Die Arbeit ist im Rahmen eines Methodenseminars entstanden, bei dem verschiedene Methoden der Textinterpretation exemplarisch an Texten angewandt werden.
In der hier vorliegenden Arbeit soll anhand der Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse von Franz Kafka gezeigt werden, wie verschiedene Methoden der Textinterpretation (sozialgeschichtlicher und biographischer Ansatz und die Theorie der Gender Studies) einerseits zu verschiedenen Deutungen des Textes führen, andererseits aber auch in Ergänzung zueinander zu einer schlüssigen Gesamtinterpretation beitragen können.
Die Josefine-Erzählung ist die letzte Erzählung Franz Kafkas und gehört zu den Texten, die Kafka selbst für so gelungen hielt, dass er sie veröffentlichen wollte. In der „Prager Presse“ erscheint der Text (dort noch mit dem Titel Josefine, die Sängerin) dann auch in der Osterausgabe am 20. April 1924. Später erschien sie neben den Erzählungen Erstes Leid, Eine kleine Frau und Ein Hungerkünstler als vierte und letzte in dem Band "Ein Hungerkünstler". Kafka starb wenig später am 3. Juni 1924.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Der Text
2 Textanalyse
2.1 Sich ergänzende Methoden der Interpretation
2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz
2.1.2 Biographischer Ansatz
2.2 Gender Studies
2.2.1 Die Theorie der Gender Studies
2.2.2 Interpretation der Erzählung
3 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ mithilfe dreier komplementärer literaturtheoretischer Ansätze, um zu verdeutlichen, wie verschiedene methodische Zugänge sowohl zu unterschiedlichen Interpretationen führen als auch in ihrer Zusammenschau eine schlüssige Gesamtdeutung des Künstlerverhältnisses zum Publikum ermöglichen.
- Analyse des Künstler-Publikum-Verhältnisses im Spätwerk Kafkas.
- Sozialgeschichtliche Untersuchung zur Rolle des (jüdischen) Künstlers.
- Biographischer Abgleich mit der Dichterin Else Lasker-Schüler.
- Anwendung der Gender Studies zur Dekonstruktion von Musikalität und Geschlecht.
- Reflexion über die wechselseitige Ergänzung wissenschaftlicher Interpretationsmethoden.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz
Da es sich um Kafkas letzte Erzählung handelt und er bei ihrer Entstehung schon so krank war, dass er wusste, er würde nicht mehr lange leben, liegt es nahe, sie als ein „poetologisches Testament“9 zu lesen, das Aufschluss über Kafkas Selbstverständnis als (jüdischer) Künstler gibt und seine Überlegungen darüber reflektiert, welchen Nutzen und welche Wirkung Kunst auf ein Publikum hat. Günter Hartung nennt sie „die einzige Erzählung, die das jüdische Thema auf eine letzte und schönste, geradezu testamentarische Weise zu Form und Gestalt gebracht hat.“10
Da die Untersuchung die Rolle des Künstlers im Verhältnis zu seinem Publikum im Blick hat, lohnt sich ein Blick auf andere Künstlerfiguren in Kafkas Werk. Es sind zu nennen die Kunstreiterin in Auf der Galerie, der Trapezkünstler in Erstes Leid, der Hungerkünstler in der gleichnamigen Erzählung, der Varietékünstler in Ein Bericht für eine Akademie, die Sirenen in Das Schweigen der Sirenen der Ich-Erzähler in Beim Bau der Chinesischen Mauer und Josefine, die Sängerin. Gerhard Kurz weist in seinem Nachwort darauf hin, dass allen Künstlerfiguren Kafkas ihre Stellung am Rande der Gesellschaft und ihre Abhängigkeit vom Publikum gemein sind. Sie alle leben für die Kunst, setzen geradezu ihr Leben für sie ein - die Kunst gilt als absolut.11 Kafkas Künstlerfiguren fühlen sich auserwählt, gleichzeitig stellt Kafka aber auch stets die Frage nach „der Größe und Fragwürdigkeit der Kunst am Ende der Religionen, darin von der Größe und Fragwürdigkeit seiner eigenen Kunst“12.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel definiert die Zielsetzung der Arbeit, die darin besteht, durch verschiedene Interpretationsmethoden eine schlüssige Gesamtdeutung der Josefine-Erzählung zu erarbeiten, und bettet den Text historisch in die Entstehungszeit kurz vor Kafkas Tod ein.
2 Textanalyse: Der Hauptteil gliedert sich in eine dreistufige Analyse, die nacheinander soziokulturelle, biographische und gendertheoretische Perspektiven beleuchtet, um das Verhältnis von Josefine als Künstlerin zu ihrem Publikum (dem Volk der Mäuse) zu durchdringen.
3 Fazit: Das Fazit zieht die Bilanz, dass die gewählten Literaturtheorien sich gegenseitig ergänzen und aufzeigen, dass die Erzählung primär das fragile Verhältnis zwischen Künstler und Publikum thematisiert, während jede Theorie zudem neue „Leerstellen“ für weitere Forschungen eröffnet.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Josefine die Sängerin, Volk der Mäuse, Künstler-Publikum-Verhältnis, Sozialgeschichtlicher Ansatz, Biographischer Ansatz, Else Lasker-Schüler, Gender Studies, Musikalität, Weiblichkeit, Judentum, Diaspora, Poetologisches Testament, Literaturtheorie, Interpretationsmethoden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Franz Kafkas letzte Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ unter Anwendung unterschiedlicher Literaturtheorien.
Welche drei zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Es werden der sozialgeschichtliche Kontext, der biographische Hintergrund sowie die geschlechtertheoretische Perspektive (Gender Studies) thematisiert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, dass verschiedene Interpretationsmethoden zu unterschiedlichen Deutungen führen können, sich aber bei einer Zusammenschau gegenseitig ergänzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen methodenpluralistischen Ansatz, indem sie soziokulturelle, biographische und gendertheoretische Ansätze exemplarisch kombiniert.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil?
Im Hauptteil wird zunächst die Rolle des Künstlers im jüdischen Kulturkreis beleuchtet, dann werden Parallelen zur Dichterin Else Lasker-Schüler gezogen und schließlich die Konstruktion von Geschlecht und Musikalität dekonstruiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kafka, Künstler-Publikum-Verhältnis, Gender Studies, Sozialgeschichte und die spezifische Identität des „Volkes der Mäuse“.
Inwiefern spielt der biographische Ansatz eine Rolle?
Der biographische Ansatz legt insbesondere Gemeinsamkeiten zwischen Kafkas Josefine-Figur und der realen Dichterin Else Lasker-Schüler offen.
Wie verhält sich die Erzählung zu den Gender Studies?
Die Gender Studies hinterfragen das Stereotyp der „weiblichen Musikalität“ und dekonstruieren, wie Josefine dieses Klischee sowohl bedient als auch untergräbt.
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- Tina Petersen (Author), 2004, Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ im Spiegel der Literaturtheorien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115935