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Seite I Titelblatt
1. Einführung: Gruppendynamik und die Bedeutung der Zeit ………………………. 1
1.1 Forschungsfeld: Gruppe und Bedeutung der Zeit – Literaturbefunde …………………..
1.2 Forschungsfrage, Definition, Design: Zeit, Einflussgröße und Strukturvariable ………. 3
2. 7 Gruppenphasen – Gruppenprozesse und Gruppenentwicklung in der Zeitdi-
mension ……………………………………………………………………………………….
2.1 Gruppenexistenz in der Dimension Zeit ……………………………………………………. 7
2.2 Gruppenentwicklung und Leistung im Zeitverlauf ...………………………………………. 10
2.3 Wichtige Gruppenphasenmodelle – Annahmen und Probleme …………………………. 12
2.4 Zeitliche Gruppensozialisation eines Individuums ……………………………………...… 16
3. Die Zeitstrukturierung der Gruppenprozesse – Einflüsse und Wirkungen ………. 17
3.1 Zeitfaktor kombinatorische Gruppenbildung ………………………………………………. 17
3.2 Die Basisinteraktionsstrukturen – Zeitvorteil und Zeitbedarf ……………………………. 21
3.3 Möglichkeiten zeitoptimierter Kommunikationsstrukturen ……………………………….. 25
3.4 Gruppenstruktur und zeitliche Gruppenentwicklung ……………………………………… 27
4. Systemanalyse der Gruppenprozesse und –entwicklung im Zeitbereich ………... 28
4.1 Die Zeit als Variable und Einflussgröße ……………………………………………………. 28
4.2 Feedback und Synchronisation des Gruppenverhaltens ……………………………...…. 30
4.3 Zeitdruck und Leerzeiten – einige Effekte und Befunde ………………………………..... 35
5. Gruppenprozesse und Gruppenentwicklung – die Integration der Zeit ...………… 37
5.1 Kritische Diskussion und Zusammenfassung der Thematik ..…………………………… 37
5.2 Resümee und Ausblick – Re-Integration der Zeit ...……………………………………... 41
6. Abstract ...…………………………………………………………………………………….. 43
7. Literaturverzeichnis ………………………..………………………………………………. 44
III
Abbildungsverzeichnis und Quellen
Abbildung 1: Ablaufschema der Untersuchung : Die Zeit als Einflussgröße und
Strukturvariable in Gruppenprozessen und in der Gruppenentwicklung S 4
Quelle: Eigene Darstellung
Abbildung 2: Qualitative Darstellung der zeitbezogenen Gruppenarten S 8
Quelle: Eigene Darstellung
Abbildung 3: Streudiagramm des Leistungsverlaufs von Projektgruppen Die
unabhängige Variable UV ist die mittlere Gruppenzugehörigkeit
der Mitglieder S 11
Quelle: Eigene Darstellung nach Katz und Allen (1982)
aus Ulich (2005 S 267)
Abbildung 4: Qualitativer Verlauf der Gruppenentwicklung nach dem 5-Phasenmodell S 14
Quelle: Eigene Darstellung nach Lipnack und Stamps (1998 S 177)
Abbildung 5: Das Punctuated-Equilibrium-Modell trennt die Gruppenentwicklung nach
einer Halbzeit in 2 Phasen S 15
Quelle: Robbins (2001 S 269)
Abbildung 6: Die fünf Phasen der Entwicklung der Gruppenmitgliedschaft eines
Individuums S 17
Quelle: Darstellung nach Levine Moreland Hook-Seok Choi (2003 S 88)
Abbildung 7: Matrixdarstellung der Grundkommunikationsstrukturen in binärer Form
und Überlagerung von Stern- und Totalstruktur S 22
Quelle: Darstellung nach Herkner (2004 S 482) und eigene Berechnung
Abbildung 8: Stern- und Totalstruktur mit Knoten durch Buchstaben analog dem Text
bezeichnet S 25
Quelle: Eigene Darstellung
Abbildung 9: Bei der Totalstruktur verändert sich die Effektivzeit abhängig von der
Gruppengröße mit dem Parameter Informationszeit nichtlinear S 27
Quelle: Eigene Darstellung Tabelle aus Bäckmann (1994 S 30),
Grafik aus Bäckmann (1974 S 267)
Abbildung 10: Systemanalytische Darstellung von drei sozialpsychologischen
Standardexperimenten S 30
Quelle: Eigene Bearbeitung und Darstellung nach Hofstädter
(1993 S 64 1973 S 116) Bierhoff (2007 S 311)
Abbildung 11: Sozialpsychologische Experimente unter Berücksichtigung der Zeit und
der Gruppengröße als Input-Output-Modell S 31
Quelle: Eigene Bearbeitung und Darstellung nach Mann (1999 S 89)
Hofstädter (1993 S 193)
Abbildung 12: Einführung eines Produktionsmanagementsystems auf Gruppenbasis mit
Feedback durch Sprungfunktion am Systemeingang realisiert S 32
Quelle: Eigene Darstellung ergänzt mit eigenen Berechnungen
(nach Kleinbeck Schmidt 2004 s 480)
IV
Abbildung 13: Systemcharakteristik der Feedback-Intervention bei Stationarität von Struktur und Prozessen der Arbeitsgruppe mit Timelag von einem Monat zwischen Feedback und Leistungsergebnis ……………………..……S. 33 Quelle: Eigene Darstellung und Berechnung nach Daten von Kleinbeck & Schmidt (2004, S. 480)
Abbildung 14: Neuere Konzepte des 5-Phasenmodells gehen von flexiblen Übergängen aus, die sich in Form von situationsgesteuerten Regelkreisen darstellen lassen ………………………………………………………………………..…….S. 39 Quelle: Eigene Darstellung nach Brodbeck (2007, S. 429)
Abbildung 15: Bei einem realistischen Ansatz kann man die formelle Sternstruktur mit einer informellen Totalstruktur überlagern, und eine formelle (g) und informelle (g i ) Gruppenführung annehmen. ………………………………….S. 40 Quelle: Eigene Darstellung (Bäckmann 1974, S. 267, 268)
Abbildung 16: Vorschlag für eine Integration der Systemtheorie und Gruppenpsychologie für realitätsnahe Betrachtung von Gruppenprozessen und Gruppenentwicklung ……………………………………………………….……S. 42 Quelle: Eigene Darstellung
V
Tabellen und Quellen:
Tabelle 1: Äußere Zeitstrukturierung eines Seminars mit Gruppenarbeit……………….S. 9 Quelle: Tabelle nach Nellessen (2001, S. 266 – 267), ergänzt mit eigenen Berechnungen
Tabelle 2: Kombinationstabelle für N = 5 Gruppenmitglieder bei Auswahl einer Gruppe ………………………………………………………………………………………S. 18 Quelle: Eigene Darstellung
Tabelle 3: Topologie der Basiskommunikationsstrukturen mit Berechnung der Parameter ………………………………………………………………………………………S. 24 Quelle: Eigene Darstellung
Tabelle 4: Experiment zum sozialen Faulenzen mit virtueller Labyrinthdurchquerung am Computer …………………………………………………………….……….S. 29 Quelle: Tabelle nach Daten von Aronsen & Wilson & Akert (2004, S.329)
Tabelle 5: Mögliche Folgen von Zeitüberschuss und Zeitdruck auf die Zeitwahrnehmung ………………………………………………………………………………………S. 36 Quelle: Eigene Darstellung
VI
Symbolverzeichnis / Abkürzungen
ABZ Aufgabenarbeitszeit
AV abhängige Variable
DLZ Durchlaufzeit
GRZ Gruppenzeit (gesamt)
K Kanten in Graphen
M ij Matrixelement (Zeilen / Spalten)
N Personen in der Gruppe
n Personen in der Untergruppe
N opt optimale Gruppengröße
p Erfolgswahrscheinlichkeit
R Relationen
R 2
Bestimmtheitsmaß
t A Anfangszeitpunkt
t A(-) Anfangszeitpunkt (historisch)
t E Endzeitpunkt
t E(+) Endzeitpunkt (zukünftig)
T eff Gruppeneffektivzeit für Leistungserbringung
T G Existenzintervall / Gruppenlebensdauer
t i Zeitintervall
Informationszeit in der Gruppe t i1/2
T M Gruppenzugehörigkeitszeit (Mensch)
UV unabhängige Variable
VPN Versuchspersonen
Τ i Zufallszeitintervall
Τ α Zufalls-Anfangszeitpunkt
Τ ε Zufalls- Endzeitpunkt
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1. Einführung: Gruppendynamik und die Bedeutung der Zeit
1.1 Forschungsfeld: Gruppe und Bedeutung der Zeit - Literaturbefunde
Eine vielfältige Rolle spielt die Zeit im Gruppengeschehen: Zum einen ist die Zeit in der Grup- pendynamik, der Gruppenentwicklung und bei Gruppenprozessen als Zeitdimension neben der Raumdimension eine Grundvoraussetzung, da sich alles soziale Geschehen hierin abspielt. Zum anderen sind Zeitstrukturen Ordnung schaffende Rahmenbedingungen von Gruppenbil- dung, Gruppengestaltung und jeder Art von Einsatz und Anwendung von sozialpsychologischen Gruppenkonzepten. Man denke hier nur an Anfang, Lebensdauer und Ende einer Gruppe. Darüber hinaus braucht jeder soziale Prozess und Gruppeneffekt eine Prozesszeit oder zeigt ein Zeitverhalten, das charakteristisch sein kann für die momentane Dynamik des Gruppenpro- zesses und den Stand der Entwicklung und vielleicht auch für die sozialen Reifung oder den Niedergang der Gruppe. Auch die Elemente einer Gruppe, die in ihr agierenden Personen, also die Gruppenmitglieder und Gruppenführer, haben einen Zeitbedarf für ihre Kontakte, für Kom- munikation und Interaktionen, ihre Verhaltenssequenzen, Entscheidungen und Handlungen, Störungs- und Konfliktbewältigungen und auch für Reaktionsverzögerungen und Inaktivitäts- phasen. Hinzu kommen selbstverständlich auch in Gruppen Aspekte der Zeitwahrnehmung und des Zeitbewusstseins in Form von Gruppenprozessen unter Zeitdruck oder Zeitstress und Leerzeiten mit temporärer Über- und Unterforderung sowie Probleme der individuellen Zeitsyn- chronisation zur Gruppenzeit und der gesamten Zeitperspektive einer Gruppe in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Es wird aber der wichtigen Rolle der Zeit in der Gruppendynamik, der Gruppentheorie und Gruppenpraxis nur eine geringe Beachtung geschenkt, so dass sogar in der neueren Literatur entweder überhaupt nicht, nur am Rande oder nicht geschlossen darauf eingegangen wird. Dies lässt sich am Besten durch einige vorerst exemplarisch ausgewählte Textpassagen auf- zeigen, die in wissenschaftlichen Lehrwerken der Psychologie, Sozialpsychologie, Gruppenpsy- chologie, Gruppendynamik und Gruppenprozessforschung zu finden sind.
Maderthaner (2008) weist darauf hin, dass die Psychologie einige kontroverse Grundannahmen diskutiert, z. B. Statik versus Dynamik: „Grundsätzlich können sich Gesetzmäßigkeiten auf strukturelle oder auf zeitliche Abläufe beziehen. Deshalb müssen auch psychologische Proble- me auf zweierlei Art umanalysiert werden. Zum einen können über verschiedene Sachverhalte zur gleichen Zeit Daten gesammelt werden oder Experimente durchgeführt werden, zum ande- ren werden gleiche Sachverhalte mehrmals zu verschiedenen Zeiten untersucht. Im ersten Fall – bei einer Querschnittsanalyse – erfährt man Näheres über das gesetzmäßige Nebeneinander von Phänomenen, und im zweiten Fall – bei Längsschnittanalysen – über das gesetzmäßige Nacheinander der Zustände von Phänomenen“. (vgl. Maderthaner 2008, S. 45 - 46). Er führt noch aus, dass in der Realität viele Abläufe und Prozesse auch zeitlich richtig eingeschätzt werden müssen. So sind Timelags, also Zeitverzögerungen und Totzeiten, schwierig zu durch- schauen, aber in den komplexen sozialen Systemen unbedingt zu berücksichtigen (vgl. Ma- derthaner 2008, S. 263 - 264). Von Miller (1995) stammt die Aussage, „dass Zeit in der Sozial-
2
psychologie wenig Beachtung gefunden hat...“ (vgl. Miller 1995, S. 124). Er führt dies auf die Problematik zurück, dass eine umfassende Einbeziehung der Zeit schnell an praktische und methodische Grenzen stößt und verweist noch darauf, dass die Sozialpsychologie im Wesentli- chen von zeitinvarianten Modellen ausgeht und damit das Prozesshafte ausklammert und in Theoriebildung und Forschung damit selten berücksichtigt (vgl. Miller 1995, S. 124 - 125). Tschacher (1997) meint dazu: „Ich halte die Ergebnisse der statischen Psychologie für wichtig, aber unzureichend.“ Er meint weiter: „Die Dimension Zeit ist daher eine zu unrecht vernachläs- sigte Größe in der Psychologie.“ Er fragt aber auch: „Wie kann die Zeit einbezogen werden?“ Und gibt eine Antwort: „Gesucht sind Methoden, die das Studium der Evolution einzelner Sys- teme erlauben. Der Methodenkanon ist demnach zu ergänzen um Zeitreihenanalysen und um dynamische Modellierungstechniken.“ (vgl. Tschacher 1997, S. 6). Über den Umgang mit der Zeit schreibt auch Rechtien (2007): „Zu den drängenden Fragen der Alltagsrealität gehört zweifellos auch, wie wir mit der Zeit umgehen, die wir immer häufiger nicht zu haben scheinen, unsere immer mehr an Erwerbsarbeit orientierten Zeitmodelle partiell außer Kraft zu setzen, schafft Raum für eine alternative Beziehung zur Zeit, in der ihre Verschwendung gelegentlich produktiv und notwendig erscheint.“ (vgl. Rechtien 2007, S. 104 -105).
Den Versuch eines instrumentellen und reflexiven Umgangs mit der Zeit in gruppendynami- schen Veranstaltungen unternimmt Geißler (2001): „Sichtet man die einschlägig relevante Literatur, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Gruppendynamik hinsichtlich des Themas ‚Zeit und der Umgang mit ihr’ problemgeschichtlich noch im Mittelalter lebt. ‚Zeit’ war damals ebenso kein Problem, kein Thema, wie sie es für die Gruppendynamik heute ist. Im gruppendy- namischen Alltag stellt sich der Umgang mit der Zeit durchaus immer wieder als Handlungs- problem. Der Umgang mit der Zeit, die zeitlichen Bedingungen, werden zum zentralen Struk- turmerkmal der Interaktion; über sie wird Zustimmung, Abhängigkeit, Widerstand, individuelle und kollektive Souveränität sichtbar und erfahrbar.“ (vgl. Geißler 2001, S. 183 - 198)
Sader (2002) hat weitere Argumente aus dem Bereich der Gruppenpsychologie zusammenge- fasst als Mangel im Prozessdenken in der Sozialpsychologie, und er sagt: „In der sozialpsycho- logischen Forschung werden Prozesse von auch nur etwas ausgedehnterer zeitlicher Erstre- ckung ausgesprochen selten berücksichtigt. Die herkömmliche Experimentierpraxis betrifft fast ausschließlich ahistorische kurzeitige Experimente. Längere Prozesse kommen kaum vor.“ Er nennt auch die möglichen Konsequenzen anhand von vier ausgewählten Aspekten:
- „Ohne zeitlichen Kontext kann das Gruppengeschehen unverständlich und unerklärbar sein, da Gruppenmitglieder auch auf zurückliegende Ereignisse reagieren, die aus dem Jetzt nicht erkennbar sind.
- Bei häufigen Folgen von Interaktionen mit Feedback kann es zum Aufschaukeln kommen mit dramatischen Eskalationen und ohne Vorgeschichtskenntnis zu völlig falschen Schlussfolgerungen.
- Auch eine Step-by-Step-Technik führt eventuell dazu, dass durch die gesetzten Anfangs- bedingungen ein Ausstieg bei negativen Gruppeneffekten erschwert wird. Letztendlich nur bei einer prozessualen Betrachtungsweise können Ursache und Wirkung von möglicher willkürlicher Zuordnung unterschieden werden.“ (vgl. Sader 2002, S. 112 – 114).
3
Zwar bezieht er seine Meinung nur auf Gruppenprozesse, aber er macht auch Vorschläge zur besseren Erforschung derselben, was nichts anderes heißt als eine stärkere Einbeziehung von Zeitdimension, Zeitstruktur, Zeitverhalten, Zeitperspektive und eben Zeitkontexten in die Grup- penpsychologie.
Da Gruppen in Organisationen eine besondere Rolle spielen, muss auch folgendes beachtet werden: „Angesichts permanenter Veränderungen im Organisationskontext hat der Zeitaspekt kontinuierlich an Relevanz zugenommen. Im Kern geht es um die Notwendigkeit einer immer höheren Anpassungsgeschwindigkeit von Gruppen in Organisationen an die Änderungen ihrer Umwelt. Dabei ist die Erkenntnis trivial, dass ein System nur überleben kann, wenn seine Anpassungsgeschwindigkeit größer ist als die Änderungsgeschwindigkeit des Umfeldes.“ (vgl. Felfe und Liepmann 2008, S. 30). Hier stellt sich deutlich die Existenzfrage für soziale Gruppen und übergeordnete soziale Systeme als abgeleitetes Zeitproblem dar. Allerdings ist diese Auffassung durch den Hinweis zu ergänzen, dass es auch noch auf andere Systemzustände ankommt.
1.2 Forschungsfrage, Definition, Design: Zeit, Einflussgröße und Strukturvariable Die Gruppe in der Sozialpsychologie umfasst im Allgemeinen mehr als zwei Menschen, manche sprechen von mindestens zwei Personen, die in Interaktion miteinander treten, gemeinsame Ziele, Rollen und Normen entwickeln, die das Verhalten der Gruppe und ihrer Mitglieder regulie- ren. Als weiteres Kriterium wird oft noch eine relative Dauerhaftigkeit und eine gewisse Stabilität herangezogen, die sich nach einem sich zeitlich erstreckenden Gruppenentwicklungsprozess einstellt. Bei der sozialpsychologischen Betrachtung steht u. a. das Erleben und Verhalten der Gruppenmitglieder im Blickpunkt, wobei zentrale Begriffe wie Kommunikation, Kohäsion, Nor- men und soziale Rollen und Gruppenerfolg dominieren, allerdings wie dokumentiert häufig ohne Zeitdimension, Zeitstrukturen und die zeitlichen Einflussgrößen ausreichend zu berücksichtigen, welche die Voraussetzung eines jeden Gruppenprozesses und jeder Gruppenentwicklung sind (vgl. Boos, 2005, S. 636 – 653). Dies ist jedenfalls die Grundannahme der vorliegenden Litera- turuntersuchung und soll deshalb klären,
- welche Bedeutung die Zeit als Einflussgröße und Strukturvariable in Gruppenprozessen und für die Gruppenentwicklung hat.
Um diesen Denkansatz zu verallgemeinern, ist erst zu fragen:
- Welche Bedeutung hat die Zeit im Gruppengeschehen?
Der vorstehende Terminus wurde bewusst gewählt, um anderweitig definierte und teilweise vorbelastete Gruppenbegriffe vorerst zu vermeiden. Stärker differenziert ergibt sich ein Schwer- punktkomplex:
- Wie hängen Gruppenprozesse und Gruppenentwicklungen von der Zeit ab?
- Und dies im Besonderen von der Zeit als Strukturvariable und Einflussgröße? Letztlich kann abrundend noch die Frage aufgeworfen werden,
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- ob und wie die Zeit in Gruppenprozessen und in der Gruppenentwicklung stärker themati- siert werden muss.
Hier soll nicht nur die objektive Zeit, sondern auch die subjektive Zeit einbezogen werden, soweit diese bisher in der Literatur zur Gruppenforschung untersucht bzw. abgehandelt wurde. Eingeschlossen werden formelle und informelle Gruppen, also geplante und ungeplante Pro- zesse. Ziel ist vor allem, Forschungslücken aufzuzeigen und aus hinreichend relevanten Ergeb- nissen Verbesserungen für Gruppenprozesse und Gruppenentwicklungsmaßnahmen und Interventionen abzuleiten.
Ausgangspunkt der Untersuchung sind exploratorisch ausgewählte Veröffentlichungen, die sich
- mit Gruppenphasenmodellen befassen, um Gruppenprozesse und Gruppenentwicklungen im Zeitverlauf zu analysieren und zu charakterisieren,
- weiter mit den zeitlichen Wirkungen von Information und Kommunikation, also allgemein Interaktionen und deren Bedeutung für den Gruppenprozess und die Gruppenentwicklung,
- sowie mit den Fragen von Gruppenverhalten unter Zeiteinfluss; demnach dem Zeitverhal- ten einer Gruppe als soziales System.
Die gesamte Untersuchung basiert auf einem systemtheoretischen Ansatz, da die Systemtheo- rie für die Analyse und Optimierung von Gruppenprozessen und Gruppenentwicklung geeignete Instrumente und Verfahren liefert, die auch in die Sozialpsychologie Eingang gefunden haben (vgl. Glaser 2005, S. 68 – 96).
Abbildung 1: Ablaufschema der Untersuchung : Die Zeit als Einflussgröße und Strukturvariable in
Nachdem die Forschungsfrage operationalisiert wurde, sollen einige Definitionen gegeben werden zur Abgrenzung:
Gruppenprozess und Gruppenentwicklung können unter verschiedensten Blickwinkeln betrach- tet werden, je nach dem Kontext der Untersuchungen. Der Gruppenprozess kann allerdings kaum nur alleine betrachtet werden, denn die Forschung ist sich darüber einig, dass sich Pro- zess und Struktur gegenseitig bedingen: zum einen werden drei verschiedene Ebenen des Gruppenprozesses unterschieden:
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- nämlich Inhalte, Relationen und Funktionen,
- des Weiteren zwei verschiedene Betrachtungen der Gruppenkonstitution aus Gruppen- struktur und Gruppenprozess.
Neben der Makrostruktur gibt es allerdings viele Mikrostrukturen, wie Kommunikations-, Kon- flikt- und Machtstrukturen u.a.. Die Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern werden dann Gruppenprozesse genannt. Gruppenstruktur und Gruppenprozess sind als Rekursion wechsel- seitig voneinander abhängig, da ein Gruppenprozess nur aus Gruppenstruktur entstehen kann und diese wiederum von dem Gruppenprozess beeinflusst und moderiert wird (vgl. von Rosen- stiel 2007. S. 288 – 289 / Brauner 1998, S. 192 – 193). Durch die Reihenfolgebeziehung wird deutlich, dass dieses Wechselspiel in der Zeit ablaufen muss. Früher schon hat Mayrhofer (2003) dazu
- eine Zeitvariable eingeführt (vgl. Mayrhofer 2003, S. 213 – 214).
Bei Becker-Beck (1997) wird an dieser Stelle noch eine
- Mikro- und Makroebene des Gruppenprozesses unterschieden durch den zeitlichen Auflö- sungsgrad des Prozesses.
Es werden bei der Mikroanalyse die in kleinen Zeiteinheiten ablaufenden Schritte des Gruppen- geschehens dabei in den Fokus gestellt, um z. B. Verhaltensmuster herauszufiltern (vgl. Be- cker-Beck 1997, S. 26).
Die Makroanalyse befasst sich nun mit längerfristigen Prozessen, etwa mit dem Problem, welche Phasen eine Gruppe von ihrer Entstehung bis zu ihrer Beendigung durchläuft – also die Gruppenentwicklung. Dieser Begriff hat aber zwei Bedeutungen, denn Gruppen entwickeln sich bei Selbstorganisation von der Situation abhängig über die Zeit hinweg – die Gruppe entwickelt sich selbst.
Im Weiteren umfasst Gruppenentwicklung eine geplante und systematische Veränderung von Gruppen in der Zeit, um Anpassungs- und Lernfähigkeit sowie Steigerung der Leistungsfähig- keit der Gruppe und der Gruppenmitglieder zu optimieren. Dabei werden die Gruppenmitglieder einbezogen. Der Begriff sollte nur angewandt werden, wenn es sich um gesamthafte Verände- rungen der Gruppenprozesse und Gruppenstrukturen handelt – also wird die Gruppe entwickelt.
Vorstehend wurde die Zeit als Variable eingeführt: Von Variablen spricht man, wenn bestimm- ten Größen eine Menge möglicher Werte zugeordnet werden können, dabei muss eine Variable keineswegs eine metrische oder topologische Struktur aufweisen. Die unabhängige Variable (UV) bei empirischen Sachverhalten wirkt auf eine andere Größe oder einen Vorgang oder Zustand ein, die man dann abhängige Variable (AV) nennt. Die Zeit kann nun sowohl als ab- hängige als auch unabhängige Variable auftreten (vgl. Miller 1995, S. 51 - 52). In den meisten sozialpsychologischen Experimenten oder Realuntersuchungen taucht die Zeit als Variable direkt, häufiger indirekt als abgeleitete Größe auf, wie Geschwindigkeit eines sozialen Vorgangs usw. Auch kann die Zeit UV und AV gleichzeitig sein, allerdings vermittelt über eine Moderato- renvariable oder einen Parameter.
Die Gruppe ist in ihrer Minimalstruktur als dynamisches System zu sehen, das aus einer
- Personenmehrzahl
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Dipl.-Ing. Reinhard Bäckmann, 2008, Die Zeit als Einflussgröße und Strukturvariable in Gruppenprozessen und in der Gruppenentwicklung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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