Ziel der vorliegenden Arbeit sowie dieses Vergleichs ist zum einen, die Denkprozesse, Schlussfolgerungen und Erklärungen der beiden für ihre Sichtweise des Publikums nachzuvollziehen und ihre Überlegungen hinsichtlich der Möglichkeiten, die zur Bekämpfung des Kapitalismus dienen können, aufzuzeigen.
Dazu werde ich zunächst Adornos Sichtweise der Massenmedien im Gesamten und ihrer Auswirkung auf das Publikum nachzeichnen. Diese Sichtweise soll dann in einem anschließenden Abschnitt zu seinem Blick auf das Fernsehen als damals neues Medium pointiert werden. Aus dieser Darstellung seiner – wie sich zeigen wird – extrem negativen Einstellung gegenüber den Massenmedien und ihren Folgen für das Publikum wird eindeutig hervorgehen, weshalb der einzelne Rezipient innerhalb seiner Theorie wenig ausrichten kann. Adornos alternative Ansätze zur Verbesserung der Lage möchte ich in diesem Rahmen allerdings nicht auslassen, da ihre Form seinen Eindruck des unmündigen Publikums noch einmal verdeutlichen.
Zur Nachzeichnung der Position John Fiskes werde ich zunächst seine Sichtweise der Gesellschaft und Identität der Menschen herausarbeiten, um zeigen zu können, wie sich aus seiner Sicht das Publikum konstituiert. Dem anschließen wird sich die Ausführung des Verhältnisses dieses Publikums zu den Medien, bevor ich abschließend darstellen werde, worin für Fiske – ausgehend vom einzelnen Individuum und Rezipienten – eine Bekämpfung des Kapitalismus möglich ist.
In einem abschließenden Fazit möchte ich dann noch einmal reflektieren, welchen Grund es dafür geben kann, dass Adorno und Fiske zu solch unterschiedlichen Einschätzungen hinsichtlich des Publikums gelangen. Wie kann es sein, dass beide im Grunde dasselbe politische Ziel verfolgen, ihr Feindbild teilen, jedoch der eine zu dem Schluss kommt, dass das Publikum machtlos ist, während der andere ihm ein großes Maß an Macht zuspricht? Liegt dies einzig und allein an der unterschiedlichen Blickrichtung oder liegen eventuell andere Faktoren vor, die die Einstellung von Adorno und Fiske beeinflusst haben? Und schließlich: können diese Faktoren einen Hinweis darauf geben, welcher der beiden Recht hat?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Einordnung: Die Theorien und ihr Zusammenhang mit den Medien
2.1 Die Kritische Theorie und Theodor W. Adorno
2.2 Die Cultural Studies und John Fiske
3. Theodor W. Adorno: Verblendung des Publikums durch die „Kulturindustrie“
3.1 Die „Kulturindustrie“ und ihre Folgen für das Publikum
3.2 Das Fernsehen als Spitze der „Kulturindustrie“
3.3 Adornos Vorschläge zur Rettung des Publikums
4. John Fiske: Widerstand des Publikums durch Bedeutungskonstruktion
4.1 Die Gesellschaft als Bündel sozialer Formationen
4.2 Zum Verhältnis Text – Publikum
4.3 Bedeutungskonstruktion: Macht, Widerstand und Vergnügen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die gegensätzlichen Sichtweisen von Theodor W. Adorno (Kritische Theorie) und John Fiske (Cultural Studies) auf das Publikum von Massenmedien. Ziel ist es, die theoretischen Denkprozesse beider Autoren nachzuvollziehen und zu ergründen, warum trotz eines gemeinsamen politischen Ziels – der Überwindung kapitalistischer Strukturen – so unterschiedliche Einschätzungen über die Macht und den Widerstand des Publikums entstehen.
- Vergleich zwischen der Kritischen Theorie und den Cultural Studies
- Die Rolle der „Kulturindustrie“ als Instrument der Massenmanipulation nach Adorno
- Konzept des aktiven Publikums und Bedeutungskonstruktion nach Fiske
- Einfluss von sozio-historischen Kontexten auf die Medientheorien
- Möglichkeiten des Widerstands durch individuelle Interpretation und Alltagspraxis
Auszug aus dem Buch
3.1 Die „Kulturindustrie“ und ihre Folgen für das Publikum
Eine eindeutige Definition, was mit dem Ausdruck der „Kulturindustrie“ gemeint ist, lässt sich schwerlich finden. In seinem 1963 erschienenen Aufsatz Résumé über Kulturindustrie klärt Adorno zumindest dessen Herkunft: „Das Wort Kulturindustrie dürfte zum ersten Mal in dem Buch Dialektik der Aufklärung verwendet worden sein, das Horkheimer und ich 1947 in Amsterdam veröffentlichten.“ Horkheimer und Adorno ersetzten darin den zunächst genutzten Begriff der „Massenkultur“ durch den der „Kulturindustrie“, um von vornherein die Deutung auszuschalten, die den Anwälten der Sache genehm ist: daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handele, um die gegenwärtige Gestalt von Volkskunst. Von einer solchen unterscheidet Kulturindustrie sich aufs äußerste.
Ihrer eigenen Erklärung, sie sei aus den Bedürfnissen der Massen heraus entstanden, widerspricht er vehement und stellt stattdessen fest: „Die Verfassung des Publikums, die vorgeblich und tatsächlich das System der Kulturindustrie begünstigt, ist ein Teil des Systems, nicht dessen Entschuldigung.“
Als wohl zentralstes Merkmal der „Kulturindustrie“ ist die Umfunktionierung von Kunst in Ware sowie der Verfall des künstlerischen Wertes zu nennen. Der „Gebrauchswert [...] der Kulturgüter [...] wird durch den Tauschwert ersetzt“, womit sich die Sphäre der Kultur der Funktionsweise des ökonomischen Systems angleicht. Allein der Verkauf von Kulturprodukten und nicht länger ihr ästhetischer Wert scheint relevant: „Geistige Gebilde kulturindustriellen Stils sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch.“ Daraus resultiert, dass die Menschen lediglich als Abnehmer dieser Produkte interessant sind. Unmissverständlich macht Adorno klar: „Der Kunde ist nicht, wie die Kulturindustrie glauben machen möchte, König, nicht ihr Subjekt, sondern ihr Objekt.“ Ein weiterer Aspekt, den Adorno und Horkheimer gleich zu Beginn ihrer Arbeit anprangern ist derjenige der Gleichheit aller Kulturprodukte: „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit.“ Auch in seinem Résumé über Kulturindustrie stellt Adorno diesen Punkt noch einmal heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, dass Kritische Theorie und Cultural Studies zwar den Kapitalismus als Feindbild teilen, das Publikum aber völlig unterschiedlich bewerten.
2. Zur Einordnung: Die Theorien und ihr Zusammenhang mit den Medien: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge der Frankfurter Schule (Adorno) und der Cultural Studies (Fiske) sowie deren jeweiligen methodischen Ansatz.
3. Theodor W. Adorno: Verblendung des Publikums durch die „Kulturindustrie“: Hier wird Adornos negative Sichtweise analysiert, in der Massenmedien zur Bewusstseinsfesselung und Erhaltung des Status quo beitragen.
4. John Fiske: Widerstand des Publikums durch Bedeutungskonstruktion: Dieses Kapitel stellt Fiskes optimistischere Perspektive dar, nach der Konsumenten durch aktive Bedeutungszuschreibung Widerstand leisten.
5. Fazit: Das Fazit reflektiert die unterschiedlichen Positionen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entstehungsgeschichte und betont die Notwendigkeit einer kontextuellen Betrachtung von Medientheorien.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Cultural Studies, Adorno, Fiske, Kulturindustrie, Massenmedien, Publikum, Bedeutungskonstruktion, Kapitalismus, Widerstand, Manipulation, Fernsehen, soziale Identität, Alltag, Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Sichtweisen zweier einflussreicher Medientheoretiker, Theodor W. Adorno und John Fiske, auf die Rolle und Macht des Publikums innerhalb kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Kritische Theorie, die Cultural Studies, das Konzept der Kulturindustrie, Medienrezeption, soziale Identitätsbildung sowie die Möglichkeiten von Widerstand durch Mediennutzer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie zwei Theoretiker mit demselben politischen Ziel zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen über die Mündigkeit des Publikums kommen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, bei der die theoretischen Ansätze der Autoren auf Basis ihrer zentralen Werke gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Adornos Kulturindustriethese und deren Auswirkung auf das Publikum sowie die Analyse von Fiskes Konzept des aktiven Publikums und der polysemen Bedeutungskonstruktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Kulturindustrie, Bedeutungskonstruktion, Medienrezeption, Kritische Theorie, Cultural Studies und aktives Publikum.
Warum hält Adorno das Publikum für machtlos?
Adorno betrachtet die Kulturindustrie als ein geschlossenes System, das durch die Standardisierung von Kulturprodukten das Denken der Menschen so weit einschränkt, dass sie nur noch Objekte der Manipulation sind.
Wie definiert John Fiske das „aktive Publikum“?
Fiske argumentiert, dass Zuschauer Medieninhalte aktiv im Alltag nutzen und umdeuten, wodurch sie sich eigene Bedeutungen erschließen und so eine Form von kulturellem Widerstand ausüben.
Welche Rolle spielt der historische Kontext für die Autoren?
Der Kontext ist entscheidend: Adornos Erfahrungen während des Exils und der NS-Zeit prägten seine pessimistische Sicht, während Fiskes Arbeiten in einer medial vielfältigeren Zeit entstanden, was seine optimistischere Haltung erklärt.
Was bedeutet der Begriff „radikaler Kontextualismus“ am Ende der Arbeit?
Es bedeutet, dass medientheoretische Aussagen über das Publikum niemals universell gültig sind, sondern immer in Bezug auf ihre spezifischen sozialen, räumlichen und zeitlichen Bedingungen interpretiert werden müssen.
- Arbeit zitieren
- Carina Weinmann (Autor:in), 2008, Verblendung oder Widerstand durch Bedeutungskonstruktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115404