Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung 3
2 Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr.
2.1 Der Verlauf der Schlacht 7
2.2 Herodot als Richtungsgeber der späteren Rezeption 9
3 Die Schlacht um Stalingrad 1942/43
3.1 Informationen zur Schlacht 13
3.2 Reaktionen auf die Schlacht 18
4 Der Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit der Schlacht bei
den Thermopylen in Görings Rede vom 30.1.1943
4.1 Die Bedeutung der antiken Schlacht bei Göring 21
4.2 Wirkung des Vergleichs auf
4.2.1 die Bevölkerung 25
4.2.2 die Offiziere 28
5 Schlussbetrachtung 30
6 Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen 33
6.2 Literatur 33
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1. Einleitung
Besonders totalitäre Regime beziehen sich seit jeher auf vergangene Ereignisse, um ihre Machtstellung im Innern zu festigen und zu legitimieren. So findet die Instrumentalisierung eines historischen Exempels gerade bei innenpolitischen Krisen Verwendung. Auch in der Epoche des Nationalsozialismus musste sich die politische Führung Anfang 1943 einer drohenden Destabilisierung ihres Systems entgegenstemmen. Auslöser hierfür war die verlorene Schlacht in Stalingrad, bei der hunderttausende deutsche Soldaten den Tod fanden, nachdem sie im November 1942 von den sowjetischen Armeen eingekesselt wurden. Die Niederlage ist der skrupellosen Kriegsführung der Parteispitze zuzuschreiben, die sich nicht davor scheute, ihre Truppen in der auswegslosen Lage ihrem Schicksal zu überlassen. Um ihre Machtstellung im Reich zu sichern, ging die NS-Führung die Taktik ein, der Öffentlichkeit die negativen Ereignisse an der Wolga zu verschweigen. Dennoch erreichten die Bevölkerung vereinzelte Meldungen über die katastrophalen Zustände in Stalingrad. Die Stimmung des deutschen Volkes verschlechterte sich zunehmend, gerade auch deshalb, weil man von offizieller Seite nichts erfuhr. Auch einige Offiziere äußerten Kritik am Verhalten der Parteispitze. Nach den tragischen Entwicklungen in Stalingrad, zweifelte ein Teil des Generalstabs der Wehrmacht an Hitlers militärischen Führungsqualitäten. Vor Sorge, die Loyalität der Bevölkerung und ranghoher Militärs zu verlieren, entschied sich die NS-Führung die Strategie der Verschwiegenheit aufzugeben und die Niederlage in Stalingrad zuzugeben. Mit dieser Aufgabe wurde Reichsmarschall Hermann Göring betraut, der mit einer Rede am 30.1.1943, dem zehnten Jahrestag der Machtergreifung, an die Öffentlichkeit trat. Darin bemühte er sich, die negativen Geschehnisse in Russland mit Hilfe zweier historischer Beispiele zu erläutern. Er verglich die Schlacht von Stalingrad mit dem Kampf der Nibelungen in Etzels Halle und mit der Schlacht bei den Thermopylen 480 vor Christus. Weit mehr widmete sich Göring der antiken Schlacht, in der sich der Spartiatenkönig Leonidas mit seinen Verbündeten im Engpass bei Thermopylai dem riesigen Perserheer des Xerxes in den Weg stellte, um seine Heimat zu verteidigen. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit gelang es den Hellenen ihre Stellung für einige Tage zu halten, ehe sie von den Persern umzingelt und besiegt wurden.
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Dass die NS-Führung in der prekären innerstaatlichen Lage Anfang 1943 dem antiken Beispiel mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Kampf in Etzels Halle, ist auffällig. Der Bezug auf die Nibelungen schien nahe liegender, da ihre Sage gerade zu jener Zeit für deutsche Identität und deutsche Tugend stand. Trotzdem rückte Göring die Verknüpfung der Schlacht um Stalingrad mit der bei den Thermopylen in den Mittelpunkt seiner Rede. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich daher ausschließlich auf diesen Vergleich. Die Reaktionen deutscher Soldaten im Stalingrader Kessel auf Görings Rede bleiben von der Analyse weitgehend unberührt, da diese Männer von der NS-Führung bereits abgeschrieben waren und somit keine Gefahr für das System darstellten. Von der Untersuchung vollkommen ausgeschlossen bleiben ebenso die Ansichten der einfachen Soldaten an den anderen Fronten und in der Heimat, weil deren Meinungsbild vom NS-Regime in erster Linie durch ihre Befehlshaber geprägt wurde. Es sind gerade die Offiziere, die durch ihre Kritik an der NS-Führung einen großen Einfluss auf die Zukunft der Parteispitze nehmen konnten. Doch auch die sinkende Stimmung in der Bevölkerung stellte eine Bedrohung für den Machterhalt der Nationalsozialisten dar. Es drängt sich daher die Frage auf, inwieweit der von Göring herangezogene Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit der Schlacht bei den Thermopylen ein geeignetes Mittel darstellte, dem wachsenden Unmut der Bevölkerung und des Generalstabs gegenüber der Regime-Führung entgegenzuwirken.
Zur Beantwortung dieser Frage ist es notwendig sich zunächst der antiken Schlacht zu widmen, da sich Göring auf diese bezog. In einem ersten Schritt soll der Verlauf des Kampfes skizziert, in einem zweiten Schritt sollen die Elemente der herodoteischen Überlieferung untersucht werden, die den Grundstein für die spätere Rezeption des Thermopylen-Ereignisses legten. Danach wird zur Schlacht von Stalingrad übergegangen. Um die Entstehung und das Ausmaß der Kriegstragödie nachvollziehen zu können, sind reichhaltige Informationen zur Schlacht unverzichtbar. Diese beinhalten sowohl den Verlauf der Schlacht, als auch die Entscheidungen und Reaktionen militärischer Befehlshaber vor und während der Gefechte. Anschließend soll insbesondere die Stimmung der Bevölkerung, aber auch die Meinung mancher Offiziere, auf die Vorgänge in Stalingrad aufgezeigt werden, um den Handlungsbedarf der NS-Führung zu verdeutlichen. Schließlich wird Görings Vergleich der Schlacht von Stalingrad
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mit der Schlacht bei den Thermopylen ins Zentrum der Arbeit gerückt. Die Eignung des Vergleichs soll auf zwei Ebenen überprüft werden. Die erste Ebene, die inhaltliche, untersucht auf welche Elemente der herodoteischen Überlieferung der Thermopylen-Schlacht sich Göring bezog, wie er sie einsetzte und inwieweit sich diese für seinen Vergleich eigneten. Die zweite Ebene will analysieren, wie sich dieses historische Exempel auf die Bevölkerung einerseits und auf Offiziere andererseits ausgewirkt haben könnte. Hierbei soll festgestellt werden, ob der Vergleich sein Ziel erreichte, die negative Stimmung abzufangen. Zuletzt werden die Ergebnisse prägnant zusammengefasst. Bevor zum Hauptteil übergegangen wird, sollen die Quellen und die Forschungsliteratur knapp vorgestellt werden, auf die in der vorliegenden Arbeit besonders Bezug genommen wird. Für die Analyse des Themas unverzichtbar sind speziell zwei Quellen: Zum einen Herodots Historien 1 , welche die ältesten Überlieferungen der Schlacht bei den Thermopylen sind; zum anderen Hermann Görings Rede vom 30.1.1943 2 , weil diese den Vergleich der Schlacht von Stalingrad mit der antiken Schlacht enthält. Die Reaktionen des Volkes auf die Ereignisse in Stalingrad und auf die Ansprache des Reichsmarschalls, sollen vor allem anhand der geheimen Berichte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS untersucht werden. 3 Diese zeichneten zumeist ein recht realistisches Bild von der Stimmung der Bevölkerung. Welche Wirkung die Tragödie von Stalingrad und ihr Vergleich mit der antiken Schlacht beim Generalstab der Wehrmacht erzeugte, wird mit Hilfe dreier Memoiren beleuchtet: General Erich von Mansteins „Verlorene Siege“ 4 sowie „Die verdammte Pflicht“ 5 und „Die Tragödie von Stalingrad“ 6 der Ordonnanzoffiziere Alexander Stahlberg und Joachim Wieder. Diese Retrospektiven wurden gewählt, da sie auf nachvollziehbare Art aufzeigen, inwiefern und wodurch sich die Haltung der drei ranghohen Soldaten zur
1 Der Arbeit zu Grunde liegt die Ausgabe des Reclam-Verlages. Herodot: Die Bücher der
Geschichte VII-IX (Auswahl) ), Übers. u. Anm. v. Walther Sontheimer, Stuttgart 2005.
2 Görings Rede vom 30.1.1943 zitiert bei Krüger, Peter: Etzels Halle und Stalingrad. Die Rede
Görings vom 30.1.1943, in: Heinzle, Joachim / Waldschmidt, Anneliese (Hrsg.): Die Nibelungen.
Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Studien und Dokumente zur Rezeption des
Nibelungenstoffs im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a. Main 1991, S. 170-187.
3 Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der
SS, hrsg. u. eingel. von Heinz Boberach, Band 12, Herrsching 1984.
4 Erich von Manstein: Verlorene Siege, 17. Aufl., Bonn 2004. (Das Original erschien 1955 in
München.)
5 Alexander Stahlberg: Die verdammte Pflicht. Erinnerungen 1932-1945, Frankfurt a. Main 1987.
6 Joachim Wieder: Die Tragödie von Stalingrad. Erinnerungen eines Überlebenden, Deggendorf
1955.
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politischen Führung unterschied. Die wichtigste verwendete Literatur ist die 2006 erschienene Monographie von Anuschka Albertz mit dem Titel „Exemplarisches Heldentum - Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart“ 7 . Darin werden die Rezeptionen der antiken Schlacht in den einzelnen Epochen untersucht und die Bedeutung des historischen Exempels herausgestellt. Gerade das Kapitel „Die Schlacht an den Thermopylen in der Antike“ 8 , aber mehr noch der Abschnitt über den Vergleich der antiken Schlacht bei Göring 9 , haben der vorliegenden Untersuchung anregende Erkenntnisse 10 geliefert. Zur Schlacht von Stalingrad wurden insbesondere die Arbeiten „Stalingrad - eine Schlacht des Zweiten Weltkrieges“ 11 von Gerd R. Ueberschär und „Stalingrad“ 12 von Bernd Ulrich herangezogen. Darin werden nicht nur die wesentlichen Eckpunkte der Schlacht prägnant dargelegt, sondern auch ein anschauliches Gesamtbild der Ereignisse um Stalingrad geschaffen. Die Auswirkungen der Schlacht von Stalingrad auf das NS-Regime und seine Propaganda-Strategie werden in Wolfram Wettes „Das Massensterben als ‚Heldenepos’ - Stalingrad in der NS-Propaganda“ 13 eingängig beleuchtet. Für die Bearbeitung des antiken Teils eignete sich die Arbeit von Reinhold Bichler und Robert Rollinger „Herodot“ 14 , da sich diese unter anderem der Biographie Herodots und der Darstellung seiner Historien in der Antike widmet. Die Analyse der Elemente des herodoteischen Schlacht-Berichts, die den Weg für die spätere Rezeption ebneten, wurde von den Aufsätzen „Religion in Herodotus“ 15 und „Archaic greek history“ 16 von Jon D. Mikalson und Robin Osborne unterstützt.
7 Anuschka Albertz: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den
Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2006.
8 Albertz, S. 28-66.
9 Siehe Ebenda, S. 293-308.
10 Insbesondere bei den Punkten 2.2 und 4.1.
11 Gerd R. Ueberschär: Stalingrad - eine Schlacht des Zweiten Weltkrieges, in: Wolfram Wette
und Gerd. R. Ueberschär (Hrsg.): Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt a.
Main 1992, S. 18-42.
12 Bernd Ulrich: Stalingrad, München 2005.
13 Wolfram Wette: Das Massensterben als „Heldenepos“. Stalingrad in der NS-Propaganda, in:
Wolfram Wette und Gerd. R. Ueberschär (Hrsg.): Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer
Schlacht, Frankfurt a. Main 1992, S. 43-60.
14 Reinhold Bichler / Robert Rollinger: Herodot (Studienbücher Antike 3) Hildesheim, Zürich,
New York 2000.
15 Jon D. Mikalson: Religion in Herodotus, in: Egbert J. Bakker / Irene J.F. de Jong / Hans van
Wees (Hrsg.): Brill’s Companion to Herodotus, Leiden, Bosten, Köln 2002, S. 187-198.
16 Robin Osborne: Archaic greek history, in: ebenda, S. 497-520.
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Unser Wissen über die Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr. beruht auf den herodoteischen Historien. Herodot 17 liefert die älteste schriftliche Quelle zu diesem Ereignis. Die Veröffentlichung seines neun Bücher umfassenden Werkes 18 wird auf die Jahre 430 bis 425 v. Chr. datiert. 19 Das Geburtsjahr des antiken Geschichtsschreibers wird auf etwa 484 v. Chr. gelegt. 20 Somit konnte er selbst kein Augenzeuge des Kampfes gewesen sein. Seine Berichte beruhen in erster Linie auf mündlichen Überlieferungen. Allerdings begutachtete Herodot wohl persönlich intensiv den Kriegsschauplatz bei den Thermopylen. 21 Die Materialien für seine Historien soll er etwa zwischen den Jahren 450 bis 430 v. Chr. gesammelt haben. 22
Im Frühjahr 480 v. Chr. brach der persische Großkönig Xerxes mit einem gigantischen Heer auf, um nach Hellas vorzudringen. 23 Der scheinbar einzige Weg dorthin, war ein Engpass bei Thermopylai. Dieser war westlich von einem steil abfallenden Gebirge, östlich von Meer umgeben. (Hdt. 7,176) In der Engstelle postierten sich die Spartiaten mit ihrem Kontingent, um die persische Expansion zu stoppen. Ganz im Gegensatz zu Xerxes, standen dem Oberbefehlshaber und König Spartas, Leonidas, nur einige tausend Soldaten zur Verfügung. Darunter sollen 300 Spartiaten, 700 Thespier und 400 Thebaner sowie 2800 peloponnesische Bündner gewesen sein. (Hdt. 7,201-203) Als die Perser auf die Spartiaten trafen, soll Xerxes vier Tage mit dem Angriff gewartet haben, in der Hoffnung, Leonidas und seine Verbündeten würden fliehen. Als diese jedoch weiterhin die Engstelle blockierten, ließ der Großkönig angreifen. (Hdt. 7,210)
17 Der aus Halikarnassos (heute Bodrum) stammende Herodot war besonders seit der Epoche des
Hellenismus als Historiograph angesehen und bekannt. Cicero bezeichnete ihn als Vater der
Geschichtsschreibung. Aufgrund einiger Konflikte verließ Herodot seine Heimat und bereiste
einige Gegenden, darunter auch Athen. Dort machte er mit dem Dichter Sophokles Bekanntschaft,
der seine Arbeit inspiriert haben soll. Herodots Tod wird um 425 v. Chr. vermutet. Sein Grab
befindet sich im unteritalienischen Thurioi. Vgl. Albert Schlögl: Herodot, Reinbek bei Hamburg
1998, S. 7-12.
18 Das Gesamtwerk, welches Herodot selbst als „Darlegung der ‚Historie’“ betitelte, behandelt
einen Zeitraum von etwa zweihundert Jahren. Es beginnt mit der Herrschaft Kroisos und endet mit
der Schlacht bei Plataiai 479 n. Chr. Vgl. Bichler / Rollinger, S. 18-26.
19 Vgl. Bichler / Rollinger, S. 111; Albertz, S. 28.
20 Vgl. Bichler / Rollinger, S. 111.
21 Vgl. Hdt. 7,198.
22 Vgl. Albertz, S. 52.
23 Vgl. Stefan Rebenich: Leonidas und die Thermopylen. Zum Sparta-Bild in der deutschen
Altertumswissenschaft, in: Andreas Luther/ Mischa Meier/ Lukas Thommen (Hrsg.): Das Frühe
Sparta, Stuttgart 2006, S. 193; Albert, S, 31f.
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B.A. Lutz Feike, 2008, Eine Schlacht und ihr Nachleben - Die Schlacht bei den Thermopylen in der Epoche des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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