Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung: Täterorte. 3
2. Die Entstehungsgeschichte im Vergleich. 4
2.1 Von 1945 bis zur Ausstellungsidee. 6
2.2 Generierung und beteiligte Organisationen 8
3. Innere und äußere Konzeption 9
3.1 Die Rolle der Architektur 10
3.2 Die Ausstellungskonzeption. 12
4. Inhaltsvergleich 14
4.1 Ausstellungsinhalte. 15
4.2 Mediennutzung und Sonderfunktionen 18
4.3 Ausstellungsansprüche und Kritik 22
5. Schlussfazit 24
1. Einleitung: Täterorte
Seit dem Beginn der neunziger Jahre erlebt die mediale Auseinandersetzung mit der Geschichte, ins Besondere mit der Nationalsozialistischen Vergangenheit, einen nie da gewesenen Boom in Deutschland. 1 Von der eher seichten und einfach aufzunehmenden Erinnerungskultur in Funk und Fernsehen bis hin zur vervielfachten Veröffentlichung anspruchsvoller, geschichtswissenschaftlicher Bücher, kann die stetig interessierter erscheinende Gesellschaft auf eine immer breitere Palette (multi)medialer Angebote zurückgreifen. Vor Allem seit dem immer klareren und „schonungsloseren“ Umgang mit der eigenen, nationalen Geschichte nach der Wiedervereinigung, konkurrieren TV Produktionen, mehr oder weniger sachliche Publikationen, Internetseiten, Fernseh- und Radioshows, historische Ausstellungen und vieles mehr, um das Speichergedächtnis des Einzelnen beziehungsweise um die Erinnerungskultur einer ganzen Gesellschaft. 2 Auch die Geschichtswissenschaft, oft eng verlinkt mit Politik und Gesellschaftsgruppen, versucht nun neue Wege zu gehen, um sich mehr dem Erinnerungstrend und den Rezipientenverhalten anzupassen. Ob man dies nun kritisch sehen mag oder nicht, Erinnerungskultur hat und hatte stets mit der Beeinflussung und Formung sowohl des individuellen Gedächtnisses, als auch mit der Kreierung eines möglicherweise kollektiven, politischen Gedenkens zu tun. 3 Und wer frei von diesem Vorwurf ist, „der werfe den ersten Stein“ 4 , wobei auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht wirklich weberianisch „Werturteilsfrei“ geschweige denn rein objektiv sein kann. 5
In der folgenden Hauptseminararbeit sollen zwei sehr interessante, neuere, geschichtswissenschaftliche Ausstellungen und deren Konzeption vorgestellt und verglichen werden, die den ganz deutlichen Anspruch haben, bestimmte Rezipientengruppen zu belehren und zu formen. Diese Dokumentationszentren, welche werturteilsfrei ihren Sinn und ihre Bestimmung verlören, haben diese Ausrichtung, weil sie sich an den vielleicht schwerwiegendsten Täterorten der NS Vergangenheit befinden. In den Vorworten beider Ausstellungskataloge wird besonders auf den verantwortungsbewussten Umgang mit der
1 Vergleiche: Hockerts, Hans Günther: Zugänge zur Zeitgeschichte, Primärerfahrung, Erinnerungskultur,
Geschichtswissenschaft; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Band 28, S.15-31; Bundeszentrale für politische
Bildung 2001
2 Vgl.: Assmann, Aleida: Gedächtnis und Erinnerung, in: Bergmann, Klaus (Hg.) u.a.: Handbuch der
Geschitsdidaktik, S.33-37; Seelze-Velber 1997
3 Vgl.: Assmann, Aleida: Kollektives Gedächtnis; in: Pethes, Nicolas / Ruchatz, Jens (Hsg.): Gedächtnis und
Erinnerung, ein interdisziplinäres Lexikon, S.308ff.; Reinbeck 2001
4 Vgl.: Bibel Joh.: 8-11
5 Vgl.: Weber, Max: Politik als Beruf, S.11ff.; Reclam 2001
3
Geschichte an Orten der Täter eingegangen und der Anspruch respektive der Auftrag formuliert, dass „die Auseinandersetzung mit der Geschichte (…) weitergehen [wird, denn] damit gedenken wir gerade auch am Ort der Täter, der Millionen Opfer und ihrer Familien. 6 “ „Wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft verantwortungsvoll gestalten.“ 7 Die Dokumentation am Obersalzberg bei Berchtesgaden und das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu Nürnberg, versuchen beide zudem dem modernen Trend der Erinnerungskultur in Deutschland zu folgen, 8 ohne die Wissenschaftlichkeit abzulegen, um konkurrenzfähig und dennoch auf hohem Niveau zu bleiben. Beide Ausstellungen arbeiten mit unterschiedlichen aber dennoch ähnlichen, neuen Konzeptionen, die im Folgenden vorgestellt und gleichzeitig miteinander vergleichen werden sollen. Nach der Einleitung soll zunächst auf die Entstehungsgeschichte beider Ausstellungen im Vergleich eingegangen werden, um sich im Kapitel 3 auf die Architektur und die Konzeption fokussieren zu können. Kapitel 4 versucht schließlich die Ausstellungsinhalte und den Ausstellungsanspruch beider Dokumentationen zu vergleichen und diese auch zu kritisieren. Zu guter Letzt, um einen klaren Bogen zur Einleitung spannen zu können, muss im 5. und abschließenden Kapitel auf die Mediale und Rezipientenresonanz, sowie noch einmal auf die Kritik an beiden Dokumentationen eingegangen werden. Doch zunächst ein Blick auf die historische Entwicklung beider Einrichtungen an den Täterorten nach 1945, welche in den letzten zwei Jahrzehnten, trotz ihrer Verschiedenheit, eine ähnliche Erweckung aus ihrem unheilvollen Dornröschenschlaf erlebten.
2. Die Entstehungsgeschichte im Vergleich
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, handelt es sich, sowohl beim Obersalzberg, als auch beim Reichsparteitagsgelände in Nürnberg um Täterorte des nationalsozialistischen Regimes, deren dokumentarische Gestaltung anders angegangen werden muss, als bei so Genannten Opferorten wie beispielsweise bei Konzentrationslagern. Als Täterort bezeichnen beide Dokumentationskataloge Orte, „an denen politische Gewaltverbrechen geplant und organisiert wurden [und] außerdem (…) Orte an denen die Täter unter sich sein wollten.“ 9
6 Vgl.: Maly, Ulrich; in: museen der stadt nürnberg: Faszination und Gewalt -Ausstellungskatalog zur
Dokumentationsstätte Reichsparteitagsgelände Nürnberg, S.4; Druckhaus Nürnberg 2006
7 Vgl.: Huber, Erwin; in: Institut für Zeitgeschichte: Die tödliche Utopie - Ausstellungskatalog zur
Dokumentation Obersalzberg, S.11; Holtz Druck 2008
8 Vgl.: Hockerts, S.21ff.
9 Vgl.: Institut für Zeitgeschichte (Hsg.): Dokumentation Obersalzberg - Didaktisches Handbuch, S.10f.; AZ
Druck 2006
4
Bei Täterorten, fehlt zudem der konkrete direkte Opferbezug 10 , da die Verbrechen dort in großem Ausmaß erdacht, aber nicht begangen wurden. 11 Als konkrete Beispiele wählen beide Kataloge interessanterweise einerseits den Obersalzberg als Zentrum an dem im kleinsten Kreis die größten Verbrechen ersonnen worden waren, 12 beziehungsweise andererseits das Reichsparteitagsgelände zu Nürnberg, als Ort der pseudoreligiösen Okkultismen und Versammlungen der diktatorischen Partei. 13 Beide Orte werden demnach im weitesten Sinne als Täterorte bezeichnet, wobei der Obersalzberg als zweiter Regierungssitz gemäß der Definition im engeren Sinne ein Täterort ist 14 , wohingegen das Reichsparteitagsgelände „als reine Propagandakulisse“ 15 als indirekter Täterort bezeichnet werden kann. Die Täter waren dort zwar „unter sich“ 16 , eine direkte Planung z.B. der Nürnberger Rassegesetze 1936 wurde hier aber nicht vorgenommen. 17 Lediglich eine „Bestätigung“ durch das ohnehin gleichgeschaltete Volk war hier als Medieninszenierung zur Selbsterhaltung des Regimes von Nöten. 18 Als Orte der Mythologisierung und des Kultus des barbarischen Regimes um Adolf Hitler gingen beide Orte in die Geschichte ein, da beide für die Inszenierung des „Führers“ von Nöten waren. Galt es auf dem Obersalzberg Hitler als nahbaren, volksnahen Kanzler und Nachbarn darzustellen, wurde das Reichsparteitagsgelände genutzt, um den Diktator über alles zu erheben und ihn zu einem lebenden Mythos zu machen.
Das museale Konzept muss bei Täterorten sehr viel Wert auf die historische Schwere der (Un)orte legen, ohne dabei die Opfer außer Acht lassen zu können, wobei zudem auch auf die Geschichte und Entwicklung der jeweiligen Areale ein Augenmerk geworfen werden muss. 19 Um sich dieser konzeptionellen Gradwanderung zwischen Tätern und Opfern besser nähern zu können, soll nun im Folgenden als Erstes die Entwicklung beider Orte nach 1945 bis hin zur Ausstellungsidee verglichen werden.
10 Vgl.: Faszination und Gewalt, S.5
11 Vgl.: Die tödliche Utopie, S.12f.
12 Vgl.: Faszination und Gewalt, S.7ff.
13 Vgl.: Didaktisches Handbuch S.11
14 Vgl.: Die tödliche Utopie S.671ff.
15 Vgl.: Vgl.: Sonnenberger Franz: Die Zukunft der Vergangenheit - Wie soll die Geschichte des
Nationalsozialismus in Museen und Gedenkstätten im 21.Jahrhundert vermittelt werden,S.87? Band 1 der
Schriftenreihe des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände; Verlag Nürnberger Presse 1998
16 Vgl.: Die tödliche Utopie, S.10
17 Vgl.: http://www.rassengesetze.nuernberg.de/gesetze/index.html; 8.07.2008; 13.30 Uhr
18 Vgl.: Vgl.:Zelnhefer, Siegfried: Die Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg; Band 2 der Schriftenreihe des
Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, S.161-166; Verlag Nürnberger Presse 2001
19 Vgl.: http://www.freitag.de/2003/35/03351402.php; 5.07.2008; 16.56 Uhr
5
2.1. Von 1945 bis zur Ausstellungsidee
Ein historischer, wissenschaftlicher Umgang mit beiden Arealen konnte erst in den neunziger Jahren aufgenommen werden, da sich sowohl der Freistaat Bayern als auch Nürnberg mit der Neunutzung der jeweiligen Gelände unsicher waren. Der Obersalzberg wurde zwar, nach der Sprengung der meisten NS Gebäude bis 1952 20 , ab 1953 von den amerikanischen Befreiern als Basis und Erholungszentrum genutzt, rein rechtlich gesehen befand sich das Gelände aber schon seit 1949 wieder im Besitz des Freistaats Bayern. 21 Die Überreste ehemaligen „Geheime[n] Regierungsstadt Hitlers“ 22 wurden überpflanzt und beseitigt, so dass weder eine Revitalisierung des Bergbauerndorfes Obersalzberg von vor 1933 gewollt, noch ein erinnerungskultureller Umgang mit dem Gelände möglich war. 23 Zu einer moralisch legitimen Rückgabe des Geländes an die enteigneten Bergbauern war der Freistaat Bayern bis in die heutige Zeit nicht bereit, da dies, aufgrund der historischen Bedeutung des Geländes vermieden werden musste, auch zur staatlichen Bereicherung, rechtlich legal aber äußerst fadenscheinig umgangen werden konnte. 24 So entwickelte sich Abseits des von den USA betriebenen Geschichtstourismus für die eigenen Soldaten, ein wild wachsender Souvenir und Nostalgietourismus zwischen Kehlsteinhaus und den überwucherten Ruinen, ohne jegliche vernünftige Erinnerungskultur. 25 Nutznießer war sehr schnell der Geschichtstourismus aus rein wirtschaftlichem Interesse, der Ende der fünfziger Jahre in Berchtesgaden nun auch strukturiert und organisiert wurde. Erst mit der offiziellen Rückgabe 1996, die rein rechtliche fand ja bereits 1949 statt, sollte sich dieser unprofessionelle und mythologisierende Umgang, der „in fachlicher Hinsicht ganz unzulänglich und politisch pädagogisch sehr bedenklich“ 26 war, ändern.
Auch das Reichsparteitagsgelände ging nach dem Kriegsende schnell in den Besitz der Stadt Nürnberg über, „doch nach 1945 fehlte für lange Zeit das Bewusstsein für diesen eminent historischen Ort.“ 27 Auf dem 11 Quadratkilometer großen Gelände, das neben den Aufmarschplätzen, der großen Straße und anderen Bauruinen auch die NS Kongresshalle im
20 Vgl.: Chaussy, Ulrich / Püschner, Christoph: Nachbar Hitler- Führerkult und Heimatzerstörung am
Obersalzberg, S.160-177; Ch. Links Verlag 1995
21 Vgl.: Hanisch, Ernst: L´Obersalzberg - la maison Kehlsteinhaus et Adolf Hitler, S.35ff.; Plenk-Verlag 2003
22 Vgl.: Frank, Bernhard: Geheime Regierungsstadt Hitlers, S.51ff.; Plenk-Verlag 2004
23 Vgl.: Beierl, Florian M.: Hitlers Berg - Geschichte des Obersalzbergs und seiner geheimen Bunkeranlagen,
S.7-9; Plenk-Verlag 2005
24 Anm. d. Verf.: Der Steigenbergerskandal und das Geschacher um die Parzellen am Obersalzberg in den
fünfziger Jahren sei hierfür ein genanntes Beispiel.
25 Vgl.: Chaussy/Püschner: Nachbar Hitler- Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg,S.188ff.; Ch.
Links Verlag 1995
26 Vgl.: Die tödliche Utopie
27 Vgl.: Die Zukunft der Vergangenheit, S.88
6
Rohbau beherbergt, wurde besonders letztere auf verschiedenste Art und Weise genutzt. Die Banalität 28 des Umgangs mit dem Areal, welches vor 1933 ein Naherholungsgebiet und den Nürnberger Zoo 29 beinhaltete, reichte, wenn man alleine die Kongresshalle als heutigen Ort des Dokumentationszentrums begutachtet, von der Nutzung als Bauhof bis hin zum geplanten Umbau zu einem riesigen Einkaufszentrum. 30 Bei beiden Orten engagierten sich zu erst Bürgerinitiativen für den Erhalt der Stätten als politisch historische Mahnmale, wobei die Bürgerinitiative in Nürnberg schon in den siebziger Jahren entstand 31 , wohingegen im vom Geschichtstourismus profitierenden Berchtesgadener Land die Berchtesgadener Landesstiftung erst in den achtziger Jahren aktiv wurde. 32 Jeglicher wissenschaftlicher Umgang mit der Vergangenheit des Berges störte bis dahin die profitablen Geschäfte um illegale Hakenkreuzsouvenirs und unseriöse Broschüren. Erst eine Bürgerinitiative um den SPD Ortsverein Berchtesgaden, brachte den Stein ins Rollen, dem sich besonders der damalige CSU Landrat Martin Seidl verweigerte, da „man ein zweites Dachau in Berchtesgaden nicht haben wollte“. In Nürnberg begann im Rahmen der Feierlichkeiten „150 Jahre Eisenbahnen in Deutschland“, 33 durch die provisorische Ausstellung „Faszination und Gewalt“ auf dem Reichsparteitagsgelände, bereits ab 1985 eine heftige Diskussion zur dokumentarischen Nutzung des Areals bzw. mit Fokus auf die NS Kongresshalle, auf das Gebäude. Von Seiten der Stadt bzw. des Freistaats blieben jedoch weitere Anläufe zur Generierung eines Dokumentationszentrums erfolglos, erst 1995, exakt zur gleichen Zeit wie auf dem Obersalzberg, sollte die erinnerungskulturelle Beschäftigung mit dem Gelände eine Wendung nehmen. Wichtig war dabei an beiden Orten auch der Jahrestag 50 Jahre Kriegsende, welcher wie ein Katalysator für eine verantwortungsbewusste Gestaltung beider Areale wirkte. Wie so oft in der Entwicklung historischer Ausstellungen, spielten internationale Jahres-, und Gedenktage an vergangene Ereignisse, eine entscheidende Rolle bei der Generierung von Gedenkstätten und Dokumentationszentren, weil sich ein gewaltiges mediales Interesse der historischen Orte bemächtigt. Und ist einmal die Öffentlichkeit aufmerksam geworden und deren wachsendes Geschichtsinteresse spürbar, geraten Dinge ins Rollen, die meist sehr stark zur Schaffung neuer Erinnerungsstätten beitragen. Wie dies an beiden zu vergleichenden Orten geschehen ist, soll nun im Anschluss erläutert werden.
28 Anmerkung des Autors: Der Begriff Banalität soll hier bewusst im Sinne von Hannah Arendt als Banalität des
Bösen betrachtet werden. Mehr hierzu in „Arendt, Hannah: The Origins of Totalitarianism; Piper Verlag 2003
29 Vgl.: die Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg, S.210
30 Vgl.: Faszination der Gewalt, S.12f.
31 Vgl.: Die Zukunft der Vergangenheit, S.89ff.
32 Vgl.: http://www.lra-bgl.de/jsp/landratsamt/bereich.jsp?bereichnr=233; 07.07.2008, 23.34 Uhr
33 Vgl.: http://www.gerdboehmer-berlinereisenbahnarchiv.de/Bildergalerien/1985-00/1985-00.html; 07.07.2008;
23.55 Uhr
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Stefan Plenk, 2008, Der Obersalzberg und das Reichsparteitagsgelände im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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