Beschleunigt durch die in den 80er Jahren rapide zunehmende Massenarbeitslosigkeit, welche sich zunehmend in bestimmten innerstädtischen Strukturen räumlich konzentrierte, entwickelten sich einhergehend mit einer anhaltend hohen Zuwanderung von Ausländern und den damit daraus resultierenden ethnisch-kulturellen Spannungen und Abschottungtendenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen Segregationstendenzen, die eine immer brisanter werdende soziale und politische Lage in den großen Städten provozierten.
Der Terminus sozialräumliche Segregation umschreibt, dass sich soziale Gruppen nicht gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilen, sondern sich in bestimmten Stadtteilen konzentrieren. Der Sozialraum der Stadt lässt sich somit „als eine Landkarte lesen, auf der die Sozialstruktur der Gesellschaft verzeichnet ist“ (Häußermann/Siebel 2001, S. 70). Segregation beschreibt in der Stadtforschung daher ein Gerechtigkeits- und Integrationsproblem, da die sozialen Strukturen und die ethnisch-kulturelle Herkunft unmittelbar in räumliche Strukturen überführt werden. In baulich benachteiligten und unattraktiven Gebieten konzentrieren sich Verlierer der gesellschaftlichen Modernisierung (z.B. Arbeitslose, Ausländer), während in den Innenstadtgebieten mit gut ausgebauter Infrastruktur und hoher Lebensqualität die Gewinner der Modernisierung leben. Insofern sind Stadtgebiete, die durch Segregation gekennzeichnet sind, solche, in denen die Durchmischung der sozialen Gruppen nur gering ist und sich im gesamtstädtischen Aspekt eher ein Nebeneinander als ein Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsschichten zeigt (ebd., S. 70ff.).
Das politische Bewusstsein für die Wichtigkeit einer sozialen Stadtentwicklung bildete sich mit diesem tief greifenden Wandel der Sozial- und Bevölkerungsstruktur in Deutschland heraus und führte zu einem tendenziellen Wandel der Methodik in der Stadterneuerungpolitik. Stadterneuerungsprozesse zielten bis dato primär auf die baulich-investive Beseitigung von Struktur- und Funktionsschwächen in betroffenen Stadtgebieten ab und wurden untersetzt durch das in § 136 BauGB verankerte Ziel der sozialen Stabilisierung.
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG
1.1 STADTENTWICKLUNGSTENDENZEN SEIT DEN 60ER JAHREN
1.2 DIE SOZIALE STADT ALS „MAßSTAB UND PRAXISTEST“
1.2.1 GRUNDLEGENDE FAKTEN ZUM BUND-LÄNDER-PROGRAMM SOZIALE STADT
1.2.2 PROGRAMMZIELE DER SOZIALEN STADT
1.3 INTEGRIERTE HANDLUNGSKONZEPTE ALS ZENTRALE STEUERUNGSINSTRUMENTE
1.4 AUFTRAG DER DIPLOMARBEIT
1.5 AUFBAU DER DIPLOMARBEIT
2 METHODISCHE ASPEKTE: AKTEURSZENTRIERTER INSTITUTIONALISMUS ALS ANALYSEANSATZ
2.1 GRUNDANNAHMEN DES AKTEURSZENTRIERTEN INSTITUTIONALISMUS
2.2 UNTERSUCHUNGSDESIGN
2.2.1 GRUNDLEGENDE ANMERKUNGEN ZUM UNTERSUCHUNGSDESIGN
2.2.2 ANALYSEBESTANDTEILE DES AKTEURSZENTRIERTEN INSTITUTIONALISMUS
2.2.2.1 Probleme und Gegebenheiten
2.2.2.2 Institutioneller Kontext
2.2.2.3 Akteursanalyse
2.2.2.4 Akteurskonstellation
2.2.2.5 Interaktionsformen
2.3 UNTERSUCHUNGSINSTRUMENTE
2.3.1 DOKUMENTENANALYSE
2.3.2 LEITFADENINTERVIEWS
3 DAS INNOVATIVE STEUERUNGSMODELL DER SOZIALEN STADT
3.1 DER FORMWANDEL VON POLITIK: VON AUTORITÄRER STAATLICHER STEUERUNG ZUM KOOPERATIV-AKTIVIERENDEN STAAT
3.2 „GOVERNANCE“ ALS INTERAKTIONSHANDELN
3.3 INNOVATIVE ELEMENTE DES STEUERUNGSMODELLS DER SOZIALEN STADT
3.3.1 REAKTION AUF REGULATIVE POLITIK ALS ÜBERKOMMENES STEUERUNGSMODELL
3.3.2 SCHLÜSSELFUNKTION DER LOKALEN AKTEURE
3.3.3 POLITIKVERFLECHTUNG
3.3.4 STEUERUNGSTYPEN
3.3.5 ZUR STEUERUNGSFUNKTION DER ZIELSTRUKTUR
3.3.6 STEUERUNGSNETZ STATT STEUERUNGSKETTE
3.4 ZENTRALE STEUERUNGSZIELE BEI DER HANDLUNGSKONZEPTFORTSCHREIBUNG
3.4.1 VERWALTUNGSINTERNE KOORDINATION
3.4.1.1 Grundaussagen zu dem Steuerungsziel
3.4.1.2 Thesen und Fallstricke zu dem Steuerungsziel
3.4.2 VERTIKALE KOOPERATION
3.4.2.1 Grundaussagen zu dem Steuerungsziel
3.4.2.2 Thesen und Fallstricke zu dem Steuerungsziel
3.4.3 BÜRGERMITWIRKUNG
3.4.3.1 Grundaussagen zu dem Steuerungsziel
3.4.3.2 Thesen und Fallstricke zu dem Steuerungsziel
4 HANDLUNGSKONZEPTE ALS ZENTRALE STEUERUNGS- UND KOORDINIERUNGSINSTRUMENTE
4.1 DARSTELLUNG DES STEUERUNGSVERFAHRENS SOZIALE STADT/QM UND AUSSAGEN ZU HANDLUNGSKONZEPTEN IN ZENTRALEN STEUERUNGSDOKUMENTEN
4.1.1 STEUERUNG AUF BUND-LÄNDER-EBENE
4.1.1.1 Der ARGEBAU-Leitfaden
4.1.1.2 § 171e Baugesetzbuch
4.1.1.3 Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung
4.1.2 STEUERUNG AUF BERLINER LANDESEBENE
4.1.2.1 Der Senatsbeschluss über die Einrichtung integrierter Stadtteilverfahren
4.1.2.2 Der Zwischenbericht des Senats zu Erfahrungen mit dem Quartiersmanagement
4.1.2.3 Die Verwaltungsvorschrift Soziale Stadt (VV SozStadt)
4.1.2.4 Die Verwaltungsvorschrift Zukunftsinitiative Stadtteil (VV ZIS)
4.1.3 STEUERUNG AUF BEZIRKSEBENE BERLIN-MITTE
4.1.3.1 Aussagen zu Handlungskonzepten in der Kooperationsvereinbarung
4.1.3.2 Formales Steuerungsverfahren der Handlungskonzeptfortschreibung
4.2 ZUSAMMENFASSUNG: ALLGEMEINE VORGABEN AUF BUND-LÄNDER-EBENE, KONKRETE REGELUNGEN AUF UMSETZUNGSEBENE
5 INTERAKTIONSANALYSE AM BEISPIEL DER FORTSCHREIBUNG DES INTEGRIERTEN HANDLUNGSKONZEPTES MOABIT WEST
5.1 GEBIETSCHARAKTERISTIK
5.1.1 BAULICHE UND SOZIALE STRUKTUR VON MOABIT SEIT DER INDUSTRIALISIERUNG
5.1.2 STADTRÄUMLICHE LAGE
5.1.3 STRUKTURDATEN
5.1.4 STRUKTUR- UND FUNKTIONSMÄNGEL
5.1.5 POTENZIALE
5.1.6 KLASSIFIKATION ALS SANIERUNGS- UND QM-GEBIET
5.2 STRUKTURANALYSE DER HANDLUNGSKONZEPTE 2000-2006
5.2.1 1999 BIS 2002 – LOCKERE FORTSCHREIBUNG
5.2.2 2003 BIS 2006 – VEREINHEITLICHTE, PROFESSIONALISIERTE BERICHTSFORM
5.2.3 AUSBLICK: NEUAUSRICHTUNG DER HANDLUNGSKONZEPTE AB 2008
5.3 AKTEURSANALYSE
5.3.1 QUARTIERSRAT
5.3.2 BEZIRKSAMT
5.3.3 QUARTIERSMANAGEMENT
5.4 AKTEURSKONSTELLATIONEN
5.4.1 QUARTIERSRAT - BEZIRKSAMT
5.4.1.1 Grundsätzliche Beziehung zwischen den Akteuren
5.4.1.2 Grundlegende Akteurskonstellation bei Vorliegen externer Restriktionen des Bezirksamtes
5.4.1.3 Aktuelles Fallbeispiel für die Akteurskonstellation
5.4.2 GEBIETSBEAUFTRAGTER - BEZIRKSAMT
5.4.2.1 Grundsätzliche Beziehung zwischen den Akteuren
5.4.2.2 Konkrete Akteurskonstellation
5.4.3 QUARTIERSRAT - GEBIETSBEAUFTRAGTER
5.4.3.1 Grundsätzliche Beziehung zwischen den Akteuren
5.4.3.2 Konkrete Akteurskonstellation
5.5 INTERAKTIONSFORMEN UND KONKRETE VERFAHRENSSTEUERUNG DER FORTSCHREIBUNG VON HANDLUNGSKONZEPTEN IM QM MOABIT WEST
5.5.1 FORTSCHREIBUNG DER HANDLUNGSKONZEPTE IM QM MOABIT WEST AUF ZWEI EBENEN
5.5.2 1. EBENE: FORTSCHREIBUNG DER HANDLUNGSKONZEPTE
5.5.2.1 Steuerungsrunde
5.5.2.2 Lenkungsrunde
5.5.3 2. EBENE: FESTLEGUNG DER HANDLUNGSFELDER FÜR DAS FOLGENDE JAHR
5.5.3.1 Quartiersrat
5.5.3.2 Ämterrunde
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN
6.1 VERGLEICH DER SOLL- UND IST-STEUERUNG DES FORTSCHREIBUNGSPROZESSES
6.2 ANTWORT AUF DIE AKTEURSZENTRIERTE LEITFRAGE: WER STEUERT DEN FORTSCHREIBUNGSPROZESS?
6.3 ANTWORT AUF DIE VERFAHRENSZENTRIERTE LEITFRAGE
6.3.1 ZUR UMSETZUNG ZENTRALER STEUERUNGSZIELE IM QM MOABIT WEST
6.3.1.1 Verwaltungsinterne Koordination
6.3.1.2 Vertikale Kooperation
6.3.1.3 Bürgermitwirkung
6.3.2 ABSCHLUSSBETRACHTUNG: DIE STEUERUNG DER SOZIALEN STADT IN BERLIN DURCH HANDLUNGSKONZEPTE ALS LERNENDER PROZESS
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Fortschreibung integrierter Handlungskonzepte im Berliner Quartiersmanagement-Gebiet Moabit West. Ziel ist es zu analysieren, wie die auf politischer Ebene gesetzten Vorgaben zur Steuerung der Sozialen Stadt auf der operativen Durchführungsebene umgesetzt werden, wobei insbesondere die Rollenverteilung und Interaktionsformen zwischen den beteiligten Akteursgruppen (Quartiersrat, Bezirksamt, Quartiersmanagement) im Fokus stehen.
- Governance-Modell der Sozialen Stadt
- Methodik des Akteurszentrierten Institutionalismus
- Verfahren der Fortschreibung von Handlungskonzepten
- Rolle von Quartiersrat und Bezirksamt in Steuerungsprozessen
- Analyse des Projekts "Soziale Stadt" in Berlin-Moabit
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Formwandel von Politik: von autoritärer staatlicher Steuerung zum kooperativ-aktivierenden Staat
Der Aufstieg der Bundesrepublik zur Wirtschaftsnation führte Ende der 60er Jahre zu einem erhöhten struktur- und sozialpolitischen Problemdruck, als deutlich wurde, dass der gewachsene ökonomische Lebensstandard auch eine Steigerung des Anspruchsniveaus für nicht-marktliche Leistungen nach sich zog (Scharpf 1976, S. 13f.). Materielle Ansprüche der Bürger wurden durch immaterielle Bedürfnisse nach Umweltschutz, Landschaftspflege, Lebensqualität in den Städten, Bildung, Kunst und Kultur ergänzt. Gleichzeitig forderten die Verlierer der kapitalistischen Modernisierung soziale Ausgleichsleistungen des Staates ein (ebd., S. 14).
Die Handlungsmöglichkeiten des Staates waren jedoch von vornherein durch die Kombination von Kapitalismus und Konkurrenzdemokratie begrenzt, da verfassungsmäßige Bestimmungen die Freiheit der gewinnorientierten Unternehmensentscheidung ebenso absicherten wie auch der Staat nicht unmittelbar verhaltenssteuernd in die Lebenswelt der Bürger eingreifen durfte (ebd., S. 15). Ein geeignetes Einflussinstrument des Staates, welches sich als Reaktion auf die genannten Bedingungen herausbildete, war die „mittelbare Verhaltenssteuerung durch positive und negative Anreize (Subventionen und steuerliche Belastungen)“ (ebd., S. 15). Mittelbar verhaltenssteuernd bedeutete, dass die gesellschaftlichen Teilbereiche mit ihren zahlreichen Interessengruppen selbst zum Partner der Politik wurden und entlang vorgegebener staatlicher Handlungskorridore soziale Prozesse gestalten und steuern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINFÜHRUNG: Die Einleitung beleuchtet die Segregationstendenzen der 80er Jahre und die daraus resultierende Entwicklung des Programms Soziale Stadt sowie die Bedeutung der integrierten Handlungskonzepte.
2 METHODISCHE ASPEKTE: AKTEURSZENTRIERTER INSTITUTIONALISMUS ALS ANALYSEANSATZ: Dieses Kapitel führt den akteurszentrierten Institutionalismus als theoretischen Rahmen ein und erläutert das Untersuchungsdesign der Fallstudie.
3 DAS INNOVATIVE STEUERUNGSMODELL DER SOZIALEN STADT: Es wird das Governance-Modell der Sozialen Stadt analysiert, wobei der Wandel vom regulierenden zum aktivierenden Staat sowie zentrale Steuerungsziele diskutiert werden.
4 HANDLUNGSKONZEPTE ALS ZENTRALE STEUERUNGS- UND KOORDINIERUNGSINSTRUMENTE: Dieses Kapitel stellt die rechtlichen und administrativen Grundlagen der Handlungskonzepte auf Bund-, Landes- und Bezirksebene dar.
5 INTERAKTIONSANALYSE AM BEISPIEL DER FORTSCHREIBUNG DES INTEGRIERTEN HANDLUNGSKONZEPTES MOABIT WEST: Die Analyse der konkreten Fallstudie beschreibt die Akteurskonstellationen und Verfahrensschritte im Gebiet Moabit West.
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN: Das Fazit vergleicht die Soll- mit der Ist-Steuerung und beantwortet die leitenden Forschungsfragen zur Steuerung der Handlungskonzepte.
Schlüsselwörter
Soziale Stadt, Quartiersmanagement, Moabit West, Integrierte Handlungskonzepte, Governance, Akteurszentrierter Institutionalismus, Städtebauförderung, Bürgerbeteiligung, Politikverflechtung, Stadtentwicklung, Steuerung, Koordination, Quartiersrat, Bezirksamt, Interaktionsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Steuerungsprozesse bei der Fortschreibung integrierter Handlungskonzepte im Rahmen des Programms Soziale Stadt am Beispiel des Quartiersmanagements Berlin-Moabit West.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Governance-Strukturen, das politische Steuerungskonzept der Sozialen Stadt, die Rolle lokaler Akteure (Quartiersrat, Quartiersmanagement, Bezirk) und die methodische Analyse mittels des akteurszentrierten Institutionalismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob die auf politischer Ebene formulierten Ansprüche an Handlungskonzepte auf der operativen Ebene des Bezirks und Quartiers konform umgesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Fallstudie mit einem Methodenmix aus Dokumentenanalyse und leitfadengestützten Experteninterviews durchgeführt, die auf dem Analyserahmen des akteurszentrierten Institutionalismus nach Mayntz und Scharpf basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erläutert die steuerungstheoretischen Grundlagen, die rechtlichen Vorgaben für Handlungskonzepte sowie die detaillierte Interaktionsanalyse der verschiedenen Akteure im Gebiet Moabit West.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Soziale Stadt, Quartiersmanagement, Governance, Akteurskonstellation und Handlungskonzepte.
Wie beeinflusst der Quartiersrat die Handlungskonzepte in Moabit West?
Der Quartiersrat bestimmt die Handlungsfelder relativ autonom durch ein Ranking-Verfahren, wobei sich sowohl das Bezirksamt als auch das Quartiersmanagement an dieses Votum binden, um die bürgernahe Legitimation zu wahren.
Welche Rolle spielt die Zeitplanung im Fortschreibungsprozess?
Die Zeitplanung stellt eine große Herausforderung dar, da die praktische Erarbeitung oft erst spät im Jahr beginnt, was zu einer "nachholenden" Beschlussfassung führt und formale Anforderungen des Senats erschwert.
- Arbeit zitieren
- Sascha Walther (Autor:in), 2008, Wer steuert die „Soziale Stadt“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113930