1 Einleitung 3
2 Das frühchristliche Erbe 5
2 der Spielleute 5
2 Die Haltung der Kirchenväter 6
3 Die Spielleute im Mittelalter 10
3 Norm und Recht der spielmännischen Lebensform 10
3 Die Haltung der Kirche 10
3 Die Haltung der weltlichen Herrschaft 13
3 Realität der Lebensform 15
4 Gründe der Kluft zwischen Normen und Realität 17
5 Schlussbetrachtungen 18
6 Literaturverzeichnis 20
1. Einleitung Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Randgruppe der Spielleute im Mittelalter. Im Zuge der Literaturrecherche zu dieser Thematik und deren Bearbeitung war es nahezu unumgänglich auf einen eklatant tiefen Widerspruch im Leben dieser Randständigen aufmerksam zu werden:
Die Spielleute hatten ein umfassendes Repertoire an Unterhaltungskünsten zu bieten. Mit Gesang, instrumentalen Künsten, bis hin zu Zauberkünsten und erotischen Tänzen beeindruckten und unterhielten sie ein breites Publikum. Erwartungsvoll, begierig und dankbar wurden diese Darbietungen von den Zuschauern aufgenommen und mit entsprechender Anerkennung und Entlohnung honoriert. Der gesellschaftliche Ausschluss sowie die deklassierende Stellung in der weltlichen und kirchlichen Herrschaft stehen dem Vorangegangenen in deutlicher Gegensätzlichkeit gegenüber.
Und genau dieser Thematik nimmt sich die vorliegende Arbeit an, indem die Kluft zwischen der Realität und speziell den kirchlichen Normen aufgezeigt werden soll. Die zentrale Fragestellung hierbei wird sein, welches die möglichen Motive oder die Begründung dieses augenfälligen Widerspruchs sind.
Die Quellenlage und die Anzahl der verschiedenen Quellengattungen bezüglich dieser Thematik sind sehr breit gefächert. Neben den Gesetzessammlungen, Traktaten und Predigten, bieten ebenso die literarischen und historiographischen Texte die Möglichkeit zur Beurteilung und Darstellung der Spielleute 1 . Besonders
über die kirchlichen und weltlichen Normen berichten uns zahlreiche Quellentexte. Genannt werden sollen hier die beiden bedeutendsten mittelalterlichen Rechtsquellen, namentlich der Schwaben 2 - und Sachsenspiegel 3 . Besonders
letzterer weist laut Jürgen Brandhorst „ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen der dort niedergelegten normativen Diskriminierung und der tatsächlichen Behandlung der Spielleute“ 4 auf. Der überwiegende Teil der Fachliteratur über die
1
Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, Spielleute, Vaganten und Künstler, hrsg. von Bernd-Ulrich Hergemöller, in: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, 2. Aufl., Warendorf 2001, S. 175.
2 Der Schwabenspiegel ist ein um 1275 entstandenes mittelalterliches Rechtsbuch für das außersächsische Deutschland. Der Autor ist ein Augsburger Franziskaner, dessen Name unbekannt ist. Vornehmlich befasst er sich mit den Land- und Lehnsrecht, geht darüber hinaus auf Quellen der Bibel und des römischen und kanonischen Rechts ein.
3 Der Sachsenspiegel ist das bedeutendste Rechtsbuch des dt. Mittelalters und wurde zur Grundlage für die Rechtsanwendung und Rechtssprechung. Der Sachsenspiegel wurde dem sächsischen Ministerialen Eike von Repgow in Auftrag gestellt und in den Jahren 1220 bis 1230 verfasst. 4 Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 177.
Erforschung der Spielmannthematik stammt aus dem Bereich der Kulturgeschichte und Literaturhistorie sowie der Dichtung. Sowohl die Musikwissenschaft, als auch die Kunstgeschichte haben keinen wesentlichen monographischen Beitrag geleistet 5 .
Die Spielmannerforschung hat in den vergangenen 150 Jahren zu keiner einheitlichen Grundansicht geführt und so liegt „um die Gestalt des Spielmannes (...) ein verhüllender Schleier“ 6 . Diesen sieht Walter Salmen unter anderem begründet
durch die vagen soziologischen Einsichten, den mangelnden Gesamtüberblick aller in Europa vorhandenen Quellen und das Fehlen eines Vergleiches zu außereuropäischen Spielleuten, die unter den gleichen Bedingungen lebten 7 .
Dennoch verfügt die deutsche Forschung über eine umfangreiche Anzahl von einschlägigen Monographien und Aufsätzen über die Spielleute im Mittelalter. Diese werden im Verlauf der Arbeit zur Bearbeitung der Thematik herangezogen. Vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der zentralen Fragestellung, wird in einem ersten Teil der Arbeit auf die Geschichte des Christentums eingegangen, da sich bereits hier erste Ursachen und Verständnisprozesse für die Normen und die Realität der spielmännischen Lebensformen ergeben können.
Auf eine detaillierte Definition der Randgruppe ‚Spielleute’ wird in der vorliegenden Arbeit verzichtet, da sie zur Beantwortung der Fragestellung nicht erforderlich ist. Wenn jedoch der Begriff ‚Spielmann’ verwendet wird, so wird von der Wortbedeutung Wolfgang Hartungs ausgegangen 8 .
5
Vgl. Salmen, Walter, Der fahrende Musiker im europäischen Mittelalter, Kassel 1960, S. 12.
6
Salmen, Walter (Hrsg.), Der Spielmann im Mittelalter, (=Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft, Band 8), Innsbruck 1983, S. 11.
7 Vgl. Salmen, Walter (Hrsg.), Der Spielmann im Mittelalter, (wie Anm. 6), S. 11.
8 Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 1ff.; Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute im Mittelalter, (wie Anm. 22), S. 8ff.
2. Das frühchristliche Erbe
2.1. Die ‚Vorfahren’ der Spielleute
In der einschlägigen Sekundärliteratur wird häufig die Frage nach den ‚Vorfahren’ der mittelalterlichen Spielleute gestellt. Häufig wird diese Frage in Verbindung mit der Begründung der Unehrlichkeit gestellt. Gleiches soll in diesem Kapitel untersucht werden: Wurde bereits den ‚Vorfahren’ der Spielleute das Unehrlichkeitsstigma
Im Zuge der Behandlung entwickelten sich zwei Herkunftsthesen. Zum einen wird die Abstammung auf den Helden- und Mythensänger der Germanen, den
skôp,
zurückgeführt
9
. Dieser habe durch die Ausbreitung des christlichen Glaubens seine Stellung am königlichen Hof verloren und sei zum Vaganten abgesunken
10
. Die zweite Herkunftsthese erklärt den mittelalterlichen Spielmann als Nachläufer des „mimus und des
histrio,
der Schauspieler des spätantiken Theater“
11
, welche sich ihrerseits im 4. und 5. Jahrhundert aus dem Gaukler entwickelt haben
12
. Sie seien zu Fahrenden geworden, da sie durch die Auflösung des römischen Reiches und der römischen Kultur ihre Einkunftsmöglichkeiten verloren
13
. So waren sie gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt auf den Dörfern der Germanen zu verdienen. In diesem fremden Sprachbereich verschob sich nun der Darstellungsschwerpunkt auf die Musik, der bis dahin die Darstellerei und Schauspielerei ausmachte
14
. Sie passten sich in mittelalterlicher Zeit „dem rohen Geschmacke an und bevorzugten wieder mehr [ihre] alte Gaukelkunst“
15
.
Die beiden dargelegten Vorläufertypen konkurrierten nun auf der Straße und verschmolzen gemeinsam 16 zum frühmittelalterlichen joculator 17 . Im deutschen Sprachgebrauch zeichnete sich erst im „hohen Mittelalter eine Entwicklung ab, die
9
Vgl. Dankert, Werner, Unehrliche Leute, Die verfemten Berufe, 2. Aufl., Bern 1979, S. 215.
10
Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174f.
11 Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174.
12 Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, Eine Randgruppe in der Gesellschaft des Mittelalters, (=Vierteljahrschriften für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Nr. 72), Wiesbaden 1982, S. 20. 13 Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174.
14 Vgl. Dankert, Werner, (wie Anm. 8), S. 221.
15 Reich, Hermann, zitiert in: Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 20. 16 Vgl. Schreier-Hornung, Antonie, Spielleute, Fahrende, Aussenseiter: Künstler der mittelalterlichen Welt, (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 328), Göppingen 1981.; Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 21.
17 Vgl. Schubert, E., Spielmann, -leute, in: LMA, Band Vÿÿ, München 1995, Spalte 2112.
das umfassende Verständnis von ioculator in den Gaukler einerseits und den Spielmann andererseits (...) trennte“ 18 .
Gegen beide aufgezeigten Thesen werden in der Literatur Einwände erhoben. So sei es beispielsweise nicht vorstellbar, das der skôp, ein „durch die Ungunst der Zeiten heruntergekommene[r] Sänger“ 19 , von dem mittelalterlichen Spielmann abgelöst wurde. Vielmehr existierten sowohl Helden- und Mythensänger, als auch Leute spielmännischen Schlages, mit einigen Berührungspunkten, nebeneinander. Ebenso wird der Theorie, welche den mimus als Vorfahren des Spielmannes sieht, nur eingeschränkt zugestimmt. Jürgen Brandhorst wendet ein, „dass ein stellungsloser Schauspieler nicht zwangsläufig die Fähigkeiten zum Artisten oder Musikanten haben muß“ 20 . Wolfgang Hartung wirft, auf beide Thesen bezogen, ein, dass die „Herkunft (...) stets unter ‚genetischen’ Gesichtspunkten untersucht und dargestellt [wurde] 21 “. Zur Darlegung der gesellschaftlichen Entwicklung von Gruppen seien diese genetischen Vorstellungen nicht anwendbar. Zumal sind für beide Thesen Gegenargumente vorhanden und somit nicht befriedigend belegbar. Er hält die Herleitungsversuche der römischen und germanischen Spielmannswurzeln für eine „gewaltsame Konstruktion“ und „romantische Vorstellungen des 19. Jahrhunderts“ 22 . Viel eher erscheint es ihm nützlicher die jeweilige soziale Herkunft zu beleuchten. Diese sieht er in dem Niederadel, der bürgerlichen Bevölkerung und dem niederen Klerus begründet.
Wie oben aufgezeigt wurde, kann eine exakte Vorfahrenschaft der mittelalterlichen Spielleute in der gegenwärtigen Literatur nicht hinreichend bewiesen werden. Die frühchristlichen Wurzeln ihrer negativen Beurteilungen werden hingegen ersichtlich und sollen im Folgenden aufgezeigt werden.
2.2. Die Haltung der Kirchenväter
Seitdem das Christentum im Römischen Reich vorherrschte und sogar zur Staatsreligion geworden war, gestalteten sich die Lehren der Kirchenoberen und Theologen zunehmend zu verbindlichem Recht. Gleichsam damit bildete sich eine
18
Schubert, E., Spielmann, -leute, in: LMA, Band Vÿÿ, München 1995, Spalte 2112.
19 Warenman, Piet; zitiert in: Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174. 20 Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174.
21 Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 20.
22 Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 22.
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Nina Hollstein, 2006, Die Spielleute des Mittelalters zwischen Normen und Realität, Munich, GRIN Publishing GmbH
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