Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die Postmoderne und der Film 6
2.1. Erläuterung des Begriffes „Postmoderne“ und dessen Bedeutung 6
2.1.1. Der Postmoderne-Begriff nach David Bordwell 7
2.1.2. Der Postmoderne-Begriff nach Mike Sandbothe und Jean-Francois Lyotard. 9
2.2. Quentin Tarantino als postmoderner Filmemacher 12
2.2.1. Tarantino als Teil und Produkt der amerikanischen Populärkultur. 14
2.2.2. Tarantinos Trademarks 17
3. Quentin Tarantinos True Romance 22
3.1. Plotstruktur und Aufbau von True Romance. 22
3.2. True Romance und seine Einflüsse. 26
3.3. Charakterkonstitution in True Romance. 29
4. Schlusswort 32
5. Anhang 35
6. Quellen. 36
2
„I love fucking with an audience. I love taking them on a ride!”
-Quentin Tarantino
1. Einleitung
Im Jahr 2002 ist es zehn Jahre her, dass Quentin Tarantino mit seinem Debüt Reservoir Dogs 1 zuerst Festivalbesucher in den USA und dann das Kinopublikum auf der ganzen Welt zu begeistern wusste. Sowohl bei Kritikern als auch bei Zuschauern rief Tarantino mit seinem Gangsterfilm Lobpreisungen und positive Reaktionen hervor. Kontrovers diskutiert wurde aber der Einsatz stilisierter Gewalt, die manche Kritiker in keiner Weise nachzuvollziehen in der Lage waren. Nach seinem in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichneten 1994er Nachfolger Pulp Fiction 2 , der ihn endgültig in aller Munde und auf die Bühne des Shrine Auditoriums in Los Angeles brachte, folgte bis jetzt nur Jackie Brown 3 (1997). Nichtsdestotrotz ist Tarantino zu so etwas wie einer jungen, amerikanischen Legende g eworden: vom kleinen Angestellten in einer Videothek zum Oscarpreisträger. In der Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war er in der Lage, einen eigenen Stil in Hollywood zu etablieren und damit unzählige Nachahmer auf der ganzen Welt auf den Plan zu rufen. Er zeigte aber auch zahlreichen Nachwuchsregisseuren, dass es durchaus möglich ist, auch ohne einen großen Namen zu haben, einen Film auf die Beinen zu stellen.
Doch was ist das besondere an Quentin Tarantino? Was zeichnet ihn aus und was unterscheidet ihn von anderen Regisseuren seiner Generation? War es so, dass die übersättigte Hollywoodindustrie am Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts geradezu nach jemandem wie Tarantino gierte und etwas Neues brauchte, auf das sie sich stürzen konnte? Und ist das, was Tarantino in seinen Filmen zelebriert, überhaupt so neu, oder haben es die Zuschauer hier nicht vielmehr mit einem Filmliebhaber und Kenner der Popkultur des zwanzigsten Jahrhunderts erster Güte zu tun, der es geschafft hat, sich selbst hinter (und auch vor) eine Filmkamera zu bringen und von dort aus seine Art der Rezeption, hauptsächlich von Filmen und Musik, in die Kinosäle auf der ganzen Welt zu spiegeln?
Ganz so einfach ist es höchstwahrscheinlich nicht. Denn im Unterschied zu vielen seiner Nachahmer, die oftmals über das flache und unvollständige Kopieren des
1
Reservoir Dogs,
USA 1992. Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino. Mit: Harvey Keitel, Tim Roth, Michael
Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi.
2 Pulp Fiction, USA 1994. Regie: Quentin Tarantino. Drehbuch: Quentin Tarantino und Roger Avary. Mit: John
Travolta, Samuel L. Jackson, Uma Thurman, Eric Stoltz.
3 Jackie Brown, USA 1997. Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino. Mit: Pam Grier, Samuel L. Jackson, Robert
Forster, Robert De Niro.
3
Tarantinoschen Stils nicht hinweggekommen sind, ist es Quentin Tarantino schon in seinem ersten Film gelungen, eine eigene Form der Erzählweise zu entwickeln. In wie weit sich Tarantinos Art der Drehbuchentwicklung und der Umsetzung seiner Stoffe, trotz des unabsprechbar hohen Grades an Referenzen auf schon existierende Filme, als etwas Neues und Eigenständiges bezeichnen lässt, in wie weit man hier von einer postmodernen Erzählweise sprechen kann und ob es sich hierbei um eine Form des Sampling handelt, oder ob ein anderer, neuer Begriff für eine solche Art des Geschichtenerzählens etabliert werden sollte, soll u.a. Thema dieser Arbeit sein.
Im einzelnen gibt e s mehrere Punkte, die bei der Klärung der oben formulierten Fragestellungen hilfreich sein können. Diese lassen sich in zwei Komplexe unterteilen:
1. Um eine Charakterisierung von Tarantinos Erzählstil zu ermöglichen, bietet es sich an, seine Filme und Drehbücher zu vergleichen. Im Vordergrund sollen hierbei nicht unbedingt die Filme stehen, in denen er selber in der Funktion des Regisseurs tätig war. Diese sollen im Laufe der Arbeit immer wieder zur Veranschaulichung dienen. Gesondert soll aber ein Film behandelt werden, zu dem er „nur“ das Drehbuch lieferte: True Romance 4 . Dies mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, denn True Romance scheint zu erst einmal nur ein typischer Hollywoodstreifen der frühen neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein: scheinbar ohne besonderen Tiefgang und filmästethischen Wert. Diesem Urteil soll sich nicht komplett widersetzt werden, denn immerhin war Blockbusterregisseur Tony Scott mit der Regie beauftragt worden. Um so erstaunlicher ist bei wiederholtem Sehen das Ergebnis welches sich in Form von True Romance dem Zuschauer präsentiert: Ein Vergleich mit anderen Filmen Scotts und Tarantinos kann leicht zeigen, wessen Handschrift hier deutlicher zu erkennen ist, die des Drehbuchautors oder die des Regisseurs. Gerade aufgrund dieses Sachverhaltes eignet sich True Romance um so besser, den Stil Tarantinos darzustellen.
2. Vergleicht man die Filme True Romance, Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Jackie Brown, so stellt sich die Frage, in wie weit sich Gemeinsamkeiten in Struktur, Erzählweise und Charakterentwicklung als Ausprägungen der für Tarantino typischen Stilmittel etc. ergeben. Wie setzt Tarantino Zitate und (eventuell) Samples ein, um seine Geschichten zu erzählen, seine Charaktere zu konstituieren und warum wählt er gerade diese Form der Erzählweise?
Tarantinos Filme als intellektuell zu bezeichnen ist vielleicht problematisch. Auf eine Weise sind sie es und auf eine andere Weise sind sie es nicht. Das soll heißen: Ich würde in Bezug auf den Inhalt der Filme n icht so weit gehen zu sagen, dass sich
4 True Romance, USA 1993. Regie: Tony Scott. Drehbuch: Quentin Tarantino. Mit: Christian Slater, Patricia
Arquette, Dennis Hopper, Christopher Walken, Val Kilmer, Brad Pitt u.a.
4
Tarantino mit den großen Problemen der Welt auseinandersetzt. Das ist auch ganz offensichtlich nicht sein Ziel. Im Gegenteil: Alle seine Filme spielen viel mehr in einem eigenen Mikrokosmos. Die Geschichten sind in gewissem Sinne trivial (ohne diesen Begriff negativ verwenden zu wollen!), also kurzweilig, nachvollziehbar und unterhaltsam, für ein großes Publikum geeignet. Ebenso sind sie aber raffiniert und liebevoll konstruiert, zeugen von dem enormen Wissen Tarantinos was Popkultur (in ihren verschiedensten Ausprägungen) betrifft und schaffen es trotzdem immer wieder, durch spontane Wendungen oder unvorhersehbare Gewaltausbrüche zu schockieren. Ohne allzu großen Tiefgang zu haben (und haben zu wollen) sind seine Filme also trotzdem auch von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus relevant. Im Endeffekt schafft Tarantino mit seinen Filmen aus Popkultur neue Popkultur. Ist das noch postmodern, oder haben wir es hier mit einem neuen Bastard der kulturellen Evolution zu tun, der sich bisher einer Kategorisierung entzog? Im Laufe der Arbeit wird auch auf das Thema „Tarantino als Fan“ eingegangen werden. Soll heißen: Was sagt Tarantinos Einsatz von Zitaten, etwaigen Samples und sogar Schauspielern über ihn selber aus? (In seinem neuen Film Kill Bill findet sich auf der Besetzungsliste u.a. der Name Sonny Chiba. Sonny Chiba ist der von Clarence Worley (Christian Slater) in True Romance verehrte Kung-Fu-Film- Darsteller.) Warum greift er bei den Entwicklungen seiner Geschichten mit Vorliebe auf die B-Kultur des Amerikas der sechziger und siebziger Jahre zurück?
Bevor nun in die Themen „Die Postmoderne und der Film“ und „Quentin Tarantino als postmoderner Filmemacher“ eingestiegen werden kann muss noch ein Wort zu dem Begriff „Sample“ verloren werden. Dieser Begriff hat letztendlich immer wieder die Diskussionen in unserem Seminar bestimmt und beeinflusst, weil wir uns praktisch ständig auf der Suche nach ihm befanden.
In dieser Arbeit wird der Begriff nur ein- oder zweimal fallen. Dies mag verwundern, hat aber unmittelbar mit meinen Untersuchungsergebnissen zu tun. Im Rahmen der Erläuterungen am Ende dieser Arbeit wird noch einmal auf ihn eingegangen werden. Um Missverständnisse zu vermeiden: Tarantino verwendet durchaus Samples in seinen Filmen, trotzdem sind sie meiner Meinung nach kein signifikanter Teil seiner Arbeit. Im Verlauf dieser Arbeit und der Untersuchungen der Arbeitsweise Tarantinos werden die Gründe für diese Meinung offensichtlich werden. Eine genaue Definition des Begriffes „Sample“ wird in dieser Arbeit fehlen. Im Fazit dieser Arbeit wird auf das Sample als definitorisches Mittel im Film eingegangen werden und es wird eine Begründung für meine Entscheidung geliefert.
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2. Die Postmoderne und der Film
2.1. Erläuterung des Begriffes „Postmoderne“ und dessen Bedeutung
Die Postmoderne. Ein Begriff, der benutzt wird, um eine Einordnung und Kategorisierung vorzunehmen, der aber selber oftmals nur eine leere Hülle bleibt. Was verbirgt sich hinter einem Wort, das so viele Diskussionen ausgelöst hat, selber fast nur schemenhaft erkennbar bleibt, dabei aber nichtsdestotrotz in den Feuilletons der Zeitungen und den Debatten um Kultur und Gesellschaft der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit fast omnipräsent ist.
Eines ist sicher: Bis jetzt ist es niemandem gelungen, eine wirkliche Definition für das zu formulieren, was sich hinter der Postmoderne verbirgt. Vielmehr gibt es mehrere differierende Ansätze, von denen besonders zwei vielversprechend erscheinen. Im Verlauf dieses Kapitels sollen beide Ansätze vorgestellt werden, wobei am Ende durchaus eine Entscheidung getroffen werden soll, welcher der beiden für die Erarbeitung des Themas dieser Arbeit relevant sein wird.
Der Vorstellung der beiden Thesen soll ein kurzes Zitat vorangestellt werden, welches ganz knapp den Disput zusammenfasst:
„Postmodernity [...] in effect, represents either a continuation of modernism or a radical break with modernism. No-one is yet quite sure.” 5 Dieses Zitat erfasst trotz seiner Kürze sehr gut, wovon die Debatte um die Postmoderne geprägt ist. Zum einen zeigt es die beiden Positionen. Die eine Seite geht davon aus, dass die Postmoderne aus der Moderne heraus entstand. Sie ist aber keine Folgeerscheinung der Moderne, sondern vielmehr Teil der Moderne, in ihr angelegt und wäre ohne sie nicht denkbar. Die andere Seite sieht die Postmoderne zwar als einen Nachfolger der Modere, beansprucht aber, dass die Postmoderne einen klaren und radikalen Bruch mit der Moderne vollzieht. Stärker noch: Dieser Bruch scheint die Existenzgrundlage für die Postmoderne zu sein.
Der letzte Satz des Zitates, und deswegen wird er hier auch angeführt, relativiert in gewisser Weise die anscheinend vorliegende Feindseligkeit beider Parteien und wirkt in seiner Formulierung fast beschwichtigend: Die Debatte ist zwar im Gang, aber weder die eine noch die andere Position konnte bis jetzt zu einer hinreichenden Beweisführung gelangen.
5 K.I.S.S. of the Panopticon. www.geneseo.edu/~bicket/panop/subject_M.htm, 13.9.2002.
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Nun also zu den beiden Positionen.
2.1.1. Der Postmoderne-Begriff nach David Bordwell
David Bordwell schreibt in einem Beitrag zum Thema Postmoderne und Filmkritik: „Die Postmoderne, weltbekannt als akademisches Äquivalent von Andy Warhols fünfzehn Minuten, erscheint am Ende in ihrer zerbrechlichen Kurzlebigkeit selbst als das paradigmatische postmoderne Phänomen.“ 6
Sehr eindeutig bezieht Bordwell hier Position. Er geht davon aus, dass die Postmoderne die Nachfolge der Moderne antreten wollte, sieht die Postmoderne also als eine eigene Kulturepoche an. Gleichzeitig versucht er aber zu begründen, warum die Postmoderne in diesem Bestreben als gescheitert zu betrachten ist. Seiner Meinung nach liegt das Scheitern in der Art und Weise verankert, wie versucht wurde, die Existenz der Postmoderne nachzuweisen. Den Vertretern der Theorie von der Post moderne als eigene Kulturepoche werden Nachlässigkeit in der Beweisführung vorgeworfen. Als signifikantes Beispiel führt Bordwell den Umgang mit Beweisen und Gegenbeweisen für bzw. gegen die Existenz der Postmoderne an. Dies bedeutet, dass in bei der Argumentationsführung zum Nachweis der Existenz der Postmoderne zu erst ein Theoriegebäude entworfen wird, aufgrund dessen Kriterien und Charakteristika später dann nach Beweisen in Kultur und Gesellschaft gesucht wird. Werden diese Beweise gefunden, und das werden sie zwangsläufig, reicht dies für die Argumentation aus, d.h. es wird nicht darauf eingegangen, dass es eventuell auch Gegenbeweise geben könnte. Vor allem aber werden eben jene Beweise nicht in Relation gesetzt.
Um es in einer extremen Situation zu verdeutlichen: ein einziger Nachweis eines Kriteriums, welches der Theorie der Postmodernen als eigene Kulturepoche entspricht, z.B. in Form eines Films, würde für den Beweis ihrer Existenz ausreichen. Im Bereich der Naturwissenschaften würde dieser eine Beweis genügen, aber im Gebiet der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften bewegen sich die Wissenschaftler nicht im Bereich der exakten Wissenschaften. Die Vorgehensweise, sich zuerst ein Theoriegebäude zu entwerfen und dieses dann „von oben nach unten“ 7 , wie Bordwell es formuliert, anzuwenden und nachzuweisen, beherbergt also die Möglichkeit, ein Kunstwerk, sei es nun ein Film, ein Roman oder ein Bauwerk, zu postmodernialisieren und dadurch etwas nachzuweisen, das unter Umständen nicht existiert. Womit man sich wieder im Kreis dreht und zurück gelangt zur Frage nach der Existenz. Ist es nicht inzwischen so, dass, obwohl nicht eindeutig nachgewiesen oder formuliert ist, was eigentlich postmodern ist
6 Bordwell 1998, S. 29.
7 Ebd., S. 32.
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Arbeit zitieren:
Arno Schumacher, 2002, Quentin Tarantino als Produkt und Produzent in der postmodernen Popkultur, München, GRIN Verlag GmbH
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