verfaßten, zahllosen „in seiner Zeit äußerst populäre(n) „Familiengemälde”, (denen allerdings) die Anerkennung der Kritik versagt“ 3 blieb, wurden oft gegeben. Daneben „bevorzugte er die allermäßigsten Bühnentalente, deren Stücke, wie die eigenen die er schrieb, das Publicum unterhielten, ohne es zu einer höheren Idee empor zu tragen. Iffland war der rechte Theaterdirector nach dem Geschmacke des Berliner Durchschnittsbürgers.“ 4 Anstoß an der Zusammensetzung des Spielplans nahmen nicht nur der märkische Adel sowie das Militär, deren dramatische Darstellung in gesellschaftspolitischer Hinsicht keineswegs als positiv bezeichnet werden konnte. Auch die Vertreter der neu entstandenen Bewegung der Romantik fühlten sich durch Iffland ungerecht behandelt, da dieser romantischen Stücken keinen Platz auf seiner Bühne einräumen wollte. Reinhold Steig führt diese Tatsache vor allem darauf zurück, daß Iffland „weder als Schauspieler, noch als Theaterdirector diejenige Fülle geistiger Gaben (besaß), die nöthig gewesen wäre, um das Neue fruchtbar zu umfangen.“ 5 Ruth Freydank hingegen ist der Auffassung, daß Iffland durchaus „bemüht (war), den dramatischen Produktionen der Romantiker seine Bühne zu öffnen (da er) 1802 (...) August Wilhelm Schlegels »Jon«“ 6 inszeniert hatte.
Ifflands ablehnende Haltung gegen Kleist.
Im Jahre 1810, als Kleist im jungen Alter von 33 Jahren nach Berlin kam und sich der dortigen Deutsch-Christlichen Tischgesellschaft um Clemens Brentano, Achim von Arnim, Adam Müller, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Karl von Savigny und Karl Friedrich Schinkel anschloß, waren die Fronten zwischen Iffland und der romantischen Bewegung bereits verhärtet. Dennoch machte sich Kleist begründete Hoffnungen auf eine Inszenierung seines Käthchens von Heilbronn, das, im Gegensatz zur Hermannsschlacht keine politischen Interessen berührte und bereits in Wien erfolgreich uraufgeführt worden war. Iffland hingegen, dem in dem von Adam Müller und Heinrich von Kleist herausgegebenen Phöbus im Vorjahr unterstellt worden war, das „Princip der Ifflandschen Bühne (..) sei das Guckkastenprincip“ 7 , zögerte seine Entscheidung über eine etwaige Aufführung solange hinaus, bis Kleist schließlich sein Manuskript zurückforderte. Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué schildert das weitere Geschehen anschaulich in einem Brief an Rahel Varnhagen von Ense vom 11. Oktober 1810:
„Weißt Du schon die herrliche Geschichte mit Iffland und Kleist? - Dieser schickt jenem sein Käthchen von Heilbronn zur Aufführung ein. Iffland antwortet lange gar nicht. Endlich schreibt ihm Kleist: er möge ihm das Manuskript zum Behuf einer freundschaftlichen Mitteilung zurücksenden, nachher stehe es ihm wieder zu Diensten. Dadurch denkt er ihn zu einer Erklärung zu kriegen. Der grobe Edelmütige aber wickelt das Manuskript in Löschpapier, und so findet es Kleist des Abends ohne Billett auf seinem Tische. Tages darauf erfährt Kleist, daß Iffland einem dritten gesagt hat: Das Käthchen gefalle ihm nicht, und was ihm nicht gefalle, führe er nicht auf. Nun wird Kleist grimmig und schickt ihm folgenden Zettel (12. Aug. 1810): Durch Herrn Hofrath Römer erfahre ich, daß Ew. Wohlgeboren mein in Wien am Vermählungstage der Kaiserin von Frankreich gegebenes Schauspiel, das Käthchen von Heilbronn, nicht gefällt. Es tut mir leid, daß es ein Mädchen ist. Wenn es ein Junge gewesen 8 wäre, würde es Ihnen besser gefallen. Heinrich von Kleist. - “
Diese grobe Beleidigung Ifflands durch Kleist, deren Wahrheitskern man laut Reinhold Steig in der 1810 erschienenen Selbstbiographie eines jüdischen Bastards von Julius von Voß 9 anschaulich nachvollziehen kann, blieb in Berlin und Umgebung kein Geheimnis. Hinzu kam, daß Iffland durch seine Reaktion den Vorwurf, er habe das Käthchen aus persönlichen Motiven abgelehnt, mehr stützte denn widerlegte: Nicht verbat er sich einen derartigen Ton, sondern begründete in einem freundlichen persönlichen Schreiben an Kleist seine negative Entscheidung und bezeichnete das Käthchen wiederholt als „Trauerspiel“, womit er den Beweis lieferte, das Stück niemals gelesen zu haben.
3 Microsoft Encarta 2001, Wilhelm August Iffland
4 Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe, S. 168, Spemann, Berlin, Stuttgart, 1901
5 ebenda, S. 169
6 Ruth Freydank, Theater in Berlin. Von den Anfängen bis 1945, S. 146, Argon Verlag, Berlin, 1988
7 Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe, S. 173, Spemann, Berlin, Stuttgart, 1901 8 Helmut Sembdner (Hg.), Heinrich von Kleists Lebensspuren, S. 267f, dtv, München, 1969
9 vgl. Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe, S. 183, Spemann, Berlin, Stuttgart, 1901
2
Theaterkritik in den Berliner Abendblättern
Mit den ständigen Referenten der Vossischen Zeitung Samuel Heinrich Catel (Theater) und J. C. F. Rellstab (Oper) verband Iffland ein trautes Einverständnis. Diese beiden Kritiker verloren in ihren Besprechungen, die nur selten das Niveau einfacher Inhaltsangaben überstiegen, niemals ein böses Wort über die Leistungen des Nationaltheaters. Diesen Zuständen wollten nun die Herausgeber der Berliner Abendblätter energisch entgegen wirken.
Da ein ständiger Theaterbesuch die finanziellen Mittel der meisten Mitarbeiter überstiegen hätte, wurde das Ressort der Theaterkritiken von verschiedenen Verfassern „betreut“, u.a. von von Kleist, von Arnim, Major von Möllendorff und Friedrich Schulz. Am 03. Oktober des Jahres 1810 begann mit der Veröffentlichung der dritten Ausgabe der Berliner Abendblätter ein wohldurchdachter „Feldzug“ gegen das Ifflandsche Theater. Um das Lesepublikum nicht von vornherein abzuschrecken und Iffland in Sicherheit zu wiegen, eröffnete man die Theatersaison mit einer Hymne „An unsern Iffland“, mit deren „Autorschaft“ sich Reinhold Steig scheut, einen der „Abendblätter-Freunde (...) vermuthungsweise zu belasten.“ 10 In der Brandenburger Ausgabe der Berliner Abendblätter wird diese jedoch eindeutig Heinrich von Kleist zugeschrieben. 11
Der Sohn durchs Ungefähr 12
Doch währte die Ruhe vor dem Sturm nur einen Tag. Bereits am 5. Oktober 1810 kritisiert Kleist in seiner „Rezension“ des Ton des Tages, zwar „noch plänkelnd (...), (aber) in einer Weise, die er (Iffland, AS) in Berlin nicht gewöhnt war“ 13 die schauspielerischen Fertigkeiten Ifflands, indem er einen Vergleich mit einer Stelle aus Kants Kritik der Urteilskraft ins Feld führt .
Die Kritik Ifflands in seiner Funktion als Theaterdirektor folgte auf den Fuß. Seit dem 4.
Oktober gab man die Posse Der Sohn durchs Ungefähr, eine Anlehnung an Kotzebues Der Vater von Ungefähr. Da dessen triviale Stücke bereits einen Großteil des Spielplans füllten, brachte für die Verantwortlichen der Berliner Abendblätter dieses neue seichte Stück das Faß zum überlaufen.
Schon der erste Satz des Artikels läßt keinen Zweifel aufkommen an der Attitüde seines Autors, Major von Möllendorff oder Heinrich von Kleist: „C´est un rien“ lautet das vernichtende Urteil. Doch bleibe das Publikum „der Direktion für Kleinigkeiten der Art (...) für jetzt noch immer Dank schuldig“ „da wir nur eine Bühne haben“, was laut Steig im Klartext bedeutet, „solche Stücke gehörten auf ein anderes, ein Vaudeville-Theater, nicht auf die Nationalbühne.“ 14
Die ironische Bemerkung, daß diese „kleine() Wenigkeit (...) mit mehr Präcision und ineinander greifender gegeben wurde, als manch vorzügliches Lust- oder Trauerspiel“ impliziert die Frage: Ist hier das Ende der inszenatorischen Möglichkeiten tatsächlich bereits erreicht? Eine weitere Spitze findet sich darin, daß „die beiden unüberschwenglichen Redensarten (...) Nr. 1.: Stellen Sie sich vor! und Nr. 2.: daran ist gar nicht zu zweifeln!“ nicht nur „durch das ganze Stück“ sondern auch durch den ganzen Artikel „wie zwei gewaltige Grundtöne durchgehen.“
Auch wird ein erster Angriff gegen die Rezensenten der Vossischen Zeitung geführt. Mit der Bemerkung: „Die nähere Beschreibung des Stücks; was Alles drin vorkommt, wann der erste Act aufhört und wann der zweite anfängt, wird wahrscheinlich in den nächsten Blättern unserer Zeitungen zu lesen seyn“ wird auf den Inhaltsangabencharakter derselben angespielt.
10 Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe, S. 189, Spemann, Berlin, Stuttgart, 1901
11 vgl. Roland Reuß u. Peter Staengle (Hg.), H.v.Kleist, Sämtliche Werke, Brandenburger Ausgabe, Band II/7, Berliner Abendblätter I, S. 18f, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt, 1997
12 alle diesbezüglichen Zitate aus: ebenda, S.29f
13 Reinhold Steig, Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe, S. 189, Spemann, Berlin, Stuttgart, 1901
14 ebenda, S. 191
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Angela Schaaf, 2003, Theaterkritik in den Berliner Abendblättern unter der Leitung von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag GmbH
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