INHALTSVERZEICHNIS
Titel
1 Einleitung 3
2 Autonomie und Emanzipation versus Blockintegration : Sowjetisch-
jugoslawische Beziehungen nach 1945
2.1 Die Triest- und Südkärnten-Frage 7
2.2 Das Streitobjekt Albanien 11
2.3 „Sie stellen uns vor vollendete Tatsachen?“: Stalins Kehrtwendung vom 10.
Februar 1948. 14
2.4 Die Eskalation: Der Griechische Bürgerkrieg 17
3 Der offene Konflikt 1948
3.1 Der Briefwechsel zwischen Moskau und Belgrad : Die bewusste Ideologisierung. 20
3.2 The Twilight of the Cominform: Die Zweite Kominform-Konferenz 25
3.3 Der Bannfluch: Die Erste Kominform-Resolution vom 28. Juni 1948 und ihre
Auswirkungen 30
4 Schlussbetrachtung 34
Quellen - und Literaturverzeichnis 36
2
1. EINLEITUNG
„… statt diese Kritik ehrlich anzuerkennen und den Weg bolschewistischer Verbesserung der begangenen Fehler zu beschreiten, haben die Führer der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, erfüllt von maßlosem Ehrgeiz, Hochmut und Überheblichkeit, die Kritik unwillig aufgenommen, sich feindlich verhalten und haben sich auf den parteifeindlichen Weg der summarischen Ableugnung ihrer Fehler begeben, verletzen die Theorie des Marxismus-Leninismus in Bezug auf das politische Verhalten der Partei zu ihren Fehlern und verstärken dadurch ihren parteifeindlichen Fehler.“ 1
Dieses aus der am 28. Juni 1948 in Ersten Kominform-Resolution entnommene Zitat offenbart primär das Interesse, der Spaltung innerhalb des Kominform 2 einen ideologischen Hintergrund zu verleihen; es vermittelt ebenfalls die Wut über das nonkonforme Verhalten der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (im Folgenden KPJ genannt) 3 gegenüber ihren „Bruderparteien“.
Die Proklamation der Ersten Kominform-Resolution veränderte nicht nur das Gesicht der kommunistischen Welt gravierend, die Konsequenz dieses Ereignisses, nämlich der Ausschluss der KPJ aus dem Kominform, stellte vielmehr ein Novum in der Geschichte des internationalen Kommunismus dar. Stalin persönlich bezeichnete den endgültigen Verlust Jugoslawiens aus seiner geopolitischen Sphäre als „größte Niederlage“ in seiner politischen Karriere. 4 Einen Tag nach dem Erlass der Resolution zur „Situation in der kommunistischen Partei Jugoslawiens“ erfuhr die Weltöffentlichkeit davon aus einer Meldung des Parteiorgans der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (im Folgenden KPdSU genannt), der Moskauer Zeitung Prawda 5 . Das Ereignis überraschte umso mehr, als die Föderative Republik Jugoslawien gemeinhin unter den sozialistischen Staaten als Moskaus treuester Verbündeter gegolten hatte. 6
1 Vgl. Tito contra Stalin. Der Streit der Diktatoren in ihrem Briefwechsel. Hamburg 1949. S. 75. sowie: Giuliano Procacci (Hrsg.): The Cominform: Minutes of the three conferences 1947, 1948, 1949, Milan 1994. S. 615.
2 Kominform steht für das Kommunistische Informationsbüro.
3 Die Kommunistische Partei Jugoslawiens wurde nach einem Unifikationskongress der sozialdemokratischen Parteien vom 23.April 1919 gegründet. Bereits von 1936 bis 1938 im Rahmen von Stalins „Großer Säuberung“ gegen Trotzkisten, fand eine mit Morden verbundene Beseitigung der Anführer dieser Partei statt. Am 7. Dezember 1937 wurde Josip Broz Tito (1892-1980), trotz Stalins Gegenstimme, von der Komintern zum Generalsekretär der KPJ ernannt. Unter seiner Leitung wurde der Befreiungskampf während des Zweiten Weltkrieges organisiert und am 26. November 1943 wurde sogar in der bosnischen Stadt Jajce eine provisorische Regierung gebildet. Stalin reagierte zornig auf diese Tat der jugoslawischen kommunistischen Partei. Vgl. Vladimir Dedijer: Stalins verlorene Schlacht. Erinnerung 1948 bis 1953. Wien 1970. S.51ff.
4 Vgl. Robert Conquest: Stalin. Der totale Wille zur Macht. München 1991. S. 363ff.
5 Lenin initiierte die Gründung der Zeitung Prawda (deutsch: Gerechtigkeit) und die erste Ausgabe erschien am 5. Mai 1912 in Sankt Petersburg. Seit 1917 erschien die Zeitung in Moskau bis 1991 als Par-teiorgan der KPdSU, auch Stalin war einmal Chefredakteur.
6 Vgl. Jeronim Perovic: Der Balkanknoten und der sowjetisch-jugoslawische Konflikt von 1948. In: Osteuropa 49 (1999), H. 1, S. 56.
3
In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass eine solche Charakterisierung der Beziehungen zwischen der KPJ und der KPdSU nicht ad hoc übernommen werden kann. 7
Sie übersieht das angespannte Verhältnis dieser beiden Parteien während und nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf die jugoslawischen Partisanen - Ausnahme war die Hauptstadt Belgrad und Nordostserbien - das gesamte Land selbstständig von italienischen, bulgarischen und deutschen Truppen befreiten, aber auch, in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, von inländischen Kollaborateuren. 8 Dieser „Volksbefreiungskampf“ war de facto zu einer Revolution deklariert worden, welche von Stalin als ein Hindernis bei der Durchsetzung seiner außenpolitischen Ziele - geographisch-politische Teilung der Welt in anglo-amerikanische-sowjetische Sphären - wahrgenommen wurde 9 und seiner These von der Notwendigkeit des Aufbaues des Sozialismus in einem Land zur Ausbreitung des Kommunismus antagonistisch gegenüberstand. 10 Folglich bezeichnete die Prawda den Befreiungskrieg in Jugoslawien als eine ultrarevolutionäre Reaktion. 11
Näher auf die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien während des Zweiten Weltkriegs einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen; 12 zum Verständnis der im Verlauf dieser Untersuchung oft zu schildernden Autonomie- und Emanzipationsbestrebungen der jugoslawischen Führung sei dennoch gesagt, dass der Stolz und das Selbstbewusstsein, welche während des hier zu behandelnden Disputes
7 Sie trifft insofern zu, als Tito in den späten 1930er Jahren die KPJ nach sowjetischem Muster zu einer monolithischen Partei umformen wollte; jegliche alternative Auslegungen der marxistischen Lehre sollten ausgeschaltet werden. Vgl. Ivan Avakumovic: History of the Communist Party of Yugoslavia. Aberdeen 1964. S. 130-143. Die Industrialisierung sollte ebenfalls nach dem sowjetischen Muster ablaufen; als der „Fünf-Jahre-Plan“ - entworfen nach sowjetischem Vorbild, allerdings ohne vorher Stalin darüber informiert zu haben - bei dem primär der Ausbau der Schwerindustrie in Jugoslawien angestrebt wurde, in Moskau bekannt wurde, reagierte Stalin mit Empörung auf diese „sich selbstüberschätzende“ Idee der Führung der KPJ. Jugoslawien sollte viel mehr als Rohstofflieferant den anderen kommunistischen Staaten dienen. Vgl. Vladimir Dedijer: Tito. Autorisierte Biographie. West-Berlin 1953. S. 269-272.
8 Die Anerkennung der Partisanen als Befreiungsarmee und somit auch die ersten größeren Waffenlieferungen erfolgten erst seit der Teheran Konferenz, die vom 28. November bis 1. Dezember 1943 getagt hatte. Vorher betrachteten die Alliierten die serbischen Tschetnik-Truppen des nach London exilierten jugoslawischen Königs Peter II. als Befreier Jugoslawiens. Paradoxerweise plädierte auch Stalin für die Etablierung einer Monarchie in Jugoslawien nach dem Krieg; die Begründung lag in seiner Intention, Europa im Konsens mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten aufzuteilen, denn diese beiden Staaten plädierten ebenfalls für die Aufrechthaltung der Monarchie in Jugoslawien.
9 Vgl. Ivo Banac: With Stalin against Tito. Cominformist Splits in Yugoslav Communism. London 1988. S. 8.
10 Ihr zufolge war Sozialismus nur durch die Ausweitung der Grenzen der UdSSR zu erreichen und nicht durch gleichberechtigtes Zusammenwirken von Ländern, in denen die Revolution gesiegt hatte.
11 Vgl. Banac (1988) S. 11.
12 Siehe dazu: William Zimmerman: Yugoslav Strategies of Survival. In: Wayne S. Vucinich (Hrsg.): At The Brink Of War and Peace: The Tito-Stalin-Split in a Historic Perspective. New York 1982. sowie Jozo Tomasevich: Immediate Effects of the Cominform Resolution of the Yugoslav Economy. in: ebd.
4
zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien zu Tage traten, ohne die enormen Erfolge während des Zweiten Weltkriegs gar nicht erst entstanden wären; Stalin selbst bezeichnete diese Eigenschaften als „störend“. 13 Zudem genossen jugoslawische Kommunisten eine hohe Reputation innerhalb der kommunistischen Welt, weil sie einen Vielvölkerstaat aus einer internen Revolution heraus selbst erschaffen hatten. In diesem Stolz und dem Selbstbewusstsein in den Kreisen der KPJ und in der Tatsache, dass sich in Jugoslawien nach 1945 keine sowjetischen Truppen befanden, sind die Wurzeln der Emanzipations- und Autonomiebestrebungen Jugoslawiens zu finden, die direkt vor und nach dem Ausschluss aus dem Kominform zum Vorschein traten. Diese Emanzipations- und Autonomiebestrebungen Jugoslawien spiegelten sich auch im Kontext innenpolitischer und ökonomischer Entscheidungen wider, die zweifellos zu Divergenzen zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion führten. Die Gegensätze zwischen der UdSSR und Jugoslawien treten dennoch besonders im Kontext außenpolitischer Sachverhalte zum Vorschein. Auf der Ebene der Außenpolitik verfolgte die KP-Führung Jugoslawiens eine eigene Linie; zum einen, um Triest und Südkärnten territorial in Jugoslawien zu integrieren und zum anderen, um mit den Staaten Bulgarien, Albanien und Griechenland eine Balkanföderation zu etablieren, die in keiner der Machtsphären der Großmächte zu integrieren gewesen wäre. Auch wenn die durch die Öffnung der Moskauer und Belgrader Archive ermöglichten aktuellen Forschungsergebnisse die ökonomischen Faktoren, welche zu Auseinandersetzungen mit der Sowjetunion führten, vernachlässigen, ist ihre Tendenz von enormer Bedeutung, da sie das bisher im Schatten des Kalten Krieges vorherrschende Verständnis des Konfliktes als einer ökonomischen, später dann einer ideologischen Auseinandersetzung revidieren.
Die jugoslawische Geschichtswissenschaft propagierte direkt nach dem Bruch eine rein materialistische Sichtweise mit dem Ziel, die Sowjetunion in der breiten Öffentlichkeit als eine imperialistische Macht bloßzustellen. Ab Mitte der Fünfziger Jahre, um den eigenen Selbstverwaltungssozialismus ideologisch stützen zu können, wurde die Ausei-nandersetzung als Konsequenz des eigenen Weges in den Kommunismus gedeutet. Der Disput wurde innerhalb der westlichen Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg ein Diskursthema, das besonders umfassend und gründlich aufgearbeitet wurde. Jens Hacker glaubte in seiner Übersichtsdarstellung zur Entstehung und Geschichte des Ostblocks sagen zu können, dass Vorgeschichte und Ursachen des Konflikts zwischen Tito
13 Vgl.: Hamilton Fish Armstrong: Tito und Goliath. Wien 1954. S. 41.
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und Stalin „dank authentischer jugoslawischer Quellen seit langem weitgehend aufgehellt und geklärt“ seien. 14 Die westliche Forschung nahm die jugoslawischen Deutungsmuster umgehend an - dies hängt sicherlich mit der Verbesserung der Verhältnisse zwischen Jugoslawien und den Vereinigten Staaten und auch Großbritannien und Frankreich nach der diplomatischen Trennung von der UdSSR zusammen, hauptsächlich aber mit der Tatsache, dass die westlichen Historiker und Politologen abhängig von den jugoslawischen Informationen und Interpretationen waren. 15 Die Auseinandersetzung mit dem Konflikt bzw. die Rezeption dieses Ereignisses existiert in der sowjetischen Geschichtswissenschaft bis in die späten Fünfziger gar nicht. Erst als Folge der langsamen Rehabilitation der Beziehungen zwischen der UdSSR unter Chruschtschow (1894-1971) und Jugoslawien wurde es allmählich behandelt, allerdings unter der These, es habe sich um einen „tragischen Unfall“ gehandelt. 16 In dieser Untersuchung soll gezeigt werden, dass die Kernursachen des „Kominform-Konfliktes“ vor dem Hintergrund emanzipatorischer außenpolitischer Tendenzen Jugoslawiens zu betrachten sind, die sich gegen die sowjetischen hegemonialen Ansprüche stellten, denn dieser Aspekt des Konflikts, die jugoslawische Balkan-Politik, blieb in der Literatur bislang wenig erforscht. Fokussiert werden, wie oben angedeutet, die Divergenzen bezüglich der Triest-Frage, der Föderations- bzw. Konföderationspläne Jugoslawiens mit Bulgarien und Albanien im Kontext der geplanten Etablierung einer Balkan-Union - in diesem Zusammenhang wird auch die Unterstützung der griechischen Kommunisten von Jugoslawien während des in Griechenland herrschenden Bürgerkriegs durchleuchtet. 17 Anhand der Skizzierung der Ereignisse in Albanien und Grie-chenland - sie stellten den unmittelbaren Auslöser für den offenen Disput dar - soll zudem gezeigt werden, dass das als „Kominform-Bruch“ oder Spaltung innerhalb des Kominform in die Geschichtsschreibung eingegangene Ereignis seinen Ursprung auf einer bilateralen Ebene ausschließlich zwischen den Staaten Jugoslawien und Sowjetunion hat.
Im zweiten Teil des Hauptteils wird die Eskalation des Konfliktes und dessen Übertragung auf das Kominform geschildert, die ihren Höhepunkt in der Deklaration der Ersten Kominform-Resolution hat. Um die KPJ gegenüber den anderen Mitgliedern des Kom-
14 Vgl.Jens Hacker: Der Ostblock : Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939-1980. Baden-Baden 1983, S. 392.
15 Vgl. Lucien Karchmar: The Tito-Stalin Split in Soviet und Yugoslav Historiography. In: War and Society in East Central Europa, Bd. 10, Wayne S. Vucinich (Hrsg.) At The Brink of War and Peace: The Tito-Stalin Split in a Historic Perspective. New York 1982. S. 253.
16 Ebd. S. 256ff.
17 Der Zweite Weltkrieg ging in Griechenland fast direkt in den Griechischen Bürgerkrieg über.
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inform zu denunzieren und sie in diesen Streit einbeziehen zu können, aber auch um innerhalb dieser informellen Einrichtung eine homogene Front gegen diese Partei zu bilden, fand eine von der sowjetischen Führung bewusst initiierte Ideologisierung des Disputes statt. Demzufolge manövrierte Stalin erst seit Frühling 1948 das Kominform in diesen Konflikt hinein. Die Einbeziehung des Briefwechsels zwischen den Anführern der KPJ und der KPdSU als Quelle 18 für die vorliegende Arbeit soll zudem zeigen, dass die sowjetische Führung es zu einem Konflikt eskalieren ließ, während Josip Broz Tito (1892-1980), Edward Kardelj (1910-1979) 19 und Milovan Djilas (1911-1995) 20 , die jugoslawischen Protagonisten, stets versuchten, diesen Konflikt zu vermeiden und das Kominform aus der Auseinandersetzung herauszuhalten. Zudem sollen aufgezeigt werden - dabei soll der editierte Konferenzverlauf und die proklamierte Resolution als Quelle dienen 21 - wie die Denunzierung der KPJ während dieser Konferenz durch eine Ideologisierung des Streits durchgeführt wurde. Mit der Proklamation der Ersten Kom-inform-Resolution am 28. Juni 1948 sollte das Bild eines ideologischen Bruches entstehen und die Isolierung Jugoslawiens erreicht werden. Die Divergenzen bezüglich der Außenpolitik wurden marginalisiert, um nach außen hin nicht den Anschein zu erwecken, die Sowjetunion hätte die Lage innerhalb ihrer Sphäre nicht unter Kontrolle. 22
2. Autonomie und Emanzipation versus Blockintegration : Sowjetischjugoslawische Beziehungen nach 1945
2.1 Die Triest- und Südkärnten-Frage
„[…]wir fordern auch einen gerechten Ausgang, fordern, daß jeder Herr in seinem Haus ist; wir wollen keine fremde Rechnungen begleichen, wir wollen kein Bestechungsgeld sein, wir wollen nicht in irgendeine Interessensphärenpolitik verwickelt werden. Warum soll unseren Völker ihr Wunsch nach Unabhängigkeit in jeder Hinsicht übel genommen, warum soll ihre Unabhängigkeit beschnitten oder bestritten werden? Wir wollen von niemandem mehr abhängig sein[…], …Wir wollen, daß die ganze Welt weiß, daß Jugoslawien nach seinem Kampf nichts anderes verlangt, als daß ihre Völker, die Völker seines Bluts, innerhalb seiner Grenzen leben...“
23
18 Tito contra Stalin.: Der Streit der Diktatoren in ihrem Briefwechsel. Hamburg 1949.
19 Als einem der führenden Köpfe der KPJ war es unter anderen Verdienst von Edward Kardelj , dass sich Jugoslawien von der UdSSR lösen konnte; er bot der Spaltung nach Juni 1948 die ideologische Basis. Von 1948 bis 1953 war er jugoslawischer Außenminister und bekleidete weitere hohe Positionen in der Politik; von 1963 bis 1967 war er Parlamentspräsident.
20 Zunächst ein überzeugter kommunistischer Ideologe und Agitator, entwickelte Milovan Djilas sich zum Dissidenten und zum großen Kritiker Titos und des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens.
21 Giuliano Procacci (Hrsg.): The Cominform: Minutes of the three conferences 1947, 1948, 1949, Mailand 1994.
22 Vgl. Grant M. Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas. in: Zeitgeschichte Kommunismus Stalinismus. Materialien und Forschungen. Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.), Frankfurt a. Main 2002. S. 150ff.
23 Vgl. Vladimir Dedijer: Tito - Mein Leben-Mein Werk-Mein Vermächtnis. Beiträge zu einer Biographie 1892-1980. Belgrad 1989, S. 428.
7
Dieser Auszug stammt aus der Rede, die Tito im Kontext einer internationaler Krise, welche im Mai 1945 aufgrund jugoslawischer Gebietsansprüche auf die Hafenstadt Triest und südliche Teile Österreichs entflammte, in Ljubljana am 21. Mai 1945 hielt. Zum einem beinhaltet diese Rede eine starke Herausforderung an den sowjetischen, aber auch den angloamerikanischen Hegemonismus, zum anderen treten hier Spannungen zum Vorschein, die zwischen Jugoslawien und anderen Alliierten unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrschten.
Die Hafenstadt Triest 24 wurde Ende 1944, noch bevor neuseeländische Einheiten sie von den deutschen Truppen einnehmen konnten, von jugoslawischen Partisanen besetzt. 25 Unter dem Druck der Alliierten mussten die jugoslawischen Truppen jedoch kurz danach die Stadt verlassen.
Die Gebietsansprüche der jugoslawischen Regierung blieben aber nach wie vor Streitthema zwischen den Alliierten und dabei hofften die jugoslawischen Delegierten vor allem auf die Unterstützung der Sowjetunion. Doch die jugoslawischen Interessen in dieser Frage standen den sowjetischen konträr gegenüber: Während es den Jugoslawen, wie bereits erwähnt, um ein Problem nationaler Natur ging, erhofften sich die Sowjets durch die Unterstützung Jugoslawiens, diese aus strategischer Sicht sehr wichtige Region den Westmächten streitig zu machen. 26
Während die Jugoslawen äußerst unzufrieden über den Entscheid waren, die Stadt verlassen zu müssen - besonders wütend reagierte Tito über eine zu geringe Hilfestellung der Sowjetunion - und sogar mit dem Einsatz von Waffen drohten, auch ohne sowjetische Unterstützung die Stadt zurückzuerobern, distanzierte sich Stalin allmählich von dem durchaus offensiven Standpunkt Titos bezüglich der Triest-Frage. Die Eingliederung dieser Stadt gilt als Titos erstes außenpolitisches Ziel. Die Sowjetunion wollte keinen offenen Konflikt mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien riskieren - bereits zu diesem Zeitpunkt existierten bekanntlich schwerwiegende Divergenzen unter den Alliierten - stattdessen orientierte sich die sowjetische Außenpolitik daran, die eigene bereits existierende Machtsphäre zu stabilisieren und als Folge dessen,
24 In der Stadt selbst betrug der slowenische Teil der Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg 18 Prozent, aber im Umland (92%) und im anliegenden Bezirken (52%) stellten die Slowenen die Mehrheit. Als Folge des Vertrages von Saint-Germain von 1919 ging Istrien und somit auch Triest von Österreich-Ungarn in den italienischen Besitz über. Die bereits zu dem Zeitpunkt präsenten Gebietsansprüche des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen wurden ignoriert.
25 Vgl. Phyllis Auty: Yugoslavia and the Cominform : Realignment of foreign Policy. In: Vucinich (1982), S. 69.
26 Vgl. Bruno Heidlberger: Jugoslawiens Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Historische Voraussetzungen und Konsequenzen. Frankfurt a. Main 1989, S. 150.
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