Inhalt
Einleitung. 3
1. Begriffe 3
1.1 Die Ordnung 4
1.2 Die Dauer 6
1.3 Die Frequenz. 7
2. Vergleich der Zeitmodelle Lämmerts und Genettes. 8
2.1 Die literaturtheoretischen Ansätze. 8
2.1.1 Der morphologische Ansatz Eberhard Lämmerts. 8
2.1.2 Der strukturalistische Ansatz Gérard Genettes 9
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede 10
3. Kritikpunkte. 12
4. Fazit. 13
2
Einleitung
Wie in jedem anderen Gebiet der Literaturwissenschaft, gab es auch im Bereich der Erzähltheorie große Fortschritte. Die zunehmende Systematisierung und Differenzierung ermöglichten es, eine Erzählung immer genauer zu untersuchen und sie in ihre funktionalen und strukturellen Bestandteile zu zerlegen. Zwei herausragende Vertreter der Erzählforschung, Eberhard Lämmert und Gérard Genette, mit ihren Modellen zur Untersuchung narrativer Zeitverhältnisse sollen in dieser Hausarbeit vorgestellt werden. Aufgrund des außerordentlichen Umfangs ihrer Werke, konzentriert sich diese Arbeit hauptsächlich auf einen Vergleich der Zeitmodelle Lämmerts und Genettes und deren Ordnung. Textgrundlage hierfür bilden Genettes ‚discours du récit‘ und Lämmerts ‚Bauformen des Erzählens‘.
Nachdem im ersten Teil dieser Hausarbeit die zentralen Begriffe der Ordnung, der Dauer und der Frequenz geklärt werden sollen, setzt sich der zweite Teil zum Ziel, die literaturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen zu erläutern. Nachdem im dritten Abschnitt Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, sollen im Anschluss auch Kritikpunkte an den Zeitmodellen Genettes und Lämmerts näher beleuchtet werden.
1. Begriffe
Die Erzählung verfügt über besondere Zeitverhältnisse, da zwischen der Zeit der Erzählung und der Zeit des Geschehens unterschieden wird 1 . Die Differenzierung von erzählter Zeit und Erzählzeit fand erstmalig 1946 bei Günther Müller Verwendung, wobei die Relation dieser beiden Elemente zueinander das Erzähltempo (vitesse) konstituiert 2 .
Genette legt drei Kriterien zur Analyse der Zeitverhältnisse innerhalb der Erzählung fest: die Ordnung, die Dauer und die Frequenz. Diese sollen im weiteren Verlauf auch hier als Gliederungspunkte dienen.
1 Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 5. Aufl. München: Beck, 2003.
S. 30.
2 Arnold, Heinz Ludwig/ Detering, Heinrich [Hrsg.]: Grundzüge der Literaturwissenschaft. 6. Aufl.
München: Dt. Taschenbuch- Verlag, 2003. S. 297.
3
1.1 Die Ordnung
Die Ordnung bezeichnet allgemein „das Verhältnis zwischen der Anordnung der Ereignisse in der erzählerischen Darstellung und ihrer quasi-realen Chronologie. Die Ordnung kann chronologisch, anachronisch oder achronisch sein“ 3 . Der innerhalb der Erzählung am häufigsten zutreffende Fall ist die Anachronie. Zugleich bildet eben diese Thematik die Grundlage für die detailierten Untersuchungen Eberhard Lämmerts und Gérard Genettes. Letzterer definiert die Anachronie wie folgt: „Anachronien […] [sind] Formen von Dissonanz zwischen der Ordnung der Geschichte und der Erzählung“ 4 . Obwohl einem jeden Text aufgrund der Linearität der Sprache eine gewisse Chronologie zugrundeliegt, ist es innerhalb der Erzählung schon allein aufgrund höherer Wirksamkeit durchaus üblich, die Zeitpunkte der Geschehnisse und den Moment des Berichtens innerhalb der Erzählung umzustellen. Verursacht werden Anachronien durch Rückwendungen und Vorausdeutungen 5 .
Lämmerts Klassifikation der Anachronien orientiert sich stark an deren Funktion innerhalb der Erzählung. Der analeptische Erzählprozess wird untergliedert in die aufbauende Rückwendung, deren Funktion eine „nachgeholte Exposition“ 6 ist, sowie die auflösende Rückwendung, die „mit allen ihren Ähnlichkeiten und Kontrasten das Gegenstück der aufbauenden [ist]“ 7 . Mittels der auflösenden Rückwendung wird nachträglich entlarvt, was in der Erzählung zuvor unbekannt war. Diese Form der Anachronie findet häufig Verwendung in Kriminalromanen. Lämmert unterscheidet weiterhin verschiedene Formen eingeschobener Rückwendungen, welche an dieser Stelle nur kurz genannt werden können.
Der Rückschritt bereitet zum einen „einzelne Handlungsphasen vor“, zum anderen „können [Rückschritte] selbst Träger von Nebenhandlungen sein“ 8 . Ein Rückschritt kann parallel oder abschweifend sein, wobei die Zuordnung nicht eindeutig sein muss, sondern „ganz beim Leser [liegt]“ 9 . Lämmert unterscheidet neben dem Rückschritt zwei weitere analeptische Prozesse: Wird in den fortschreitenden Handlungsfluss eine Rückwendung eingeschoben, ohne, dass dadurch das
3 Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 191.
4 Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Fink,1994. S. 23.
5 Die Begriffe Rückwendung und Vorausdeutung wurden von Lämmert geprägt, im Folgenden werden
hierfür vorwiegend die von Genette entlehnten Bezeichnungen Analepse und Prolepse verwendet.
6 Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. 8. unveränd. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1988. S.104.
7 Ebd. S.108.
8 Ebd. S.113.
9 Ebd. S.117.
4
Gegenwartsgeschehen relevant beeinträchtigt wird, so spricht er von Rückgriffen. Im
Gegensatz zum Rückschritt hat der Rückgriff keine eigenständige Geschichte zum
Inhalt 10 Den Rückblick hingegen bezeichnet Lämmert als den „wohl bedeutsamste n
Typus der eingeschobenen Rückwendungen“ 11 Oftmals löst der Rückblick, der auch
als Lebensüberschau bezeichnet wird, einen Wendepunkt innerhalb der
Handlungsebene aus und verursacht die Vergegenwärtigung vergangener
Erlebnisse 12
Prolepsen werden von Lämmert untergliedert zwei Hauptkategorien:
zukunftsungewisse und zukunftsgewisse Vorausdeutungen. Letztere beinhaltet
einf ührende Vorausdeutungen, welche beispielsweise Kapitelüberschriften darstellen
k önnen, als auch abschließende Vorausdeutungen. Ein Vorgriff ist dann
zukunftsungewiss , wenn der Erzähler auf einen übergeordneten Standpunkt
verzichtet und somit an einen begrenzten Wahrnehmungshorizont gebunden ist 13
Genettes Kategorisierung der Anachronien bedient sich zweier zusätzlicher Kriterien:
der Reichweite und des Umfangs. Der Abstand des anachronischen Eingriffs zum
gegenw ärtigen Zeitpunkt der Erzählung bestimmt die Reichweite. Die Dauer dieses
Prozesses konstituiert den Umfang.
Analepsen und Prolepsen sind nach Genettes discours du récit intern, wenn das in
der Anachronie beschriebene Geschehen Bestandteil des Zeitabschnitts der
eigentlichen Geschichte ist. Ist dies nicht der Fall, liegt eine externe Anachronie
vor 14 Partiell sind Analepsen und Prolepsen, im Falle ihrer Unabhängigkeit von der
Basiserz ählung. Als komplett wird eine Anachronie bezeichnet, wenn sie „ohne
Kontinuit ätsbruch zwischen den beiden Segmenten der Geschichte an die
Basiserz ählung zurückgebunden wird“ 15 Retrospektionen, wie Genette die
Analepsen auch bezeichnet, können außerdem heterodiegetisch, oder
homodiegetisch sein. Diese Klassifikation richtet sich danach, ob die Retrospektion
„den Handlungsstrang der Basiserzählung“ 16 betrifft.
10 Ebd. S. 123.
11 Ebd. S.128.
12 Ebd. S.128ff.
13 Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. S. 37.
14 Genette, Gérard: discours du récit. S. 31f.
15 Ebd. S. 42.
16 Ebd. S. 33.
5
Arbeit zitieren:
Susanne Ackermann, 2007, Die Ordnung der Zeit bei Gérard Genette und Eberhard Lämmert., München, GRIN Verlag GmbH
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