Inhalt
Inhalt........................................................................................................................................... 1
I. Einleitung 2
II. Hauptteil 4
1. Der Autor der „ERMITTLUNG“ - Peter Weiss 4
2. Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess 8
2.1 Ein Stück dunkler deutscher Justizgeschichte. 8
2.2 Die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses. 10
2.3 Der Prozess. 11
3. Die Ermittlung. 13
3.1 Stoffliche Grundlage 14
3.2 Bearbeitung des Stoffes. 15
3.3 Die Figuren und ihre politische Anklage 18
3.3.1 Die neun Zeugen 18
3.3.2 Die Täterzeugen - Zeugen 1 und 2 19
3.3.3 Das politische Sprachrohr - Der Zeuge 3 22
III. Eine kurze persönliche Schlussnotiz 26
IV. Literaturverzeichnis. 28
1
I. Einleitung
Diese Aussage stammt aus dem 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess, der in den Jahren 1963 -1965 gegen ehemalige SS-Aufseher des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz verhandelt wurde. Dieser Prozess beförderte die Barbarei von Auschwitz in den Blick der deutschen Öffentlichkeit, die sich 20 Jahre dieses Blickes verwehrt hatte. Gleichsam sollte er für den Schriftsteller Peter Weiss Anlass und Stoffgrundlage bilden für den Versuch, das unfassbare Auschwitz in Worten auf der Bühne fassbar zu machen, es in seinem dokumentarischen Theaterstück „DIE ERMITTLUNG“ 2 , das im Oktober 1965, kurz nach Beendigung des Prozesses, aufgeführt wurde, zu betrachten und nüchtern darzustellen. Aber nicht nur Auschwitz sollte dargestellt werden, sondern auch die Folgeverhältnisse in der Welt der 60er Jahre, in der Welt des Kalten Krieges. Die weiterhin herrschenden ausbeuterischen Verhältnisse, die Weiss in dem westlichen System sah, sollten angeklagt und zur Veränderung gebracht werde. Mit diesen politischen Anklagen soll sich diese Arbeit beschäftigen. Welches sind Weiss’ Anklagepunkte an die deutsche Gesellschaft, an den Kapitalismus im Generellen? Warum wählte er für diese Anklage die Form des dokumentarischen Theaters? Wie verarbeitete Weiss das vorhandene Material? Wie sollte es auf die Bühne transportiert werden, um eine größtmögliche Wirkung bei den Zuschauern zu erzielen? In dem Kapitel drei werden diese Fragen exemplarisch an den Aussagen der Zeugen der „ERMITTLUNG“ dargestellt.
1 Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt.Vom Autor gekürzte und bearbeitete Ausgabe. Frankfurt am Main und Hamburg: Fischerei Bücherei 1968, S. 102. Im Original ist diese Aussage in Fließtext verfasst.
2 Weiss, Peter: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen. [1965]. In: Ders.: Stücke I Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976. Bei Zitaten aus der „Ermittlung“ beziehe ich mich aber im Folgenden auf die Ausgabe der Suhrkamp BasisBibliothek aus dem Jahre 2005: Weiss, Peter: Die Ermittlung. Text und Kommentar. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, Suhrkamp BasisBilbliothek 65. Im Folgenden mit ‚DE’ abgekürzt.
2
Zu Anfang der Arbeit steht ein kurzer biographischer Teil, der den Lebensweg des Exilanten Peter Weiss und seinen künstlerischen und vor allem politischen Werdegang skizziert. Eine knappe Darstellung des Auschwitzprozesses ist für das Verständnis des dokumentarischen Dramas „DIE ERMITTLUNG“ unumgänglich; so wird dem in dem zweiten Kapitel Folge geleistet.
„DIE ERMITTLUNG“ wurde seit ihrer Uraufführung aufgrund der besonderen literarischen Form umfassend interpretiert. Die politischen Aussagen, die mit diesem Drama getätigt wurden, spalteten die Kritiker in zwei Lager. Christoph Weiß fasst in seiner zweibändigen Dissertation „AUSCHWITZ IN DER GETEILTEN WELT, PETER WEISS UND DIE ‚ERMITTLUNG’ IM KALTEN KRIEG“ 3 aus dem Jahre 2000 sowohl die Rezeption als auch die verschiedenen Interpretationen und literaturwissenschaftlichen Bearbeitungen zusammen und setzt sich mit ihnen auseinander.
Die Textgenese und die Intertextualität bearbeitete Rolf D. Krause in seiner Arbeit „FASCHISMUS ALS THEORIE UND ERFAHRUNG, ‚DIE ERMITTLUNG’ UND IHR AUTOR PETER WEISS“ 4 1982 sehr ausführlich.
„DIE ERMITTLUNG“ als Beispiel eines dokumentarischen Theaterstücks wurde von Erika Salloch in „PETER WEISS’ DIE ERMITTLUNG. ZUR STRUKTUR DES DOKUMENTARTHEATERS“ 5 dargestellt, ebenso von Ingeborg Schmitz in „DOKUMENTARTHEATER BEI PETER WEISS, VON DER ‚ERMITTLUNG’ ZU ‚HÖLDERLIN’“ 6 1981.
3 Weiß, Christoph: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. 2 Teile. St. Ingbert 2000.
4 Krause, Rolf D.: Faschismus als Theorie und Erfahrung. „Die Ermittlung“ und ihr Autor Peter Weiss. Frankfurt am Main, Bern: Peter Lang 1982.
5 Salloch, Erika: Peter Weiss’ Die Ermittlung. Zur Struktur des Dokumentartheaters. Frankfurt am Main: Athenäum 1972.
6 Schmitz, Ingeborg: Dokumentartheater bei Peter Weiss. Von der ‚Ermittlung’ zu ‚Hölderlin’. Frankfurt am Main, Bern, Cirencester: Peter Lang 1981.
3
II. Hauptteil
1. Der Autor der „ERMITTLUNG“ - Peter Weiss
„DIE ERMITTLUNG“ ist eines der bedeutendsten Werke von Peter Ulrich Weiss, der erst Maler, dann Filmemacher, dann Schriftsteller war, der in zwei Sprachen schrieb, erst schwedisch, dann deutsch; erst war er mit sich selbst, seiner Entwicklung und seiner persönlichen Tragödie beschäftigt, dann öffnete er sich, fokussierte die Probleme der Weltgesellschaft, entfaltete sich und wurde zum Sozialisten, zum Klassenkämpfer, der „das Schreiben anstelle der Handlung [wählte]“ 7 , wobei ihn das nicht von seinem eigenen Drama löste. Geboren wurde er am 8. November 1916 in Nowawes, heutiges Neubabelsberg bei Potsdam, als Sohn von Eugen Weiss, einem jüdischen Textilkaufmann ungarischer Herkunft mit tschechoslowakischem Pass, zum Zeitpunkt der Geburt Leutnant der kaiserlich und königlichen Monarchie. Seine Mutter, die Schauspielerin Frieda Weiss, geborene Hummel, geschiedene Thierbach, war auch die Mutter von zwei Söhnen aus erster Ehe, seinen älteren Stiefbrüdern.
Trotz des Ersten Weltkrieges und der anschließenden Reparationszahlungen Deutschlands leidet die Familie keinen Hunger; nach mehreren Umzügen nach Galizien und in die Slowakei wird der Vater 1920 Gesellschafter und Geschäftsführer einer rentablen Textilhandelsgesellschaft in Bremen, im gleichen Jahr kommt Peters Schwester Irene zur Welt, 1922 folgt Margit Beatrice, 1924 das Nesthäkchen Gerhard Alexander. Die Familie lebt in Wohlstand, beschäftigt einen Gärtner, ein Kindermädchen und eine Haushälterin, die sich um die bezogene Villa kümmert. Der Vater konvertiert wegen des wachsenden Antisemitismus zum protestantischen Glauben. 8
1930 zieht die Familie nach Berlin, Weiss besucht das Kleist-Gymnasium in Berlin-Schmargendorf, wo er seinen Jugendfreund Uli Rothe kennen lernt, dessen Stiefvater, der Shakespeare Übersetzer Hans Rothe, ihn in die Werke Brechts einführt, ihm die moderne Literatur näher bringt. Brecht wird, betrachtet man das spätere Werk von Peter Weiss, zu einem literarischen Vorbild, sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Sinne, denn das dokumentarische Theater, das Weiss schreibt, führt Brechts episches Theater fort.
7 Weiss, Peter: Notizbücher 1960 - 1971. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982, S. 118.
8 Vgl. hierzu die ausführliche Betrachtung bei Dwars, Jens-Fietje: Und dennoch Hoffnung - Peter Weiss. Eine Biographie. Berlin: Aufbau 2007, S. 12 - 22.
4
Zuhause stellt Weiss erste Versuche in der Malerei an, nimmt Zeichenunterricht in der Kunstgewerbeschule, schreibt erste Gedichte. An den Wochenenden erkundet er die Kulturlandschaft Berlins, besucht Konzerte, Museen und Galerien. Er wollte Maler werden.
Diese Bedrohung, von der Weiss 1980 in einem Interview erzählt, die Machtübernahme der NSDAP, zwingt die Familie, die Emigration vorzubereiten. Peter Weiss verlässt das Gymnasium und besucht eine Handelsschule. Im September 1934 stirbt seine Schwester Margit nach einem Verkehrsunfall, die einzige seiner Angehörigen, zu der er ein enges Verhältnis hat. Die Trauer treibt seine künstlerische Produktivität voran, den Verlust verarbeitet er in düsteren Gemälden.
Die Eltern wählen England zu ihrer Zufluchtsstätte. 1935 emigrieren die Weiss’, Peter arbeitete mit seinem Vater in dem neu gegründeten Textilhandel in London, sieht seinen Weg aber in der Malerei; der Besuch der Kunstakademie wird ihm untersagt, die Eltern haben andere, bürgerliche Berufspläne für ihren Sohn.
Da das Geschäft nur schleppend läuft, verlässt die Familie schon ein Jahr nach ihrer Einreise England in Richtung Böhmen. Warnsdorf, Tschechoslowakische Republik, wird zur neuen, wenn auch kurzen Heimat.
Peter Weiss studiert an der Kunsthochschule Prag Malerei, verbringt einige Monate in der Schweiz bei Hermann Hesse, den er zuvor in einem Brief zu seinem Mentor berief, was Hesse glücklicherweise annahm. Hesse erkannte in Peter Weiss den Künstler, der Weiss so gerne sein wollte; und er gab ihm Kraft, eben dieser zu werden.
Auch in Prag bleibt Weiss in sich selbst verhaftet, malt und zeichnet sein Innenleben, von der Umwelt und dem braunen Nebel, der in Deutschland aufzieht, unbetroffen. Den spürt er erst im Oktober 1938, als die Deutschen das Sudetenland besetzen und die Familie wieder fliehen muss, diesmal nach Schweden.
Dort ist Peter Weiss lange in seinem persönlichen Fiasko gefangen; seine Versuche, sich als Maler zu etablieren, schlagen fehl. Um die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern zu lösen, arbeitet er als Holzfäller und Waldarbeiter. So lernt der Sohn des Bürgertums das Proletariat kennen, dem er in späteren Jahren seine Stimme leihen wird.
9 Schön, Wolf: Die Malerei ist statisch. Als aus den Bildern Bücher wurden. Ein Gespräch mit Peter Weiss. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 259 - 262, hier S. 261.
5
Trotz der Erfolglosigkeit als malender Künstler fließen seine in dieser Zeit erworbenen Kenntnisse in sein weiteres künstlerisches Schaffen ein; sowohl die kurze Phase als Filmemacher als auch die 1960 beginnende Schriftstellerkarriere wären ohne die Macht des Bildes, die die Sprache von Peter Weiss durchdringt und von der gerade „DIE ERMITTLUNG“ lebt, nicht möglich gewesen. 10
Nach dem Krieg beginnt er wieder zu schreiben, neben der Malerei. Wie seine bildnerischen Kunstwerke sind auch die Texte, die er verfasst, surrealistisch. Er schreibt in der Sprache seines Exils, Schweden, dessen Staatsbürgerschaft er 1946 annimmt. 11
Erst nachdem er als Maler erfolglos bleibt, und mit dem Tod seiner Eltern 1960, wählt der Mann, der nie die deutsche Staatsbürgerschaft inne hatte, die deutsche Sprache zu seiner schriftstellerischen Muttersprache. „ABSCHIED VON DEN ELTERN“ 12 und „FLUCHTPUNKT“ 13 werden seine ersten Erfolge als Autor; beides autobiographische Romane, in denen er seine Jugend und Beziehungslosigkeit zu den Eltern verarbeitet. Nach dieser Vergangenheitsbewältigung, dieser Selbstbefreiung durch sein autobiographisches Erzählen, öffnet sich Weiss für seine Umwelt und die Systemfragen, die sich in der Zeit des Kalten Krieges zwangsläufig ergeben.
Diesen Fragen, wenn auch noch als Funktionär des dritten Standes, der sich weder dem Kapitalismus, noch dem Sozialismus zuschrieb, widmete sich Weiss in seinem Stück „DIE VERFOLGUNG UND ERMORDUNG JEAN PAUL MARATS“ 14 , welches er 1963 fertig stellte und das ihm internationalen Ruhm als Schriftsteller einbringen sollte. Die Entstehung des Theaterstückes, um das sich diese Arbeit dreht, namentlich „DIE ERMITTLUNG“, kennzeichnet auch die politische Positionierung des Schriftstellers Peter Weiss.
Befand er sich während der Bearbeitung des Marats-Stücks noch auf dem Standpunkt des politischen Beobachters, kristallisiert sich in den Jahren 1963 bis 1965 durch die intensive
10 Vgl. Rector, Martin: Laokoon und der vergebliche Kampf gegen die Bilder. Medienwechsel und Politisierung bei Peter Weiss. In: Peter Weiss Jahrbuch 1. Hg. v. Rainer Koch u.a.. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992, S. 24 - 41.
11 Vgl. Weiss, Peter: Från ö till ö. Stockholm: Bonnier 1947. Deutsche Übersetzung von Heiner Gimmler: Weiss, Peter: Von Insel zu Insel. Berlin: Frölich & Kaufmann 1984; Weiss, Peter: De Besgrade. Stockholm 1948. Deutsche Übersetzung von Beat Mazenauer: Weiss, Peter: Die Besiegten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985; Weiss, Peter: Duellen. Stockholm: Privatdruck 1953. Deutsche Übersetzung von J.C. Görsch und Peter Weiss: Weiss, Peter: Das Duell. 4. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984.
12 Weiss, Peter: Abschied von den Eltern. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980.
13 Weiss, Peter: Fluchtpunkt. 6. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973.
14 Weiss, Peter: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. Drama in zwei Akten. In: Ders.: Stücke I. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 155 - 255.
6
Auseinandersetzung mit Auschwitz, mit dem System des Dritten Reiches und seiner Idee zur Neufassung der „GÖTTLICHEN KOMÖDIE“ 15 von Dante eine Richtung, ein politischer Standpunkt, den er letztendlich mit seiner Rede „10 ARBEITSPUNKTE EINES AUTORS IN DER GETEILTEN WELT“ 16 öffentlich macht, in der er sich selbst die Frage „Kann ich den bequemen dritten Standpunkt aufgeben […]“ 17 mit dem Satz: „Die Richtlinien des Sozialismus enthalten für mich die gültige Wahrheit“ 18 beantwortet. 19
Für ihn ist der Sozialismus „das einzige Mittel, zu einer Neugestaltung der Welt zu kommen; nur der Sozialismus birgt die Möglichkeit in sich, die Missstände unserer Gese4llschaft auszurotten“ 20 .
Dieser Standpunkt bringt ihm im Westen Deutschlands herbe Kritik ein und verklärt teilweise die Rezeption seines dokumentarischen Theaterstücks „DIE ERMITTLUNG“, das am 19. Oktober 1965 auf insgesamt 15 Bühnen uraufgeführt wird. 21 Die Erlöse des Stücks spendet Weiss den Opfern von Auschwitz und den Betroffenen der Apartheid in Südafrika.
Seine politischen Reflexionen beherrschen in den Folgejahren sein literarisches Werk. 1968 veröffentlicht er sein Drama „VIETNAM-DISKURS“ 22 , 1970 folgt „TROTZKI IM EXIL“ 23 . Die Romantrilogie „ÄSTHETIK DES WIDERSTANDS“ 24 , in der er den politischen Widerstand von 1917 - 1945 bearbeitet, beschäftigt ihn dann bis zu seinem Tod 1982. Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Weiss als bekennender Sozialist doch immer Utopist blieb und zwischen den Stühlen Platz nahm. Real-Sozialist war er nie, da er mit den Partei-Programmen nicht einverstanden war.
Dieser Umstand brachte ihm Zeit Lebens Kritik von beiden Seiten ein, was ihn aber nicht hinderte, weiterhin Kultur zu betreiben und seine literarische Tätigkeit in den Dienst einer gerechteren Welt zu stellen. So steht auch „DIE ERMITTLUNG“ in diesem Zusammenhang.
15 Alighieri, Dante: Die Göttliche Komödie. Übertragen von Karl Vossler.2. Aufl.; München: Piper 1986.
16 Weiss, Peter: 10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt. In: Ders.: Rapporte 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 14 - 23.
17 Ebd., S. 18.
18 Ebd., S. 22.
19 Vgl. Cohen, Robert: Peter Weiss in seiner Zeit. Leben und Werk. Stuttgart: Metzler 1992, S 104-164.
20 “Können diese beiden Deutschlands miteinander leben?“ Vollständiger und autorisierter Text des Ferneseh-Dialogs zwischen Peter Weiss und Wolfgang Neuss. In: Gerlach 1986, S. 106 - 111, hier S. 113.
21 Vgl. zur westdeutschen Kritik an Weiss’ Bekenntnis zum Sozialismus und zur Rezeption von „DIE ERMITTLUNG“: Weiß, Christoph 2000, hier Band 1.
22 Weiss, Peter: Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten. Wissenschaftliche Mitarbeit: Jürgen Holemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968.
23 Weiss, Peter: Trotzki im Exil. Stück in 2 Akten. In: Ders.: Stücke II. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 417 - 517.
24 Weiss, Peter: Die Ästhetik des Widerstands. Ausgabe in einem Band. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.
7
Weiss konzentriert den Ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, die Aussagen der Zeugen, der Angeklagten, die Erkenntnisse über dieses Lager und tätigt so seinen „Beitrag zur deutschen Vergangenheits-Bewältigung“ 25 , die bis dahin in großen Teilen der Bevölkerung und dem Staatswesen an sich nicht stattgefunden hat, wie die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses zeigt.
2. Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
Das Gerichtsverfahren, welches Peter Weiss’ Anlass und Dokumentenvorlage für „DIE ERMITTLUNG“ bildete, wurde am 20. Dezember 1963 in Frankfurt am Main unter dem Aktenzeichen 4 Ks 2/63, Strafsache gegen Mulka u.a. wegen Mordes, eröffnet. In der deutschen und internationalen Öffentlichkeit sollte dieses Strafverfahren unter dem Namen „Auschwitz-Prozess“ in die Geschichte eingehen. „Auschwitz-Prozess“, da in dieser Verhandlung 22 Männer aufgrund ihrer Verbrechen, die sie in dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in den Jahren 1941 bis 1945 als Angehörige der Schutzstaffel der NSDAP, der so genannten SS, oder als Funktionshäftling 26 begangen hatten, angeklagt wurden; „Auschwitz-Prozess“, da im Laufe der 183 Verhandlungstage, in den Voruntersuchungen und -ermittlungen durch die Aussagen von mehreren hundert Zeuginnen und Zeugen, durch die Vernehmungen der Angeklagten und durch die Berichterstattung von Sachverständigen ein Bild des KZ Auschwitz und der Nebenlager gezeichnet wurde, samt des Aufbaus und der Struktur des Lagers, des Lebens, der Arbeit und des Todes der Häftlinge und der Gräueltaten der SS-Besatzung.
2.1 Ein Stück dunkler deutscher Justizgeschichte
Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess war der erste Massenprozess gegen die Verbrecher der NS-Zeit, der in der Bundesrepublik Deutschland vor einem bundesdeutschen Gericht verhandelt wurde, mehr als 18 Jahre nach Kriegsende. 27
Zwar fanden schon vor 1963 Gerichtsverhandlungen gegen die Täter der Konzentrationslager statt, jedoch selten in Deutschland, selten vor einem deutschem Gericht.
25 Notizbücher, S. 389.
26 Funktionshäftlinge waren KZ-Häftlinge, die von der SS mit bestimmten Aufgaben in der Lager-Organisation und -Aufsicht betraut wurden (so genannte „Häftlingsselbstverwaltung“). Sie standen in der Hierarchie über den anderen Häftlingen und waren befugt, diesen Befehle zu erteilen und diese zu bestrafen. Ihnen kamen Privilegien zu Teil, wie z.B. eine eigene Schlafstube und höhere Essensrationen. Funktionshäftlinge in Auschwitz waren meist kriminelle Deutsche.
27 Vgl. Arendt, Hannah: Der Auschwitz-Prozeß. In: Dies.: Nach Auschwitz. Essays und Kommentare 1. Hg. v. Eike Geisel u. Klaus Bittermann; Berlin: Edition Tiamat 1989, S. 99-136.
8
Die Aufklärung der NS-Verbrechen oblag vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 vielmehr den Alliierten. So auch der 1945/46 geführte Kriegsverbrecherprozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, in dem die Siegermächte, die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, die Nazigrößen Göring, Heß, von Ribbentrop, Speer und andere unter anderem des „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ anklagten und verurteilten. Ebenso fanden in Polen Verhandlungen gegen berüchtigte Nationalsozialisten statt; Rudolf Höß, der Kommandant des KZ Auschwitz, wurde beispielsweise 1947 in Warschau zum Tode verurteilt und in Auschwitz gehängt. Die Auseinandersetzung der westdeutschen Justiz mit den Verbrechen der NS-Zeit beschränkte sich bis 1949 auf Taten, die von Deutschen an Deutschen begangen wurden, doch immerhin verurteilten die Gerichte in dieser Zeit circa 4500 Personen; im Vergleich zu den Zahlen nach 1949, als der bundesdeutschen Justiz von den Alliierten die Verfolgung der Nazi-Verbrecher übertragen wurde, ein immens hohes Ergebnis, denn z.B. im Jahr 1955 wurden nur 21 Urteile vor bundesdeutschen Gerichten gegen NS-Verbrecher verkündet. 28 Der Holocaust 29 war bis 1958 für deutsche Gerichte kein Verhandlungsgegenstand, auch von den 4500 Urteilen vor 1949 wurden nur verschwindende zwei Prozent in Tötungsdelikten gesprochen. Das Verhalten der Justiz spiegelte in diesem Fall die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in der jungen BRD wider:
Das Vergangene sollte ruhen! Man beschäftigte sich mit dem Wiederaufbau, nicht mit der belastenden Vergangenheit. 1950 enden die Entnazifizierungsverfahren; zahlreiche Nazibeamte, die in den Jahren zuvor wegen ihrer Vergangenheit aus den Amtsstuben verbannt wurden, können ab 1951 wieder ihren öffentlichen Dienst antreten, Nationalsozialisten, die vor alliierten Militärgerichten abgeurteilt wurden, werden begnadigt, die Politik diskutiert über den Schlussstrich, der endlich gezogen werden müsse. 1954 verkündet der Deutsche Bundestag ein erstes Amnestiegesetz, das Straffreiheit bei Endphasendelikten 30 , deren zu erwartende Strafe nicht mehr als drei Jahre Freiheitsstrafe beträgt, garantiert. Ein Jahr später treffen die BRD und die westlichen Siegermächte eine Vereinbarung, aus der die so genannte faktische Amnestie hervorgeht:
Bundesdeutsche Gerichte dürfen bereits abgeschlossene Verfahren der Alliierten nicht mehr beeinflussen, das heißt auf der einen Seite, dass Verurteilte nicht mehr begnadigt werden
28 Vgl. Rückerl, Adalbert: NS-Verbrechen vor Gericht. Versuch einer Vergangenheitsbewältigung. 2. Aufl.; Heidelberg 1984, S. 96ff.
29 Holocaust meint hier die Massenvernichtung von Juden und Mitgliedern anderer Minderheiten durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland und den im Zweiten Weltkrieg von Deutschland besetzten Gebieten.
30 Unter Endphasendelikten versteht man die Straftaten, die unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges begangen wurden.
9
dürfen, andererseits aber auch, dass bereits abgeschlossene Verfahren auch dann nicht mehr aufgegriffen werden dürfen, wenn neue Beweise auftauchen sollten. 31 Angesichts der geringen Aufklärungsversuche der deutschen Justiz, der Begnadigungswelle Anfang der fünfziger Jahre und der faktischen Amnestie von 1955 erklärt sich, warum etliche NS-Funktionäre und andere Naziverbrecher in den fünfziger Jahren nicht nur das Leben eines unbescholtenen Bürgers leben konnten, sondern bald auch wieder zu Amt und Würden kamen.
Der Umstand, dass hohe Amtsstuben in Legislative und Judikative teilweise durch ehemalige Nationalsozialisten besetzt wurden, gestaltete eine rechtliche Aufklärung der NS-Verbrechen um so schwieriger - wer will sich schon mit seiner eigenen Schuld auseinandersetzen, geschweige denn diese beweisen.
Erst 1958 sollte der „Ulmer Einsatzgruppenprozess“ diesen Teufelskreis durchbrechen. Ein ehemaliger Polizeibeamter, der aufgrund seiner Kriegsverbrechen nach Kriegsende untergetaucht war, klagte 1956 auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst. Die Presse berichtete darüber, eine Zeitungsleserin erkannte den ehemaligen Polizisten und zeigte ihn an, 1941 an Massentötungen in Litauen beteiligt gewesen zu sein.
Der Prozess, der 1958 auf diese Anzeige folgte, brachte die Gräueltaten der NS-Zeit wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung, die Presse verlangte eine systematische, nicht dem Zufall überlassene Aufklärung der Verbrechen der NS-Zeit und die Politik musste reagieren. Noch im gleichen Jahr wurde in Ludwigsburg die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen“ gegründet, deren Mitarbeiter sich einzig mit der Sammlung der Strafanzeigen gegen NS-Verbrecher, der Einleitung der Strafverfahren und der Vernetzung verschiedener Ermittlungsstellen beschäftigten. Das erste Verfahren, das diese Zentrale Stelle kurz nach ihrer Errichtung einleitete, endete am 19. und 20. August 1965 mit der Urteilsverkündung in der Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Landgericht in Frankfurt am Main. 32
2.2 Die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses
Der Auschwitz-Prozess fußt auf einem Brief aus einer Justizvollzugsanstalt. Adolf Rögner, ehemaliger Häftling im KZ Auschwitz, seinerzeit Häftling der Landesstrafanstalt Bruchsal, stellte mit seinem Schreiben vom 1. März 1958 an die Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafantrag
31 Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung bei Werle, Gerhard: Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz. München: Beck 1995, S. 17ff.
32 Vgl. Werle 1995, S. 16 f. und S. 23.
10
gegen Wilhelm Boger, ehemals Angehöriger der Politischen Abteilung in Auschwitz, wegen Massenmordes. Rögner waren Wohnort, Beruf und Familienstand bekannt, er verfügte über Beweise und verwies in seinem Brief unter anderem auf das Internationale Auschwitz-Komitee in Wien, dessen Geschäftsführer zu dieser Zeit Hermann Langbein war, selbst ehemaliger KZ-Häftling in Auschwitz.
Hermann Langbein und das Auschwitz-Komitee, das, besetzt mit ehemaligen jüdischen Häftlingen aus Auschwitz und wissenschaftlichen Mitarbeitern, nach dem Krieg akribisch Dokumente, Zeitzeugen und sonstiges Material über den Holocaust und speziell das größte deutsche Vernichtungslager Auschwitz „wider das Vergessen“ sammelte und ausfindig machte, schaltete sich in die Ermittlungen ein, stellte Beweismaterial zur Verfügung, suchte Zeugen und klagte weitere Auschwitz-Aufseher und -Ärzte an. Die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen“ sammelte das Material, verhörte Zeugen und stellte Haftbefehle aus - in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Auschwitz-Komitee wurde beschlossen, die Strafsache gegen Boger gemeinsam mit anderen Strafsachen im Bezug auf das KZ Auschwitz zu einem Massenprozess zu formen. Im Juni 1959 überstellte sie das Verfahren und das mittlerweile sehr umfangreiche belastende Material an das Landgericht Frankfurt am Main, wo zwei Staatsanwälte für die Bearbeitung des Verfahrens abgestellt werden. Gegen eine enorme Anzahl von ehemaligen SS-Aufsehern, -Ärzten und Funktionshäftlingen wird eine Anklage erwogen, schließlich aber konzentriert sich die Staatsanwaltschaft nach den Vorverhandlungen auf 22 Personen, gegen die am 16. April 1963 offiziell Anklage erhoben wird. 33
2.3 Der Prozess
Neben Robert Mulka, einem ehemaligen SS-Hauptsturmführer, der als Adjutant des Lagerkommandanten von Auschwitz die höchste Funktion der Angeklagten inne hatte und somit zum Hauptangeklagten des Auschwitz-Prozesses ernannt wurde, saßen 20 ehemalige Angehörige der Lager-SS und ein früherer Funktionshäftling auf der Anklagebank, die allesamt beschuldigt wurden,
„in der Zeit von 1940 bis 1945 durch mehrere selbständige Handlungen teils allein, teils gemeinschaftlich mit anderen, aus Mordlust und sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und grausam sowie teilweise mit gemeingefährlichen Mitteln […] Menschen getötet zu haben oder dies versucht zu haben, oder hierzu durch Rat und Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben, indem sie Häftlinge im Bereich des Konzentrationslagers […] erschossen, vergasten, zu Tode prügelten, ertränkten, durch Injektionen (‚abspritzen’) töteten, erhängten oder bei diesen Tötungshandlungen
mitwirkten“ 34 .
33 Vgl. Langbein, Hermann: Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation. Unveränd. Nachdruck der 1965 im Europa-Verlag, Wien, ersch. Erstausgabe; Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik 1995, S. 21ff.
34 Vgl. Der Auschwitz-Prozeß. Tonbandmitschnitte, Protokolle und Dokumente. Hg. v. Fritz Bauer Institut
11
Die Angeklagten wurden von insgesamt 23 Rechtsanwälten verteidigt, die Anklage führten drei Staatsanwälte. Überlebende und Angehörige der Auschwitzopfer traten als Nebenkläger auf; sie waren durch drei Anwälte vertreten. Dem Frankfurter Schwurgericht gehörten neben dem Vorsitzenden Richter Hans Hofmeyer zwei weitere Richter und deren zwei Stellvertreter, sowie sechs Geschworene und fünf Ersatzgeschworene an.
In 183 Verhandlungstagen wurden die 22 Angeklagten vernommen, acht Sachverständige berichteten unter anderem über die Organisation der SS und die Entwicklung der Konzentrationslager. Insgesamt 211 Überlebende von Auschwitz und 10 Überlebende anderer Konzentrationslagern kamen aus aller Welt in das Land der Täter und belasteten mit ihren Aussagen die Angeklagten schwer; 54 ehemalige Angehörige der Auschwitzer Lager- SS, 37 sonstige SS- und Polizeizeugen sowie 48 weitere Personen, unter ihnen ehemalige Mitarbeiter der um das Lager errichteten Industriebetriebe, folgten ihrer Zeugenladung. 35 Die Opfer-Zeugen berichteten von Auschwitz, von dem Leben und Sterben, standen ihren früheren Peinigern im Gerichtssaal gegenüber, zwanzig Jahre nach dem Grauen. Sie legten die Vorkommnisse von Auschwitz dar; die meisten unter ihnen erinnerten sich sehr genau an den Ort, den einer von ihnen mit der „Hölle von Dante“ 36 vergleicht. Die ehemaligen Angehörigen der Lager SS dahingegen haben vieles vergessen, können oder wollen sich nicht mehr erinnern; den Angeklagten geht es ähnlich. Meist verschweigen sie ihre Beteiligung an den Verbrechen, verweisen auf den Befehlsnotstand, aber Auschwitz leugnen sie nicht, nicht die Selektionen, die Erschießungen, Vergasungen oder das „Abspritzen“.
Zahlreiche Vertreter der nationalen und internationalen Presse berichteten ausführlich über den Auschwitzprozess, unter ihnen auch Bernd Naumann, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der seine Prozessbeobachtungen und Zeitungsberichte 1965 in dem Buch „AUSCHWITZ, BERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE GEGEN MULKA U.A. VOR DEM SCHWURGERICHT FRANKFURT“ 37 zusammenfasste.
Betrachtet man die oben geschilderte Vorgeschichte, die deutsche „Lasst das Vergangene ruhen!“ - Mentalität, so brachte dieser Prozess Auschwitz und die Verbrechen, die während der NS-Zeit im Deutschen Reich an Millionen Menschen begangen wurden unwiderruflich in das öffentliche Bewusstsein.
u. Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau; Berlin: Directmedia 2004, S. 1503f..
35 Vgl. Auschwitz-Prozeß 2004, S. 46ff.
36 89. Verhandlungstag. Zeugenaussage von Dr. Lajos Schlinger. In: Auschwitz-Prozeß 2004, S. 17793.
37 Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt. Frankfurt am Main: Athenäum Verlag 1965.
12
„Anfangs, in den ersten Monaten, immer einmal im Monat“ 38 und später mit größeren Unterbrechungen saß auch Peter Weiss im Gerichtssaal, der seine Aufzeichnungen und die Presseberichte von Bernd Naumann dazu nutzte, das „Unvorstellbare zu überwinden“ 39 und ein dokumentarisches Theaterstück über den Auschwitz-Prozess zu schreiben, das weniger dazu diente, über diese Verhandlung zu berichten, als dem Versuch, den Holocaust in Worte zu fassen.
So tauchen in „DER ERMITTLUNG“ die Urteile über die Angeklagten nicht auf; welches Gericht will über diesen Massenmord auch Recht sprechen? „Bei der Aufführung dieses Dramas soll nicht der Versuch unternommen werden, den Gerichtshof, vor dem die Verhandlungen über das Lager geführt wurden, zu rekonstruieren. Eine solche Rekonstruktion erscheint dem Schreiber des Dramas ebenso unmöglich, wie es die Darstellung des Lagers auf der Bühne wäre“ (DE 9), schreibt Weiss in seinem Vorwort.
3. Die Ermittlung
„Das dokumentarische Theater ist ein Theater der Berichterstattung. Protokolle, Akten, Briefe, […] bilden die Grundlage der Aufführung.“ Es „enthält sich jeder Erfindung“, bringt authentisches Material als Konzentrat in Form und auf die Bühne; Ausschnitte der Realität werden also künstlerisch bearbeitet, verfremdet, rhythmisiert, montiert und zu einer Collage verarbeitet. Es ist immer politisch motiviert und dient der Aufklärung der Menschen, deren Wahrnehmung von den Massenmedien verklärt ist, und ermöglicht so einen weiteren Blickwinkel, ist also auch immer Instrument der politischen Meinungsbildung. 40 So kann der Inhalt der theoretischen Ausarbeitung von Peter Weiss, seiner 14 „NOTIZEN ZUM DOKUMENTARISCHEN THEATER“, kurz zusammengefasst werden. Wie diese Theorie in die literarische Praxis umgesetzt wird, kann unter Zuhilfenahme des bekanntesten Theaterstücks dieses Genres, der „ERMITTLUNG“, beschrieben werden.
38 Kann sich die Bühne eine Auschwitz-Dokumentation leisten? Peter Weiss im Gespräch mit Hans Mayer (Oktober 1965). In: Peter Weiss Jahrbuch 4. Hg. v. Martin Rector u. Jochen Vogt. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 8-31, hier S. 9.
39 Ebenda, S. 9.
40 Vgl. Weiss, Peter: Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Rapporte 2, S. 91-105.
13
3.1 Stoffliche Grundlage
Hauptsächlich stützte sich Weiss auf die Berichterstattung von Bernd Naumann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 41 , der zum Großteil mit Zitaten der Akteure vor Gericht arbeitete. 42 Daneben verwendete er seine Notizen 43 , die während seiner Besuche beim Frankfurter Auschwitz-Prozess entstanden.
An der Ortsbegehung des Gerichtes, die am 13. Dezember 1964 stattfand, nahm auch Peter Weiss teil. Es ist sein erster und einziger Besuch in Auschwitz. Seine Eindrücke schreibt er in „MEINE ORTSCHAFT“ 44 nieder; auch diese Darstellung findet in der „ERMITTLUNG“ Eingang, was vor allem an den sehr genauen Ortsangaben und -beschreibungen erkenntlich ist. Parallel dazu verarbeitete Weiss verschiedene Darstellungen des KZ Auschwitz von Zeitzeugen. In seinen veröffentlichten Notizbüchern finden sich in der Entstehungszeit der „ERMITTLUNG“ bibliographische Angaben, wie zum Beispiel „Levi, Ist das ein Mensch, Frankfurt 1958“ 45 oder „Ruth Andreas-Friedrich, Der Schattenmann, Frankfurt 1947“ 46 , aber auch der biographische Bericht des ehemaligen Lagerkommandanten Rudolf Höß „Kommandant in Auschwitz“ stand auf seiner Literaturliste.
Weitere intertextuelle Bezüge zu der Bergpredigt und der Odyssee arbeitete Marita Meyer heraus. 47
Auch wenn Peter Weiss in seinen Notizen zum dokumentarischen Theater erklärt, das DT enthalte sich jeder Erfindung, fließen trotz allem auch persönliche Aussagen des Autors in die „ERMITTLUNG“ ein, was bei der späteren Darstellung der Figurengestaltung deutlich wird. Diesen „umfassenden Stoff […] muss man vereinfachen, konzentrieren und dann die Wirklichkeit natürlich auch nach seinem dramatischen Schema ganz stark verändern“ 48 .
41 Vgl. Notizbücher, S. 390.
42 Vgl. Naumann 1965.
43 Vgl. Notizbücher, S. 222ff; S. 310ff; S. 317f.; 329ff.
44 Weiss, Peter: Meine Ortschaft. In: Weiss, Peter: Die Ermittlung. Text und Kommentar. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 223 - 237.
45 Notizbücher, S. 241.
46 Ebd., S. 243.
47 Vgl. Meyer, Marita: Bergpredigt - Dante - Odysseus - Levi. Ein intertextueller Kommentar zu zwei Sätzen im „Gesang vom Lager“ in Peter Weiss’ „Ermittlung“. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 9. Hg. v. Martin Hofmann u.a.. St. Ingbert: Röhrig 2000, 102-114.
48 Engagement im Historischen. Ernst Schumacher unterhielt sich mit Peter Weiss. In: Gerlach 1986, S. 82 - 93, hier S. 85.
14
3.2 Bearbeitung des Stoffes
„DIE ERMITTLUNG“ entstand in einer Zeit, in der sich Weiss mit dem Plan eines großen Welttheaters beschäftigte. Nach dem Vorbild der „DIVINA COMMEDIA“ von Dante Alighieri wollte er ein auf Gegenwart und irdisches Leben bezogenes Drama schreiben, welches „die komplizierten Zusammenhänge, die unsre Gesellschaftsordnungen ausmachen, in ihrer Totalität“ 49 auf Papier und Bühne bringt und erklärt. 50
Nach der Vorgabe Dantes, der in seiner Göttlichen Komödie in den drei Teilen Inferno, Purgatorio und Paradiso zu je 33 Gesängen den Seelen der Verstorbenen begegnet, denen je nach ihren Taten und Glauben des irdisches Lebens von Gott ihr Platz zugewiesen ist, sollte Auschwitz und der Holocaust als Ort, an dem sich die Vertriebenen und Geknechteten zusammenfinden, den Paradiso-Teil darstellen. Weiss schrieb dazu: „Deutlich sehe ich die Landschaft des Paradiso, wo jene zu Hause sind, denen Dante einmal Glückseligkeit zusprach. Heute, da von Belohnung nicht mehr die Rede ist, und allein das bestandene Leiden gewertet wird, bleibt dem Wanderer nichts anderes übrig, als mitzuteilen, was er erfahren hat von diesen Leiden. Und er wird die völlige Verödung vorfinden, die himmlischen Räumlichkeiten werden nichts sein als Leere, und nichts kann dargestellt werden in dieser Leere
[…]“ 51 .
Eine scharfe Kritik an den historischen und immer noch herrschenden Verhältnissen und dem radikal-kapitalistischen System, eine Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse sollte Thema dieses neuen Welttheaters sein.
Wegen des ausufernden Stoffes und der Aktualität des Auschwitz-Prozesses veröffentlichte Weiss „DIE ERMITTLUNG“ ohne die beiden anderen Teile. Die Form blieb jedoch erhalten. Dies ist aus einem Brief von Peter Weiss an seinen Lektor ersichtlich:
„Ich bin jetzt dabei, mein Auschwitz-Stück ins Reine zu schreiben, es ist doch ein selbständiges Drama geworden, und es lässt sich mit der ursprünglichen Dante-Idee nicht vereinen. Was ich aus dem 1. Teil, INFERNO, mache, weiss [sic!] ich noch nicht […]. Das Auschwitzstück werde ich voraussichtlich nennen:
DIE VERNEHMUNG ZUR SACHE, Drama in 33 Gesängen.“ 52
49 Weiss, Peter: Gespräch über Dante. In: Rapporte, S. 142 - 170, hier S. 163.
50 Zum Divina-Commedia-Projekt von Peter Weiss vgl. die ausführliche Darstellung bei Krause 1982 und Weiß 2000, hier Band 2, ebenso die Ausführungen von Christine Ivanovic, Michael Hofmann und Martin Rector in Peter Weiss Jahrbuch 6. Hg. v. Martin Rector und Jochen Vogt. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997.
51 Weiss, Peter: Vorübung zum dreiteiligen Drama divina commedia. In: Rapporte, S. 125 - 142 , hier S. 138. 52 Weiss, Peter: Weiss an Unseld, 4.2.1965. Zitiert nach: Weiß, Christoph: Die Ermittlung. In: Peter Weiss Dramen. Neue Interpretationen. Hg. v. Martin Hector und Christoph Weiß. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999, S. 108-155, hier S. 116.
15
Den Titel ändert Weiss im April 1965 in „11 GESÄNGE / eine Untersuchung / DIE ERMITTLUNG“ 53 und letztendlich in „DIE ERMITTLUNG, ORATORIUM IN 11 GESÄNGEN“. 54 Durch den Untertitel Oratorium und die Einteilung in 11 Gesänge, die jeweils aus drei Teilen bestehen, also 33 Gesänge, bleibt die Verbindung zu der Formvorlage erhalten. Oratorium, ein Begriff aus der kirchlichen Musik, zeigt zusätzlich auf der einen Seite weitere Merkmale des Dramas an. Das Oratorium verzichtet, im Unterschied zur Oper, auf eine groß angelegte theatralische Darstellung. Ähnlich sah Weiss auch für „DIE ERMITTLUNG“ vor. 55 „[Die Ermittlung] wird völlig undramatisch gehandelt, d.h. es gehen keine bühnenmässig [sic!] dankbaren Dinge vor. Ich stelle mir vor, wie einzig und allein das Wort hervorgehoben wird und die ganze Kraft in den Aussagen liegt.“ 56
Der Verzicht auf Regieanweisungen zur Gestik der Figuren, Verzicht auf Requisiten, Verzicht auf Persönlichkeitsstrukturen und der Verzicht auf eine dramatische, individuelle Bühnensprache stellen einen Verfremdungseffekt dar, der den Zuschauern einen distanzierten Blick auf den Inhalt des Stücks, die Aussagen der Zeugen und der Angeklagten, ermöglicht. Ganz in der Tradition des epischen Theaters von Brecht soll der Zuschauer nicht in die Handlung hineinversetzt werden, sich nicht in die Figuren auf der Bühne hineinversetzen und mit ihnen leiden, sondern er sitzt als Betrachter dem Bericht gegenüber und muss Entscheidungen fällen, im besten Fall sein moralisches und politisches Handeln ändern. „Die Diskrepanz zwischen der Schlichtheit der Darstellung und der Unerträglichkeit der inhaltlichen Aussage schärft den Blick für die Dimension der Spannungen, die der Text produziert.“ 57
Aus den gleichen Gründen neutralisiert Weiss die örtliche Gebundenheit; die Ortsbezeichnung Auschwitz ersetzt er durch Örtlichkeit; das Wort Jude nennt er kein einziges Mal. 58 Weiss versuchte, „das Phänomen Auschwitz wissenschaftlich zu behandeln, als eine
53 Notizbücher, S. 367.
54 Zur Textgenese vgl. die ausführliche Darstellung von Krause 1982, S. 656-666.
55 Vgl. die ausführliche Darstellung bei Lindner, Burkhardt: Im Inferno. Die Ermittlung von Peter Weiss. Auschwitz, der Historikerstreit und Die Ermittlung. Badenweiler 1988, S. 46-56.
56 Weiss, Peter: Weiss an Unseld, 15.2.1965. Zitiert nach: Weiß 1999, S. 117.
57 Descourvières, Benedikt: Annäherung an das Unsagbare. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 11. Hg. v. Michael Hoffman, Martin Rector und Jochen Vogt in Verbindung mit der Internationalen Peter Weiss Gesellschaft. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2002, S. 85-105, hier S. 94.
58 Dies führte in Kritikerkreisen zu Anschuldigungen. Vgl. dazu die Diskussion bei Cohen, Robert: Identitätspolitik als politische Ästhetik. Peter Weiss’ Ermittlung im amerikanischen Holocaust-Diskurs. In: „Niemand zeugt für den Zeugen“. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah. Hg. v. Ulrich Baer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 156-173.
16
Institution, eine Todesfabrik, die unter bestimmten Umständen überall existieren könnte. In der Ermittlung werden nicht Juden vernichtet, sondern Menschen.“ 59
Die einzelnen Gesänge sind wie folgt überschrieben:
1 Gesang von der Rampe 2 Gesang vom Lager 3 Gesang von der Schaukel 4 Gesang von der Möglichkeit des Überlebens 5 Gesang vom Ende der Lili Tofler 6 Gesang vom Unterscharführer Stark 7 Gesang von der Schwarzen Wand 8 Gesang vom Phenol 9 Gesang vom Bunkerblock 10 Gesang vom Zyklon B 11 Gesang von den Feueröfen
Die Abfolge der einzelnen Gesänge ist in mehreren Schichten geordnet. Zum einen führt eine topologische Ordnung den Weg der Opfer vor, von dem Transport und der Ankunft im Lager in dem Gesang von der Rampe bis hin zum Gesang von den Feueröfen, den Krematorien, in denen die meisten der Häftlinge endeten. 60
Durchbrochen ist dies von einer thematischen Ordnung, nämlich der, dass in den ersten vier Gesängen persönliche Schicksale zwar nicht beim Namen genannt, aber doch geschildert werden. Dies führt dann zum Höhepunkt in dem Gesang vom Ende der Lili Tofler, in der die Hinrichtung dieser Slowakin behandelt und ihr Einzelschicksal, samt der Ausbeutung durch die Industriebetriebe, geschildert wird. Wegen eines verbotenen Briefwechsels mit einem Mithäftling soll Tofler hingerichtet werden, insofern sie nicht den Namen des Mithäftlings nennt. Tofler weigert sich und wird daraufhin erschossen. Ihr Einzelschicksal, ihre überlegte Auflehnung gegen das Lagersystem steht im Kontrast zum Gesang vom Unterscharführer Stark, der einen der Angeklagten behandelt, der zu der damaligen Zeit Dienst in Auschwitz tat und parallel das Abitur ablegte. Die Diskurse, die er mit Häftlingen „über den Humanismus bei Goethe“ (DE 116) führte, stehen im krassen Gegensatz zu den Ausführungen, wie er die Häftlinge behandelte und zur Beschreibung seiner Beteiligung an Vergasungen und Erschießungen. Das Entfernteste liegt hier eng nebeneinander. Anders als Lili Tofler sieht Stark keine Möglichkeit subjektiven Handelns, was seine letzte Aussage in 6/III zeigt
59 Die geteilte Welt des Dramatikers Weiss. In: Gerlach 1986, S. 94-106, hier S. 101.
60 Vgl. Schumacher, Ernst: „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. In: Über Peter Weiss. Hg. v. Volker Canaris. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 69-91, hier S. 79.
17
„Uns wurde das Denken abgenommen Das taten ja andere für uns„ (DE 131)
Die Gesänge 7 - 11 behandeln die Massentötungen, die Entindividualisierung, die Zahlen von Toten, die nicht mehr greifbar sind.
Den chronologischen Ablauf der Verhandlung bricht Weiss. Verhöre der Angeklagten und Vernehmungen der Zeugen sind im Original-Prozess zeitlich getrennt verlaufen, in der „ERMITTLUNG“ folgen sie unmittelbar aufeinander. 61
Diese direkte Gegenüberstellung der „nüchtern, deskriptiv vorgetragenen Gräueln [sic!] [durch die Opferzeugen] und der im gesamten Text kommunikativen Abwehr [der Angeklagten und der Verteidigung] konstituiert den zentralen Gegensatz zwischen dem Schrei nach Gerechtigkeit und der unfassbaren Verantwortungslosigkeit der Täter“ 62 .
3.3 Die Figuren und ihre politische Anklage
Während dem Auschwitz Prozess mehrere hundert Akteure beiwohnten, treten in der „ERMITTLUNG“ insgesamt nur 30 Figuren auf, die konzentriert sind auf neun Zeugen, 18 Angeklagte, einen Richter, einen Ankläger und einen Verteidiger.
Die Darstellung der Figuren soll sich hier nur auf drei spezielle Zeugen und deren politische Aussage beschränken.
3.3.1 Die neun Zeugen
Die Aussagen der insgesamt 360 Zeugen des Frankfurter Prozesses sowie die Inhalte der Berichte der acht Sachverständigen arrangiert Weiss in die Aussagen der neun Zeugenfiguren der „Ermittlung“. „Die persönlichen Erlebnisse und Konfrontationen müssen einer Anonymität weichen. Indem die Zeugen im Drama ihre Namen verlieren, werden sie zu bloßen Sprachrohren. Die 9 Zeugen referieren nur, was hunderte ausdrückten.“ 63 Die neun Sprecher tragen Nummern, keine Namen - wie die Häftlinge in Auschwitz. Der Identitätsverlust, den die Häftlinge erfuhren, wird hiermit deutlicht gemacht. Die Angeklagten hingegen „tragen Namen, die aus dem wirklichen Prozeß übernommen sind. Daß sie ihre eigenen Namen haben ist bedeutungsvoll, da sie ja auch während der Zeit, die zur
61 Vgl. Auschwitz-Prozeß 2004.
62 Descourvières 2002, hier S. 94.
63 Ermittlung, S. 9.
18
Verhandlung steht, ihre Namen trugen, während die Häftlinge ihre Namen verloren hatten“ (DE 9). 64
Die Zeugen lassen sich unter dem Gesichtspunkt, welche Aussagencollagen sie auf der Bühne verkörpern, in vier Gruppen unterteilen. 65 Die Zeuginnen vier und fünf verkörpern weibliche Opferzeugen des Prozesses, die Zeugen 6 bis 9 männliche. Im Gegensatz dazu stellen die Zeugen 1 und 2 Täterzeugen dar, der Zeuge 3 ist der politische Zeuge, der unter anderem Peter Weiss seine Stimme leiht. Auf diese drei und ihre Aussagen soll nun näher eingegangen werden.
3.3.2 Die Täterzeugen - Zeugen 1 und 2
Zeuge 1 und Zeuge 2 tragen die Aussagen der ehemaligen Wachmannschaften, SS-Funktionäre, Kollaborateure und Mitarbeiter der Wirtschaftsunternehmen, die sich um das Lager Auschwitz ansiedelten.
Die Figuren auf der Bühne übernehmen dabei jeweils verschiedene Charaktere; Weiss stellt also eine Collage an.
Zeuge 2 gibt dabei zum Beispiel in dem 1. Gesang/I. Teil ein Konzentrat der Aussagen von Wilhelm Hilse, der die Güterabfertigung im Bahnhof Auschwitz leitete. Zu den transportierten „Gütern“ gehörten auch Menschen, pro Waggon „60 Stück oder 80 Stück“ (DE 15), womit deutlich wird, dass auch in der aktuellen Aussage das Menschenbild auf die damaligen Häftlinge nicht zutrifft.
Wie bei allen Zeugenaussagen von 1 und 2 versucht Zeuge 2 auch in seinem ersten Auftritt, seine Hilfsbereitschaft kund zu tun, die nur durch die damaligen Systemträger und Staatsschützer unterbunden wurden. „Ich sah einmal eine Frau die ein kleines Kind an die Luftklappe hielt und fortgesetzt nach Wasser schrie Ich holte einen Krug Wasser und wollte ihn ihr reichen Als ich den Krug hochhob kam einer der Wachleute und sagte wenn ich nicht sofort weggehe würde ich erschossen“ (DE 16)
64 Vgl. Salloch 1972, S. 88-93.
65 Vgl. Schmitz 1981, S. 76 - 90.
19
In dem Tonbandmitschnitt des Auschwitz Prozesses sagt Wilhelm Hilse: „Ich will Ihnen hierzu nur einen Fall nennen: Es war im Sommer des Jahres 1944, da stand ein Transportzug von Ungarn im Bahnhof Auschwitz, unmittelbar gegenüber der Güterabfertigung. Die Wagentüren waren geschlossen. Nur die Luftklappen waren offen. Und eine Frau hielt ein kleines Kind im Arm und rief fortlaufend nach Wasser. Ich habe mir dann ein Herz gefaßt, ich habe dann einen Krug Wasser genommen und bin rangegangen an den Zug. Und als ich in unmittelbarer Nähe des betreffenden Wagens stand, kam sofort ein SS-Mann an mich heran und fragte, was ich hier zu suchen habe. Ich habe ihm daraufhin geantwortet: ‚Ich möchte dieser Frau den Krug Wasser geben.’ Die Antwort des SS-Mannes: ‚Wenn Sie nicht sofort weggehen hier von
dem Wagen, schieße ich Sie tot.’“ 66
An diesem Beispiel lässt sich die sprachliche Bearbeitung des Rohmaterials durch Weiss erklären. Wie im gesamten Stück fehlt dem Haupttext jegliche Interpunktion, was das Sprechen von Emotionen befreit und allen Figuren eine sachliche, enge Sprache verschreibt. Weiss spart mit attributiven Phrasen, ersetzt die Mündlichkeit durch gesprochene Schriftlichkeit, was zum Beispiel durch die Tempuswandlung von Perfekt in Präteritum deutlich wird. Er kürzt die Aussagen, verfremdet sie zur reinen Sachäußerung, nimmt ihnen jegliche Persönlichkeit. 67
Die Gliederung in Verse zäsiert die Sprache; die Darsteller auf der Bühne sind gezwungen, die Prägnanz des Wortes bei ihrer Darstellung zu vermitteln. 68 Die Aussage, dass sie geholfen hätten, wenn dies nicht unter Androhung des eigenen Todes unterbunden worden wäre, zieht sich durch die Aussagen der Zeugen 1 und 2. Die Figur des Zeugen 1 übernimmt in 7/I Aussagen von Johannes Thümmler, dem ehemaligen Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Kattowitz 69 ; einem SS-Obersturmbannführer, der die Verhandlungen des Standgerichts in Auschwitz führte. Seine Ausführungen sind, wie alles von den Zeugen 1 und 2 Gesagte, gespickt mit den Sätzen „Davon ist mir nichts bekannt“ (DE 139), „Daran kann ich mich nicht erinnern“ (DE 139) oder „Das weiß ich nicht mehr“ (DE 140). Bei allen Repräsentanten des NS-Staates, die in der Ermittlung auftreten, auch bei den Angeklagten, ist eine gewollte Amnesie eingetreten; ein direkter Verweis auf das Vergessen-Wollen in der BRD der 50er und 60er Jahre. Auch die ständigen Verweise über die Berufe der Zeugen 1 und 2, die im Gegensatz zu den Berufen der Zeugen 3 - 9 genannt werden, zielt auf die Vergangenheitsbewältigung und die „Ent-Entnazifizierung“ in Deutschland ab. Während die Opferzeugen 3-9 immer noch in ihrem Trauma leben, sind die Täter in ihr bürgerliches Leben, meist in hohen Positionen in Wirtschaft und Verwaltung, zurückgekehrt. Als „Oberinspektor der Bundesbahn“ (Zeuge 2,
66 Auschwitz-Prozeß 2004, S. 26083.
67 Vgl. Salloch 1972, S. 127-136.
68 Vgl. Hilzinger, Klaus Harro: Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1976, S. 53-57.
69 Vgl. Auschwitz-Prozeß 2004, S. 378.
20
DE 14), „Leiter eines großen kaufmännischen Betriebes“ (Zeuge 1, DE 140), „Ministerialrat“ (Zeuge 1, DE 109) oder „Vorsitzender des Aufsichtsrats“ der großen Industrieunternehmen (Zeuge 2, DE 110), die mit dem Lager zusammenarbeiteten und von denen der Zeuge weiterhin ein Ehrenrente von „300.000 Mark im Jahr“ (DE 110) bezieht, leiten sie immer noch die deutschen Geschicke.
Die Vernehmung dieses Zeugen 2 in dem Gesang vom Ende der Lili Tofler ist symptomatisch für die Anklage, die in der „ERMITTLUNG“ auch gegen die wirtschaftlichen Unternehmen geführt wird, die an der Ausbeutung mitverdienten. Als einziger von drei geladenen ehemaligen Leitern der „mit dem Lager zusammenarbeitenden Betriebe“ (DE 110) ist dieser Zeuge erschienen, hat doch ein Zeuge „dem Gericht ein Attest eingereicht, dass er erblindet sei und deshalb nicht kommen könne, der andere Zeuge leidet an gebrochenem Rückgrat“ (DE 110).
Die Berichterstattung von Naumann zu diesem Ereignis lautet:
„Herren aus der Leitung des ehemaligen IG-Farben-Konzerns sind geladen, um auszusagen über die Verstrickungen zwischen SS und diesem Unternehmen, insbesondere auch über Zustände und Zuständigkeiten im Auschwitzer Buna-Werk des Konzerns in Monowitz. Vorstandsmitglied Dr. Heinrich Bütefisch hatte entschieden, der Verhandlung ohne Angabe von Gründen fernzubleiben; Dr. Dürrsfeld, einst Werksleiter in Monowitz, verwies unter Belegung eines Attestes auf ein
gebrochenes Rückgrat, auf einen Wirbelsäulenbruch.“ 70
Hier hält sich Weiss nicht an die reinen Fakten, sondern erfindet ein weiteres Attest. Die beiden Krankheitsbilder sind doch nicht wörtlich zu verstehen; das gebrochenem Rückgrat steht symbolisch für die Charakterschwäche der Wirtschaft, aufgrund der Gewinnaussichten sowohl den NS-Statt zu unterstützen, als auch von der radikalen Ausbeutung der Opfer zu profitieren; die Blindheit verdeutlicht nur die Entschuldigung, die auch in der „ERMITTLUNG“ von Seiten der Kollaborateure immer wieder gegeben wird: „Darüber ist mir nichts bekannt“ (DE 111). Das „Nichts-Sehen-Wollen“ eines Großteils der deutschen Bevölkerung wird hier angeklagt.
Die Zeugen 1 und 2 sind nicht, wie Ingeborg Schmitz schreibt, „Zeugen der Verteidigung“ 71 , sondern sind Mitläufer und Täter, die von Weiss dargestellt nicht der Verteidigung dienen, sondern der weiteren Unterstützung der Anklage.
„Zeuge 1 und 2 bilden die Brücke zwischen den Henkern und Opfern (sie sind es auch, die den Angeklagebezirk bis in die Sesselreihen der Theater ausdehnen)“ 72 . Hier sei nur auf die Aussage des Zeugen 1 in 11/II verwiesen, der als SS-Richter Dr. Konrad Morgen 73 die Korruption in Auschwitz untersuchen sollte.
70 Naumann 1965, S. 229.
71 Schmitz 1981, S. 79.
72 Jens, Walter: „Die Ermittlung“ in Westberlin. In: Über Peter Weiss. Hg. v. Volker Canaris. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 92-97, hier S. 92.
21
„Ich wurde als Untersuchungsrichter angefordert weil ausgehende Pakete die kiloweise Gold enthielten beschlagnahmt worden waren Ich ermittelte dass es sich um Zahngold handelte Nachdem ich das Gewicht einer einzelnen Plombe errechnet hatte kam ich zu dem Ergebnis dass Tausende von Menschen notwendig waren um einen solchen Klumpen Gold herzugeben […]
In der Wachstube saßen die Mannschaften halbbetrunken auf den Bänken und in den Waschräumen standen ausgesucht hübsche Häftlingsmädchen und buken an einem Herd Kartoffelpuffer für die Männer die sich von ihnen bedienen ließen Als ich die Spinde der Leute untersuchte ergab sich dass diese voll geladen waren mit Reichtümern“ (DE 209 f.)
3.3.3 Das politische Sprachrohr - Der Zeuge 3
Der Zeuge 3 nimmt in der „Ermittlung“ eine Sonderstellung ein. Er dient Weiss als politisches Sprachrohr. 74 Er übernimmt zum einen die Aussagen der wichtigen Opferzeugen Otto Wolken und Hans Langbein, die sich beide für eine systematische Verfolgung der NS-Verbrechen einsetzten und mit ihren Buchveröffentlichungen über Auschwitz und der Mitarbeit in dem „Internationalen Auschwitz Komitee Wien“ gegen das Vergessen und die Auschwitz-Lüge arbeiteten. 75
Langbein und Wolken deckten mit ihren Berichten die Lüge um den Befehls-Notstand auf, auf den sich auch im Frankfurter Prozess die Angeklagten beriefen. „Die Machtfülle eines jeden im Lagerpersonal war unbegrenzt Es stand jedem frei zu töten
73 Vgl. Auschwitz-Prozeß 2004, S. 5556
74 Vgl. zur Politisierung des Zeugen 3: Weiß 1999.
75 Vgl. hier auch Kapitel 2 „Der Auschwitz Prozess“
22
oder zu begnadigen 76 […]
Der Lagerarzt Flagge zeigte mir dass es möglich war zwischen den Tausenden noch ein einzelnes Leben zu sehn er zeigte mir dass es möglich gewesen wäre auf die Maschinerie einzuwirken wenn es mehr gegeben hätte von seiner Art“ 77 (DE 89 f.)
Nicht nur den Angeklagten nimmt Zeuge 3 deren Entschuldigungsstrategie, er erklärt auch die Maschinerie, in der jedes auch noch so kleine Rädchen, ob es nun die Weichen für die Züge nach Auschwitz stellte, die Deportationsbefehle telegrafierte oder Formulare am Bürotisch bearbeitete, zum Funktionieren beigetragen hat und sich somit der Mithilfe zum Mord und der Mitwisserschaft schuldig machte. „Jedem der 6000 Mitglieder des Personals die im Lager arbeiteten waren die Vorgänge bekannt und jeder leistete auf seinem Posten was für das Funktionieren des Ganzen geleistet werden mußte […] Jeder einzelne in den hundert und tausend Amtsstellen die mit den Aktionen beschäftigt waren wusste worum es ging“ (DE 213)
Nur, wenn die Technik nicht funktioniert, kann diese Todesmaschinerie durchbrochen werden. Nur dann ergibt sich die Möglichkeit des Überlebens. 78 „Ich selbst war nur durch Zufall der Vergasung entgangen
weil an diesem Abend die Öfen verstopft waren“ (DE 104)
76 Vgl. dazu die Aussage von Langbein in Auschwitz-Prozeß 2004, S. 5381 f..
77 Vgl. dazu die Aussage von Wolken in Auschwitz-Prozeß 2004, S. 4972ff.
78 Vgl. Salloch 1972, S. 104.
23
Einem Zurücklehnen mit der Aussage „Ich habe davon nichts gewusst!“ oder „Ich habe mir die Finger nicht schmutzig gemacht!“ erteilt der Zeuge 3 eine Absage. Er belässt es aber nicht bei dem Lagerpersonal, sondern erweitert auf nüchterne Art und Weise den Angeklagtenkreis auf das ganze System des NS-Staates. „Ich spreche frei von Haß Ich hege gegen niemanden den Wunsch nach Rache Ich stehe gleichgültig vor den Angeklagten und gebe nur zu bedenken daß sie ihr Handwerk nicht hätten ausführen können ohne die Unterstützung von Millionen“ (DE 214)
Dieses System ist aber nicht Geschichte, es hat weiter Bestand.
„Ich bitte nur darauf hinweisen zu dürfen wie dicht der Weg von Zuschauern gesäumt war als man uns aus unsern Wohnungen vertrieb und in die Viehwagen lud Die Angeklagten in diesem Prozeß stehen nur als Handlanger ganz am Ende Andere über ihnen die vor diesem Gericht nie zur Rechenschaft gezogen wurden Einige sind uns hier begegnet als Zeugen 79 Diese leben unbescholten Sie bekleiden hohe Ämter sie vermehren ihren Besitz und wirken fort in jenen Werken in denen die Häftlinge von damals verbraucht wurden“ (DE 214 f.)
Mit dem Verweis auf die „hohen Ämter“ und die „Werke“ stellt der Zeuge 3 noch einmal das politisch gestützte kapitalistische System, das dieses Konzentrationslager ermöglichte, als
79 Vgl. die Erklärung zur „faktischen Amnestie“ in Kapitel 2 „Der Auschwitzz-Prozess“
24
weiterhin existierend heraus. Er verdeutlicht dies noch, indem er in einer Collage erst dem Sachverständigen Martin Broszat 80 seine Stimme zu der Erklärung: „Wir müssen die erhabene Haltung fallen lassen dass uns diese Lagerwelt unverständlich ist Wir kannten alle die Gesellschaft aus der das Regime hervorgegangen war das solche Lager erzeugen konnte“ (DE 94)
und dann Peter Weiss zu einer Systemkritik leiht.
Die Ordnung die hier galt war uns in ihrer Anlage vertraut deshalb konnten wir uns auch noch zurechtfinden in ihrer letzten Konsequenz in der der Ausbeutende in bisher unbekanntem Grad seine Herrschaft entwickeln durfte und der Ausgebeutete
noch sein eigenes Knochenmehl liefern musste“ (DE 94)
Durch die Anapher „Wir“ öffnet sich die vierte Wand des Theaters und nimmt den Zuschauer mit in die Aussage ein. Diese Aussage noch in den Ohren, erhält der Zuschauer am Ende des Gesangs durch den Zeugen 7 den letzten Stoß, zu akzeptieren, dass er nicht nur der Vergangenheit zuschaut, sondern gegenwärtig zum politischen Handeln gezwungen ist. „Ich kam aus dem Lager heraus aber das Lager besteht weiter“ (DE 97)
Weiss stellt mit dieser Zeugencollage das KZ Auschwitz und das NS-System als Folge eines radikalkapitalistischen Systems dar, das immer noch, wenn auch in einer abgeschwächten Form, weiter existiert. Dieses System sollte aufgrund der Folgen, die daraus entstehen können, überdacht werden.
„Die Nazi-Lager waren das extreme Ergebnis einer bestimmten Gesellschaftsform, des Kapitalismus; das heißt nicht, dass sie im Kapitalismus zwangsläufig wären, aber es gibt eine bruchlose Kontinuität zwischen den Konzentrationslagern und der kapitalistischen Herrschaftsform.“ 81
80 Vgl. Broszat, Martin: Anatomie des SS-Staates. Werk in zwei Bänden. München 1967. Broszat erklärt in Band 2, S. 144, dass „die Beteiligung einer großen Anzahl von Industrie-Unternehmen an dem System der Häftlingszwangsarbeit wie überhaupt von ausländischen Arbeitern, zu der es in den letzten Kriegsjahren kam, bleibt ein besonders deprimierendes Kapitel in der Geschichte weltberühmter deutscher Industriefirmen“.
81 Tailleur, Jean: Gespräch mit Peter Weiss über Deutschland, den Sozialismus und das Theater. In: Gerlach 1986, S. 111-116, hier S. 115
25
Dem Autor hat diese politische Anklage, die an den oben geschilderten Aussagen der Zeugen, vor allem an denen des Zeugen 3, deutlich gemacht wurde, herbe Kritik eingetragen, unter anderem, dass er „diesen Prozeß als Vorwand [benutze], um dahinter etwas ganz anderes sichtbar zu machen […]. Seiner kommunistischen Weltanschauung zuliebe projiziert er einen Film, worin hinter dem Angeklagten des Prozesses die deutsche Industrie auftaucht“ 82 . Diese Behauptung ist, betrachtet man die Fülle der Aussagen, die dieser Text macht, nicht tragbar und wurde mittlerweile durch verschiedene wissenschaftliche Bearbeitungen widerlegt. 83 Diese Kontroverse ist ein Resultat des Kalten Krieges, dem innerdeutschen Verhältnis der 60er Jahre.
Aber natürlich ist dieses dokumentarische Theater politisch, was es seinem Genres auch schuldig ist. Es hat eine klare politische Aussage. Und die lautet doch eher: Auch die deutsche Industrie müsste unter den Angeklagten dieses Prozesses auftauchen.
III. Eine kurze persönliche Schlussnotiz
Ein sehr dichtes Drama, das da ermittelt wird, in dem sehr viel zu erlesen und zu erfahren ist, wie die breite und kontroverse Rezeption beweist. 84
Die dokumentarische Dramenform mit ihrer verfremdeten Bearbeitung trieb mich dazu, verstehen zu wollen, so dass ich mich ausgiebig mit Auschwitz, dem Auschwitz-Prozess und, unter diesem Aspekt, den 50er und 60er Jahren in Deutschland beschäftigte. Vielleicht war dies eines der Ziele, die Peter Weiss mit seinem Stück verfolgte, seine Leser zu sensibilisieren, sie zum Willen der Erkenntnis zu treiben.
Ich habe versucht, mich auf einen kleinen Teil der vielseitigen Aussagen, die dieser Text liefert, zu beschränken und diesen in meiner Lesart zu betrachten. Eine umfassendere Bearbeitung hätte den quantitativen Umfang dieser Arbeit gesprengt. Peter Weiss’ „Ermittlung“ zeigt einem Leser meiner Generation, dessen Großeltern zur Zeit des Dritten Reiches noch Kinder waren, zu welch einem barbarischen Handeln Menschen fähig waren und zu welch einem barbarischen Handeln Menschen fähig sein können und somit fähig sind. Und sie zeigt es als ständige Gefahr, anders als dies Filme wie „Schindlers Liste“ tun, die zwar ergreifend sind, aber dem Zuschauer nur den Blick auf etwas lange Vergangenes erlauben. 85
82 Danler, Karl-Robert. Eine fragwürdige Ermittlung. In: Industriekurier, 30. Oktober 1965. Zitiert nach Salloch 1972, S.98.
83 Vgl. z. B. Weiß 1999, S. 133-141.
84 Vgl. dazu ausführlich Weiß 2000.
85 Vgl. dazu die ausführliche Darstellung bei Weiß, Christoph: Happy-End. Anmerkungen zur Rezeption von Steven Spielbergs Schindlers Liste und Peter Weiss’ Ermittlung. In Peter Weiss Jahrbuch 4, S. 34-53.
26
Zum anderen gibt diese „Ermittlung“ einen Einblick in das Täterverhalten nach Auschwitz, in das Schweigen-Wollen eines Großteils der deutschen Bevölkerung, in die Ohnmacht, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Und sie akzeptiert diese Ruhe nicht. Zum dritten gibt sie einem Leser Anstoß, Antrieb und Grund, sich sowohl mit der Politik und den Systemen der Geschichte, als auch mit der Politik und den Systemen der Gegenwart kritisch auseinanderzusetzen. Und sie rechtfertigt dieses Engagement.
27
IV. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Weiss, Peter: Från ö till ö. Stockholm: Bonnier 1947
Ders.: De Besgrade. Stockholm 1948
Ders.: Duellen. Stockholm: Privatdruck 1953
Ders.: Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten. Wissenschaftliche Mitarbeit: Jürgen Holemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968
Ders.: Gespräch über Dante. In: Ders.: Rapporte. Frankfurt am Main:Suhrkamp 1968 S. 142-170
Ders.: Vorübung zum dreiteiligen Drama divina commedia. In: Ders.: Rapporte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968, S. 125-142
Ders.: Rapporte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968.
Ders.: Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Rapporte 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 91-105
Ders.: 10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt. In: Ders.: Rapporte 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 14-23
Ders.: Rapporte 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971
Ders.: Fluchtpunkt. 6. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973
Ders.: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen. [1965]. In: Ders.: Stücke I Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976.
Ders.: Stücke I. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976
Ders.: Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. Drama in zwei Akten. In: Ders.: Stücke I. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 155 - 255
Ders.: Trotzki im Exil. Stück in 2 Akten. In: Ders.: Stücke II. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 417 - 517
28
Ders.: Stücke II. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977
Ders.: Abschied von den Eltern. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980
Ders.: Von Insel zu Insel. Berlin: Frölich & Kaufmann 1984
Ders.: Das Duell. 4. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984
Ders.: Die Besiegten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985
Ders.: Die Ästhetik des Widerstands. Ausgabe in einem Band. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986
Ders.: Die Ermittlung. Text und Kommentar. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, Suhrkamp BasisBibliothek 65
Ders.: Meine Ortschaft. In: Weiss, Peter: Die Ermittlung. Text und Kommentar. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 223 - 237
Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Übertragen von Karl Vossler.2. Aufl.; München: Piper 1986
Selbstzeugnisse des Autors
Weiss, Peter: Notizbücher 1960 - 1971. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982
Interviews
Gerlach, Rainer
und Richter, Matthias: Peter Weiss im Gespräch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986
Schön, Wolf: Die Malerei ist statisch. Als aus den Bildern Bücher wurden. Ein Gespräch mit Peter Weiss. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 259 - 26
Tailleur, Jean: Gespräch mit Peter Weiss über Deutschland, den Sozialismus und das Theater. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 111-116
Die geteilte Welt des Dramatikers Weiss. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 94-106
Engagement im Historischen. Ernst Schumacher unterhielt sich mit Peter Weiss. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 82 - 93
29
“Können diese beiden Deutschlands miteinander leben?“ Vollständiger und autorisierter Text des Ferneseh-Dialogs zwischen Peter Weiss und Wolfgang Neuss. In: Peter Weiss im Gespräch. Hg. v. Rainer Gerlach u. Matthias Richter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 106 - 111
Kann sich die Bühne eine Auschwitz-Dokumentation leisten? Peter Weiss im Gespräch mit Hans Mayer (Oktober 1965). In: Peter Weiss Jahrbuch 4. Hg. v. Martin Rector u. Jochen Vogt. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 8-31
Sekundärliteratur
Baer, Ulrich: „Niemand zeugt für den Zeugen“. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000
Canaris, Volker (Hg.): Über Peter Weiss. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971
Cohen, Robert: Peter Weiss in seiner Zeit. Leben und Werk. Stuttgart: Metzler 1992
Ders.: Identitätspolitik als politische Ästhetik. Peter Weiss’ Ermittlung im amerikanischen Holocaust-Diskurs. In: „Niemand zeugt für den Zeugen“. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah. Hg. v. Ulrich Baer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 156-173
Descourvières, Benedikt: Annäherung an das Unsagbare. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 11. Hg. v. Michael Hofmann u.a.. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2002, S. 85-105
Dwars, Jens-Fietje: Und dennoch Hoffnung - Peter Weiss. Eine Biographie. Berlin: Aufbau 2007
Hilzinger, Klaus Harro: Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1976
Hofmann, Michael: Peter Weiss’ Dante-Rezeption und die poetische Erinnerung der Shoa. In: Peter Weiss Jahrbuch 6. Hg. v. Martin Rector und Jochen Vogt. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, S. 94-109
Ders. u.a. (Hg.): Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 9. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag
2000
Ders. u.a. (Hg.): Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 11. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag
2002
30
Ivanovic, Christine: Der Schritt zur Vernunft. Peter Weiss’ Dante-Diskurs als Paradigma einer Dichtung nach Auschwitz. In: Peter Weiss Jahrbuch 6. Hg. v. Martin Rector und Jochen Vogt. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, S. 68-93
Jens, Walter: „Die Ermittlung“ in Westberlin. In: Über Peter Weiss. Hg. v. Volker Canaris. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 92-97
Koch, Rainer u.a. (Hg.): Peter Weiss Jahrbuch 1. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1992
Krause, Rolf D.: Faschismus als Theorie und Erfahrung. „Die Ermittlung“ und ihr Autor Peter Weiss. Frankfurt am Main, Bern: Peter Lang
1982
Lindner, Burkhardt: Im Inferno. Die Ermittlung von Peter Weiss. Auschwitz, der Historikerstreit und Die Ermittlung. Badenweiler 1988
Meyer, Marita: Bergpredigt - Dante - Odysseus - Levi. Ein intertextueller Kommentar zu zwei Sätzen im „Gesang vom Lager“ in Peter Weiss’ „Ermittlung“. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Band 9. Hg. v. Martin Hofmann u.a.. St. Ingbert: Röhrig 2000, 102-114
Rector, Martin: Laokoon und der vergebliche Kampf gegen die Bilder. Medienwechsel und Politisierung bei Peter Weiss. In: Peter Weiss Jahrbuch 1. Hg. v. Rainer Koch u.a.. Opladen: Westdeutscher Verlag 1992, S. 24-41
Ders. u.a. (Hg.): Peter Weiss Jahrbuch 4. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1995
Ders. u.a. (Hg.): Peter Weiss Jahrbuch 6. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997
Ders.: Sechs Thesen zur Dante-Rezeption bei Peter Weiss. In: Peter Weiss Jahrbuch 6. Hg. v. Martin Rector und Jochen Vogt. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, S. 110-115
Ders. u.a. (Hg.): Peter Weiss Dramen. Neue Interpretationen. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999
Salloch, Erika: Peter Weiss’ Die Ermittlung. Zur Struktur des Dokumentartheaters. Frankfurt am Main: Athenäum 1972
Schmitz, Ingeborg: Dokumentartheater bei Peter Weiss. Von der ‚Ermittlung’ zu ‚Hölderlin’. Frankfurt am Main, Bern, Cirencester: Peter Lang
1981
31
Schumacher, Ernst: „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. In: Über Peter Weiss. Hg. v. Volker Canaris. 2. Aufl.; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 69-91, hier S. 79.
Weiß, Christoph: Die Ermittlung. In: Peter Weiss Dramen. Neue Interpretationen. Hg. v. Martin Rector und Christoph Weiß. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999, S. 108-155
Ders.: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. 2 Teile. St. Ingbert 2000
Ders.: Happy-End. Anmerkungen zur Rezeption von Steven Spielbergs Schindlers Liste und Peter Weiss’ Ermittlung. In: Peter Weiss Jahrbuch 4. Hg. v. Martin Rector u. Jochen Vogt. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 34-53
Historische Darstellungen und Quellen
Arendt, Hannah: Nach Auschwitz. Essays und Kommentare 1. Hg. v. Eike Geisel u. Klaus Bittermann; Berlin: Edition Tiamat 1989
Dies.: Der Auschwitz-Prozeß. In: Dies.: Nach Auschwitz. Essays und Kommentare 1. Hg. v. Eike Geisel u. Klaus Bittermann; Berlin: Edition Tiamat 1989, S. 99-136
Broszat, Martin: Anatomie des SS-Staates. Werk in zwei Bänden. München 1967
Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München: Kindler 1974
Naumann, Bernd: Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt. Frankfurt am Main: Athenäum Verlag 1965
Ders.: Auschwitz. Bericht über die Strafsahce gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt.Vom Autor gekürzte und bearbeitete Ausgabe. Frankfurt am Main und Hamburg: Fischerei Bücherei 1968
Rückerl, Adalbert: NS-Verbrechen vor Gericht. Versuch einer
Vergangenheitsbewältigung. 2. Aufl.; Heidelberg 1984
Auschwitz. Die sechsteilige BBC-Dokumentation. London: BBC 2002
Der Auschwitz-Prozeß. Tonbandmitschnitte, Protokolle und Dokumente. Hg. v. Fritz Bauer Institut u. Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau; Berlin: Directmedia 2004
32
Arbeit zitieren:
Wolfgang Bay, 2007, Die politische Anklage der "Ermittlung", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Christenverfolgung unter Nero
Ursachen und Rechtsgrundlagen
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Die Vereinten Nationen - Ausarbeitung einer Unterrichtsstunde für eine...
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
"Die Mauer – ein Symbol für Grenzsicherung und Flucht?" als ...
Unterrichtsentwurf, 15 Seiten
Neusachliche Motive in Erich Kästners "Fabian"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 29 Seiten
Die Großstadtdarstellung in Erich Kästners „Fabian“ und in Alfred Döbl...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Die Politik Ottos des Großen gegenüber den Slawen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 21 Seiten
Die sprachliche Ästhetisierung des Holocaust in Peter Weiss' "...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 16 Seiten
Peter Weiss: Die Ermittlung - Zur Struktur des dokumentarischen Theate...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 33 Seiten
Die frühen Christen und ihr Verhältnis zum römischen Staat
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Zwischenprüfungsarbeit, 34 Seiten
Die Verträge von Moskau und Warschau als Ergebnis der "neuen"...
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Wolfgang Bay's Text Die politische Anklage der "Ermittlung" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Wolfgang Bay hat den Text Die politische Anklage der "Ermittlung" veröffentlicht
Wolfgang Bay hat einen neuen Text hochgeladen
Das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965)
Friedrich-Martin Balzer, Werner Renz
Fashion in Fiction: Text and Clothing in Literature, Film and Televisi...
Text and Clothing in Literatur...
Peter McNeil, Vicki Karaminas, Catherine Cole
Conversations with Directors: An Anthology of Interviews from Literatu...
Elsie M. Walker, David T. Johnson
India: Fifty Years After Independence: Images in Literature, Film and ...
Kathleen Firth, Felicity Hand
0 Kommentare