Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Die Rolle der Ideologie in der totalen Herrschaft. 4
II.1. Entstehung und Elemente der totalen Herrschaft 4
II.2. Bedeutung der Ideologie und des Terrors in der totalen Herrschaft. 4
II.2.1 Totale Ideologie. 4
II.2.2 Totaler Terror 6
II.3 „Traditioneller“ Antisemitismus und seine Veränderung durch Ideologisierung 6
II.4 Präparierung des Menschen durch und im Sinne der Ideologie 7
II.5 Ideologie wird zur Wirklichkeit 8
II.6 „Vermassung“ des Menschen 9
III. Schlussbetrachtung. 10
IV. Literaturverzeichnis 11
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I. Einleitung
Hannah Arendt, die große politische Theoretikerin des 20. Jahrhunderts, ist vor allem berühmt durch ihre Analyse des Totalitarismus. Außerdem verfasste sie bedeutende Schriften unter anderem von Macht und Gewalt, vom tätigen Leben, über Revolutionen sowie über den Prozess von Adolf Eichmann. Sie selbst wollte nicht für die Menschen aller Zeiten sprechen, 1 sondern sie war bemüht, sich mit politischer Theorie auf der Grundlage der Entwicklungen ihrer Zeit zu beschäftigen. So wandte sie sich immer wieder aktuellen Themen zu und ließ ihre persönliche Theorie insofern einfließen, was Politik sei und wie sie funktionieren müsse. Mit genauen Blicken auf die Geschichte und vor allem auf den Menschen darin, entwickelte sie auch auf der Basis verschiedener philosophischer Theorien, wie zum Beispiel von Aristoteles, Immanuel Kant, Karl Jaspers, Martin Heidegger sowie Thomas Hobbes, John Locke und Montesquieu eine eigene Begriffswelt über die Politik. Angefangen beim Denken, Handeln und Sprechen, über Revolution und die Unterscheidung von Macht und Gewalt stellt sie ein neue Ordnung vor und warnt vor gefährlichen Entwicklungen in die Gegenrichtung. Ihr wohl bekanntestes und auch gleichzeitig umstrittenstes Werk erschien in Amerika erstmals 1951 unter dem Titel The Origins of the Totalitarism, wurde dann in den darauf folgenden Auflagen immer wieder geändert und erst 1955 in deutscher Sprache unter dem Titel "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" veröffentlicht. Der wichtige Essay über "Ideologie und Terror: eine neue Staatsform", wurde erst 1958 hinzugefügt. Um eben diesen Essay soll es in der vorliegenden Arbeit gehen. Es soll versucht werden, „...das wesentlich Neue, das nämlich, was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht, in den Blick zu bekommen.“ 2 Das Hauptaugenmerk hierbei liegt auf dem Zusammenhang zwischen Ideologie und ihrer Rolle im Hinblick auf das Neue, die totale Herrschaft. Hannah Arendt versucht aufzuzeigen, dass dieses „Neue“ „so wenig...aus seinen Elementen und
Ursprüngen...zu erklären ist“ 3 , wie andere geschichtliche Ereignisse. Arendt bemüht sich also, den „Aberglaube an Kausalitätszusammenhänge“ 4 anhand der Geschehnisse und Erfahrungen zu zeigen.
1 Hefti, Sebastian: Zwischen Welt Sprache. Denkbilder und Hannah Arendts Schreibwerkstatt, in: Arnold, Heinz L. (Hg.): Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hannah Arendt, Heft 166/167, München 2005, S. 114
2 Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, S. 705.
3 Arendt, EuU, S. 705.
4 Schindler, Roland W.: Geglückte Zeit - gestundete Zeit. Hannah Arendts Kritik der Moderne, Frankfurt a. Main \ New York, 1995, S.52.
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II. Die Rolle der Ideologie in der totalen Herrschaft
II.1. Entstehung und Elemente der totalen Herrschaft
Hannah Arendt versucht zunächst die Erscheinungsform der totalen Herrschaft in die Linie der uns bekannten Staatsformen politischer Unterdrückung,“...die uns als Despotie, Tyrannis und Diktatur aus Vergangenheit und Gegenwart...“ 5 bekannt sind, einzuordnen. Im Verlauf der Geschichte und der politischen Philosophie sind schon sehr zeitig die Unterscheidungen der jeweiligen Staatsformen nach Aristoteles entwickelt worden. Ein Indikator für diese herkömmlichen Staatsformen sind menschliche Erfahrungen. Wenn man nun von einer gänzlich neuen Staatsform, was Hannah Arendt in ihrem Essay darzulegen versucht, ohne bisherige Parallelen ausgeht, gibt es verschiedene Indikatoren für den Faktor „neu“. Arendt beginnt ihre Betrachtungen zur „...Originalität totalitärer Herrschaft...“ zunächst bei den „...Verbrechen dieser Systeme...“ 6 Und für Arendt ist die „fabrikmäßige“ Ermordung „lebensuntauglicher und minderwertiger Rassen und Individuen“ im Naziregime ein Novum in der Geschichte der Verbrechen egal welcher bisher bekannten Staatsform. 7 Dies ist aber eine grausame Folge und auch Konsequenz der totalen Herrschaft. Es stellt sich aber die Frage nach dem wesentlich Neuen, “...was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht...“ 8 und wie es zu den oben erwähnten Konsequenzen überhaupt kommen kann. Das wesentlich Neue, die „Elemente“ für Hannah Arendt sind die „...ganz neuartigen Formen von „Ideologie“ und Terror...“ 9 Alle ideologischen Ziele und Terrormethoden verdichten sich in Terrorinstitutionen, die nach Hannah Arendt als „Modell und richtunggebendes Gesellschaftsideal“ des Totalitarismus verstanden werden müssen. 10
II.2. Bedeutung der Ideologie und des Terrors in der totalen Herrschaft
II.2.1 Totale Ideologie
Die Ideologie ermöglicht dem totalitär werdenden Staat seine von der Geschichte für ihn vorgesehene Rolle wahrzunehmen. 11 Aber zuerst sollte man fragen,“...was sind die Hauptmerkmale von totalitären Ideologien und was unterscheidet ...die totalitäre
5 zit. Arendt, EuU, S. 703.
6 zit. Arendt, EuU, S. 704.
7 Vgl. Arendt, EuU, S. 704.
8 Zit. Arendt, EuU, S. 705.
9 Zit. Pohlmann, Friedrich: Marxismus-Leninismus-Kommunismus-Faschismus. Aufsätze zur Ideologie und Herrschaftsstruktur der totalitären Diktaturen, Pfaffenweiler 1995, S. 160.
10 Vgl. Pohlmann: Marxismus- , S.161.
11 Vgl. Braun, Martin: Hannah Arendts transzendentaler Tätigkeitsbegriff: systematische Rekonstruktion ihrer politischen Philosophie im Blick auf Jaspers und Heidegger, Frankfurt a. M. 1994, S. 194.
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Terrorpraxis...von früheren Formen des Terrors?“ 12 Die Ideologien der totalitären Bewegungen sind gekennzeichnet durch ihren
Absolutheitsanspruch. Für Hannah Arendt ist Ideologie eine „...bestimmte Art zu denken, eine Art, die sich jeglicher Auseinandersetzung mit der Welt verschließt...“ 13 Sie ist vielmehr ein Instrument, um Prozesse und Ereignisse zu berechnen. Die Ideologie beinhaltet eine Logik, die von allen äußeren Faktoren unabhängig ist. In der totalitären Bewegung spielt die Ideologie eine wichtige Rolle, ihnen können drei spezifisch totalitäre Elemente zugeordnet werden. 14 Das erste Element totalitärer Ideologie bezieht sich auf den Anspruch totaler Welterklärung. Sie schließen andere Deutungsmuster rigoros aus und wollen erklären, was wird, was entsteht und vergeht. Das Bewegte, also Geschichte im eigentlichen Sinn ist in den Mittelpunkt gerückt. Auch wenn sich Ideologien, wie z. B. der Rassismus, mit biologischer Natur beschäftigt, wird auch dieses Prinzip nur im großen Zusammenhang der Geschichte gesehen. 15
Anschließend an das erste Element totalitärer Ideologien, ist „...ideologisches Denken unabhängig von aller Erfahrung...“ 16 , auch wenn diese eben erst entstanden sein sollte. Die ideologische Schulung übernimmt hier eine Funktion des sechsten Sinns, da ja alle anderen fünf Sinne des Menschen durch Erfahrungsunabhängigkeit überflüssig sind. „Ein unüberbrückbarer Freund-Feind-Gegensatz“ 17 ist das dritte Element totalitärer Ideologie. Die von jeglicher Erfahrung unabhängige Welt wird radikal in „Freund“ und „Feind“ aufgeteilt. Die Feind-Gruppe ist weniger durch ihr „Tun“ als durch ihr soziales oder biologisches „Sein“ zu bestimmen. 18 Diese abstrakte Einteilung von Gut und Böse ist aber nur in der intellektuellen Denkwelt so vorzufinden. Um jedoch die „Masse“ propagandistisch auf diesen Freund-Feind-Gegensatz vorzubereiten, müssen Hass und Angstgefühle geschürt werden, die dann in Form von Gewalt planbar gemacht wird. Durch die Vermischung von uralten heilsgeschichtlichen Elementen und Verwissenschaftlichung und Massenbewegung als spezifisch moderne Motive kann man hier von einer Art „Religionsersatz“ sprechen 19
12 Zit. Pohlmann: Marxismus-, S. 161.
13 Zit. Schulze-Wessel, Julia: Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus, Frankfurt a. M. 2006, S. 109.
14 Vgl. Arendt: EuU, S. 718.
15 Vgl. Arendt, EuU, S. 718.
16 Zit. Arendt, EuU, S. 719.
17 Zit. Pohlmann, Marxismus-, S. 133.
18 Vgl. Pohlmann, Marxismus-, S. 133.
19 Vgl. Pohlmann, Marxismus-, S. 134.
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II.2.2 Totaler Terror
„Terror“ im Verständnis von Hannah Arendt bedeutet eine von Handlungen und Überzeugung der zu Unterdrückenden unabhängige Gewaltpraxis ausgehend von den Sonderexekutivapparaten des jeweiligen Regimes. Der Terror vollstreckt die zwingend logischen Gesetze im Sinne der Ideologie. Er „...scheidet die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit Willen...“ 20 Er macht sozusagen aus der Menschheit einen Menschen und vernichtet alles Leben und Denken, dass nach der Ideologie nicht zu diesem einen Menschen gehört. Menschliche Kommunikation stirbt und wird durch ein eisernes Band ersetzt, dass alle Zwischenräume, genauer den Raum der Freiheit, zerdrückt, bis nur noch ein großes Ganzes, ein Mensch als eine Masse übrig ist. Die Ideologie übernimmt hierbei dann die Aufgabe jeden noch einzelnen Menschen auf den durch Terror organisierten Marsch, die totalitäre Bewegung, vorzubereiten. 21 Um diese Bewegung zu bewahren, müssen immer neue "objektive Gegner" des notwendigen Geschichts- bzw. Naturprozesses gefunden und ausgemerzt werden. Die totale Herrschaft in den Augen Arendts ist sozusagen eine Art Perpetuum mobile, das Menschen als handelnde Wesen überflüssig macht und sie nur als bloßes Rohmaterial für die zwangsläufigen Prozesse dienen.
II.3 „Traditioneller“ Antisemitismus und seine Veränderung durch Ideologisierung In Hannah Arendts Arbeit über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft behält sie ihre Einschätzung der bedeutenden Funktion des Antisemitismus bei. Aber mit der Andersartigkeit der totalen Herrschaft verändert sich auch der Begriff des Antisemitismus. Sie sieht eine enge Verbindung zwischen Rassismus und Antisemitismus, und zwar dessen rassenbiologische Aufladung. Die rassenbiologische Definition von Juden verschließt sich jeder Erfahrung. Hier deutet sich „...bereits das neue Verhältnis von Ideologie und Realität an: Der Antisemitismus wird als mögliches Ordnungsmodell für die Gesellschaft entdeckt, Realität soll in seinem Sinne eingerichtet werden.“ 22 Aber nicht nur der Antisemitismus, sondern auch der Rassismus wird zu einer herrschaftslegitimierenden Ideologie und im totalitären Staat zu einem Instrument der Politik. Demnach wird die Biologie zum Einteilungsprinzip in höher und niedriger stehende Rassen. Damit sollen Gruppen sowohl innerhalb der eigenen Gesellschaft als auch andere Gesellschaften abgegrenzt werden. Biologische Einteilung wird zum Prinzip der Politik und Mentalität strukturiert, der Antisemitismus wird grundlegend verändert. 23
20 Zit. Arendt, EuU, S. 712.
21 Zit. Arendt, EuU, S. 723.
22 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 104.
23 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S 106/107.
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Diese Betrachtungen lassen einen Rückschluss auf eine in sich konsistente, welterklärende, also für Hannah Arendt totale Ideologie, zu.
Die für Arendt als Meinung bezeichneten antijüdischen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts sind noch beeinfluss- und korrigierbar. Erfahrung und Realität sind verbunden mit den Begriffen der Meinung und des Vorurteils. Die imperialistischen Ideologien „...sind zwar in sich konsistent, dennoch gibt es noch Bereiche des Wahrnehmens und des Denkens,...sie dulden noch anderes neben sich. 24 Rassistische, weltanschaulich gewordene Ideologien sind demgegenüber abgeschlossen, sie schließen Realität und Erfahrung aus. 25 „Sie kann alles erklären und hat auf alle Fragen eine Antwort.“ 26
Der Antisemitismus Röhms steht für Arendt für einen spontanen, emotional aufgeladenen und chaotischen „Straßenantisemitismus“ 27 Dieser wird aber, sobald eine andere, planbare Ideologie auf den Plan tritt, überflüssig. Er ist sogar „...als dysfunktional im Hinblick auf das Neue der totalen Herrschaft...“ 28 zu verstehen. Die Ermordung Röhms steht für Arendt für das endgültige Verschwinden des „authentischen“, hasserfüllten Antisemitismus. 29 Für Arendt ist in der Zeit der totalen Herrschaft nicht mehr der Begriff des Antisemitismus, sondern der der Ideologie zu benutzen. 30 “Hasserfüllte Judenfeindschaft ist fähig, Pogrome auszulösen, aber erst der entleerte Antisemitismus bringt die Vernichtung potentiell immer neuer Gruppen hervor.“ 31
II.4 Präparierung des Menschen durch und im Sinne der Ideologie
Ideologie leistet auch die Präparierung der Menschen, ihre Rolle im Sinne der Ideologie auszufüllen. Wenn die Herrschaft noch auf dem Weg zu ihrer totalen Form ist, bereitet die Ideologie den Menschen entweder als Opfer oder als Vollstrecker des Terrors vor. Sie leitet somit menschliches Handeln auf dem Weg zur Abschaffung desselben, „...sie beginnt mit der Destruktion der Spontaneität und verwirklicht sich ganz in deren Ruin.“ 32 Erst wenn der Mensch vollständig präpariert ist, dann ist er depersonalisiert und funktioniert so wie er es soll. Der totale Terror hat das Prinzip des Handelns ausgehöhlt. Hierfür muss er dem Bedürfnis der Menschen nach Einsicht entgegenkommen und die Bewegungsgrenze, die dem Terror eigen ist, verstehen lernen. Die Logik der Ideologie muss der ihr ausgelieferten
24 Zit. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 114.
25 Vgl. Schulze-Wessel, S. 107.
26 Zit. Schulze-Wessel, S. 114.
27 Zit. Schulze-Wessel, S. 130.
28 Zit. Schulze-Wessel, S. 130.
29 Vgl. Schulze-Wessel, S. 131.
30 Vgl. Schulze-Wessel, S. 137.
31 Zit. Schulze-Wessel, S. 150.
32 Zit. Braun, Tätigkeitsbegriff, S. 195
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Menschheit klar sein, so dass sie sich nicht mehr gegen den vorbestimmten Lauf der Geschichte wehren kann und will. Es kann „...nur Vollstrecker und Opfer...“ 33 dieser geschichtlichen Prozesse geben. Der Ausspruch “Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ ist für Hannah Arendt die beste psychologische Gesinnung. Nur sie kann auf das Leben unter totalem Terror optimal vorbereiten. Denn dann „...hat man bereits den besten Freund, den beliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche Späne für das...Hobeln...erkannt und geopfert.“ 34 Diese Betrachtungen lassen noch am ehesten die Präparierung der Vollstrecker nachvollziehen. Aber wie verhält sich das mit den Opfern? Denn da, wo es Vollstrecker gibt, muss es auch Opfer geben und diese müssen gut präpariert genauso ihre Rolle im Sinne der Ideologie erfüllen, wie es die Täter tun. Hierfür hält Arendt auch wieder eine Ausspruch für den Selbstzwang des deduzierenden Denkens bereit: „Wer A gesagt, muss auch B sagen“ 35 . Da der geschichtliche Prozess genau voraussagbar ist und sich zwangsläufig Verbrechen ereignen müssen, müssen auch Verbrecher in der Geschichte vorgesehen sein. Weigert sich der Mensch, diese Verbrechen zu begehen, stellt er sich gegen die stimmige Voraussage des Geschichtlichen; begeht er die Verbrechen, stellt er sich in den Dienst der Geschichte. In beiden Fällen ist er schuldig und wird zwangsläufig zum Opfer. Durch die Opferrolle wird er aber auch zum Vollstrecker der geschichtlichen Prozesse auf dem Weg zur totalen Herrschaft. 36 Aus Angst, uns in Widersprüche zu verlieren, zwingen wir uns selbst in den Zwang des logischen deduzierenden Denkens. Die Ideologie übernimmt die Präparierung der Menschen, damit sie ihre Funktion in der Realisierung des rassistischen Weltbildes und im Vernichtungsprozess wahrnehmen. 37
II.5 Ideologie wird zur Wirklichkeit
Das entstehende Chaos bei der Überführung von alten Klassen- in Massengesellschaften hilft bei der Installation der totalen Herrschaft. 38 Das eigentliche Wesen der Ideologie ist es, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, „...aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsmäßig einsichtig ereignen soll.“ 39 Ideologen allerersten Ranges wie Hitler und Stalin haben genau das geschafft. Sie haben ideologische Aussagen wortwörtlich ernst genommen und in Konsequenzen gejagt, die der gesunde Menschenverstand sich nicht zu träumen gewagt hätte. Wenn es im Klassenkampf immer absterbende Klassen geben muss,
33 Zit. Arendt, EuU, S. 716.
34 Zit. Arendt, EuU, S. 712.
35 Zit. Arendt, EuU, S. 722. 36 Vgl. Arendt, S. 722.
37 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 142.
38 Vgl. Vowinckel, Annette, Arendt, Leipzig 2006, S. 34.
39 Zit. Arendt, EuU, S. 721.
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muss man immer neue Gesellschaftsgruppen opfern; wenn es im Leben der Menschen genau wie in der Biologie „Parasiten“ gibt, darf man sie auch behandeln wie Läuse und Wanzen. 40 Denkt man den Vorgang jetzt bis in die letzte Konsequenz, rottet man „Ungeziefer“ mit Giftgas aus.
Hierin besteht die eigentliche Gefahr, das Element ihrer Beweisführung, „...ihre eigentümliche fanatische Stimmigkeit und Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Prämisse...“ 41 Im totalitären Staat ist die Wirklichkeit nach den Vorgaben der Ideologie sukzessiv verändert. 42 Die erfahrbare Welt bestimmt nicht mehr die Ideologie, sondern umgekehrt, mit Hilfe von Terror wird die Realität im Sinne der ideologischen Behauptung verändert. Jegliche Bezüge zwischen realer Situation der verhassten Minderheit und Ideologie tauschen die Plätze, die antisemitische Lüge wird dadurch zur neuen Wirklichkeit. 43 Das elementare Neue der totalen Herrschaft liegt nach Arendt in der Herstellung von Fakten, die die Ideologie bestätigen. „Sind die Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu verändern.“ 44
II.6 „Vermassung“ des Menschen
Nach Hannah Arendt hat sich die moderne Gesellschaft in eine Massengesellschaft transformiert. Durch den ökonomischen und politischen Strukturwandel der Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts kam es zur Vereinzelung der Individuen. 45 Der zentrale Begriff der Welt bei Hannah Arendt schließt das den Menschen Gemeinsame ein. In ihm enthalten sind das menschliche Sprechen und Handeln. Geht diese Welt verloren, ist das Individuum auf sich zurück geworfen. In dieser Vereinsamung gehen die Menschen gern in der Masse auf und lassen sich leicht beeinflussen. 46 Verlassenheit meint hier aber auch die Verlassenheit von sich selbst. Dieses Phänomen kennzeichnet alle Menschen der totalitären Bewegung. Die Masse ist an keine Überzeugungen gebunden und kann durch Propaganda gewonnen werden. „Erfahrbare Realität oder Tatsachen können sie nicht überzeugen.“ 47 „Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft,...liegt...der Anspruch ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiv handelnd Gesetze verkörpert, die es sonst nur passiv, voller Widerstände und niemals vollkommen erleiden würde.“ 48
40 Vgl. Arendt, EuU, S. 721.
41 Zit. Arendt, EuU, S. 721/722.
42 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 133/134.
43 Vgl. Schulze-Wessel, S. 147/148.
44 Zit. Arendt, EuU, S. 719.
45 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 124.
46 Vgl. Schulze-Wessel, Ideologie, S. 125.
47 Zit. Schulze-Wessel, S. 126.
48 Zit. Arendt, EuU, S. 706.
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III. Schlussbetrachtung
Was ist es nun, was das Neue an der totalen Herrschaft ausmacht und wie schafft sie es, trotz des Faktors Mensch, das „totale“ in allen ihren Belangen durchzusetzen? Welche Konsequenzen ergeben sich abschließend und vielleicht vorausschauend aus diesen Erkenntnissen?
Die vorliegende Arbeit hat mit Hilfe der Arbeit von Hannah Arendt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ zu zeigen versucht, dass die Ideologie eine große, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle in der totalen Herrschaft spielt. Sie dient zum einen der Vorbereitung des Menschen auf die Ideologie selbst. Zu Beginn steht eine Idee, die in eine Prämisse umgewandelt wird. Diese Vorannahme wird aber nicht einfach nur stehen gelassen, sondern alle anderen Faktoren werden auf sie zugeschnitten.
Zunächst musste erkannt werden, wie sich der Mensch in Lauf der Geschichte und in der Entwicklung der Gesellschaft immer mehr aus seinen herkömmlichen Mustern herausbewegt hat. Durch soziokulturelle und ökonomische Veränderungen verlor er seine natürliche Bindung zu anderen Individuen und wurde somit anfällig für die für alle Probleme eine Lösung parat habenden Ideologien. Jetzt konnte die Ideologie ihre Arbeit von Grund auf beginnen. Sie gab dem vereinsamten Menschen wieder eine Perspektive, an der er sich festhalten konnte und die laut Versprechen der Ideologie unumstößlich war. Hat sich das Individuum dann in die Logik der Ideologie begeben, wurde es selbst zum Vollstrecker dieser, ob in der Rolle des Opfers oder des Täters. Dieser Umstand vereinsamte den Menschen noch mehr und machte in zusehends zu einem Menschen; die homogene Masse war dieser eine Mensch.
So präpariert wurde der Mensch voll und ganz auf die Bewegung eingeschworen ohne eine Möglichkeit des Entkommens. Beide Faktoren, Mensch und Bewegung, bedingen einander. Die prophezeiende Ideologie vereinnahmte den „vermassten“ Mensch, um sich selbst immer wieder mit der gleichen totalen Konsequenz zu erfüllen.
Für Hannah Arendt gibt es nur einen Ausweg aus diesem Kreislauf. Nur der Mensch selbst kann diesen durchbrechen und ein neuer Anfang sein. „Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.“ 49
49 Zit. Arendt, EuU, S. 730.
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IV. Literaturverzeichnis Primärliteratur:
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986.
Sekundärliteratur:
Braun, Martin: Hannah Arendts transzendentaler Tätigkeitsbegriff: systematische Rekonstruktion ihrer politischen Philosophie im Blick auf Jaspers und Heidegger, Frankfurt a. M. 1994.
Hefti, Sebastian: Zwischen Welt Sprache. Denkbilder und Hannah Arendts Schreibwerkstatt, in: Arnold, Heinz L. (Hg.): Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hannah Arendt, Heft 166/167, München 2005.
Pohlmann, Friedrich: Marxismus-Leninismus-Kommunismus-Faschismus. Aufsätze zur Ideologie und Herrschaftsstruktur der totalitären Diktaturen, Pfaffenweiler 1995.
Schindler, Roland W.: Geglückte Zeit - gestundete Zeit. Hannah Arendts Kritik der Moderne, Frankfurt a. Main \ New York, 1995.
Schulze-Wessel, Julia: Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus, Frankfurt a. M. 2006.
Vowinckel, Annette, Arendt, Leipzig 2006.
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Tanja Stich, 2008, Die Rolle der Ideologie in der totalen Herrschaft nach Hannah Arendt, München, GRIN Verlag GmbH
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