I
Gliederung
1. Einleitung 1
2. Begriffliche Grundlagen 2
2.1 Forschung und Entwicklung 2
2.2 Technologie 3
2.3 Forschungs- und Technologiepolitik 4
3. Marktversagen und wirtschaftspolitische Ansatzpunkte für die Forschungs- und
Technologiepolitik 5
3.1 Spillover-Effekte in endogenen Wachstumsmodellen 6
3.1.1 Learning-by Doing-Modell 7
3.1.2 Humankapitalmodell 9
3.1.3 FuE-Modell 11
3.2 Marktunvollkommenheiten im Außenhandelsmodell 14
3.3 Unsicherheiten und unvollkommene Kreditmärkte 17
3.4 Netzwerkeffekte 18
4. Forschungs- und Technologiepolitik in Deutschland 21
4.1 Akteure 21
4.1.1 Ministerien und Gremien 21
4.1.2 Schulen, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen 22
4.1.3 Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen 23
4.1.4 Forschungsförderungseinrichtungen 24
4.1.5 Unternehmen 25
4.1.6 Europäische Union 26
4.2 Die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands 27
4.2.1 Entwicklungen seit den 90er Jahren 27
4.2.2 Inputorientierte FuT-Indikatoren 28
4.2.3 Outputorientierte FuT-Indikatoren 30
4.2.4 Marktorientierte FuT-Indikatoren 31
4.3 Studien zum Innovationssystem und Technologievorschau als Basis für die
FuT- Strategie 32
4.3.1 Studien zum Innovationssystem 32
4.3.2 Technologievorschau 34
II
4.4 FuT-Strategie: Die Hightech-Strategie für Deutschland 35
4.4.1 Querschnittsaktivitäten zur Innovationsförderung 35
4.4.2 Forschungsfeldspezifische Innovationsstrategien 38
4.5 Evaluation 39
4.5.1 Evaluationsverfahren Drei-Schalenmodell 39
4.5.2 Evaluation ausgewählter Förderprogramme 39
5. Nationale Forschungs- und Technologiepolitik in Großbritannien 41
5.1 Akteure 41
5.1.1 Ministerien und Gremien 41
5.1.2 Schulen, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen 42
5.1.3 Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen 43
5.1.4 Forschungsförderungseinrichtungen 44
5.1.5 Unternehmen 45
5.1.4 Europäische Union 45
5.2 Die technologische Leistungsfähigkeit Großbritanniens 46
5.2.1 Entwicklung seit den 90er Jahren 46
5.2.2 Inputorientierte FuT-Indikatoren 48
5.2.3 Outputorientierte FuT-Indikatoren 49
5.2.4 Marktorientierte FuT-Indikatoren 50
5.3 Studien zum Innovationssystem und Technologievorschau als Basis für die
FuT-Strategie 51
5.3.1 Studien zum Innovationssystem 51
5.3.2 Technologievorschau 52
5.4 FuT-Strategie: Science and Innovation Investment Framework 2004 2014 53
5.4.1 Science and Innovation Investment Framework 2004 2014 53
5.4.2 Technology Strategy Board 55
5.5 Evaluation 56
5.5.1 Evaluationsverfahren ROAME 56
5.5.2 Evaluation ausgewählter Förderprogramme 57
6. Vergleich der FuT-Politiken in Deutschland und Großbritannien 58
6.1 Vergleich der Forschungsinfrastrukturen 58
6.2 Vergleich der FuT-Indikatoren 60
6.3 Vergleich der FuT-Strategien 62
III
7. Schlußbemerkungen ....................................................................................................63
IV
Abkürzungsverzeichnis
AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen Otto von Guericke e.V. AMRC Association of Medical Research Charities AURIL Association for University Research and Industry Links AvH Alexander von Humboldt Stiftung
BIP Bruttoinlandsprodukt BLK Bund-Länder-Kommission BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie COST Coopération européenne dans le domaine de la recherche scientifique et technique DAAD Deutscher Akademischer Austauschdienst DeGEval Deutsche Gesellschaft für Evaluation DfES Department for Education and Skills DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft DIUS Department for Innovation, Universities and Skills DTI Department for Trade and Industry EFI Expertenkommission Forschung und Innovation EPA Europäisches Patentamt ERP European Recovery Programm EU Europäische Union FhG Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V. FRP Forschungsrahmenprogramm FuE Forschung und Entwicklung FuT Forschung und Technologie GCSE General Certificate of Education GNVQ General National Vocational Qualifikation HEFC Higher Education Funding Council HEIF Higher Education Innovation Fund HGF Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren
V
INNOWATT Förderung innovativer Wachstumsträger INNONET Förderung innovativer Netzwerke IT Informationstechnik IuK Information und Kommunikation JPO Japan Patent Office KMU Kleine und mittlere Unternehmen MMDP Multimedia Demonstrator Programme MPG Max-Planck-Gesellschaft NEMO Netzwerkmanagement Ost OECD Organisation for economic Cooperation and Development PPP Public Private Partnership PROINNO Programm Innovationskompetenz RAE Research Assessment Exercise RC Research Council RCUK Research Council United Kingdom RDA Regional Development Agency RTO Research and Technology Organisation TSB Technology Strategy Board USPTO United States Patent and Trademark Office WBL Work Based Learning WGL Wissensgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V.
VI
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 : FuE-Gesamtausgaben im Verhältnis zum BIP, Deutschland
Abbildung 2 : Inputorientierte FuT-Indikatoren in Deutschland
Abbildung 3 : Outputorientierte FuT-Indikatoren für Deutschland
Abbildung 4 : Marktorientierte FuT-Indikatoren für Deutschland
Abbildung 5 : FuE-Gesamtausgaben im Verhältnis zum BIP, Großbritannien
Abbildung 6 : Inputorientierte FuT-Indikatoren in Großbritannien
Abbildung 7 : Outputorientierte FuT-Indikatoren für Großbritannien
Abbildung 8 : Marktorientierte FuT-Indikatoren für Großbritannien
Abbildung 9 : Summary Innovation Index 2005
1
1. Einleitung
Wirtschaftswachstum bringt den Menschen Wohlstand. Aus den Wachstumsmodellen ist bekannt, dass technischer Fortschritt eine wesentliche Determinante des Wachstums bildet. 1 Technischer Fortschritt entsteht durch die Produktion von Innovationen. 2 Immer neuere Produkte werden hergestellt, die auf der einen Seite eine Konsummöglichkeit darstellen, auf der anderen Seite aber lösen sie auch Veränderungen in der Gesellschaft aus. Es ist zu beobachten, dass im Laufe der Zeit Produkte und Dienstleistungen in doppelter Hinsicht einen steigenden Wissensgrad beanspruchen. Zum einen wird mehr Wissen benötigt, um die Produkte herzustellen. Zum anderen wird auch auf Seiten der Verbraucher mehr Wissen benötigt, um die Produkte nutzen zu können. Es entstehen Wissensökonomien und Wissensgesellschaften. Komplexer werdende Technologien und interdisziplinäre Forschung sagen voraus, dass Wissen auch in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Die neuen Produkte werden nach ihrer Herstellung am Markt gehandelt. In Zeiten der Globalisierung bedeutet das einen weltweiten Marktplatz und internationale Konkurrenz. Daher versucht ein Land seine Innovationen von denen anderer Länder abzuheben. Dies gelingt am besten, wenn die Innovationen eines Landes mit Wissen gekoppelt sind, das anderen Ländern noch nicht verfügbar ist. Da Innovationen im Laufe der Zeit einen steigenden Wissensgrad beanspruchen, wird in die Forschung investiert, um neues Wissen zu produzieren. Dieses Wissen wird dann umgesetzt in innovative Produkte und Dienstleistungen. Die Forschungs- und Technologiepolitik übernimmt diese beiden Aufgaben. Zum einen investiert sie in die Forschung, zum anderen setzt sie sich für die erfolgreiche Umsetzung der Forschungsergebnisse in innovative Produkte ein.
Ziel dieser Arbeit ist es, zunächst herauszustellen, ob staatliche Eingriffe in die Wirtschaft überhaupt gerechtfertigt sind. Dazu werden Formen des Marktversagens untersucht, mit denen staatliche forschungs- und technologiepolitische Maßnahmen begründet werden. Anschließend werden die Forschungs- und Technologiepolitiken von Deutschland und Großbritannien analysiert und schließlich miteinander verglichen.
Zuerst sollen aber einige begriffliche Grundlagen geklärt werden.
1 Vgl. Majer (1998), S.42
2 Vgl. ebenda, S. 52
2
2. Begriffliche Grundlagen
2.1 Forschung und Entwicklung
Eine verbreitete Definition von Forschung und Entwicklung (FuE) wurde in einer Veröffentlichung der OECD über Richtlinien und Begriffe für die Messung von Forschungs- und Entwicklungsdaten festgelegt. 3 Demnach wird Forschung und Entwicklung definiert als kreative Arbeit, die auf einer systematischen Basis durchgeführt wird, um den Wissensstand zu erhöhen und die Nutzung des Wissens für die Entwicklung neuer Anwendungen. Weiterhin wird der Begriff unterteilt in die Bereiche Grundlagen-forschung, angewandte Forschung und experimentelle Entwicklung. Grundlagenforschung bezieht sich dabei auf theoretische oder experimentelle Arbeiten, die vorzugsweise darauf ausgerichtet sind, grundlegende Erkenntnisse der jeweiligen Forschungsgebiete zu gewinnen, ohne dass diese Erkenntnisse einen praktischen Nutzen haben müssen. Angewandte Forschung richtet sich ebenfalls auf die Schaffung neuen Wissens, allerdings werden hauptsächlich praktische Ziele oder Zwecke verfolgt. Experimentelle Forschung hingegen baut auf existierendem Wissen auf, um neue Produkte, Materialien und Apparate herzustellen, neue Verfahren, Systeme und Dienstleistungen zu installieren bzw. Bestehendes wesentlich zu verbessern.
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sowie auf Branchen- und Unternehmensebene sind Forschung und Entwicklung notwendige Voraussetzungen für die Hervorbringung von Innovationen. Innovationen zählen zu den Erfolgstreibern der Wettbewerbsfähigkeit. Im engeren Sinne versteht man unter Innovation die Einführung neuer oder wesentlich verbesserter Produkte und Verfahren. 4 Dabei können Innovationen die Form von progressiven bis radikalen Innovationen annehmen. 5 Während progressive Innovationen die schrittweise Weiterentwicklung bekannter Produkte und Verfahren sind, besitzen radikale Innovationen einen höheren Neuheitswert sowie das Potential bestehende Märkte zu verdrängen oder neue Märkte zu schaffen. Zeitlich gesehen durchläuft eine Innovation idealtypische Innovationsstadien. 6 Angefangen von einer Idee wird diese weiterentwickelt zur technischen Konzeption, anschließend bei gegebener wirtschaftlicher Ren- 3 Vgl.OECD (2002), S. 30
4 Vgl. OECD (2005), S. 46
5 Vgl. Wilhelm (2000), S. 10, Vgl. OECD (2005), S. 58
6 Vgl. Grupp (1997), S. 23f.
3
tabilität als Innovation am Markt eingeführt, wo es zur Diffusion kommt und die Innovation schließlich von anderen Unternehmen imitiert werden kann. Die Innovationsstadien können in jeder Phase Rückkopplungen zur Grundlagenforschung, angewandter Forschung, experimenteller Entwicklung oder auch zum bisherigen Wissensvorrat aufweisen. Es hängt dabei von der Problemstellung ab, welcher Forschungsbereich beansprucht werden muss, um entsprechende Lösungen zu erarbeiten.
2.2 Technologie
Technologie bezeichnet das Wissen über die Nutzbarmachung der Naturwissenschaften für den Menschen und umfasst dafür jede zweckmäßige Handlung, Methode und Arbeitsweise. 7 Technik ist demgegenüber die praktische, zielgerichtete Anwendung. Allerdings wird im heutigen Begriffsverständnis auch Technologie für die Bezeichnung praktischer Anwendungen gebraucht, jedoch enthält es gegenüber dem Begriff Technik meistens eine Steigerung, etwa in Form von höherer Komplexität oder größerer Vernetzung in gesellschaftlichen Funktionsbereichen. 8
Je nach Reifephase können unterschiedliche Arten von Technologien charakterisiert werden. 9 In der Entstehungsphase werden Technologien als Schrittmachertechnologien bezeichnet. Sie befinden sich am Anfang ihres Entwicklungsstadiums und ihre möglichen Einsatzgebiete sind weitgehend unbekannt. Zur weiteren Entwicklung bedürfen sie Investitionen in die Grundlagenforschung. Die Technologien im nächsten Stadium heißen Schlüsseltechnologien. Diese Technologien befinden sich im Wachstum und sind entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der Zukunft. Sie haben einen maßgeblichen Einfluss auf den technischen Fortschritt und die industriellen Srukturen. Ihre Anwendungsfelder sind branchen- und produktübergreifend, jedoch erfordern sie umfangreiche Investitionen in die anwendungsorientierte Forschung, um ihre genauen Einsatzgebiete zu bestimmen. Technologien in der Reifephase werden Basistechnologien genannt. Sie haben sich in der Wirtschaft etabliert und sind weitgehend erforscht.
Gütergruppen aus der industriellen Produktion können bezüglich ihrer Forschungsintensität in gehobene Gebrauchstechnologien und Spitzentechnologien differenziert wer-
7 Vgl.Grupp (1997), S. 10
8 Vgl. Gräb-Schmidt (2002), S. 20f.
9 Vgl. Vogel (2000), S. 45f., S. 358
4
den. 10 Gehobene Gebrauchstechnologien umfassen Gütergruppen, deren Anteil an FuE-Aufwendungen zwischen 2,5% und 7% am Umsatz beträgt, während bei Spitzentechnologien der Anteil an FuE-Aufwendungen oberhalb von 7% des Umsatzes liegt. 11 Beide Bereiche zusammen bilden den forschungsintensiven Sektor der Industrie. Die Zweiteilung soll nicht den Eindruck vermitteln, dass eine Abgrenzung zwischen höherwertigen und minderwertigen Technologien vorgenommen wurde, sondern lediglich eine input-orientierte Abgrenzung nach ihrer Forschungsintensität.
2.3 Forschungs- und Technologiepolitik
Die Forschungs- und Technologiepolitik (FuT-Politik) dient in erster Linie dem wirtschaftlichen Wachstum und damit der Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands. Durch den technischen Fortschritt ergibt sich eine Steigerung der Wissensbindung in Gütern und Diensteleistungen, die einen Strukturwandel hin zu einer Wissensökonomie und Wissensgesellschaft mit sich bringt. Die FuT-Politik dient der Förderung des technischen Fortschritts und der Schaffung von Innovationen, wodurch insbesondere in Zeiten der Globalisierung die eigene Volkswirtschaft gestärkt werden soll. Dabei umfassen die politischen Maßnahmen zur Schaffung und Verbreitung von Innovationen die Förderung durch finanzielle Mittel und die Herstellung ordnungspolitischer Rahmenbedingungen. Die Aufgabenstruktur der FuT-Politik macht es zu einem komplexen Politikbereich mit vielen Schnittstellen zu anderen Politikfeldern, vor allem aber nehmen die Wirtschafts- und Bildungspolitk eine besondere Bedeutung innerhalb der FuT-Politik ein. Aufgabe der Wirtschaftspolitik in dieser Hinsicht ist die Gestaltung innovations-und wachstumsfördernder Rahmenbedingungen für private Unternehmen. Die Bildungspolitik fördert die schulische und berufliche Bildung sowie die Hochschulbildung, welches für die FuT-Entwicklung eine beteutende Rolle spielt.
„Technologiepolitik ist die Gesamtheit der Maßnahmen, mit denen der Staat auf die Erhöhung des technischen Fortschritts in der Wirtschaft abzielt. Dazu zählen Subventi-
10 Vgl.NIW und ISI (2006), S. 8f.
11 Vor der Neuabgrenzung der forschungsintensiven Sektoren in 2006, um sie den strukturellen und technologischen Entwicklungen anzupassen, wurden als Bezugswerte 3,5% und 8,5% verwendet. Die Klassifikation entstand aus einer Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) und dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Dementsprechend wurden die Gütergruppen in NIW/ISI-Listen festgehalten, allerdings nicht nur in Deutschland, da sich die Abgrenzung auch für internationale Vergleiche eignet. Vgl. ebenda
5
onen und Steuervergünstigungen zur Förderung privater Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten; die Bereitstellung wirtschaftlich verwertbaren technischen Wissens durch staatliche Forschungseinrichtungen; die Förderung des Absatzes und der Verwendung technologieintensiver Produkte; der gewerbliche Rechtsschutz, insbesondere der Patentschutz; die Festsetzung von Normen und Standards, soweit damit raschere Verbreitung moderner Technologien bezweckt wird; die Bereitstellung einer innovationsfördernden Infrastruktur; die staatliche Beschaffungspolitik, soweit sie gezielt technologieintensive Güter nachfragt, um die Entwicklung und Verbreitung neuer Technologien zu fördern.“ 12
3. Marktversagen und wirtschaftspolitische Ansatzpunkte für die Forschungs- und Technologiepolitik
Marktversagen tritt auf, wenn es dem Markt nicht gelingt, die Ressourcen gesamtwirtschaftlich optimal zuzuteilen. 13 Es wird hierbei auch vom allokativen Marktversagen gesprochen. Die Folge ist eine niedrigere gesellschaftliche Wohlfahrt, als es im paretooptimalen Zustand wäre, wenn es kein Marktversagen gäbe. Unter Pareto-Optimum versteht sich ein Zustand, in der keiner besser gestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechter gestellt wird. 14 Das Vorliegen von Marktversagen legitimiert den Staat, durch gezielte wirtschaftspolitische Interventionen zu versuchen, den Ursachen des Marktversagens entgegenzuwirken. Auf diese Weise wird ein höheres gesamtwirtschaftliches Wachstumsniveau angestrebt. Da es dem Staat aber nicht möglich sein wird, die Differenz zwischen Marktversagens und Pareto-Optimum korrekt zu ermitteln und geeignete Instrumente für die Behebung dieser Differenz einzusetzen, spricht man auch von der zweitbesten Lösung. 15
Aus Sicht der Forschungs- und Technologiepolitik existiert eine Reihe von Faktoren, die die Funktionsfähigkeit des Marktes für ein wohlfahrtsoptimales Wachstum beeinträchtigen. Zu nennen sind positive externe Effekte, auch bekannt als Spillover-Effekte, fehlender Protekionismus im Außenhandel, Unsicherheiten und unvollkommene Kapitalmärkte, Unteilbarkeiten und Größeneffekte sowie Netzwerkeffekte. Im Folgenden
12 Klodt (1995), S. 121f.
13 Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 56
14 Vgl. Wiese (2005), S. 271
15 Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 56
6
werden diese Ursachen des Marktversagens näher betrachtet. Dabei werden für die jeweiligen Probleme entsprechende wirtschaftspolitische Ansatzpunkte vorgeschlagen.
3.1 Spillover-Effekte in endogenen Wachstumsmodellen
Der Beginn der endogenen Wachstumstheorien ist geprägt durch die Arbeiten von Romer (1986, 1990), Lucas (1988) und Rebelo (1991) und wurde vor allem von Grossman/Helpman (1991) weiterentwickelt. 16 In der neoklassischen Wachstumstheorie wurde langfristiges Wachstum mit einem exogen vorgegebenen technischen Fortschritt dargestellt, ohne weitere Erklärungen hinsichtlich seiner Entstehung oder Herkunft. Mit dem Aufkommen der endogenen Wachstumstheorien wird versucht, den technischen Fortschritt aus dem Modell heraus zu erklären. Dabei spielen externe Effekte und öffentliche Güter eine zentrale Rolle. 17
Positive externe Effekte, auch Spillover-Effekte genannt, entstehen durch die Diffusion von Wissen. Dabei weist hier Wissen die Eigenschaften eines öffentlichen Gutes auf, für welches die Kriterien der Nichtausschließbarkeit und Nichtrivalität gelten. 18 Nichtausschließbarkeit bedeutet, dass die Nutzer des Wissens andere vom gleichzeitigen Gebrauch dieses Wissens nicht ausschließen können, d.h. alle Interessenten können sich dieses Wissen aneignen. Nichtrivalität bedeutet, dass die Nutzung des Wissens ihre Ressource nicht verbraucht und alle gleichermaßen dieses Wissen in Anspruch nehmen können. Wissen als öffentliches Gut unterliegt nicht der Preisbildung im Marktmechanismus und führt daher zu Marktversagen. Forschende Unternehmen bezahlen für neues Wissen, das durch Spillover ohne größere Aufwände anderen Unternehmen bereitgestellt wird. Diesem Umstand wird versucht durch ein funktionsfähiges Patentwesen gerecht zu werden. Auf diese Weise kann zwar die kommerzielle Verwertung des neuen Wissens temporär eingeschränkt werden, die Verbreitung des Wissens wird aber dadurch nicht verhindert und kann Impulse für Innovationen anderer Unternehmen geben. 19 Das wissensproduzierende Unternehmen wird für die eigenen Innovationen vom Markt entgolten, nicht aber für die externen Erträge, die durch Spillover in anderen Unternehmen entstehen und dadurch das gesamtwirtschaftliche Wachstum fördern. Aus
16 Hemmer (1999), S. 25
17 Vgl. Klodt (1993), S. 205
18 Vgl. Bretschger (2004), S. 83
19 Vgl. Hemmer (1999), S. 26
7
Unternehmenssicht besteht daher ein geringeres Anreizkalkül in FuE zu investieren, als gesamtwirtschaftlich gesehen. Daraus ergibt sich, dass die Investitionsquote in FuE in einer Marktwirtschaft suboptimal ist und wohlfahrtsfördernde Staatseingriffe möglich sind, um die externen Effekte durch staatliche FuE-Förderung zu internalisieren. 20
3.1.1 Learning-by-Doing-Modell
Das von Arrow (1962b) entwickelte Learning-by-Doing-Modell basiert auf Lernprozessen, in denen die Mitarbeiter eines Unternehmens durch die ständige Ausführung ihrer Tätigkeiten Erfahrungen sammeln, mit denen sie im Laufe der Zeit ihre Arbeiten effizienter durchführen können. 21 Produktionsprozesse lassen sich effizienter gestalten, die Arbeitsproduktivität steigt und die Stückkosten der Produktion sinken. Diese aus Lerneffekten entspringenden Vorteile werden auch dynamische Skalenerträge genannt. In umfangreichen empirischen Untersuchungen wurde der Learning-by-Doing-Effekt bestätigt und in Lernkurven abgebildet, wobei sich die Lerngrade allerdings branchenspezifisch unterscheiden. 22
Die Existenz solcher Lernkurven kann in strategischen Entscheidungen mit berücksichtigt werden. 23 Unternehmen könnten in Erwartung kostensenkender Lerneffekte bei der Einführung eines neuen Produkts mit einer Niedrigpreispolitik am Markt schnelle Produktionserfolge erzielen. Auch in der Außenhandelpolitik kann es sinnvoll sein, die heimische Industrie zeitweilig durch Protektionismus vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen, bis sich die Lernerfolge im Inland auf die Kostenstruktur niedergeschlagen haben.
Die Entstehung der Lerneffekte verbindet Arrow mit Investitionen in neues Sachkapital. 24 Mit neuem Sachkapital werden den Arbeitern neue Rahmenbedingungen geschaffen und die Möglichkeit gegeben, im Umgang mit ihnen Erfahrungen zu sammeln, zu Lernen und im Produktionsprozess die Arbeitsproduktivität zu steigern. Die Lern- bzw. Erfahrungseffekte im Produktionsprozess beziehen sich zunächst auf die einzelnen Tätigkeitsfelder eines Individuums. Darüber hinausgehend erfolgt ein Erfahrungsaustausch
20 Vgl. Klodt (1993), S. 208
21 Vgl. Ehrig und Kuhn (2005), S. 62
22 Vgl. Perlitz (2004), S. 77
23 Vgl. Ehrig und Kuhn (2005), S. 65f.
24 Vgl. Walter u.a. (2000), S. 77
8
zwischen Individuen, Gruppen, Institutionen und Branchen. 25 Durch diese Wissens-
Spillover erhöht sich die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Darüber hinaus wird angenommen, dass die aus Lernprozessen gewonnenen Erkenntnisse auch in die Herstellung neuen Sachkapitals einfließen. Neben der Steigerung der Arbeitseffizienz werden also auch die hergestellten Güter von dem Wissen aus Lernprozessen beeinflusst und in verbesserter Qualität hergestellt. Die neuen Güter bilden widerum die Sachkapitalinvestitionen der nächsten Generation. Diese führen im Laufe des Learning-by-Doing widerum zu Lerneffekten und Wissensakkumulation, welche ständig die Produktion neues Sachkapitals hervorbringt. Der technische Fortschritt wird somit endogen begründet durch Investitionen in Sachkapital. 26 Kapitalakkumulation und Wissensakkumulation
stehen in positiver Korrelation und treiben den technischen Wandel voran. Jede Investition schafft neues Wissen. Investitionen als Träger des Wissens weisen dabei einen in-tertemporalen externen Effekt auf, indem heutige Investitionen das Produktionsniveau der Zukunft erhöhen. Dies impliziert, dass die Entwicklungsfähigkeit einer Volkswirtschaft entscheidend von ihren Sachkapitalinvestitionen abhängt. Das Wissen vermehrt sich durch fortlaufende Investitionen in neue Kapitalgüter, die neue Erfahrungen mit der Produktion möglich machen. Im Learning-by-Doing-Modell wird das langfristige Wachstumsgleichgewicht durch die Dynamik der Wissensakkumulation erklärt, die aus der Sachkapitalakkumulation entsteht.
Die Sachkapitalinvestitionen erhöhen auf der einen Seite durch Spillover-Effekte die gesamtwirtschafltiche Produktivität und tragen auf der anderen Seite zum technischen Fortschritt bei. Da positive externe Effekte jedoch keine Rolle in den Investitionsentscheidungen der Unternehmen spielen, kann davon ausgegangen werden, dass die gesamtwirtschaftlich optimale Investitionsquote zu gering bleibt. In diesem Fall liegt es im Aufgabenbereich des Staates, durch geeignete Interventionen zu versuchen, die privaten Investitionen in Sachkapital zu erhöhen. Prinzipiell könnte der Staat die Sachkapitalinvestitionen subventionieren, um damit die Investitionsentscheidungen der Unternehmen zu beeinflussen. Für einen hohen gesamtwirtschaftlichen Effekt müssten die aus Sachkapitalinvestitionen gewonnenen Erkenntnisse durch Wissens-Spillover dif-fundieren. Geeignet wären branchenspezifische oder branchenübergreifende neue Technologien, die hohe Lerneffekte und Produktivitätssteigerungen versprechen. Der Einsatz
25 Vgl. Göcke (2000), S. 10
26 Vgl. Ehrig und Kuhn (2005), S. 89f.
9
von IuK-Technologien beispielsweise konnte den Unternehmen enorme Produktivitätssteigerungen erbringen. Außerdem bewirken IuK-Technologien Lerneffekte und können Wissens-Spillover auslösen. 27 Natürlich muss darauf geachtet werden, dass keine exzessive Subventionspolitik betrieben wird, die ihrerseites zu einer Fehlallokation der Ressourcen und damit zur Senkung eines wohlfahrtsoptimalen Wachstums führen würde.
3.1.2 Humankapitalmodell
Ausgangspunkt im Humankapitalmodell von Lucas (1988) ist eine Produktionsfunktion mit zwei Sektoren. 28 Im Sachkapitalsektor werden Sachgüter produziert, die für Konsumzwecke oder Sachkapitalinvestitionen genutzt werden können. Im Humankapital-sektor bzw. Bildungssektor entsteht durch den Einsatz von Humankapital neues Humankapital. Das neue Humankapital wird dadurch gebildet, dass Individuen einen Teil ihrer Arbeitszeit für Aus- und Weiterbildungsaktivitäten ausgeben. Während dieser Zeit sind die Personen allerdings an der laufenden Produktion von Sachkapital nicht beteiligt, d.h. die Humankapitalakkumulation entsteht zu Lasten des Sachkapitalsektors. Ein Unternehmen hat also die Wahl, seine Mitarbeiter entweder für die Sachgüterproduktion arbeiten zu lassen, oder sie in die Weiterbildung zu schicken, um dadurch höhere Renditen in der Zukunft erzielen zu können. Gesamtwirtschaftlich gesehen steigt das volkswirtschaftliche Humankapital umso höher, je mehr Menschen im Bildungssektor tätig sind. Der Verzicht auf die Produktion von Sachkapital im Rahmen der Humankapitalinvestitionen im Bildungssektor führt zu einer Erhöhung der Humankapitalausstattung in der Zukunft, mit der dann widerum die Sachgüterproduktion steigt. Der Zuwachs zum Humankapitalbestand einer Volkswirtschaft hängt dabei ab von der Produktivität des Bildungssektors, der Zeit, welche die Individuen für Bildungszwecke aufbringen als auch vom Anfangsbestand an Humankapital.
Das Humankapitalmodell wird auch herangezogen, um unterschiedliche Wachstumsentwicklungen in den Ländern zu erklären. 29 In Ländern mit vergleichsweise hohem Anteil an Humankapitalbestand kann bei Zuführung von Sachkapital mit raschem Wachstum gerechnet werden. Die Einführung der marktwirtschaftlichen Ordnung in manchen Ländern mit hoher Humankapitalausstattung erbrachte diesen Ländern hohe
27 Vgl. Welfens u.a. (2005), S. 69
28 Vgl. Hemmer (1999), S. 206f.
29 Vgl. ebenda, S. 212
Quote paper:
Yilmaz Sütcü, 2008, Vergleich der Nationalen Forschungs- und Technologiepolitiken in Deutschland und Großbritannien ab 1990, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Gedanken über die Zukunft und Zukunftsforschung
Engineering - Industrial Engineering and Management
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 14 Pages
Untersuchung von Verfahren zur Technologiebewertung in der Luftfahrt u...
Engineering - Industrial Engineering and Management
Scholarly Research Paper, 115 Pages
Kreativitätstechniken und ihre theoretische Fundierung
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Roadmaps und die Reaktion auf Technologien, die außerhalb der Kernkomp...
Business economics - Marketing, Corporate Communication, CRM, Market Research
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Competitive Intelligence - Strategische Frühaufklärung für die Sicheru...
Business economics - Business Management, Corporate Governance
Scholary Paper (Seminar), 33 Pages
Stand der Technik und Anwendung von Superkondensatoren
Computer Science - Technical Computer Science
Diploma Thesis, 108 Pages
Yilmaz Sütcü has published the text Vergleich der Nationalen Forschungs- und Technologiepolitiken in Deutschland und Großbritannien ab 1990
Yilmaz Sütcü has uploaded a new text
Der Netzzugang bei Briefdiensten in Deutschland und Großbritannien
Regulierungsrahmen, Wettbewerb...
Martin Pohl
Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990
Enzyklopädie deutscher Geschic...
Ulrich Lappenküper
Gedeckte Schuldverschreibungen in Deutschland und Großbritannien
Pfandbriefe und UK Covered Bon...
Tobias Koppmann
0 comments