Einleitung In dieser Arbeit möchte ich mich mit einem sehr interessanten Dichter und Autor be- schäftigen. Einem Mann, der dem 20. Jahrhundert und seinen schweren Zeiten die Stirn geboten hat. Er hat sich nicht unterkriegen lassen von harten Kritiken, noch von den Umständen, unter denen er damals leben mußte. Dieser Mensch wurde zu ei- nem verfolgten Juden, was ihn als Dichter aber noch besser machte. Er nahm sich die Freiheit, sich kritisch zu äußern, wann und wo immer er wollte. Ein Mann, der viel Kritik einstecken mußte, der aber immer zu dem stand, was er dachte oder sagte. Dieser bemerkenswerte Mensch, den ich zum Thema meiner Arbeit gemacht habe, ist Erich Fried.
Erich Fried - ein einfaches Leben?
Er wurde am 6. Mai 1921 als einziges Kind von Nellie und Hugo Fried in Wien gebo- ren. Durch sein Elternhaus und Lesungen im Familienkreis fand er früh Zugang zur Literatur und lernte durch seine Mutter bereits mit viereinhalb Jahren das Lesen. Es herrschte die „Wunderkinderzeit“. Bis 1927 hatte er zahlreiche Auftritte mit einer Kin- derschauspielgruppe auf verschiedenen Bühnen Wiens und Umgebung. Er war ein sehr strebsamer Schüler, der sich besonders gerne mit „Erfindungen“ beschäftigte. Der Einmarsch Hitlers 1938 machte aus einem österreichischen Oberschüler einen verfolgten Juden. Fried war jüdischer Herkunft, und somit war ihm jede schulische Weiterbildung in Österreich zum Problem geworden. Sein Vater wurde bei einem Verhör durch die Gestapo ermordet. Er flüchtete 1938 noch nach London und holte seine Mutter und weitere Personen nach. Er arbeitete bei vielen Zeitschriften, war ak- tives Mitglied bei Widerstandsvereinigungen und schrieb an seinen Gedichten. Ab 1940 erschienen seine ersten Gedichtbände, z.B.: „Österreich, Deutschland,...“ . Zwanzig Jahre später erschien auch sein einziger Roman „Ein Soldat und ein Mäd- chen“ (1960). Er widmete sich auch zahlreichen Übersetzungsarbeiten, im speziellen bezogen auf Shakespeare. Er hatte auch eine Festanstellung bei der BBC als „Pro- gramm Assistant“. Erich Fried war dreimal verheiratet, unter anderem mit Maria Mar- burg, Nan Spencer- Eichner und mit Catherine Boswell. Im Zuge des Vietnamkrieges (ca. 1964 - 1975) entwickelte sich Fried zum engagierten Zeit - und Gesellschaftskri- tiker. Er geriet oft in Konflikt mit der öffentlichen Meinung, wenn er offen und kritisch Stellung zu politischen Themen nahm. Fried war einer der produktivsten und aufla- gestärksten deutschsprachigen Lyriker der 70er und 80er Jahre. Sein größter Erfolg
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wurde immer seinen Liebesgedichten zugeschrieben. Erst gegen Ende seines Le- bens wurde seine Arbeit richtig anerkannt. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Anerkennungen: den Bremer Literaturpreis, den Österreichischen Staatspreis, den Georg - Büchner- Preis, den Literaturpreis der Stadt Wien, die Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück und viele mehr. Am 22. November 1988 erlag er seinem Krebsleiden und wurde auf dem Kensal Green in London beigesetzt.
Poeta doctus ?
Erich Fried war Dichter, Übersetzer und Journalist, der sein Leben lang gegen die Mißstände unserer Welt schrieb, der sich einmischte, wenn es um die Rechte von Menschen oder um Machtmißbrauch ging. Er sah es einfach als sein Recht an, sa- gen zu können, was er wollte.
Er war immer der Meinung, daß man das Beste aus seinem Leben machen sollte und nicht in Selbstmitleid verfallen sollte. Er hätte sicher auch lieber in einer anderen Zeit gelebt, hat aber dennoch das Beste aus seinem Leben herausgeholt. Er tat im- mer, was er für richtig hielt, und sagte, was er dachte, was meiner Meinung nach bewundernswert für die damalige Zeit war.
Michael Zeller schreibt: „Erich Fried ist kein poeta doctus. Ihm war durch den Ein- marsch Hitlers nicht nur der deutsche Sprachraum, sondern auch jede weiterführen- de Ausbildung in normalen bürgerlichen Bahnen abgeschnitten. Dies schlägt sich bei Fried vor allem nieder in einem nahezu völligen Fehlen theoretischer Überlegungen zu Literatur und Lyrik.
Wenn man daher versuchen will, Frieds Selbstverständnis als Lyriker zu rekonstruie- ren, ist man allein auf seine Gedichte angewiesen.“ 1
In dem Gedicht „Fußnote zu einer Fußnote“ beruft er sich mit erstaunlicher Naivität auf einen konventionellen, längst kritisch revidierten Begriff von Lyrik, der wieder auf die Trennung von Dichter und Schriftsteller bzw. Literat zurückgreift.
„Fußnote zu einer Fußnote“, 1974
Auf einem Blatt mit getippten Notizen über Dichtung heute und ihren Wert
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als Werkzeug der Revolution als Therapie und entfremdete Form des Kampfes gegen Entfremdung
zwei lange waagrechte Striche
dazwischen vier Zeilen die vierte ein einziges Wort und daneben am Rand mit Bleistift zwei Worte in Klammern mit einem Ausrufungszeichen
Ein igelförmiges Nest
von Stecknadeln an einem weißen Türstock Und neben Türstock in Klammern (Wirkliches Bild!)
Was das bedeutet
und warum ich es hier aufgeschrieben habe das weiß ich nicht mehr aber wichtiger als mein Schreiben über das Schreiben sind mir doch immer die Nadeln am weißen Türstock
„Fried setzt sich hier für seine eigene schriftstellerische Praxis ein begriffliches von einem bildersetzenden Sprechen ab. Das Reden von den Literaten über Literatur wird als modisches Geschwätz denunziert.“ 2 Fried bekräftigt in seinem Gedicht „Zweifel an der Sprache“ zwar die Berechtigung des „Zweifels an der Sprache“, ja, er erkennt in ihm überhaupt erst die Möglichkeit 1 Zeller, Michael: Gedichte haben Zeit. Aufriß einer zeitgenössischen Poetik. Stuttgart : Ernst Klett 1982. Seite
186 2 Zeller,Michael: ebda. Seite 187
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des Sprechens an, verzweifelt aber letztlich nicht an sich selbst, „sondern wird der vor nichts haltmachende Eigendynamik des Zweifels Einhalt geboten, damit das zweifelnde Subjekt nicht im Leerlauf steriler Sprachlosigkeit untergehe“ 3 .
„Zweifel an der Sprache“
Leerlauf verhindert daß der Motor nach irgendeiner falschen Richtung fährt:
Die Zahnräder fressen sich selbst Der Tod befreit von Druck und von jeder falschen Beziehung Wer tot ist macht keine Fehler und sagt nichts Zweifelhaftes
- zweifellos - aber er spricht keine Sprache
Fried bezeichnet Sprache als fragwürdigen „Doppelagenten“ 4 und das ist Grund ge-
nug für ihn, an Sprache als an ein unersetzbares Kommunikationsmittel zu glauben und damit den Zweifel an ihr ruhen zu lassen.
Erich Fried und / oder Paul Celan:
Diese beiden hatten mit Sicherheit kein leichtes Leben als Kinder deutschsprachiger Juden. Sie verbindet ein ähnliches Schicksal. Beide lebten im Exil und spezialisierten sich trotzdem auf die deutschsprachige Lyrik. Beide machten etwas aus ihrem Le- ben. Gemeinsam ist ihnen auch, daß sie sich zahlreichen Übersetzungsarbeiten widmeten.
Celan wird oft als der Prototyp eines Literaten hingestellt. Er war ein traditioneller Dichter, der in Reimen geschrieben, Strophen gebildet und sehr viele Stilmittel ver- wendet hat. Ein „wahrer Dichter“ also. Bei ihm bemerkt man die Anstrengungen und Überlegungen, die dahinter stecken, wenn man eines seiner Gedichte liest. Sehr auf- fällig bei diesem Dichter sind auch die zahlreichen Neologismen, die er verwendet und bildet. In seinen Gedichten geht es vorwiegend um die Bewältigung der Vergan- genheit (NS-Zeit) und seines eigenen Erlebens.
3 Zeller, Michael, ebda. Seite 189
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Nicole Korntheuer, 2001, Wie sprachlos war Erich Fried wirklich?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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