Gliederung
1. Einleitung
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des
religi ösen Hintergrundes
2.2 Charakterisierung Chach Abas
2.3 Verknüpfung der Hauptfiguren durch einen Liebesvergleich
3. Aufbau und Form des Trauerspiels und ihre Bedeutung
3.1 Form und Inhalt
3.2 Die Reyen und ihre Bedeutung
4. Schlusswort
2
1. Einleitung
Während in England Shakespeare einer der bedeutendsten Vertreter des elisabethanischen Theaters ist und in Italien die Commedia dell’ arte ihre Blütezeit erlebt, feiern in Frankreich Molière und Corneille mit ihrer Anlehnung an die antiken Komödien und Tragödien große Erfolge. In Deutschland gibt es zu dieser Zeit weder eine Mischung noch eine Weiterführung des europäischen Theaters, sondern quasi eine eigene Gattung. Beeinflusst von niederländischen Wandertruppen und der Jesuitenbühne, und erwachsen aus dem Breslauer Schultheater, ist Gryphius wohl einer der bedeutendsten Vertreter des Schlesischen Trauerspiels. Für ihn wie für andere Dramatiker ist die Poetik des Aristoteles Grundlage des Dramas, das in Opitz’ Buch von der deutschen Poeterey oder Harsdörffers Poetischem Trichter weiter bestimmt wird. Gryphius verarbeitet in seinen fünf Dramen fast ausschließlich geschichtliche Stoffe, die durchaus aktuelle politische Positionen beziehen können. Ein weiterer wichtiger Vertreter des Barockdramas ist Daniel Casper von Lohenstein. Im Gegensatz zu Gryphius schreibt er jedoch nicht reine Geschichts- oder Märtyrerdramen, sondern zeigt gerade in seinen Frauendramen wie Sophonisbe oder Cleopatra stark sinnliche Züge. 1 Nach Lothar Baier belässt er das Schöne und allen Schein in der Welt, und seine Figuren sind nicht ausschließlich Märtyrer, Tyrannen, Lüstlinge, sondern tragen nur deren Züge. 2
Weitere Trauerspielautoren wie Christoph Kaldenbach oder Johann Christian Hallmann orientieren sich eher an diesen beiden großen Dramatikern und führen die Tradition des schlesischen Trauerspiels fort 3 .
In dieser Arbeit soll es um Gryphius’ Märtyrerdrama Catharina von Georgien gehen, welches ich anhand von Charakterisierungen der Hauptpersonen auf seine Liebesthematik hin untersuchen werde, um im Anschluss daran das thematische Zusammenspiel von Handlung und Form des Dramas zu erläutern. Letzteres wird unter besonderer Beachtung der Reyen und ihrer Bedeutung geschehen.
1 Vgl. hierzu z. B. Bernhard Asmuth: Daniel Casper von Lohenstein, Sammlung Metzler M 97, Stuttgart: Metzler, 1971
2 Vgl. Lothar Baier: „Persona und Exemplum. Formeln der Erkenntnis bei Gryphius und Lohenstein“, in: edition Text+Kritik, Zeitschrift für Literatur, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold, Heft 7/8 Andreas Gryphius, Göttingen
2 1980, S.58-67
3 kurze Erläuterungen zu diesen Autoren finden sich in: Dirk Niefanger: Barock, Stuttgart/Weimar: Metzler, 2000, S.155ff.
3
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes
In seiner Studie zu Wirklichkeit und Handeln im barocken Drama sagt Harald Steinhagen, die Charaktere im Trauerspiel des Gryphius seien noch keine individuellen Figuren, sondern „Exemplare einer Gattung“, die sich als „allegorische Vergegenständlichung abstrakter Eigenschaften oder Funktionen leblos und statuarisch“ 4 darstellen. Dieser Aussage kann man sich im Falle der Catharina nicht ohne weiteres anschließen, wie die folgenden Ausführungen zeigen sollen. In erster Linie ist Gryphius’ Catharina von Georgien eine Märtyrergestalt, wie auch das Trauerspiel an sich eines der besten Beispiele für ein barockes Märtyrerdrama ist. „Autonomes Handeln unter dem Schein extremer Heteronomie - so wäre das Wesen der Märtyrergestalten auf den Begriff zu bringen“ 5 . Entscheidend für Catharina ist - vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Märtyrerdramen, aber auch zu anderen Trauerspielen Gryphius’ 6 - ihre durch und durch christlich motivierte Beständigkeit, aufgrund derer sie schließlich noch im Tod triumphiert. Georgiens Königin wird zur Märtyrerin, weil sie sich nicht einfach aus reinem Überlebenstrieb der Realität unterwerfen will, die besagt, dass ein vorbildliches christliches Leben unter den gegebenen Umständen eigentlich unmöglich ist 7 . Besonders deutlich wird diese Haltung in der vierten Abhandlung im Dialog mit Imanculi ( IV, 105-264). Die Figur der Catharina trägt zunächst rein allgemeinchristliche Züge, so ihr unerschütterlicher Glaube und ihre Ergebenheit Gott gegenüber, die Steinhagen beschreibt als „vorbehaltlose Unterwerfung unter den göttlichen Willen, deren notwendige Voraussetzung die Aufgabe des eigenen Willens ist“ 8 , wobei allerdings der eigene Wille mit dem Gottes übereinstimmt. Dies betont sie
4 Harald Steinhagen: Wirklichkeit und Handeln im barocken Drama. Historisch-ästhetische Studien zum Trauerspiel des Andreas Gryphius, Tübingen 1977, S.257
5 Steinhagen, S.300
6 Eine umfangreiche Arbeit dazu liefert Elida Maria Szarota: Künstler, Grübler und Rebellen. Studien zum Märtyrerdrama des 17. Jahrhunderts, Bern: Francke, 1967, auf deren Aufsatz über Catharina von Georgien (S.190-215) ich mich im Folgenden immer wieder beziehen werde.
7 Vgl. Steinhagen, S.301
8 Steinhagen, S.299
4
an mehreren Stellen (zum Beispiel: I, 394-408; I, 445-460; IV, 65-69). In ihrem Tod sieht sie einen Opfertod (IV, 424f.), und in ihrer Angst vor diesem Tod bittet sie Christus, er möge ihr beistehen 9 . Ihr Vertrauen in Christus’ Beistand geht sogar so weit, dass sie sich als seine Braut ansieht, wie sie mehr als einmal erwähnt (IV, 282; IV, 132). Auch der Glaube an die Ewigkeit, in der sie bei Gott sein wird und so dem jammervollen irdischen Leben entfliehen kann, ist nicht typisch protestantischlutherisch. Dennoch überträgt Gryphius seine lutherische Prägung natürlich deutlich auf seine Dramenfigur. Catharina ist ebenso wie jeder Mensch gefangen in einer „Art Spannungsfeld“, wie Szarota es nennt, zwischen Ewigkeit und Zeit 10 . In einem Leben, in dem alles der Vergänglichkeit unterworfen ist, ist Beständigkeit die wohl höchste Tugend. Gleichzeitig aber bedeutet sie das Tor zur Ewigkeit, denn aufgrund ihrer Standhaftigkeit im qualvollen irdischen Leben erweist sich Catharina der Ewigkeit würdig und kann ihr ins Himmelreich folgen. Die Wahlmöglichkeit zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit bietet Gryphius schon im Prolog des Trauerspiels, wo die Ewigkeit über die Vergänglichkeit und Unsicherheit des irdischen Lebens spricht und gleichzeitig des „Himmels Wollust“ (I, 75) verspricht, die man findet, wenn man der Ewigkeit in ihr Reich folgt. Das Bindeglied zwischen Zeit und Ewigkeit ist also die Beständigkeit, denn allein durch sie kann man Gott nahe kommen 11 . Dieses stoische Ideal der Beständigkeit scheint zunächst nicht vereinbar mit der lutherischen Lehre, die einen Verzicht auf sämtliche gute Werke und Taten fordert, da man allein im Glauben an Gott zum Himmelsreich gelangen kann und soll. Szarota legt jedoch nachvollziehbar einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Beständigkeitsideal und dem lutherischen Freiheitsdenken dar:
„...denn aus Luthers Ablehnung der guten Werke ging eine gewisse Entleerung des Lebens hervor, was Walter Benjamin ganz richtig gesehen hat: ‚Jeder Wert war den menschlichen Handlungen genommen. Etwas Neues entstand: eine leere Welt.’ Diese Leere mußte gefüllt werden, es mußten neue Werte geschaffen werden, die dem Leben - so vergänglich und trostlos es war - einen Sinn und einen Wert gaben. 12
Dieser neue Wert, diese neue Tugend ist die Beständigkeit, eine Festigkeit, die es erlaubt, im unerschütterlichen Glauben an Gott allem Irdischen zu entsagen und so
9 Vgl. Szarota, S.202
10 Vgl. Szarota, S.191
11 Vgl. Szarota, S.195
12 Szarota, S.197 f.
5
Arbeit zitieren:
Astrid Matron, 2002, Catharina von Georgien. Untersuchung des Trauerspiels von Andreas Gryphius, München, GRIN Verlag GmbH
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