Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
1.1 Zielsetzung 3
1.2 Der Text 3
2 Textanalyse 4
2.1 Sich ergänzende Methoden der Interpretation 4
2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz 4
2.1.2 Biographischer Ansatz 10
2.2 Gender Studies 16
2.2.1 Die Theorie der Gender Studies 16
2.2.2 Interpretation der Erzählung 16
3 Fazit 21
4 Literaturverzeichnis 22
Seite 2 von 22
1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
In der hier vorliegenden Arbeit soll anhand der Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse von Franz Kafka gezeigt werden, wie verschiedene Methoden der Textinterpretation einerseits zu verschiedenen Deutungen des Textes führen, andererseits aber auch in Ergänzung zueinander zu einer schlüssigen Gesamtinterpretation beitragen können.
1.2 Der Text
Die Josefine-Erzählung ist die letzte Erzählung Franz Kafkas und gehört zu den Texten, die Kafka selbst für so gelungen hielt, dass er sie veröffentlichen wollte. Mit genau dieser Bitte wendet er sich am 8. oder 9. April 1924 in einer Postkarte an seinen Freund Max Brod, er solle den Text der Zeitung „Prager Presse“ und dem Verlag „Die Schmiede“ anbieten. In der „Prager Presse“ erscheint der Text (dort noch mit dem Titel Josefine, die Sängerin) 1 dann auch in der Osterausgabe am 20. April 1924. Mit einem Brief vom 18. Oktober 1923 teilte der Verlag von Kurt Wolff Kafka mit, dass der Vertrag rückwirkend zum 1. Juli wegen fehlenden Absatzes aufgelöst werde. Statt eines Honorars wurden Kafka Freiexemplare aus dem aktuellen Programm angeboten. Nach dieser offiziellen Trennung fand Kafka Ende 1923 in „Der Schmiede“ einen neuen Verlag. 2 Am 7. März 1924 wurde ein Vertrag über die Publikation des Prosabandes Ein Hungerkünstler in einer Auflage von 2-3000 Stück geschlossen. Er sollte die Erzählungen Erstes Leid, Eine kleine Frau und Ein Hungerkünstler umfassen. Die Josefine-Erzählung, die später als vierte und letzte in dem Band erschien, war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht fertig gestellt. Daher kann die Entstehung dieser Erzählung auf den Zeitraum Ende März, beziehungsweise Anfang April 1924 datiert werden. 3 Kafka starb wenig später am 3. Juni 1924.
Ohne den folgenden Textanalysen vorgreifen zu wollen, kann doch gesagt werden, dass es in der vorliegenden Erzählung um eine „Künstlerin in ihrem Verhältnis zum
1 Zur Änderung des Titels später
2 vergl. Peter-André Alt: Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. München 2005 (im Folgenden zitiert mit „Alt 2005“)
3 vergl. Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995, S. 340 Seite 3 von 22
Publikum“ 4 geht. Auch die anderen Erzählungen des Hungerkünstler-Bandes setzen sich mit diesem Verhältnis und dem „Anspruch der Kunst“ 5 auseinander, sie „handeln von Kunst, ihrem Erlösungsanspruch und ihrer Lächerlichkeit“ 6 . Als Rahmen dienen die erste und die letzte Erzählung, sie setzen sich auch mit der Frage auseinander, „was die Kunst zur Kunst macht“ 7 .
2 Textanalyse
Wie eingangs schon erwähnt, soll in der vorliegenden Arbeit anhand dreier Analysen gezeigt werden, wie unterschiedliche Methoden zu unterschiedlichen Interpretationen führen können. Ein sozialgeschichtlicher Ansatz soll Aufschluss darüber geben, wie Kafka sich mit der „Rolle des jüdischen Autors im deutschen Kulturkreis“ 8 auseinandersetzte. Unterstützung erfährt diese Interpretation durch eine biographische Analyse der Frage, wie Kafka die Titelfigur Josefine entwickelte. Im Anschluss folgt noch eine Analyse den Gender Studies folgend, die das Spannungsverhältnis zwischen der weiblichen Künstlerin und dem männlichem Volk beleuchten soll.
2.1 Sich ergänzende Methoden der Interpretation
2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz
Da es sich um Kafkas letzte Erzählung handelt und er bei ihrer Entstehung schon so krank war, dass er wusste, er würde nicht mehr lange leben, liegt es nahe, sie als ein „poetologisches Testament“ 9 zu lesen, das Aufschluss über Kafkas Selbstverständnis als (jüdischer) Künstler gibt und seine Überlegungen darüber reflektiert, welchen Nutzen und welche Wirkung Kunst auf ein Publikum hat. Günter Hartung nennt sie
4 Karlheinz Fingerhut: Kafka für die Schule. Berlin 1996 [„Für die Schule…“ Hg von Karlheinz Fingerhut] (im Folgenden zitiert mit „Fingerhut 1996“)
5 Gerhard Kurz: Nachwort. In: Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995 S.
343 - 366, S. 344 (im Folgenden zitiert mit „Kurz 1995“)
6 Kurz 1995 S. 349
7 Ebd.
8 Hartmut Binder: Else Lasker-Schüler in Prag. Zur Vorgeschichte von Kafkas „Josefine“-Erzählung. In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache in Forschung und Lehre 44 (1994) S. 405 - 438, S. 431 (im Folgenden zitiert mit „Binder 1994“)
9 Christiane Lubkoll: Dies ist kein Pfeifen. Musik und Negation in Franz Kafkas Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg. Von Richard Brinkmann, Gerhart von Graevenitz und Walter Haug. 1992 (Bd. LXVI 66. Jahrgang) S. 748 - 764 S. 748 (im Folgenden zitiert mit „Lubkoll“) Seite 4 von 22
„die einzige Erzählung, die das jüdische Thema auf eine letzte und schönste, geradezu testamentarische Weise zu Form und Gestalt gebracht hat.“ 10 Da die Untersuchung die Rolle des Künstlers im Verhältnis zu seinem Publikum im Blick hat, lohnt sich ein Blick auf andere Künstlerfiguren in Kafkas Werk. Es sind zu nennen die Kunstreiterin in Auf der Galerie, der Trapezkünstler in Erstes Leid, der Hungerkünstler in der gleichnamigen Erzählung, der Varietékünstler in Ein Bericht für eine Akademie, die Sirenen in Das Schweigen der Sirenen der Ich-Erzähler in Beim Bau der Chinesischen Mauer und Josefine, die Sängerin. Gerhard Kurz weist in seinem Nachwort darauf hin, dass allen Künstlerfiguren Kafkas ihre Stellung am Rande der Gesellschaft und ihre Abhängigkeit vom Publikum gemein sind. Sie alle leben für die Kunst, setzen geradezu ihr Leben für sie ein - die Kunst gilt als absolut. 11 Kafkas Künstlerfiguren fühlen sich auserwählt, gleichzeitig stellt Kafka aber auch stets die Frage nach „der Größe und Fragwürdigkeit der Kunst am Ende der Religionen, darin von der Größe und Fragwürdigkeit seiner eigenen Kunst“ 12 . Über Josefine heißt es:
„Vielleicht werden wir also gar nicht viel entbehren, Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.“ (S. 299) 13
Eine Beschreibung von Josefines Körperhaltung beim Singen stützt die Interpretation des Künstlers als Auserwähltem. Hier drängt sich ganz offensichtlich das Bild des gekreuzigten Jesus auf: „…und ganz außer sich war mit ihren ausgespreizten Armen und dem gar nicht mehr höher dehnbaren Hals“ (S. 283). Kafka selbst sah sein Schreiben, also seine Kunst, als einen Beitrag zum „großen welterlösenden Kampf“ 14 .
Gerhard Kurz deutet die Figur Josefine als ein „heiteres Selbstporträt Kafkas“ 15 . Er stützt diese Deutung mit dem „<österreichischen> Zusammenhang der Namen Franz
10 Günther Hartung: Juden und deutsche Literatur. Zwölf Untersuchungen seit 1979, mit einer neu hinzugefügten „Jüdische Themen bei Kafka“. Leipzig 2006 S. 409 (im Folgenden zitiert mit „Hartung
2006“)
11 vergl. Kurz 1995 S. 358
12 Kurz 1995 S. 359
13 Bei Zitaten aus der Erzählung verweisen die Seitenzahlen in Klammern immer auf die Veröffentlichung in: Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995
14 Brief an Milena Jesenká 1920: zitiert nach Kurz 1995 S. 361
15 Kurz 1995 S. 365 Seite 5 von 22
und Josef“ 16 . Auch Günter Hartung geht auf den Namen ein, er stellt ihn in „die Familie des Kafkaschen Helden Josef K.“ 17 Er sieht in Josefine „die Charakterzüge eines individuierten westjüdischen Künstlers, der nur bei Einhaltung seiner Autonomie etwas zu schaffen vermag, das auch für sein Volk von Wert ist, selbst wenn das die Gabe nicht annehmen will.“ 18 Josefinens Kunst wird zwar von vielen Vertretern ihres Volkes angezweifelt - so auch vom Erzähler, der gesteht: „… diese Opposition, zu der auch ich halb gehöre,…“ (S.282) dennoch kann sich niemand ihrem Gesang entziehen. Josefine selbst sieht sich als Beschützer ihres Volkes „...sie glaubt, sie sei es, die das Volk beschütze.“ (S. 287), sie nimmt den Gestus eines Hirten an „…sucht den Überblick über ihre Herde wie der Hirt vor dem Gewitter.“ (S. 287). Auch der Erzähler kommt nicht umhin, zuzugestehen, dass in Josefinens Auditorium eine Stille („mäuschenstill“ S. 283) herrscht, „als wären wir des ersehnten Friedens teilhaftig geworden,…“ (S. 283). Doch folgen auf dieses Zugeständnis gleich Zweifel: „Ist es ihr Gesang, der uns entzückt oder nicht vielmehr die feierliche Stille, von der das schwache Stimmchen umgeben ist?“ (S. 283). Die Künstlerschaft ist es, die Josefine von ihrem Volk trennt. „Nur Josefine macht eine Ausnahme; sie liebt die Musik und weiß sie auch zu vermitteln; sie ist die einzige,…“ (S. 280). Gegenstand der Untersuchung, die übrigens ein Angehöriger des Volkes vornimmt, ist aber nicht die Kunst Josefinens sondern eben die Wirkung der ihrer Kunst „…dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.“ (S. 281). Also macht erst das Publikum die Kunst zur Kunst. Damit kommt dem Publikum eine mindestens so große Rolle zu wie dem Künstler. Dass Kafka genau diese Wertung beabsichtigte, ergibt sich aus einer Notiz während der Korrekturvorgänge zum Hungerkünstler-Band, die er im Krankenhaus vornahm:
16 Ebd.
17 Hartung 2006 S. 411 (Auch Christine Lubkoll stellt diesen Zusammenhang her. Sie nennt Josefine ein „weibliches Pendant zu Josef K.“ Lubkoll S. 750)
18 Hartung 2006 S. 411
19 zitiert nach: Hartung 2006 S. 410 Seite 6 von 22
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Tina Petersen, 2004, Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ im Spiegel der Literaturtheorien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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