Referat im Seminar Diagnostik II: Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm
Inhalt
1. Einführung 3
2. Die Mehrgenerationenperspektive. 3
2.1. Bedeutung. 3
2.2. Historische Entwicklung 5
2.3. Empirische Befunde zu generationsübergreifenden Kontinuitäten. 6
2.4. Dimensionen der Mehrgenerationen-Perspektive 8
2.5. Klinische Manifestationen mehrgenerationaler Prozesse. 12
2.6. Verschiedene Generationen in der Familiendiagnostik. 17
3. Das Genogramm als Technik der Mehrgenerationenperspektive. 23
3.1. Erstellung. 23
3.2. Genogramm-Interview 26
3.3. Interpretation 30
4. Fazit 34
Literaturverzeichnis 35
Julia Fischer Seite 2 13 06 2006
1. Einführung
In der systemischen Diagnostik und Familienberatung hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Ansatz entwickelt, der versucht, alle relevanten Generationen in die Beratung bzw. Therapie mit einzubeziehen, die sogenannte Mehrgenerationenperspektive. Ein zentrales Instrument dieses Ansatzes ist das Genogramm, welches heutzutage in vielen Beratungs- und Therapiesitzungen verwendet wird.
In der vorliegenden Ausarbeitung möchte ich die Grundlagen und verschiedenen Aspekte dieser beiden Themen erörtern.
2. Die Mehrgenerationenperspektive
In diesem Abschnitt möchte ich zunächst auf die Bedeutung der Mehrgenerationenperspektive im allgemeinen eingehen. Anschließend werde ich die historische Entwicklung und einige empirische Befunde zu generationsübergreifenden Kontinuitäten erläutern. Weiterhin möchte ich die verschiedenen Dimensionen dieser Perspektive beleuchten und die klinischen Manifestationen aufzeigen. Abschließend sollen die verschiedenen Generationen in der Familiendiagnostik beschrieben werden.
2.1. Bedeutung
Die Mehrgenerationenperspektive stellt eine Form der konfliktverarbeitenden Familientherapie dar. Sie ist systemisch orientiert und versucht nicht nur die horizontale Interaktionsstruktur der Familie zu verändern, sondern bearbeitet auch in vertikaler Richtung die familiären Beziehungsstrukturen im Hier und Jetzt. Man geht davon aus, dass verschiedene Entwicklungsepochen der Vergangenheit in der Gegenwart noch wirksam sind.
Julia Fischer Seite 3 13.06.2006
In der Begründung der Mehrgenerationenperspektive gehen die Autoren Massing, Reich und Sperling von 2 Basisannahmen aus: 1. Störungen und Konflikte der jeweiligen Kindergeneration ergeben sich regelmäßig aus unbewussten Konflikten zwischen Eltern und Großeltern (bzw. den Partnern und ihren Eltern), was durch vielfache intrafamiliäre Übertragungsprozesse geschieht. 2. In Familien spielen sich im wesentlichen über die verschiedenen Generationen immer wieder dieselben Konflikte ab; es besteht also ein intrafamiliärer Wiederholungszwang. (Man kann somit auch sagen, dass es nach dieser Perspektive keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Heute und dem Früher in Familien gibt.) In der Mehrgenerationen-Familientherapie wird versucht, den intrafamiliären Wiederholungszwang aufzuheben. Dies geschieht, indem die Betroffenen dazu gebracht werden, den Konflikt dort wahrzunehmen, wo er tatsächlich liegt, und nicht da, wohin er aufgrund von Projektionen verschoben wurde. Die Probleme der Familieninteraktionen sollen somit an ihrem historischen Entstehungsort bearbeitet und aufgehoben werden. Das Ziel dabei ist der Versuch, eine Versöhnung der Familienmitglieder in ihrem Grundkonflikt zu erreichen, was nur durch folgende Voraussetzungen realisiert werden kann: - Aufdecken des familiären Grundkonflikts - emotionale Anerkennung dieses Konflikts von allen Beteiligten - gemeinsame Trauer über die persönlichen Verhältnisse und Außenumstände von früher und darüber, dass keine andere Lösung möglich war
- gemeinsames Suchen nach einem neuen Weg für alle Beteiligten Weiterhin sollen bei dieser Form der Familientherapie die Erlebnisdimensionen im therapeutischen Sinne intensiviert werden, was durch das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten der angesprochenen Konflikte
Julia Fischer Seite 4 13.06.2006
und ihren Umständen in direkter Konfrontation mit den beteiligten Personen realisiert werden kann.
In der Mehrgenerationenperspektive werden sowohl strukturverändernde als auch konfliktverarbeitende Prozesse wirksam, die sich in der Therapie wechselseitig bedingen und fördern. Es wird also nicht - wie bei anderen Ansätzen - davon ausgegangen, das man entweder im Hier und Jetzt oder in der Vergangenheit arbeiten kann. Die zentrale Annahme lautet stattdessen, dass das Frühere im Heute weiterhin wirksam ist und zwar unabhängig davon, ob das Bewusstsein es wahrhaben will oder nicht. (vgl. Massing et al. 1994, S. 21-26)
2.2. Historische Entwicklung
Seit den 50er Jahren hat sich die Mehrgenerationenperspektive aus der Verbindung der Psychoanalyse mit systemtheoretischen Sichtweisen entwickelt, vor allem bei der Behandlung schwerer seelischer Störungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie aus der Behandlung schwerer Partnerschaftskonflikte. Die psychoanalytisch-orientierten Forscher legten ihr Hauptaugenmerk eher auf die frühe Mutter-Kind-Interaktion und deren Wiederholungen im Erwachsenenalter, woraus später das sogenannte Kollusionskonzept entwickelt wurde.
Darüber hinaus konnten einige familientherapeutisch orientierte Forscher zusammen mit anderen zeigen, dass aus problematischen Beziehungen resultierende schwere Störungen die gesamte Entwicklung eines Menschen beeinflussen können und sich auch bis in das hohe Erwachsenenalter hinein erstrecken.
In den 50er Jahren beschrieben die Autoren Mendell und Fisher in den Grundkonflikten und Verhaltensweisen einer Familie mit depressiven Zügen gewissen Ähnlichkeiten über drei Generationen hinweg. Später entwickelte sich aus dieser und weiteren Annahmen die Theorie des mehrgenerationalen Prozesses und somit auch das mittlerweile von Familientherapeuten aller Richtungen als Standardinstrument der Diagnostik verwendete Genogramm.
Julia Fischer Seite 5 13.06.2006
Die Mehrgenerationenperspektive wurde insbesondere von Framo in bezug auf Konflikte und Krisen in Paarbeziehungen weiterentwickelt. Andere Autoren beschäftigten sich vor allem mit den ethisch-existenziellen Dimensionen von Beziehungen, wie beispielsweise der generationsübergreifenden Dynamik von Loyalität, Verdienst und Vermächtnis. Konzepte der Rollenzuweisung von Eltern auf Kinder und der Delegation weisen im deutschen Sprachraum auf unerledigte Konflikte zwischen den Eltern und den Großeltern hin. Dabei kommen bestimmte Persönlichkeitsanteile von Großeltern und Aspekte der Eltern-Großeltern-Beziehung in der jetzigen Eltern-Kind-Beziehung wieder zum Vorschein. 1 Weiterhin konnte beispielsweise ein erheblicher Einfluss der Großmütter (zumeist der mütterlichen Linie) auf die Entstehung und Aufrechterhaltung der Dynamik bei Anorexie-Patientinnen quantitativ belegt werden. (vgl. Reich et al. 1996, S. 224 f.)
2.3. Empirische Befunde zu generationsübergreifenden Kontinuitäten Durch zahlreiche entwicklungspsychologische Studien wird die Existenz und Wirksamkeit generationsübergreifender Kontinuitäten auch quantitativ belegt. Beispielsweise konnten Wiederholungen von Beziehungsmustern über mehrere Generationen und deren Reinszenierung in der aktuellen Eltern-Kind-Interaktion aufgezeigt werden.
Besonders relevant für die Familientherapie sind die auf Bowlby’s „Attachment-Theorie“ basierenden Studien. Durch diese konnten Kontinuitäten zwischen dem Anpassungsverhalten der Mutter und ihren Eltern bis hin zum Mutter-Kind-Bindungsverhalten in der nächsten Generation vorhergesagt und generationsübergreifende Wiederholungen im unsicheren Bindungsverhalten aufgezeigt werden. Weiterhin konnten die Forscher feststellen, dass in einer Generation abgewehrte schmerzhafte Affekte in der folgenden eine große Rolle spielen können, was für die Entwicklung seelischer Störungen besonders bedeutsam ist.
1 Man bezeichnet diesen Effekt auch als das sogenannte „Großvater-Syndrom“.
Julia Fischer Seite 6 13.06.2006
Untersuchungen über die Wirkung von Unterbrechungen in diesen generationsübergreifenden Mustern erläutern, dass bei einer Kontinuität von schwierigen und leidvollen Bindungsmustern die Mütter auch eher dazu neigen, die ungünstige frühere mütterliche Betreuung zu verleugnen und ihre eigenen Eltern zu idealisieren. Wut hingegen wird nicht ausgedrückt. Liegt hingegen eine Unterbrechung dieser generationsübergreifenden Brückenbildung vor, kommt es kaum zu einer Idealisierung der Eltern und die zu dieser Beziehung gehörenden schmerzhaften Affekte werden auch nicht abgewehrt. Reich et al. (1996) formulieren dazu: „Mütter, die wesentlich positivere Beziehungserfahrungen als ihre Mütter machen, können die ungünstigen Umstände der eigenen frühen Mutter-Kind-Beziehung beschreiben und die dazugehörigen schmerzhaften Affekte zulassen.“ (S. 226)
Für eine Unterbrechung in dieser Kontinuität ist meistens eine dritte Beziehung verantwortlich. Dabei handelt es sich entweder um ein verfügbares alternatives Elternteil in der Kindheit oder um eine andere wesentliche emotional stabilisierende Beziehung, wie beispielsweise zu einem Psychotherapeuten. Als weitere mögliche Faktoren, die für eine Unterbrechung der Kontinuität eine große Rolle spielen, führen die Autoren folgende Punkte an:
- neue Erfahrungen in der Adoleszenz - Unterstützung in einer neuen sozialen Umgebung - supportive eheliche Beziehungen - Schwiegerfamilien
All diese Ergebnisse zeigen, dass der Zyklus der neurotischen Wiederholungen unterbrochen werden kann, wenn die betreffenden Personen die abgewehrten Affekte im Kontext neuer Beziehungen durcharbeiten können. Die Mehrgenerationentherapie kann durch die Arbeit an diesen Konflikten die Grundlagen für Neuerfahrungen und Neubeginn in den Beziehungsmustern schaffen. (vgl. Reich et al. 1996, S.226 f.)
Julia Fischer Seite 7 13.06.2006
Arbeit zitieren:
Diplom-Kommunikationspsychologin (FH) Julia Fischer, 2006, Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Profilpass - ein ressourcenorientiertes Methodenkonzept
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 20 Seiten
Narrative Beratung und Therapie im Kontext systemischer Ansätze
Vordiplomarbeit, 27 Seiten
Zusammenfassung des Freudschen Aufsatzes "Das Unbehagen in der Ku...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Diskursethik von Jürgen Habermas
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 14 Seiten
Immanuel Kant und die Aufklärung
Eine Analyse seines Aufsatzes:...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Über Großelternrollen im Wande...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Julia Fischer's Text Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Julia Fischer hat den Text Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm veröffentlicht
Julia Fischer hat einen neuen Text hochgeladen
Mehrgenerationentherapie und Genogramme in der Drogenhilfe
Drogenabhängigkeit und Familie...
Ruthard Stachowske
Genogramme in der Familienberatung
Randy Gerson, Monica McGoldrick, Sueli Petry, Irmela Erckenbrecht
Oncology of the Eye and Adnexa / Oncologie de L'Oeil Et Des Annexes / ...
A. Brini, A. Dhermy, J. Sahel
Diagnostische Verfahren für die Beratung
Materialien zur Diagnostik und...
Kurt Hahlweg, Nina Heinrichs, Notker Klann
Die Diagnostischen Bilderlisten. Siebungsverfahren zur Früherkennung v...
Diagnostische Bilderliste 2. G...
Lisa Dummer-Smoch
Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V ...
Horst Dilling, Werner Mombour, M. H. Schmidt, Elisabeth Schulte-Markwort
Pädagogisch-psychologische Diagnostik 2
Anwendungsbereiche und Praxisf...
Hans-Peter Langfeldt, Lothar Tent
0 Kommentare