Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Kontexteinführung 4
2.1. Systemtheorie 4
2.2. Die Realität der Massenmedien. 5
2.2.1. Inhaltliche Zusammenfassung. 5
2.2.2. Programmbereiche 7
3. Zur Beziehung der Programmbereiche 11
3.1. Argumentationswege. 11
3.2. Hybridformate 13
3.3. Programmbereiche als Idealvorstellung? 14
4. Fazit. 15
Literaturverzeichnis. 17
2
1. Einleitung
Tun wir ihm mal ein Bisschen Unrecht: Luhmann, der nach eigenen Angaben ja nicht mal einen Fernseher besitzt, dem aber offenbar bewusst ist, dass Soziologen wie er auf Massenmedien angewiesen sind, weil sie „ihr Wissen nicht mehr im Herumschlendern und auch nicht mit bloßen Augen und Ohren gewinnen können“ 1 , schickt sich an, eben diese Massenmedien theoretisch zu fassen. Dabei kommt er zu dem überaus trivialen Schluss, dass sie unser Bild von der Realität maßgeblich beeinflussen. Er will außerdem festgestellt haben, dass Nachrichten den Realitätswert ihrer eigenen Kommunikation lediglich behaupten, wohingegen Werbung der „Förderung von Geschmack“ diene! 2
Die Polemik als methodischer Kniff ist dann angebracht, wenn sie eine Auseinandersetzung um die Bedeutung des Textes provoziert. Belächelte man Luhmanns kontraintuitive Feststellungen derart, ließe man außer Acht, in welchem theoretischen Kontext sich seine Überlegungen zur „Realität der Massenmedien“ bewegen: Diese werden begriffen als ein sich selbst erhaltendes gesellschaftliches Subsystem, an das die Aufgabe delegiert wurde, die Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu ermöglichen. Als „wichtigste interne Struktur“ des Systems Massenmedien wird dabei eine Dreiteilung in die Bereiche Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung unterstellt. Diese Bereiche nehmen ihrerseits Teilaufgaben wahr und unterscheiden sich insbesondere in den Kriterien, anhand derer sie Informationen auswählen. 3
Drei Programmbereiche - diese Binnendifferenzierung scheint angesichts der Fülle medialer Inhalte äußerst grob. Auf welchen Kriterien muss eine Unterteilung der Medien in Segmente beruhen? Oder ist eine scharfe Abgrenzung bestimmter Inhaltsformen voneinanderangesichts von TV-Formaten wie dem „Infotainment“ - gar völlig unangebracht, wenn nicht zumindest unzeitgemäß? Wir möchten uns diesen Fragen genauer widmen. Dabei sollen ein Überblick über die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns und eine Zusammenfassung des Primärtextes zum besseren Verständnis der Problemstellung beitragen.
1 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2., erw. Aufl. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996,
S.9.
2 Hagen, Wolfgang (Hg.): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit
Niklas Luhmann. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2004, S.80 + 88.
3 Vgl. Luhmann 1996, S.51.
3
Ein Blick auf die mediale Entwicklung der letzten zehn Jahre wird uns dabei mit anschaulichen Beispielen versorgen, um das Programm in „Die Realität der Massenmedien“ kritisch zu prüfen.
2. Kontexteinführung
2.1. Systemtheorie
In dem 1984 erschienenen Text „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“ formuliert Niklas Luhmann den Anspruch, der an die Systemtheorie gestellt wird, in aller Deutlichkeit: Sie wird als eine „Supertheorie“ aufgefasst, die nicht weniger leisten soll, als „den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie zu erfassen und in diesem Sinne [eine] universelle soziologische Theorie zu sein.“ 4 Dem Buch „Soziale Systeme“ folgten zahlreiche Publikationen, die sich einzelnen Zellen des Systems Gesellschaft widmen. Dazu gehören beispielsweise „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ (1988), „Die Wissenschaft der Gesellschaft“ (1990) oder etwa „Die Kunst der Gesellschaft“ (1995). Auch „Die Realität der Massenmedien“ reiht sich in diesen Publikationskontext ein.
Jeder der besprochenen Gegenstandsbereiche - Wirtschaft, Wissenschaft, etc. - wird dabei als „System“ verstanden. Darunter verstehen wir eine Einheit, deren Elemente untereinander einen höheren Aktionsgrad haben als gegenüber anderen Elementen. Diese Verbindung von Elementen lässt gleichzeitig ein „Mehr“ entstehen. 5 Als direkte Folge muss ein System die Unterscheidung „System/Umwelt“ kennen, d.h. wissen, was zum System gehört und was nicht. Die Einheit der Elemente ist autopoietisch, d.h., sie stellt sich selbst her und erneuert sich ständig aus sich selbst. 6 Über die Erhaltung seiner Selbst hinaus besitzt das System eine soziale Funktion, also eine Funktion, die das System bezüglich seiner Umwelt erbringt. Diese Funktion ist es auch, anhand derer das System bei äußerer Betrachtung bestimmt werden kann. 7
4 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer Allgemeinen Theorie. 7. Aufl. Frankfurt a.M.:
Suhrkamp 1999, S.33.
5 Horster, Detlef: Niklas Luhmann. 2., überarb. Aufl. München: C.H. Beck 2005, S.60f.
6 Vgl. ebd., S.61. Implizit ist in dieser Feststellung bereits enthalten, was Luhmann „Anschlussfähigkeit“
nennt. Das bedeutet, dass jede Operation eine weitere Operation erzwingt, ansonsten würde das System durch
eigenes Verschulden aufhören zu existieren; vgl. Luhmann 1996, S.81.
7 Vgl. Horster, S.63.
4
Die innere Operationsweise des Systems funktioniert anhand eines binären Codes, der einen Wert vorgibt, den die durch das System betrachteten Gegenstände entweder haben können (=1) oder eben nicht (=0). Ein beliebiger Gegenstand kann also vom System ausschließlich mit Hilfe des Codes betrachtet werden. Um Vorschriften für die Anwendung des Codes zu erhalten, benötigt das System ein Programm. 8
Die genannten Systeme sind wiederum Elemente des Supersystems Gesellschaft, das nach den gleichen Prizipien aufgebaut ist. Die Subsysteme operieren in ihrer eigenen Umwelt genau so, wie dies die Gesellschaft in ihrer Umwelt (also allem, was nicht Gesellschaft ist) tut 9 ; so bilden für das Teilsystem Wissenschaft alle andern Teilsysteme (die ja nicht Wissenschaft sind) die Umwelt. Gleichzeitig kann ein jedes System die eigenen Operationen, die anhand dieser Unterscheidung von System und Umwelt ablaufen, beobachten und auf die eigene Operationsweise einwirken lassen. Das Auftauchen dieser außen/innen-Unterscheidung im Innern nennt man „reentry“. 10
2.2. Die Realität der Massenmedien
2.2.1. Inhaltliche Zusammenfassung
Die Funktion des Systems Massenmedien bestimmt Luhmann nicht etwa, wie man meinen könnte, in der profanen Übertragung von Information vom Wissenden zum Nichtwissenden. 11 Vielmehr erzeugen sie dadurch, dass sich die Gesellschaft sich mit ihrer Hilfe selbst beobachtet, ein Gedächtnis - eine bestimmte Annahme über die Realität, die den Anschluss jeder weiteren Kommunikation (nicht nur der Kommunikation in den Massenmedien selbst) ermöglicht bzw. erzwingt: eine „Hintergrundrealität, von der man ausgehen kann“ 12 . Luhmann begreift Massenmedien als Einrichtungen, die durch technische Vervielfältigung Kommunikation verbreiten. Die technischen Verbreitungsmöglichkeiten sind
ausschlaggebend für die Ausdifferenzierung eines eigenständigen Systems der
8 So arbeitet beispielsweise das Kunstsystem mit dem Code „schön/häßlich“. Dies bedeutet nicht, dass
nur „schöne“ Dinge als Kunst zu bezeichnen wären, sondern dass alles, was anhand des Begriffspaares
„schön/häßlich“ beschrieben werden kann, zum System Kunst gehört. Ein Leitprogramm, zum Beispiel
Stilrichtungen, Dogmatiken oder Modetrends, geben Kriterien zum Gebrauch des Codes „schön/häßlich“ vor.
Vgl. Luhmann, Niklas: Ist Kunst codierbar? In: ders., Aufsätze und Reden. Hg. v. Oliver Jahraus. Stuttgart:
Reclam 2001, S.159-197, S.188.
9 Vgl. Horster, S.66.
10 Vgl. Ebd.
11 Vgl. Luhmann 1996, S.121.
12 Ebd., S.120.
5
Arbeit zitieren:
Ludwig Andert, 2008, Über die Belastbarkeit der Luhmann'schen Einteilung massenmedialen Inhalts in die Programmbereiche "Nachrichten und Berichte", "Werbung" und "Unterhaltung", München, GRIN Verlag GmbH
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