Institut für Ethnologie
Wintersemester 2005 / 2006
Veranstaltungstyp: Proseminar
,,Einführung in türkische und arabische Verwandtschaftssysteme"
- Überblick über die gesellschaftliche Stellung der
muslimischen Frau
Wie veränderte sich der Status der Frau im Laufe der Zeit und in Bezug auf die
Einwanderung muslimischer Bürger in die BRD?
Katharina Stöcker
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Inhaltsverzeichnis:
1.Einleitung ... 3
2. Allgemeine Informationen zum Islam... 3
3. Die Stellung der Frau im Koran ... 5
4. Die traditionelle Stellung der Frau im Islam... 7
a) Gesellschaftliche Position und Aufgabe der Frau... 7
b) Die Ehe - und das weibliche Sexualitätsbild als Erklärungsansatz... 10
c) Paradoxe Verfassungen... 12
5. Kemal Atatürk, das Kopftuch und die moderne Frau ... 13
a) Reformversuche durch Kemal Atatürk ... 13
b) Das Bild der ,,modernen muslimischen Frau" ... 14
6. Muslime in Deutschland... 16
7. Position der muslimischen Frauen in Deutschland ... 18
a) Gesellschaftliche Partizipation muslimischer Frauen ... 18
b ) Heiratsverhalten und Gemeinschaftsverständnis ... 19
8. Schlusswort ... 20
9. Literaturverzeichnis... 21
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1.Einleitung
Die deutschen Medien beschäftigen sich schon seit längerer Zeit, besonders intensiv seit den
Anschlägen in Amerika und der Debatte um den Beitritt der Türkei in die EU, mit den in
Deutschland lebenden Muslimen. Die darin auftretenden Themen Kopftuchstreit, Leitkultur,
Schächtung, oder Zwangsehe sind immer wieder Reizthemen und stellen die eigene
Gesellschaft und ihren Umgang mit ausländischen Mitbürgern auf die Probe. Die der eigenen
Kultur fremden Anschauungen und Lebensweisen bilden dabei den Streitpunkt, wenn es um
Integrationsfragen geht.
Es stellt sich immer wieder heraus, dass die Deutschen sehr wenig über den Islam als
Lebensmittelpunkt vieler Migranten wissen. Auch die Position der Frau in der muslimischen
Gesellschaft ist ein Thema, das viel Raum für Interpretationen lässt. Erscheint aus westlichen
Augen die verhüllte Frau schnell als rechtloses, unterdrücktes Wesen, muss man sich fragen,
inwiefern eine Einschätzung von Außen möglich ist? Wie selbstbewusst und eigenständig
darf eine Muslimin leben? Nach welchen Regeln muss sie sich richten? Welches Verhalten
bestimmt die Tradition, Gewohnheit oder Religion und warum?
Frauen haben in der Geschichte des Islams schon immer eine bedeutende Rolle gespielt. Es
heißt, der erste Mensch, der den Islam annahm, sei eine Frau gewesen: ,,Khadidscha", die
erste Frau des Propheten Mohammed. Der erste Mensch, der für den Islam gestorben ist, sei
ebenfalls eine Frau: ,,Summaya". Sie gab unter Folterungen ihr Leben für den Islam hin.
Diese Arbeit nimmt sich zum Ziel, einen Überblick über das traditionelle Bild einer
muslimischen Frau bis hin zu ihrer gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung zu geben.
Gerade der Aspekt des neuen modernen Frauenbildes und die Einbürgerung muslimischer
Migranten in die BRD sollen im Folgenden im Mittelpunkt stehen. Bei der Sichtung der
Literatur und der genauen Themenfestlegung ist schnell aufgefallen, wie umfangreich dieses
Thema ist. Deshalb sei angemerkt, dass die vorliegende Seminararbeit nicht den Anspruch
hat, alle Facetten, die das Thema der Frau im Islam betreffen, zu berücksichtigen.
2. Allgemeine Informationen zum Islam
Der Begriff ,,Islam" steht im wörtlichen Sinne für ,,Hingabe (an Gott)" oder auch für
,,Ergebung (in Gottes Willen)".
1
Er gilt mit 1,2 Milliarden Anhängern als zweitstärkste
Weltreligion nach dem Christentum mit ca. 2 Milliarden Vertretern.
2
1
Vgl. Meyers Taschen Lexikon, 1992, B.I. Taschenbuch-Verlag, Mannheim
2
Vgl. ,,Islam"auf der Homepage: Wikipedia Freie Enzyklopädie, http://de.wikipedia.org/wiki/Islam
4
Von ihnen leben mittlerweile 15 Millionen Menschen in Westeuropa.
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Der Islam ist die
jüngste der drei Weltreligionen. Hauptsächlich findet man ihn im Nahen und Mittleren Osten,
Asien und Afrika vor, sein geographischer Ursprung liegt in Arabien, einer Halbinsel, die in
weiten Teilen aus Sandwüste besteht. Dort stellten Beduinen den größten Bevölkerungsanteil
dar.
Der Islam ist nach Mohammed (arab.: der Vielgelobte) ausgerichtet, der sich in den Jahren
610 632 zum Propheten berufen fühlte. Mit der Verkündung der Offenbarung in ,,reiner
arabischer Sprache" rief er alle Menschen zum Glauben an den einzig wahren Gott Allah auf.
Er selbst benennt allerdings nicht sich, sondern Gott als den Urheber der Offenbarungen.
Seine Nachfolger nannten sich selbst Kalifen. Der Koran ist 15 -20 Jahre nach dem Tod des
Mohammed in mündlicher Überlieferung entstanden. Neben der heiligen Schrift gibt es auf
dem Gebiet der Menschenrechte noch eine weitere Hauptreferenz, die Sunna.
4
Die Taten,
Traditionen und Gesten des Propheten, sind vielmehr implizite oder explizite Auffassungen,
die Mohammed zugesprochen und in den Aufzeichnungen, den ,,Hadiths" festgehalten
wurden.
Die Sharia stellt das islamische Recht dar
.
Sie ist eine Ansammlung alter Texte, auf die sich
der islamische Rechtsgelehrte stützt. Sie gilt weniger als ein Gesetz, als vielmehr ,,der Weg",
der durch Gott im Koran offenbart und als zu folgen gilt. Man könnte sagen, dass der Islam
vor allem die ,,horizontalen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft kodifiziert"
5
, - die
Sharia hingegen ist ein Gesellschaftsvertrag zwischen den Menschen. Sie ist wie eine in den
Menschen verinnerlichte moralische Verpflichtung, ,,die nicht der Staat auferlegt, sondern die
sich dem Staat auferlegt."
6
Im strengen Monotheismus des Islams duldet Gott - Allah - keinen Partner neben sich. Er gilt
als Schöpfer aller Wesen und Dinge und besitzt Allmächtigkeit.
,,Nichts geschieht ohne seinen Willen. Er ist der Erste, der Letzte, der Ewige, der Unendliche, der
Allmächtige, der Allwissende. Er ist der Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Er ist der Gerechte, der
Allerbarmer, der Gnädige, der Liebende, der Gütige, der Erhabene, Preiswürdige, der Wahrhaftige. Er
ist der Inhaber und Besitzer aller vollkommenen Eigenschaften."
7
3
Vgl. Kandel, Johannes ,,Islam und Muslime in Deutschland", in: ,,perspektiven des demokratischen
sozialismus" Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik (2001). Schüren Verlag. Marburg.
(Künftig zitiert: Kandel: Islam in Deutschland)
4
Delaunoy, Geneviève ,,Frauen im Islam" (1996) Generaldirektion Wissenschaft Arbeitsdokument.
Europäisches Parlament. Brüssel. S.22 (Künftig zitiert: Delaunoy: Frauen im Islam)
5
Delaunoy: Frauen im Islam. S.22
6
Delaunoy: Frauen im Islam. S.25
7
,,Was ist Islam" auf der allgemeinen Homepage des Islam im Internet; http://www.islam.de/72.php
5
Am jüngsten Tag richtet er die Menschen Ungläubige erwartet das Höllenfeuer,
wohingegen Gläubige ins Paradies mit seinen Paradiesjungfrauen aufgenommen werden.
Heute ist der Islam die vorherrschende Religion im Vorderen Orient, Nordafrika, Pakistan,
Irak, Iran und in Indonesien (Quelle 1992). Fast in allen Ländern mit überwiegend
muslimischer Bevölkerung ist der Islam Staatsreligion. Nicht alle Gewohnheiten und
kulturellen Prägungen und Eigenschaften der muslimischen Bevölkerung sind automatisch
auf den Koran, bzw. auf die Religion, zurückzuführen. Viele Traditionen haben
gesellschaftlichen, oder vor-islamischen Ursprung.
Die patriarchalische Struktur prägt die Gesellschaft. Ohne an dieser Stelle detaillierter darauf
einzugehen, lässt sich feststellen, dass zumindest von Außen betrachtet, die Frau dem Mann
untersteht und Gehorsam schuldet.
3. Die Stellung der Frau im Koran
Der Koran bildet die Hauptgrundlage für das nach dem Tod des Propheten Mohammed
weiterentwickelte islamische Recht- und Moralsystem und damit das Fundament aller
islamischen Gesellschaften. Möchte man Untersuchungen zur Position der Frau in der
islamischen Gesellschaft durchführen, ist es sicherlich unumgänglich zunächst im Koran nach
Anhaltspunkten zu suchen. Sind in den Quellen der Religion tatsächlich elementare
Benachteiligungen der Frau verankert?
In einem Überblick lässt sich schnell feststellen, dass im Koran die Gleichberechtigung, oder
-stellung der Geschlechter große Bedeutung findet hauptsächlich zur vierten Sure (speziell
Vers 34 ff.) existieren eine Vielzahl linguistischer Streitigkeiten, daher sollen die Zeilen an
dieser Stelle zitiert werden:
,,Männer sollen vor Frauen bevorzugt werden
(weil sie für diese verantwortlich sind),
weil Allah auch die einen vor den anderen mit Vorzügen begabte
und auch weil jene diese erhalten.
Rechtschaffende Frauen sollen gehorsam, treu und verschwiegen sein,
damit auch Allah sie beschütze.
Denjenigen Frauen aber,
von denen ihr fürchtet, daß (sic!) sie euch durch ihr Betragen erzürnen,
gebt Verweise, enthaltet euch ihrer,
sperrt sie in ihre Gemächer und züchtigt sie.
Gehorchen sie euch aber,
dann sucht keine Gelegenheit, gegen sie zu zürnen;
denn Allah ist hoch und erhaben."
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8
Pollok, Christine ,,Kultur Schock Islam" (1996). Verlag Peter Rump. Bielefeld. S.57 (Künftig zitiert: Pollok:
Islam)
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Für den westlichen Leser sprechen diese Zeilen für sich. Sicherlich findet man hier viele
Argumente für die Dominanz des Mannes durch den Koran in der von Gott gewollten
Schöpfungsordnung.
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Es scheint nicht verwunderlich, dass Sätze, wie in oben zitierter vierter
Sure den Weg zu einer patriarchalischen Gesellschaft und Frauenfeindlichem Benehmen
freigeben. Auch Sure 2, Vers 228 wirft Fragen auf. ,,Die Männer (...) stehen eine Stufe über
den Frauen". Diese vermeintliche Überlegenheit wird von manchen allerdings auch als letzte
Entscheidungsgewalt in Bezug auf finanzielle Verpflichtungen den Frauen gegenüber
gedeutet.
Schon lange diskutieren traditionelle und moderne Korankommentatoren über die richtige
Exegese. Laut Fatema Mernissi ist die Sprache des Korans weit auslegbar allein die
Auslegung der Männer habe sie frauenfeindlich gestaltet. Bei der Koranexegese haben die
Männer schon immer das absolute Vorrecht. Im Gegenzug sind aber auch viele
Interpretationen darum bemüht, eine Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern
darzulegen. Moderne muslimische Autoren sprechen von einer Gleichwertigkeit von Mann
und Frau, die aber nicht die gleichen Rechte beinhalte. Ansätze für diese Interpretation sind in
Versen, wie ,,Die gläubigen Männer und Frauen sind Verbündete" oder ,,Die Frauen sind die
Schwestern der Männer"
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zu finden. Durch den geschichtlichen Zusammenhang, die
Erläuterung der vorislamischen, Männerbeherrschten Gesellschaft soll die Macht der im
Koran nicht bestreitbaren Aussagen relativiert werden. So könnte auch im Islam die Tendenz
erkannt werden, das gesellschaftliche Los zu verbessern. Doch dazu gibt es wieder eine Reihe
von Spekulationen, Überlegungen und vernichtende geschichtliche Beweise. Die eine Seite
verweist auf die gesellschaftliche Situation der vorislamischen Zeit, in der die Frau als
Eigentum des Mannes betrachtet wurde. Aus dieser Perspektive bedeuten die Worte des
Islams ein erstmals gesellschaftlich verankertes Regelwerk zur finanziellen Absicherung und
Anerkennung der Frau. Kritiker betonen auf der anderen Seite aber, dass die erste Ehefrau
Mohammeds als Kauffrau tätig war und das widerspräche der erstgenannten Vermutung.
Fest steht jedenfalls, dass Mohammed dem weiblichen Geschlecht im öffentlichen Leben eine
herausragende Bedeutung beimaß und sie nicht nur aufgrund ihrer weiblichen Reize schätzte,
sondern sie als Ratgeber ansah und in ihrer Persönlichkeit sehr ernst nahm.
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Gleichfalls heißt
es aber auch, dass er von seinen Frauen eine vollständige und dezente Kleidung verlangte, um
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Müller, Iris / Raming, Ida ,,Aufbruch aus männlichen `Gottesordnungen´" (1998). Deutscher Studien Verlag.
Weinheim. (Künftig zitiert: Müller / Raming: Männliche Gottesordnungen)
10
Delaunoy: Frauen im Islam. S.20
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Müller / Raming: Männliche Gottesordnungen
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