Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zur deutschsprachigen Lyrik in den Jahren 1750 1785 4
Anakreontik 4
Empfindsamkeit 5
Sturm und Drang 6
3. Die Mondmotivik in der deutschsprachigen Lyrik des 7
18. Jahrhunderts
4. Die Mondmotivik bei Johann Wolfgang von Goethe 11
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
An den Mond (1768 /1769 ) 13
4.2 An den Mond - Vergleich der ersten Fassung 15
(1776 1778 ) mit der späteren (1788 )
5. Fazit 17
6. Anhang 19
7. Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Im unbestimmten Mondlicht ist die Welt nicht mehr in hell und dunkel entzweit; die Konturen lösen sich auf und die Dinge verlieren ihre Gegenständlichkeit, ihr Entgegenstehen. Darum ist das Mondlicht zum Lieblingsmotiv einer Zeit geworden, die im Äußeren den Ausdruck des Inneren suchte. 1
In der deutschsprachigen Lyrik ist das Motiv des Mondes ein auffallend häufig gewähltes Thema. Gerade im 18. Jahrhundert, und hier besonders in der zweiten Hälfte, findet sich eine Vielzahl von Gedichten, deren Verfasser sich der Darstellung des Mondes, des Mondscheins oder der Mondnacht annahmen; die Jahre zwischen 1770 und 1779 wurden vom Schriftsteller Jean Paul (1763-1825) gar als ‚Seleniten-Jahrzehnt’ 2 bezeichnet. 3 Beginnend von der späten Aufklärung über die literarische Strömung der Empfindsamkeit bis zur Phase des Sturm und Drang ist diese Mondmotivik über die Jahre hinweg einer Reihe von Wandlungen unterworfen.
Um diese Veränderungen aufzuzeigen, werde ich zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der deutschen Lyrik zwischen den Jahren 1750 und 1785 geben und zu diesem Zweck die diesen Zeitraum bestimmenden literarischen Richtungen Anakreontik, Empfindsamkeit und Sturm und Drang kurz vorstellen.
Anhand einiger für die Lyrik dieser Zeit bedeutsamen Dichter möchte ich dann explizit auf die in diesen Jahren von ihnen behandelte Mondmotivik und deren unterschiedliche Darstellungen eingehen. Dass sich die Ambivalenz in den Darstellungen des Mondes nicht nur im Vergleich der Werke verschiedener Dichter miteinander, sondern auch in der Nebeneinanderstellung von Gedichten, die von einer Person verfasst worden sind, zeigt, werde ich anhand einer Analyse des Gedichts An den Mond (veröffentlicht 1769), sowie der frühen und späten Fassung des gleichnamigen Gedichts An den Mond (1776-1778 bzw. 1788) von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) darlegen. Die Mondgedichte von Goethe bieten sich nicht nur aufgrund dessen Ausnahmestellung in der deutschen Literatur an, sondern eignen sich auch deshalb als exemplarisches Beispiel, da in ihnen
1 Spinner: Der Mond in der deutschen Dichtung, S. 10.
2 Selene (griechisch: Mond).
3 Vgl. Spinner: Der Mond in der deutschen Dichtung, S. 18.
3
entscheidende Gehalts- und Formtendenzen der literarischen Strömungen seiner Zeit besonders vielfältig und nachdrücklich zum Ausdruck kommen. 4
2. Zur deutschsprachigen Lyrik in den Jahren 1750-1785
Die deutsche Lyrik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird von drei Richtungen bestimmt: Anakreontik, Empfindsamkeit, sowie Sturm und Drang. Nicht immer lassen sich diese Begriffe klar voneinander abgrenzen; Berührungspunkte und Überschneidungen sind durchaus vorhanden. Ein Kennzeichen jedoch ist allen gemein: das Vordringen und die Durchsetzung des subjektiven Gefühls auf der Grundlage von subjektiven Erfahrungen. 5 Im Folgenden werde ich einen kurzen Überblick über jede der drei literarischen Strömungen geben.
Anakreontik
Vorbild für die literarische Richtung der Anakreontik sind die im Hellenismus entstandenen Anakreonteen, reimlose Oden u. a. von Anakreon und Horaz, die ihre Motive aus der Freude an der Welt und am Leben entnahmen. Im
16. Jahrhundert entsteht die anakreontische Dichtung zunächst in Frankreich und findet bis zum frühen 18. Jahrhundert auch in Deutschland statt, kommt hier jedoch über ein Vorläuferstadium und reine äußere Nachahmung nicht hinaus. Erst gegen 1740 ermöglicht ein neues Lebens- und Weltgefühl in Deutschland eine Dichtung, in der nicht nur formal und thematisch nachgeahmt, sondern das von Horaz geprägte ‚Carpe diem!’ 6 literarisch gestaltet wird. 7
Unter Rückgriff auf antike Idyllik 8 wird eine begrenzte Anzahl von Themen (Liebe, Wein, Natur, Freundschaft, Geselligkeit, das Dichten) variiert. Die amöne Landschaft 9 „mit ihren Wiesen, Hainen, Bächen, Quellen,
4 Vgl. Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 19.
5 Vgl. ebd., S. 9.
6 Lat. ‚Nutze den Tag!’.
7 Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, S. 13.
8 Vgl. Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 11.
9 Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, S. 13.
4
Grotten, Hütten und Büschen im Sonnenschein oder in hellen Mondnächten“ 10 ist Schauplatz der anmutig stilisierten Liebes- und Naturlyrik. Friedrich von Hagedorn, der das für die Anakreontik als programmatisch geltende Gedicht Anakreon verfasste, folgen Dichter, die sich in Freundeskreisen zusammenfinden und sich gegenseitig ihre Gedichte vortragen. Solche Kreise entstehen u. a. in Darmstadt (unter zeitweiliger Mitwirkung von Goethe) sowie in Bremen und Leipzig (mit Friedrich Gottlieb Klopstock als Gast). Als bekanntester dieser Freundschaftskreise gilt jedoch der ‚Göttinger Hain’, der auch in der Phase der Empfindsamkeit eine bedeutende Rolle spielt. 11
Empfindsamkeit
Beeinflusst vor allem von englischen Autoren 12 wie Edward Young (und dessen schwermütigem Werk Night-Thoughts) entwickelt sich ab ca. 1750 eine literarische Strömung, in der das Gefühlsempfinden in den Mittelpunkt dichterischer Aussagen rückt. 13 Kennzeichen dieser sentimentalen Lyrik voll idyllisch-heiterer sowie elegisch-düsterer Stimmungen und Reflexionen sind ein neu entdecktes Naturgefühl und ein neuer, differenzierter und nuancenreicher Wortschatz. Durch neue Metaphern und Bildkomplexe wird die Sprache um eine irrationale Komponente bereichert. 14 Entgegen früherer Meinungen, die die Empfindsamkeit in Opposition zur rationalistischen Vernunft der Aufklärung sahen, gilt die Richtung heute als eine nach innen gewendete Aufklärung,
die versuche, […] sich zur Erlangung moralischer Zufriedenheit (als höchstem Zweck) der Leitung der ‚guten Affekte’ (Sympathie, Freundschaft, [Menschen]-Liebe, Mitleid, ‚vermischte’ d. h. zärtl.-moral. Empfindungen) zu überlassen. 15
Literarisch relevant und zum Zentrum sentimentaler Lyrik wird vor allem der bereits erwähnte ‚Göttinger Hain’, ein Dichter- und Freundesbund, der im
10 Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 11.
11 Vgl. ebd., S. 11-12.
12 Das Wort ‚sentimental’ in Laurence Sternes Werk A Sentimental Journey, in dem die Tendenzen dieser literarischen Strömung zusammengefasst wurden, wurde mit seiner deutschen Übersetzung ‚empfindsam’ zum Namensgeber der ‚Empfindsamkeit’. Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, S. 122.
13 Vgl. Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 13.
14 Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, S. 122.
15 Ebd., S.122.
5
September 1772 unter anderem von Ludwig Christian Hölty, Johann Heinrich Voß und Johann Martin Miller gegründet wird, und dem später der wegen seiner ‚Gefühlssprache des Erhabenen’ zu einem der wichtigsten Vertreter der Empfindsamkeit gewordene Klopstock beitritt. Neben dessen antikisierenden Oden, die viele Nachahmer finden, 16 sind vor allem die sich zum Teil mit der Anakreontik berührenden „idyllisch-heiteren, einem empfindsamen Natur- und Freundschaftsgenuß huldigenden Dichtungen“ 17 wie von Johann Peter Uz, Salomon Geßner oder Hölty stilprägend für diese literarische Richtung. Als Höhepunkt der empfindsamen Dichtung gilt Goethes Die Leiden des jungen Werther (1772/1774), eine zeittypische Schilderung des individuellen Gefühlserlebens. 18
Sturm und Drang
Gegen Mitte der sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts kommt in Deutschland eine geistige Bewegung 19 auf, die sich gegen die Einseitigkeiten der Aufklärung, ihren Rationalismus und ihre Regelgläubigkeit, sowie gegen die ‚unnatürliche’ Gesellschaftsordnung mit ihren Ständeschranken und erstarrten Konventionen richtet. Ins Zentrum rücken nun die Selbsterfahrung und Befreiung des Individuums als leib-seelischer Ganzheit, 20 „gegenüber dem Ver-stand wird nun besonders der Wert des Gefühls, der Sinnlichkeit und der Spontaneität betont. Damit verbunden ist eine neue Erfahrung und Wertung der Natur […].“ 21 Auf die Lyrik dieser Zeit übertragen, werden unter ‚Sturm und Drang’ solche Gedichte zusammengefasst, die „sowohl gesellschaftlichen Protest als auch subjektiven Ausdruckswillen in den Vordergrund rükken und so bisherigen Traditionen und Konventionen widersprechen.“ 22 Daneben jedoch löst sich im Sturm und Drang die Lyrik auch zum ersten Mal aus ihrem gesellschaftlichen Bezug und wird zum Ausdruck persönlichen Erlebens.
16 Vgl. Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 13.
17 Metzler-Literatur-Lexikon, S. 122.
18 Vgl. ebd., S. 122.
19 Ihren Namen erhält die geistige und literarische Bewegung vom Titel eines Schauspiels von Friedrich Maximilian Klinger, Sturm und Drang aus dem Jahre 1777. Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, S. 448.
20 Vgl. ebd., S. 448.
21 Ebd., S. 448.
22 Sowinski, Schuster: Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 14.
6
Quote paper:
Florian Steinacker, 2004, Die Mondmotivik in der deutschsprachigen Lyrik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
An deinem Mund der herbstliche Mond - Zum Mondmotiv bei Georg Trakl
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Aspekte der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Letzebuergeschen (Lu...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Der Hofmeister - Vergleich des Originals von Jakob Michael Reinhold Le...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Bertolt Brechts Bearbeitung des Dramas "Der Hofmeister" von ...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Mond und Sterne in Goethes Lyrik
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Kunert, Günter - Mondnacht und Johann Wolfgang von Goethe - An den Mon...
Presentation / Essay (Pre-University), 5 Pages
Andreas Gryphius: Es ist alles Eitel - Gedichtinterpretation
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 14 Pages
Methoden für den Grammatikunterricht
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Florian Steinacker's text Die Mondmotivik in der deutschsprachigen Lyrik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts is now available as a printed book
Florian Steinacker has published the text Die Mondmotivik in der deutschsprachigen Lyrik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Florian Steinacker has uploaded a new text
Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft
Ein Arbeitsbuch
Jürgen H. Petersen, Martina Wagner-Egelhaaf
Grammaire progressive du francais. Niveau intermediare. Neue Deutsche ...
Mit 600 Übungen
Maia Gregoire, Odile Thievenaz, Susanne Korell
0 comments