Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für Deutsche Literatur Wintersemester 2001/2002 Hauptseminar: Judenbilder im Mittelalter
René Girards Sündenbocktheorie in Anwendung auf den Antijudaismus des Mittelalters: Das Frankfurter Passionsspiel von 1493
Haiko Prengel
Neuere Deutsche Literatur, Germanistische Linguistik, Politikwissenschaft 6. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Girards Sündenbocktheorie: Die Stereotypen der Verfolgung
2.1. Das Stereotyp der Krise
2.2. Das Stereotyp der Anschuldigungen
2.3. Das Stereotyp der Opferselektion
2.4. Das Stereotyp der Gewalt selbst
3. Das Frankfurter Passionsspiel von 1493: Einleitung
3.1. Die Anschuldigungsmotive gegen die Juden im Frankfurter
Passionsspiel
3.1.1 Die theologischen Motive Verstocktheit, Blindheit und Teufelsbund
3.1.2 Die ökonomischen Motive Habgier, Zinshandel und Wucher
3.1.3 Die psychopathologischen Motive Spott, Sadismus und Gottesmord
4. Immer die gleichen Anschuldigungen?
5. Fazit
Quellenangaben
6.
1
1. Einleitung:
Bei vielen Untersuchungen von Judenfeindschaft im Mittelalter drängt sich gewohnheitsgemäß die Frage auf, ob jener Antijudaismus mit dem modernen Antisemitismus seit dem 19. und vor allem dem des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist. Ohne Zweifel ist diese Frage mit Nein zu beantworten; doch wäre der Antisemitismus ohne den Jahrhunderte lang währenden Antijudaismus des Mittelalters und der späten Antike nicht denkbar gewesen. Die rassistische Komponente des Antisemitismus spielte im Mittelalter keine Rolle. Allerdings kann man eine kontinuierliche Erweiterung der Anschuldigungsmotive und Opferstereotype feststellen. Das geistliche Spiel, als Oster-, Weihnachts- oder Passionsspiel auf den städtischen und dörflichen Bühnen dramatisch vorgetragen, war im Hoch- und Spätmittelalter nicht nur eine beliebte Art, die ewige Auseinandersetzung um die Auslegung der Evangelien weiterzuführen. Vielmehr bot die künstlerische Plattform mit teils Hunderten von Schauspielern und Statisten auf spektakuläre Weise auch die Möglichkeit, im Namen der Kirche öffentlich gegen Juden zu hetzen.
Die Tatsache, dass diese Form des mittelalterlichen Dramas über mehrere Jahrhunderte aufgeführt wurde und die Passionsspieltexte samt Regieanweisungen bis heute erhalten sind, ermöglicht eine gründliche Rekonstruktion der damaligen Ereignisse.
Anhand der Kontinuität der Judenverfolgung vor dem Hintergrund der christlichen Passionsspiele als historische Station soll die Theorie vom Sündenbock, die René Girard Ende des vergangenen Jahrhunderts entwickelte, untersucht werden. Universale Aspekte der Sündenbocktheorie werden auf die Passionsspiele (v.a. auf das Frankfurter Passionsspiel von 1493) angewendet und analysiert. Die zentrale Fragestellung wird demnach sein, ob Girards Theorie so universal ist, dass sie auf die antijudaistischen Passionsspiele des Mittelalters angewendet werden kann.
Zunächst wird Girards Theorie in ihren wichtigsten Punkten vorgestellt, werden die Stereotypen der Verfolgung erläutert. Nach der Untersuchung der
2
Passionsspiele auf die Anwendbarkeit der Girardschen Theorie möchte die Arbeit klären, ob nicht jede Epoche seine eigenen Stereotypen der Verfolgung hervorbringt oder ob tatsächlich eine temporär wie geografisch stereotype Universaldynamik bei der Findung von Sündenböcken existiert.
2. Girards Sündenbocktheorie: Die Stereotypen der Verfolgung
Girards Sündenbocktheorie ist universal, d.h. sie sollte anwendbar sein auf alle Sündenböcke, die es in der Geschichte gab oder heute noch gibt. Girard legt von Anfang an großen Wert darauf, individuelle von kollektiver Verfolgung zu trennen. Seine Theorie fußt auf Beobachtungen lediglich kollektiver Verfolgungen der Vergangenheit, die generell von relativ vielen Tätern begangen wurden und in der Regel relativ viele Adressaten bzw. Opfer im Visier hatten. Konstellationen, in denen sich Einzelne oder Wenige (z.B. eine Familie) ihren speziellen und individuellen Sündenbock suchen, sind gewiss denkbar. Hier soll es aber ausschließlich um komplexe Gesellschaften als Tätergemeinschaft gehen. Die Verfolgung des Individuums durch das Kollektiv spielt bei Girard beispielsweise im Fall des Mythos (Verfolgung des Ödipus) auch eine Rolle; mehrere Kapitel widmet er darüber hinaus den Evangelien, der Passion Christi und dessen Märtyrer- und Sündenbockfunktion. Beides soll an dieser Stelle aber ebenfalls nicht behandelt werden. Die vorliegende Arbeit wird Mythos wie Antike außer Acht lassen und sich im Wesentlichen auf Ereignisse des Mittelalters beschränken, die in ihrer Mehrheit als „real stattgefunden“ eingestuft werden können. Des Weiteren werden lediglich kollektive Verfolgungen berücksichtigt, die einer relative großen Masse galten und keinem Einzelnen. Dieser Typus ist auch in Girards Werk der wichtigste.
Wie bereits erwähnt beansprucht Girards Theorie eine Universalität, die sowohl die möglichen Opfer als auch die auftauchenden Stereotypen betrifft. Was die immer wieder gleichen Stereotypen angeht, so existieren derer vier:
- das Stereotyp der Krise
- das Stereotyp der Anschuldigung
- das Stereotyp der Opferselektion
3
- das Stereotyp der Gewalt selbst
2.1.Das Stereotyp der Krise
Das erste Stereotyp der Verfolgung bei Girard ist die gesellschaftliche Krise. Hervorgerufen durch verschiedene potenzielle Umstände (Epidemien, Naturkatastrophen, politische Umwälzungen, ...) führen diese doch immer zu einer zugespitzten politischen Situation sowie einer höchst labilen, verunsicherten Gesellschaft. Es tritt ein Phänomen ein, das Girard die „Entdifferenzierung“ des Kulturellen bzw. der Gesellschaft“ nennt. 1 Demnach ist die Gesellschaft in Friedens- bzw. sorglosen Zeiten gekennzeichnet vor allem dadurch, dass sie und ihre Bürger sich hierarchisch und funktional differenzieren. Diese „Unterschiedlichkeit des Realen“ (Girard, S. 23) und ein komplexes Tauschsystem (Austausch von Konsumgütern; Tauschheiraten) sind die Merkmale jener Gesellschaften. Ich möchte Letzteres an dieser Stelle sekundäre und tertiäre Faktoren des Lebenswandels nennen, das heißt der Tauschhandel und die Aktivitäten des Alltags sind geprägt von der Befriedigung wichtiger und weniger wichtiger Güter und Bedürfnisse. Während einer handfesten Krise verschwinden die Faktoren sekundären und tertiären Lebenswandels. Übrig bleibt der „Tausch des unbedingt Notwendigen“ 2 , also quasi der primäre Tauschhandel. In Erscheinung tritt eine verkürzte negative Reziprozität 3 , also neben der Konzentration des Einzelnen auf das Wesentliche (Nahrung, kurzfristiges Überleben) eine schnellere Wechselseitigkeit von Aggressionen. Die Gesellschaft also entdifferenziert sich, gibt Kultur und Soziales preis, gleichzeitig sind Institutionen und Hierarchien geschwächt bis aufgehoben. Am Ende dieses Prozesses steht eine uniformierte Masse, ein hochgradig verunsicherter, aggressiver Pöbel („mob“, „turba“). 4
Da es sich um eine gesellschaftliche Krise handelt, wird dieser Pöbel versuchen, sie auch gesellschaftlich zu erklären: „Statt jedoch sich selbst zu tadeln, neigt der Einzelne zwangsläufig dazu, die Schuld entweder der Gesellschaft insgesamt
Arbeit zitieren:
Magister Artium Haiko Prengel, 2002, René Girards Sündenbocktheorie in Anwendung auf den Antijudaismus des Mittelalters: Das Frankfurter Passionsspiel von 1493, München, GRIN Verlag GmbH
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