Inhalt
1 Vorwort 3
2 Einführung und Problemstellung 6
3 Gesellschaftspolitischer Kontext 12
3.1 NA
Demographischer Wandel in Deutschland 12
3.2 NA
Generationenvertrag 17
3.3 NA
Familienpolitik in Deutschland 19
3.3.1 NA
Gesetzliche Grundlagen 22
3.3.2 NA
Europäischer Vergleich 25
3.4 NA
Familienorientierte Personalpolitik 29
3.4.1 NA
Flexible Arbeitszeitmodelle 37
3.4.2 NA
Praxisbeispiele 44
3.5 NA
Die Zukunft der Arbeit 50
4 Frauen und Arbeit 55
4.1 NA
Historische Entwicklung 55
4.2 NA
Die Situation der Frauen heute 58
4.2.1 NA
Kinderbetreuung in Deutschland 64
4.2.2 NA
Die Rolle der Väter 69
4.2.3 NA
Alleinerziehende Mütter 72
4.3 NA
Frauen in Werbeagenturen 74
5 Agentur der Zukunft 80
5.1 NA
Voraussetzungen für die Umsetzung 80
5.2 NA
Unternehmensphilosophie 82
5.3 NA
Zielgruppe 83
5.3.1 NA
Mitarbeiter 84
5.3.2 NA
Potentielle Kunden 86
5.4 NA
Positionierung 87
5.5 NA
Organisation 92
5.5.1 NA
Arbeitszeit 94
5.5.2 NA
Arbeitsort 98
5.5.3 NA
Vergütung 102
5.5.4 NA
Informations- und Kommunikationspolitik 105
5.5.5 NA
Betreuungseinrichtungen 109
5.5.6 NA
Personalentwicklung 112
5.5.7 NA
Führungskompetenz 114
6 Fazit und Ausblick 118
7 Literaturverzeichnis 122
8 Abbildungsverzeichnis 137
2 NA
1 Vorwort
Die Vorarbeit zu dem Thema „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen“ begann eigentlich schon vor gut einem Jahr, als ich anfing, mir ernsthafte Gedanken über meine berufliche Zukunft zu ma- chen. Ich wollte wie viele meiner GWK- Kommilitoninnen in die Werbung gehen und besorgte mir alle erdenklichen Informationen für den Berufsein- stieg. Bei meiner Recherche bin ich dann durch Zufall auf den Artikel „Die Vorzeigefrau aus dem Wohnzimmer" von Haike Telgheder aus dem Han- delsblatt vom 13. Juli 2004 gestoßen, aus dem ich gerne den folgenden Aus- zug zitieren möchte:
„Karen Heumann ist die einzige Frau, die es in den Vorstand einer deut- schen Werbeagentur geschafft hat. Und ohnehin ist sie eine der wenigen weiblichen Spitzenkräfte überhaupt in der Branche. Inzwischen ist Karen Heumann, mittelgroß, schlank, dunkelblonde lange Haare, die Vorzeigefrau der Branche geworden. (...) Und dafür arbeitet die Vorstandsfrau auch hart. Der Arbeitstag endet selten vor 22 Uhr, auch sonntags ist sie oft im Büro. „Kinder lassen sich mit dem Beruf, wie ich ihn mache, nicht verbinden,“ meint Karen Heumann. Das bedauert sie zwar manchmal, aber „mein Job und mein Hobby, die Phänomenologie des Alltags zu erforschen, das ist so interessant, dass ich eigentlich immer und überall „on“ bin.“ 1
Die Aussage Karen Heumanns, dass sich Kinder mit ihrem Beruf nicht ver- einbaren lassen, ließ mich aufhorchen und veranlasste mich, nicht nur über meinen zukünftigen Job, sondern auch über meine weiterführende Lebens- planung nachzudenken. Was die Kinderfrage angeht, bin ich als moderne und emanzipierte Frau immer davon ausgegangen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie heute kein Problem mehr darstellt. Die Zeiten meiner Eltern, in denen das Modell der Versorger-Ehe 2 die Gesellschaft dominierte, sah ich spätestens seit der Frauenbewegung zerstört. Warum muss sich eine moderne junge Frau wie Karen Heumann heute immer noch zwischen Kar- riere und Kindern entscheiden?
1
http://www.total-e-quality.de/teq/aktuelles.php?cid=1&aid=100
2
Die Versorger-Ehe beschreibt den dominanten Familientypus der Industriegesellschaft, in der der männliche Haushaltsvorstand die ökonomische Basis seiner Ehefrau und seiner Kinder sicherte, nach: Bertram, Hans: Familien leben. Neue Wege zur flexiblen Gestal- tung von Lebenszeit, Arbeitszeit und Familienzeit, Gütersloh 1997, S.9
3
Um Antworten auf diese Frage zu finden, nutzte ich im Folgenden jede Ge- legenheit, um herauszufinden, wie andere zukünftige Werberinnen mit dem Problem der Vereinbarkeit von Agentur und Familie umzugehen gedenken. Ich befragte einige Kommilitoninnen zu ihren Zukunftsvorstellungen und kam zu dem Ergebnis, dass sich die meisten überhaupt noch keine Gedan- ken gemacht haben. Die Antworten reichten von der anfänglichen Naivität und Unwissenheit meines Kalibers „gibt es da überhaupt ein Problem?“, über den resignierenden Pragmatismus eines „na dann mache ich das eben bis ich ein Kind bekomme und bleibe dann zu Hause“, bis hin zur kogniti- ven Dissonanz 3 eines „da mache ich mir doch jetzt noch keine Gedanken drüber.“ Aber es schien, als ob ich mit dem Thema einen wunden Punkt bei den Frauen getroffen hatte, da die Diskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Frauen in Werbeagenturen auch nach meiner kleinen Umfrage nicht abebbte, sondern von den Frauen weitergeführt wurde.
Ich wurde immer wieder auf das Thema angesprochen und gefragt, ob ich denn eine Alternative zu der Entweder-Oder-Entscheidung zwischen Beruf und Familie hätte. Aus dem anfänglichen Scherz, dass ich ja darüber meine Diplomarbeit schreiben könnte, wurde schnell ernst, als ich bemerkte, wie groß das Interesse nicht nur auf Seiten meiner Kommilitonen, sondern auch auf Seiten der Öffentlichkeit war. So wurde ich beispielsweise von einer Frau, die ich im Rahmen eines Englisch-Kurses kennen gelernt hatte, spon- tan eingeladen, vor dem Frauen Business Club Berlin einen Vortrag zum Thema zu halten. Und auch sonst stieß das Thema, überall wo ich es er- wähnte, auf reges Interesse.
So machte ich mich an die Arbeit und verschlang alles, was ich zu dem Thema finden konnte. Es musste in unserer zukünftigen Werbebranche end- lich die Möglichkeit geben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren und wenn diese Chance bis dato noch nicht existierte, dann wäre es höchste Zeit, eine zu entwickeln.
3
Der Begriff der kognitiven Dissonanz stammt aus der Psychologie und beschreibt „die Unvereinbarkeit von Erfahrungen und Informationen zu der persönlichen Einstellung bzw. zu zuvor getroffenen Entscheidungen des menschlichen Individuums. Grundlage der von Leon Festinger 1957 begründeten Theorie ist die Annahme, dass Menschen dazu neigen, einmal getroffene Entscheidungen beizubehalten.
http://www.lexikon-definition.de/Kognitive-Dissonanz.html
4
Das Ziel meines Forschungsvorhabens wurde immer klarer. Ich musste eine Agentur der Zukunft mit familienorientierter Personalpolitik entwickeln, um nicht nur für meine Kommilitoninnen und mich eine mögliche Zukunftsper- spektive zu entwickeln, sondern auch für alle anderen Frauen, die in der Werbung beschäftigt sind und trotzdem Kinder haben möchten. Denn es wäre nicht nur schade, wenn das große Potential und Talent dieser intelli- genten und hoch qualifizierten Frauen ungenutzt bliebe, sobald sie eine Fa- milie gründen, sondern eine regelrechte Verschwendung von Ressourcen und Steuergeldern. Denn welche Volkswirtschaft kann es sich heute noch leisten, qualifizierten Nachwuchs auszubilden, um ihn dann ungenutzt in der Ecke stehen zu lassen? Ganz zu schweigen von den Frauen, die so viele Jah- re hart für ihren Abschluss gearbeitet haben, um später mal einen guten Be- ruf ausüben zu können. Diese Frauen verdienen eine faire Chance. Eine Chance, Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können.
Es ist höchste Zeit, dass sich in Deutschland etwas verändert und ich möchte mit dieser Arbeit einen Beitrag zu dieser Veränderung leisten, denn
Unser Kopf ist rund,
damit das Denken die Richtung wechseln kann.
Francis Picabia, 1879-1953
französischer Maler spanischer Herkunft
Viel Spaß beim Lesen!
Hinweis: Im Folgenden werde ich auf die explizite Darstellung der weibli- chen Form (-in/innen) verzichten, um den Lesefluss zu erleichtern. Selbst- verständlich beziehen sich alle Aussagen – so fern nicht anders ausgewiesen – auf beide Geschlechter!
5
2 Einführung und Problemstellung
Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr. Die Pflegeversicherung wie auch die Renten- und große Teile der Krankenversicherung bauen in Deutschland darauf, dass die Jungen mit ihren Beiträgen die Versorgung der Alten garantieren. Doch nun gerät dieses Konzept ins Wanken, weil die Kinder fehlen. Zwar wünschen sich die 29-bis 34-Jährigen im Schnitt immer noch zwei oder mehr Kinder, 4 doch die bekommen sie dann nicht. Jede drit- te Frau bleibt bis Ende dreißig kinderlos. 5
Die deutsche Bevölkerung schrumpft aber nicht nur, sondern sie wird auch immer älter. Noch 1997 waren 21,5 Prozent der deutschen Bevölkerung unter 20 Jahre alt, fast ebenso viele waren 60 und älter. Im Jahr 2050 dürfte der Anteil der Unter-Zwanzigjährigen auf 15 Prozent gesunken und der der Alten auf 38 bis 40 Prozent gestiegen sein. 6 Immer mehr Alte stehen also immer weniger Jungen gegenüber.
Was passieren müsste, um die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland vor dem Kollaps zu bewahren, malt der Bielefelder Bevölkerungswissen- schaftler Herwig Birg aus: „Entweder bringen alle Frauen im gebärfähigen Alter in den kommenden Jahrzehnten im Schnitt nicht mehr nur 1,3 sondern 3,8 Kinder zur Welt oder es wandern in den nächsten 50 Jahren rund 188 Millionen junge Ausländer ein. Oder das Rentenalter steigt langfristig auf 73 Jahre.“ 7 Dieses Szenario macht schnell deutlich, dass die Sozialsysteme
dringend überholt werden müssen, um bestehen bleiben zu können. Wer also Kinder aufzieht und damit die Verantwortung für die Versorgung zu- künftiger Generationen übernimmt, sollte in Zukunft finanziell entlastet werden. Damit ist es jedoch noch nicht getan. Denn jedem dürfte klar sein, dass kein Paar für Nachwuchs sorgt, nur weil es nun 15 Euro mehr pro Kind zum Ausgeben hat (wie es die Kindergelderhöhung von 2002 vorsah). Doch wie lässt sich sonst vermeiden, dass sich Deutschland allmählich in eine Gesellschaft ohne Kinder verwandelt?
4
14. Shell- Jugendstudie 2002, unter http://www.shell-jugendstudie.de
5
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73
6
Statistisches Bundesamt Deutschland: Datenreport 2004. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2004, unter:
http://www.destatis.de/datenreport/d_datend.htm 7 Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.192
6
Maßnahmen wie die Anfang des Jahres 2001 eingeführte „Elternzeit“ sollen jungen Familien helfen, die Kinder gemeinsam zu betreuen und ihre Jobs in Teilzeit weiterführen zu können. Aber auch wenn die amtierende Familien- ministerin Renate Schmidt überzeugt ist, dass die Elternzeit bereits breit akzeptiert sei und stark genutzt werde, zeigen die demographischen Zahlen noch keine Trendwende. Es geht den jungen Familien sowieso in den we- nigsten Fällen ums Geld. Was sie brauchen sind ausreichende Betreuungs- angebote, damit auch die Mütter wieder arbeiten gehen können. Doch hier stößt der Staat an seine Grenzen. Neben der Regierung sind also auch die Unternehmen gefragt, etwas in punkto familienfreundlicherer Personalpoli- tik zu unternehmen. Schon im eigenen Interesse sollten sie sich z.B. stärker um den weiblichen Nachwuchs bemühen, da mit dem Sinken der Bevölke- rungszahlen in Deutschland auch der Pool an gut ausgebildeten Nach- wuchskräften für die Wirtschaft immer kleiner wird. Im globalen Wettbe- werb kann es sich Deutschland einfach nicht mehr leisten, auf hoch qualifi- zierte Frauen zu verzichten.
Seit 1949 sind laut Artikel 3 des Grundgesetzes Männer und Frauen gleich- berechtigt und spätestens seit der Frauenbewegung in den 60er Jahren wur- de diese Gleichberechtigung auch erfolgreich ausdiskutiert. Deutsche Frau- en sind heute unabhängig, gut ausgebildet, gehen einem Beruf nach und verdienen ihr eigenes Geld. Männer und Frauen sind einander, zumindest auf den ersten Blick, gleichgestellt und Unterschiede lassen sich kaum noch ausmachen. Im Studium sind die Frauen ehrgeizig und leistungsorientiert und erzielen im Schnitt sogar bessere Abschlüsse als die Männer. Eigentlich müssten diese hoch qualifizierten Frauen in eine rosige Zukunft blicken, da ihre hohe Qualifikation einen wichtigen Karrierevorsprung verspricht. Doch die Realität sieht leider immer noch anders aus. Von zehn Führungskräften in Deutschland ist nur eine weiblich. Gerade mal zwölf Frauen sitzen in den Führungsetagen der 600 wirtschaftsstärksten Unternehmen in Deutschland. 8 Anders als in der Ausbildung und im Alltag ist die Frauenfrage in der Wirt- schaft also noch nicht geklärt.
8
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familienorientierte Personalpolitik. Checkheft für kleinere und mittlere Unternehmen, Berlin 2004, S.4
7
Die Genfer Politologie-Professorin Than-Huyen Ballmer-Cao, verantwort- lich für eine gerade erschienene Studie zur Gleichstellungsfrage in der Schweiz, hat festgestellt, dass sich zwar die Rollenbilder verändert haben, aber die Verhaltensmuster der Geschlechter bisher weitestgehend gleich geblieben sind. 9 In einem informativen Überblick über die Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit in Europa zwischen 1980 und 1992/3 stellt die franzö- sische Soziologin Margaret Maruani fest: „Obwohl eine Angleichung des Erwerbsverhaltens von Männern und Frauen zu beobachten ist, dauern die beruflichen Ungleichheiten an. Sie äußern sich in einer weiterhin starken beruflichen Segregation ebenso wie im dauerhaften Auftreten von Beschäf- tigungsformen, die in erster Linie Frauen vorbehalten sind. Das bedeutet, dass die berufliche Stellung der Frauen bei weitem nicht mit ihrem Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung und der Wirtschaft korrespondiert.“ 10
Der Einstieg in eine Führungsposition und der berufliche Aufstieg innerhalb eines Unternehmens sind für Frauen zwar keine Unmöglichkeit mehr, aber eine Selbstverständlichkeit wie für Männer sind sie noch lange nicht. Spä- testens bei der Geburt des ersten Kindes ist es mit der Karriere erst einmal vorbei, denn in Deutschland eine Familie zu sein, bedeutet auch heute noch in den meisten Fällen, dass die Mutter sich um den Haushalt und die Kinder kümmert und der Vater das Geld nach Hause bringt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft waren 2002 nur 62 Prozent der 15- bis 64- jährigen Frauen berufstätig. 11
Frauen müssen sich in Deutschland also immer noch häufig zwischen Kind und Karriere entscheiden. Während in anderen Ländern seit vielen Jahren zahlreiche und sehr unterschiedliche öffentliche Betreuungsmodelle für Kinder entwickelt wurden, hat sich die deutsche Familienpolitik seit Jahr- zehnten kaum verändert. In Deutschland sind Familie und Kinder immer noch Privatsache. Das Familienleben findet nicht im öffentlichen Raum, sondern hinter verschlossenen Türen statt. Dementsprechend schwer ist es auch, einen Krippenplatz oder eine Tagesmutter für ein Kind unter drei Jah- ren zu finden. Zumal die Fremdbetreuung kleiner Kinder in Deutschland
9
Ballmer-Cao, Than-Huyen: Sozialer Wandel und Geschlecht, Bern 2000, S.48
10
Maruani, Margaret: Erwerbstätigkeit von Frauen in Europa, in: Informationen zur Raum- entwicklung von 01/95, S.37
11
Statistisches Bundesamt: Leben und Arbeiten in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2002, Wiesbaden 2003
8
sowieso gesellschaftlich wenig akzeptiert ist. Frauen gelten in ihrer Umge- bung schnell als „Rabenmütter“, die ihr Kind abschieben. „Rabenvätern“ passiert das wohl eher selten. Auch für ältere Kinder ist das Betreuungsan- gebot in Deutschland spärlich. Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen sind in Deutschland eher die Ausnahme und auch sie werden von der Öf- fentlichkeit sehr kritisch beäugt. Oft haben also Mütter in Deutschland gar keine andere Wahl, als nach der Geburt - zumindest für eine Zeit lang- ih- ren Beruf an den Nagel zu hängen und das häufig in den entscheidenden Jahren ihrer Karriere.
Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, zeigen uns unsere europäischen Nachbarländer. Besonders in den skandinavischen Ländern Schweden, Dä- nemark und Norwegen gibt es ein gut ausgebautes Netz an Institutionen und öffentlichen Betreuungseinrichtungen, die Eltern bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie entlasten. In diesen Ländern gelten Kinderbetreuung und Erziehung als öffentliche Aufgabe und die Tatsache, dass Kinder nicht aus- schließlich von der Mutter, sondern auch von anderen Menschen erzogen werden, wird dort ausgesprochen positiv bewertet. Ein Blick nach Frank- reich zeigt, dass es zwischen der Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Geburtenrate eines Landes einen Zusammenhang geben muss. Während in Deutschland nur 62 Prozent der Frauen erwerbstätig sind und die Geburten- rate mit nur 1,37 Kindern pro Frau eine der niedrigsten innerhalb der EU ist, sind in Frankreich über 70 Prozent aller Frauen berufstätig. Sogar 45 Pro- zent der Mütter von drei Kindern haben einen Job. 12 Trotzdem rückte Frank- reich im Jahr 2000 mit einer Geburtenrate von 1,89 Kindern in der Baby- Rangliste weit nach oben.
Deutschland bildet bereits heute das Schlusslicht der europäischen Gebur- tenzahlen und zu allem Überfluss sinkt die Rate auch noch kontinuierlich nach unten. Von den 1965 geborenen Frauen wird jede dritte keine Kinder mehr bekommen. Bei den Akademikerinnen werden sogar über 40 Prozent ohne Nachwuchs bleiben. 13
12
Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften: Eurostat Jahrbuch 2003. Der statistische Wegweiser durch Europa, Zürich 2004, S.48
13
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73
9
Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft Frauen aller Branchen. Auch wenn in großen Unternehmen wie der HypoVereinsbank oder in vereinzelten Kleinbetrieben wie dem EDV-Dienstleistungs- unternehmen Comet Computer aus München (auf die ich später noch einmal ausführlich zu sprechen kommen werde) bereits erste Anstrengungen in Sachen familienorientierter Personalpolitik unternommen wurden, bilden diese Unternehmen in Deutschland eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten Betriebe sind immer noch stark an der Arbeitsorganisation und der Unternehmenskultur der „old economy“ ausgerichtet, in der überlange Ar- beitszeiten als Zeichen von Loyalität und Identifikation mit dem Unterneh- men gelten. 14 Auch in innovativen, jungen Branchen wie der Werbung, sitzt man immer noch von 9 oder 10 Uhr morgens open end im Büro und das mindestens 5 Tage die Woche und oft auch am Wochenende. Flexible und innovative Arbeitszeitmodelle wie Jobsharing, Teilzeit- und Telearbeit, Ar- beitszeitkonten oder Sabbaticals sind hier immer noch die Ausnahme. Aber wie soll eine Frau mit Kind gleichzeitig 10-12 Stunden im Büro sitzen und sich um ihren Nachwuchs kümmern?
Das Ziel meiner Arbeit ist es, eine Lösung für das Problem der Vereinbar- keit von Beruf und Familie für Frauen in Werbeagenturen zu finden, indem ich das Szenario einer zukunftsorientierten Agentur mit familienorientierter Personalpolitik entwerfe. Denn durch die innovative Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in Kombination mit dem Einsatz flexibler und individueller Arbeitszeitmodelle ist es meiner Ansicht nach möglich, eine Agentur zu schaffen, in der Frauen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können.
Um das Szenario einer solchen Agentur entwickeln zu können, werde ich mich zunächst mit dem Kontext des Themas auseinandersetzen. Ich muss mich intensiv mit dem Konzept der familienorientierten Personalpolitik be- schäftigen, um es zu verstehen und später für die geplante Agentur anwen- den zu können. Ich werde mich deshalb zunächst mit den gesellschaftlichen und politischen Hintergründen der Familienpolitik beschäftigen, um daraus die Anforderungen einer familienorientierten Personalpolitik an die Wirt-
14
Dellekönig, Christian: Der Teilzeit-Manager. Argumente und erprobte Modelle für innovative Arbeitszeitregelungen, Frankfurt am Main 1995, S.40
10
schaft abzuleiten. Um dem Aspekt der Zukunftsorientierung Rechnung zu tragen, werde ich die verschiedenen Dimensionen um die Perspektive der Zukunft der Arbeit erweitern, um nach der Beleuchtung der historischen und gegenwärtigen Situation der Frauen in Deutschland, Ideen für eine zukünf- tige Perspektive entwickeln zu können. Diesen theoretischen Background zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Deutschland benöti- ge ich, um die im 1. Teil erworbenen Erkenntnisse auf den 2. Teil meiner Arbeit anwenden zu können, bei dem es dann konkret um die Entwicklung eines Szenario einer Agentur der Zukunft mit familienorientierter Personal- politik gehen wird. Bauen wir also zunächst das Fundament, auf das die Agentur der Zukunft gebaut werden kann.
11
3 Gesellschaftspolitischer Kontext
3.1 Demographischer Wandel in Deutschland
Die deutsche Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich altern
und schrumpfen. DIE ZEIT spricht bereits jetzt schon von einer „vergreisten
15 Das Statistische Bundesamt geht in seiner jüngsten Berech-
Republik“.
nung der „Bevölkerung Deutschlands bis 2050“ davon aus, dass die deut-
sche Bevölkerung von heute rund 82,5 Millionen auf durchschnittlich 75
Millionen im Jahr 2050 zurückgehen wird. 16 War vor 50 Jahren noch jeder
dritte Deutsche unter 20 Jahre alt und lediglich jeder siebte älter als 59 Jah-
re, so ist heute lediglich jeder fünfte Deutsche unter 20, aber schon fast jeder
Vierte im Seniorenalter. Diese Entwicklung wird sich laut Studie in Zukunft
noch weiter verstärken. So wird 2050 nur noch jeder Sechste unter 20 sein
und jeder Dritte bereits 60 Jahre und älter. Mit der zunehmenden Lebenser-
wartung wird auch die Zahl der 80-Jährigen und Älteren erheblich anstei-
gen. Heute leben etwa 3,2 Millionen Personen dieses Alters in Deutschland.
2050 werden es laut Statistischem Bundesamt bereits 9,1 Millionen sein. 17
Abb.1: Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands
Quelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003
15 Niejahr, Elisabeth: Die vergreiste Republik, in: DIE ZEIT vom 14/10/04
16 Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10.
koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003, S. 27
17 Ebenda, S. 29
12
Die demographischen Veränderungen zeigen sich besonders deutlich in der Deformation der so genannten „Bevölkerungspyramide“. Sah die graphische Darstellung der Bevölkerung um 1910 tatsächlich einmal wie eine Pyramide aus, gleicht ihr Aussehen heute eher einem Pilz. In Zukunft wird der Pilz noch deutlich schmaler werden, weil die Bevölkerung von zwei Seiten her altert: Die Menschen werden nicht nur immer älter, sondern es werden gleichzeitig auch immer weniger Kinder geboren.
Abb.2: Bevölkerungspyramide
Quelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003
13
Deutschland gehört mit einer durchschnittlichen Rate von 1,38 Kindern pro
Frau schon heute weltweit zu den Staaten mit der niedrigsten Geburtenhäu-
figkeit. Die letzten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2000
haben ergeben, dass in der Europäischen Union lediglich Italien (1,24),
Spanien (1,23), Griechenland (1,29) und Österreich (1,34) noch niedrigere
Geburtenraten aufweisen. 18
Abb.3: Zusammengefasste Geburtenziffern in ausgewählten Staaten
1.) Angaben nicht vorhanden
Quelle: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 2003
18 Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10.
koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003, S. 12
14
Die niedrige Geburtenhäufigkeit führt dazu, dass auch die Anzahl der poten- tiellen Mütter immer kleiner wird. So wird die Zahl der Frauen im geburts- fähigen Alter von knapp 20 Millionen im Jahr 2001 auf lediglich 14 Millio- nen im Jahr 2050 sinken. 19
Die Geburtenrate in Deutschland liegt bereits seit 1972 unter dem zur Be- standssicherung notwendigen Niveau von 2,1 Kindern. 20 Dieser Durch- schnitt ist notwendig, weil in entwickelten Gesellschaften mit niedriger Sterblichkeitsrate das für die Finanzierung des sozialen Systems günstigste Verhältnis der Zahl der über 60jährigen zur Zahl der 20-bis unter 60jährigen genau dann erreicht wird, wenn die durchschnittliche Geburtenrate 2,1 be- trägt. „Wir müssen wieder mehr Kinder in Deutschland bekommen,“ warnt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg, wobei er konkretisiert, dass vor allem die lebenslange Kinderlosigkeit zu verringern sei, da diese seinen Berechnungen zufolge der entscheidende Grund für die niedrige Geburten- Rate (von 1,38 Kindern pro Frau) in Deutschland sei. Denn wenn Frauen in Deutschland Kinder haben, haben sie im Durchschnitt 2,1, was zur Be- standssicherung bereits vollkommen ausreichen würde. 21
Der Anteil der Frauen, die Zeit ihres Lebens kinderlos bleiben, ist von den Geburtsjahrgängen 1940 bis 1965 von 10,6 Prozent auf 32,1 Prozent gestie- gen. 22 Bei den Akademikerinnen werden sogar über 40 Prozent ohne Nach- wuchs bleiben. 23 Der entscheidende Grund dafür, dass sich immer weniger Frauen für ein Kind entscheiden, besteht laut Birg darin, dass die Entschei- dungen bezüglich des Berufs wie z.B. der Berufseinstieg und die Bindung an einen Partner sowie die Entscheidung für oder gegen eine Familiengrün- dung zeitlich häufig zusammenfallen. „Durch diese beiden folgenreichsten und unaufschiebbaren Eröffnungsentscheidungen am Beginn der Biographie polarisieren sich dann die Lebensläufe.“ 24 Hinzu kommt, dass die bestehen- den Strukturen, die die Vereinbarkeit von Erziehungs- und Erwerbsarbeit
19
Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2003,S. 6
20
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.117
21
Ebenda
22
Birg, Herwig: Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa, in: Leipert, Christian (Hrsg.): Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 2003, S. 27
23
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.73
24
Ebenda, S.77
15
25 Und so fällt bei über ei-
erleichtern sollen, bei weitem nicht ausreichen.
nem Drittel der Frauen die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere zu ungunsten der Nachkommenschaft aus.
Dass die Geburtenrate in Deutschland rückläufig ist, lässt sich schon seit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beobachten. Seit den 70er Jahren liegt die Sterberate in Deutschland bereits über der Ge- burtenrate. Die daraus resultierende Abnahme der Bevölkerung konnte zwar bisher durch Zuwanderungen weitestgehend kompensiert werden, aber das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Berechnungen der UN zufolge müssten bis 2050 188 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern, um den demographischen Schwund auszugleichen. Das sei jedoch weder
26
politisch durchsetzbar noch praktisch realisierbar.
Experten der Enquete-Kommission „Demographischer Wandel“ sind bereits 2002 zu dem Schluss gekommen, dass die Zuwanderung keinen Ausweg aus der demographischen Alterung Deutschlands darstelle. 27 Herwig Birg kommt zu dem gleichen Ergebnis. „Die jüngeren Einwanderer würden den Altenquotienten nur kurzfristig verringern, aber langfristig sogar erhöhen, da sie bald selbst zur Gruppe der 60-Jährigen und Älteren gehören.“ 28 Doch wie lässt sich die „Vergreisung“ Deutschlands verhindern?
Birg rät Deutschland dringlich zu einer „an demographischen Strukturen orientierten Politik, die Frauen dazu ermutigt, Kinder zu bekommen, nicht mehr, sondern überhaupt,“ 29 denn dass die Deutschen per se keine Kinder wollen, stimmt nicht. Umfragen zeigen, dass der hohe Wert der Familie gebrochen ist und dass sich immerhin 74 Prozent aller Kinderlosen durchaus Kinder wünschen und am liebsten gleich zwei. 30 Warum viele diesen Wunsch aber nicht verwirklichen, liegt laut dem Professor für Sozialpolitik und Soziologie Franz-Xaver Kaufmann an der „mangelnden Nachwuchspo-
25
Sinn, Hans-Werner: Das demographische Defizit. Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen, in: Leipert, Christian (Hrsg.): Demographie und Wohlstand. Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 2003, S. 57
26
UN: Replacement Migration, New York 2000, S.25
27
Deutscher Bundestag: Enquete-Kommission Demographischer Wandel, Berlin 2002
28
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.117
29
Ebenda, S.192
30
Klingholz, Reiner: Demographie. Was Deutschland erwartet, in: GEO Magazin von 05/04
16
litik in Deutschland.“ 31 Hierzu gehöre vor allem, die Vereinbarkeit von Be- ruf und Familie durch tarif-, sozial- und arbeitsrechtliche Anpassungen in der Arbeitswelt und durch den problemlosen Zugang zu ganztägig geöffne- ten Betreuungseinrichtungen für Kinder zu erleichtern. Dies sei laut Kauf- mann vor allem deshalb notwendig, weil Kinder und Karriere heute keine konkurrierenden Perspektiven mehr für Frauen darstellen dürfen. Empirisch lasse sich sogar ein positiver Zusammenhang zwischen der Frauenerwerbs- quote und der Fertilitätsrate feststellen. Sind die Arbeitsmarktaussichten für Frauen relativ gut und können sie Beruf und Familie miteinander vereinba- 32 Dieser Aufbau von „Humanvermögen“ 33
ren, ist auch die Fertilität höher.
ist laut Professor Dr. Max Wingen, Professor für Bevölkerungswissenschaft und Familienpolitik an der Universität Konstanz, für unsere Gesellschaft zwingend notwendig, wenn wir unsere sozialen Sicherungssysteme langfris- tig aufrechterhalten wollen. Denn „jede Generation muss eine ausreichende Zahl von Menschen heranbilden, die sich als produktive Arbeitskräfte, en- gagierte Bürger und verantwortungsvolle Eltern in den Generationenzu-
34 sammenhang einbringen.“
3.2 Generationenvertrag
In Deutschland beruhen die gesetzliche Renten- und Pflegeversicherung sowie auch große Teile der Krankenversicherung darauf, dass die jüngere Generation mit ihren Beiträgen die Versorgung der Älteren garantiert. Da der Großteil der Systeme des deutschen Sozialstaats Ende des 19. Jahrhun- derts jedoch für eine wachsende oder zumindest stabile Bevölkerung konzi- piert wurde, funktioniert der „Generationenvertrag“ im 20. Jahrhundert (bei 35 Das deutsche System der
einem Rückgang der Geburtenrate) nicht mehr.
Alterssicherung ist im internationalen Vergleich für die demographisch be- dingten Veränderungen besonders ungünstig konstruiert. Das seit 1957 be- stehende Umlageverfahren erschwert die Bildung von Sachkapital und führt aus Mangel an ökonomischen Anreizen zur Reduktion der Kinderzahl, da
31
Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in: FAZ vom 29/12/00
32
Kohler, Hans-Peter: Die Neue Demographie, Manuskript 2000
33
Wingen, Max: Familienpolitische Denkanstöße, Grafschaft 2001, S. 134
34
Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in: FAZ vom 29/12/00
35
Börsch-Supan, Axel: Alterung und Schrumpfung. Die ökonomischen Folgen, Mannheim
2003
17
die Rentenansprüche überwiegend von den Beiträgen der erzielten Ein- 36 „Das Motiv, zur Absicherung des Alters selbst Kinder
kommen abhängen.
zu bekommen, entfällt, weil ein Zusammenhang zwischen eigenem 37 Wenn man
Nachwuchs und Alterssicherung nicht mehr gesehen wird.“ das bisherige Umlageverfahren also ohne Beitragserhöhungen und ohne eine Kürzung des heutigen Rentenniveaus von 70 Prozent beibehalten möchte, bleibt laut Birg nur noch die Möglichkeit, das Ruhestandsalter von
38
Wir werden in Zukunft länger arbeiten müs- 60 auf 73 Jahre anzuheben.
sen, um die Rentensysteme zu entlasten, da „immer länger leben und immer weniger arbeiten nicht mehr zusammen passt.“ 39
Die gesetzliche Krankenversicherung trifft es besonders schwer, weil die mit steigendem Alter zunehmenden Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit unausweichlich sind. Die demographische Alterung erhöht ihre Ausgaben und senkt ihre Einnahmen. Laut Birg werden die Einnahmen der gesetz- lichen Krankenversicherung aufgrund der demographisch abnehmenden Zahl der Beitragszahler bis 2040 um rund 30 Prozent sinken. Die jährlichen 40 Diese Schere
Ausgaben werden ihrerseits jedoch um 22 Prozent steigen. zwischen Einnahmen und Ausgaben entsteht auch in der gesetzlichen Pfle- geversicherung, denn auch hier steigen die Pro-Kopf-Ausgaben mit zuneh- mendem Alter steil an. Der Trend zur Kinderlosigkeit stellt ein zusätzliches Problem dar, da der größte Teil der Pflegeleistungen bisher von den Famili- enmitgliedern erbracht wurde. Durch die erhöhte Anzahl an Pflegebedürfti- gen, die aufgrund von Kinderlosigkeit jedoch außerfamiliäre Leistungen in
41
Anspruch nehmen müssen, steigen die Kosten enorm.
Wenn man den Generationenzusammenhang nun nicht vollständig aus der Sozialpolitik ausklammern will, muss man über entsprechende Modifikatio- nen des Systems nachdenken. Ein Beispiel dafür wäre die Erweiterung des
36
Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in: FAZ vom 29/12/00
37
Kirchhof, Peter: Der Friede zwischen den Generationen, in: Rheinischer Merkur vom 04/09/03
38
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.183
39
Ebenda
40
Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende, München 2001, S.190
41
Ebenda
18
Generationenvertrags auf einen so genannten „Dreigenerationenvertrag". 42 Der Dreigenerationenvertrag sieht vor, dass jede Generation zwei Leistun- gen zu erbringen hat: Sie muss erstens ihre Eltern ernähren, indem sie Ren- tenbeiträge zahlt, die durch Umlageverfahren direkt als Rentenzahlungen an die Älteren weitergegeben werde und sie muss zweitens auch für ihre Kin- der sorgen, wozu zu allererst die Zeugung eigener Nachkommen gehört. Die Generation, die alt wird, muss also in Zukunft selbst vorgesorgt haben. Entweder, indem sie Kinder in die Welt gesetzt und großgezogen hat, die zur Sicherung der Rente ihrer Eltern im Umlageverfahren beitragen (Hu- mankapitalbildung), oder indem sie gespart und auf diese Weise Vorsorge für das Alter getroffen hat (Realkapitalbildung). 43 Ein solcher Ansatz würde zur Einführung einer von der Kinderzahl abhängigen Rente führen.
Welchem Ansatz der Rentendebatte schließlich der Vorzug gegeben wird, bleibt abzuwarten. Für Professor Dr. Max Wingen steht jedoch fest, dass es „insgesamt gelingen muss, die größtmögliche Entscheidungsfreiheit für die einzelnen Eltern wirtschaftlich und außerwirtschaftlich abzusichern, um ihren eigenen Lebensentwurf besonders mit Blick auf die Bedürfnisse der 44 Die Verantwortung hierfür liegt aller-
Kinder verwirklichen zu können“.
dings nicht allein in der Familie, sondern auch in der Politik und Wirtschaft, die Infrastrukturen bereitstellen müssen, um die Familien in ihren Lebens- entwürfen zu unterstützen.
3.3 Familienpolitik in Deutschland
Die Familie steht im Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung." 45 Der Familie wird damit eine hohe Bedeutung für Staat und Gesellschaft beigemessen. Doch was genau ist eigentlich eine Familie?
Der Brockhaus klärt uns auf, dass es zwar rechtlich keinen feststehenden Begriff für die Familie gebe, aber dass man darunter meist die Ehegatten mit
42
Kaufmann, Franz-Xaver: Der Generationenvertrag muss kinderfreundlich werden, in: FAZ vom 29/12/00
43
Miegel, Meinhard: Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen, München 2002, S.43
44
Wingen, Max :Familienpolitik als Gesellschaftspolitik der Zukunft, in: Die Neue Ordnung von 02/01
45
http://www.bundesregierung.de/Gesetze/-,4222/Grundgesetz.htm
19
ihren Kindern verstehe. 46 Dieses klassische Bild einer Familie ist immer noch in den meisten Köpfen verankert, obwohl die Realität heute oft anders aussieht. Die klassische Versorger-Ehe, in der der Mann für den Lebensun- terhalt der Familie aufkommt und die Frau Heim und Kinder betreut, ist genauso wie die vollständige Kernfamilie ein rückläufiges Modell. Neben der herkömmlichen Groß- bzw. Kleinfamilie entstehen neue Familienkon- zepte wie z.B. nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familien, Alleinerziehende mit Kindern wie auch homosexuelle Lebensgemeinschaf- ten. In Deutschland besteht bereits heute nur noch ein Drittel der Haushalte aus der traditionellen Kernfamilie. 47
Auch die Funktion der Familie hat sich gewandelt. Zum Ende des 19.Jahrhunderts, in einer noch landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft, glich die Familie eher einer Produktionsgemeinschaft, in der die Arbeits- kraft der Kinder dazu dienen sollte, den Lebensabend der Eltern zu sichern. Der Aufwand für die Kinder und ihr späterer Nutzen sollten sich in etwa die Waage halten. Mit der Industrialisierung hat das Kinderhaben den materiel- len Nutzen jedoch weitestgehend eingebüßt. Dem Aufwand für Kinder steht nur noch der „emotionale Nutzen“ gegenüber. 48 Die zentrale Aufgabe der Familienpolitik liegt deshalb darin, wieder einen gesunden Ausgleich zwi- schen Aufwand und Nutzen der Kindererziehung zu schaffen.
Bereits in den sechziger Jahren gab es Grundgedanken zum Thema „Bezah- lung“ einer elterlichen Erziehungsarbeit und diese Gedanken werden auch heute noch heftig diskutiert. Sie basieren auf der Grundlage, dass „Kinder- betreuung eine Leistung ist, die auch im Interesse der Gemeinschaft liegt und deren Anerkennung verlangt,“ wie es das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zur Kinderbetreuung im Januar 1999 formulierte. 49 „Die Eltern bauen mit der Erziehung ihrer Kinder ein Humankapital auf, von dessen Nutzen Dritte nicht ausgeschlossen werden können.“ 50 Deshalb sind laut Dr. Heinz Lampert, Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität Augsburg, „weitere Verbesserungen familienpolitischer,
46
Der Brockhaus in einem Band, Mannheim 2003
47
Schmidt, Renate: S.O.S. Familie, Hamburg 2003, S.57
48
Ebenda, S.23
49
Opielka, Michael: Das Konzept „Erziehungsgehalt 2000“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 3-4/00, S. 13
50
Kleinhenz, Gerhard: Familienleistungsausgleich. Wann sind Kinderlasten gerecht ver- teilt?, Stuttgart 1997, S.54
20
monetärer und infrastruktureller Leistungen erforderlich, wenn dem Trend entgegengewirkt werden soll, dass sich mehr und mehr Menschen scheuen, die mit der Geburt, der Versorgung und Erziehung der Kinder verbundenen Verluste an Einkommen, Sozialversicherungsansprüchen, beruflichen
Entwicklungsmöglichkeiten und Freizeit auf sich zu nehmen.“
51
An diesem Punkt ist die Familienpolitik gefragt. Doch die sei in Deutschland laut Sachverständigenkommission des Fünften Familienberichts immer noch ein Stiefkind der Sozialpolitik.
52
Der geringe Stellenwert der Familien-politik zeigt sich schon darin, dass der Anteil an Leistungen für Ehe und Familie am Bruttoinlandsprodukt 1965 4,3 Prozent und 1998 immer noch geringe 4,6 Prozent betrug, während die gesamte Sozialleistungsquote in dieser Zeit von 23,2 Prozent auf 33,6 Prozent gestiegen ist.
53
Auch das Kindergeld blieb immer „ein Bestandteil der finanzpolitischen Manövriermasse“
54
und wurde je nach politischer Lage und wirtschaftlicher Konjunktur erhöht oder reduziert.
Professor Dr. Max Wingen sieht die Zukunft der Familie in „wechselnden Arrangements der Geschlechterarbeitsteilung in individuell angelegten Le- bensverläufen.“ 55 Für ihn werden „weder das historisch überholte Famili- enmodell der strikten geschlechterspezifischen Arbeitsteilung noch das so- zialistische Familienmodell der funktionalen Gleichheit von Mann und Frau das Leitbild einer zukunftbezogenen Familienpolitik sein. Es ist vielmehr das sozial- und familienpolitisch entsprechend unterstützte Nebeneinander unterschiedlicher Kombinationen von im Einzelfall unterschiedlich langen Sequenzen von dominierender Erwerbsarbeit und Familienarbeit und zwar in betont gleichberechtigungsorientierter Aufteilung zwischen den Ge- schlechtern.“ 56 Um das zu erreichen, sei allerdings nicht allein die staat- liche Politik gefordert, sondern auch die Wirtschaft. So müsse neben der Einrichtung eines Erziehungsgeldes nicht nur der kulturelle Umdenkungs- prozess gefördert werden, sondern auch eine Reihe arbeitsrechtlicher Maß-
51
Lampert, Heinz: Aktuelle Probleme der Familienpolitik, in: Mückl, Wolfgang J.(Hrsg.): Familienpolitik. Grundlagen und Gegenwartsprobleme, Paderborn 2002, S.97
52
Kaufmann, Franz-Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaft- liche und politische Bedingungen, München 1995, S.180
53
Deutsche Bundesregierung: Sozialbericht 2001, Berlin 2002, S.8
54
Kaufmann, Franz-Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaft- liche und politische Bedingungen, München 1995, S.180
55
Wingen, Max: Familie als Gesellschaftspolitik der Zukunft, in: Mückl, Wolfgang J. (Hrsg.): Familienpolitik. Grundlagen und Gegenwartsprobleme, Paderborn 2002, S.78
56
Ebenda
21
nahmen wie z.B. flexible Arbeitsregelungen oder Rückkehransprüche und Fortbildungsangebote während des Erziehungsurlaubs ergriffen werden. 57 Nicht isolierte Einzelmaßnahmen führen laut Wingen zum Ziel, sondern integrativ geplante Maßnahmenbündel. Im Folgenden werde ich nun die einzelnen Maßnahmen vorstellen, die „integrativ geplant“ zur Familienför- derung in Deutschland beitragen sollen. Ich werde zunächst die politischen Maßnahmen vorstellen, die Deutschland zur Familienförderung eingeführt hat, um daraufhin die wirtschaftlichen Möglichkeiten der familienorientier- ten Personalpolitik näher zu beleuchten.
3.3.1 Gesetzliche Grundlagen
Das deutsche Grundgesetz garantiert seit 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Arti- kel 3 im Rahmen einer Überprüfung des Grundgesetzes um den Zusatz „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“ 58 erweitert. Im selben Jahr ist auch das Zweite Gleichberechtigungsge- setz in Kraft getreten. Dieses „Frauenfördergesetz“ sollte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie speziell in der Bundesverwaltung und den Gerichten des Bundes fördern. Das Verbot der geschlechtlichen Benachteiligung im Arbeitsleben sollte verschärft werden und erweiterte Mitwirkungsrechte von Betriebsrat und Personalrat bei der Frauenförderung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erwirkt werden. Das Beschäftigtenschutzgesetz sollte außerdem vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz schützen. 59
Da das Frauenfördergesetz jedoch „das verbindliche Staatsziel der tatsächli- chen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht erreicht hatte,“ 60 wurde es 2001 durch das Bundesgleichstellungsgesetz er- setzt. Dieses soll die tatsächliche Gleichstellung im öffentlichen Dienst ent- scheidend voranbringen. Es sieht insbesondere die bevorzugte Berücksichti- gung von Frauen mit gleicher Qualifikation im Falle ihrer Unterrepräsentanz
57
Wingen, Max: Aufwertung der elterlichen Erziehungsarbeit in der Einkommensvertei- lung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B3-4/00, S.3ff
58
http://www.bundesregierung.de/Gesetze/-,4222/Grundgesetz.htm
59
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Maßnahmen und Gesetze zur Gleichstellung seit 1949, Berlin 2002, S.10
60
http://www.bundestag.de/bp/2001/bp0109/0109044a.html
22
sowie konkrete Benachteiligungsverbote vor. 61 Zu dem Gleichstellungsge- setz kommen verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Si- cherung von Frauen im Rahmen des Pflegeversicherungsgesetzes, der Aus- bau des Mutterschutzes sowie die verbesserte Berücksichtigung von Erzie- hungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung. 2001 wurde das neue Elternzeitgesetz eingeführt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die gemeinsame Betreuung der Kinder verbessern soll. Vor der Ein- führung des neuen Elternzeitgesetzes sprach man noch von Erziehungsur- laub. Dieser Begriff wurde jedoch bewusst durch Elternzeit ersetzt, um die Komplexität des Aufgabenfeldes nicht durch das Wort Urlaub abzuschwä- chen.
Im Rahmen der Elternzeit soll auch den Vätern durch den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit die Chance gegeben werden, sich an den Erziehungsauf- gaben zu beteiligen. „In Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten haben El- tern einen Anspruch auf Ermäßigung ihrer Arbeitszeit in der Elternzeit, so- weit dem nicht dringende betriebliche Gründe entgegenstehen.“ 62 Gleichzei- tig würden aber auch die Frauen durch eine Teilzeitbeschäftigung die Mög- lichkeit erhalten, den Kontakt zum Beruf auch während der Elternzeit auf- recht zu erhalten. Beide Elternteile können die Elternzeit auch gemeinsam nehmen und in dieser Zeit bis zu je 30 Stunden pro Woche einer Erwerbstä- tigkeit nachgehen. Mit der Möglichkeit, einen Anteil von bis zu 12 Monaten Elternzeit mit Zustimmung des Arbeitgebers auch noch bis zum 8. Ge- burtstag des Kindes nehmen zu können, sollen die Regelungen dem Anlie- gen vieler Eltern entgegen kommen, sich zum Beispiel gerade in der wich- tigen Phase der Einschulung verstärkt um ihre Kinder kümmern zu kön- nen. 63
Die Probleme des Elternzeitgesetzes liegen vor allem in den vielfältigen Ausnahmeregelungen, die es den Arbeitgebern ermöglichen, den Anspruch auf Elternzeit durch die Vorschiebung zum Beispiel „dringender betriebli- cher Gründe“ zu untergraben. Außerdem ist der alte Arbeitsplatz nach der Elternzeit nicht gesetzlich abgesichert, das heißt, dass man zwar Anspruch
61
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Maßnahmen und Gesetze zur Gleichstellung seit 1949, Berlin 2002, S.13f
62
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.83f
63
Ebenda
23
auf einen Job hat, aber nicht unbedingt auf den, den man vorher hatte. Vor dem beruflichen Abstieg haben vor allem die Männer Angst: „Sie leh- nen Teilzeitarbeit oder Kinderpausen ab, aus Ehrgeiz und Angst, die Auszeit könne ihrer Karriere schaden, aber auch aus falsch verstandener Männlich- keit“ wie der Direktor des „Fatherhood Project“ in New York James A. Le- vine herausgefunden hat. 64
Die Elternzeit wird trotz geschlechtsneutraler Ausgestaltung der gesetzli- chen Grundlagen fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen. Obwohl in einer aktuellen Umfrage 78 Prozent der befragten Männer anga- ben, die Möglichkeit gut zu finden, dass Väter Elternzeit in Anspruch neh- men können, 65 ist der Anteil der Männer, die dieses Angebot auch tatsäch- lich wahrnehmen, mit etwa 1,5 Prozent verschwindend gering. 66 Bei den Sozialleistungsansprüchen verhält es sich ähnlich. Obwohl auch sie ge- schlechtsneutral formuliert sind, bestehen dort vor allem auf den Gebieten der Alters- und Arbeitslosensicherung erhebliche geschlechtsspezifische Differenzen. Eine wesentliche Ursache dafür ist die starke Anbindung der Leistungen an die Dauer der vorherigen Erwerbstätigkeit und die Höhe des Erwerbseinkommens, das bei Frauen durch die Erziehungsarbeit häufig deutlich geringer ausfällt. 67
Dies alles zeigt, dass die gesellschaftliche Realität dem Anspruch des Grundgesetzes noch lange nicht gerecht wird. In der deutschen Familienpo- litik gibt es Defizite, die es zu identifizieren und auszugleichen gilt. Welche das im Einzelnen sind und wie wir sie am besten in den Griff bekommen können, zeigt uns ein Blick „über den deutschen Tellerrand hinaus“, denn der reicht laut Familienministerin Renate Schmidt aus, „um klar zu sehen, woran es hierzulande mangelt und wie wir zu überzeugenden Lösungen für Familien gelangen und damit für die Gesellschaft insgesamt. Es ist auch in der Familienpolitik weder sinnvoll noch notwendig, das Rad ständig neu erfinden zu wollen.“ 68
64
Horsch, Evelyn; Speck, Maria: Karrierekiller Kind, München 1999, S.1
65
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht über die Aus- wirkungen der §§15 und 16 Bundeserziehungsgeldgesetz, Berlin 2004, S.15
66
Franks, Suzanne: Das Märchen von der Gleichheit, Stuttgart 1999, S.159
67
Klammer, Ute: WSI-Frauendatenreport, Berlin 2000, S. 269f
68
Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.158
24
3.3.2 Europäischer Vergleich
Eine europäische Familienpolitik gibt es noch nicht. Jeder Mitgliedstaat der europäischen Union hat seine eigenen Regeln und Gesetze zu diesem The- ma. Auf EU-Ebene existiert seit 1999 lediglich eine „Europäische Beobach- tungsstelle für Familienangelegenheiten,“ die die Tendenzen und Entwick- lungen der Familienpolitik in den einzelnen Ländern verfolgt. 69 Die skandi- navischen Länder Schweden, Dänemark und Norwegen gelten neben Frank- reich als die Vorbilder in Sachen Familienpolitik. Um Ideen entwickeln zu können, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in Deutschland verbessert werden kann, ist es notwendig, sich diese Länder einmal genauer anzuschauen. Denn nur im direkten Vergleich der einzelnen Handlungsfel- der können wir die Defizite der deutschen Familienpolitik aufspüren und neue Handlungsalternativen entwickeln.
Die jüngsten Zahlen des OECD 70 Employment Outlook 2004 zeigen, dass die skandinavischen Frauen international die höchsten Erwerbsquoten auf- weisen. In Norwegen waren 2003 72,9 Prozent der Frauen berufstätig, dicht gefolgt von Schweden mit 72.8 Prozent und Dänemark mit 70,5 Prozent. Die Erwerbsquote von deutschen Frauen liegt mit 58,7 Prozent deutlich dar- unter. 71 Außerdem arbeiten Frauen in Deutschland häufiger Teilzeit als in den anderen analysierten Ländern. Mit 36,3 Prozent liegt die Teilzeitquote deutlich über Frankreich und den skandinavischen Ländern. In Frankreich arbeiten zum Beispiel nur 22,8 Prozent der Frauen in Teilzeit und in Schwe- den sogar nur 20,6 Prozent. 72 Das ist insofern erstaunlich, als dass in allen analysierten Ländern trotz höherer Erwerbstätigkeit der Frauen mehr Kinder geboren werden als in Deutschland. Während die Geburtenrate in Deutsch- land bei durchschnittlich nur 1,38 Kindern pro Frau liegt, werden zum Bei- spiel in Dänemark (1,77) und Norwegen (1,85) deutlich mehr Kinder gebo- ren. Frankreich ist von unseren Vergleichsländern mit einer Rate von 1,88 der absolute Spitzenreiter in punkto Fertilität. 73 Die Familienministerin Re- nate Schmidt erklärte diese Zusammenhänge in einer Pressemitteilung vom
69
Europäische Kommission: Familienleistungen und Familienpolitik in Europa. Manuskript, Berlin 2002, S.3
70
Abkürzung für „Organisation for Economic Cooperation and Development“, http://www.oecd.org
71
OECD Employment Outlook 2004, S. 296
72
Ebenda, S. 310
73
vgl.Tabelle S.14
25
5. Oktober 2004 wie folgt: „Es bestätigt sich im internationalen Vergleich immer wieder folgendes: Die Länder, die eine gute Infrastruktur für Famili- en wie z.B. ein gutes Angebot an Kinderbetreuung haben und in denen des- halb Frauen und Männer leichter Beruf und Familie vereinbaren können, verzeichnen in der Regel auch eine höhere Geburtenrate.“ 74 Schauen wir uns also die Kinderbetreuung in den Beispielländern einmal genauer an.
Frankreich wird in Sachen Kinderbetreuung immer als ein europäisches Vorbild genannt, weil dort eine nahtlose Kinderbetreuung von der Krippe bis zur Ganztagsschule angeboten wird. Kleinkinder können schon ab einem Alter von zweieinhalb Monaten in die so genannten „crèches“ (Krippen) gebracht werden oder von einer Tagesmutter betreut werden. „Das französi- sche Tagesmütternetz ist vorbildlich, stellt es doch für etwa 600.000 franzö- sische Familien mit Kleinkindern 300.000 zugelassene Tagesmütter zur Verfügung.“ 75 Diese Art von privater Betreuung ist für die Eltern auch nicht einmal teuer, denn sie bezahlen nur ein Viertel der entstehenden Kosten. Die Sozialversicherung übernimmt der Staat und die Kosten für die Betreuung sind steuerlich absetzbar. 76 Fast 100 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen danach die „école maternelle“, in der sie von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr (und auf Wunsch auch davor und/oder danach) durch qualifiziertes Personal betreut werden. 77 Auch in den Schulen werden die Kinder bis 16.30 Uhr betreut. Wie in der „école maternelle“ wird auch hier vor und nach der offiziellen Schulzeit eine zusätzliche Betreuung angebo- ten. 78
Ähnlich dicht ist das Betreuungsnetz auch in den skandinavischen Ländern. Dort haben Eltern sogar häufig einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kin- derbetreuungsplatz. In Schweden beispielsweise haben alle Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren Anspruch auf einen Platz in einer Vorschultages- stätte und die Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren werden nach der
74
http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=20934.html
75
Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.161
76
fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen Vergleich 2004, S.12
77
Fix, Birgit: Familienpolitik im internationalen Vergleich: von Europa lernen, http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Familienpolitik/s_877.html
78
Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.161
26
Schule in so genannten Freizeitzentren betreut. 79 76 Prozent der schwedi- schen Kinder von ein bis sechs Jahren und 73 Prozent der bis 12-Jährigen nehmen diese Einrichtungen in Anspruch. Ihre Öffnungszeiten richten sich sogar nach den Arbeitszeiten der Eltern. 80 In Dänemark und Norwegen ist die Situation ähnlich. Auch hier werden die Kinder von der Krippe bis zur Schule auch am Nachmittag betreut. In Dänemark gibt es wie in Frankreich zusätzlich zu dem öffentlichen Betreuungsangebot auch eine so genannte kommunale Tagespflege, in der die Kinder privat betreut werden können. Die Zuzahlung zu diesem Angebot beträgt für die Eltern höchstens 30 Pro- zent der Betriebsausgaben. 81
In Deutschland besteht das größte Defizit in der Betreuung der Kinder zwi- schen null und drei Jahren. Für nur 2,7 Prozent gibt es zur Zeit in West- deutschland einen Krippenplatz (in Ostdeutschland für immerhin 37 Pro- zent). 82 Ein rechtlicher Anspruch auf Kinderbetreuung besteht in Deutsch- land erst für Kinder ab drei Jahren in einem Kindergarten und auch dort können die Eltern ihre Kinder oft nur bis 12 Uhr mittags lassen, da es für die Nachmittagsbetreuung zu wenige Plätze gibt.
Auch die Schulzeit bietet den deutschen Müttern oft keine Entlastung, da die weiterführenden Betreuungsangebote am Nachmittag sehr rar sind. Viele deutsche Eltern müssen daher entweder auf eine teure Tagesmutter zurück- greifen oder selbst zu Hause bleiben, um sich um den Nachwuchs kümmern. Die zweite Variante wird in Deutschland jedoch sehr viel stärker unterstützt. In keinem anderen Land ist beispielsweise die Elternzeit so lang wie in Deutschland. Eltern können hier bis zur Vollendung des dritten Lebensjah- res ihres Kindes in Elternzeit gehen. 83 In den übrigen analysierten Ländern fällt diese Zeit wesentlich geringer aus als in Deutschland. In Schweden z.B. umfasst die Elternzeit nur maximal 480 Tage, von denen 390 Tage unter den Eltern aufgeteilt werden können. Äußerst interessant ist hierbei, dass 60 dieser 390 Tage allein dem Vater vorbehalten sind und diese auch nicht an
79
Schwedisches Institut: Tatsachen über Schweden. Kinderbetreuung in Schweden 2002, http://www.sweden.se
80
Ebenda
81
fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen Vergleich 2004, S.24
82
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Lebenswünsche, Geburtenrate und Kinderbetreuung in Deutschland, Berlin 2004, S.13
83
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.49
27
die Mütter übertragen werden können. Fest reservierte Zeiten für Väter gibt es zwar auch in den anderen Ländern, aber sie fallen dort deutlich geringer aus. 84 Weit weniger großzügig als in den Vergleichsländern erweist sich in Deutschland jedoch die finanzielle Unterstützung während der Elternzeit. Das Erziehungsgeld richtet sich hier nach einer Einkommensgrenze und wird maximal 24 Monate gezahlt. 85 In den anderen untersuchten Ländern wird das Erziehungsgeld unabhängig vom Einkommen für bis zu 18 Monate gezahlt und fällt dort insgesamt höher aus als in Deutschland. Beim Kinder- geld ist Deutschland wieder etwas großzügiger. Für das erste bis dritte Kind erhalten Eltern in Deutschland 154 €, ab dem vierten Kind 179 € monat- lich. 86 Die anderen Länder liegen deutlich unter diesem Satz und bewilligen Kindergeld zum Beispiel wie in Frankreich erst ab dem zweiten Kind. 87 Die französische Familienpolitik versucht mit dieser Maßnahme, den Kinder- reichtum der Familien zu fördern. 88 Ein weiterer Unterschied in den finan- ziellen Leistungen besteht darin, dass in Deutschland nur angestellte Frauen Anspruch auf Mutterschaftsgeld haben (in Höhe des durchschnittlichen mo- natlichen Nettoeinkommens). Selbständige haben hierzulande keinerlei An- sprüche und können sich gegen das „Risiko“ Schwangerschaft auch nicht privat versichern. In den skandinavischen Ländern erhalten auch selbständi- ge Frauen Unterstützung.
Aus dem Vergleich mit den skandinavischen Ländern Schweden, Dänemark und Norwegen und unserem Nachbarn Frankreich lässt sich für die deutsche Familienpolitik folgendes Fazit ziehen:
Das Betreuungsangebot für Kinder in Deutschland muss verbessert werden. Insbesondere fehlt es an öffentlichen oder subventionierten privaten Ein- richtungen für Kinder unter drei Jahren. Eine Betreuungsdichte von 2,7 Pro- zent in Westdeutschland ist einfach zu wenig. Außerdem braucht Deutsch- land mehr Ganztagsschulen und Horte, damit auch die Betreuung älterer Kinder am Nachmittag gewährleistet ist. Die Vergleichsländer machen uns
84
fast 4ward:Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Deutschland im europäischen Vergleich 2004, S.54
85
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erziehungsgeld, Elternzeit, Berlin 2004, S.13
86
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Staatliche Hilfen für Familien, Berlin 2004, S.8
87
Europäische Kommission: EUROPA – MISSOC. Vergleichende Tabellen zur sozialen Sicherheit in den Mitgliedsstaaten 2000, Berlin 2001, S.34
88
Schmidt, Renate: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Hamburg 2003, S.160
28
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