6 Rekorde der Urmenschen
INHALT
Vorwort Seite 9 3 Wohnstätten Siedlungen
und Befestigungen Seite 33
1. Die Menschen Seite 11 Höhlen - Hütten - Zelte - Die ersten
Die ersten Menschenartigen - Die älte-
Häuser - Die ersten Häuser an Seeufern
sten Vormenschen - Die ältesten Fuß- - Die älteste Siedlung - Die ältesten
spuren - Die ersten Frühmenschen - Der
Befestigungen - Die ersten Paläste
älteste Frühmensch in Europa - Die er-
4. Feuer und Wasser Seite 53
sten frühen Neandertaler - Der berühm-
Das älteste Feuer - Die ältesten Feuer-
teste Neandertaler-Fund - Die ersten
anatomisch modernen Menschen - Der spuren in Europa und Deutschland - Der
älteste hölzerne Brunnen - Die frühe-
am besten erhaltene Fund eines Stein-
sten Bewässerungsanlagen - Der erste
zeitmenschen
Staudamm - Die ersten Kanäle - Die frü-
2. Größe Krankheiten und
hesten Wasserklosetts - Die ältesten
Verletzungen von Menschen Seite 23
Bäder
Die größten Vormenschen - Der größte
5. Die Kleidung Seite 57
Frühmensch - Die größten Neanderta-
Die ersten Kleidungsstücke - Die älte-
ler - Der größte Jetztmensch aus dem
Eiszeitalter - Der größte Kelte und der ste Darstellung eines Lendenschurzes -
größte Germane - Der früheste gutarti- Die ältesten Schuhe - Die ältesten Hüte
- Die ältesten Mantelreste - Die ersten
ge Tumor - Die älteste nachgewiesene
Kleidungsstücke aus Schafwolle oder
Knochenmarkeiterung - Der früheste
Lein - Die am besten erhaltenen Klei-
Fall von Bandscheibenschäden - Die
dungsstücke aus der Urgeschichte - Die
meisten Krebserkrankungen in der
ersten Schirme
Jungsteinzeit - Die ältesten Biß- und
Hiebverletzungen - Der älteste Arm-
6. Nahrung Seite 63
bruch - Die frühesten Operationen - Die
Die ersten Nahrungsmittel - Das erste
meisten gelungenen Schädeloperatio-
Wildbret - Die ersten Braten - Die frü-
nen der Jungsteinzeit - Die ältesten
hesten Fischmahlzeiten - Die ersten
künstlichen Zähne
7 Rekorde der Urmenschen
Suppen - Das erste Salz - Die ersten sen, Linsen, Hirse, Bohnen, Kartoffeln, Milchspeisen - Das erste Bier - Der er- Pfeffer, Mais, Kürbisse, Bananen, Zi- ste Wein - Die ältesten Brotfunde - Die trusfrüchte und Kokosnüsse - Die ersten ältesten „Konserven“ - Der älteste Ku- Haustiere - Erste Hunde, Hausziegen, chen -schafe, -schweine, -rinder und -pferde
- Die frühesten Hausgänse und -katzen
7. Jäger und Sammler / Seite 67
Die ersten Sammler - Die ältesten Hin- 10. Gefäße und Möbel / Seite 95
Die ältesten Trinkgefäße - Die ersten weise auf das Sammeln pflanzlicher Nahrung in Deutschland - Die ältesten „Kochgefäße“ - Die ersten Tongefäße - Die ältesten Holzgefäße - Die ersten Hinweise auf die Jagd - Die ältesten Jagdbeutereste - Die ältesten Reste von Goldgefäße - Die ältesten Sitz- und Holzlanzen - Die ersten Holzkeulen und Schlafgelegenheiten - Die frühesten Wurfstöcke - Die frühesten Pfeilspitzen Herrscherthrone - Die ältesten Klapp- stühle Europas
- Die ersten Harpunen - Verletzungen von Jagdtieren - Die älteste Darstellung
11. Metalle und Glas / Seite 99
eines Fanggeheges - Die älteste Darstel- Die ältesten Kupferfunde - Die ältesten lung eines Jagdunfalles - Die ersten Fi- Kupferfunde Deutschlands, Österreichs scher - Die ältesten Fischdarstellungen und der Schweiz - Das erste Gold - Die
- Die ältesten Fischfanggeräte - Die äl- ältesten Goldfunde Österreichs - Die testen Fischfangreste in Deutschland ersten Goldmünzen - Die ältesten Sil-
8. Werkzeuge und Waffen / Seite 83
berfunde - Die älteste Metall-Legierung Die ältesten Steinwerkzeuge - Die er-
- Die Erfindung des Lötens - Die älte- sten Faustkeile - Die ersten Nähnadeln sten Kulturen der Bronzezeit in Mittel- mit Öhr - Die ersten Kupferäxte und europa - Die ältesten Gegenstände aus -beile - Die ersten Drehbänke - Die äl- Eisen - Die Anfänge des Schweißens - testen Bronzeäxte - Die ersten eisernen Die ersten Eisenprodukte Mitteleuropas Werkzeuge Europas
- Das erste Gußeisen - Die ältesten Ei- sengegenstände Norddeutschlands - Das
9. Ackerbauern und
früheste Glas - Die ältesten Flaschen, Viehzüchter / Seite 89 Töpfe und Kelche aus Glas Die ältesten Hinweise auf Ackerbau -
12. Transport und Verkehr / Seite 109
Die ältesten Getreidereste - Die ersten Die ersten Wasserfahrzeuge - Die frü- Ackerbauern Europas und Deutschlands
- Die ältesten Erntesicheln in Deutsch- hesten Brücken, Wege und Straßen - Die land, Österreich und Tschechien - Die ersten Wagen mit hölzernen Scheiben- rädern - Die ältesten Darstellungen von frühesten Pflugspuren Europas - Der Wagen und Zugtieren - Die ersten erste Anbau von Getreide - Erste Erb-
8 Rekorde der Urmenschen
Kampfwagen - Die älteste Schlittenkufe Die frühesten Tauschgeschäfte mit Kup-
- Die ersten Reitpferde fer und Gold
13. Körperpflege / Seite 119 17. Die Kunst / Seite 135
Die ältesten Reste von Schminkstiften Die ältesten Kunstwerke - Die schön-
- Die ersten Darstellungen von Frisu- sten und meisten Höhlenmalereien - Die ren - Die früheste Darstellung eines bär- ersten Musiker - Die ersten Knochen- tigen Männergesichtes - Die ersten flöten und Trommeln - Die ältesten Kämme - Die ersten Seifen - Die frühe- bronzenen Luren - Die ältesten Tanz- sten Spiegel - Die ersten Rasiermesser spuren aus Metall
18. Die Religion / Seite 143
14. Sport / Seite 123 Das älteste Zeugnis von Kannibalismus Die älteste Darstellung von Schwim-
- Die frühesten überlegt durchgeführten mern - Die ersten Denkspiele - Die frü- Bestattungen - Die ersten Großstein- heste Darstellung von Schneeschuh- gräber - Die ersten Pyramiden - Die frü- läufern - Die ersten Ballspiele - Die frü- heste Darstellung einer Gottheit - Die hesten Hockeyspiele - Die ersten Kegel- älteste Bestattung einer Priesterin - Die spiele - Die erste Abbildung von Box- meisten Höhlenheiligtümer mit Wand- handschuhen - Die ersten Wagenrennen malereien - Der älteste Tempel - Die
- Die frühesten Fußballspiele größten Alleen von Menhiren - Die prächtigsten metallenen Kultobjekte der
15. Der Schmuck / Seite 125
Bronzezeit Die ältesten Schmuckstücke - Die äl-
19. Die Schrift / Seite 155
testen Halsketten - Die reichsten Die älteste kalenderartige Aufzeichnung Schmuckfunde aus der Zeit vor mehr als 21000 Jahren - Die ersten Fingerringe - - Die früheste Vorform der Schrift - Die Die ersten Schmuckstücke aus Kupfer erste Schrift in Mesopotamien, Ägyp- ten und Europa - Die erste Tinte - Die
- Der früheste Haarschmuck - Die älte- ersten Kalender - Die erste Schrift in sten goldenen Schmuckstücke - Die er- Europa sten Glasperlen - Die ältesten bronze- nen, silbernen und eisernen Schmuck- Der Autor / Seite 159 stücke
16. Tauschgeschäfte / Seite 131
Literatur / Seite 160 Die ersten Tauschgeschäfte mit seltenen Steinarten und Schmuckschnecken - Bildquellen / Seite 161
9 Rekorde der Urmenschen
Rekorde der Urmenschen
Wann, wo und wie lebten die ersten der Religion mit den ersten Bestattun-
Vormenschen, Frühmenschen, Urmen- gen, Kannibalismus und Menschenop-
schen und Jetztmenschen? Wie sahen fern, die frühesten Tauschgeschäfte,
sie aus, wie groß wurden sie, an wel- Boote, Wagen, Straßen, Reittiere, der
chen Krankheiten litten sie, welche Beginn von Ackerbau und Viehzucht
Kleidung und welchen Schmuck trugen sowie Töpferei, die früheste Nutzung
sie, wie haben sie gewohnt, was haben von Metallen und die erste Schrift.
sie gegessen und getrunken, und was Das Wissen über diese „Rekorde der
haben sie geglaubt?
Urmenschen“ ist in unzähligen Bü-
Auf alle diese und viele andere Fragen chern, Fachpublikationen, Zeitungs-
soll das Taschenbuch „Rekorde der Ur- und Zeitschriftenartikeln verstreut, die
menschen“ eine Antwort geben. Es häufig den Laien nicht bekannt, zugäng-
schildert die Entwicklung von noch af- lich und manchmal auch nicht verständ-
fenähnlichen Vormenschen bis zu ver- lich sind, daß sie in fremden Sprachen
nunftbegabten Jetztmenschen jener Art, oder einer zu wissenschaftlichen Spra-
zu der auch wir gehören.
che abgefaßt wurden. Das Material für
Die ersten Behausungen des Menschen das vorliegende Buch wurde durch in-
werden ebenso behandelt wie die frü- tensives Literaturstudium in Fachbiblio-
hesten Siedlungen, Befestigungsanla- theken, durch Briefe und Gespräche mit
gen, Seeufersiedlungen, Tempel, Mö- Spezialisten zusammengetragen und in
bel, Kleidungs- und Schmuckstücke, allen Fällen überprüft.
Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Musik- Jeder der erwähnten „Rekorde der Ur-
instrumente und Kunstwerke. Außer- menschen“ kann durch einen neuen
dem erfährt man viel über die Krank- spektakulären Fund übertroffen werden.
heiten und Verletzungen unserer frühen Denn die Erforschung der Vergangen-
Vorfahren, die ersten Operationen und heit von Menschen und den Erfindun-
die Medizinmänner der Steinzeit.
gen unserer Vorfahren steht nicht still.
Weitere Themen sind die Tiere, die von Was heute gilt, kann morgen schon über-
Menschen gejagt wurden, die Anfänge holt sein. So ist dieses Buch lediglich
10 Rekorde der Urmenschen
der Versuch einer Momentaufnahme des Probst in alter Rechtschreibung. Daraus
gegenwärtigen Wissensstandes.
entstanden 2008 zwei Bände: Bei
Die Texte des Taschenbuches „Rekor- „GRIN Verlag für akademische Texte“
de der Urmenschen“ stammen aus dem erschienen „Rekorde der Urzeit“ (Land-
Werk „Rekorde der Urzeit“ (1992) des schaften, Pflanzen, Tiere) und „Rekor-
Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst de der Urmenschen“.
11 Rekorde der Urmenschen
1. Die Menschen
Frühmenschen der Art Homo erectus heidelbergenis bzw. Homo heidelbergensis vor etwa 630000 Jahren auf der Jagd. Sie gelten als die ältesten Mitteleuropäer.
12 Rekorde der Urmenschen
Als die ersten Menschenartigen (Homi- 1991 entdeckte der deutsche Paläanthro-
niden) gelten die Vormenschen (Prae- pologe Friedemann Schrenk in Malawi
anthropinen) in Afrika. Bisher ist nicht einen etwa 2,5 Millionen Jahre alten Un-
geklärt, von welchen Menschenaffen sie terkiefer des Frühmenschen Homo ru-
abstammen. Diese Vormenschen wer- dolfensis. Dieser gilt als ältester Fund
den allesamt zur Gattung Australo- der Gattung Homo. Homo rudolfensis
pithecus (lateinisch: australis = südlich, existierte vor etwa 2,5 bis 1,8 Millio-
griechisch: pithekos = Affe, also „Süd- nen Jahren. Funde dieser Art kennt man
affe“) gerechnet, von der mehrere Ar- aus Koobi Fora in Kenia am Rudolfsee
ten bekannt sind. Den Begriff Au- (heute Turkana-See), Äthiopien und
stralopithecus hat der südafrikanische Malawi. Die Zähne von Homo ru-
Anatom Arthur Dart (1893–1988) aus dolfensis haben noch starke Ähnlichkeit
Johannesburg für einen 1944 bei Taung mit denen der Gattung Australopithecus.
im Betschuanaland entdeckten Kin- Oberschenkel und Fußknochen dagegen
derschädel verwendet. Die ersten Au- ähneln der Gattung Homo. Homo ru-
stralopthecinen haben vielleicht schon dolfensis war etwa 1,55 Meter groß und
im Pliozän vor etwa 5 Millionen Jahren ernährte sich vermutlich überwiegend
gelebt. So alt sollen die mehr oder min- von Pflanzen. Man spekuliert, er sei der
der umstrittenen Funde von Lothagam, erste Hominide gewesen, der Werkzeu-
Tabarin und Kanapoi in Kenia sein. Die ge benutzte. Homo rudolfensis gilt als
Vormenschen unterschieden sich von Vorfahre des bis zu 1,80 Meter großen
den Menschenaffen durch ein mehr Homo ergaster mit einem Gehirnvo-
menschlich geformtes Becken sowie lumen zwischen etwa 750 und 900 Ku-
den Skelettbau der Beine und Füße, der bikzentimetern, der Werkzeuge herstell-
eine aufrechte Körperhaltung und zwei- te und benutzte. Das griechische Wort
beinigen Gang ermöglichte. Ihr Gehirn- ergaster bedeutet „Handwerker“. Es ist
schädelinhalt übertraf mit etwa 440 bis umstritten, ob Homo ergaster eine ei-
530 Kubikzentimetern schon denjeni- gene Art ist oder ob seine Fossilien nur
gen der Menschenaffen. Die Vormen- von einer zeitlichen und regionalen Va-
schen waren etwa 1,10 bis 1,40 Meter riante von Homo erectus stammen.
1992/1993 wurden in Aramis westlich groß.
des Awash im Afar-Dreieck in Äthiopi- Die Texte im Kapitel „Menschen“ stam-
en Fossilien eines vor etwa 4,4 Millio- men – wie erwähnt – aus dem Buch „Re-
nen Jahren lebenden Vormenschen ent- korde der Urzeit“ (1992). Kurz vor und
deckt. Spätere Funde dieser Art waren nach dem Erscheinen dieses Titels
sogar noch deutlich älter. Tim White, glückten – laut Online-Lexikon „Wi-
Gen Suwa und Berhane Asfaw beschrie- kipedia“ – weitere wichtige Entdeckun-
ben die ersten Reste 1994 als Austra- gen von Vormenschen, Frühmenschen
lopithecus ramidus und 1995 nach der und Altmenschen:
13 Rekorde der Urmenschen
Entdeckung eines nahezu vollständigen rechte Gang schon voll entwickelt.
Skeletts als Ardipithecus ramidus. Als 1997 entdeckte Yohannes Haile-Se-
lassie in der Afar-Region, westlich des Kennzeichen dieser Art gelten die ver-
längerten, schimpansenähnlichen Eck- heutigen Awash am östlichen Rand der
Halbinsel Bouri in Äthiopien, den frag- zähne (Reißzähne), wegen denen diese
Art von der Gattung Australopithecus mentarisch erhaltenen Schädel eines
abgetrennt wurde. Gattungs- und Art- etwa 2,5 Millionen Jahre alten Vor-
name von Ardipithecus ramidus beru- menschen. Eine Paläontologengruppe
um Berhane Asfaw und Tim White be- hen auf Wörtern aus der Afar-Sprache:
„ardi“ bedeutet Erdboden und „ramid“ schrieb 1999 diesen Fund als neue Art
namens Australopithecus garhi, die von heißt Wurzel („Bodenaffe an der Wur-
zel des Menschen“). Diese Art soll zwi- Australopithecus afarenis abstammen
und ein möglicher Vorfahre der frühe- schen etwa 5,8 bis 4,4 Millionen Jah-
sten Vertreter der Gattung Homo sein ren existiert haben.
1994 fand man in Kanapoi (Kenia) nahe soll. Das Wort „garhi“ aus der Afar-
des Turkana-Sees den ersten Rest eines Sprache bedeutet „Erstaunen, Überra-
Vormenschen, der 1995 von Meave schung“. Australopithecus garhi heißt
Leakey als neue Art namens Australo- also „der überraschende südliche Affe“.
pithecus anamensis beschrieben wurde. Sein Gehirnvolumen betrug etwa 450
Der Artname anamensis beruht auf dem Kubikzentimeter, wenig mehr als ein
Wort „anam“ der Turkana-Sprache für Schimpansengehirn mit etwa 400 Ku-
„See“, demnach bedeutet Australopi- bikzentimeter.
1999 entdeckte Meave Leakey in Ke- thecus anamensis „südlicher Affe vom
nia die rund 3 Millionen Jahre alten See“. Kurz darauf kamen am gleichen
Reste eines Vormenschen, der Keny- Ort und am Nordrand des Turkana-Sees
anthropus platyops genannt wird. Die- in Allia Bay weitere Fossilien – darun-
sen Fund bezeichnet man wegen seines ter mehrere Unterkiefer und Oberkie-
flachen Gesichtsschädels auch als „Flat fer sowie einzelne Zähne – zum Vor-
Faced Man“. Seine Stellung als eigene schein. Die insgesamt 21 der Erst-
Gattung neben Australopithecus ist um- beschreibung zugrundliegenen Indivi-
stritten.
duen wurden auf ein Alter von etwa 4,2
2000 barg man im Rift Valley in Kenia bis 3,9 Millionen Jahre datiert. Australo-
Reste des sogenannten „Millennium- pithecus anamensis gilt als die älteste
Mannes“ der Art Orrorin tugenensis und Art der Australopithecinen. Sein Schä-
2001 einen Schädelknochen im Tschad, del gleicht dem der Schimpansen. Sei-
welcher der Art Sahelanthropus tcha- ne großen Backenzähne deuten auf den
densis (auch „Toumai“ genannt) zuge- Verzehr von relativ grober pflanzlicher
rechnet wird. Diese beiden Funde könn- Nahrung hin. Und nach dem Bau seiner
14 Rekorde der Urmenschen
Australopithecus afarensis, die vor etwa Menschen“ sein. Wenn sich dies be-
wahrheitet, gab es schon vor 6 bis 7 3,8 Millionen Jahren in Laetoli (Tansa-
Millionen Jahren aufrecht gehende Ho- nia) vorkam. Einige hunderttausend
miniden. Jahre jüngere Funde von dieser Spezies
2003 wurden in der Liang-Bua-Höhle wurden in Hadar (Äthiopien) entdeckt.
auf der indonesischen Insel Flores ein Der Name Australopithecus afarensis
fast vollständiges Skelett sowie Reste wurde 1978 von den amerikanischen
von sechs weiteren Menschen entdeckt, Anthropologen Donald C. Johanson und
die vermutlich in der Zeit vor etwa Tim D. White sowie von dem französi-
100000 bis 12000 Jahren lebten. 2004 schen Anthropologen Yves Coppens für
beschrieben Peter Brown und andere Funde aus dem Afar-Dreieck (Hadar) in
Forscher diese Funde als eine bisher un- Äthiopien geprägt, die von einer inter-
bekannte Art namens Homo floresiensis nationalen Expedition zwischen 1973
(„Der Mensch von Flores“). Neben die- und 1977 geborgen wurden.
sem wissenschaftlichen Namen findet
Der bekannteste Fund der Vormen- man in der Literatur auch den von den
schenart Australopithecus afarensis ist Entdeckern scherzhaft gebrauchten
die vor etwa 3 Millionen Jahren im Ge- Ausdruck „Hobbit“. Zum Fundgut ge-
biet des heutigen Äthiopien lebende hören Werkzeuge, verkohlte Knochen
Frau namens „Lucy“. Die Ausgräber eines Komodowarans und Schädel des
wählten diesen Namen, weil sie zur Zeit ausgestorbenen Zwergelefanten Steg-
der Entdeckung im Jahre 1974 häufig odon. Das fast vollständige Skelett
den Beatles-Song „Lucy in the Sky with stammte von einer etwa 30jährigen Frau
Diamonds“ abspielten. Äthiopische For- von nur 1 Meter Größe, einem geschätz-
scher tauften „Lucy“ später in „Den- ten Körpergewicht von etwa 16 bis 29
kenesh“ (zu deutsch: „die Wunderbare“) Kilogramm und einem Gehirnvolumen
um. Von „Lucy“ bzw. „Denkenesh“ sind vergleichbar dem von Schimpansen von
etwa 40 Prozent der Skelettreste erhal- etwa 380 Kubikzentimetern. Es ist um-
ten: nämlich Schädelteile, Unterkiefer, stritten, ob es sich bei Homo floresiensis
Teile des rechten Schulterblatts, voll- um eine eigenständige Menschenart
ständiger rechter Oberarmknochen, fast oder eine kleine Form des modernen
vollständige Ellenbogen, Speichen- Menschen mit Mikrozephalie handelt.
bruchstücke, einige Handknochen, sie- Homo floresiensis soll vor etwa 12000
ben Wirbel, Kreuzbein, linker Becken- Jahren nach einem Vulkanausbruch auf
gürtel, vollständiger linker Ober- Flores, der den gesamten Regenwald
schenkelknochen, rechtes Schienbein- verwüstete, ausgestorben sein.
und Wadenbeinbruchstück, rechtes
Als älteste sichere Funde von Vormen- Sprungbein, etliche Rippenfragmente.
schen galten zeitweise Fossilien der Art „Lucy“ hatte lange Arme und kurze
15 Rekorde der Urmenschen
Beine und konnte bereits zweibeinig (1913–1996) in der Olduvaischlucht gehen.
entdeckt und von ihrem Mann, dem kenianischen Paläontologen Louis Sey- Die ältesten Nachweise der Vormen- mour Bazett Leakey (1903–1987) als schenart Australopithecus africanus, die Zinjanthropus bosei bezeichnet. Der aus Australopithecus afarensis hervor- heute übliche Name Australopithecus ging, sind etwa 3,3 Millionen Jahre alt. boisei wurde später von Louis S. B. Der Ausdruck Australopithecus afri- Leakey zusammen mit Phillip Tobias canus wurde 1925 von dem südafrika- aus Johannesburg (Südafrika) und dem nischen Anatom Raymond Dart für den englischen Primatologen John R. Napier bereits erwähnten Kinderschädelfund (1917–1987) gewählt. Der Artname von Taung gewählt. Die Männer dieser boisei erinnert an den holländischen Art waren deutlich größer als die Frau- Arzt Charles Boise, der die Grabungen en. Australopithecus africanus behaup- finanziell unterstützte.
tete sich vielleicht bis vor etwa 2 Mil- Die ältesten Fußspuren des Vormen- lionen Jahren.
schen Australopithecus wurden 1976 Die kräftigsten Vormenschen gehörten bei Laetoli (Tansania) in einem Fluß- den Arten Australopithecus robustus bett entdeckt. Sie sind in feine vulkani- und Australopithecus boisei an, die vor sche Asche eingedrückt und vor etwa etwa 2 Millionen Jahren in Afrika hei- 3,5 Millionen Jahren entstanden. Die misch waren. Diese beiden Arten er- Fußabdrücke stammen von einem Er- nährten sich – nach ihrem Gebiß zu wachsenen (Länge: 21,5 Zentimeter, schließen – vor allem von harten Pflan- Breite: 10 Zentimeter) und von einem zen und Körnern. Sie hatten nämlich ein Kind (Länge: 18,5 Zentimeter, Breite: massiges Backenzahngebiß und kleine 8,8 Zentimeter). Die Schrittlängen be- Schneide- und Eckzähne, starke Kau- trugen beim Erwachsenen 47,2 Zenti- muskeln und einen Scheitelkamm auf meter und beim Kind 38,7 Zentimeter. dem Schädel. Die ersten Funde von Zu den ersten Frühmenschen gehören Australopithecus robustus wurden 1938 die Angehörigen der Art Homo habilis von dem südafrikanischen Anatom Ro- („geschickter Mensch“). Sie sind aus bert Broom beschrieben. Er nannte sie Vormenschen hervorgegangen und exi- Paranthropus robustus. 1954 führte der stierten vermutlich vor etwa 2,5 bis 1,4 englische Anthropologe Kenneth Page Millionen Jahren in Ostafrika. Homo Oakley die heute gültige Bezeichnung habilis ist einer der frühesten Vertreter Australopithecus robustus ein. Die er- der Gattung Homo (Mensch), zu der sten Überreste von Australopithecus auch wir gehören. Er wurde 1964 nach boisei wurden 1959 von der englisch- einem Fund aus der Olduvai-Schlucht stämmigen Archäologin Mary Leakey
16 Rekorde der Urmenschen
in Tansania von den Forschern Louis S. denreich (1873–1948), der diesen Na- B. Leakey (1903–1987), Phillip Tobias men 1940 prägte. Homo erectus war und John R. Napier (1917–1987) be- meist bis zu 1,60 Meter groß (es gab schrieben. Diese Art war bis zu 1,45 aber auch merklich größere Früh- Meter groß, hatte mit etwa 650 Kubik- menschen), hatte einen Schädel mit dik- zentimetern ein größeres Gehirnvolu- ken Überaugenwülsten vor einer flachen men als seine Vorgänger sowie ein Stirn sowie ein Gliedmaßenskelett, das fortschrittlicheres Gesichts- und Fuß- sich nur wenig von dem heutiger Men- skelett. Homo habilis konnte mit weni- schen unterschied. Diese Frühmenschen gen Schlägen aus Flußgeröllen primiti- existierten bis vor etwa 300000 Jahren. ve Schlag-, Schneide- und Schabewerk- Sie entwickelten im Laufe der Zeit den zeuge zurechthauen. Es wurden aber Faustkeil, zähmten das Feuer, bauten auch mehr oder minder eckige Fels- Hütten und jagten mit zugespitzten gesteinsstücke als Rohstoff für Werk- Holzlanzen sogar Elefanten.
zeuge verwendet.
Die ersten Skelettreste des Frühmen- Die erste in mehreren Erdteilen verbrei- schen Homo erectus wurden durch den tete Frühmenschenart war Homo erec- erwähnten holländischen Militärarzt tus (lateinisch: erectus = aufgerichtet, Eugène Dubois auf Java entdeckt. Er also aufgerichteter Mensch), ein unlo- fand 1890 bei Kedung Brubus ein gischer Begriff, weil – wie man heute Unterkieferfragment ohne Zähne, 1891 weiß – schon die Vormenschen aufrecht in den Schwemmsanden des Solo- gehen konnten. Homo erectus kam in Flußes bei Trinil Zähne und ein Schä- Afrika (Koobi-Fora am Turkanasee in deldach und 1892 bei Trinil einen lin- Kenia) schon vor mehr als 1,5 Millio- ken Oberschenkelknochen, der auf- nen Jahren vor, in Europa (Dmanisi in grund seiner Anatomie eine aufrechte Georgien) vor mehr als 1,5 Millionen Körperhaltung bezeugte. All die hier Jahren und in Asien (Modjokerto und beschriebenen Funde von Dubois sind Sangiran auf Java) vor 1 Million Jah- etwa 700000 Jahre alt.
ren. Der Begriff Homo erectus geht auf Der älteste Rest eines Frühmenschen in den holländischen Militärarzt Eugène Europa wurde 1991 in Dmanisi im Nor- Dubois (1858–1940) zurück, der auf den des Kaukasus in Georgien entdeckt. Java die ersten Überreste entdeckte und Dabei handelt es sich um den Unterkie- sie 1894 als Pithecanthropus erectus be- fer einer jungen Frau, die vor mehr als schrieb (griechisch: pithekos = Affe, 1,5 Millionen Jahren gelebt hat. Die anthropus = Mensch, also Affen- aufsehenerregende Entdeckung gelang mensch). Der Begriff Homo erectus bei Ausgrabungen der Akademie der stammt von dem deutsch-amerikani- Wissenschaften in Tiflis und des Rö- schen Paläanthropologen Franz Wei-
17 Rekorde der Urmenschen
misch-Germanischen Zentralmuseums diometrischen Datierungen etwa 1 Mil- in Mainz (RGZM). Der Unterkiefer mit lion Jahre alt sein. Im selben Jahr ka-
16 Zähnen wurde von der deutschen
men ähnlich alte Funde nahe dem Dorf Prähistorikerin Antje Justus geborgen, Bukuran und östlich von Kalijoso bei die zusammen mit ihrem Chef, Profes- Sangiran, etwa 50 Kilometer von Mod- sor Dr. Gerhard Bosinski vom RGZM, jokerto entfernt, zum Vorschein.
nach Dmanisi gereist war, um die Aus- Als ältester Mitteleuropäer gilt der Früh- grabungen einer steinzeitlichen Sied- mensch Homo erectus heidelbergensis lung zu beobachten. Das hohe geologi- oder Homo heidelbergensis vor etwa sche Alter des Unterkiefers wurde durch 630000 Jahren, von dem 1907 in Mau- eine Untersuchung an einer amerikani- er bei Heidelberg ein Unterkiefer mit- schen Universität ermittelt.
samt Zähnen gefunden wurde. Entdek- Die ältesten Fossilien von Frühmen- ker war der Sandgrubenarbeiter Daniel schen in Westeuropa wurden in der Hartmann (1854–1952) aus Mauer. Der Atapuerca-Grotte nahe der spanischen Unterkiefer wurde von dem Heidelber- Stadt Burgos entdeckt. Dort barg das ger Paläontologen Otto Schoetensack Team des Paläontologen Eudald Carbo- (1850–1912) untersucht. Der mächtige nell einen Unterkiefer und Zähne eines Unterkiefer stammt von einem Mann, Frühmenschen, der vor etwa 1,2 Mil- der im Alter von etwa 20 Jahren starb. lionen Jahren lebte. Der Fund wird zur Der Fund aus Mauer wird als Heidel- Art Homo antecessor gerechnet, die als berg-Mensch bezeichnet.
Vorfahr des Neandertalers und moder- Die letzten Frühmenschen der Art Ho- nen Menschen gilt. Homo antecessor mo erectus existierten vor etwa 300000 („Entdecker“) soll aus Afrika nach Eu- Jahren. Zu ihnen gehören in Deutsch- ropa eingewandert sein. Ein ca. 800000 land die Frühmenschen von Bilzings- Jahre altes Fossil dieser Art fand man leben in Thüringen und der Frühmensch 1994 in einer benachbarten Grotte.
von Reilingen in Baden-Württemberg. Die ältesten Reste von Frühmenschen Der erste Knochenrest (ein Hinterhaupt- der Art Homo erectus in Asien wurden stück) in Bilzingsleben wurde 1972 von 1936 auf Java entdeckt. Dort fand der dem Prähistoriker Dietrich Mania aus eingeborene Sammler Mantri Andojo in Halle/Saale entdeckt. Zwischen 1974 Nähe des Dorfes Perning bei Mod- und 1982 kamen in Bilzingsleben wei- jokerto den Hirnschädel eines Kindes, tere menschliche Schädelteile und zwei den der in Deutschland geborene hol- Zähne zum Vorschein. Diese Funde er- ländische Paläontologe Gustav Heinrich hielten den wissenschaftlichen Namen Ralph von Koenigswald (1902–1982) Homo erectus bilzingslebenensis, den untersuchte. Der Fund dürfte nach ra- 1978 der Prager Anthropologe Emanu-
18 Rekorde der Urmenschen
el Vlcek prägte. Die Entdeckungsge- mo sapiens praesapiens) oder von Stein- schichte des Reilinger Frühmenschen heim-Menschen (Homo sapiens stein- begann 1978, als ein Kiesgrubenarbeiter heimensis), weil einer der aussagekräf- den hinteren Teil eines Menschenschä- tigsten Funde aus dieser Zeit in Stein- dels barg. Der Fund wurde dem Staatli- heim an der Murr in Baden-Württem- chen Museum für Naturkunde in Stutt- berg zum Vorschein kam. Weitere Fun- gart übergeben und einige Jahre später de dieses Typs kennt man aus England dem Tübinger Paläanthopologen Alfred (Swanscombe) und Frankreich (Laza- Czarnetzki zur Bearbeitung überlassen. ret-Höhle bei Nizza, Fontéchevade in 1989 nannte Czarnetzki diesen Fund Südfrankreich und Montmaurin in den offiziell Homo erectus reilingensis, so französischen Pyrenäen). Die frühen hatte er ihn schon einige Jahre vorher Neandertaler besaßen ein etwa 1300 bis mündlich bezeichnet.
1500 Kubikzentimeter großes Gehirn, einen kräftigen Überaugenwulst, eine Die ältesten Fußabdrücke von Früh- flache Stirn und ein fliehendes Kinn. menschen der Art Homo erectus kennt Die Neandertaler werden als Altmen- man aus Vérteszöllös in Ungarn und bei schen oder Paläanthropinen bezeichnet. Nizza in Frankreich. In Vérteszöllös Der am besten erhaltene Schädel eines wurden neben vier Milchzähnen eines frühen Neandertalers aus der Zeit vor etwa siebenjährigen Kindes und dem etwa 300000 Jahren wurde 1933 in ei- Hinterhauptsbein eines jungen Mannes ner Kiesgrube von Steinheim an der auch einige Fußabdrücke in ehemals Murr in Baden-Württemberg entdeckt. weichem Kalkschlamm entdeckt. Die- Dieser Fund wurde durch den Stuttgar- se Fußabdrücke sind zwischen 400000 ter Paläontologen Fritz Berckhemer und 350000 Jahre alt. Fast 400000 Jah- (1890–1954) untersucht und 1934 als re alt soll auch der 24 Zentimeter lange Homo steinheimensis bezeichnet. Heu- Fußabdruck von einem Menschen auf te wird dieser bedeutende Fund entwe- dem Wohnplatz Terra Amata bei Nizza der Homo steinheimensis oder Homo sein.
sapiens anteneanderthalensis genannt. Die ersten frühen Neandertaler existier- Er gilt als einer der frühesten Angehö- ten bereits vor etwa 300000 Jahren in rigen der Art Homo sapiens.
Europa. Sie werden jedoch unterschied- Die ersten Neandertaler – auch „klassi- lich bezeichnet. Ein Teil der Wissen- sche Neandertaler“ genannt – sind zu schaftler nennt sie frühe Neandertaler oder Vorneandertaler (Anteneander- Beginn der Würm-Eiszeit vor etwa 115000 Jahren nachweisbar. Sie be- taler) oder Homo sapiens anteneander- haupteten sich bis vor etwa 35000 Jah- talensis. Andere Experten sprechen da- ren und verschwanden dann aus bisher gegen von einer Praesapiens-Stufe (Ho-
19 Rekorde der Urmenschen
ungeklärten Gründen. Die späten oder 70000 Jahren kamen beim Abbruch der klassischen Neandertaler wurden zu- Kleinen Feldhofer Grotte zum Vor- nächst Homo neanderthalensis genannt, schein. Als erster erkannte der von den inzwischen bezeichnet man sie als Steinbrucharbeitern herbeigerufene Homo sapiens neanderthalensis. Diesen Realschullehrer und Höhlenforscher Begriff führte 1931 der Wittenberger Carl Fuhlrott (1803–1877) aus Wupper- Ornithologe und Theologe Otto Klein- tal-Elberfeld die wahre Natur dieser schmidt (1870–1954) ein. Die späten Skelettreste und deren hohes geologi- Neandertaler hatten einen robusten Kör- sches Alter. Seine Schlußfolgerungen perbau mit sehr massiven Extremitäten- wurden jedoch anfangs nur von weni- knochen, die im Unterarm und Ober- gen zeitgenössischen Experten geteilt. schenkel oft stark gebogen waren. Sie Erst seit 1901 wurde der Neandertaler besaßen eine flache Stirn, ein durch- allgemein als Urmensch betrachtet. Von schnittlich 1500 Kubikzentimeter gro- dem Skelett sind das Schädeldach, bei- ßes Gehirn, kräftige Überaugenwülste, de Oberschenkel, der rechte und der lin- massive Vorderzähne und starke Mus- ke Oberarm, fünf Rippenfragmente und keln. Späte Neandertaler lebten in West, die linke Beckenhälfte erhalten. Sie Mittel- und Osteuropa. Sie wohnten in stammen von einem erwachsenen Men- Höhlen, unter Felsdächern und in zelt- schen, der zu Lebzeiten an allerlei artigen Behausungen, jagten mit Stoß- Krankheiten litt. Die Skelettreste dieses lanzen und Wurfspeeren unter anderem Neandertalers werden im Rheinischen Elefanten, Nashörner, Wildpferde, Hir- Landesmuseum in Bonn aufbewahrt. sche, Rentiere und Bären. Außerdem Die ersten Skelettreste von Neanderta- gelten sie als die ersten Urmenschen, die lern wurden 1829/1830 bei Ausgrabun- ihre Toten sorgfältig bestatteten und ver- gen in den Höhlen von Engis bei Lüt- mutlich bereits religiöse Vorstellungen tich (Belgien) durch den Arzt und Na- entwickelten.
turforscher Philippe-Charles Schmer- Der berühmteste Neandertaler-Fund – ling (1791–1826) aus Lüttich entdeckt. wenn nicht sogar der bekannteste Ur- Sie wurden aber erst mehr als 100 Jah- menschen-Fund überhaupt – glückte re später – nämlich 1936 – durch den 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte belgischen Anthropologen Charles Frai- im Neandertal bei Düsseldorf-Mett- pont (1883–1946) als Neandertalerreste mann in Nordrhein-Westfalen. Nach identifiziert. In Engis hat man von 1829/ diesem Tal, das damals noch mit „th“ 1830 bis 1876 Skelettreste von vier geschrieben wurde, sind die Neander- Neandertalern gefunden.
taler (Homo sapiens neanderthalensis) Die ersten anatomisch modernen Men- benannt. Die Skelettreste dieses späten schen existierten vor mehr als 100000 Neandertalers aus der Zeit vor etwa
20 Rekorde der Urmenschen
Jahren in Afrika. Sie werden Jetztmen- zierte, vom Gletschereis eingeschlosse-
schen, Neumenschen oder Neanthro- ne Leiche eines mindestens 20 Jahre
pinen genannt. Ihre wissenschaftliche alten Mannes aus der Zeit vor mehr als
Bezeichnung lautet Homo sapiens sa- 3000 v. Chr. Auf den Sensationsfund
piens. Dieser Name geht auf den schwe- war das Ehepaar Erika und Helmut Si-
dischen Naturforscher Carl von Linné mon aus Nürnberg in Nähe des
(1707–1778) zurück. Zu den ältesten Similaun-Gletschers in den Ötztaler
Funden dieser Unterart, der alle heuti- Alpen gestoßen. Exakte Vermessungen
gen Menschen angehören, zählen die- ergaben, daß der Fundort in Südtirol,
jenigen von Omo in Äthiopien (etwa also auf italienischem Gebiet, liegt. Der
100000 Jahre) und von Border Cave in sogenannte „Similaun-Mann“ oder
Südafrika (etwa 110000 bis 90000 Jah- „Ötzi“ ist fast 1,60 Meter groß. Seine
re). Die frühesten Funde in Asien (Pa- Vorderzähne waren durch starke Bean-
lästina) sind 92000 Jahre alt, in Europa spruchung beim Kauen von harter Nah-
(Combe Capelle in Frankreich) fast rung sehr abgenutzt. Es ist unklar, war-
35000 Jahre. In Amerika (Los Angeles um sich dieser Mensch bis in 3200 Me-
und San Diego in Kalifornien) etwa ter Höhe in die Alpen vorgewagt hat.
28000 Jahre und in Australien (Mungo- Diskutiert werden unter anderem die
see) etwa 32000 Jahre. Die europäi- Zugehörigkeit zu Alphirten, die Jagd auf
schen Jetztmenschen aus der Zeit ab im Gebirge lebende Tiere (Gemsen,
etwa 35000 Jahren werden nach einem Steinböcke), die Suche nach begehrten
französischen Fundort als Crô-Magnon- Erzen (Kupfer) oder die Erkundung un-
Menschen bezeichnet. Der Jetztmensch bekannten Terrains. Der Mann trug wet-
Homo sapiens sapiens erreichte eine terfeste Kleidungsstücke, die innen mit
Körpergröße bis zu 1,80 Meter, er hatte Heu gefüttert waren, Schnürschuhe
ein stark verkleinertes Gesichtsskelett, (Größe 38) aus Wildleder, „Socken“ aus
eine steile Stirn und ein markant vor- Birkenrinde und mit Gamshaar gefüt-
springendes Kinn. Diese Jetztmenschen terte Handschuhe. Er hatte Werkzeuge
schufen vor mehr als 30000 Jahren die und Waffen bei sich. Zu seiner Ausrü-
ersten Kunstwerke der Menschheitsge- stung gehörten auch ein hölzernes
schichte, trugen Schmuck und erfanden Tragegerüst, Feuersteine und Zunder in
neue Waffen (Speerschleuder, Harpune, einem Lederbeutel zum Feuermachen,
Pfeil und Bogen) sowie neue Werkzeu- eine Pfeilspitze mit Holzgriff, die als
ge (Nähnadel).
Messer diente, ein Bogen aus
Kirschholz und 14 etwa 75 Zentimeter
Der am besten erhaltene Fund eines lange Pfeile in einem Köcher sowie ein
Menschen aus der Steinzeit wurde am Beil mit Holzschaft und Metallklinge.
19. September 1991 in Tirol entdeckt.
Wegen der Form des Beiles, das auf den
Dabei handelt es sich um die mumifi- ersten Blick einem sogenannten Knie-
21 Rekorde der Urmenschen
holzbeil aus der frühen Bronzezeit äh- durch die sechs fingerlange Stricke ge-
nelt, hielt man den „Similaun-Mann“ zogen waren. Rätsel geben die zehn in
zunächst für einen Menschen, der vor drei Reihen übereinander angeordneten
etwa 2000 v. Chr. in der Bronzezeit ge- Striche auf dem Rücken auf. Sie wer-
lebt hat. Doch Untersuchungen von den als Tätowierung gedeutet, die viel-
Gräsern aus einem Geflecht, das zusam- leicht als Stammes- oder Standes-
men mit dem „Similaun-Mann“ gebor- zeichen diente. Das Knie wurde von ei-
gen wurde, ergaben an den Universitäts- nem Farbkreuz verziert. Der „Similaun-
instituten in Uppsala (Schweden) und Mann“ ist vermutlich zu Beginn der
in Paris über einstimmend ein Alter zwi- kalten Jahreszeit im Herbst von einem
schen 2616 und 2866 v. Chr. Dies ent- Schlechtwettereinbruch überrascht wor-
spricht noch der jüngeren Steinzeit den und hat daraufhin in einer windge-
(Neolithikum). Nach Altersdatierungen schützten Felsvertiefung Schutz ge-
von winzigen Gewebe- und Knochen- sucht. Dort könnte er vielleicht an Un-
teilen in Oxford und Zürich könnte der terkühlung gestorben sein. Die unge-
„Similaun-Mann“ sogar irgendwann wöhnlich gute Erhaltung des Körpers ist
zwischen 3100 und 3350 v. Chr. gelebt nach Ansicht von Gerichtsmedizinern
haben. Bisher lässt sich nicht genau sa- darauf zurückzuführen, daß der Leich-
gen, um welche jungsteinzeitliche Kul- nam durch Lagerung im lockeren
tur es sich handelt. Zum Proviant des Schnee bei windbedingter Trocken-
Gletschermannes zählten Dörrfleisch, haltung rasch mumifizierte. Bei der erst
Fladenbrot aus Gerste oder Hafer und viel späteren Gletscherüberlagerung
getrocknete Beeren. Als Schmuck hat- blieben Leiche und Ausrüstung völlig
te der Mann eine durchlochte Steinperle, unverändert.
23 Rekorde der Urmenschen
2. Größe, Krankheiten
und Verletzungen von Menschen
Rekonstruktion eines Neandertalers
aus der Zeit zwischen etwa 300000 und 35000 Jahren. Diese Urmenschen wurden maximal 1,60 Meter groß.
24 Rekorde der Urmenschen
Die größten Vormenschen der Gattung aus dem Eiszeitalter stammt aus Süd- Austrolopithecus wurden bis zu 1,40 italien. Es war ein 17 Jahre alter junger Meter groß. Dieses Maß erreichten je- Mann, der vor etwa 11000 Jahren lebte doch nur die Männer. Die Frauen wa- und eine Körpergröße von knapp über ren mit maximal 1,20 Meter deutlich
1 Meter hatte. Dieser Fund gilt als ei-
kleiner. Der Größenunterschied zwi- ner der ältesten Nachweise von Zwerg- schen den Geschlechtern wird als Se- wuchs.
xualdimorphismus bezeichnet.
Die größten Jäger, Fischer und Samm- Der größte Frühmensch der Art Homo ler aus der Mittelsteinzeit (vor etwa erectus wurde nahe des Turkanasees in 8000 bis 5000 v. Chr.) wurden selten Kenia (Afrika) entdeckt. Dabei handelt mehr als 1,70 Meter groß. Dieses Maß es sich um das Skelett eines etwa 12 erreichte beispielsweise ein ungefähr Jahre alten Jungen, der erstaunlicher-
30 bis 40 Jahre alter Mann, dessen
weise 1,68 Meter groß war. Vielleicht Skelettreste 1933 in der Falkenstein- hätte er als Erwachsener eine Körper- höhle bei Thiergarten unweit von Sig- höhe von 1,80 Meter erreicht. Bis zu maringen (Baden-Württemberg) ent- diesem Fund nahm man an, daß die deckt wurden.
Frühmenschen der Art Homo erectus Die größten frühen Ackerbauern und maximal 1,60 Meter groß wurden. Der Viehzüchter der jungsteinzeitlichen Junge hat vor mehr als 1,5 Millionen Linienbandkeramischen Kultur (vor Jahren gelebt und gilt als einer der am etwa 5500 bis 4900 v. Chr.) erreichten besten erhaltenen Funde von Homo eine Körpergröße bis fast 1,80 Meter. erectus.
Ein Mann aus Kleinhadersdorf in Nie- Die größten Neandertaler aus der Zeit derösterreich war beispielsweise 1,77 zwischen etwa 300000 und 35000 Jah- Meter groß.
ren erreichten eine Körperhöhe bis zu Die größten Angehörigen der jung- 1,60 Meter. Sie hatten eine untersetzte steinzeitlichen Hinkelstein-Gruppe (vor und kräftige Statur.
etwa 4900 bis 4800 v. Chr.) waren bis Der größte Jetztmensch aus dem Eis- zu 1,75 Meter groß. Ein solches Maß zeitalter wurde in Pavlov in Tschechien hatte ein Mann aus Offenau bei Heil- entdeckt. Es war ein etwa 1,85 Meter bronn in Baden-Württemberg.
großer Mann, der vor mehr als 20 000 Die kleinste Frau der Hinkelstein-Grup- Jahren lebte. Er wird in die Kulturstufe pe wurde in Ditzingen bei Leonberg in des Pavlovien datiert.
Baden-Württemberg gefunden. Sie war Der kleinste Fund eines Jetztmenschen nur 1,40 Meter groß.
25 Rekorde der Urmenschen
Die größten Männer der Trichterbecher- Zu den größten Männern der Germanen Kultur (vor etwa 4300 bis 3000 v. Chr.) gehörte ein Krieger, dessen fast 1,80 wurden bis zu 1,73 Meter groß. Das Meter langes Skelett bei Esbeck/Elm in zeigten die Untersuchungen der Skelett- Niedersachsen entdeckt wurde. Er hat- reste in einem Steinkammergrab von te im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr. ge- Sorsum bei Hildesheim in Niedersach- lebt.
sen. Die Frauen brachten es dagegen nur Der älteste Fall von Akromegalie wur- auf maximal 1,65 Meter. Die Trichter- de am Oberkiefer einer vor mehr als 2,5 becher-Leute gelten als die Erbauer von Millionen Jahren lebenden Frau der riesigen Großsteingräbern (Megalith- Vormenschenart Australopithecus gräber).
africanus aus Sterkfontein in Südafrika Die größten Männer der Glockenbe- festgestellt. Als Akromegalie bezeich- cher-Kultur (vor etwa 2500 bis 2200 v. net man das übermäßige Wachstum der Chr.) wurden fast 1,80 Meter groß. Ein Knochenspitzen im Sinne tumoröser Mann aus Münchingen bei Ludwigs- Wachstumstendenzen besonders im burg in Baden-Württemberg erreichte Ober- und Unterkiefer. Die Frau von beispielsweise eine Körperhöhe von Sterkfontein wird in der Fachliteratur als 1,77 Meter, ein Mann aus Stuttgart- „Miss Ples“ bezeichnet.
Zuffenhausen maß 1,76 Meter.
Der früheste gutartige Tumor ließ sich Einer der größten Menschen aus der am Unterkiefer eines Australopithecus- Bronzezeit wurde in einem Grabhügel Vormenschen oder Homo erectus-Früh- von Kampen auf der Nordseeinsel Sylt menschen aus Kanam in Kenia nach- entdeckt. Er hatte das Gardemaß von weisen, der vor etwa 1, 5 Millionen Jah- 1,82 Meter und lebte irgendwann nach ren lebte.
1400 v. Chr. im sogenannten Nordi- Der älteste Fall einer Hypervitaminose, schen Kreis der Bronzezeit.
hervorgerufen durch übermäßigen Ver- Der größte keltische Mann wurde in ei- zehr von rohem Fleisch, ist aus der Zeit nem Gräberfeld zwischen Wolfersheim vor etwa 1,5 Millionen Jahren bekannt. und Rubenheim im Saarland entdeckt. An den Langknochen eines Früh- Dieser Mensch aus dem 7. Jahrhundert menschen der Art Homo erectus von v. Chr. war sage und schreibe 1,95 Me- Koobi Fora in Kenia fielen Veränderun- ter groß. Er lebte im älteren Abschnitt gen auf, die auf Hypervitaminose zu- der Vorrömischen Eisenzeit, die als rückzuführen sind.
Hallstatt-Zeit (vor etwa 800 bis 450 v. Die früheste Hüftgelenksausrenkung Chr.) bezeichnet wird.
(Luxatio coxae) ist von einem Vor-
26 Rekorde der Urmenschen
menschen der Art Homo erectus aus menschen der Art Australopithecus ro- bustus aus Swartkrans in Südafrika be- Salé in Marokko ablesen. Sein unregel- kannt. Dieser Vormensch hat vor etwa mäßig geformtes Hinterhaupt spiegelt
1 Million Jahren gelebt. Wachstumsstörungen wider. Die Anga- ben über das geologische Alter dieses Der älteste Fall einer Muskelentzün- Fundes schwanken zwischen 400000 dung wurde an dem 1892 bei Trinil auf und 200000 Jahren.
Java (Indonesien) entdeckten Ober- Die älteste Fettgewebsgeschwulst (Li- schenkelknochen eines Frühmenschen pom) wurde auf den Schädelknochen der Art Homo erectus erkannt. Dieser eines Frühmenschen (Homo erectus bil- Mensch litt vor etwa 700000 Jahren an zingslebenensis) aus Bilzingsleben in einer akuten Muskelentzündung, die Thüringen erkannt. Sie saß am rechten unterhalb des Gelenkkopfes oberfläch- liche Knochenwucherungen (Verknö- Augenhöhlendach. Der daran erkrank- te Frühmensch hat vor etwa 300000 Jah- cherung der Muskeln) bewirkte.
ren gelebt.
Die früheste Schädeldachverdickung Die älteste nachgewiesene Knochen- hat man an einem Frühmenschen der Art markeiterung wurde bei einem mutmaß- Homo erectus aus Java erkannt, der vor lichen frühen Neandertaler aus Eh- etwa 700000 Jahren lebte. Sie entstand durch eine Bluterkrankung ähnlich der ringsdorf bei Weimar in Thüringen fest- Sichelzellenanämie. gestellt, der vor etwa 220000 Jahren leb- te. Zugleich litt er an einer eitrigen Die älteste nachweisbare Zahnbett- Zahnbetterkrankung.
erkrankung (Paradontitis) und schmerz- Die ältesten Hyperostosen im Schädel hafte Arthritis der Kiefergelenke wur- (Anlagerungen neuer Knochensubstan- de bei dem Frühmenschen Homo erec- tus heidelbergensis aus Mauer bei Hei- zen) wurden an der Innenfläche des delberg in Baden-Württemberg festge- Schädeldaches des berühmten Neander- stellt, der vor etwa 630000 Jahren leb- talers aus dem Neandertal bei Düssel- dorf-Mettmann in Nordrhein-Westfalen te. Die Arthritis dürfte durch eine In- fektion oder durch übermäßiges Ab- festgestellt. Dieser Mensch ist vor etwa 70000 Jahren gestorben. Solche kauen der Mahl- oder Schneidezähne entstanden sein. Auf sie wurde man Hyperostosen kommen häufig bei alten Leuten vor und beruhen auf pathologi- durch die Abflachung der Gelenkfort- sätze aufmerksam. schen Prozessen wie Zuckerkrankheit oder Nierenerkrankungen.
Der früheste Fall von Wachstumsstörun- gen läßt sich an einem späten Früh- Der früheste Fall von Karies in der
27 Rekorde der Urmenschen
Schweiz ist an einem mehr als 50000 Schulter-, rechten Ellenbogen- und Jahre alten Neandertaler-Gebiß von Co- Kniegelenkes der erwähnten mittel-
tencher (Kanton Neuenburg) erkannt steinzeitlichen Frau aus Bad Dürren- worden. Von den insgesamt zehn erhal- berg. Dabei handelt es sich offenbar um tenen, teilweise stark abgekauten Zäh- Verschleißerscheinungen.
nen im Oberkiefer waren zwei von Ka- Der früheste Fall von Fehlbiß in der ries befallen.
Schweiz liegt aus der Mittelsteinzeit um
kanals von Zähnen wurden bei einer eine Frau aus der Basisgrotte von Frau aus der Mittelsteinzeit (vor etwa Birsmatten (Kanton Bern), deren Zäh- 8000 bis 5000 v. Chr.) festgestellt, die ne auf der linken Seite merklich stärker in Unseburg in Sachsen-Anhalt gefun- abgekaut sind als die auf der rechten. den worden ist. Außerdem hatte sie Sie hat also vorwiegend links Nahrung Zahnstein. gekaut.
Einer der frühesten Wasserköpfe wur- Die meisten Krebserkrankungen in der de in der Höhle Hohlenstein-Stadel bei Jungsteinzeit wurden in einem Gräber- Asselfingen in Baden-Württemberg ent- feld der Linienbandkeramischen Kultur deckt. Es handelt sich um den Schädel (vor etwa 5500 bis 4900 v. Chr.) vom eines zwei- bis vierjährigen Kindes, der Viesenhäuser Hof bei Stuttgart-Mühl- dort zusammen mit den Schädeln einer hausen in Baden-Württemberg beob- Frau und eines Mannes zum Vorschein achtet. Dort litt offenbar jeder Fünfte der kam. Die drei Menschen haben früher hier rund 80 Bestatteten an einem bös- als 5800 v. Chr. in der Mittelsteinzeit artigen Tumor. Vielleicht hatte man an gelebt. dieser Stelle einen „Seuchenfriedhof“, angelegt, in dem fast ausschließlich die Die am stärksten abgekauten Zähne trug Opfer von schweren Krankheiten beer- eine Frau aus Bad Dürrenberg aus Sach- digt wurden.
sen-Anhalt, die in der Mittelsteinzeit Die meisten Fälle von Vitaminmangel- lebte. Sie waren bereits bis zur Zahn- Erkrankungen aus der Jungsteinzeit er- markhöhle abgeschliffen. Nur die Bak- kannte man an Skelettresten von Ange- kenzähne hatten noch Kontakt beim hörigen der Hinkelstein-Gruppe (vor Zubeißen.
28 Rekorde der Urmenschen
Die ältesten Falle von eitrigen Wurzel- derbösa in Thüringen, das der Walter- hautentzündungen wurden an den Ober- nienburg-Bernburger Kultur (vor etwa und Unterkiefern von Angehörigen der 3200 bis 2800 v. Chr.) zugerechnet wird. Trichterbecher-Kultur (vor etwa 4300 Als Ursache gelten Vitaminmangel- bis 3000 v. Chr.) in Alt Reddewitz auf erkrankungen.
der Ostseeinsel Rügen festgestellt. Auch Der älteste Fall eines nicht mehr beweg- die frühesten Nachweise der „Hocker- lichen rechten Hüftgelenkes ist aus ei- facette“ oder die Abknickung des nem Grab der Schnurkeramischen Kul- Schienbeinkopfes nach hinten wurden tur (vor etwa 2800 bis 2400 v. Chr.) von am erwähnten Fundort Alt Reddewitz Erfurt in Thüringen bekannt. Der erkannt. Diese Erscheinungen sind Gelenkkopf des Oberschenkels und die durch häufiges Hocken auf den Fersen Gelenkpfanne des Hüftbeins waren von entstanden.
der Altersgicht (Arthritis deformans) Der älteste Todesfall einer schwange- betroffen.
ren Frau aus der Jungsteinzeit ist aus Zu den frühesten Turmschädeln zählt Zauschwitz in Sachsen bekannt. Dort ein Fund aus Neugattersleben in Sach- war eine Jugendliche mit einem Unge- borenen im Becken gestorben. Sie ge- sen-Anhalt, welcher der Glocken- hörte der Baalberger Kultur (vor etwa becher-Kultur (vor etwa 2500 bis 2200 4300 bis 3700 v. Chr.) an. v. Chr.) zugerechnet wird. Die Ursache für diese Fehlentwicklung waren frühe Die ältesten chronischen Schleimhaut- Entwicklungsstörungen.
entzündungen wurden zur Zeit der
kungen (Paradontose) wurden im früh- v. Chr.) in Österreich nachgewiesen. bronzezeitlichen Gräberfeld von Groß- Daran litten ein junger Mann aus Wag- ram an der Traisen und ein Mann aus brembach in Thüringen festgestellt, das Lichtenwörth in Niederösterreich. der Aunjetitzer Kultur (vor etwa 2000 v. Chr.) angehört. Dort waren 81,6 Pro- Zu den ältesten Fallen von Blutarmut zent der 108 Bestatteten an Paradontose (Anämien) und Wachstumsstillständen erkrankt. An dieser Krankheit litten in der Knochen gehören diejenigen aus Großbrembach auch schon einige Ju- Gräbern der Wartberg-Gruppe (vor etwa gendliche und Kinder.
3500 bis 2800 v. Chr.) in Altendorf und Der früheste Wurmbefall wurde in Ex- Calden in Hessen.
krementenfunden aus der La-Tène-Zeit Die früheste Verbiegung des Brustbeins (vor etwa 450 v. Chr. bis Christi Geburt) kennt man an einem Skelett aus Nie- vom Dürrnberg bei Hallein im österrei-
29 Rekorde der Urmenschen
chischen Bundesland Salzburg nachge- berg existierte. Diese Frau wird zu den wiesen.
frühen Neandertalern oder Steinheim- Menschen gerechnet. Der Steinheimer Die ältesten Bißverletzungen wurden im Fund gilt als Zeugnis für eine aus ritu- Schädel eines vor mehr als 1 Million ellen Motiven erfolgte Tötung. Danach Jahren lebenden Vormenschen der Gat- soll der Kopf der Frau vom Hals abge- tung Australopithecus entdeckt, der in trennt, geöffnet und möglicherweise ihr einer Kalksandsteinhöhle bei Swart- Gehirn verspeist worden sein.
krans in Südafrika zum Vorschein kam. Der älteste Armbruch ließ sich an den Die Löcher im Schädel stammen von Skelettresten des berühmten Neander- einem Leoparden, der seine Eckzähne talers aus dem Neandertal bei Düssel- in den Kopf eines Australopithecus ge- dorf-Mettmann nachweisen. Diesem schlagen hatte.
Menschen war vor etwa 70000 Jahren Der früheste Unterkieferbruch ist von bei einem Kampf oder Oberfall der lin- einem zwölfjährigen Kind von Sangiran ke Unterarm gebrochen worden. Der auf Java aus der Zeit vor etwa 700000 Bruch ist zwar verheilt, aber so, daß der Jahren bekannt. Die Fraktur könnte Arm verkürzt wurde und unnatürlich durch einen Unfall entstanden sein und zum Körper gewinkelt war. Dieser Ne- dürfte sehr schmerzhaft gewesen sein. andertaler hatte außerdem Verletzungs- Sie verwuchs unregelmäßig, verheilte spuren am Schädel, die von Gewaltein- aber gut. Vermutlich ist der Unterkiefer wirkungen stammen.
zeitweise ruhiggestellt und das Kind mit Besonders viele Hiebverletzungen an besonderer Nahrung versorgt worden. Schädeln erkannte man unter den Kopf-
von Menschen durch Waffen wurden an her als 5500 v. Chr. in der Großen Schädeln von Frühmenschen aus der Ofnethöhle bei Nördlingen (Bayern). Zeit vor etwa 350000 Jahren in der Höh- Von den insgesamt 33 Schädeln von le von Choukoutien bei Peking in Chi- Männern, Frauen und Kindern weisen na entdeckt. Von dort kennt man Skelett- fünf Verletzungen durch eine Hiebwaf- reste von etwa 40 Frühmenschen der fe auf. An weiteren zehn Schädeln wur- Unterart Homo erectus pekinensis.
den Spuren beobachtet, die sich mehr oder minder als Hiebverletzungen deu- Die älteste Hiebverletzung aus Deutsch- ten lassen. Schnittspuren an den Hals- land hat man an der linken Schläfen- wirbeln belegen, daß die Schädel mit seite einer Frau entdeckt, die vor etwa Gewalt vom Hals getrennt wurden.
300000 Jahren in der Gegend von Stein- Die ältesten Armbrüche aus der Jung- heim an der Murr in Baden-Württem-
30 Rekorde der Urmenschen
steinzeit (vor etwa 5500 bis 2000 v. terbecher-Kultur festgestellt, der auf der Chr.) kennt man aus der Linienband- Insel Liepse im Krakower See bei keramischen Kultur (etwa 5500 bis Güstrow in Mecklenburg bestattet wor- 4900 v. Chr.). Bei einem Mann vom den war. Er hatte sich zu Lebzeiten alle Viesenhäuser Hof bei Stuttgart-Mühl- Rippen und ein Bein gebrochen und litt hausen ist der gebrochene Unterarm gut wahrscheinlich zeitweise unter stechen- verheilt, bei einem anderen Mann aus den Schmerzen. Die gebrochenen Kno- Westeregeln unweit von Magdeburg chen sind wieder geheilt, und der Mann dagegen wuchs der gebrochene Unter- hat diese schweren Verletzungen über- arm wieder schief zusammen.
lebt.
Der älteste Erstickungstod eines Kindes Die frühesten Finger- und Zehenbrüche ist aus der Zeit der erwähnten Linien- sind aus Steinkammergräbern der Wart- bandkeramischen Kultur bekannt. Es berg-Gruppe (etwa 3500 bis 2800 v. handelt sich um ein Kind aus dem Orts- Chr.) von Altendorf und Calden in Hes- teil Zauschwitz von Weideroda in Sach- sen bekannt. Sie sind verheilt.
sen, das unter einer zusammengebro- Die ältesten Schußverletzungen kennt chenen Hüttenwand verschüttet wurde. man bei Angehörigen der Chamer Grup- Die meisten Hiebspuren von Steinbeilen pe und der Walternienburg-Bernburger aus der Jungsteinzeit stellte man an den Kultur. Diese beiden Kulturen der Jung- Skeletten im Massengrab von Talheim steinzeit dauerten etwa von 3500 bis bei Heilbronn (Baden-Württemberg) 2700 v. Chr. Die Schußverletzung aus fest. Dort wurden die Skelettreste von der Chamer Gruppe wurde auf dem mindestens 34 Männern, Frauen, Ju- Scheitelbein eines erwachsenen Mannes gendlichen und Kindern aus der Linien- aus Moosham bei Regensburg in Bay- bandkeramischen Kultur ohne erkenn- ern festgestellt. Dabei handelt es sich bare Ordnung vorgefunden. Sie waren um ein spitzovales Loch von 1,2 x 0,8 offensichtlich die Opfer eines Überfalls. Zentimeter Größe. Die Schußverletzung aus der Walternienburg-Bernburger Der älteste Unterkieferbruch in Kultur ließ sich am Oberarm eines Man- Deutschland wurde an einer Bestattung nes aus Niederbösa in Thüringen nach- der Trichterbecher-Kultur (vor etwa weisen. Im Knochen steckte noch die 4300 bis 3000 v. Chr.) von Henglarn bei Pfeilspitze aus Feuerstein, trotzdem ist Paderborn in Nordrhein-Westfalen be- die Wunde verheilt.
obachtet. Er ist gut verheilt.
Der älteste Wadenbeinbruch wurde bei Der älteste Rippenbruch wurde bei ei- einem Mann der Glockenbecher-Kultur nem Angehörigen der erwähnten Trich- (vor etwa 2500 bis 2200 v. Chr.) im
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Ortsteil Kötzschen von Merseburg gebrochen war und dank medizinischer (Sachsen-Anhalt) beobachtet. Außer Fürsorge gut verheilt ist.
dem Wadenbein waren auch die linke Die ältesten Schulen für Schädelchi- Speiche, die Elle und eine Rippe gebro- rurgen gab es im Lozère-Tal in Süd- chen und verheilt.
frankreich. Dort ist nach Ansicht des Die früheste Operation in der Geschich- Berliner Anthropologen Herbert Ullrich te der Menschheit wurde vielleicht die Kunst der Schädeloperation schon zur Zeit der späten Neandertaler (Trepanation) entwickelt und weiterent- vor mehr als 50000 Jahren vorgenom- wickelt worden. Dies könnte bereits um men. Es handelt sich möglicherweise 4500 v. Chr. geschehen sein.
um die Amputation eines Armes an ei- Als die ältesten Medizinfläschchen gel- nem Neandertaler, dessen Skelettreste ten die aus Ton modellierten Kragen- in Shanidar (Irak) gefunden wurden. flaschen der Trichterbecher-Kultur (vor Der Arm war entweder krank oder ver- etwa 4300 bis 3000 v. Chr.) in Nord- letzt gewesen. Einige Anthropologen deutschland. Ein solches kleines kuge- bezweifeln allerdings, daß eine Ampu- liges Gefäß mit engem Hals aus Gellen- tation vorliegt.
erdeich bei Oldenburg (Niedersachsen) Als eine der ersten mißlungenen Schä- hatte Schwefel enthalten, der im Alter- deloperationen gilt der Eingriff am tum als Medizin gegen mancherlei Schädel eines Bauern der Linienband- Krankheiten diente.
keramischen Kultur (vor etwa 5500 bis Die meisten gelungenen Schädelope- 4900 v. Chr.) aus dem Gräberfeld von rationen (Trepanation) der Jungsteinzeit Höhnheim-Suffelsweyersheim im Elsaß (vor etwa 5500 bis 2000 v. Chr.) in Mit- (Frankreich). Die Feuersteinklinge, mit teleuropa erfolgten zur Zeit der Trichter- der die Operation vorgenommen wur- becher-Kultur (vor etwa 4300 bis 3000 de, steckte noch im Schädel. Derartige v. Chr.), der Walternienburg-Bernburger Schädeloperationen, bei denen man das Kultur (vor etwa 3200 bis 2800 v. Chr.) Schädeldach mit Feuersteinwerkzeugen und der Schnurkeramischen Kultur (vor öffnete, bezeichnet man als Trepanation. etwa 2800 bis 2400 v. Chr.). Die von Die früheste Einrichtung und Ruhigstel- Medizinmännern der Walternienburg- lung eines gebrochenen Armes kennt Bernburger Kultur vorgenommenen man aus der Zeit der erwähnten Linien- Schädeloperationen sind – nach den bandkeramischen Kultur. Sie erfolgte Funden mit verheilten Wundrändern zu bei einem Mann aus dem Gräberfeld schließen – etwa zu 90 Prozent gelun- vom Viesenhäuser Hof bei Stuttgart- gen. Zu solchen Eingriffen entschloß Mühlhausen, dessen linker Unterarm man sich bei schweren Krankheiten
32 Rekorde der Urmenschen
oder bei Schädelverletzungen. Damit ist nach 1500 v. Chr. zur Zeit der 18. der Patient die Schmerzen besser ertra- Dynastie erfolgt.
gen konnte, dürfte man ihm ein berau- Die früheste Schädeloperation der In- schendes Getränk gegeben haben.
kas am Titikakasee wurde um 1000 v.
der Zeit der Cortaillod-Kultur (vor etwa Die ältesten künstlichen Zähne kennt man von den Etruskern in Italien aus der 4000 bis 3500 v. Chr.). Sie wurde an einer Frau aus dem Gräberfeld Barmaz Zeit vom 8. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Funde aus Gräbern beweisen, daß die
II im Kanton Wallis kurz vor oder nach
dem Tode in Nähe der Augenhöhle vor- Etrusker künstliche Zähne mit feinen genommen. Die Knochenränder der Goldbändern an den benachbarten sta- Öffnung zeigen keine Heilungsspuren. bilen Zähnen befestigten. So verfuhr man auch mit losen menschlichen Zäh- Die älteste gelungene Behandlung ei- nen. Künstliche Zähne wurden unter nes Kieferbruches wurde bei einer Frau anderem aus Kalbszähnen sorgfältig der Schnurkeramischen Kultur (vor zurechtgefeilt. Mit diesen Ersatzzähnen etwa 2800 bis 2400 v. Chr.) aus Brauns- konnte man zwar nicht gut beißen, aber berg in Brandenburg beobachtet. Ihr sie sahen immerhin besser aus als eine Unterkiefer war auf beiden Seiten ge- Lücke.
brochen und ist wieder problemlos zu- Der älteste Fund eines Verbandes sammengewachsen. Dies ist ohne sorg- stammt aus der älteren Vorrömischen fältige medizinische Behandlung nicht Eisenzeit nach 800 v. Chr., die in Mit- denkbar.
teleuropa als Hallstatt-Zeit bezeichnet Die meisten mißglückten Schädelope- wird. Mit diesem Verband war der nach rationen der Urgeschichte gab es zur einer Verletzung vereiterte Arm eines Zeit der bronzezeitlichen Aunjetitzer Menschen umhüllt gewesen, dessen Kultur (vor etwa 2000 v. Chr.). Damals Skelettreste in der Schachthöhle bei sind – im Gegensatz zur Jungsteinzeit Rückersdorf unweit von Nürnberg – nur noch etwa 72 Prozent der Schädel- (Bayern) geborgen wurden. Von dem operationen gelungen. Die Ursache für Verband wurden Reste von Leinfasern diese geringere Heilungsquote ist unbe- nachgewiesen. Außerdem beobachtete kannt.
man Spuren von Weizenmehl, das man auf den Arm gestreut hatte, der später Die erste Schädeloperation in Ägypten amputiert wurde.
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Ernst Probst, 1992, Rekorde der Urmenschen, Munich, Editeur GRIN GmbH (SARL)
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Anthropologie und Archäologie an ausgewählten Beispielen
Leichenbranduntersuchungen
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