Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Innsbruck
SS 2006
Der Vater -
Seine Bedeutung und Funktionen für das Kind
und die Vater-Kind-Beziehung
Verfasserin: Sigrid Lang
Vorgelegt im Rahmen der Lehrveranstaltung ,,Väter-Söhne-Männliche Sozialisation"
Terlan, 28.07.2006
Inhaltsverzeichnis
1 Der Vater 2
2 Verschiedene Kulturen im Vergleich 2
3 Wer ist Vater? 3
4 Das Vaterbild 5
5 Der Vater als 6
5.1 Förderer der Sozialisation: Die Öffnung der Welt 6
5.2 Lehrer: Das Erwachen der kindlichen Kompetenzen 9
5.3 Bezugsperson: Die Herausbildung der Emotionen 10
6 Die Rolle des Vaters 11
7 Die Vater-Kind-Beziehung 12
7.1 Zur Vater-Kind-Bindung 12
7.2 Die Geburt eines Kindes 13
7.3 Beteiligung an der Kleinkindpflege 14
8 Die Vater-Sohn-Beziehung 15
9 Die Zeiten haben sich geändert 18
9.1 Die Frauenarbeit 18
9.2 Neue familiäre Konfigurationen 19
9.3 Neue Ideen und Verhaltensweisen 19
10 Der ´neue´ Vater 20
10.1 Funktionen des ´neuen´ Vaters 20
10.2 Der aktive Erzieher 21
10.3 Die ´neuen´ Ängste 22
10.4 Ein ´neues´ Problem für ´neue´ Väter 23
Literaturverzeichnis 26
1
1 Der Vater
,,Ein Vater ist der männliche Elternteil eines Kindes. Darunter wird zumeist der biologische Vater (Genitor) verstanden, aber auch ein nicht notwendigerweise biologisch verwandter Mann kann diese Rolle übernehmen ("sozialer Vater")." (de.wikipedia.org)
Primär wird mit dem Begriff Vater meist der biologische Vater assoziiert (vgl. Grieser 1998, S. 12), der ,,an der Zeugung eines Kindes beteiligte Mann." (Brockhaus 1994, S. 73) Doch auch ein Mann, der nicht diese Vorraussetzung erfüllt, kann ein Vater sein, z. B. ein Adoptiv- oder Pflegevater oder ein Stiefvater. Ein Mann, der einem Kind nahe steht, es erzieht, für sein Wohlergehen sorgt, ist sein Vater, ganz egal, ob er biologisch der Vater ist oder nicht. Diese Assoziation mit dem biologischen Vater ist eine relativ neue Tendenz. Bis vor einigen Jahrzehnten war es noch nicht möglich, die biologische Vaterschaft zu beweisen. Bis zu den ersten Vaterschaftstests war eine Vaterschaft niemals erwiesen, sie beruhte immer nur auf dem Glauben, der Vater zu sein. Außerdem entsteht während der Schwangerschaft nicht eine so intensive Beziehung zwischen Vater und Kind, wie zwischen Mutter und Kind. Dadurch ist eine Vater-Kind-Beziehung nicht einfach.
Obwohl wir Vaterschaft mit der Biologie verbinden, ist es nicht sie, die einen Mann zum Vater in unserem Sinne macht, sondern die Kultur. Dadurch, dass es in unserer Kultur üblich ist, dass der Mann sich um seinen Nachwuchs kümmert, wird er zum Vater, nicht nur, weil er es gezeugt hat. (vgl. Grieser 1998, S. 11)
Bei uns ist die Vaterschaft gesetzlich klar geregelt. (vgl. ebd., S. 16) Vater kann man im biologischen und/oder im juristischen Sinn sein. (vgl. Schneider 1989, S. 15) Der Mann, der juristisch gesehen der Vater eines Kindes ist, besitzt rechtliche, soziale, ökonomische und politische Vorrechte. (vgl. Brockhaus 1994, S. 73)
2 Verschiedene Kulturen im Vergleich
Obwohl es ganz verschiedene Formen von Vaterschaft gibt, kommt er in jeder Kultur vor. Einen Vater in irgendeiner Form gibt es immer. (vgl. Schneider 1989, S. 31)
Es gibt sogar Kulturen, in denen ein Kind mehrere Väter haben kann. (vgl. Grieser 1998, S. 12)
Bereits bei der Anerkennung des Kindes durch seinen Vater gibt es viele Unterschiede. Im alten Rom wurde das Kind vor seinen Vater hingelegt. Hob er es auf, erkannte er es an. Er musste nicht vorrangig der biologische Vater sein, er musste Vater sein wollen. In Frankreich übernimmt ein Mann seine Vaterschaft, indem er das Kind in sein Hemd einwickelt.
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Ein besonders interessantes Phänomen in Zusammenhang mit Vaterschaft ist die Couvade. Dieses Männerkindbett ist in verschiedenen außereuropäischen Kulturen verbreitet. Männer zeigen alle Anzeichen einer Schwangerschaft und Geburt. Es wird unterschieden zwischen einer pränatalen und einer postnatalen Couvade, also vor und nach der Geburt, oder auch zwischen einer pseudomütterlichen Couvade und einer diätetischen Couvade. Bei ersterem durchlebt der Mann die Geburt genauso wie die Frau, bei der diätetischen Couvade hält er sich an genaue Diätvorschriften und andere Gebote. In Europa und Amerika hingegen setzen bei einigen Männern bei Beginn der Schwangerschaft somatische Symptome ein, wie Kopfschmerzen oder Übelkeit. Bisher sind alle diese Phänomene wenig erforscht. Auch die Bedeutung, der Sinn der Couvade ist nicht eindeutig geklärt. (Fthenakis 1985, S.86)
Für andere außereuropäische Kulturen, wie die Trobriander, ist ein Vater für Kinder wichtig, obwohl sie keinerlei biologische Kenntnis besitzen. Sie teilen sich die Aufgaben mit den Frauen. Auch in anderen Kulturen teilen sich Männer und Frauen die Kindererziehung und kümmern sich Väter liebevoll um die Kleinen. Auf der Kanghwa Insel hingegen ist der Vater eher distanziert und streng. In Südafrika haben die Väter wenig Kontakt zu ihren Kindern, er erwartet Disziplin und Gehorsam von ihnen. Ähnlich verläuft es in der arabischen Wüste. Jegliche Art von Auflehnung wird körperlich bestraft, der Vater hat kaum Kontakt zu den Kindern außer bei ihrer Kriegerausbildung, Hier kümmern sich vor allem die Frauen um die Kinder.
Es gibt auch Kulturen, wo sich beide Geschlechter nicht sehr um ihre Kinder kümmern. Doch meistens kümmern sie sich liebevoll um sie, auch die Väter.
Auch in modernen, ,,zivilisierten" Kulturen gibt es große Unterschiede. In Japan hatte und hat ein Vater bis heute eine sehr große Distanz zu den Kindern. Der Vater arbeitet, die Kinder werden von der Mutter erzogen. In erster Linie ist der Vater eine Respektpeson. In den USA, in Irland, Spanien, Japan und Mexiko zeigte sich, dass die Väter vor allem zu den Zeitpunkten mit ihren Kindern zusammen waren, sobald gesellschaftliche Normen es zuließen. Je jünger das Kind, desto mehr Kontakt gibt es zwischen Vater und Kind. Außerdem stehen Männer Jungen näher als Mädchen. (vgl. ebd., S. 80)
3 Wer ist Vater?
Vaterschaft spielt sich auf vielen verschiedenen Ebenen ab. Wenn man über Väter und Vaterschaft spricht, sollte man sich darüber im Klaren sein und die verschiedenen Ebenen auch voneinander zu unterscheiden wissen:
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Die erste Art von Vaterschaft, an die beim Begriff Vater meist gedacht wird, ist der biologische Vater, auch Erzeuger genannt. Durch seine Keimzellen wird die Mutter befruchtet, das Kind ,,entsteht".
Es gibt aber auch einen gesetzlichen Vater. Er erkennt das Kind vor dem Gesetz als das seine an. Dieser Vater kann aber muss nicht der biologische Vater sein. Der soziale Vater erzieht das Kind, er ist für das Kind gegenwärtig und ein Identifizierungsobjekt. Auch er kann aber muss nicht den anderen beiden Ebenen entsprechen. Weiters gibt es auch noch einen symbolischen Vater. Dieser Vater vertritt das Gesetz dem Kind gegenüber.
Während früher der biologische Vater niemals sicher war, gibt es heute Vaterschaftstests. Bei der Mutterschaft verhält es sich umgekehrt. Durch die neuen Möglichkeiten im Bereich Befruchtung und Zeugung ist es heute nicht mehr möglich, eine Mutterschaft automatisch festzustellen. Früher war wenigstes die Blutsverwandtschaft mit der Mutter eindeutig, heute gibt es Adoptionen, Leihmutterschaften und vieles mehr, die diese Sicherheit verhindern. Durch die Vaterschaftstests sind neue Fragen aufgetaucht: Kann ein Mann, der nicht biologischer Vater ist, die Vaterschaft übernehmen? Kann das Kind ihn akzeptieren? Darf man den biologischen Vater zwingen seinen erzieherischen Pflichten nachzukommen?
Können also die Ebenen biologischer Vater und sozialer Vater getrennt werden? Der gesetzliche Vater ist der Ehemann der Mutter, egal ob Erzeuger oder nicht. Das gilt bis heute in unserem Kulturkreis, obwohl inzwischen nichteheliche Gemeinschaften und außereheliche Kinder keine Seltenheit mehr sind. Es geschieht immer häufiger, dass durch Scheidungen ein anderer Mann als der gesetzliche Vater ins Leben der Kinder tritt. Für Psychologen ist der Fall klar: Ganz egal, ob der gesetzliche Vater oder ein anderer Mann bei den Kindern anwesend ist, der wirkliche Vater ist der, der die Vaterschaft ausübt. Der symbolische und der soziale Vater haben weder eine rechtliche, noch eine biologische Basis. Ihre Anerkennung erfolgt durch die Mutter und den Vater. Die Mutter muss ihn anerkennen und auch er muss Ja sagen zur Vaterschaft. Doch die wachsende Zahl von Ein-Eltern-Familien zeigt, dass dazu nicht alle Männer bereit sind. Doch es kommt auch vor, dass Mütter sich nicht um ihr Kind kümmern möchten. Der symbolische Vater vertritt das Gesetz. Für viele Psychologen ist der Vater die Autoritätsperson, die Gesetz und Ordnung für das Kind darstellt, die es später dann verinnerlicht. Durch den Vater wird es zu einer sozialen und moralischen Persönlichkeit. Ohne den Vater können ernsthafte Störungen in dieser Entwicklung auftreten. Bis heute wird diese Auffassung von vielen Wissenschaftlern geteilt. (vgl. Le Camus 2003, S. 15; 129)
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4 Das Vaterbild
Der Begriff der Vaterschaft kann in drei Dimensionen aufgeteilt werden: Vateridentität, Vaterrolle, Vaterbild. Auf der Individualebene konstituiert sich die Vateridentität, auf der Gruppenebene die Vaterrolle. Auf der gesellschaftlichen Ebene spricht man vom Vaterbild. Mit Vateridentität ist Rollenidentität gemeint, eine Identifizierung des Mannes mit seiner Rolle als Geschlechtsrolle mit entsprechender Verhaltensrelevanz. Die Vaterrolle ist ein wichtiger struktureller Bestandteil und funktionales Erfordernis des familialen Systems.
Das Vaterbild hingegen ist ein kollektives Leitbild, eine Idealvorstellung mit großer normativer Kraft. Diese Kraft greift identitätsbestimmend, das heißt es beeinflusst die männliche Identität, und auch familial strukturierend in die Wahrnehmung der Vaterrolle ein. (vgl. Schneider 1989, S. 15)
,,Dies beinhaltet auch, daß die individuellen Vorstellungen über die Wahrnehmung der Vaterrolle sowie deren alltagspraktische Lebensgestaltung nur innerhalb eines gegebenen kulturellen und historischen Rahmens sich bewegen können". (ebd., S. 30) Das Vaterbild ist also das Bild, das die Gesellschaft, die Allgemeinheit von einem Vater hat. Es beeinflusst den Mann und seine Familie. Ein solches Vaterbild existiert in jeder Gesellschaft. Väter können, wollen und müssen sich an ihm orientieren. Tun sie das nicht, gelten sie als schlechte Väter. So ist zu erklären, warum sich innerhalb einer Kultur die Mehrheit der Väter ähnlich verhält bzw. einem ähnlichen Ideal nacheifert. Derzeit existieren in unserer Kultur im wissenschaftlichen Bereich drei Idealvorstellungen von Vaterschaft. Man unterscheidet zwischen dem traditionellem Vater, dem partnerschaftlichem Vater und dem ´neuen´ Vater.
Mit dem traditionellen Vater werden die Begriffe Macht, Autorität und öffentliche Kompetenz in Verbindung gebracht. Seine Aufgabe ist in erster Linie der Gelderwerb für die Familie. Hinter dieser Ansicht stehen eine biologisch vorgegebene Mutter-Kind-Bindung, die ständige Anwesenheit der Mutter zur Versorgung der Kinder und hierarchisch geordnete Beziehungen in der Familie nach Geschlecht und Alter. Der Vater gilt dabei als Familienoberhaupt, als Ernährer und Beschützer der Mutter-Kind-Beziehung.
Der partnerschaftliche Vater steht mehr für Vorbild, Förderer und Interaktionspartner sein, er tritt dem Kind als Freizeitkamerad, Spielgefährte und aktiver Erzieher gegenüber. Daneben besitzt er auch seinen traditionellen Aufgabenbereich.
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Arbeit zitieren:
Sigrid Lang, 2006, Der Vater, München, GRIN Verlag GmbH
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