Der Ursprung des Wagens
Dr. Gerald Görmer, Krombach
20.08.2008
Gliederung
ZUSAMMENFASSUNGEN... 3
EINLEITUNG ... 4
FUNDCHRONOLOGIE... 4
Mesopotamien ... 4
Mitteleuropa ... 5
,,Ukrainische" Tripol`e-Kultur, ,,südrussische" Majkop-Kultur und ,,ungarische" Badener Kultur ... 6
INNOVATIONSFAKTOREN UND WAGENNUTZUNG ... 8
Mesopotamische Innovationshemmnisse ... 8
Südamerika und China... 9
Mitteleuropäische Innovationsfaktoren ... 9
Mitteleuropäische Wagennutzung ... 10
DIFFUSION DER WAGENERFINDUNG VON MITTELEUROPA... 11
FAZIT... 13
LITERATUR ... 14
Zusammenfassungen
Der früheste Erfindungsort des Wagens liegt nach derzeitiger Fundchronologie im Gebiet der
mitteleuropäischen Trichterbecherkultur. Entgegen weit verbreiteter Meinung belegen die
,,Schlitten-Piktogramme" aus Uruk keine Wagen, so dass die frühesten mitteleuropäischen
Nachweise des Wagens sogar vier bis fünf Jahrhunderte älter als die frühesten
mesopotamischen sind. Die Wagennachweise aus der Trichterbecherkultur sind weltweit am
ältesten.
Nicht nur die derzeitige Fundchronologie, sondern vor allem die seinerzeitigen
naturräumlichen und sozioökonomischen Bedingungen in Mesopotamien einerseits und
Mitteleuropa andererseits sowie Innovations- bzw. Erfindungsfaktoren hinsichtlich des
Wagens, sprechen für seinen mitteleuropäischen Ursprung. In Mitteleuropa bestanden
hinreichende Innovationsvoraussetzungen und hoher Transportbedarf. Die mesopotamischen
Innovationshemmnisse hinsichtlich des Wagens (insbesondere Sklaven, Kanäle und Esel)
fehlten in Mitteleuropa; und die Nichterfindungen des Wagens in den komplexen
Andenkulturen und in China zeigen, dass eine ,,Hochkultur" bzw. Verstädterung für eine
Wagenerfindung nicht maßgeblich war.
Mitteleuropa bzw. die Trichterbecherkultur war, zumindest nach derzeitiger Fund- und
Sachlage, nicht nur der früheste, sondern wohl auch der einzige Erfindungsort des Wagens.
Von dort drang die Erfindung, die Wagenidee, nicht nur über die Wartbergkultur zur
Horgener Kultur, sondern auch nach Osteuropa und, wohl über ,,südrussische" Steppen und
den Kaukasus, nach Mesopotamien. Die Diffusion der Wagenidee ist wesentlich
wahrscheinlicher als eine polyzentrische Erfindung.
Einleitung
Der Wagen ist eine herausragende technische Neuerung in der Urgeschichte. Sein Ursprung
wird inzwischen kontrovers diskutiert.
Lange galt der Wagen einhellig als mesopotamische Erfindung, die sich von dort nach
Mitteleuropa verbreitet habe (CHILDE 1951, 177 ff.; PIGOTT 1979, 3 ff.). Diese These wird
noch häufig vertreten. Insbesondere SHERRATT (2004, 423) führt den Wagen weiterhin auf
mesopotamische Entwicklungen zurück, da frühen Stadtkulturen aufgrund
Kapitalkonzentration und entwickeltem Wirtschaftssystem ein großes Innovationspotential
innewohne.
Eine jüngere Theorie (HÄUSLER 1996, 83; VOSTEEN 2002, 144) nimmt an, der Wagen sei
polyzentrisch, unabhängig voneinander, sowohl in Mesopotamien als auch in Mitteleuropa
entstanden. Sie stützt sich dabei auf mitteleuropäische Funde bzw. Wagenbelege der letzten
Jahrzehnte, die zeigen, dass der Wagen deutlich früher als zuvor angenommen in
Mitteleuropa war. In Mitteleuropa sieht VOSTEEN (ebd., 145, 147) gleich zwei eigenständige
Erfindungszentren des Wagens: nach der Trichterbecherkultur habe die späte Horgener Kultur
den Wagen im Nordalpengebiet erneut erfunden.
Eine dritte Theorie besagt, der Wagen sei eine Erfindung aus dem ,,Gebiet des schwarzen
Meeres" (DIAMOND 1999, 309) bzw. aus dem nordwestlichen Schwarzmeergebiet (heutige
Ukraine). Von dort sie die Erfindung nach Südost- und Mitteleuropa und, über den Kaukasus,
auch nach Mesopotamien diffundiert (MARAN 2004b, 439).
Fundchronologie
Gegen diese drei ,,etablierten Ursprungstheorien" spricht zunächst die derzeitige
Fundchronologie.
Mesopotamien
Die bisherigen Theorien gehen nahezu einmütig davon aus, dass der Wagen in Mitteleuropa
nur ungefähr zeitgleich mit Mesopotamien (VOSTEEN 2002, 144; MARAN 20004b, 429)
bzw. nur ein Jahrhundert früher als in Mesopotamien (SHERRATT 2004, 419) aufgetaucht
sei. Dies resultiert allerdings bloß aus einer Fehlinterpretation der ,,Schlitten-Piktogramme"
(Abb. 1) aus Uruk. Diese bildhaften Schriftzeichen, die aus der Zeit um 3300 v. u. Z. sind
(VOSTEEN 2003, 54), gelten zwar weithin unkritisch als älteste Belege für mesopotamische
Wagen (z. B. VOSTEEN 2002, 144; MARAN ebd.). Ihre nähere Betrachtung unter Einbezug
der zeitgleichen mesopotamischen Bildkunst zeigt aber, dass sie keine Wagen, sondern nur
Schlitten nachweisen. Die drei Fahrzeug-Konstruktionen, mit je zwei ausgefüllten Kreisen
darunter, sind lediglich als auf Rollhölzer bzw. Walzen gelegte Schlitten zu interpretieren,
zumal über den vorgenannten drei Konstruktionen ebenfalls Schlitten abgebildet sind. Auf
Walzen gelegte Schlitten sind auch in der zeitgleichen mesopotamischen Bildkunst nicht
selten; Wagenabbildungen fehlen hingegen völlig (z.B. FANSA 2004, 12). Wagen treten erst
mit Beginn des dritten Jahrtausends v. u. Z. in mesopotamischer Bildkunst und Schrift auf.
Diese ältesten mesopotamischen Wagenhinweise sind dann gleich häufig und eindeutig: ein
zusätzliches Indiz, dass erst mit Beginn des dritten Jahrtausends mesopotamische Wagen
existierten (vgl. auch ebd.). Wäre der Wagen schon einige Jahrhunderte zuvor in
Mesopotamien bekannt gewesen, wäre er dort wohl auch schon früher (deutlich und vom
Schlitten unterscheidbar) abgebildet worden.
Die ältesten mesopotamischen Wagenbelege sind mithin entgegen ganz überwiegender
Meinung (z.B. VOSTEEN ebd.; CROUWEL 2004, 69; MARAN ebd.; BAKKER 2004, 292)
nicht fast aus der Mitte des vierten, sondern erst aus dem Beginn des dritten Jahrtausends v. u.
Z.
Abb. 1 Piktogramme aus Uruk, ohne Maßstab (nach VOSTEEN 2002, 143, Abb. 1).
Abb. 2 Frühmesopotamischer Schlitten auf einer Steinplakette, ohne Maßstab (nach VOSTEEN 2002, 143, Abb.
2).
Mitteleuropa
In Mitteleuropa ist der Wagen bereits für die Mitte des vierten Jahrtausends v. u. Z.
nachgewiesen. Fahrspuren eines Wagens aus Flintbek in Schleswig-Holstein belegen Wagen
und Wagennutzung der Trichterbecherkultur schon für die Mitte des vierten Jahrtausends v. u.
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