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Zusammenfassung
Im Rahmen der Themenstellung „Begriff und historische Bedeutung des preußischdeutschen Militarismus“ konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf Aspekte, die für den Umgang mit Erwartungen bezüglich der deutschen Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen von Interesse sind.
Es wird der Versuch unternommen, die Geschichte der Begriffe „Militarismus“ und „preußisch-deutscher Militarismus“ im Licht wichtiger Ereignisse und Entwicklungen, die das Verständnis dieser Begriffe geprägt haben, nachzuvollziehen. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der von Meinecke (1946) formulierten und im Einklang mit Entscheidungen der Alliierten (wie dem Kontrollratsgesetz zur Auflösung des Staates Preußen) stehenden Einschätzung gewidmet, der preußisch-deutsche Militarismus sei „diejenige geschichtliche Macht..., die den Aufbau des Dritten Reiches wohl am stärksten gefördert hat“. Zwar haben moderne Historiker wie z.B. Wolfram Wette und andere Angehörige des Arbeitskreises Historische Friedensforschung weiterentwickelte und stärker differenzierende Analysen der Kontinuitäten zwischen dem preußisch-deutschen Militarismus und dem Nazi-Regime vorgelegt (und dabei auch Grenzen dieses Erklärungsansatzes aufgezeigt). Jedoch fehlt es den Ausführungen der vorliegenden Arbeit zufolge noch immer an anerkannten und maßgeblichen Untersuchungen, die den preußisch-deutschen Militarismus und die Entstehungsgeschichte des Nazi-Regimes systematisch auch im Kontext internationaler Einflüsse und Beziehungen beleuchten. In der Militarismus-Diskussion der Historischen Friedensforschung noch wenig berücksichtigt sind z.B. der Einfluss der mit dem Kolonialismus verbundenen Superioritätsideologien als prägende Norm am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts und die Nachwirkungen dieser Ideologien bis in die heutige Zeit. Vernachlässigt ist u.a. auch eine Auseinandersetzung mit ernst zu nehmenden Hinweisen darauf, dass einflussreiche Meinungsbildner in westlichen Ländern das Nazi-Regime anfänglich als ein Bollwerk gegen kommunistische Bestrebungen - in Deutschland selbst und in östlichen Nachbarländern - schätzten und zumindest ideologisch unterstützten, trotz und z.T. möglicherweise auch wegen der schon früh gezeigten Brutalität dieses Regimes.
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Eine wesentliche Beschränkung der Militarismus-Diskussion im Rahmen der Historischen Friedensforschung, die von Historikern der NATO-Streitkräfte (in Deutschland z.B. über den Arbeitskreis Historische Friedensforschung) stark mitgestaltet wird, besteht nach Meinung der Verfasserin in dem weitgehenden Verzicht auf das Bemühen um allgemeiner anwendbare Kriterien für die Unterscheidung zwischen Militarismus und „Nicht-Militarismus“. Wenn die Militarismus-Diskussion auf die Beschreibung von Prototypen reduziert ist - ohne die Möglichkeit, „militaristische“ und „nicht-militaristische militärische“ Ansätze nach objektiven Kriterien vergleichen zu können -, liegt nahe, dass der Einsatz militärischer Mittel zur Bekämpfung des Militarismus nicht als überprüfungsbedürftig und als möglicher Widerspruch in sich gesehen wird. Bei fehlenden Vergleichskriterien kann allein schon aufgrund spontaner Assoziationen der Einsatz militärischer Mittel als Pflicht und Verantwortung erscheinen, um die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein neuer Prototyp des Militarismus herausbilden könnte, zu verringern. Unter Verwendung von Konzepten aus der Sozialpsychologie wird angemerkt, dass der auf die Darstellung von „Prototypen“ reduzierte Ansatz der Militarismus-Diskussion sich vorzugsweise dispositional orientierter Erklärungsmuster bedient; d.h., Fehlentwicklungen werden mit festen Merkmalen bestimmter Bevölkerungsgruppen erklärt. Situationale Aspekte treten dagegen in den Hintergrund; d.h. Faktoren, die individuelle und kollektive Verhaltensweisen im Zusammenhang mit bestimmten Situationen beeinflussen, werden weniger beachtet. Dies kann dazu führen, dass die Möglichkeit, Situationen durch Anwendung militärischer Gewalt (Demonstration der Kapazität zum Töten) positiv zu beeinflussen, überschätzt wird, während Möglichkeiten nicht-militärischer Formen der Einflussnahme unterschätzt werden.
Um aus den Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte, insbesondere aus dem preußisch-deutschen Militarismus und aus der Entstehungsgeschichte des Nazi-Regimes, im Hinblick auf die deutsche Rolle in der NATO und die deutsche Beteiligung an Militäreinsätzen die „richtigen“ Schüsse ziehen zu können, ist es wichtig, dass die Militarismus-Diskussion Impulse auch aus der Sozialpsychologie und anderen Disziplinen aufnimmt. Unverzichtbar erscheint zudem, dass
Kontinuitätslinien nicht nur „vertikal“ (bezogen auf die Zeitlinie), sondern auch „horizontal“ (bezogen auf grenzüberschreitende, international wirksame Einflüsse von
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Wertvorstellungen und Interessen, z.B. Kolonialismus, Rassen-und
Superioritätsideologien, die Art und Weise der Gestaltung des Handels und der Migration) untersucht werden.
Nach aktuellem Stand hilft das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus als abschreckendes Bild, z.B. in Führungskursen der Bundeswehr, zu vermeiden, dass das Militär sich der nötigen Steuerung durch legitimitierte zivile Instanzen entzieht und (in Deutschland) wieder zum „Staat im Staate“ wird. Es kann aber auch eine „falsche Sicherheit“ suggerieren im Sinne einer Vorstellung, dass „Westbindung“ und Eingliederung in die NATO an und für sich schon genügen würden, um vor Fehlentwicklungen gefeit zu sein.
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1. Themenstellung und Schwerpunktsetzung
Die vorliegende Arbeit wird angefertigt als Einsendearbeit im Rahmen des Studiengangs „Master of Peace Studies“ der FernUniversität Hagen. Innerhalb der gegebenen Themenstellung „Der Begriff des preußisch-deutschen Militarismus und die historische Bedeutung dieses Phänomens“ möchte ich mich besonders auf Aspekte konzentrieren, die für den Umgang mit Erwartungen bezüglich der deutschen Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen von Interesse sind. Den Anstoß zu dieser Schwerpunktsetzung gibt eine aktuelle Diskussion, ausgelöst durch einen provozierenden SPIEGEL-Titel vom 20.11.2006: „Die Deutschen müssen das Töten lernen“ (Hammerstein et al., 2006). Mit diesem Ausspruch wurden Gesprächspartner des deutschen Regierungsbeauftragten für die deutschamerikanischen Beziehungen Karsten Voigt zitiert, die der US-Administration angehören. Es geht dabei um die von US-Vertretern und Vertretern anderer NATO-Partner gewünschte Beteiligung deutscher Einheiten an den Militäroperationen im Süden Afghanistans. Einige der Leserbriefschreiber, die sich auf diesen Artikel bezogen, sahen es, entsprechend dem Duktus des Artikels, als Notwendigkeit an, dass Deutschland sich wieder an militärischer „Normalität“ beteilige, zu der nun einmal das Töten und Getötetwerden gehöre; ein Leser fand den Titel „nach 70 Jahren ‚Tätervolk’ … fast schon versöhnlich“ (Wohlfarth, 2006). Die meisten Leserbriefschreiber und -schreiberinnen sahen in einer solchen Forderung jedoch einen drastischen Widerspruch zu den Lehren der deutschen Geschichte. Ein Leser zitierte die Gedichtzeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ des HolocaustÜberlebenden Paul Celan (Meinel, 2006). In einem weiteren Leserbrief wurde die Frage gestellt, ob (wie vor über hundert Jahren im Zusammenhang mit der Niederschlagung des „Boxeraufstands“ in China, Anm. d. Verf.), Verbündete künftig wieder fordern würden: „Germans to the front“ (Müller-Schmargendorf, 2006). Es ist nicht anzunehmen, dass die USA und andere NATO-Partner nach Jahrzehnten erfolgreicher „Umerziehung“ einer vormals militaristisch geprägten Gesellschaft wünschen, Deutschland solle wieder zu militaristischeren Traditionen zurückfinden. Fest steht aber, dass die Erwartungen an deutsches Engagement bei militärischen
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Auslandseinsätzen, die der Bekämpfung des Terrorismus und der Verbreitung der Demokratie dienen sollen, steigen. Wie soll sich Deutschland angesichts solcher Erwartungen verhalten? Wie nützlich ist das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus, wenn des darum geht, in dieser Frage „die richtigen“Lehren aus der Geschichte zu ziehen?
Hinsichtlich der verwendeten Literatur gründet sich diese Arbeit auf den Studienbrief „Historische Friedenforschung“ der FernUniverstität Hagen, hier insbesondere auf den Beitrag „Militär und Militarismus“ (Dülffer et al., 2005), auf angegebene weiterführende Literatur und eigene Literaturrecherche. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden in einigen Fällen auch nicht-wissenschaftliche Publikationen herangezogen, soweit sie Originalquellen darstellen (z.B. antiquarisch erhältliche Bücher von zeitgeschichtlichem Interesse), sich auf nachprüfbare Originalquellen beziehen oder unkontroverses Lehrbuchwissen zusammenfassen.
2. Einige Schlaglichter zur Entstehung und Anwendung des
Begriffs „preußisch-deutscher Militarismus“
Von der Geschichte des preußisch-deutschen Militarismus kaum zu trennen ist die Geschichte dieses Begriffs. Der Begriff „Militarismus“ bezeichnet das Phänomen einer Dominanz des Militärischen in Politik und Gesellschaft. Geprägt als politischer Kampfbegriff von Kritikern und Gegnern dieses Phänomens, fand er seit den 1860er Jahren ausgehend von den europäischen Ländern Eingang in die politische Sprache. Eine allgemein akzeptierte, umfassende Definition des Militarismus gibt es bis heute nicht. Aufgrund der Entstehungsgeschichte des Militarismusbegriffs, und wegen seiner Bedeutung als Erklärungsansatz für die Katastrophe des Nationalsozialismus, gilt der preußisch-deutsche Militarismus als „Prototyp“ des Militarismus schlechthin (Dülffer et al., 2005; Meinecke, 1946).
In Deutschland verbreitete sich der Begriff des Militarismus im Zusammenhang mit den preußischen Heeresreformen der 1860er Jahre und der in drei Kriegen erfochtenen Reichsgründung 1871 (Dülffer et al., 2005; Kühne & Ziemann, 2000). Als Meilenstein für den Beginn des preußisch-deutschen Militarismus gilt die „Blut-und-
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Eisen-Rede“ Bismarcks vor der Budgetkommission des preußischen
Abgeordnetenhauses im September 1862; der entsprechende Abschnitt wurde sinngemäß nach einem Zeitungsartikel überliefert: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden... , sondern durch Eisen und Blut“ (RBB, 2007). Mit dieser Begründung und dem Hinweis auf eine angebliche Lücke in der Verfassung setzte sich Bismarck über Einwände des Parlaments gegen die Finanzierung einer weiteren Heeresreform hinweg. Im Vorwurf des Militarismus manifestierte sich Protest von Teilen der Bevölkerung und von Volksvertretern (Reichstagsabgeordneten) gegenüber der reichsweiten Einführung eines stehenden Heeres nach preußischem Muster und gegenüber der Art und wie Weise, wie die Staatsgründung zustande gekommen war - „von oben“ oktroyiert, statt „von unten“ (wie 1848 vergeblich versucht) durch Revolution errungen. Friedrich Engels sprach von einer „Verpreußung Deutschlands“, die dem Interesse des Proletariats ebenso zuwiderlaufe wie eine Verewigung der Kleinstaaterei und daher von Karl Marx und ihm selbst mit der 1848-1849 erschienenen „Neuen Rheinischen Zeitung“ propagandistisch bekämpft worden war (Engels, 1884). Als einen wesentlichen Bestandteil von Militarismus und „Verpreußung“ beschrieb Engels (z.B. Engels, 1876) die Rolle der ostelbischen Großgrundbesitzer, „Junker“ genannt, aus deren Reihen im Kaiserreich ein Großteil der Offiziere rekrutiert wurde, und die auch politisch großen Einfluss hatten. Die innenpolitische Auseinandersetzung um den Themenkomplex Militarismus/ „Verpreußung“ prägte das Bild des neuen deutschen Staates auch nach außen hin mit.
Im Jahr 1892 wurde die „Deutsche Friedensgesellschaft“ gegründet. Bereits im Gründungsjahr erschienen zwei militarismus-kritische Schriften von
Vorstandsmitgliedern der Gesellschaft, ein Appell von Richard Reuter mit dem Titel „Was will das Volk? Weder Militarismus noch Krieg" und die (im Untertitel ausdrücklich so bezeichnete) „Anklageschrift" des Historikers und späteren Friedensnobelpreiträgers Ludwig Quidde, „Der Militarismus im Deutschen Reich“ (Bredendiek, 1984). Die Gesellschaft pflegte regen Austausch mit
Friedensgesellschaften in europäischen Ländern und in den USA. z.B. im Rahmen internationaler Friedenskongresse.
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In England stellte Herbert Spencer dem militaristischen Gesellschaftstyp preußischer Prägung, der auf Krieg und Kriegsvorbereitung orientiert sei, den industriellen Gesellschaftstyp englischen Musters gegenüber: Dieser sei dadurch gekennzeichnet, dass er die Individualität schütze und Frieden und friedlichen Austausch erstrebe (Berghahn, 1987). Spencer gilt als Gründungsvater der Soziologie, begründet u.a. durch sein Werk „The Principles of Sociology“ (Spencer, 1882-1898); er gestaltete über mehrere Jahre die heute noch maßgebliche wirtschaftsjournalistische Zeitschrift „The Economist“ wesentlich mit. Sein Name wird mit Marktliberalismus und Sozialdarwinismus in Zusammenhang gebracht (Wikipedia, 2007a; Knowledge Library, 2007). Er prägte den Ausdruck „survival of the fittest“ und setzte sich dafür ein, dass Regierungen das mit diesem Schlagwort zusammengefasste „Naturgesetz“ bei ihrer Sozialpolitik berücksichtigen sollten (Walters, 2005-2007). So führte er z.B. die Hungersnot in Irland von 1844 (bekannt als „potato famine“) auf eine exzessive Spermienproduktion bei den irischen Katholiken zurück; seine Ansichten trugen dazu bei, dass das englische Parlament Hilfslieferungen von verfügbarem Getreide verweigerte (Fogu, 2006; Carter, 2007). Die heute übliche Unterscheidung zwischen „entwickelten Ländern“ (die dem Modell des industriellen Gesellschaftstyp westlicher Prägung bereits entsprechen) und „Entwicklungsländern“ (die dieses Ziel noch zu erreichen haben) geht nicht zuletzt auch auf Spencers Theorien von Unterentwicklung zurück (vgl. Übersichten über Modernisierungs- und Kulturtheorien, z.B. Rothenbacher, 2005-2007; Prisching, 2007). Im Rahmen meiner Literaturrecherche für diese Arbeit konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen, ob Spencer den Einsatz militärischer Mittel zur Durchsetzung von Handelsinteressen und Unterdrückung von Aufständen in Kolonialgebieten nur als eine vorübergehende, dem voll ausgebildeten industriellen Gesellschaftstyp nicht entsprechende Erscheinung ansah, oder aufgrund der „Unterentwicklung“ der Betroffenen einer Berücksichtigung im Rahmen der Militarismus-Diskussion nicht wert erachtete. Eine andere Sichtweise als Spencer vertrat der linksliberale britische Ökonom John Hobson: Er sah direkte Zusammenhänge zwischen Kolonialpolitik, Imperialismus und Militarismus als Auswüchse kapitalistischer Wirtschaftsform, wandte den Militarismusbegriff also auch und gerade auf Großbritannien an (Hobson, 1903). Hobsons Analysen zu Imperialismus und Militarismus entstanden u.a. unter dem Eindruck der gewaltsamen Niederschlagung des sogenannten „Boxeraufstands“ in
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China durch eine gemeinsame Militäraktion Großbritanniens, fünf kontintenaleuropäischer Staaten, der USA und Japans.
Der Aufbruch deutscher Soldaten zur Teilnahme an dieser internationalen „Strafexpedition“ nach China im Jahr 1900 war Anlass zu der berüchtigten „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II., in der er die Soldaten aufrief, wie seinerzeit die Hunnen keine Gnade walten zu lassen (Kaiser Wilhelm II., 1900). Sie begann mit den Worten: „Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind...“. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden deutsche Soldaten in Anlehnung an diese Rede als „Hunnen" bezeichnet (Kuß & Martin, 2002). Zunächst jedoch überwog ein positives Bild der deutschen Rolle bei den gegen den Aufstand verbündeten Parteien; es entstand das Schlagwort „Germans to the front“ (Kay, 2007). Ein Gemälde mit diesem Titel, begleitet von einem überschwänglichen Brief zur Widmung, sandte Kaiser Wilhelm II. an Houston Stewart Chamberlain, den Schwiegersohn Richard Wagners (Kaiser Wilhelm II., 1902). Dass der Kaiser für den aus englischem Adel stammenden Rassenideologen Chamberlain ausgerechnet dieses Geschenk auswählte, deutet darauf hin, dass er gerade auf seine Rolle als Schwertträger in einer Koalition mit England, den USA und anderen Mächten, die sich als Wahrer der westlichen Zivilisation sahen, sehr stolz war. Mit seinem Wunsch nach deutscher „Seegeltung“ und der Umsetzung einer ehrgeizigen Flottenpolitik schürte er gleichzeitig aber auch ein Wettrüsten mit England (Wikipedia, 2007b).
Das Streben nach aktiver Teilnahme an der Welt- und Kolonialpolitik und nach einer starken Flotte als sichtbarem Zeichen einer neugewonnenen Weltgeltung waren in der deutschen Bevölkerung populär (Kay, 2007), jedoch gab es auch kritische Stimmen, insbesondere aus den Reihen der Sozialdemokratie. Rosa Luxemburg sah die Flottenpolitik als einen „Zwillingsbruder des deutschen Militarismus“ und gleichzeitig als einen Ausdruck (internationaler) kapitalistischer Kolonialpolitik: „Die neue ungeheure Vermehrung der Ausgaben für eine abenteuerliche Welt- und Kolonialpolitik wird dem deutschen Volke gerade in einem Augenblick zugemutet, wo neue grauenhafte Enthüllungen über die wilde Rohheit der kapitalistischen Kolonialpolitik in den französischen wie in den belgischen Kolonien jede Unterstützung dieses barbarischen Treibens nicht nur zu einem wirtschaftlich und
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politisch verhängnisvollen, sondern auch zu einem verbrecherischen Unternehmen stempeln“ (Luxemburg, 1905). Empörung über deutsche Kolonialgräuel in Südwestafrika, begangen gegen die Völker der Herero und Nama, führte in Deutschland zu Protestversammlungen. Im Reichstag geißelte August Bebel im Januar 1905 die blutige Niederschlagung der Aufstände kolonisierter Völker (Lampe et al., 1990).
Im Dezember 1906 verweigerte der Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokraten und des katholischen Zentrums die Zustimmung zu einem Nachtragshaushalt zur Finanzierung des Kolonialkriegs. Reichskanzler von Bülow löste daraufhin den Reichstag auf und setzte Neuwahlen an (im Volksmund als „Hottentottenwahlen“ bezeichnet), die mit einer heftigen Propagandakampagne und mit Veränderungen der Wahlkreise verbunden waren, zu Mandatsverlusten der Sozialdemokraten und letztlich zur Genehmigung des umstrittenen
Nachtragshaushalts führten (Heyden, 2003). Das brutale Vorgehen in Afrika verharmloste von Bülow mit den Worten: “Meine Herren, was haben andere Völker für Kolonialkriege geführt, Engländer, Franzosen, Holländer, und haben nicht mit der Wimper gezuckt! Soll sich das deutsche Volk kleiner zeigen, soll das deutsche Volk kleiner dastehen als andere Völker?“ (Bülow, 1906). Diese Aussage des Reichskanzlers (ebenso wie sein bekannter Ausspruch „wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“) deutet auf eine wichtige Rolle des „normativen Einflusses“ des wahrgenommenen Verhaltens anderer, bedeutender Staaten hin. Im gleichen Jahr (1906) ereignete sich die Episode, die bis heute von vielen als exemplarisch für den preußisch-deutschen Militarismus angesehen wird: Ein arbeitsloser Schuster in der Uniform eines Hauptmanns requirierte einen Trupp Soldaten, besetzte das Rathaus von Köpenick, verhaftete den Bürgermeister und entkam mit der Tageskasse. In ganz Deutschland lachte man über das Gaunerstück. Der falsche „Hauptmann von Köpenick“ wurde nach zwei Jahren Haft vom Kaiser begnadigt und verdiente künftig mit Tourneen in Deutschland und im Ausland seinen Lebensunterhalt. Zeitgenössische Karikaturen und Zeitungsartikel, in späteren Jahren auch Theaterstücke und Filme verarbeiteten die Episode und nahmen sie zum Anlass, Untertanengeist und Uniformgläubigkeit in Deutschland kritisch und humoristisch zu thematisieren. Die öffentliche Reaktion auf die Hauptmann-von-
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Köpenick-Episode wird von einigen Historikern allerdings auch als Zeichen eines dem Militarismus gegenüber durchaus kritischen Bürgersinns interpretiert (Kühne & Ziemann, 2000). - Das Phänomen der Aneignung einer „militärischen Identität“ durch Zivilisten oder Ex-Militärpersonal, sei es in gezielter Betrugsabsicht oder (häufiger) aus Geltungssucht, ist auch im internationalen Vergleich nicht ungewöhnlich. In den USA wird das unbefugte Tragen militärischer Abzeichen seit einigen Jahren wieder zunehmend als Problem wahrgenommen und mit Gefängnisstrafen bedroht; dazu wurde kürzlich ein neues Gesetz eingeführt, der „Stolen Valor Act of 2005“ (Wikipedia, 2007c).
In Deutschland war die Sozialdemokratische Partei seit ihrer Gründung 1875 eine wichtige Trägerin der Militarismus-Kritik. Dennoch unterstützte die
sozialdemokratische Reichstags-fraktion im Rahmen der „Burgfriedenpolitik“ bei Abstimmungen im August 1914 und später die Bewilligung von Kriegskrediten. Bei der zweiten Abstimmung im Dezember 1914 stimmte Karl Liebknecht, der aus Gründen der Fraktionsdisziplin der ersten Abstimmung ferngeblieben war, als einziger Abgeordneter dagegen. Er gab dazu eine Erklärung ab, die allerdings nicht in das Protokoll der Reichstagssitzung aufgenommen und nur in einem illegalen Flugblatt wiedergegeben wurde (Liebknecht, 1914). Darin stellte er die deutsche Parole „Gegen den Zarismus“ auf eine Stufe mit der (gegen Deutschland gerichteten) englischen und französischen Parole „Gegen den Militarismus“. Seiner Erklärung nach dienten beide dazu, Völkerhass zu mobilisieren. Den Zarismus bezeichnete er als Muster politischer Rückständigkeit, Deutschland aber als mitschuldig an seinem Fortbestehen. Deutschland habe „keinen Beruf zum Völkerbefreier“. Die Befreiung „des russischen wie des deutschen Volkes“ müsse „deren eigenes Werk sein“. Als im Januar 1916 weitere SPD-Abgeordnete gegen Kriegskredite stimmten, schloss die SPD-Reichstagsfraktion die Abweichler aus ihren Reihen aus (Kuhn, 2004). Ein Bild des Militarismus im wilhelminischen Deutschland aus Sicht eines ausländischen Beobachters zeichnen Veröffentlichungen des Diplomaten Watson Gerard, der von 1913 bis 1917 US-Botschafter in Deutschland war. Gerard bezog sich ausführlich auf Zitate Napoleons, z.B.: „Andere Länder besitzen eine Armee, aber in Preußen besitzt die Armee das Land“ (Gerard, 1917).
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In seiner 1917 erschienenen Schrift „My four years in Germany“ (Gerard, 1917) nannte Gerard bereits die zentralen Elemente, die in späteren
Auseinandersetzungen mit dem preußisch-deutschen Militarismus eine Rolle spielten:
• die ins Militärische gewendete Großmannssucht des Kaisers und seiner Söhne;
• die hohen Aufwendungen für Rüstung und Flottenbau;
• die Existenz einer Militärkaste von adeligen Offizieren, die am Tisch des Kaisers eine bessere Position hatten und bei öffentlichen Veranstaltungen bessere Plätze bekamen als die höchstrangigen Zivilisten;
• das arrogante Auftreten der Offiziere in der Öffentlichkeit;
• die Bedeutung, die dem Status der „Reservisten“ zugemessen wurde;
• die Autoritätshörigkeit der Bevölkerung.
Gerards Schrift diente auch als Grundlage für einen Anfang 1918 fertiggestellten Propagandafilm. Ein Zuschauer-Rezensent der heutigen Zeit fand daran bemerkenswert, dass ein Sozialist (der sich dazu verführen lässt, in die Armee einzutreten, dies später aber bereut) in dem Film der einzige mit Sympathie gezeichnete Deutsche sei (Atfield, 2002).
Mit seinem Urteil über den “deutschen Charakter” kam Gerard, der zuvor ein deutlich positiveres Bild vom Kaiser und den Deutschen vermittelt hatte und mit Außenminister Zimmermann sogar ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt haben soll, 1917 zu dem Schluss, das preußisch-deutsche Militärkastensystem könne nur durch Niederlage und Bestrafung überwunden werden (Kampmark, 2003). Ab 1917 wurde der Begriff des preußisch-deutschen Militarismus möglicherweise auch gezielt eingesetzt, um sowjetische Revolutionäre, die zunächst der Idee der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse und des Kampfes der proletarischen gegen die besitzende Klasse anhingen, auf ein Zusammengehen mit den westlichen Alliierten im Krieg der Nationen einzustimmen. Dieses Szenario zeichneten die der sozialistischen Bewegung in den USA zugerechneten Journalisten Sayers und Kahn aufgrund der Aufzeichnungen des Vertreters des amerikanischen Roten Kreuzes,
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Raymond Robins, über seine 1917 unternommene Russland-Reise (Sayers & Kahn, 1946).
Nach der deutschen Kapitulation leitete Philipp Scheidemann die Proklamation der Republik ein mit den bekannten Worten: „... Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt!“ Ein anderer Sozialdemokrat, Wilhelm Keil, zog in einer Rede vor der Weimarer Nationalversammlung 1919 eine direkte Linie von der versuchten Revolution 1848 („Märzrevolution“) zu der mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verbundenen Revolution von 1918. Die zweite Revolution vollende die erste und reihe damit Deutschland verspätet in die westeuropäische Geschichte ein. Nach der misslungenen Märzrevolution habe sich das deutsche Bürgertum mit dem Fortbestehen der Junkerherrschaft abgefunden. Erst die Arbeiterschaft habe der Junkerherrschaft in Deutschland in der Novemberrevolution für immer ein Ende bereitet (Langewiesche, 1998).
Während der Zeit der Weimarer Republik kam es in Deutschland zu einem Wiedererstarken militärischer Ideale, getragen durch Teile der Reichswehr und durch paramilitärische „Freikorps“. Die „Dolchstoßlegende“ entstand: Militärisch sei Deutschland unbesiegt geblieben, nur durch heimtückische Propaganda an der Heimatfront sei es zur Kapitulation und zum Abschluss des als vernichtend empfundenen Vertrags von Versailles gekommen. Gleichzeitig knüpften Quidde, Luxemburg, Liebknecht und andere an die Militarismus-Kritik der Vorkriegszeit an. Unter Berufung auf die Theorie Herbert Spencers argumentierte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises: „In Deutschland ist die Meinung sehr verbreitet, dass fremde Länder unter Militarismus die Tatsache starker militärischer Rüstung verstünden; daher weist man darauf hin, dass England und Frankreich… mindestens so militaristisch wie Deutschland und Österreich-Ungarn gewesen seien. Das beruht auf einem Irrtum. Unter Militarismus sollte man nicht Rüstung und Bereitschaft zum Krieg verstehen, sondern einen besonderen Gesellschaftstyp, namentlich den, der bei pangermanischen, konservativen und sozial-imperialistischen Autoren als der des „deutschen Staates“ und der „deutschen Freiheit“ bezeichnet wurde, und den andere als die „Ideen von 1914“ gepriesen haben. Seine Antithese ist der industrielle Gesellschaftstyp” (Mises, 1919). Mises kritisierte den deutschen Nationalismus, äußerte aber auch Sorge darüber, dass Bewegungen in Deutschland bei der
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Verbreitung des marxistisch-sozialistischen Gedankens in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei eine maßgebliche Rolle spielen würden.
Gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags wurde die Reduzierung der Reichswehr auf eine Stärke von 100.00 Mann von den Alliierten zunächst durchgesetzt. Gleichzeitig wurden Freikorps unmittelbar nach Ende des Krieges nicht nur geduldet, sondern z.T. auch für nützlich gehalten: Bei der Bekämpfung bolschewistischer Aufstände im Baltikum und in Schlesien kämpften deutsche Freikorps zusammen mit britischen Truppen (Wikipedia, 2007d). Im Landesinnern setzte die sozialdemokratische Regierung Freikorps als Instrumente zur Bekämpfung kommunistischer Aufstände ein; Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von Freikorps ermordet. Der erste US Geschäftsträger in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, Ellis Loring Dresel, soll den gewalttätigen Einsatz von Freikorps gegen Bolschewisten und Bolschewismus-Verdächtige gutgeheißen und z.B. erklärt haben, die Abneigung, vor den Wahlen Blut zu vergießen, sei ein Element der Schwäche (Thälmann Gedenkstätte Hamburg, 2007) . - Aus Freikorps-Gruppierungen ging auch die nationalsozialistische paramilitärische SA hervor. In einem Bericht an seine Vorgesetzten gab der Militärattaché an der US Botschaft in Berlin, Truman Smith, im November 1922 eine Einschätzung der damals noch unbedeutenden Hitler-Gruppierung ab. Dabei stellte er in den Vordergrund, wie sich Hitler, wenn er an die Macht gelänge, voraussichtlich bezüglich der im Vertrag von Versailles geforderten deutschen Reparationen verhalten werde - er werde verlangen, dass diese auf ein „vernünftiges Maß“ herabgesetzt würden, deren Bezahlung bis auf den letzten Pfennig dann aber zu einer Sache der nationalen Ehre machen. Während der Erfüllung der Reparationen dürfe seine Macht nicht durch Gesetze oder Parlamente behindert werden (Smith, 1922). Auf Veranlassung von Truman Smith nahm Ernst Hanfstaengl, Spross der renommierten Münchner Familie Hanfstaengl und der ebenso renommierten Bostoner Familie Sedgwick (Sedgwick, 1961), an einer Veranstaltung mit Adolf Hitler teil (Hanfstaengl, 1957). Er wurde zu einem der frühen Unterstützer und Berater Hitlers. - Bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles trat ein deutscher Offizier in Uniform auf das Siegerpodest; er hatte in einem militärischen Schießwettbewerb eine Medaille geholt (Cigaretten- Bilderdienst, 1932). Darin zeichnet sich bereits symbolisch ein öffentlich
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demonstriertes „Aufweichen“ der Bestimmungen des Vertrags von Versailles in Hinblick auf die militärischen Beschränkungen ab.
Unmittelbar nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten begann offiziell die erneute Positionierung Deutschlands als Militärmacht. Am 31. Januar 1933 wurde Adolf Hitler als neuer Reichskanzler vereidigt. Im März 1933 erging ein Erlass zur Entsendung von Militärattachés an deutsche Botschaften im Ausland, und bereits am 1. April 1933 ging der deutsche General Boetticher als Militärattaché nach Washington; er blieb dort in dieser Funktion bis 1941. Im Februar 1935 fand in London die anglo-deutsche Konferenz statt, in deren Zentrum das Thema „deutsche Wiederbewaffnung“ stand. Im März desselben Jahres wurde in Deutschland die Wehrpflicht wiedereingeführt; im Juni folgte der Abschluss eines Flottenabkommens mit Großbritannien. Im Februar 1936 bat der deutsche Militärattaché in London, Geyr von Schweppenburg, in einem Schreiben an das Außenministerium in Berlin um eine Kopie des Propagandafilms „Die Wehrmacht“ von Leni Riefenstahl, den er in England und Holland vorführen wollte, da er sich davon positive Propagandawirkungen versprach (Bundesarchiv, 2007). Trotz Boykottaufrufen nicht-staatlicher
Organisationen in den USA und anderen Ländern wurden die Olympischen Spiele 1936 in Berlin und Garmisch-Partenkirchen mit Teilnahme von Sportlern und hochrangigen Besuchern aus aller Welt durchgeführt; inszeniert als Feier von „Uniformität, Militarismus, Disziplin und Massenchoreografie“ (Grote, 2004). Die Spiele selbst und ihre propagandistische Auswertung, besonders durch den international preisgekrönten Riefenstahl-Film „Olympia“, trugen in Deutschland dazu bei, dass der Bevölkerung der Eindruck vermittelt wurde, die Weltgemeinschaft sei von der Nazi-Herrschaft und den von ihr vertretenen Vorstellungen positiv beeindruckt. Die großen Themen der 1936 erschienenen Zigaretten-Sammelalben waren die Olympischen Spiele und die deutsche Wehrmacht (Cigaretten-Bilderdienst 1936a und 1936b). Der US Offizier Wedemeyer war im Rahmen eines Austauschprogramms von 1936 bis 1938 Gast an der wiedereröffneten deutschen Kriegsakademie. In seinen Berichten hob er die Verknüpfung von industriewirtschaftlichem und militärischem Denken (also das Konzept der „Wehrwirtschaft“), wie es an der Kriegsakademie gelehrt werde, besonders positiv hervor (Bundesarchiv, 2007).
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In der Zeit des „Dritten Reiches“ waren öffentliche Äußerungen, die der Ideologie des Nationalsozialismus nicht entsprachen, ohne Gefahr für Leib und Leben in Deutschland kaum noch möglich. Sozialdemokratische deutsche Exilanten publizierten und verbreiteten bis zur deutschen Besetzung der Tschechoslowakei von Prag und Karlsbad aus anti-militaristische, anti-nationalsozialistische sowie der Idee der Revolution und der sozialistischen Internationale gewidmete Artikel. Schon 1934 wurde von Exilanten in Karlsbad eine frühe, ausführliche Dokumentation über Gräuel des Konzentrationslager-Systems veröffentlicht (Ecker et al., 1934). Dank moderner Informationstechnologien können Historiker und interessierte Laien sich heute durch periodische Suche bei weltweit agierenden Internet-Antiquariaten (wie Abebooks, TomFolio u.a.) auch Primärquellen erschließen, die bisher z.T. noch wenig Aufmerksamkeit gefunden haben. Zu einem gewissen Einblick in das Spektrum der zwischen 1933 und 1938 in der Tschechoslowakei erschienenen deutschsprachigen Publikationen verhelfen z.B. Suchwortkombinationen von Jahreszahlen mit Namen von Exil-Periodika wie „Neuer Vorwärts", "Sozialistische Aktion" oder „Grüne Berichte“ bzw. von Exil-Verlagen wie „Graphia“ oder „Sopade“. Eine genauere Analyse der sozialdemokratischen/ sozialistischen Exil-Publikationen und ihrer internationalen Rezeption könnte möglicherweise zu einem umfassenderen Verständnis der Gründe für das Maß an Akzeptanz des Nazi-Regimes und seiner Ansprüche beitragen, das im Münchner Abkommen von 1938 zum Ausdruck kam. Die sogenannte „Appeasement“-Politik, d.h. der Versuch, durch Entgegenkommen und „Besänftigung“ zu einer friedlichen Koexistenz mit Nazi-Deutschland zu gelangen, beeinflusste bis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs maßgeblich die internationale Debatte. Sie wurde später der Gutgläubigkeit des britischen Premierministers Chamberlain und seinem Mangel an Entschlossenheit, die Bevölkerung aus ihrem naiven Nachkriegspazifismus (nach dem Ersten Weltkrieg) aufzurütteln, zugeschrieben. Andere Gründe, wie Sorge über marxistischesozialistische Einflüsse aus Deutschland gerade in der Tschechoslowakei (s.o., Befürchtungen von Mises, 1919) und der Wunsch, Hitler möge diese unter Kontrolle halten, könnten jedoch ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Appeasement-Politik hatte nicht nur die Komponente des Verzichts auf militärisches Eingreifen, sondern bestand u.a. auch in wirtschaftlichem Entgegenkommen (Stichwort „Economic Appeasement“; Wendt, 1971). Sie war insbesondere auch dadurch gekennzeichnet,
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dass die Regierungsvertreter Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und des Deutschen Reiches das Münchner Abkommen, das u.a. Gebietsabtretungen der Tschechoslowakei zum Gegenstand hatte, ohne jegliche Beteiligung von Vertretern der Tschechoslowakei verhandelten und abschlossen - eine Vorgehensweise, die allein mit dem Wunsch, militärische Auseinandersetzungen zu vermeiden, schwer zu erklären ist.
Der britische Zeitungsmogul Lord Rothermere, Herausgeber der verbreiteten Zeitung „Daily Mail“, leistete Hitler und dem Gründer der faschistischen Partei in England, Mosley, publizistische Schützenhilfe. Zum deutschen Einmarsch in das Sudetenland soll er Hitler sogar ein Glückwunschtelegramm gesandt haben (Wikipedia, 2007e). Darüber hinaus galt Rothermere als jemand, der das Ohr des „Führers“ hatte: Als der Kaisersohn und Ex-Kronprinz Wilhelm Hitler 1934 einige seiner „Beobachtungen und Gedanken“ übermitteln wollte, wählte er dazu den Weg über einen Brief an Lord Rothermere (Machtan, 2006). Bemerkenswert ist auch, dass der Berliner Büroleiter des Konkurrenzblattes „Daily Express“, Sefton Delmer, der sich später gegen den Nationalsozialismus wandte und in England Leiter der Feindpropaganda im Rahmen der psychologischen Kriegsführung wurde (Wikipedia, 2007f), in einem 1933 erschienenen Buch des damaligen Auslands-Propagandachefs Hitlers, Ernst Hanfstaengl, mit einer freundlichen Danksagung für Hilfe bei der Materialsammlung bedacht wurde (Hanfstaengl, 1933). Dabei erschien sein Name neben dem des „Führerstellvertreters“ Rudolf Hess.
Aus diesen Beispielen lässt sich ersehen, dass in maßgeblichen Teilen der internationalen Presse ein unkritisches Bild des Nationalsozialismus vermittelt wurde. Mit Bezug auf England stellte der britische Militärhistoriker Kershaw fest, dass nicht nur viele Mitglieder des Hochadels von Hitler fasziniert waren, sondern dass Hitler auch in der Berichterstattung konservativer Blätter viel Anklang fand, da ein von ihm angeführtes Deutschland als nützliches Bollwerk gegen den Kommunismus betrachtetet wurde (Kershaw, 2005). Der Schluss liegt nahe, dass dieses Klima einer internationalen Militarismus-Debatte im Zusammenhang mit der Aufrüstung Deutschlands unter dem Nationalsozialismus nicht förderlich war.
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Umso stärker rückte das Bild vom preußisch-deutschen Militarismus kurz vor und nach Kriegsausbruch wieder in den Vordergrund. Es trug schließlich auch dazu bei, dass der Widerstand deutscher Offiziere gegen Hitler und ihr Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 nicht zu dem erhofften Signal der Alliierten an die deutsche Öffentlichkeit führte, ein Regimewechsel von innen heraus könnte bessere Friedensbedingungen zur Folge haben. Die Widerstandskämpfer wurden selbst als Vertreter des preußisch-deutschen Militarismus gesehen. In einer Erklärung im britischen Unterhaus sprach Churchill von “Ausrottungskämpfen unter den Würdenträgern des Dritten Reiches” (Churchill, 1944) und das New Yorker Emigrantenblatt “Aufbau” gab der Hoffnung Ausdruck, “dass die gegenseitige Vernichtung von Junkern und Nazis den Weg zur wahren Vernichtung des deutschen Militarismus freimacht” (George, 1944). Für die Gleichsetzung von
Nationalsozialismus und preußisch-deutschem Militarismus und die Vorstellung, durch eine totale Niederlage Deutschlands - und nur dadurch - könne beides wirksam beseitigt werden, wurde möglicherweise ein hoher Tribut in Kauf genommen. In den letzten Kriegsmonaten seit dem Attentatsversuch fielen mehr Menschen dem Krieg und der Gewaltherrschaft zum Opfer als in den vier Kriegsjahren zuvor (Knopp et al., 2004). Durch seine Teilhabe am Sieg wurde Stalin in seinem totalitären Machtanspruch innerhalb der Sowjetunion und der Länder des späteren Ostblocks bedeutend gestärkt.
Dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes und der Konfrontation der Deutschen mit dem unvorstellbaren Ausmass der nationalsozialistischen Verbrechen folgte eine erneute Auseinandersetzung mit dem preußisch-deutschen Militarismus. In seinem 1946 erschienen Werk „Die deutsche Katastrophe“ bezeichnete der Historiker Friedrich Meinecke den preußisch-deutschen Militarismus als „diejenige geschichtliche Macht..., die den Aufbau des Dritten Reiches wohl am stärksten gefördert hat“ (Meinecke, 1946). Diese Aussage entsprach der Vorstellung von Preußen als „Träger des Militarismus“, die dem „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ von 1946 (Ministerium für Sonderaufgaben, 1946) und dem „Kontrollratsgesetz zur Auflösung des Staates Preußen“ von 1947 (Alliierter Kontrollrat, 1947) zugrundelag. Die ostelbischen Großgrundbesitzer („Junker“) wurden von den Alliierten, in Übereinstimmung mit frühen sozialdemokratischen und marxistischen Analysen deutscher Militarismus-Kritiker,
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als eine wesentliche Stütze des preußisch-deutschen Militarismus angesehen. Damit unterstützte das Militarismus-Argument über die ideologischen Unterschiede der westlichen Alliierten und der Sowjetunion hinweg auch die Enteignung von (nicht nur) Großgrundbesitzern in der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland und in den ehemaligen deutschen Ostgebieten in Polen.
Aus heute maßgeblicher Sicht wird mit dem Begriff „preußisch-deutscher Militarismus“ die Periode von der Reichsgründung 1871 bis zum Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ 1945 charakterisiert (Dülffer et al, 2005). Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg wurde noch eine länger zurückreichende Kontinuitätslinie gezogen, die jedoch einer Konzentration auf den genannten Zeitabschnitt gewichen ist (Dülffer et al, 2005). Durch die Eingrenzung des Zeithorizonts wurde es möglich, dass die Mitte der 1950er Jahre gegründeten neuen deutschen Armeen in West und Ost, die Bundeswehr und die Nationale Volksarmee (NVA), sich jeweils auf weiter in die Vergangenheit zurückreichende preußische Traditionen beziehen und gleichzeitig von der Tradition des preußisch-deutschen Militarismus distanzieren konnten. Auch wurde auf diese Weise vermieden, dass z. B. preußische Traditionen in der US Armee, wie sie u.a. in der jährlichen „Steubenparade“ zum Ausdruck kommen, in Frage gestellt worden wären. Ehemalige Wehrmachtsoffiziere - darunter auch, aber keineswegs ausschließlich oder vorwiegend - solche, die am Widerstand gegen Hitler beteiligt gewesen waren, spielten bei der Gründung und für die Prägung beider Armeen eine wichtige Rolle (Bald, 2005a). Im Vordergrund stand auf beiden Seiten die Einbindung in die gegeneinander gerichteten Bündnissysteme NATO und Warschauer Pakt.
Eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr („rebuilding the Wehrmacht“; Herbert Hoover Presidential Library and Museum, 2007) spielte Truman Smith, der von 1920 bis 1924 sowie von 1935 bis 1939 US Militärattaché in Deutschland gewesen war. Bundeskanzler Adenauer forcierte im Rahmen der „Westintegration“ die Gründung der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik (Thränhardt, 2007). Dabei setzte er sich gegen Widerstände im Bundestag und gegen einen starken Unwillen in der Bevölkerung, der in Wellen von Demonstrationen und Kundgebungen zum Ausdruck kam, wirksam durch. Gleichzeitig betonte er: "Der Militarismus ist tot" (Bald, 2005b). Die neuen Streitkräfte
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mussten, wenn sie gesellschaftlich akzeptabel sein sollten, demokratietauglich sein und strikter parlamentarischer Kontrolle unterliegen. Sie durften keinen „Staat im Staate“ bilden, wie es bei der Reichswehr gewesen war, und auch keinen gesellschaftlichen Sonderstatus wie im Kaiserreich einnehmen. Aufgabe der „inneren Führung“ der Bundeswehr sollte es sein, die Spannungen zu mindern, die sich aus den individuellen Rechten des freien Bürgers einerseits und den militärischen Pflichten des Soldaten andererseits ergeben (Wikipedia, 2007f). Regelungen wurden geschaffen, um die Wertordnung des Grundgesetzes auch auf das Militär anzuwenden sowie rechtsstaatliche und freiheitliche Grundrechte für den Soldaten zu gewährleisten (Bald, 2005b).
Seit 1984 besteht in Deutschland der Arbeitskreis Historische Friedensforschung; seitdem hat sich das Arbeitsgebiet Historische Friedensforschung in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin entwickelt. Der Arbeitskreis ist neben der in den USA tätigen (1964 gegründeten) Peace History Society der größte einschlägige Zusammenschluss und arbeitet mit den amerikanischen Kollegen eng zusammen (AHF, 2007). Die Historische Friedensforschung (als Eigenname mit „großem H“) hat - nicht nur, aber nicht zuletzt - eine militärhistorische und von militärischen Werten mitgeprägte Kinderstube. Mitbegründer des AHF - und Mitverfasser des Studienbriefs Historische Friedensforschung (Dülffer et al., 2005) - ist Wolfram Wette, einer der profiliertesten deutschen Militärhistoriker; seinerzeit als langjähriger Mitarbeiter im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Angehöriger der Bundeswehr (MGFA). Das MGFA erarbeitet u.a. historische Bildungs- und Lernhilfen für die Bundeswehr-Kontingente im Rahmen der Einsatzvorbereitung und stellt historische Expertise für die politische Leitung und militärische Führung der Bundeswehr bereit (MGFA, 2007). Die Analyse des Phänomens des preußisch-deutschen Militarismusals Prototyp des Militarismus - und die Ableitung von Schlussfolgerungen für die innere Führung der Bundeswehr und für die Gestaltung der Beziehung zwischen Bundeswehr und Gesamtgesellschaft in Deutschland ist ein wesentliches Arbeitsfeld der Historischen Friedensforschung. In der Terminologie der Historischen Friedensforschung wird besonderer Wert darauf gelegt, dass als Gegenpol zu dem Begriff des Militarismus nicht der Begriff des Pazifismus, sondern der des Zivilismus verstanden werden soll, welcher das Vorherrschen ziviler Strukturen und Prozesse in der Gesellschaft bezeichnet (Dülffer et al., 2005). Dies ist außerhalb der Disziplin der
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Historischen Friedensforschung kein selbstverständlicher Konsens; z.B. gibt es in der Sozialpsychologie das Instrument der Militarismus-Pazifismus-Skala zur Erfassung von Einstellungen (Cohrs, 2002).
Mit der Wiedervereinigung 1990 wurden Personal und Bestände der NVA in die Bundeswehr eingegliedert. Erst 1990 sei der mit dem preußisch-deutschen Militarismus verbundene „deutsche Sonderweg“ (das Problem der mangelnden Anbindung an die Entwicklung der westlichen Demokratien) wirklich beendet worden, schrieb der Historiker Heinrich Winkler (Winkler, 2000; Wikipedia, 2007g). Mit dem Ende der Blockkonfrontation (NATO/ Warschauer Pakt) änderte sich die Rolle der Bundeswehr. In der Politik setzte sich die Auffassung durch, dass die Aufgabe der Bundeswehr über die Sicherung der territorialen Integrität Deutschlands hinausgehe und im weiteren Sinne eine Sicherung deutscher Interessen (eng verzahnt mit den Interessen der NATO-Partner) beinhalte. Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik müsse daher - in einem schrittweisen Gewöhnungsprozess - den Weg von der „statischen Verteidigung“ zu „gestaltender Regelung vieler Fragen“ gehen (Clement, 2004). Militäreinsätze, zunächst humanitär begründet, seien ein „Signal an die Staatengemeinschaft, dass Deutschland wachsende Verantwortung in der Welt empfindet und diese auch wahrnimmt“. Angesichts der neuen Dimension des Terrorismus seit 2001 verlange überdies die Öffentlichkeit von den Streitkräften, dass „Terrorgruppen möglichst dort bekämpft werden, wo sie entstanden sind und ihre Trainingscamps haben“; zudem müssten die Streitkräfte „dafür sorgen, dass die Bedrohung zu Hause nicht konkret wird“ (Clement, 2004). Wie realistisch die Annahme ist, Terrorgruppen seien hinreichend fest lokalisierbar, um durch militärische Bekämpfung am Ort von Trainingscamps im Endeffekt eine Verminderung der Terrorgefahr zu erreichen, wird unterschiedlich gesehen. Abgesehen von der Frage der Wirksamkeit spielt in der politischen und öffentlichen Diskussion auch hier die Vorstellung eine Rolle, mit dem Einsatz von Streitkräften signalisiere Deutschland seine Bereitschaft zur Übernahme wachsender Verantwortung in der Welt.
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3. Bewertung
Im vorangegangenen Abschnitt wurden die Entwicklung des Militarismus-Begriffs, insbesondere des Begriffs vom preußisch-deutschen Militarismus als „Prototyp“, und seine Einbettung in historische Ereignisse in Schlaglichtern beleuchtet. Es zeichnet sich ab, dass bei der Entstehung des Konzepts vom preußisch-deutschen Militarismus innenpolitische Auseinandersetzungen und Widerstand gegen autokratische und totalitäre Regime in Deutschland eine wesentliche Rolle spielten. Diese waren zum Teil international sozialistisch geprägt; aber auch Ideale des Handelsliberalismus, die zunächst von England ausgingen, flossen ein. In einem wohl eher oberflächlichen gemeinsamen Verständnis von „Preußen als Träger des Militarismus“ konnten so unterschiedliche Mächte wie die Sowjetunion einerseits, Großbritannien und die USA andererseits zeitweise zusammenfinden und Allianzen bilden.
Mit dem begrifflichen Konglomerat „preußisch-deutscher Militarismus“ werden Unterscheidungen zwischen den Bestandteilen Preußen, Deutschland und Militarismus verwischt. Die einseitige Betonung der Rolle Preußens bei der Wegbereitung für den Nationalsozialismus lässt wichtigen Aspekte der Geschichte des Aufstiegs der Nazi-Partei ausser Acht (nur als Beispiel: Stichwort: „München, Hauptstadt der Bewegung“; Ulrich, 2006). Bei der Lektüre erweist sich die Schrift, aus der das Zitat des Historikers Meinecke über die Kontinuität zwischen preußischdeutschen Militarismus und Nationalsozialismus stammt (Meinecke, 1946), eher als eine Erzählung ausgewählter Erinnerungen (die zudem eigene Annäherungen an den Nationalsozialismus verharmlost, vgl. Meinecke, 1939), denn als eine wissenschaftlich fundierte Analyse. Unbeschadet der hohen Reputation Meineckes, des ersten Rektors der Freien Universität Berlin, wird man seine Einschätzungen zu den Entstehungszusammenhängen des Nationalsozialismus aus heutiger Sicht nicht ohne Weiteres als umfassend, evidenzbasiert und unabhängig werten können. Es fällt auf, dass die Anwendung des Militarismus-Begriffs in der breiten internationalen Diskussion nicht immer kongruent zur tatsächlichen Gefahr gewesen ist, z.B. gerade in der kritischen Phase der Wiederaufrüstung in Deutschland nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus nicht zum Tragen kam. Bei der
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auf Deutschland bezogenen Thematisierung des Militarismus-Problems scheint die wechselnde Rolle als potenzieller Bündnis- und Handelspartner einerseits und als feindliche Macht im Krieg andererseits für die jeweilige Außenwahrnehmung erhebliche Bedeutung gehabt zu haben. So war der Einsatz deutscher Soldaten zur Bekämpfung des Boxeraufstands in China in der internationalen Koalition zwar willkommen, und sogar des Kaisers „Hunnenrede“ fiel in diesem Kontext nicht aus dem Rahmen, aber das so mitgeformte Selbstbild des Kaisers und seiner Armee als „Hunnen“ wurde später dem preußisch-deutschen „Nationalcharakter“
zugeschrieben. Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig, dass die Diskussion um das Eingehen militärischer Bündnisverpflichtungen und den Einsatz militärischer Mittel zwar die aktuellen Erwartungen von Bündnispartnern als ein wesentliches Element einbezieht, aber dass in einem demokratischen Diskurs eine umfassendere Analyse und informierte Entscheidungsfindung stattfindet. Der Begriff des Militarismus und das als Prototyp bezeichnete Beispiel des preußisch-deutschen Militarismus geben keine Vergleichskriterien an die Hand, mit deren Hilfe Militarismus (oder sein Gegenteil) nach objektiven Standards beurteilt werden könnte, unabhängig davon, um welches Land oder Bündnissystem es geht. Es besteht eine große Freiheit der Interpretation (kritisch könnte man auch sagen: Beliebigkeit), wenn es darum geht, anhand dieses Prototyps einzuschätzen, ob der Begriff „militaristisch“ auf eine Gesellschaft oder eine bestimmte Entwicklung zutrifft. Ein Beispiel dafür ist die Rolle der „Junkerkaste“, die bei den Entnazifizierungsverfahren nach 1946 - aufgrund realer historischer Konstellationen, aber auch stark vereinfachend und pauschalisierend - als eine tragende Säule des preußisch-deutschen Militarismus und, in einem Atemzug, Nationalsozialismus angesehen wurde. Ist der Begriff „Junker“ nach heutigen Maßstäben auf andere Machteliten zu übertragen, z.B. auf Gruppen und Personen, die (auch als Manager) Einfluss in Industrie und Politik auf sich vereinen und die generelle Kriegsbereitschaft eines Landes oder Bündnissystems entscheidend mitprägen? Wären z.B. der oben zitierte General Gordon England oder der zeitweilige US-Bevollmächtigte im Irak (2003), Jay Garner, die in einem „Drehtürmechanismus“ Führungsfunktionen in Militär und Politik ebenso wie in den Bereichen „Kampfsysteme“ und „Tötungssysteme“ der Waffenindustrie innehatten (Hartung, 2003; Lazarus, 2003), Beispiele für eine moderne Form von „Junkertum“? Für zeit- und
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gesellschaftsübergreifende Vergleiche dieser Art lässt eine auf den „Prototyp“ Preußen-Deutschland und auf Besitz- und Machtverhältnisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts festgelegte Militarismus-Diskussion wenig Raum. Die Konzentration auf die Rolle des Militärs als „Staat im Staate“, die das Konzept vom preußisch-deutschen Militarismus prägt, lenkt ab von den Risiken, die auch dann bestehen können, wenn das Militär ziviler Befehlsgewalt untersteht. Häufig geht es bei Kriegen darum, Zugang zu Rohstoffen und zu Absatzmärkten zu sichern. Krieg und Kriegsvorbereitung kann für zahlreiche Branchen - nicht nur die Waffenindustrie, sondern auch weit darüber hinaus - sehr lukrativ sein, sogar als wesentlicher Motor für Wirtschaftswachstum angesehen werden. Dülffer et al. weisen auf das Phänomen des „industriell-militärischen Komplexes“ hin, das in den 1950er Jahren von Eisenhower (kritisch) beschrieben wurde (Dülffer et al., 2005). Im Grunde genommen gehört auch die in den 1930er Jahren in Deutschland propagierte „Wehrwirtschaft“, die der US Offizier Wedemeyer bei seinem Gastaufenthalt an der Kriegsakademie gelobt hatte, bereits in diese Kategorie. Eines von vielen Beispielen dafür, dass Marktkräfte nicht schon an und für sich eine positive Kraft entfalten, sondern auch Kraftverstärker für ein verbrecherisches Regime sein können, ist die Zusammenarbeit des Nazi-Regimes mit der Tabakindustrie (Cigaretten-Bilderdienst, 1933; Richter-Airijoki & Costa e Silva, 2006). Mit Zigarettenbildern transportierte die Industrie Nazi-Propaganda zu Millionen Menschen, im Gegenzug sicherte sie neue Absatzmärkte bei deutschen Truppen und in den eroberten Gebieten. Unbestritten ist die Tatsache, dass an der Unterstützung Hitlers einflussreiche Firmen und Industrielle in Deutschland und z.B. den USA beteiligt waren (letzteres u.a. belegt durch eine Mitteilung des US-Botschafters Dodd, 1936), auch wenn die Bedeutung solcher Unterstützung im Verhältnis zu spontaner Unterstützung durch „die Masse der deutschen Bevölkerung“ unterschiedlich bewertet wird. Neben geschäftlichen Interessen können ideologische Überzeugungen und Ambitionen einflussreicher Privatleute, die zu einem großen Teil demokratischer Kontrolle entzogenen sind, eine Rolle spielen (Beispiel Henry Ford; vgl. Baldwin, 2002; Schirach, 1946). Auch der Ansatz von Regierungen einflussreicher Länder, zeitweise eine Kraft zu unterstützen, um den Einfluss einer anderen Kraft einzudämmen (z.B. die Vorstellung von Nazi-Deutschland als „Bollwerk gegen den Bolschewismus“) verdient große Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, aus Geschichte zu lernen. Die verfügbaren
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Informationen über die Zusammenarbeit zwischen Nazi-Regime und Industrie sollten ausreichen, um die noch heute unterschwellig sehr einflussreiche Theorie Spencers, die „Markt“ und „Militarismus“ als per se unverträgliche Gegensätze sieht, in Frage zu stellen. Es geht aber nicht darum, „Markt“ als eine Kraft, die „Militarismus“ überflüssig macht, in Bausch und Bogen abzuschreiben, sondern darum, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen Produktion und Handel dazu beitragen können, die Selbstverständlichkeit des Militärischen zu durchbrechen. Der wichtige Aspekt der Kriegsfinanzierung spielt im Konzept des preußischdeutschen Militarismus kaum eine Rolle. Dieses Konzept betont zwar den Unterschied zwischen einer Armee, die zum „Staat im Staate“ wird im Vergleich zu einer demokratisch-parlamentarisch kontrollierten Armee, geht aber nicht auf die Entscheidungsprozesse ein, die bei parlamentarischen Entscheidungen über Kriegsfinanzierung ablaufen. Auch im Kaiserreich war das Parlament nicht gänzlich ohne Entscheidungsspielraum. Psychologische Faktoren, wie der Stolz auf Deutschlands neue Geltung in der Welt und das Gleichziehen mit anderen bedeutenden Nationen, die Sorge, als „Vaterlandsverräter“ dazustehen und nicht zuletzt gruppendynamisch wirksame Einflüsse trugen wesentlich dazu bei, dass theoretisch bestehende Entscheidungsspielräume nicht genutzt wurden. Dies ist auch heute bei Parlamentsentscheidungen über Militäreinsätze und ihre Finanzierung oft nicht anders. Eine genauere Untersuchung der Geschichte parlamentarischer Entscheidungen über Kriegsfinanzierung könnte zu wichtigen Erkenntnissen führen. Wieweit die Bereitschaft von Banken, Krieg und Kriegswirtschaft zu finanzieren, Nachfrage nicht nur erfüllte, sondern auch stimulierte, ist bei dem Konzept des preußisch-deutschen Militarismus ebenfalls kaum berücksichtigt, obwohl auch in diesem Kontext von grosser Bedeutung. Das Primat der zivilen, demokratisch-parlamentarischen Entscheidungsbildung kann auch bei militärischen Kräften, die dem Ideal des Zivilismus verbunden sind, hinter anderen Faktoren, wie Bündniszugehörigkeit, zurücktreten. So setzte z.B. die Besatzung eines Schiffes der Bundesmarine im Anschluss an die Terroranschläge vom 11. September 2001 ein deutliches politisches Signal: Am 14. September 2001 hisste sie gegenüber der Besatzung eines in der Nähe positionierten Schiffes der US Navy - und im Zeitalter der elektronischen Kommunikation damit auch gegenüber
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der Weltöffentlichkeit - ein Banner mit der Aufschrift: „We stand by you“ (Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Washington, 2002). Mit dieser Nachricht von Kriegsschiff zu Kriegsschiff war eine politisch-militärische Aussage getroffen, die über einen Ausdruck der Verbundenheit in Trauer weit hinausging. Die nachfolgende (am 16. November 2001 getroffene) Entscheidung der Bundestags, eine primär militärische Reaktion auf den Terroranschlag als alternativlos anzunehmen und mit dem Einsatz von Bundeswehr und Bundesmarine zu unterstützen, wurde damit von Offizieren der Bundesmarne in gewisser Weise schon vorausgenommen. Die verantwortlichen Offiziere des deutschen Schiffes wurden später in den USA mit einer Zeremonie geehrt; mit Stolz berichtet wurde darüber u.a. auf der Webseite der deutschen Botschaft in Washington. Die Frage, ob Maßstäbe für eine „zivilistische“ Orientierung militärischer Kräfte verletzt wurden, wurde - soweit durch einfache Internet-Recherche feststellbar - von keiner Seite gestellt. Diese Episode unterstreicht, dass die Begriffe „Militarismus“ und „Zivilismus“ trotz aller Bemühungen, zu einem wissenschaftlich untermauerten Verständnis zu kommen, nach wie vor stark politisch geprägt sind und einer gewissen Beliebigkeit der Interpretation unterliegen.
Im Sinne der Unterscheidung zwischen „dispositionalen“ und „situationalen“ Erklärungsmodellen, wie sie in der Sozialpsychologie angewandt wird (Jones & Harris, 1967; Hogg & Vaughan, 2005), kann man nach meinem Verständnis das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus als einen dispositionalen Erklärungsansatz bezeichnen. Dispositionale Erklärungsansätze schreiben das beobachtete Verhalten von Menschen festen Charaktereigenschaften zu - im Gegensatz zu Verhaltensweisen, die mit den Einflüssen der jeweiligen Situation erklärt werden. Wenn sich dispositionale Erklärungsansätze auf ganze Gruppen von Menschen beziehen, die z.B. aufgrund gemeinsamer Nationalität, ethnischer Herkunft oder Religion als Kollektiv gesehen werden, können sie nationalistischen und rassistischen Denktraditionen, wie sie in extremer Übersteigerung auch der Nazi-Ideologie zugrunde liegen, durchaus nahe kommen. Eine allgemein-menschliche Neigung scheint zu sein, dass negatives Verhalten der eigenen Gruppe eher aus situativen Gründen erklärt wird, während man negatives Verhalten der anderen Gruppe eher ihren Charakterzügen zuschreibt. Positives Verhalten der eigenen Gruppe wird eher aus Charaktereigenschaften erklärt, positives Verhalten der
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anderen Gruppe eher dem Zufall zugeschrieben. Dieses Muster wird als „ultimativer Attributionsfehler“ bezeichnet (Hogg & Vaughan, 2005). Ich frage mich, ob nicht zwischen dem Konzept des preußisch-deutschen Militarismus und anderen „dispositionalen“ Erklärungsansätzen zum Verhalten von Menschen und Menschengruppen, wie sie Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts besonders populär waren, ein Zusammenhang besteht. Ein Beispiel für die damalige Popularität dispositionaler Erklärungen kriegerischen oder kriminellen Verhaltens ist der 1871 erlassene, 1924 erneuerte „Criminal Tribes Act“ der britischen Kolonialverwaltung in Indien. Mit dieser Verordnung wurden 160 Gemeinden in Indien als „krimininelle Stämme“ gebrandmarkt, deren Mitglieder summarisch unter Kriminalitätsverdacht standen. Diese kolonialpolitische, das indische Kastenwesen nutzende und verschärfende Kategorisierung von Menschen und Menschengruppen galt offiziell bis in die 1950er Jahre hinein und wirkt in Indien bis heute nach (Visvanathan, 2002; Devi, 1998). Eine Ähnlichkeit zwischen dem Konzept der kriminellen Stämme und dem Begriff des preußisch-deutschen Militarismus kann darin gesehen werden, dass einer Gesellschaft und den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzt, eine besondere, von anderen Gruppen grundsätzlich verschiedene Disposition zugeschrieben wird, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten.
Vorstellungen, die im Unterschied zu „allgemein-menschlichen“ Charakteristika eine angenommene sozio-biologische Disposition einzelner Menschen und
Menschengruppen in den Vordergrund stellten - wie Sozialdarwinismus, Eugenik (die Lehre von den „guten Genen“), pseudowissenschaftliche Typisierungen, u.a. in der Kriminologie, und „völkische“ Ideologien - hatten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus international großen Einfluss (Senn, 2004; Wikipedia, 2007h). Es liegt nahe, dass sie auch das Bild von einer spezifisch preußisch-deutschen Disposition mit geprägt haben. Gerard sprach z.B. von einem „Erbinstinkt“ („hereditary instinct“), der die Deutschen - aus Angst vor kriegerischer Bedrohung - besonders empfänglich mache für die Errichtung einer Militärautokratie (Gerard, 1917). In dem 1919 erschienen Buch „The Psychology of Nations“ wiederum wird ausgiebig der Philosoph Emile Boutroux zitiert, der eine „angeborene Brutalität der deutschen Disposition“ („native brutality of the German disposition“) zu
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den Ursachen des Ersten Weltkriegs zählt (Partridge, 1919). Auch die Formulierung „seit jeher“ („Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist..“) im Kontrollratsgesetz zur Auflösung des Staates Preußen (Alliierter Kontrollrat, 1947) lässt auf den Einfluss dispositionaler Sichtweisen schließen. Die spätere Verkürzung der Kontinuitätslinie und Eingrenzung auf die Zeit seit der Reichsgründung geschah eher stillschweigend, als dass sie mit einer öffentlichen politischen und wissenschenschaftlichen Auseinandersetzung etwa über die Rücknahme des Begriffs „seit jeher“ verbunden gewesen wäre; sie führte nicht notwendigerweise zu einem Abweichen von primär dispositional orientierten Sichtweisen.
Nach meinem Verständnis ist der dispositionale Erklärungsansatz geeignet, um die Vorstellung zu unterstützen, es gebe eine klare Trennungslinie zwischen Militarismus einerseits und einer positiven Militärkultur andererseits; gerade die Bekämpfung militaristischer Regimes bzw. von Gruppen mit einer Disposition zur Gewalt erfordere vor allem militärische Gewalt. Ein situationaler Erklärungsansatz dagegen würde Wechselwirkungen stärker berücksichtigen, etwa die Risiken der Gewalteskalation (Gewalt und Gegengewalt), des „Slippery Slope“ (des schlüpfrigen Abhangs, der bei jeder der kämpfenden Parteien - in unterschiedlichem Maße - zu Kontrollverlust und Brutalisierung von Militär und Gesellschaft führen kann), des „Fog of War“ (des Nebels, mit dem der Krieg Wahrnehmungsfähigkeit und Urteilsvermögen verändert) und des „Blowback“ (des Windes, der zurückweht, wenn man eine Kraft stärkt, die sich später gegen die eigene Seite wendet). Mit einer Sichtweise, die situationale Aspekte stärker einbezieht, würden Chancen der gewaltfreien, positiven Einflussnahme (und des Unterlassens negativer Einflussnahme) in politischen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen eher erkannt und wahrgenommen. Der Einsatz von Streitkräften für die „gestaltende Regelung vieler Fragen“ (s. oben, Zitat Clement, 2004) würde stärker in Frage gestellt.
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Fazit:
Das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus als abschreckendes Bild, z.B. in Führungskursen der Bundeswehr, hilft vermeiden, dass das Militär in Deutschland wieder zum „Staat im Staate“ wird. Es kann aber auch eine „falsche Sicherheit“ suggerieren im Sinne einer Vorstellung, dass „Westbindung“ und Eingliederung in das richtige Bündnissystem (d.h. die NATO) an und für sich schon genügen würden, um vor Fehlentwicklungen gefeit zu sein.
Ein dispositional orientiertes Militarismus-Konzept, das Militarismus fest mit bestimmten Staaten oder Menschengruppen assoziiert und der Entwicklung allgemein anwendbarer Vergleichskriterien keine große Bedeutung einräumt, kann die Möglichkeiten des Lernens aus der Geschichte auch begrenzen. Im Rahmen eines dispositional orientierten Militarismus-Konzepts wird ein Aufruf, Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Kategorie „Feind“ zu töten, nicht als militaristisch gewertet, solange er im Namen demokratisch legitimiert erscheinender Motive und Bündnissysteme erfolgt. General England musste also keine Militarismus-Vorwürfe befürchten, als er Bomberpiloten zum Töten animierte und dies mit der Vorstellung von einem gruseligen Amüsement („Halloween“) verband. Die oben zitierte Auffassung, die Deutschen müssten das Töten lernen, steht ebenfalls nicht im Widerspruch zu einer „zivilistischen“, als unmiliaristisch verstandenen Grundhaltung im Sinne eines dispositional orientierten Begriffs und Konzepts von Militarismus. Diese Beispiele geben Anlass zum Nachdenken über die Grenzen des aktuell vorherrschenden Militarismus-Konzepts. Die Erforschung ideengeschichtlicher Zusammenhänge hat für die
Friedensforschung eine herausragende Bedeutung. Jedoch erscheint mir unverzichtbar, dass Kontinuitätslinien nicht nur „vertikal“ (bezogen auf die Zeitlinie), sondern auch „horizontal“ (bezogen auf grenzüberschreitende, international wirksame Einflüsse von Wertvorstellungen und Interessen, z.B. Kolonialismus, Rassen- und Superioritätsideologien, die Art und Weise der Gestaltung des Handels und der Migration) untersucht werden. Die Ansätze der Militarismus-Forschung im Rahmen der Disziplin Historische Friedensforschung stoßen an wesentliche Grenzen. Zwar beschrieb z.B. Wilfried von Bredow auch das Phänomen eines
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„universalen Militarismus“ als Ausprägung des modernen Militarismus (Bredow, 1983; Dülffer et al., 2005), jedoch ist dieser Begriff mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen besetzt und kaum Teil einer aktuellen Militarismus-Diskussion. Durch eine noch stärkere Verknüpfung mit anderen - z.B. politischen und sozialpsychologischen - Perspektiven und durch eine Erweiterung des Verständnisses von historischer Friedensforschung (mit großem oder kleinem „h“) könnte es gelingen, Grenzen zu überwinden und die Militarismus-Forschung für das Lernen aus der Geschichte umfassender zu nutzen.
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Literatur
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URL: http://www.zeit.de/1998/30/199830.20.juli_.xml?page=all Cigaretten-Bilderdienst (Hrsg.). Die Olympischen Spiele in Los Angeles 1932. Sammelalbum. Hamburg-Bahrenfeld, 1932
(mit Bild eines deutschen Offiziers in Uniform auf dem Siegerpodest - ohne Seitenangabe, da midas Sammelalbum aktuell nicht vorliegt; Angabe nach Gedächtnis).
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Irmgard Richter, 2007, Begriff und historische Bedeutung des preußisch-deutschen Militarismus: Einige Schlaglichter, München, GRIN Verlag GmbH
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