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Die Frage, ob die Immigration sein Schreiben (in jiddischer Sprache) verändert hat oder nicht, kann hier nicht wirklich gründlich erörtert werden. Dennoch thematisiert die vorliegende Kurzgeschichte, in meinen Augen, einen erwähnenswerten Wendepunkt in Singers Arbeit und Leben, der sich in einem weiteren Werk noch deutlicher heraus kristallisiert. In dem autobiographischen Roman „Lost in America“ („Love and Exile“), der 1976 in jiddischer und englischer Sprache erschien, beschreibt Singer seine erste Zeit in New York, die geprägt ist von den Schwierigkeiten sich in die neue Welt einzuleben.
In dieser so genannten „spiritual autobiography“ („Love and Exile“), die er auch als „fiction against a background of truth“ bezeichnete, hält er sich nicht immer an die Fakten. „Nonetheless, he did not falsify the essentials of his emotional existence at the time: his terrible depression, his anxiety about setting himself up yet again- in a country whose very essence was alien to him- and his disturbing conflicts with Israel Joshua.“ 6 Sein Bruder Israel Joshua war für ihn ein vaterähnliches Vorbild gewesen und neben seiner Mutter Bathsheva, nach der er sich den Zweitnamen Bashevis gab, eine zentrale Figur in seinem Leben. Isaacs gesamtes Schaffen war durch seinen Bruder inspiriert worden. Israel Joshua wurde Schriftsteller, so auch Isaac Bashevis. Israel Joshua ging nach Amerika und arbeite beim „Jewish Daily Forward“. Nun war ihm auch Isaac Bashevis, auf seine Einladung hin, gefolgt.
In „Ein Tag in Coney Island“ geht Isaac aber seiner eigenen Wege. Der Geschwisterkonflikt wird nicht thematisiert. Stattdessen schlendert der Leser gedankenvoll mit Isaac durch die neue Heimat, entdeckt Fremdes und Vertrautes und wundert sich.
Im New Yorker Exil begegnet er zwar noch der vertrauten Jüdischkeit, die in ihrem Mikrokosmos weiterlebt, doch ist die Veränderung, die die Assimilation der Immigranten mit sich bringt, nicht zu übersehen:
„Hier war das Klima anders und so auch der Lebensstil- das Essen, die Kleidung und das Verhalten der Menschen zueinander. Nur die jiddischen Schriftsteller blieben so, wie sie in der alten Heimat gewesen waren, aber ihre Kinder sprachen alle Englisch und waren richtiggehende Amerikaner (…) Wir aßen bei unserem Hauswirt und seiner Familie. Obwohl er der Bruder eines bekannten Kritikers und glühenden Jiddischisten war, sprachen seine Kinder schon kein Jiddisch mehr. Sie saßen schweigend da.“ 7 Singer las zwar schon als Kind ein bisschen Deutsch, lernte ein wenig Polnisch und später dann Englisch. Doch seine mame-loschn blieb sein Heiligtum und die einzige Sprache, die er fließend sprach: „Jiddisch beinhaltet Vitamine, die andere Sprachen nicht haben.“ 8
6 Hadda, Janet: Isaac Bashevis Singer- A life, New York, Oxford University Press, 1997, S. 79
7 Isaac Bashevis Singer: „Lost in America“ aus Weinstein, Miriam: Jiddisch. Eine Sprache reist um die Welt;
Berlin, Kindler Verlag, 2003, S. 180/1
8 http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Bashevis_Singer
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Er beschrieb Jiddisch als eine Sprache, die „very rich in describing character and personality, though very poor in words of technology“ 9 sei.
In seiner Nobelpreisrede von 1978, „he remarked that the language captured ‚the pious joy, lust for life, longing for the Messiah, patience, and deep appreciation for humanity’ of the Yiddish-speaking people among whom he came of age in Poland. And yet, in the same lecture, he claimed universality for Yiddish, averring that ‘figurative way Yiddish is the wise and humble language of us all, a frightened and hopeful humanity.’” 10 Allein auf der sprachlichen Ebene war sie wie ein Code, ein Jargon, den nur Eingeweihte beherrschten:
„Jiddisch war der geheime Händedruck, der goldene Schlüssel. Es war die Sprache, die eine Welt und ein Volk definierte. (…) Ihre Sprache erlaubte es den Juden, außerhalb der christlichen oder weltlichen Geschichte zu leben und ihre Visionen der Menschheit am Leben zu erhalten. Wenn sie sich in der Zwischenzeit in der realen Welt bewegten, im Hier und Jetzt, war die Sprache ihr Pass, ihr Amulett. Sie war ihre Stärke.“ (Miriam Weinstein) 11 Sie war das, was der jüdischen Seele ihren Ausdruck gab. Wenn Singer sagt, dass Literatur, das Fenster zur Seele des Menschen ist, dann führt uns seine Literatur in die Tiefen seiner Seele und der einer ganzen Generation. Diese Generation ist geprägt von Immigration. Sie kommt, wie Singers Geschichten, aus dem polnischen Schtetl und landet auf der Lower East Side und in Little Odessa, wo sie sich zu einem festen Bestandteil der kulturellen und sprachlichen Vielfalt New Yorks entwickelt. Isaac Bashevis Singer durchlebte diesen kulturellen Wandel ebenfalls. Besonders seine autobiographische Literatur liefert ein wunderbares Zeugnis dieser Zeit des Einlebens, der Veränderung und Neuanpassung. Die Entscheidung sein Werk durchgehend in jiddischer Sprache zu verfassen, implizierte möglicherweise die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die im Exil im Begriff war sich aufzulösen. Vielleicht stand dahinter der Wunsch diese sterbende Gemeinde zu retten, in dem man ihr Heiligtum, ihre Sprache konsequent benutzte. So lief diese nie Gefahr zu sterben, denn sie wurde weiter geschrieben und gelesen und von jenen auch gesprochen. Mit dem konsequenten Gebrauch der jiddischen Sprache schuf er dieser Generation und ihrer alten Kultur einen Raum, der im Angesicht der Auslöschung, eine Möglichkeit zur Reflektion bot. Und mehr noch: Singer kommunizierte mit der Welt in einer Sprache, die niemand außerhalb der jiddischen Welt sprach. Trotzdem erreichte seine Literatur eine Transzendenz, die sie als Literatur einer Sprache mit einer dahin schwindenden Anzahl aktiver Sprecher, dennoch zu einem Stück Weltliteratur machte.
9 www. weeklystandard.com: Artikel: What Yiddish Says- The Godhaunted fiction of Isaac Bashevis Singer, by
Joseph Epstein, 25.10.2004
10 Ebd.
11 Weinstein, Miriam: Jiddisch. Eine Sprache reist um die Welt; Berlin, Kindler Verlag, 2003, S. 17/18
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Sein großes Talent war es, die Poesie des Augenblickes zu erkennen und in Worte zu fassen. Der Rhythmus, vor allem seiner Kurzgeschichten, ist die Stärke seiner Literatur; das, was sie, fernab von Entscheidungen über Themen, Milieus etc. zu etwas Besonderem macht. Epstein verweist auf die sogartigen Anfänge seiner Short Stories: „Four or five sentences into a story, and he has you hooked.“ 12 Er erklärt sich diese Wirkung damit, dass Singer sich über das simple Drama des Lebens bewusst war und das Personal und die dazugehörigen Details dafür griffbereit in seinem Kopf hatte. Auch in der vorliegenden Geschichte wird man von dieser Lebendigkeit mitgerissen. Schon der erste Satz versetzt einen sofort in Isaacs Dilemma: „Heute weiß ich ganz genau, was ich jenem Sommer hätte tun sollen – meine Arbeit. Aber damals schrieb ich fast nichts.“ 13 Gerüche, Geräusche und Licht der Strandpromenade auf Coney Island werden spürbar:
„Die Sonne goss Feuer vom Himmel. Der Lärm vom Strand übertönte noch den des Ozeans. Auf der Strandpromenade schlug ein italienischer Wassermelonenverkäufer mit einem Messer auf ein Blech und rief mit wilder Stimme nach Käufern. Jeder brüllte auf seine Weise: (…)“ 14 Gefühlszustände beschreibt Singer mit einer Glaubhaftigkeit und Authentizität, die, wie in diesem Fall, die klaustrophobische Wirkung überträgt:
„Mir war heiß. Mein Hemd klebte an mir und ich am Stuhl. Ich hatte das schmerzhafte Gefühl, mein Stuhl kippe um. Der Fußboden hob sich, die Lichter an der Decke flossen ineinander, wurden länger und nebelhaft. Das Café drehte sich wie ein Karussell.
(…) In meiner Bestürzung fing ich an, die Münzen aus meiner Tasche zu nehmen und sie zu zählen und wieder zu zählen, ich erkannte sie mehr durch Fühlen als durch Sehen und stellte schwierige Berechnungen an. (…)“ 15 Sein autobiographisches Schreiben bildet oftmals den Rahmen oder die Grundlage für seine Geschichten und Romane. Das ist es, was ihn einerseits aus der Reihe der traditionellen jiddischen Literaten, wie Sholem Aleichem oder Mendele Moykher Sforim, austreten lässt, die vor allem über religiöse Themen und in der Tradition ihrer Kultur schrieben. Diese Kultur war an der Gemeinschaft orientiert, nicht auf das Individuum fixiert. Helden waren stereotypisch und vor allem gottesfürchtig. So war Singers ständiges individuelles Hinterfragen von Gott und das Einbringen philosophischer Fragen, ein Bruch mit der Tradition. Singer glaubte zwar an Gott, aber er mochte ihn nicht. 16 Er barg in sich, sozusagen in Personalunion, den Konflikt zwischen religiösen und säkularen Fragen und spiegelte damit
12 www. weeklystandard.com: Artikel: What Yiddish Says- The Godhaunted fiction of Isaac Bashevis Singer, by Joseph Epstein, 25.10.2004 13 Isaac Bashevis Singer: Geschichten aus New York. Ein Tag in Coney Island; Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, 1981, S. 22 14 Ebd., S. 25/26 15 Ebd., S. 36 16 http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/isaacbashevissinger/index.html
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Nora Gielke, 2006, Isaac Bashevis Singers autobiographische Skizze "Ein Tag in Coney Island", Munich, GRIN Publishing GmbH
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