Essstörungen werden auch heute noch als typisch weibliche Suchtkrankheit
missverstanden. Sowohl die Medien als auch die Wissenschaft und Gesellschaft
schenken der Betrachtung des gestörten Essverhaltens betroffener Frauen viel
Aufmerksamkeit. Dabei beinhaltete bereits der erste in der Menschheitsgeschichte
sorgfältig dokumentierte Fallbericht von Anorexia Nervosa auch die Beobachtung
eines männlichen 16-jährigeren Patienten (Morton, 1694, zitiert nach Mickalide,
1990).
Die frauenzentrierte Auffassung von Essstörungen wird zunehmend durch das
„Coming-Out“ der letzten Jahre verdrängt: Immer mehr an Essstörungen erkrankte
Männer überwinden die Hemmschwelle, bekennen sich zu ihrem Problem und
suchen professionelle Hilfe. Das Öffentlichwerden wird jedoch oft fälschlicherweise
als Zunahme der Zahl essgestörter Männer interpretiert.
Es wird deutlich, dass das Wissen über Essstörungen insbesondere bei Männern
begrenzt und unvollständig ist. Mit dieser Arbeit wird versucht, Kenntnisse über
Symptomatik und Ätiologie von männlichen Betroffenen zu vermitteln. Das nächste
Kapitel widmet sich der Epidemiologie, es folgen der Vergleich zwischen
männlichen und weiblichen Essgestörten und die charakteristischen Faktoren der
Essstörungen bei Männern.
[...]
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Epidemiologie
1. Essstörungen - eine „Frauenkrankheit“?
2. Warum sind kaum Männer betroffen?
2.1. V-Form als männliches Körperideal
2.2. Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und Strategien zur Körperveränderung
2.3. Essverhalten
2.4. Späteres Einsetzen der Pubertät
2.5. Psychoanalytische Perspektive: Die Geschlechtsidentität
2.6. Diagnostische Schwierigkeiten
C. Symptomatik
1. Essstörungen bei Frauen und Männern im Vergleich
1.1. Gemeinsamkeiten
1.2. Unterschiede
2. Charakteristische Merkmale der Essstörungen bei männlichen Patienten
2.1. Sexualität und Verunsicherung in der geschlechtlichen Identität
2.1.1. Einstellungen gegenüber Sexualität und Sexualverhalten
2.1.2. Geschlechtsidentitätskonflikte und Homosexualität
2.1.3. Warum sind Homosexuelle eine Risikogruppe?
2.2. Biologische Auswirkungen
2.3. Komorbidität
2.4. Persönlichkeitsstruktur
2.5. Rollenunsicherheit
2.6. Genetische und familiäre Faktoren
2.7. Einfluss der beruflichen Tätigkeit
D. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Epidemiologie, Symptomatik und spezifische Erklärungsansätze für Essstörungen bei Männern, um das wissenschaftliche Verständnis dieser oft als rein weiblich missverstandenen Thematik zu verbessern und die spezifischen Risikofaktoren männlicher Betroffener zu beleuchten.
- Die epidemiologische Datenlage und das Geschlechterverhältnis bei Essstörungen.
- Männliche Körperideale, Körperschemastörungen und der Einfluss von Fitnesskultur.
- Die Rolle von Sexualität, Geschlechtsidentität und Homosexualität als Risikofaktoren.
- Psychologische Aspekte wie Persönlichkeitsstrukturen, Komorbiditäten und Familiendynamiken.
- Die Bedeutung beruflicher Belastungen, insbesondere bei Leistungssportlern.
Auszug aus dem Buch
2.1. V-Form als männliches Körperideal
Die von Lerner et al. 1976 verwendeten Begriffe „body effectiveness“ und „body attractiveness“ verdeutlichen den Unterschied in den angestrebten Körperidealen zwischen Männern und Frauen (Tata, Fox & Cooper, 2001): „körperliche Effektivität“ beschreibt einen starken, gut gebauten, nicht untergewichtigen Körper; „körperliche Attraktivität“ wird mit Schlankheit gleichgesetzt. Nehmen Männer ihre Körper als „uneffektiv“ wahr, sinkt ihr Selbstwertgefühl; sehen sich Frauen als „unattraktiv“, hat das die gleichen psychischen Konsequenzen. Die von Tata, Fox und Cooper 2001 durchgeführte Studie bestätigte die Ergebnisse der Untersuchung von Lerner et al.: Die subjektive Wahrnehmung von Untergewicht führte bei Männern zu Unzufriedenheit mit ihrem Körper. Bei Frauen war es genau umgekehrt: Unzufriedenheit entstand, wenn man sich als übergewichtig einschätzte; die subjektive Wahrnehmung des eigenen Untergewichts hatte hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zur Folge (Tata, Fox & Cooper, 2001).
Auch Furnham und Calnan (1998) bestätigten den V-förmigen Körper als das von Männern angestrebte Ideal im Gegensatz zum Dünnsein als weibliches Ideal. Der Wunsch nach Gewichtszunahme bei Männern muss verstanden werden als der Wunsch nach Zunahme der Muskelmasse – nicht nach Gewichtszunahme per se (Furnham & Calnan, 1998).
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Diese Einleitung räumt mit dem Vorurteil auf, dass Essstörungen eine reine Frauenkrankheit seien, und unterstreicht die Notwendigkeit, das Wissen über betroffene Männer zu erweitern.
B. Epidemiologie: Das Kapitel belegt, dass Männer seltener betroffen sind, und analysiert Gründe wie abweichende Körperideale, Unterschiede im Essverhalten und diagnostische Herausforderungen.
C. Symptomatik: Hier werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Geschlechtern verglichen sowie spezifische Risikofaktoren für Männer, wie etwa Identitätskonflikte oder bestimmte Berufsfelder, detailliert erörtert.
D. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass bei essgestörten Männern oft eine komplexe Überhäufung an Ursachen vorliegt, und fordert die verstärkte Entwicklung spezifischer Präventionsprogramme.
Schlüsselwörter
Essstörungen, Männer, Anorexia Nervosa, Bulimie, Epidemiologie, Körperideal, Männlichkeit, Geschlechtsidentität, Homosexualität, Körperwahrnehmung, Komorbidität, Risikofaktoren, Muskelaufbau, Psychodynamik, Prävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der psychologischen und soziokulturellen Analyse von Essstörungen bei Männern, einer Gruppe, die in der klinischen Forschung lange Zeit unterrepräsentiert war.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Schwerpunkte sind die epidemiologische Einordnung, der Vergleich zu weiblichen Essstörungen sowie spezifische Einflüsse wie Rollenbilder, Sexualität und familiäre Prägungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, die Ätiologie und Symptomatik von Essstörungen bei Männern besser verständlich zu machen, um Fehldiagnosen zu vermeiden und gezielte Hilfsangebote zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung empirischer Vergleichsstudien, die das Essverhalten und psychische Profile von Männern und Frauen gegenüberstellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine epidemiologische Betrachtung, den Vergleich der Geschlechter bei Essstörungen sowie eine tiefgreifende Untersuchung spezifischer Merkmale wie Sexualität, Persönlichkeitsstruktur und genetischer Faktoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben den zentralen Begriffen wie Essstörungen und Epidemiologie sind Männlichkeit, Körperideal, Identitätskonflikte und Komorbidität entscheidend für das Verständnis der Arbeit.
Warum ist die Identifikation mit dem V-förmigen Körperideal für Männer so bedeutend?
Das V-Ideal repräsentiert „körperliche Effektivität“ und Stärke; eine Abweichung davon führt bei Männern häufig zu einem sinkenden Selbstwertgefühl, was das Risiko für kompensatorisches Verhalten erhöht.
Welche Rolle spielt die Homosexualität bei der Entstehung von Essstörungen?
Homosexuelle Männer bilden eine Risikogruppe, da sie häufiger unter verinnerlichter Homonegativität leiden und einem hohen Druck durch die ästhetischen Ideale der Subkultur ausgesetzt sind.
Warum ist die Diagnose einer Essstörung bei Männern oft erschwert?
Diagnostische Schwierigkeiten entstehen durch weitverbreitete Stereotype, das Fehlen männlicher Vergleichskriterien (wie die Amenorrhoe bei Frauen) sowie Scham und Verleugnung durch die Betroffenen selbst.
Was unterscheidet das Ziel der Gewichtsabnahme bei Männern von dem bei Frauen?
Während Frauen oft aus Schlankheitswünschen abnehmen, steht bei Männern häufig der Wunsch nach dem Aufbau von Muskelmasse oder eine defensive Haltung zur Krankheitsprävention im Vordergrund.
- Arbeit zitieren
- Diplom-Psychologin Ina Wesner (Autor:in), 2005, Essstörungen bei Männern. Epidemiologie, Symptomatik und Erklärungsansätze , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118896