischen Rationalisten ebenso wie die Vertreter einer projektiv-evolutionären Erkenntnistheorie (z.B. Konrad Lorenz und Gerhard Vollmer) unter der Bezeichnung „hypothetischer Realismus“ zwei grundlegende Aussagen: 1. Möglicherweise gibt es eine vom menschlichen Denken unabhängig strukturierte Wirklichkeit. 2. Diese Wirklichkeit ist bis zu einem gewissen Grade für uns Menschen erkennbar.
Als Produkte des menschlichen Geistes beinhalten Erkenntnisse nicht nur die Möglichkeit einer individuellen sondern auch einer kollektiven Fehlbarkeit. Eine Behauptung wird nicht dadurch wahrer, dass sie von vielen Leuten ausgesprochen wird. Eine Falschaussage wird ja auch nicht durch Wiederholung richtiger. Trotzdem entsteht das, was wir zumeist als „wirklich“ ansehen, in der Regel dadurch, dass unser eigenes Erleben von anderen bestätigt wird. Dinge, die andere ebenfalls wahrnehmen und in vergleichbare Bilder und Begriffe umsetzen, gelten im Alltagsgebrauch als real. Vergleichbarkeit bzw. Gleichheit, so hatten wir jedoch gesehen, ist ein Urteil, das auf Assimilation beruht, auf dem Entschluss zwei Dinge als gleich zu betrachten. Intersubjektive Wiederholung von Erlebnissen bietet uns im allgemeinen nur eine gewisse trügerische Garantie für Objektivität. Doch das „Misstrauen gegen alle Meinungen der Menge“ hat schon Lichtenberg als die größt mögliche Stärkung des Verstandes angesehen (o.J.).
Alle Einsichten über die begrenzten Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis und die Fehlbarkeit unserer Beurteilungen entbinden uns auf keinen Fall vom Gebrauch des Verstandes! Wenn wir zwischen verschiedenen Behauptungen oder Hypothesen entscheiden sollen, ist es gerade trotz aller Einschränkungen immer noch das Vernünftigste, die bestgeprüfte Theorie zu wählen, da diese von allen die größte Wahrscheinlichkeit bzw. Wahrheitsähnlichkeit aufweist.
Die hier gemachten Anmerkungen sollen menschliche Vernunft nur relativieren, nicht abwerten. Paramenides (ca. 540-480 v.Chr.), welcher Wahrnehmung, Denken und Sein für ein und dasselbe hält, erklärt zwar schon vor ca. 2500 Jahren die menschliche Vernunft (gr. logos) zur unabhängigen und überlegenen Richterin über die Wirklichkeit. Jedoch wissen wir heute, dass sie diesem Anspruch nicht genügen kann. Wir sehen aber auch, dass es gerade die Vernunft und nicht ihre Unzulänglichkeit ist, die zu der Überzeugung führt, dass der
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erkennende Mensch nie sicher wissen kann, inwiefern und ob überhaupt das, was er erlebt, mit einer von ihm unabhängig existierenden Welt übereinstimmt. Aus diesem Dilemma, das die Skeptiker von Anfang an erkannt haben, hat die traditionelle Philosophie in 2500 Jahren nicht herausfinden können. In diesem Zusammenhang und in seinem unverwechselbar erfrischenden Stil schreibt Friedrich Nietzsche: „Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an sich. ... Erkennen ist aber immer: sich irgendwozu in Beziehung setzen. ... Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das Ding“ (1954). Die Prüfung einer Übereinstimmung zwischen dem subjektiv Erlebten und einer objektiven Wirklichkeit könnte theoretisch somit nur durch den Vergleich zwischen bereits Erlebtem und noch nicht Erlebtem erfolgen. Und das ist unmöglich. „Objektive Erkenntnis“ hieße ein Objekt so zu kennen, wie es wäre, bevor es in dem Erlebensbereich eines erkennenden Subjekts erscheint. Oder wie Heinz von Foerster es ausdrückt: „Objektivität ist die Wahnvorstellung eines Subjekts, dass es beobachten könne ohne sich selbst“ (1992). Demzufolge ist Erkenntnistheorie (Epistemologie) eine Theorie des Wissens ohne den Anspruch, eine subjekt-unabhängige Wirklichkeit beschreiben zu können.
Trotzdem hat jeder das Recht, Probleme anders als bisher zu formulieren, philosophische Fragen neu zu stellen, gegebene Antworten kritisch zu prüfen und - wenn möglich - neu zu formulieren. Hierzu bedarf es allerdings neben dem Mut, gegebenenfalls auch Fehler zu machen, eines starken Selbstbewusstseins und einer gewissen Kreativität, um ausgetretene Denkpfade zu verlassen und sich von sogenannten Intuitionen trennen zu können. Es ist tatsächlich so, wie Rabindranath Tagore (1861-1941) gesagt hat: „Nur die Freiheit Fehler zu machen, schenkt die Freiheit, die Wahrheit zu finden.“ Doch eine gute Philosophie sollte auch neue Sichtweisen aufzeigen, im besten Fall Visionen liefern. Des weiteren ist bei Behauptungen mit wissenschaftlichem Anspruch natürlich eine gewisse Logik in der Argumentation Voraussetzung. Ebenso ist ein Wissen vonnöten, welches in der Lage ist, Probleme als Probleme zu erkennen und Lösungen als Lösungen, entsprechend Fehleinschätzungen auch als falsch zu identifizieren. Die sokratische Einsicht in das Nicht-Wissen - besser die Erkenntnis der begrenzten Möglichkeit menschlichen Wissens - ist weder geistige Kapitulation, noch beinhaltet sie ein Sprech- oder gar ein Denkverbot! Sie mahnt bei uns lediglich ein gewisses Maß an intellektueller Bescheidenheit an. Die Philosophie macht sich seit Jahrtausenden die Mühe, den Geltungsanspruch menschlicher Erkenntnis zu überprüfen. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist trotz tausender Veröffentlichungen zu diesem Thema ausgesprochen mager. Sich auf sein Wissen verlassen zu können, ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sicheres Wissen zu besitzen, einer seiner großen Wünsche. Die Entdeckung, dass die Welt nicht so ist, wie sie uns erscheint, sowie der Umstand, mit einer Haltung, die sicheres Wissen vorgibt, in einer unendlichen Begründungskette zu landen, haben uns ernüchtert. Was bleibt uns? Erkenntnistheoretische Sicherheit jedenfalls nicht. Für Nietzsche ist, wie wir oben gelesen haben, gar „jedes Streben nach Erkenntnis seinem Wesen nach ewig unbefriedigt und unbefriedigend“ (1954). Von menschlichem Wissen und endlicher Vernunft zu verlangen, über eine vom Menschen unabhängige objektive Welt mit unendlicher absoluter Geltung Auskunft zu erhalten, ist unangemessen. Denn Erkenntnisse können aufgrund ihrer Zweckgebundenheit einem Wandel an Erkenntnisbedarf unterworfen sein. In der Erkenntnislehre geht es in erster Linie um Sachprobleme und nicht um Wertungen. Es geht um die sachliche Grundlage für mögliche Beurteilungen. Sicheres Wissen ist zwar eine Illusion, aber auch hypothetisches Wissen kann im Bezug auf unsere Probleme hilfreich und für den Alltagsgebrauch ausreichend zuverlässig sein. Dabei sollte immer gegenwärtig sein, dass es weder „absolute Verlässlichkeit“ noch „die
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Wahrheit an sich“ gibt. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Deshalb gibt es auch entsprechend der Weltbevölkerung derzeit etwa sieben Milliarden subjektive Weltsichten und Wahrheiten. Der erkennende Mensch kann irren, und so kann es sich bei jeder Beurteilung auch um ein Fehlurteil handeln. So ist all unser Wissen nur „Vermutungswissen, hypothetisch, vorläufig und korrigierbar“ (G. Vollmer, 1988). Sprichwörtlich ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Unsere Weltsicht wird nie ganz objektiv sein, sondern immer mit unseren Wünschen korrespondieren. Wir Menschen „machen“ die Welt mit unseren Gedanken. Wir bestimmen - jeder einzeln - unsere subjektive Sichtweise - im Positiven wie im Negativen. Oder - um es poetisch mit den Worten Heinrich Heines (1797-1856) zu sagen: „Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet.“
In der Erkenntnissuche, die sowohl aus der philosophischen Perspektive als auch aus der des Naturforschers niemals als abgekoppelt vom erkennenden Subjekt gesehen werden kann, liegt nicht nur ein wissenschaftliches Problem, sondern auch eine konstruktive Chance! Die Außenwelt erschließt sich uns immer nur als Reflexion auf die jedem Wesen eigene Innenwelt. So kann man kaum von einer Realität sprechen, sondern nur von vielen unterschiedlichen Arten der Wahrnehmung. Sichere oder objektive Erkenntnis über die Welt bleibt uns versagt. Der Beginn aller menschlichen Erkenntnis liegt in der Wahrnehmung unserer Umwelt, beschränkt durch die Fähigkeiten, die uns gegeben sind, und den Blickwinkel, den wir haben. Das heißt, die Art unserer Wahrnehmung, ihre Begrenztheit oder Weite, entscheidet über den Grad unserer Erkenntnis.
Alle menschliche Erkenntnis nimmt ihren Anfang im Maßstab des uns begreifbaren Mesokosmos. Trotzdem reicht unsere theoretische Erkenntnis weit über diesen Mesokosmos hinaus. Wir gewinnen in der Physik Wissen, das nicht anschaulich ist, wir reden über Dinge, die niemand sehen kann und für die wir überhaupt kein Sinnesorgan besitzen (z.B. Elementarteilchen, Molekularbiologie oder Lichtgeschwindigkeit). Dabei ist inzwischen durchaus klar, dass all unser Wissen immer nur Vermutungswissen sein kann, vorläufig und fehlbar. Dennoch ist unsere menschliche Erkenntnisfähigkeit nicht wertlos. Trotz aller Irrtümer und Beschränkungen hat sich unser praktisches Wissen (knowing how) im Handeln bewährt. Dieses praktische Wissen - und das kann man durchaus ohne Hybris feststellen - hat uns immerhin zu den bisher erfolgreichsten Geschöpfen auf dieser Erde gemacht. Erst bei im Handeln auftauchenden Problemen wird das pragmatische Wissen zu einem theoretischen Wissen. So kann und muss uns eigentlich bezüglich der Frage nach dem Lebenssinn (s. Kap. 3.4) auch ein Wissen genügen, das es möglich macht, in der Welt menschlichen Erlebens die Probleme zu bewältigen, welche sich durch unser Dasein stellen, und die Ziele zu erreichen, die wir uns selber setzen.
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5. Glossar
Erläuterung der im Text verwendeten Fremdwörter und
Fachbegriffe
Abstraktion = Verallgemeinerung, Begriffsbildung
Affekt = Gemütsbewegung, starke Gemütserregung, oft unter Ausschaltung sonst bestehender Hemmungen Aggression = Angriff, Streitlust
Agnostizismus = philosophische Lehre von der Unerkennbarkeit übersinnlichen Seins Akkomodation = Anpassungsfähigkeit, besonders des Auges an Entfernung Akzeptanz = Annahme, Billigung, Respektierung Alethiologie = Wahrheitslehre Allegorie = sinnbildhafte Veranschaulichung von Ideen Altruismus = uneigennütziges Tun, - Leben, Selbstlosigkeit Analyse = Untersuchung, Zergliederung des Ganzen in seine Teile, Auflösung eines Sachverhaltes
Anatomie = Lehre von Form und Körperbau der Lebewesen
Animismus = Vorstellung von der Beseeltheit aller Dinge, Betrachtung der Seele als Lebensprinzip
Anthropologie = Wissenschaft vom Menschen, Menschenkunde Anthropozentrik = Betrachtungsweise, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt Antike = historisch-politische und kunstgeschichtliche Epoche zwischen dem 2. Jahrtausend v. Chr. Und dem 6. Jahrhundert n. Chr.; griechisch-römisch beeinflusstes Altertum a posteriori = lat.: im nachhinein; empirisch; von I. Kant geprägter Begriff, wonach die Begründung einer Erkenntnis oder eines Urteils ihren Ursprung in der durch Sinneseindrücke begründeten Erfahrung hat
a priori = lat.: von vornherein; intuitiv, metaphysisch; von I. Kant geprägter Begriff, wonach die Begründung einer Erkenntnis von aller Erfahrung frei (rein) ist und damit für diese unbeschränkte Allgemeinheit und strenge Notwendigkeit besteht Äquivalenz = Gleichwertigkeit Argument = Beweis, Beweismittel Assimilation = Ähnlichmachung, Angleichung
Ästhetik = philosophische Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis (begr. von A.G. Baumgarten 1750; vgl. auch I. Kant); allgem.: Wissenschaft vom Schönen Astrologie = Lehre vom angeblichen Einfluss der Gestirne auf das irdische Geschehen, Sterndeutung
Astronomie = Stern- und Himmelskunde als exakte Naturwissenschaft Astrophysik = Zweig der Astronomie, befasst sich mit der physikalischen Beschaffenheit der Gestirne
Atheismus = Verneinung der Existenz Gottes, Gottesleugnung
Autonomie = Unabhängigkeit; Fähigkeit nach eigenen Regeln zu leben, bzw. die Gesetze des Handelns selbst bestimmen zu können
Autorität = Ansehen oder Einfluss auf Grund von Leistung oder Tradition Behaviorismus = soziologisch-psychologische Wissenschaftsrichtung, die durch die Erforschung des Verhaltens von Lebewesen deren geistige Merkmale zu erfassen sucht
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Biologie = Lehre von der belebten Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten Blasphemie = Gotteslästerung, verletzende Äußerung über Heiliges Chaos = Durcheinander, Verwirrung, Auflösung aller Ordnung
Charakter = 1. Gesamtheit der geistig-seelischen Eigenschaften einer Person, Sinnesart, Wesensart; 2. Gesamtheit der Wesenszüge einer Sache; 3. die einer künstlerischen Äußerung eigentümliche Geschlossenheit der Aussage
Chemie = Wissenschaft von den Eigenschaften, der Zusammensetzung und der Umwandlung der Stoffe und ihrer Verbindungen
Chromosom = artspezifische im Zellkern von Tieren und Pflanzen vorkommende und für die Vererbung bedeutungsvolle Kernschleife Code = Verschlüsselung, System verabredeter Zeichen
Coincidentia oppositorum = Zusammenfall bzw. Gleichheit oder Gleichzeitigkeit der Gegensätze. Eine der altertümlichsten Ausdrucksweisen für das Paradoxon „göttlicher Realität“.
Darwinismus = von C. Darwin begründete Lehre von der stammesgeschichtlichen Entwicklung durch Auslese (Selektionstheorie) Deduktion = Ableitung des Besonderen und Einzelnen vom Allgemeinen Deismus = Gottesauffassung der Aufklärung des 17. und 18. Jh., die zwar nicht die Existenz Gottes und seine Erkennbarkeit in der Natur, wohl aber seine Beziehung zur Weltwirklichkeit bestreitet
Depression = Niedergeschlagenheit, gedrückte, traurige Stimmung Determinismus = Lehre von der kausalen (Vor)bestimmtheit alles Geschehens Dialektik = Kunst der Gesprächsführung; philosophische Arbeitsmethode, die ihre Ausgangsposition (These) durch gegensätzliche Behauptungen (Antithese) in Frage stellt und in der Synthese beider Positionen eine Erkenntnis höherer Art zu gewinnen sucht Dimension = Ausdehnung, Ausmaß, Bereich
Dogma = festgelegte Lehrmeinung, (kirchlicher) Glaubenssatz mit dem Anspruch unbedingter Geltung
Dualismus = Zweiheit, Zweiheitslehre, im Gegensatz zum Monismus; philosophischreligiöse Lehre von nur zwei voneinander unabhängigen Prinzipien (z.B. Gott-Welt, Leib-Seele, Körper-Geist) Ego = das Ich
Egozentrik = übertriebene Ichbezogenheit Emotion = Gemütsbewegung, seelische Erregung Egozentrismus = Ichbezogenheit als beherrschendes Prinzip Empirik, Empirie = Erfahrung durch Tun, durch Versuch und Irrtum, im Gegensatz zur Theorie
Empirismus = philosophische Lehre, die als einzige Erkenntnisquelle die Sinneserfahrung, die Beobachtung, das Experiment gelten lässt Enantiodromie = Umwandelbarkeit Epistemologie = Erkenntnislehre, Wissenstheorie Eschatologie = Lehre von den letzten Dingen Ethik = Sittenlehre, Lehre vom rechten Tun Ethologie = Lehre vom Verhalten der Tiere
Evidenz = höchste Gewissheit, Augenscheinlichkeit, Deutlichkeit, einleuchtende Erkenntnis Evolution = Entfaltung, fortschreitende Entwicklung, stammesgeschichtliche Entwicklung der Lebewesen
Evolutionismus = auf der Evolutionslehre Darwins basierende naturphilosophische Richtung des 19. Jh.
Existenz = Dasein als Wirklichkeit, Tatsächlichkeit
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Experiment = (wissenschaftlicher) Versuch, Vorführung, gewagtes Unternehmen Experimentalphysik = Zweig der Physik, der mit Hilfe von Experimenten Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erforschen sucht Fallibilismus = Annahme der unbedingten Fehlbarkeit aller Menschen Falsifizierbarkeit = Widerlegbarkeit
Fanatismus = Übereifer, (blinde) Begeisterung, (Glaubens)schwärmerei Fatalismus = völlige Ergebenheit in die Macht des Schicksals Fetisch = mit magischer Kraft erfüllter Gegenstand Flexibilität = Biegsamkeit, Geschmeidigkeit, Anpassungsfähigkeit Frustration = Erlebnis der Enttäuschung und Zurücksetzung durch erzwungenen Verzicht Fundamentalismus = strenggläubige religiöse bzw. ideologische Ausrichtung Galaxie = Sternensystem, Milchstrasse Gen = in den Chromosomen lokalisierter Erbfaktor
Geometrie = Gebiet der Mathematik, welches sich mit den ebenen und räumlichen Gebilden befasst
Geozentrismus = Weltsystem (z.B. bei Ptolemäus), welches die Erde als Mittelpunkt betrachtet
Gnoseologie = Erkenntnislehre, -theorie Halluzination = Sinnestäuschung, Trugwahrnehmung Häresie = von der Kirche abweichende ketzerische Gruppe oder Lehre Heliozentrismus = Weltsystem (z.B. Kopernikus), welches die Sonne als Mittelpunkt betrachtet
Hermeneutik = wissenschaftliches Verfahren der Auslegung und Erklärung von Texten oder Kunstwerken, auch Verstehen menschlichen Selbstseins Hinduismus = indische Volksreligion Holismus = philosophische Ganzheitslehre (nach J.C. Smuts) Humanismus = reflektierter Anthropozentrismus, der vom menschlichen Bewusstsein ausgeht und die Wertsetzung des Menschen zum Objekt hat; Bildungsideal der griechischrömischen Antike, Streben nach menschenwürdiger Daseinsgestaltung als ethische und ästhetische Höchstentfaltung edler Menschlichkeit
Humanität = edle Menschlichkeit, hohe Sittlichkeit, Sinn für das Gute im Verhalten zu den Mitmenschen
Hybris = frevelhafter Übermut (gegenüber den Göttern), Überheblichkeit, Selbstüberschätzung
Hylozoisten = Vertreter der ionischen naturphilosophischen Lehre, die einen belebten Urstoff (hyle) als Substanz aller Dinge annimmt
Hypothese = Annahme, Unterstellung, Voraussetzung, unbewiesene Grundlage Ideal = in der Vorstellung existierendes Musterbild, Vorbild, Inbegriff der Vollkommenheit Idealismus = 1. auf Platon und Plotin zurückgehende philosophische Lehre von der Scheinhaftigkeit alles Wirklichen, 2. durch Ideale bestimmte Weltanschauung, Streben nach der Verwirklichung von Idealen Identität = Gleichheit, Übereinstimmung Ideogramm = Bildzeichen
Ideologie = weltfremde Theorie, unechte Weltanschauung Illusion = Selbsttäuschung, Trugwahrnehmung, Einbildung Imagination = Einbildung(skraft), Phantasie
Imperativ = 1. Pflichtgebot (Philosophie); 2. Befehlsform (Sprachlehre) Individualität = Eigenartigkeit, Einzigartigkeit, Persönlichkeit, persönliche Eigenart Induktion = wissenschaftliche Methode, vom Einzelnen auf das Gesamte, Gesetzmäßige zu schließen
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Infallibilität = Unfehlbarkeit
Inquisition = wörtl. Untersuchung, ehemal. geistliches Gericht der katholischen Kirche zur Reinhaltung des Glaubens und Verfolgung der Ketzer
Instinkt = angeborene, keiner Übung bedürftige Verhaltensweise und Reaktionsbereitschaft der Triebsphäre, meist im Interesse der Art- und Selbsterhaltung Intelligenz = (besondere) geistige Fähigkeit, Klugheit Interaktion = Wechselbeziehung Interdependenz = gegenseitige Abhängigkeit
Irrationalität = Vorrangigkeit des Gefühlsmäßigen gegenüber dem Verstandesmäßigen Kausalität = Ursächlichkeit, Folgezusammenhang von Ursache und Wirkung Klerus = Priesterschaft, katholische Geistlichkeit Knowing how = engl.: Wissen, wie (wörtl.), das Wissen um praktische Dinge Knowing that = engl.: Wissen, was (wörtl.), das Wissen um das Wesen der Dinge Knowledge = engl.: Wissen, Kenntnis
Kommunikation = Verbindung, Mitteilung, Austausch von Information Kognition = Erkenntnis, Wahrnehmung Kohärenz = Zusammenhang
Koinzidenz = Zusammenhang, Zusammentreffen zweier Ereignisse Konfusion = Verwirrung, Zerstreutheit, Unklarheit
Konsens = Zustimmung, Einvernehmen, sinngemäße Übereinstimmung von Wille und Willenserklärung zweier Vertragspartner
Konsistenz = 1. Widerspruchslosigkeit (Logik); 2. Festigkeit, Beständigkeit (Psychologie); 3. Dichtigkeit, Zusammenhang (Physik) Konstanz = Stetigkeit, Unveränderlichkeit
Konstruktion = 1. Bauart, nach festen Regeln entworfene Anordnung (Technik); 2. Aufbau eines der Erfahrung vorausgehenden Begriffssystems (Philosophie) Konstruktivismus = philosophische Lehre, Wahrnehmung und Erkenntnis seien nicht abbildende, sondern konstruktive Tätigkeiten; demnach wird die Wirklichkeit von den Menschen nicht gefunden, sondern erfunden Kontext = der umgebende Text eines Wortes, Sinnzusammenhang
Kontextualismus = bes. von John Rupert Firth (1890-1960) entwickelte Sprachwissenschaft (Variante des Strukturalismus), die sich auf die Analyse des Sprachgebrauchs innerhalb des situativen Kontext konzentriert (insbes. bei Fremdsprachen)
Konzeption = 1. geistiger Einfall, Entwurf eines Werkes; 2. Empfängnis, Befruchtung eines menschlichen Eies (Medizin, Biologie) Korrespondenz = 1. Übereinstimmung; 2. Briefwechsel
Kosmologie = philosophische Betrachtungsweise der Welt besonders hinsichtlich ihrer Entstehung Kosmos = Welt, Weltall, Universum
Kriterium = Kennzeichen, Prüfstein, unterscheidendes Merkmal Kybernetik = wissenschaftliche vergleichende Forschung über Steuerungs- und Regelungsvorgänge in der Technik, Biologie und Soziologie Logik = Lehre vom richtigen (folgerichtigen) Denken und Schließen Magie = (geheime) Zauberkunst
Makrokosmos = das Weltall (im Gegensatz zum Mikrokosmos) Marxismus = auf den Theorien von Karl Marx aufbauende dialektisch entwickelte sozialistische Lehre
Materialismus = 1. philosophische Lehre, welche die gesamte Wirklichkeit (einschließlich Seele, Geist, Denken) auf Kräfte oder Bedingungen des Stofflichen (der Materie) zurückführt; 2. Streben nach bloßem Lebensgenuss
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Metaphysik = Zweig der Philosophie, der sich mit den Dingen „hinter dem Physischen“ befasst; idealistische Lehre vom Wesen des Seienden, das abgetrennt von der Sinneserkenntnis jenseits der Erfahrungswelt in einer übersinnlichen Sphäre existieren soll; ein (der Dialektik entgegengesetztes) wahrnehmungsloses spekulativ-konstruktives Denken Mikrokosmos = die kleine Welt des Menschen, der Lebewesen, der Moleküle, Atome etc. (im Gegensatz zum Makrokosmos) Misanthrop = Menschenfeind, -hasser Modalität = Ausführungsart
Monotheismus = Glaube an einen einzigen Gott (unter Leugnung aller anderen) Mysterium = (religiöses) Geheimnis
Mystik = 1. Geheimlehre; 2. besondere Form der Religiosität, bei der durch Hingabe und Versenkung die persönliche Verbindung zu Gott gesucht wird Mythologie = Gesamtheit der sagenhaften-dichterischen Überlieferungen eines Volkes Mythos = 1. Sage, Dichtung (handelt von Göttern, Geistern und Helden aus der frühen Zeit eines Volkes); 2. die aus den Mythen sprechende Glaubenshaltung; 3. Legendenbildung, Legende
Naturalismus = 1. Weltanschauung, nach der alles aus der Natur und diese allein aus sich selbst erklärbar sei; 2. Wirklichkeitstreue; 3. naturgetreu abbildender Kunststil Neopositivismus = phänomenalistischer Positivismus (s. dort); philosophische Lehre, nach der allein die Empfindungen als gegeben angesehen werden Neurophysiologie = Physiologie (s. dort) des Nervensystems Neurose = durch psychische Fehlentwicklung und unverarbeitete seelische Konflikte bedingte krankhafte Funktionsstörung des Nervensystems ohne organische Ursache Nihilismus = bedingungslose Verneinung von Lehr- oder Glaubenssätzen, Einrichtungen, Werten
Nirwana = sanskrit: Erlöschen; buddhistische religiöse Vorstellung ewiger Seelenruhe und Verlassen des Kreislaufs der Wiedergeburten
Okkultismus = „Geheimwissenschaft“, Lehre von vermuteten übersinnlichen Kräften und Dingen (Parapsychologie)
Pantheismus = Anschauung, nach der das Göttliche in allen Dingen der Natur sei, Gott das Leben des Universums selbst sei, Allgottlehre Paradigma = das Beispielgebende, Musterbeispiel, Exempel
Paradoxie = das Widersinnige, der Widerspruch in sich, das dem Geglaubten, Gemeinten Zuwiderlaufende
Paranoia = mit Wahnvorstellungen einhergehende Geistesgestörtheit (Medizin) Perspektive = Ausblick, Durchblick, Blickwinkel, Zukunftsaussicht Pessimismus = Schwarzseherei; Neigung, besonders die schlechten Seiten der Welt und des Lebens zu betonen und zu erwarten
Phänomen = 1. das Erscheinende, sich den Sinnen Zeigende; 2. jeder sich der Erkenntnis darbietende Bewusstseinsinhalt; 3. seltenes Ereignis, Wunder, überaus kluger Kopf Philosophie = Denk- und Grundwissenschaft, welche Erkenntnis über den Zusammenhang der Dinge in der Welt anstrebt; wörtlich: Weisheitsliebe Phobie = krankhafte Angst (Medizin)
Physik = Wissenschaft, die mit mathematischen Mitteln die Gesetzmäßigkeiten der Natur untersucht und beschreibt
Physiologie = Lehre von den normalen Lebensvorgängen (Biologie, Medizin) Physiologismus = philosoph. Lehre, die den Menschen „als Gegenstand“ einschl. seiner physiologischen Phänomene in den Vordergrund ihrer Betrachtungen stellt Placebo = lat.: ich werde gefallen; einem echten, wirkstoffhaltigen Arzneimittel (lat. Verum) nachgebildetes Scheinarzneimittel ohne Wirkstoff
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Plausibilität = Verständlichkeit, Glaubhaftigkeit, denkerische Nachvollziehbarkeit Polytheismus = Vielgötterei, Verehrung einer Vielzahl von Göttern Positivismus = 1. wissenschaftliche und philosophische (auf A. Comté zurückgehende) Richtung, die ihre Untersuchungen auf das Positive, Tatsächliche, wirklich und zweifellos Vorhandene beschränkt, sich allein auf Erfahrung beruft und jegliche Metaphysik als theoretisch unmöglich und praktisch nutzlos ablehnt; 2. religiöser Standpunkt der positiven (geoffenbarten) Religion, im Gegensatz zur „Vernunftreligion“
Pragmatismus = 1. allg.: Haltung, die das Tun an praktischer Sachlichkeit orientiert; 2. philosophische Lehre, die im Handeln das Wesen des Menschen erblickt und Wert oder Unwert des Denkens danach bemisst Procedere = Vorgehen(sweise) Projektion = Abbildung Proklamation = Verkündung, Aufruf, Erklärung
Proposition = 1. philos.: Satz, Urteil ; 2. Vorschlag, Antrag (veralt.); 3. Ankündigung eines Themas (Rhetorik); 4. Ausschreibung beim Pferderennen
Protagonist = 1. urspr.: erster Schauspieler im antiken gr. Drama; 2. übertr.: Verfechter, Vorkämpfer Psyche = Geist, Seele
Psychoanalyse = von S. Freud begründete Wissenschaft von der Diagnostik (und Behandlung: Psychotherapie) unbewusster seelisch-geistiger Abläufe und krankhafter Störungen, welche auf das menschliche Denken, Gefühle und Handlungen Einfluss haben (Medizin, Psychologie)
Psychologie = Wissenschaft von den Formen, Erscheinungen, Zuständen und Gesetzmäßigkeiten bewusster und unbewusster seelisch-geistiger Vorgänge, des Erlebens und Verhaltens von Individuen und Gruppen; Seelenkunde (Medizin)
Quaestio facti = lat.: Frage nach dem Geschehen; (meist jur., auch philos.) Untersuchung des Sachverhaltes
Quaestio iuris = lat.: Frage nach dem Recht; (meist jur., auch philos.) Untersuchung einer Tat hinsichtlich ihrer Berechtigung oder Strafwürdigkeit und tatbestandsmäßigen Erfassbarkeit Qualität = Beschaffenheit, Güte, Wert Quantität = Menge, Masse, Anzahl
Rationalismus = Geisteshaltung, die das verstandesmäßige vernünftige Denken als einzige Erkenntnisquelle akzeptiert
Rationalität = 1. Vernünftigkeit, Orientiertheit am verstandesmäßig Vernünftigen, ; 2. Eigenschaft von Zahlen, die sich als Bruch schreiben lassen (Math.) Realismus = 1. Wirklichkeitssinn; 2. philos. Standpunkt, der eine außerhalb unseres Bewusstseins liegende Wirklichkeit annimmt, zu deren Erkenntnis wir durch Wahrnehmung und Denken gelangen; 3. mit der Wirklichkeit übereinstimmende künstlerische Darstellung Realität = Wirklichkeit, Gegebenheit, tatsächliche Lage Redundanz = Überreichlichkeit, Überfluss, Üppigkeit, Überladung Reflexion = 1. Zurückgeworfenwerden von Licht-, Schall-, Gas- oder elektromagnetischen Wellen an Körperoberflächen (Physik); 2. Nachdenken, Überlegung, vergleichendes und prüfendes Denken, Vertiefung eines Gedankenganges
Reinkarnation = Wiedergeburt, Wiederverleiblichung (in der buddh. u. z.T. hind. Religion) Relation = Beziehung, Verhältnis Relativität = Bezüglichkeit, Bedingtheit
Relativitätstheorie = von A. Einstein begründete physik. Theorie, bei der die Zeit als vierte Koordinate eingeführt wurde (Raum-Zeit-Kontinuum) mit den Folgerungen: Masse ist eine
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Form der Energie, welche mit zunehmender Geschwindigkeit bis zu einer Grenzgeschwindigkeit (Lichtgeschwindigkeit), die nicht überschritten werden kann, wächst. Reliabilismus = wissenschaftliche Haltung, die auf die Zuverlässigkeit von Aussagen, d.h. wiederholbare Versuchs- und Messergebnisse, besteht Res cogitans = lat.: das denkende Wesen, Geist, Seele (R. Descartes) Res extensa = lat.: das ausgedehnte Wesen, Materie, Körper (R. Descartes) Resultat = Ergebnis, Erfolg
Rezeptivität = Aufnahmefähigkeit, Empfänglichkeit für Sinneseindrücke (Biologie, Psychologie)
Rigveda = Teil der in Sanskrit verfassten altindischen Opferhymnen (Veden) Ritual = Ordnung für relig. Brauchtum
Ritus = relig. Zeremonie, relig., gottesdienstlicher Festbrauch in Worten und Handlungen Sakrament = in einem äußeren Akt vermitteltes göttliches Gnadenzeichen in der christl. Kirche (in der röm.-kath. Und orthod. Kirche sieben: Taufe, Firmung, Altarssakrament, Buße, letzte Ölung, Priesterweihe, Ehe; in der ev. Kirche zwei: Taufe und Abendmahl) Säkularisierung = Verweltlichung, Loslösung aus den Bindungen an die Kirche Schizophrenie = Bewusstseinsspaltung, Spaltungsirresein, Verlust des geistigen inneren Zusammenhanges einer Person (Medizin) Selektion = Auswahl, Auslese, Zuchtwahl
Semantik = Semasiologie: 1. Wortbedeutungslehre, 2. Lehre von den Zeichen und Symbolen, die zum Ausdruck von Denkinhalten dienen (Logik), 3. Semiotik oder Semiologie: Lehre von Krankheitserscheinungen, -anzeichen (Medizin)
Skepsis = Zweifel, Bedenken (aufgrund sorgfältigen Überlegens), Zurückhaltung, Ungläubigkeit
Skeptizismus = philos. Richtung, die den Zweifel zum Denkprinzip erhebt und die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellt Solipsismus = philos. erkenntnistheoretischer Standpunkt, der nur das eigene Ich als Wirklichkeit gelten lässt (lat. ego solus ipse), dabei die Außenwelt und alle anderen Ichs lediglich als seine eigene Vorstellung annimmt
Sozialismus = polit. Bewegung, die im Gegensatz zur liberalen Ordnung menschliche Freiheit im demokratischen Staat durch Überführung der wichtigsten Produktionsmittel in das Gemeineigentum zu sichern sucht
Spekulation = 1. allgem.: bloße Einbildung, vage Berechnung; 2. islam. Vorstellung der direkten Erkennbarkeit Gottes aus seinen Werken (1. Koran, 12, 13); 3. rein gedanklicher Versuch, durch Überspringen von Wahrnehmung und Erfahrung das göttliche Wesen zu schauen (Mystik); 4. Gesamtheit aller auf Gewinn durch zukünftige Preisänderung abzielende Geschäftsabschlüsse
Strategie = urspr. milit. Lehre von der Führung der Truppen, Feldherrn-, Kriegskunst; heute auch allg., für gezieltes umsichtiges und planvolles Handeln in div. Bereichen (z.B. Geschäftsstrategie, Behandlungsstrategie etc.)
Suggestion = Beeinflussung des Seelisch-Gedanklichen, gezieltes Erwecken bestimmter Vorstellungen
Symbol = Kennzeichen, Sinnbild, Zeichen für einen (oft übersinnlichen) Begriff, eine physik. Größe oder eine math. Rechenanweisung System = Zusammenstellung, Gliederung, Ordnungsprinzip Szientismus = auf Wissen und Wissenschaft gegründete philos. Haltung Tabu = das aus moral., relig. Oder soz. Gründen Verbotene, Unantastbare Teleologie = philos. Lehre vom Endzweck, Zweckmäßigkeit und Zielursächlichkeit Theologie = relig. Lehre von Gott und seiner Offenbarung, vom Glauben und vom Wesen der Kirche
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Theorie = wörtl.: Zuschauen, Betrachtung; 1. wiss. Darstellung, Lehre, Betrachtungsweise; Versuch, einen Ausschnitt der realen Welt mit einer begrifflich geklärten Sprache und mittels einer klaren Systematik zu beschreiben; 2. reine Erkenntnis ohne Rücksicht auf prakt. Verwertung (Philosophie); 3. nur eingebildete, wirklichkeitsfremde Vorstellung; 4. Musiklehre
Toleranz = 1. allg.: Duldung, Duldsamkeit (bes. in relig. oder polit. Fragen und Ansichten); 2. med.: Widerstandsfähigkeit (z.B. gegen Alkohol, Medikamente); 3. techn.: Abweichmaß von der vorgeschriebenen Maßgröße
Totem = bei Naturvölkern ein Wesen oder Ding (Tier, Pflanze, Naturerscheinung), das als Ahn oder Verwandter eines Menschen, des Clan oder der soz. Gruppe gilt, als (zauberischer) Helfer verehrt wird und nicht verletzt, getötet oder verspeist werden darf Tradition = Überlieferung, Brauch, Gewohnheit, Gepflogenheit
Transzendenz = Überschreiten der Grenzen der Erfahrung, des Bewusstseins, des Diesseits Universum = Weltall, Kosmos
Utopie = wörtl.: Nirgendland (n. dem Roman „Utopia“ von T. Morus); als unausführbar geltender Plan, Hirngespinst Verifizierbarkeit = Nachprüfbarkeit
Vorsokratiker = Philosophen der griech. Antike (vor Sokrates) im 7.-5. Jh. v. Chr. Wiener Kreis = Gruppe von Positivisten (u.a. M. Schlick, R. Carnap, H. Reichenbach), welche versuchten, die Philosophie von Scheinproblemen zu befreien Wissenschaftstheorie = auf Aristoteles zurückgehende philosophische Theorie, die sich mit Begriff und Einteilung der Wissenschaft, ihren Erkenntnisprinzipien, Methoden und Sprachgebräuchen befasst (engl.: Philosophy of Science) Zen = meditative jap. Richtung des Buddhismus Zentralnervensystem (ZNS) = Gehirn und Rückenmark
Zivilisation = Gesamtheit der durch Fortschritt von Wissenschaft, Technik und Kultur geschaffenen Lebensbedingungen einer Gesellschaft
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6. Verzeichnis der Abbildungen
Einband (Vorderseite): René Magritte (1898-1967) „Die Promenaden des Euklid“ S. 1
S. 54 Der Sinn des Lebens (Abb. aus: A. Reutterer, 1977)
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7. Literatur- und Quellenangaben
Albert, Hans: Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft. Tübingen 1982. Albert, Hans: Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens. Tübingen 2000. Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. 5.Aufl. Tübingen 1991. Alexander, Richard D.: A biological interpretation of moral systems. Zygon 20 (1988), S. 3-20.
Alexander, Richard D.: Über die Interessen der Menschen und die Evolution von Lebensabläufen.
In: Meier, Heinrich (Hrsg.): Die Herausforderung der Evolutionsbiologie. München 1988. Aristoteles: Analytika protera. ED Venedig 1481 (lat.: Analytica priora); 1495 (griech.). Analytika hystera. ED Neapel (lat.: Analytica posteriora) o.J. 1473-78; Venedig 1495 (griech.). Beide entst. im 4.Jh.v.Chr.
(dt.: Erste Analytik, EA 1836/37 und Zweite Analytik oder Lehre vom Beweis, EA 1840. Zus.hrsg.u.übers.v.P.Gohlke, Paderborn 1953 / hrsg.v.Otfried Höffe, Hamburg 1976.) Aristoteles: De interpretatione. (gr. Peri tes hermenaias) EA Neapel um 1475. (dt.: Die Lehre vom Satz. Übers.v. Eugen Rolfes. Hamburg 1974.) Aristoteles: Ethika Nikomacheia. ED Straßburg o.J. (vor 1469), Oxford 1890. (dt.: Nikomachische Ethik. EA 1791, Zürich 1951, München 1972.) Aristoteles: Hauptwerke. Ausgewählt und übersetzt von Wilhelm Nestle. Leipzig 1934. Aristoteles: Ta meta ta physica.
Entst. 4. Jh.v.Chr. ED Venedig (lat. Metaphysica) 1483; 1498 (griech.). (dt.: Metaphysik. Bücher I-VI. EA 1847; Übers.v. H.Bonitz. Hamburg 1989.) Armstrong, David M.: Belief, Truth and Knowledge. Cambridge 1973. Augustinus, Aurelius: Confessiones. EA o.O. und o.J., Straßburg vor 1470. (dt.: Bekenntnisse. Freiburg 1959.) Baumann, Peter: Erkenntnistheorie. Stuttgart 2002. Beckermann, Ansgar: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. Berlin / New York 1999.
Berkeley, George: A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge. EA Dublin 1710; Oxford 1901; (Hrsg. M.R.Ayers) London 1975. (dt.: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hamburg 1957, 1979.)
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Bibel: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und neuen Testaments (n.d.Übers. v. Dr. Martin Luther). Berlin 1884. Blanshard, Brand: The Nature of Thought. 2 Bde. London 1939. Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. EA Berlin (DDR) 1954-1959. Frankfurt a.M. 1959. Bogdanow, Aleksandr: Nauka i filosofia. Sankt Petersburg 1909. Bohr, Niels: Atomphysik und menschliche Erkenntnis. Vorträge 1930-1961. Braunschweig und Wiesbaden 1985.
Bretschneider, Jan / Eschke, Hans-Günter (Hrsg.): Lexikon freien Denkens. Neustadt 2000. Bronowski, Jacob : The Origins of Knowledge and Imagination. New Haven / London 1978. Camus, Albert: Le mythe de Sisyphe. Essai sur l’absurde. Paris 1942. (dt. : Der Mythos von Sisyphos. Hamburg 1950.) Capelle, Wilhelm: Die Vorsokratiker. Stuttgart 1953.
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8. Personenregister
Albert, Hans
Alexander, Richard D. Anaxagoras Anaximander Anaximenes Aristarch Aristokles s. Platon Aristoteles Armstrong, David M. Augustinus, Aurelius Bacon, Francis Baumann, Peter Beckermann, Ansgar Berkeley, George Blanshard, Brand Bloch, Ernst Block, Ned Bogdanow, Aleksandr Brahe, Tycho Bréal, Michel Brecht, Bertolt Bronowski, Jacob Brown, E.P. Buddha Camus, Albert Capelle, Wilhelm Carnap, Rudolf Cassierer, Ernst Chilon Chisholm, Roderick M. Cohen, Steward Cusanus s. Nikolaus von Kues Daidalos Darwin, Charles R. Dawkins, Richard Demokrit DeRose, Keith Descartes, René Diels, Hermann Diemer, A. Ditfurth, Hoimar von Dretske, Fred I. Durckheim, Emile Eccles, John C. Eckhart, Johann (Meister Eckhart) Einstein, Albert
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Eliade, Mircea Eliot, Thomas S. Empedokles Engels, Friedrich Epiktet Epikur Euklid Euripides Faig, Jochen Feuerbach, Ludwig Fichte, Johann Gottlieb Firth, John Rupert Foerster, Heinz von Frege, Gottlob Freud, Sigmund Galilei, Galileo Gettier, Edmund Glasersfeld, Ernst von Goethe, Johann Wolfgang von Goldman, Alvin I. Goodman, Nelson Groddeck, Georg Guardini, Romano Gumin, Heinz Habermas, Jürgen Hartmann, Nicolai Hegel, Georg F.W. Heidegger, Martin Heisenberg, Werner Helmholtz, Hermann von Heine, Heinrich Heisenberg, Werner Hempel, Carl Gustav Heraklit Hobbes, Thomas Höffe, Otfried Hoffmeister, Johannes Horwich, Paul Hume, David Husserl, Edmund Huxley, Thomas H. Irrgang, Bernhard James, William Janich, Peter Jung, Carl Gustav Jünger, Ernst Kant, Immanuel Kepler, Johannes Kierkegaard, Sören Kiesel, Hans-Jürgen Kleist, Heinrich von
98
Kopernikus, Nikolaus Kuhn, Thomas S. Küng, Hans Lamarck, Jean Baptiste Lao-tse (Laotze) Leibniz, Gottfried Wilhelm von Lichtenberg, Georg Christoph Linzner, Anton Locke, John Lorenz, Konrad Löwith, Karl Lüscher, Edgar Mach, Ernst Magritte, René Marcel, Gabriel Maturana, Humberto R. Marx, Karl McCulloch, Warren Meier, Heinrich Meinong, Alexis Metzinger, Thomas Mignat, Christian Montaigne, Michel de Montesquieu, Charles-Louis Moore, Edward Müller, Georg Elias Nagel, Thomas Nestle, Wilhelm Neurath, Otto Newton, Isaac Nietzsche, Friedrich Nikolaus von Kues Pape, W. Peirce, Charles S. Phyrron Piaget, Jean Platon Pohl, Wolf Polanyi, Michael Popper, Karl Protagoras Ptolemäus Putnam, Hilary Pythagoras Quine, Willard Van Orman Ramsey, Frank P. Reichenbach, Hans Rescher, Nicolas Reutterer, Alois Rohracher, Hubert Russell, Bertrand
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Ryle, G. Sartre, Jean-Paul Schischkoff, Georgi Schlick, Moritz Schröder, Winfried Schutz, Gerhard Sextus Empiricus Sidgwick, Henry Sokrates Spinoza, Baruch de Stegmüller, Wolfgang Tagore, Rabindranath Tarnas, Richard Tarski, Alfred Thales Unger, Wolfgang Unger, Ulrich Varela, Francisco J. Vico, Giovanni Battista (Giambattista) Vogel, Christian Vollmer, Gerhard Watts, Alan Watzlawick, Paul Weischedel, Wilhelm Whitehead, Alfred N. Willasckek, Marcus Wittgenstein, Ludwig Wolff, Christian Xenophanes Zenon
100
9. Sach- und Stichwortverzeichnis
Abbild
Abbildtheorie Abdera Abendland Aberglaube Abstraktion Affekt Aggression Agnostizismus Ägypten Ahnenkult, Ahnenverehrung Akkomodation Akzeptanz Alltagssprache Alltagsverstand Alltagsvorstellung Allwissenheit Altes Testament Altruismus Analyse Anatomie Anfang Angst Animismus Annahme Anschaulichkeit Anschauung Anschein Ansicht Anthropologie Anthropozentrismus Antike Antirealismus Antwort Anwendung a posteriori a priori (s. auch rein) Äquivalenz Argument Aringent Armut Arterhaltung Ästhetik, transzendentale -Assimilation Astrologie Astronomie Astrophysik
101
Atheismus Athen Auferstehung Aufklärung Aufmerksamkeit Aussage Aussagesatz Außenposition Außenwelt Autonomie Autorität Bedenken Bedingung Bedürfnis Beeinflussung
Begriff, Begreifen, begriffliches Denken Begründung Behauptung Behaviorismus Beobachter, Beobachtung Bescheidenheit Beschränkung Bestimmung Betrachter Betrug (s. auch Selbstbetrug) Bewegung Beweis Bewertung Bewußtsein Beziehung Bibel Bild Bildung Bildungssprache Biologie Blasphemie Böse Buddhismus Cartesischer Dualismus s. Dualismus Chaos, Chaostheorie Charakter Chemie China Christentum Chromosom Code, Codierung Coincidentia oppositorum Computer Darwinismus Dasein Deduktion
102
Definition Deismus Delphi Denken Depression Desinformation Determinismus Dialektik Diesseits Dilettant Dimension Ding, Ding an sich Dogma, Dogmatisierung Drohung Dualismus Egozentrismus Einsicht Elea Elementarteilchen, -physik Elis Emotion Empfindung Empirik, empirisch, Empirismus Empfindung Enantiodromie Entfremdung Entscheidung Entwicklung Entwicklungsstufe Ephesus
Epistemologie (s. auch Erkenntnistheorie) Erde Ereignishorizont Erfahrung Erfolg Ergebnis Erinnerung Erkennbarkeit Erkenntnis Erkenntnisideal Erkenntnistheorie, -lehre Erkenntnisvermögen Erklärung Erklärungsprinzip Erleben Erlösung Erscheinung Erwartung Erziehung Eschatologie Ethik
103
Ethologie Europa Evidenz Evolution Evolutionismus Ewigkeit Existenz Experiment (s. auch Versuch) Experimentalphysik Fähigkeit Fallibilismus s. auch Fehlbarkeit Falsifizierbarkeit Familie Fanatismus Fantasie s. Phantasie Farbe Fatalismus Fehlbarkeit Fetisch Flexibilität Folgerichtigkeit (s. auch Kausalität) Folgerung, logische -Form Forschung Fortpflanzung Fortschritt Fragen
Freiheit (s. auch Willensfreiheit) Freiheitsbewusstsein Frömmigkeit Fundamentalismus Furcht Galaxie Gebet Geburt Gedächtnis Gedanke Gedankenwelt Gefühl Gegenstand Gegenwart Geheimnis Gehirn Geist Geisterglaube Geistesgeschichte Gelingen Gemüt, Gemütszustand Gen, Genetik Geometrie Geozentrismus
104
Gerechtigkeit Gericht, jüngstes Gericht Gerücht Geschwindigkeit Gesellschaft Gesetz Gewissen Gewissheit Gier Gilgamesch-Epos Glauben Glaubenssatz Glaubenssystem Glaubwürdigkeit Gleichgewichtssinn Gleichheit Gleichnis s. auch Höhlengleichnis Gleichzeitigkeit Glück
Gnoseologie (s. auch Erkenntnistheorie) Gott Gottesbeweis Griechenland Grund Grundbegriff Gruppe Gruppenzwang Gute Halluzination Handeln, Handlung Häresie Harmonie Heil, Heilserwartung Heiliges, Heiligkeit Heliozentrismus Hermeneutik Hexe Himmel Hinduismus Hoffnung Höhlengleichnis Holismus Hören Humanismus, Humanität
Hybris (s. auch Selbstüberschätzung, Überheblichkeit) Hylozoisten Hypothese Ideal Idealismus Idee Identität
105
Ideologie (s. auch Weltanschauung) Idol I-Ging Illusion Imagination (s. auch Phantasie) Imperativ, ästhetischer -, ethischer -, kategorischer -Indien Individualität Induktion Infallibilität Information Infragestellung Innenwelt Inquisition Instinkt Intelligenz Interaktion Interdependenz Interesse Irrationalität Irrtum Islam Jenseits Judentum Kälte
Kausalität, Kausalitätsprinzip (s. auch Folgerichtigkeit) Kausalitätskette Kausalzusammenhang Kennen, Kenntnis Kirche Klazomenae Klerus Klima Klugheit Knowing how Knowing that Knowledge Kognition Kognitionswissenschaft Kohärenz, -theorie Koinzidenz Kommunikation Konflikt Konfusion Können Konsenstheorie Konsistenz Konstanz Konstruktion Konstruktivismus Kontextualismus
106
Kopernikanische Wende Koran
Körper-Geist-Problem s. auch Leib-Seele-Problem Korrespondenz-Theorie Kosmos (s. auch Universum) Kosmologie, spekulative -Kosmonologen Kreativität Krieg Kriterium Kritik Kultur Kunst Kybernetik Lagesinn Längenkontraktion Leben, Lebenszeit, ewiges Leben Lebenslüge Leib
Leib-Seele-Problem s. auch Körper-Geist-Problem Leid, Leiden Lernen Licht Lichtgeschwindigkeit Liebe Logik Lösung Lüge Macht Magie Makrokosmos Marxismus Masse Materialismus Materie Mathematik Medien Meinung Mesokosmos Mesopotamien Metaphysik Methode, Methodik Mikrokosmos Milchstrasse Milet Mittelalter Modalität Modell Mögliche Möglichkeit Monotheismus
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Moral Motiv, Motivation Mysterium Mystik Mystiker Mythologie, Mythos Natur Naturalisierung Naturalismus Naturgesetz Naturgottheit Natürlichkeit Naturphilosophie Naturreligion Naturwissenschaft Neopositivismus Nervensystem Neugier Neurophysiologie Neurose Neuzeit Nichts Nihilismus Nirwana Norm Normalität Notwendigkeit Nutzen Oberflächenstruktur Objekt Objektivität Offenbarung, Offenbarungsreligion Okkultismus Ordnung Palästina Pantheismus Papst, Papsttum Paradies Paradigma, Paradigmenwechsel Paradoxie Paranoia Pauli-Prinzip Pech Person Persönlichkeit Perspektive Pessimismus Phänomen Phantasie (s. auch Imagination) Philosoph, Philosophie Phobie
108
Physik Physiologie Physiologismus Placebo, -Effekt Plausibilität Pogramm Politik Polytheismus Positivismus Pragmatismus Prägung Praxis Prinzip Problem Projektion Prophet Prophezeiung, selbsterfüllende -Prozess Prüfung Psyche Psychoanalyse Psychologie Quaestio facti Quaesio iuris Qualität Quantität Rationalität Rationalist, Rationalismus Rätsel Raum Raum-Zeit Realität (s. auch Wirklichkeit) Realismus Realismus-Debatte, -Diskussion Realismus-Problem Rechtfertigung Rede Redundanztheorie Reflex Reflexion Reformation Regel Regelmäßigkeit rein (s.auch a priori) Reiz Relation Relativität Relativitätstheorie Reliabilismus Religion Religionsphilosophie
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Regel Reinkarnation Reiz, Reizschwelle Renaissance Res cogitans Res extensa Resultat Retrodiktion Rezeptivität (s.auch Sinnlichkeit) Richtigkeit Riechen Rigveda Ritus, Ritual Sache Säkularisierung Sakrament Samos Schein Scheinwissen Scheitern Schicksal Schizophrenie Schlaf Schlüsse Schmecken Schmerz Schöpfer, Schöpfung Schwarze Löcher Seele Sehen
Selbstbeschränkung (s. auch Beschränkung) Selbstbestimmung Selbstbetrug Selbsterhöhung Selbsttäuschung Selbstüberschätzung (s. auch Hybris) Selbstvertrauen (s. auch Vertrauen) Selektion Semantik Semasiologie s. Semantik Semiologie s. Semantik Semiotik s. Semantik Sexualität Signal Sinn Sinnesorgane Sinnlichkeit (s.auch Rezeptivität) Sitte
Skepsis, Skeptiker, Skeptizismus Solipsismus Sorge
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Sozialismus Sozialverhalten Spekulation Sprache Sprachphilosophie Spuk Standpunkt Staunen Sterben (s. auch Tod) Stern Stimmung Strafe Strategie Struktur Strukturalismus Subjekt Subjektivität Suchen Sucht Sünde Symbol System, Systematik Szientismus Tabu Taoismus Tastsinn Tatsache Taufe
Täuschung, transzendentale - (s. auch Selbsttäuschung) Technik Teleologie Temperatur Teufel Theologie Theorie Tiefenpsychologie Tier Tod Toleranz Totem Tradition Transzendenz Traum Trieb, Triebe Tunneleffekt Übereinstimmung Überheblichkeit (s. auch Hybris) Überhöhung Überlebensstrategie Übersetzung Übersinnlichkeit
111
Überzeugung Umdeutung Umwelt s. Welt oder Natur Unbedingtes (s.auch transzendentale Idee) Unbewusste (s.auch Unterbewusstsein) Unendlichkeit Unfehlbarkeit Unglaube Universum (s. auch Kosmos) Unschärferelation Unsterblichkeit Unterbewusstsein (s. auch Unbewusste) Unterdrückung Unwissenheit Urknall Ursache Urteil Urteilskraft, -vermögen Utopie Vater Verantwortung Verdammnis Verdrängung Vererbung Vergebung Vergleich Verhalten Verifizierbarkeit Vernunft Versprechen Verstand, Verstehen, Verständnis Versuch (s. auch Experiment) Vertrauen Viren Vision Voraussage Vorgang Vorsokratiker Vorstellung Vorteil Vorurteil Wahl Wahn, Wahnsinn Wahrheit Wahrheitsanspruch Wahrheitskriterien Wahrnehmung Wahrnehmungsfähigkeit Wahrscheinlichkeit Wandel Wärme
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Wechselwirkung Weisheit Weiterleben nach dem Tod Wellen-Teilchen-Dualismus Welt, Weltall (s. auch Kosmos, Universum, Umwelt) Weltanschauung (s. auch Ideologie) Weltbild Weltflucht Weltgeist Weltprinzip Weltsicht Werbung Wert Wertvorstellung Wesen Westen Widerlegbarkeit Wiederholung Wiener Kreis Widerfahrnis Widerspruch, Widerspruchsfreiheit Wille, freier Wille, Willensfreiheit Wirken Wirklichkeit Wirksamkeit Wissen Wissenschaft Wissenschaftspessimismus Wissenschaftstheorie Wunder Wunsch Wunschdenken Zahl Zauber Zeichen Zeit Zeitdilatation Zen Zentralnervensystem (ZNS) Ziel Zivilisation Zufall Zukunft Zusammenhang Zuschauer Zweck Zweckmäßigkeit Zwang Zweifel
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Das Buch:
Der Teil unserer Umwelt, welchen wir Menschen mit unseren Sinnen erfassen können, entspricht keineswegs - wie oft angenommen wird - der Wirklichkeit. Unser Weltbild ist nur unser Bild von der Welt und somit strenggenommen nichts anderes als ein Gedanke. Gibt es „Wirklichkeit“ nur relativ zu unseren Begriffen und sprachlichen Ausdrucksformen oder existieren Dinge auch unabhängig von unserem Denken? Wieso kommen wir trotz der Trugbilder einer subjektiven Schein-Realität, welche uns die menschliche Wahrnehmung vermittelt, im Alltagsleben ganz gut zurecht?
Wie funktioniert menschliches Erleben und Denken? Können wir mit Hilfe des Verstandes sicheres Wissen, also objektive Erkenntnis erlangen? Ist das, was wir genau zu wissen glauben, Wahrheit? Denken und handeln wir realitätsnah? Wie natürlich ist schließlich unsere Moral und die daraus resultierende Ethik?
Mit einer allgemein verständlichen Darstellung erkenntnistheoretischer Grundprobleme und anschließender Diskussion wesentlicher Sinnfragen des Lebens soll der philosophisch und naturwissenschaftlich interessierte Leser angesprochen werden. Das Buch möchte zum Nachdenken über einige Selbstverständlichkeiten unserer scheinbar so realen Welt anregen.
Der Autor:
Jochen Freede, Dr. med., Jahrgang 1950, lebt in Höxter an der Weser. Neben seiner Berufstätigkeit als Hausarzt bietet er Seminare zu den Themen Entspannungstechniken, Positives Denken, Persönlichkeitsbildung und Erfolgsstrategien an. An Büchern veröffentlicht wurden 1998 Problem oder Chance? - Praktisch-philosophische Wege zu positivem Denken und konstruktivem Handeln (ISBN 3-933037-04-2) und 2001 Die Spur des Rades. - Weltbild und Sinnsuche im Wandel der Zeit. Darstellung kulturhistorischer geistiger Entwicklungen und möglicher Perspektiven (ISBN 3-933037-18-2). Mehr Informationen hierzu gibt es im Internet unter www.dr-freede.de .
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Arbeit zitieren:
Dr. Jochen Freede, 2008, Wirklichkeit und Illusion - Menschliche Weltsicht zwischen kritischer Rationalität und subjektiver Konstruktion, München, GRIN Verlag GmbH
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